ICE mit Tunnelblick oder Der Alibizug

Warum täglich zwei ICE der Deutschen Bahn in Leipzig eine Stadtrundfahrt machen

Leipzig-Engelsdorf, fünf vor zwei am Nachmittag. Mein ICE von Dresden hat Leipzig Hbf fast erreicht, das wird ja heute deutlich früher als im Fahrplan steht? Auch mal schön.
Doch was ist das? Der Zug wird langsamer, biegt nach links ab. Der Güterbahnhof bleibt zurück, wir durchfahren frühlingshaft bunte Stadtviertel wie Anger-Crottendorf und Stötteritz, passieren das Völkerschlachtdenkmal und das imposante MDR-Gebäude. Eine Umleitung? Dann wird es dunkel.
Die S-Bahn-Station Bayerischer Bahnhof zieht vorüber, auch die am Markt, der Zug fährt jetzt sehr langsam, einmal kommt er auch zum Stehen, ehe er dann doch Leipzig Hbf erreicht, pünktlich um 14.08 Uhr, wenn auch 50 Meter tiefer als gewohnt.
Ein Versehen? Nein, das ist jetzt immer so. Leipzig Hbf (tief), wie der Bahnsteig unter der Erde offiziell heißt, bekommt täglich zwei ICE zu Gesicht, neben jenem nach Düsseldorf, in dem ich gerade sitze, auch einen nach Dresden.

Um das zu erklären, muss man mal wieder ein wenig weiter ausholen. Der City-Tunnel Leipzig, der im letzten Dezember feierlich in Betrieb gegangen ist und seitdem das Rückgrat des mitteldeutschen S-Bahn-Netzes bildet, hat eine lange Planungsgeschichte. Anfang der neunziger Jahre, als das Vorhaben dann konkreter wurde, war noch nicht entschieden, ob die geplante Neu- und Ausbaustrecke von Nürnberg nach Halle und Leipzig über Coburg und Erfurt geführt oder einen Weg weiter östlich nehmen würde, der sich eher an den vorhandenen Strecken orientiert hätte. Im zweiten Falle wäre ein Tunnel unter Leipzig, der fast genau von Süd nach Nord verläuft, sehr praktisch gewesen, um den alten Kopfbahnhof schneller zu durchfahren. Der Freistaat Sachsen hatte dies natürlich erkannt und dieses Argument neben den unbestreitbaren Vorteilen für den Nahverkehr taktisch geschickt in die Waagschale geworfen, als es an die Finanzierungsverhandlungen ging. Seitdem heißt der Tunnel eben „City-“ und nicht „S-Bahn-“, und der Bund stimmte zu, einen Teil der Kosten aus dem Topf für Fernverkehrsprojekte zu bezahlen.

Inzwischen ist die Lage eine andere: Die NBS Erfurt – Halle / Leipzig wird im nächsten Jahr in Betrieb gehen, die ABS/NBS Nürnberg – Erfurt folgt zwei Jahre später. Der Fernverkehr der DB zwischen Bayern und Berlin, der heute über den Frankenwald und durch das Saaletal fährt, hat künftig ein Drehkreuz in Erfurt, von einer Führung der Züge über Hof, Zwickau und Altenburg ist keine Rede mehr.
Was aber blieb, ist die Finanzierungsvereinbarung zum City-Tunnel Leipzig. Dort ist Fernverkehr erwähnt, und zumindest eine der Stationen, nämlich der Hbf, wurde ja auch mit entsprechend langen Bahnsteigen ausgestattet. Nur, welcher „weiße Zug“ sollte diese jetzt benutzen?

Man muss diese Finanzierungslogik nicht im Detail verstehen. Letztlich ist es alles Steuergeld, egal, ob es aus EU-Mitteln, vom Bund oder vom Freistaat Sachsen oder von der Stadt Leipzig kommt. Selbst die Gelder der DB AG, die auch zahlreich in das Projekt flossen, sind schlussendlich „Volksvermögen“, wie es früher einmal hieß, da die Deutsche Bahn ja weiterhin in Gänze dem Bund gehört. Welcher der Projektpartner wieviel und warum bei City-Tunnel bezahlt hat, gäbe eine eigene Geschichte her, für diese Erzählung reicht es zu wissen, dass mit dem nichtvorhandenen Fernverkehr im City-Tunnel ein veritables Problem bis hin nach Brüssel entstanden wäre.

Doch es fährt ja ein schneller Zug, sogar deren zwei, werden Bahn, Bund und Freistaat jetzt lächeln. Unstreitig tun sie das, der ICE 1745 um 11.50 Uhr nach Dresden und der ICE 1746 um 14.10 Uhr nach Düsseldorf, sogar der IC 1959 um 17.50 Uhr nach Dresden gibt sich noch die Ehre, es sind also strenggenommen sogar drei! Und am Wochenende gar noch einer obendrauf!
Und so kann auch die strengste Prüferin vom Rechnungshof nichts machen: Der Tunnel ist (auch) für den Fernverkehr gebaut, und es findet (auch) Fernverkehr statt. Alles in bester Ordnung, die sachgerechte Verwendung der Mittel kann testiert werden. Stempel drauf, zu den Akten.

Verkehrlich hat das große Kino, was die DB für Bund und Freistaat hier veranstaltet, jedoch keinen Sinn, es verwirrt eher die Reisenden. Man erwartet den ICE halt „oben“, und die zehn Minuten Fahrzeitverlängerung sind auch nicht wirklich schön.
Aber immerhin muss man zugeben, dass die Bahn das kleinste aller Übel wählte: Es wurde keinem Taktverkehr Gewalt angetan, sondern jenes ICE-Paar für den Alibiverkehr gewählt, das ohnehin „in freier Lage“ verkehrt. Dieses hat seine historischen Wurzeln übrigens in der früheren (InterRegio-) Mitte-Deutschland-Verbindung, die nach der Wende das Ruhrgebiet – damals noch über Gera und Chemnitz – mit Ostsachsen verknüpfte und heute rudimentär mit einigen ICE-Läufen weiterexistiert.
Der Wert umsteigefreier Verbindungen wird inzwischen auch bei der DB wieder anerkannt, zumal die Zielgruppe, also Menschen, die bequem reisen wollen, nicht ganz so zeitsensibel ist. Dies beschert jenen Direktverbindungen dann doch eine gewisse Renaissance und Bestandssicherheit.

Trotzdem ist der Schlenker durch die Leipziger Diaspora ein Ärgernis, nicht nur für die Reisenden. Es kostet schlicht auch mehr, länger und weiter zu fahren als es notwendig ist. Die Energie- und Personalkosten sind höher (auf einem Zug sind mindestens vier Leute am Arbeiten, drei Züge sorgen somit für geschätzt 300 Euro mehr am Tag), was sich im Jahr einschließlich Strom dann sicher schon auf gut 50.000 Euro hochrechnet. Ganz umsonst ist der Spaß also auch für die Bahn nicht.

Dass die DB es dennoch tut, hängt mit den vielfältigen und komplexen Verknüpfungen mit der politischen Landschaft zusammen, die diesem großen Konzern zu Eigen sind. Man muss das nicht grundsätzlich verdammen, als Bürger erwarte ich auch, dass die Politik Einfluss nimmt auf einen Bereich, der täglich die Mobilität von Millionen Menschen sichert, auch außerhalb der direkten Vertragsbeziehungen wie im Nahverkehr. Eine gewisse Transparenz sollte man dabei aber schon erwarten dürfen.

Der ICE im Leipziger S-Bahn-Tunnel hat also Gründe, ob gute, muss jede*r anhand der Fakten für sich entscheiden.
Die Eisenbahn, wie jeder weiß, besteht aus Wagen, Lok und Gleis, nur manchmal ist es eben doch ein wenig komplizierter.

Schöne, nicht ganz neue Welt

Die Saisonvorschau 2014/15 des Staatsschauspiels Dresden

Es ist Gründonnerstag, ein Journalistenfeiertag, wie man jetzt auch im Staatsschauspiel Dresden weiß und deshalb die Pressekonferenz zur kommenden Saison um einen Tag vorzog. Die Vorstellung vor den interessierten Publikumskreisen (zwei Vereine und einige Abweichler) konnte aber am geplanten Tag verbleiben, die meisten im mit 200 Gästen gut gefüllten Foyer sind ohnehin im Rentenalter.

Ich beschließe, den rar gewordenen Moment, zum jüngsten Viertel der Besucher zu gehören, ausgiebig auszukosten und lasse mir die Laune auch nicht durch die witzelnde Einleitung des Vereinsmeiers Eins verderben. Dessen Zumutungen lässt Intendant Wilfried Schulz locker abtropfen und hat gleich ein ärztliches Bulletin zu verkünden: Ja, Lea Ruckpaul habe sich den Fuß gebrochen, aber bei den jungen Leuten wachse sowas schnell wieder zusammen. Sie würde heute trotzdem die Titelrolle in Antigone spielen, im Sitzen, und ihre Wege würde jemand anderes gehen, was grad noch auf der Bühne geprobt würde, weswegen man mit der Spielplanvorstellung ins Foyer ausgewichen sei.
Das klingt verdammt interessant, wie schlümmstes Berliner Regietheater, auch wenn ich das Stück überhaupt nicht und die aktuelle Inszenierung auch nicht besonders mag. Ich bleib dann aber doch nicht zur Vorstellung, die Welt (oder zumindest ein Milliardstel davon) wartet auf meinen Bericht. Also:

Die „geistige Stütze“ des 61-jährigen Schulz (um den Vereinsmeier Eins zur Strafe zu zitieren), Chefdramaturg Robert Koall, weilt im fernen Amerika, um auch dort Gutes zu tun, zumindest an einigen Studierenden. Wie man ihn kennt, wird er eine Uraufführung mitbringen.
Wilfried Schulz muss heute also alleine die durchaus wohlwollende Halbfachwelt (Fachhalbwelt?) bespielen, aber dies gelingt prächtig. Die gute Stunde vergeht wie im Fluge, nur am Anfang sind es ein paar Fußballmetaphern zu viel, das hat er gar nicht nötig, zumal er gelegentlich einen Zwischenruf bekommt, den er als Steilpass aufnimmt und dem Rufer postwendend ins eigene Netz knallt. (Jaja, ich kann das auch mit den Metaphern.)

Genug geblödelt.
Es wird eine schöne Welt werden im Dresdner Theater, wenn auch keine völlig neue. Doch man startet mit einer Uraufführung, besagter „Schönen neuen Welt“ nach Aldous Huxley, die – siehe oben – Robert Koall eingesammelt und für die Bühne aufbereitet hat. Und dann führt auch noch der seit dem Dresdner „Don Carlos“ zur allerersten Reihe gehörende Roger Vontobel Regie, der diesen beängstigend-großartigen Stoff sicher in faszinierender Weise umsetzen wird. Da freu ich mich schon sehr drauf, und wenn es für den 12. September schon Karten gegeben hätte, würde eine jetzt mir gehören.
Also mal kein Klassiker zur Eröffnung, aber vielleicht wird es ja einer.

Dafür folgt dann ein richtiger: Tschechow. Das brachte Herrn Schulz zum Sinnieren, wo denn die Sehnsuchtsorte heute so wären, da ja „nach Moskau …“ nur mehr bedingt gelten würde. Die Frage blieb offen. (Ich hätte Hiddensee und das Schützenhaus in Wehlen zu bieten, aber das ist jetzt vielleicht zu banal.)
Regie wird Tilman Köhler führen, was unbedingt eine gute Idee ist, wie laut Schulz auch das Ensemble findet. Drei Dutzend Bewerber*innen hätte er auf elf Rollen … Dass er bei dieser Gelegenheit auch noch so cool ist, über sein sicher nicht unbeträchtliches Gehalt zu witzeln (und einen Teil davon als Schmerzensgeld zu definieren), zeigt eine Souveränität, die in den fünf Jahren seines Vertrags stetig gewachsen ist.

Wilfried Schulz hat inzwischen in Dresden verlängert, was ebenfalls eine gute Idee ist, und beginnt nun seine sechste Spielzeit. In dieser wird es – auch wenn „Klaus im Schrank“ noch wie geschnitten Brot geht – ein neues Kinder- und Familienstück geben, „Das Gespenst von Canterville“ nach Oscar Wilde. Auch wenn die Geschichte eigentlich jeder kennt, wird interessant sein, wie Susanne Lietzow dies auf die Bühne bringt. Dass Herr Schulz wortreich erklärte, warum nun Frau Lietzow schon wieder „sowas“ machen würde, sagt leider einiges über das Ansehen dieser Gattung in Fachkreisen aus, was einerseits schade ist, mir aber andererseits auch wurscht, denn selbst wenn es die großartigen „Ratten“ nicht gegeben hätte, würde ich ihre Arbeit dennoch schätzen.

Der Faust kommt immer wieder, das kann ich bestätigen. Nach der werktreuen Fassung von Holk Freytag vor einigen Jahren (mit einem phänomenalen Gespann Glodde/Mesgarha, ich erinnere mich gut und gern) kommt nun der hierzulande noch nicht tätig gewesene Intendant aus Uppsala, Linus Tunström, der auch als Choreograph arbeitet, und kündigt eine freie Interpretation an. Es soll irgendwie retrospektiv werden und die Best-Ager im Ensemble dürfen sich schon mal warmlaufen. Auch das klingt spannend.
Die darstellende Jugend ist dann bei „Wie es euch gefällt“ gefragt, das Jan Gehler, Hausregisseur Nr. 2, erstmals auf der großen Bühne inszeniert. Dies sei nicht mit „Was ihr wollt“ zu verwechseln, tat Schulz kund, und bescheinigte einem „Hoffentlich!“ Rufenden dann eleganter, als ich das hier widergeben kann, mangelnde geistige Reichweite. Doch auch den hier nicht mehr ganz so gut gelittenen Andreas Kriegenburg ereilte bei dieser Gelegenheit ein Schulzscher Ordnungsruf: 30 Minuten zu lang sei es geraten.
(Schulz ist da übrigens ganz meiner Meinung, den fast einhelligen Verriss der diesjährigen Inszenierung teile auch ich mitnichten.)

Egal. Kriegenburg (oder besser Dresden?) bekommt eine neue Chance, „Bernarda Albas Haus“ von Lorca wird im April 2015 premierieren und fast das gesamte weibliche Ensemble auf der Bühne versammeln, was allein schon Grund genug wäre hinzugehen. Davor gibt es noch einen unbekannten Schiller („Die Verschwörung des Fiesko zu Genua“) des hier auch noch nicht so populären Regisseurs Jan Philipp Gloger und Kafkas „Amerika“, das Wolfgang Engel, auf andere Art ein Hausregisseur, inszenieren wird, mit Olaf Altmann als Bühnenbildner.

Irgendwie (vermutlich beim Stichwort Gloger) kam dann die Sprache auf die Semperoper und die „dort noch verbliebenen Kollegen“, die sich der guten Wünsche aus dem neuschwesterlichen Hause sicher sein könnten. Respekt, noch nie hat sich ein offizieller Vertreter der Kultur im Freistaat so deutlich erbost über den Rauswurf von Serge Dorny geäußert wie Wilfried Schulz heute. Aus anderen Landeshauptstädten, z.B. in Bindestrich-Ländern, hört man derzeit eher Ergebenheitsadressen an die Ministerien.
Gut, er hat frisch verlängert, einen weiteren Rauswurf eines Intendanten wegen Majestätsbeleidigung würde Frau von Minister politisch weder durchbekommen noch überstehen, dennoch: Diese klare Positionierung ist dankenswert, zumal sie einen Bogen schlug nach Wien und nach Düsseldorf, wo auch grad große Tanker schlingern.

Zurück zu einer anderen Art von Theater: Im Großen Haus sind noch die „Lehman Brothers“ zu erwähnen, die die Geschichte des Kapitalismus über 150 Jahre erzählen werden, kleiner haben wir es hier nicht. Das Stück stammt vom Italiener Stefano Massini und kommt als deutschsprachige Erstaufführung. Regie führt der Kölner Intendant Stefan Bachmann, der damit auch die große Umbaupause in Köln überbrückt. Und Friederike Heller wird „Dantons Tod“ von Büchner inszenieren, die Premiere ist im Mai 2015 geplant.

Das Kleine Haus und die Bürgerbühne kommen dann zeitbedingt recht kurz weg. Mit Philipp Löhle gibt es einen neuen Gegenwartsautor, den Barbara Bürk inszenieren wird. Der letzte Roman von Monika Maron, „Zwischenspiel“, wird vom Jung-Regisseur Malte Schiller verarbeitet, die Hauptrolle übernimmt Hannelore Koch, eine schöne Konstellation.
Ein Stück zum NSU wird es geben, von Thomas Freyer in der Regie von Tilman Köhler, fragend angelegt, wie Schulz erklärte. Und Roger Vontobel wird mit der „Panne“ von Dürrenmatt seine zweite Dresdner Produktion in dieser Saison machen und seine allererste eines Schweizer Autors auch. Arthur Miller steht mit „Alle meine Söhne“ auf dem Programm (Regie Sandra Strunz), und Martin Heckmanns wird sich mit den Qualen der Eltern bei den ersten sexuellen Erfahrungen der Kinder befassen, ein Stück ganz nach dem Geschmack des Intendanten, wie er bekundete.
Und dann kommt noch ein Musikstück von und mit Clemens Sienknecht, „Superhirn oder wie ich die Photonenklarinette erfand“. Wilfried Schulz ist sicher nicht rachsüchtig, merkt sich aber alles, und so wurde der arme Zwischenrufer von vorhin mit „nichts Ernsthaftes, also nichts für Sie!“ angesprochen. Er wird das sicher nie wieder tun.

Ach ja, und dann steht noch was Geheimes ins Kleine Haus, mit „Ein neuer Text“ umschrieben. Immerhin der Regisseur ist mit Jan Gehler schon fixiert, was dann auf die Bühne kommt, soll erst zur Frankfurter Buchmesse verraten werden. So macht man das heute.
Die beiden hiesigen Lokalzeitungen stiegen dennoch in ihrer Berichterstattung nicht darauf ein, bei der einen ist man ohnehin nicht verwöhnt, und die andere setzte den Schwerpunkt auf die Aussagen zum „Fall Dorny“. Hier kann man sich also noch investigativ betätigen, so man dies möchte oder muss.

Die Bürgerbühne ist inzwischen Normalität, was schön ist, ihr aber in solchen Veranstaltungen auch keine Extrawurst mehr beschert. Fünf neue Inszenierungen sind zu erwarten, auf jene zur jüdischen Identität in Dresden, inspiriert durch die „letzten Zeugen“ des Burgtheaters, die zum Bürgerbühnenfestival im Mai hier gastieren werden, sei besonders verwiesen. Und auf das nunmehr dritte Landschaftstheater, wieder von Uli Jäckle.

Es ist – Phrasendrescher an – ein „reicher Spielplan“, mit einer klareren inhaltlichen Trennung zwischen Großem und Kleinem Haus, wie mir scheint. Die Saison trägt kein eigenes Motto, aber dem – nicht nur wegen der ungewöhnlichen Schauspielerportraits – gelungenen Spielzeitheft ist ein Zitat von Wolfgang Herrndorf vorweggestellt:
„Wir waren unterwegs, und wir würden immer unterwegs sein, und wir sangen vor Begeisterung mit“
Ja, meinereiner kommt mit, und selbst das Mitsingen kann ich mir vorstellen, wenn das alles so eintritt.

Die Veranstaltung beschließt Vereinsmeier Zwei, kalauernd wie Nr. Eins, aber immerhin hat er Blumen dabei. Und dann ist Ostern.

Dadaismus befreit

Rainald Grebe und das Orchester der Versöhnung, „Berliner Republik“, im Schlachthof Dresden, 15. April 2014

 Es ist unverschämt, pünktlich anzufangen. Aber so isser.

Ein rammelvoller Saal, ich quetsche mich mühsam hinein. Es wird bereits die Berliner Republik besungen, obwohl es grad mal viertel Neun ist. Ein beachtliches Orchester ist zu bestaunen, u.a. vier Bläserinnen, aber die Männer sind dennoch in der Überzahl. Auf der Bühne gibt es eine Raucherecke für das Publikum, das ist ein guter Ansatz. Nach und nach trauen sich die jungen Menschen auch hoch, aber ab einem gewissen Alter weiß man, dass man nicht alles machen muss, nur weil es erlaubt ist.

 Herr Grebe hat einen guten Anzug an und ist – wenn er nicht grad im Sitzen singt – sehr beweglich. Das ist sehenswert, doch noch mehr lohnt es sich hinzuhören, kleine, feine Gemeinheiten aus der Welt von heute. Er ist ein begnadeter Multitasker, kann nachdenken und dabei spazierengehen, Porno gucken und onanieren, gleichzeitig bekifft und besoffen sein. Ein Talent halt.

 Ein böses Lied über das Stadttheater, bestehend nur aus Zitaten maßgebender Protagonisten, ich glaube Kriegenburg zu erkennen. Ich mach Aaarrrttt! Fein beobachtet, und das 2026 die Rechte am Brecht frei werden, ist durchaus eine nützliche Information. Man kann es aber auch als Drohung begreifen.

Grebe vertritt die These, dass 60 Jahre Frieden vielleicht dann doch zu viel sind, und belegt das mit Aufnahmen aus seltsamen Farbbeutelschlachten. Da kann man erstmal nicht viel gegenhalten.

Und dann wird auch noch Buddy Casino an den Tasten geehrt. Weil heute sein Geburtstag ist … Doch beruflich ging es ihm schon besser, was der Lichtbildervortrag auf der Bühnenrückwand beweist. Frau Klum tröstet aus dem Off ein gescheitertes Topfmodell oder versucht es zumindest, dabei muss der Bassist auf das Laufband.

 Rainald Grebe wechselt öfter Ton- und Musiklage, gutes Musikkabarett, ob er nun als Berater antritt („mit Gänsen kann man nicht über Weihnachten reden“) oder Liechtenstein porträtiert, wo einem die Sonne in den Arsch scheint.

Mutti sagt immer, wie gut es uns geht, Vettel fährt weiter im Kreis und man selbst schaukelt die Eier auf der Dachterrasse. Aus Rainalds Leben halt. Das Bullshit-bingo des deutschen Mittelstands.

Dann gibt es tatsächlich eine Pause. Sowas von Retro! In jener kann man einen schönen Powerpointvortrag zur Schulung neuer Mitarbeiter sehen und wird mit Liveaufnahmen aus dem Backstage erfreut. Herrn Grebe geht es offensichtlich gut dahinten, seinen Angestellten nicht ganz so.

 Nach der Pause sind die Blase-Mädels als Amy gestylt, es wird generell soulig, das funktioniert nur leider nicht ganz. Grebe baut grad ein Haus und spielt heute für die edle Duschkabine, erfährt man. Allein mit Soulmusik würde es aber nur Baumarkt, fürchte ich.

 Nette Details wie ein Bürostuhl vor dem Klavier darf man witzig finden, die Kapelle wird auf den Positionen durchrotiert, soviel Flexibilität muss heute schon sein, sonst wird das nix mit den Achtfuffzich pro Stunde.

Es ist nur eine Franchise-Show, gibt der Grebe-Darsteller dann zu, heute grad parallel in Braunschweig, Zürich und Bad Salzdetfurt oder in der Nähe. Vermutlich sitzt das Original grad auf der Dachterrasse im Berliner Szenebezirk und bewegt rhythmisch die oben erwähnten Körperkleinteile. Ihm selbst wären die nun spürbaren Längen im Programm sicher nicht passiert, aber immerhin schafft es auch das Double, die teuren Sitzreihen hinten auf Anhieb zum Aufstehen zu bringen, wenn verschiedene Halali erklingen.

 Lanz wird zitiert und dann einfach so stehengelassen. Das Ende des weißen Mannes ist zu besingen, aber es ist gar keins, denn wenn auch der Präsident schwarz ist, das Betriebssystem bleibt weiß.

Bisschen Vorfreude auf Weihnachten, ein Lichtlein brennt und Buddy häkelt am Keyboard. Eine Hymne für das Handwerk, die Texte sind jetzt durchweg eine Klasse besser als die Musik, das ist aber auch nicht schwer. Die Einführung von Halloween in Deutschland wird länglich erklärt, dann „Loch im Himmel“, in seiner schönen und vordergründigen Ernsthaftigkeit ein Solitär im Programm.

 Dass Rainald Grebe sieben Jahre nach seinem Auftritt beim Tanz- und Folkfest Rudolstadt jetzt dessen „Ruth“ bekommt, spricht zum einen dafür, dass Thüringer sehr gründlich überlegen, führt dann aber zu einem Volksliedermedley der anderen Art, denn alles was zu dumm ist, gesprochen zu werden, kann man immerhin noch singen. Heimat ist … wenn es überall gleich schmeckt, Starbucks und McIrgendwas sei Dank.

 „Wie macht der schwule Schlagzeuger?“ Grebe darf auch das. Der Bassist singt Keep on rockin‘ zur Gesellschaftskritik, das hat was, die tanzende Boygroup dann eher weniger. Die Musiker*innen werden mit ihrer Herkunft vorgestellt, dabei haben wir zuvor erfahren, dass die kein Verdienst sei. Der Saal macht noch ein paar schlechte Handyfotos, dann ist erstmal Schluss.

 Der erste Zugabeblock scheint verzichtbar, das Lied über Sachsen (tja, wenn man einmal mit den Landeshymnen angefangen hat …) ist erstaunlich harmlos. „Ä Tännschen plies“, naja.

Do so endet man zum Glück nicht, Grebe reißt es mit Dadaismus wieder raus, das geht nochmal richtig ab, das ist das, was er machen sollte! (Tut er ja auch, in Berlin, auf der Bühne)

Dadaismus befreit, generell und mich an diesem Abend von den Zweifeln am Künstler.

Ein schönes Hörbuch wird noch vorgestellt, die schönsten Ballwechsel von Monica Seles, und dann gibt es – zweifellos der Höhepunkt – „Brandenburg“ auf sorbisch.

Elektronische Grillen zirpen die Stimmung herbei, die man für eine Hymne auf die Eintagsfliege braucht, der DJ bekommt einen verdienten Zungenkuss, dann ist wirklich Schluss.

 Drei Stunden Orchesterarbeit, für die Versöhnung. Alles in allem hat das geklappt.

Ganz die Mama.

„Medeas Töchter“, Aufführung des Clubs der stolzen Bürgerinnen an der Bürgerbühne des Staatsschauspiels Dresden, gesehen am 10. April 2014

 Ich muss des besseren Verständnisses halber ein wenig ausholen.

In Dresden wurde so einiges erfunden, der Kaffeefilter z. B. – man kann aber auch aufbrühen – oder das Mundwasser, wobei Zähneputzen wohl immer noch wirksamer ist. Und auch wenn diese Dinge hier vielleicht nicht direkt erfunden wurden, so bekamen sie doch in Dresden ihre Marktreife, ab da wurde Geld damit verdient.

 Ähnlich verhält es sich mit der Bürgerbühne. Natürlich gab es das schon, äh, immer, würde ich sagen, dass Laien auf der Bühne standen, eigentlich ja bereits, bevor „Schauspieler“ ein Beruf wurde. Doch das System, eine Laienschar auf der Bühne mit einem ganz normalen Theaterapparat aus Profis zusammenzubringen, wurde in den letzten Jahren unstreitig in Dresden perfektioniert und institutionalisiert. Damit wird nun auch Geld verdient, aber noch mehr wird Ruhm eingesammelt, und da der Beifall das Brot des Künstlers ist (der bestimmt auch weiß, wie man da Butter und Kaviar drauf schmiert), kann man das vor fünf Jahren begonnene Wagnis als gelungen bezeichnen, so sehr gelungen, dass die Fachwelt sich inzwischen hier die Klinke in die Hand gibt und uns im Mai das Erste Europäische Bürgerfestival ins Haus steht, natürlich in Dresden, an der Wiege der Bewegung.

 Diese Bürgerbühne zerfällt (im übertragenen Sinne, Leute!) in zwei Teile:

Da sind zum einen die „richtig“ inszenierten Aufführungen, die sich dann wiederum aus an stark an den Biographien der Darsteller orientierten Stückentwicklungen zusammensetzen und zum anderen aus den Klassikern der Theaterliteratur, die dann mit einem sehr speziellen Blick auf die Bühne gebracht werden. Beide sind Bestandteil des normalen Spielplans des Staatsschauspiels und überdauern im besten Falle schon mal eine Sommerpause. Dass sie oftmals sehr erfolgreich sind, liegt beileibe nicht nur daran, dass das Publikum gern auch mal seine Verwandten, Freunde und Bekannten auf einer richtigen Bühne erleben möchte, sondern an den anrührenden Geschichten aus dem ganz normalen Leben. „Experten des Alltags“ sind die Darsteller laut Eigenwerbung der Bürgerbühne, und dem ist nicht zu widersprechen.

Und dann gibt es noch die Clubs, etwa ein Dutzend in jeder Saison, die jenen offen stehen, die sich nur mal ausprobieren wollen am Theater. Diese tragen so klangvolle Namen wie „Club der liebenden Bürger“ oder auch „Club der anders begabten Bürger“. Gekrönt wird deren Arbeit mit einer (ein- oder auch zweimaligen) Aufführung.

Wem diese weitschweifige Erläuterung dann immer noch nicht ausreicht, möge sich hier umschauen: http://www.staatsschauspiel-dresden.de/buergerbuehne/

 Und heute war nun der „Club der stolzen Bürgerinnen“ dran.

Sechzehn Frauen zwischen 14 und 40 Jahren beschäftigten sich unter der Leitung der Theaterpädagogin Christiane Lehmann mit dem Thema „Stolz“ und landeten bei Medea, der tragischen, zauberkundigen Gestalt aus dem antiken Kolchis, die ihre Heimat aufgab, um ihren Traummann, den griechischen Helden Jason, bei seinen Abenteuern zu unterstützen (Zitat Programmflyer). Doch Medea bot nur den roten Faden, den sie sich vermutlich bei Ariadne lieh, um die eigenen Lebenserfahrungen der Spezialistinnen im Frausein und Frauwerden (nochmal zitiert) bühnengerecht aufzubereiten.

 Vorweg: Es ist gelungen. Ein schöner, anregender, oft auch anrührender Abend, getragen von der Kraft und der Spielfreude der Akteurinnen.

Jene treten im vom Tanztheater gewohnten schwarzen Dress auf, drapiert mit Tüchern in den vier Grundfarben, die sie effektvoll einzusetzen wissen (Bühne und Kostüm: SUTTER/SCHRAMM). Wird anfangs noch – zum Frustabbau? – imaginär aufs Publikum eingeschlagen, werden dann die Leitsätze rezitiert, die die einschlägige Fachliteratur von Emma bis Brigitte bereithält. „Rasier Dich!“ ist mir besonders in Erinnerung geblieben.

 Die Widersprüchlichkeit der Frau von heute und an sich wird dargestellt, wir begegnen verschlossenen Labertaschen und well organized Chaotinnen. Es ist ein „Theater unserer lieben Frauen“, doch eh man dieser Kirche beitreten kann, werden andere Seiten aufgezogen, das Damenprogramm ist nicht mehr smoothy. So viele Todeswege kennt Medea für den Ungetreuen, dass Mann froh ist, nur einmal sterben zu können. „Schwanz ab“ ist natürlich auch dabei, unter den Gewalt- und Machtphantasien ist „auf den Bauch kacken“ da eher harmlos, aber trotzdem nicht schön. Frauen sind auch nur Menschen, wenn auch ganz besondere, lernt man, man ahnte es ja schon.

 Dass die musikalischen Beiträge mir nicht ganz so gelungen erschienen, lag sicher daran, dass die eingespielte Musik (Stefan Menzel) doch sehr nach Dorfdisko klang, das reißt auch eine kollektive Milva nicht raus. Absicht? Keine Ahnung. Dafür wird der zahlreich vorkommende Chortext meist sehr präzise vorgetragen, man spürt die Arbeit, die dahintersteckt, und die tänzerische Leistung – nicht nur mit den farbigen Schleiern – ist beachtenswert.

 Der schlechte Mann solle ein äußerlich sichtbares Merkmal tragen, wird gefordert. Aber Mädels, das hat er doch schon …

Die zu Recht angesprochene ewige Toilettenfrage bleibt weiter ungelöst, denn auch wenn alle anderen Weltprobleme geregelt sein werden, dürfte die Schlange vor der Mädchentoilette immer noch beträchtlich sein, und nur die Taffesten der Damen nutzen den männlichen Rückzugsraum, wobei die Jungs dann dort leicht pikiert zur Seite gucken. So war es, so wird es wohl immer sein.

 Aber ich schweife ab. Am Schluss des Stücks werden Fragen formuliert, an das Leben, doch die Antworten muss dann doch jede für sich selbst finden (jeder übrigens auch, wenngleich sich jene beim antagonistischen Geschlecht etwas anders stellen). Eine kurzweilige Stunde geht zu Ende, das dankbare Publikum jubelt und spendet reichlich Applaus.

Man hört, die Aufführung wird zum Saisonende im Juli noch einmal stattfinden. Ich rate zum Ansehen.

Die Stadtbahn kommt: Löbtau – Plauen – Strehlen

Eine Veranstaltung des Stadtplanungsamtes Dresden und der Dresdner Verkehrsbetriebe AG am 7. April 14 im Potthoff-Bau der TU

 

Im Rahmen der von ca. 100 Menschen (offenbar meist Fachpublikum im Audi Max der ehemaligen HfV) besuchten Veranstaltung wurde das Projekt Löbtau – Plauen/Südvorstadt – Strehlen des Stadtbahnprogramms 2020 vorgestellt. Moderiert wurde von Amtsleiter Stefan Szuggat, vorgetragen haben Jan Bleis und Andreas Neukirch von der DVB.

 Die Grundlagen:

Aktuell geht die Stadt von einer Einwohnerzahl im Jahr 2025 von 550.000 aus, die größten Zunahmen werden dabei bei den Schülern (um 40.000) und bei den Älteren über 65 Jahre (um 20.000) erwartet.

Für die von der Planung betroffenen Stadtteile werden durchweg Zuwächse an Einwohnern prognostiziert: Cotta + 11%, Löbtau + 15%, Plauen/Südvorstadt + 7%. Zu berücksichtigen dabei ist auch das neue Gymnasium Südvorstadt (1.300 Schüler) und die Verlegung der 46. Mittelschule (450 Schüler) hierher.

Wesentlicher Faktor für die Verkehrsplanung in diesem Bereich ist zudem die TU Dresden mit aktuell 35.000 Studenten und 6.000 Beschäftigten.

Durch die sehr enge Fixierung der Schüler auf wenige Spitzenstunden und das stark schwankende Verkehrsaufkommen der Studenten ist die Dimensionierung des verkehrlichen Angebots in diesem Korridor nicht ganz einfach und möglichst flexibel zu gestalten. Infrastrukturell benötigt man aber in jedem Falle eine Auslegung an den Spitzenwerten des öffentlichen Verkehrs.

 Der Bus (Linie 61) hat trotz des zeitweisen 3-min-Taktes seine Systemgrenze erreicht bzw. (spürbar zum Beispiel zu Vorlesungsbeginn im Wintersemester) überschritten. Eine Stadtbahn wird durch die LHD und die DVB als einzig sinnvolle Lösung der Malaise gesehen.

 Nach den aktuellen Berechnungen mit den gängigen Modellen spart die Einführung der Stadtbahn auf dieser Relation durch die Verlagerungseffekte vom MIV (3.800 Fahrgäste mehr am Tag netzweit) vier Millionen Pkw-km pro Jahr, was 1.900 Tonnen CO2 entspricht. Die DVB würde dabei auch noch deutlich wirtschaftlicher produzieren, da sie zehn Busse und (durch eine Neuordnung der Linien) sogar drei Straßenbahnen einspart.

 Finanziert wird das Projekt durch eine Bundesförderung, das „Stadtbahnprogramm“, das teilweise das alte GVFG (GemeindeVerkehrsFinanzierungsGesetz) abgelöst hat. Dessen Förderperiode läuft allerdings nur bis 2019, bis dahin müssen die Projekte (in Dresden noch die Umverlegung der Strab zum S-Bahn-Haltepunkt Strehlen und der Wiederaufbau Bühlau – Weißig) abgeschlossen sein.

Zumindest ist das aus heutiger Sicht so, aber da es sich nicht um ein Naturgesetz handelt, wird es sehr darauf ankommen, wie 2018 die politische Situation in Berlin sein wird. Ich hab aber noch nie davon gehört, dass ein begonnenes Projekt dann nicht zu Ende finanziert worden wäre, wenn es die politisch gesetzten Termine gerissen hat.

 Die – sinnvolle – Verlängerung des Straßenbahn-Neubaus im weiteren Verlauf der Linie 61 bis zumindest Gruna wird von der DVB bis 2025 angestrebt, hier ist jedoch noch kein Beschluss der Stadt ergangen, geschweige denn ein Topf mit Geld gefunden.

 Interessant dabei auch: Ein gemeinsam von Strab und Kfz genutzter Bahnkörper würde (im Allgemeinen) nicht vom Bund gefördert werden, da müssten das Land oder die Stadt einspringen. Das könnte nochmal wichtig werden, siehe die Details später.

 

 Die Umsetzung:  

Aktuell läuft die Vorplanung des Projektes, man hat dazu drei Abschnitte gebildet:

N         Löbtau bis Fritz-Förster-Platz

Z         Zellescher Weg

C          Caspar-David-Friedrich-Straße

 Mit dem Bau will man Ende 2017 beginnen und (etappenweise) spätestens bis Ende 2019 fertig sein, wegen der Finanzierung.

 Die künftige Bedienung soll – sehr elegant, finde ich – in der derzeit favorisierten Variante durch Umverschwenkungen von bereits vorhandenen Linien erfolgen: Die 7 nimmt künftig vom Hauptbahnhof aus den Weg nach Gorbitz nicht mehr über das WTC, sondern über das Nürnberger Ei, die 9 fährt ebenfalls ab dem Hbf über den Zelleschen Weg nach Prohlis. Wichtigste Haltestelle im Bereich wird damit der Nürnberger Platz, es entstehen zahlreiche neue Direktverbindungen zur TU. Dazu bleibt die bisherige Linie 61 im 10-min-Takt erhalten, um den Durchgangsverkehr aufzunehmen. (Die weiteren Auswirkungen im Liniennetz wurden nicht im Detail dargestellt, die 8 dürfte dabei aber einen neuen Endpunkt erhalten.)

Eine andere Variante sieht die Einführung einer neuen Linie 14 von Löbtau nach Strehlen vor, diese wirkt aber etwas systemfremd und bekäme erst mit der Verlängerung nach Gruna einen Sinn.

 

 Die Planungsdetails:

 Innerhalb der drei Abschnitte wurde eine grobe Variantenbetrachtung der generell möglichen Querschnitte durchgeführt. In den Abschnitten N und Z wurde die Mittellage der Straßenbahn gegenüber einer Seitenlage präferiert, in der Vorplanung werden nun jeweils zwei prinzipielle Auslegungen untersucht: eigener Bahnkörper für die Strab oder gemeinsame zweite Spur für Strab und Kfz. Erstere hat einen deutlich höheren Platzbedarf, wenn man daneben zwei Kfz-Spuren anordnet, ist aber verkehrstechnisch zu bevorzugen.

Jedoch ist neu eine Variante mit lediglich einer (überbreiten) Kfz-Spur ins Spiel gebracht worden, die im Vergleich zur Zweispurigkeit insgesamt drei Meter sparen würde (zwei normale Spuren à 3,50 m vs. überbreite Spur mit 5 m, das Ganze zweimal). Das hat auch deshalb große Bedeutung, weil man inzwischen festgestellt hat, dass die zu DDR-Zeiten auf dem schon immer für eine Straßenbahn freigehaltenen Mittelstreifen des Zelleschen Wegs mangels Realisierungschance eher aus Verlegenheit gepflanzten Bäume sich prächtig entwickelt haben und nun durchaus erhaltenswert sind. Es gibt inzwischen sogar schon eine Vorplanungsvariante mit besagter überbreiter Kfz-Spur, die die Bäume ungeschoren lässt.

 Hier könnte Dresden einmal zeigen, dass die verkehrswissenschaftliche Fakultät nicht nur zufällig in der Stadt beheimatet ist. Bedarfsgerechter Rückbau von Straßeninfrastruktur ist inzwischen nicht nur was für Sonntagsreden, das öffentliche Geld ist knapp, auch und vor allem für den Unterhalt von Straßen, und der Zellesche Weg hat bei weitem nicht mehr die verkehrliche Bedeutung wie vor Eröffnung der BAB 17.

 Ein weiterer planerischer Schwerpunkt ist der Nürnberger Platz, vor allem die Anordnung der Haltestellen dort. Hier hat jede der drei Hauptvarianten Vor- und Nachteile, es ist fast schon eine verkehrstechnische Geschmacksfrage, welche man präferiert.

 Durch den schmalen Querschnitt der CDF-Straße sind dort auch die planerischen Spielräume gering, der vorgesehene von Kfz befahrbare Bahnkörper wird in diesem Ausnahmefall auch vom Bund finanziert und für die Gestaltung des Wasaplatzes läuft schon das planrechtliche Verfahren, Spektakuläres habe ich nicht entdecken können in der gezeigten Folie.

 Erwähnenswert ist natürlich noch die erhebliche Verbesserung für den Fahrradverkehr auf dem Zelleschen Weg, die mit dem Projekt durch die Anlage normgerechter Radverkehrsstreifen einhergeht.

 Wichtig ist auch, dass das Projekt natürlich auf der kompletten Strecke einschließlich der Anbindungen an den Bestand als „wesentliche Änderung“ im Sinne der BImSchV gilt und die Anwohner Anspruch auf Lärmschutz haben. Dies wird in der Entwurfsplanung dann durch detaillierte Schallgutachten konkretisiert.

 Die konkreten Planungen müssen zu gegebener Zeit alle noch vom Stadtrat beschlossen werden, hier (und in der Bürgerbeteiligung) ist also noch reichlich Gelegenheit zur Einflussnahme.

Warte auf mich auf dem Grund des Swimmingpools

Warte auf mich auf dem Grund des Swimmingpools

„The Rake’s Progress”, Oper von Igor Strawinsky, in der Inszenierung von Damiano Michieletto und unter musikalischer Leitung von Anthony Bramall, Premiere am 5. April 2014 an der Oper Leipzig (Koproduktion mit dem Teatro La Fenice, Venezia)

Der Link führt zum Bericht auf KULTURA-EXTRA.

Dresdner Debatte: Von Zebrastreifen und der Entwicklung des Verkehrs

Die Vorstellung der Ergebnisse der „Dresdner Debatte“ zum Verkehrsentwicklungsplan 2025+ durch das Stadtplanungsamt am 20. März 2014 

 Man muss (und will) den Mitarbeiter*innen der Dresdner Stadtverwaltung einmal ein Kompliment machen: Sie haben die dritte Dresdner Debatte, diesmal zum aktuellen Verkehrsentwicklungsplan (VEP) für die Landeshauptstadt mit einem Zeithorizont von 2025 „plus“ professionell organisiert, begleitet und deren Ergebnisse – die sich auch inhaltlich sehen lassen können – kompetent verarbeitet zu einem beispielhaften Stück Bürgerbeteiligung.

 Parallel zum „klassischen“ Lauf des Entwurfs des VEP (Erstellung durch das zuständige Stadtplanungsamt, Diskussion in den Fachausschüssen des Stadtrats und den Ortsbei- bzw. –schaftsräten und schließlich Beschluss durch den Stadtrat, der noch in dieser Legislaturperiode erfolgen soll) wurde eine Bürgerbeteiligung in Form der „Dresdner Debatte“ initiiert, die nach den eher lokal bezogenen Einsätzen zur Gestaltung des Neumarkts und der Inneren Neustadt nun erstmals bei einem stadtweit relevanten Thema im Herbst 2013 zum Einsatz kam. Die Methode soll hier nicht im Detail erklärt werden, es wird auf die informative Seite http://dresdner-debatte.de/ verwiesen.

 Heraus kamen immerhin 930 Anregungen, die dank ihres Sachbezugs fast alle verwertbar waren. Die Hälfte davon betraf eher operative Themen, die jetzt bei den zuständigen Ämtern auf dem Tisch liegen, aber immerhin 450 davon setzten sich mit den Ziel- und Fragestellungen des Verkehrsentwicklungsplans auseinander. Dass gut 300 davon schon (sinngemäß) dort enthalten waren, muss nicht weiter verwundern: Nicht jede*r hat Zeit und Lust, sich die über 200 Seiten des Entwurfs anzutun. Im Gegenteil, es spricht für die Qualität der Vorlage, diese Einbringungen quasi schon vorweggenommen zu haben.

 140 Anregungen waren wirklich neu und wurden in der Sichtung dann wegen inhaltlichen Überschneidungen zu 64 Themen aggregiert. Dennoch blieb eine Menge Arbeit für die Verwaltung, diese zu bewerten und mit einer Empfehlung zur weiteren Behandlung zu versehen. Zwei Drittel davon wurden letztlich als „nicht-übernehmenswert“ klassifiziert, was man nach einer Sichtung der Liste auch (zumeist) nachvollziehen kann. Da tauchten z.B. die Idee eines unterirdischen Netzes für den öffentlichen Verkehr auf, oder eine (verkehrstechnisch kontraproduktive) stadtweite „Tempo-30-Zone“, auch Tunnel für alle Hauptstraßen wurden vorgeschlagen. Die Forderung nach einer generellen Kostenfreiheit des ÖPNV passt nicht in die aktuellen politischen Gegebenheiten und birgt auch eine Menge Folgeprobleme, und der Verpflichtung zum Winterdienst auch auf Radwegen steht leider ein aktueller Stadtratsbeschluss entgegen. (Die aufbereiteten Unterlagen liegen inzwischen unter http://ratsinfo.dresden.de/vo0050.php?__kvonr=8145&search=1 zur Einsicht bereit)

 Die Highlights der verbliebenen Vorschläge, die – so der Stadtrat das will – nun in den Verkehrsentwicklungsplan Eingang finden werden, sind z.B. die Einrichtung von (dauerhaften) Schließfächern für Gepäck an öffentlichen Orten, die Schaffung von Park&Bike – Flächen zur Kombination von Auto- und Radverkehr, die konsequente Verkehrsberuhigung im Hechtviertel, eine intensivierte Öffentlichkeitsarbeit zur Verkehrsmittelwahl, die Ausweitung der Echtzeitanzeigen an Haltestellen des ÖPNV und – endlich – der vermehrte Einsatz von „Zebrastreifen“ im Dresdner Stadtraum. Bei letzterem war interessant zu erfahren, dass die benachbarte Stadt Radebeul mit einem Zwanzigstel der Einwohner von Dresden über mehr Lösungen dieser Art verfügt. Das bislang vorgebrachte Argument der verkehrsrechtlichen Schwierigkeit scheint also eher vorgeschoben zu sein. Auch Dresden besteht ja genau betrachtet nur aus vielen Radebeuls.

 Einige Anregungen, wie eine verbesserte Radmitnahme im öffentlichen Verkehr oder weitere Restriktionen bei der Parkraumausweisung wurden immerhin als Prüfaufträge übernommen, was auch für technisch innovative Ansätze wie die induktive Stromversorgung von Straßenbahnen zum Verzicht auf die Oberleitung in städtebaulich sensiblen Bereichen gilt.

 Insgesamt kann man der Stadt Dresden gratulieren: Ihr neuer Verkehrsentwicklungsplan wird nicht nur von der Verwaltung erstellt und den Gremien beschlossen worden sein, sondern trägt dann auch das Prädikat „unter aktiver Beteiligung der Bürgerschaft“. Mit diesem Schwung plant man die vierte Dresdner Debatte, diesmal zur Aktualisierung des „Integrierten Stadtentwicklungskonzepts“ (INSEK), die im Juni 2014 starten soll. Man darf schon jetzt gespannt sein.

 Und ja, die Kosten: Nach Auskunft der Verwaltung hat die 3. Dresdner Debatte 35.000 Euro Haushaltsmittel benötigt, wovon 30% gefördert wurden. Auch wenn die Zeitaufwendungen der eigenen Mitarbeiter*innen hier nicht enthalten sind, scheint dies doch recht preiswert für die ohnehin immer wichtigere Beteiligung der Bürger*innen an den Entscheidungsprozessen ihrer Heimatstadt.

 

„Es können doch nicht alle rüber!“

„Es können doch nicht alle rüber!“

„Schneckenmühle“, nach dem Roman von Jochen Schmidt für die Bühne eingerichtet von Beret Evensen und Robert Lehniger, Regie Robert Lehniger, gesehen am 17. März 2014 am Staatsschauspiel Dresden

 „Es können doch nicht alle rüber!“ ruft verzweifelt der frischgebackene Lagerleiter Jörg, nachdem auch noch seine Vorgängerin türmte, vermutlich über Ungarn. Schon zuvor kamen in unschöner Regelmäßigkeit die Gruppenleiter abhanden, der Sommer des Jahres 89 ist einfach zu bewegt und die tschechoslowakische Grenze zu nah im Kinderferienlager „Schneckenmühle“ bei Liebstadt, Bezirk Dresden. Wie soll man das den Kindern erklären, die doch mit ihrer Pubertät und der Erforschung des antagonistischen Geschlechts mehr als genug zu tun haben?

Mittendrin Jens im Waschbär-Nicki, der als einziger bei der Lagerdisko noch nicht getanzt hat und nicht nur deshalb ein Außenseiter ist in der Horde von Halbstarken. Wenn man sich doch aussuchen könnte wer man ist. Das Küssen wird vorerst mit den Fingern geübt, in der Hoffnung, das dann in echt auch noch was im Kopf passiert.

Doch es gibt noch die Sächsin Peggy, von der Berliner Mehrheit des Lagers zur Miss Piggy ernannt, auch sie ist also draußen. Wie die beiden Verlierer sich sacht annähern und fast auch finden, ist einer der Hauptstränge der wirklich ergreifenden Geschichte von Jochen Schmidt, die nun in Dresden auch auf die Bühne gelangte.

Doch es geht auch um die Wende, um das Verstehen einer Wirklichkeit, die so gar nichts mit den eingelernten Losungen zu tun hat. Die Jugendfreunde stellen Fragen, die ihnen keiner beantworten kann, die kaum Älteren der Lagerleitung haben selber welche.

„Der Arbeiter hat kein Vaterland!“ – zur Krim-Frage

So barsch wie ein (mir) unbekannter Kommunist kann man das Thema auch abhandeln, zumindest, wenn man einen klaren Klassenstandpunkt vertritt. Ich habe gewisse Sympathien für diese Sichtweise, glaube aber dennoch, dass auch die Arbeiterin Wert auf etwas Mutterboden legt, und möchte deshalb vor diesem Hintergrund etwas zur Krim zum Besten geben.

Wie zu erwarten war, hat die Bevölkerung der teilautonomen Republik Krim der Ukraine (kann sein, dass der Titel nicht ganz korrekt ist) in einem Referendum dem Beitritt zur Russischen Föderation mit „überwältigender Mehrheit“, wie es auch früher schon so schön hieß, zugestimmt. Nach Vollzug der Formalien hat dann auch theoretisch Russland auf der Krim das Sagen, praktisch wird sich da nichts ändern.

Wenn nicht, … ja, wenn nicht was? Die NATO Russland den Krieg erklärt? Unsinn, so wichtig ist diese Schwarzmeerhalbinsel nicht, und der „Krimskoje Champagner“ genannte Schaumwein von dort war auch schonmal besser. Die wohlfeilen, aber zahnlosen Proteste der letzten Wochen gegen dieses Stück Machtpolitik aus dem Putinschen Lehrbuch werden kurz nochmal anschwellen, ehe dann die nächste Sau durchs Weltendorf getrieben wird.

Und nu? Mal abstrahiert betrachtet: Für den Menschen auf der Krim, egal ob nun russischer oder tatarischer oder sonstwelcher Nationalität, wird sich die nahe Zukunft eher zum Besseren gestalten. Den neuen Pass hat sie womöglich schon, Russland wird sich bemühen, die Krim erblühen zu lassen, und die Sonne wird sicher weiter scheinen.

Die Ukraine hat fortan einen Mitleidsbonus, der sie zügig an die EU heranführen wird. Putin, also Russland, weiß, das er nun mal wieder einige Jahre die Füße stillhalten muss. Die EU geht zur Tagesordnung über (das Freihandelsabkommen ist zu beschließen [bzw. abzulehnen, der Säzzer]), die USA wenden sich andere Spielwiesen zu. So schlimm ist das alles nicht.

Gut, man kann einwenden, dass staatliche Souveränität ein hohes Gut ist. Und die Ukraine nun mal ein völkerrechtlich anerkannter Staat, dem da per Handstreich ein gutes Stück Land abgeknapst wird (Ähnlichkeiten mit Fällen in Vormals-Jugoslawien sind rein zufällig). Nur, wenn man bedenkt, auf welche Weise – nämlich die des Schuhplattlers Nikita – die Krim zur Ukraine gelangte und welche obskuren Kräfte dieselbe grad regieren, mag man sich nicht so weit hinauslehnen in seinem gerechten Zorn.

Will meinen, ich bin unsicher. Einen „richtig Guten“ kann ich in der ganzen Geschichte nicht entdecken. Ist ja auch kein russisches Märchen, Wanja ist schon lange desertiert.

Sag mir wo Du gestanden hast

Sag mir wo Du gestanden hast

„Spiegelungen“, Fotografien von Peter Zimolong, eine Ausstellung im DREWAG-Treff Dresden vom 12. März bis 21. Juni 2014

 

Digitale Fotos von Spiegelungen, soso. Wo doch heutzutage jeder Tragfernsprecher immer bereit ist, gestochen scharfe Schnappschüsse von jedweder Situation zu machen. Will man zu solchen Bildern wirklich „Kunst“ sagen?

Ja, man will. Weil man kann. Denn sehr viele fühlen sich berufen, doch nur wenige sind auserwählt.

Peter Zimolong scheint einer davon zu sein. Der 1973 geborene Dresdner Fotograf, der sich eher in der unbelebten Materie zu Hause fühlt, hat nach seiner beachtlichen „Urbanen Tektonik“ nun eine Sammlung von Spiegelungen ausgewählt. Das klingt zunächst unspektakulär und ist es auf den ersten Blick auch. Doch es lohnt sich, näher hinzuschauen.


http://www.livekritik.de/kultura-extra/kunst/feull/ausstellung_peterzimolong_spiegelungen.php