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Forrest Gump sagt, wo er steht

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„Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt vom ihm selbst“, von Ingo Schulze, Spielfassung und Regie Friederike Heller, Uraufführung am Staatsschauspiel Dresden am 7. Februar 2020

Theater im engeren Sinne war das somit nur bedingt, eher eine dramatisierte und bebilderte Abfolge von Romanszenen. Die Figuren blieben zwischen den Buchdeckeln, keine erwachte zum Leben, die Abbildung von einem Vierteljahrhundert in einer Bühnensituation ist auch selten eine gute Idee.

Vergnüglich war es trotz allem, Ingo Schulze sei Dank. Und die Vorstellung, wie ein Forrest Gump durch den real Existierenden stolpert, hat auf jeden Fall was.

 

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„Hool“ nach dem Roman von Philipp Winkler, Bühnenfassung und Regie Florian Hertweck, Premiere am Staatschauspiel Dresden am 22. März 2019

Wenn man Mitleid mit dem Pack empfinden würde, für das der Begriff white trash offenkundig erfunden wurde, hätte man am Ende vielleicht schlucken müssen ob der absehbaren Trostlosigkeit des weiteren Daseins der Prügel-Knaben, egal ob nun als lebenslang Behinderter, als kreditabzahlender Reihenhaushöllenbewohner, als wertvolles Fußballvereinsmitglied oder schlicht als perspektivloser Assi. Den Knacks behalten alle, beileibe nicht nur in der Zahnleiste, und das sei ihnen von Herzen gegönnt. …

Jenseits dieser Betrachtungen … ist von einem kraftvollen, adrenalingetränkten und turbulenten Abend zu berichten, in dem sich fünf Schauspieler alle Mühe gaben, mitunter als ein Block von 50 Hools zu erscheinen, was auch öfter gelang….

Wieder mal (nach dem thematisch benachbarten „Neun Tage wach“) eine gelungene theatrale Umsetzung eines aktuellen Romans, die ihr breites Publikum finden wird.

Das ganze Spiel in voller Länge hier:

http://www.kultura-extra.de/theater/veranstaltung/premierenkritik_hool_staatsschauspielDD.php

 

Kommt ein Mann nicht nach Hause

„Odyssee“ von Roland Schimmelpfennig, Uraufführung am 15. September 2018 am Staatsschauspiel Dresden

Ein Mann kommt nicht nach Hause, obwohl der Krieg vorbei ist. Da darf man sich schon mal Gedanken machen, nicht nur, wenn man Penelope heißt und auf den Helden Odysseus wartet. Und man darf unbedingt eigene Schlussfolgerungen ziehen, selbst wenn man Penelope heißt und Königin von Ithaka ist. Das Leben ist im Allgemeinen heute.

Hier:

http://www.kultura-extra.de/theater/veranstaltung/premierenkritik_Odyssee_staatsschauspielDD.php

 

Am Beispiel des Kühlschranks oder Es geht ein Riss durch den Saal

„Wir sind auch nur ein Volk“ nach Jurek Becker am Staatsschauspiel Dresden, 8. September 2018, Uraufführung der Spielfassung von Tom Kühnel (Regie) und Kerstin Behrens

Vorweg: Nachdem der erste große Ärger über einen völligen Missgriff nach der Pause verraucht ist, kann ich insgesamt doch einen guten Abend bescheinigen. Zum „sehr gut“ fehlt die Haltung, und die mitunter überzogene Ostalgie mag „breite Kreise der Bevölkerung“ (um im Duktus zu bleiben) zufriedenstellen, mich nervt sie eher. Dennoch begeistern die Vielzahl an durchdachten und gut inszenierten Szenen, das Bühnenbild, ganz besonders die perfekt getroffenen Kostüme, die Musikauswahl von im Prinzip auch (selbst wenn sie weh tat) und die Live-Kamera, die der Enge der Grimmschen Wohnung Ausdruck gab, bekommt ein Sonderlob.

Hier:  http://www.kultura-extra.de/theater/veranstaltung/premierenkritik_WirSindAuchNurEinVolk_staatsschauspielDD.php

 

Beim Barte des Kaisers

„Der Untertan“ von Heinrich Mann am Staatsschauspiel Dresden, 7. September 2018, Premiere der Spielfassung von Jan-Christoph Gockel (Regie) und Julia Weinreich

Diederich Heßling war ein weiches Kind, wie wir alle wissen, aber er blieb es nicht. Oder besser, er glaubte dies kompensieren zu müssen, mit den bekannten Ergebnissen. Man muss nicht Freud bemühen, um zu wissen, woher der ganze Kaiserschmarrn also kam.

Die Dresdner Theaterfassung nutzt eine Diedel-Puppe als alter Ego des Heßling und eröffnet damit weite Möglichkeiten für die psychologische Ausleuchtung der Figur. Immer wieder beeinflusst die Puppe Diederichs Handlungen, lenkt ihn auf den Pfad, der ihm vorbestimmt scheint: Ein treuer Untertan des Kaisers und ein absoluter Herrscher in seinem eigenen kleinen Reich.

So prallt auch die letzte Versuchung an ihm ab, die Geliebte Agnes wird abserviert, mit der islamistisch klingenden Begründung der fehlenden Jungfräulichkeit. Die Dialektik des Patriarchats hat gewonnen.

Aber von vorne: (hier)

http://www.kultura-extra.de/theater/veranstaltung/premierenkritik_DerUntertan_staatsschauspielDD.php

 

Die weißen Dieger sind los

„Circus Sarrasani. The Greatest Show On Earth“ von und mit Rainald Grebe, Uraufführung am Staatsschauspiel Dresden am 26. Mai 2018

Der Zirkus war da.

Und er hat dieses mitunter doch betuliche Staatsstadttheater gehörig durcheinander gewirbelt, vermutlich unter dem Protest von Feuerwehr, Unfallkasse und kaufmännischer Direktion. Aber schön war’s, nicht nur deswegen.

… (Bißchen Text) …

Der Zirkus war da im Theater. Jetzt kehrt wieder Normalität ein. Aber keine Sorge: Der Zirkus kommt wieder.

Hier:

http://www.kultura-extra.de/theater/spezial/premierenkritik_sarrasani_staatsschauspielDD.php

Du sollst im Theater nicht beichten

„Die 10 Gebote“ nach DEKALOG von Krzysztof Kieslowski und Krzysztof Piesiwicz, Regie Nuran David Calis, Produktion der Bürgerbühne am Staatsschauspiel Dresden, Premiere am 16. März 2018

Irgendwann, so hoffe ich, ist auch die letzte gruselige Geschichte aus Dresden und Umgebungen von den Opfern selbst (!) auf der Bühne (!!) ganz authentisch (!!!) erzählt, und die Bürgerbühne kann das Niveau der Nachmittags-Shows des Enthüllungsfernsehens wieder verlassen. Um vielleicht dann endlich zu merken, daß das ungeschützte Zurschaustellen von Betroffenen sicher spektakulär, aber noch sicherer unanständig ist.

Ein Fernsehfilm ist nicht Theater, und Theater ist – zum Glück – kein Fernsehen. Manchmal lässt sich das Eine in das Andere gut überführen, manchmal aber auch nicht. Vielleicht besonders dann nicht, wenn man einem ohnehin schon komplexen Stoff noch anderthalb Ebenen draufpacken will. Reality TV ist schon schwer erträglich, Reality Theatre ist erst recht kein Format, das man (besser ich) sehen will.

Der ganze traurige Rest hier:

http://www.kultura-extra.de/theater/spezial/premierenkritik_die10gebote_staatsschauspielDD.php