Kategorie: Bücher

Noch eine Wende-Revue

„89/90“ nach dem Roman von Peter Richter, Regie Christina Rast, Uraufführung am Staatsschauspiel Dresden am 27. August 2016

Ich mag einem sehr geschätzten richtigen Kritiker, der einen Doppelbericht über die Dresdner und Leipziger Inszenierungen vorhat, nicht die Pointe verderben, deshalb hier meine Meinung nur unter dem Wahrnehmungsradar und in einem einzigen Satz:

Aus einem spannenden Buch wird nicht allein deshalb ein Theaterstück, weil man es auf die Bühne bringt, was im Prinzip auch nicht schlimm ist, solange es den Menschen gefällt, was ja hörbar der Fall war, zumal man mit den DÜSEn einen Local-Hero-Joker am Start hatte, sodaß eigentlich nichts schief gehen konnte, oder fast nichts, denn im ersten Teil wähnte man sich schlimmstenteils beim Schunkelcontest vom MDR, bestenteils allerdings auch in einem äußerst witzigen und temporeichen Wende-Musical mit geballter Ensemblekraft der acht Herren auf der Bühne (einschließlich der Musiker, die auch darstellerisch bella figura machten – nein, nicht wegen des freien Oberkörpers – ) und des einen Einsamen im Armee-Trainingsanzug im hintergründigen Ost-Idyll (eine schöne Idee, too much nur der überdimensionierte Honecker im Wohnzimmer) und im zweiten Teil in einer szenischen Lesung, was mir persönlich mehr zusagte, aber auch ein wenig längte, was der Begeisterung am Ende keinen Abbruch tat, zumindest nicht der der anderen, denn für mich blieb auch noch die überbordende Symbolik des Anfangs in Erinnerung, die albernen Politikerköpfe an Stangen und die holzschnittartigen Kurz-Charaktere des Lehrkörpers, wobei es insgesamt eben ein wenig zu viel von allem war, was sich dann auch in knapp drei Stunden nicht adäquat verspielen ließ (und gespielt wurde ja ohnehin selten, aus oben erwähnten Gründen).

Und mir sei ein zweiter Satz erlaubt: Natürlich wird das Stück reüssieren, das ist ja gar nicht die Frage, Turm reloaded mit verjüngtem Personal, aber vielleicht kommt das Ganze auch ein bißchen spät, um noch etwas Neues beizutragen zum Diskurse, was das nun eigentlich wirklich gewesen ist, die gern „friedliche Revolution“ genannten neun Monate des Umbruchs von der alten DDR hin zu den neuen Ländern.

Kapitulation, aus persönlichen Gründen

„Unterwerfung“ nach dem Roman von Michel Houellebecq, für die Bühne eingerichtet von Janine Ortiz, Regie Malte C. Lachmann, Premiere am Staatsschauspiel Dresden am 5. März 2016

Am Ende, auf der Treppe nach unten, fragte mich die Fernsehreporterin, ob ich mir das Szenario auch real vorstellen könne und ob das Stück in Dresden aufzuführen wohl etwas Besonderes sei. Nein, muss ich gestammelt haben, und nochmal nein, man solle die Situation in Dresden nicht auf die Montage reduzieren. Daß diese „Bewegung“ intellektuell auf einer gänzlich anderen Ebene spiele, konnte ich leider nicht mehr anbringen, das wäre zur Erläuterung aber doch notwendig gewesen. Die literarische und theatrale Auseinandersetzung mit einer möglichen Ausbreitung der islamischen Religion hat mit den Montagspöbeleien soviel zu tun wie … ach, was weiß ich. Jedenfalls nicht viel.

 

Link zu KULTURA-EXTRA

Darf man über Pegida lachen?

Ein Reiseföhrer der besonderen Art: „Pegidistan – Reisen im Land hinter der Mauer“

Hier die Details:

Rezension auf KULTURA-EXTRA

Vom Aufstieg und Fall des Albert Ue.

Soeben als Teichelmaukes eBook veröffentlicht:
Eine fiktive Geschichte über zwei Amateurkritiker, die am und im Theater spielt

Ein älterer Ex-Manager und Theaterfreund (Albert), der schon bessere Tage gesehen hat, lebt ein ereignisarmes Leben in seinem Viertel, pendelt zwischen Arbeit, Kneipen und gelegentlichen Kurzliebschaften. Ansonsten spielt nur das Theater eine wesentliche Rolle in seinem Leben.

Eines Tages ärgert er sich so über die Kritik in einer renommierten Zeitung über ein von ihm als phantastisch empfundenes Stück, dass er selbst anfängt, Rezensionen zu schreiben. Diese veröffentlicht er erst nur auf seiner facebook-Seite, später dann auch auf der des Theaters und auf einer Kulturplattform. Er stößt damit in eine „Marktlücke“ und wird eine Zeitlang vom Theater und der Öffentlichkeit als Bürger-Kritiker gehypt.

Parallel passiert Ähnliches mit einem späten Fräulein (Grete), die sich von Alberts Beiträgen anregen lässt, ebenfalls ihre Meinung aufzuschreiben und zu veröffentlichen. Beide steigern sich in der Folge in einen Rezensions-Wettbewerb hinein, der anfangs von vielen aufmerksam verfolgt wird, zumal eine große Boulevardzeitung mit einem fiesen Trick das Pseudonym des Fräuleins enthüllt und ihr damit viele Sympathien zutreibt.

Grete und Albert werden eine Zeitlang als frische Stimmen im Chor der Kritiker wahrge­nommen und finden ein gewisse Resonanz. Aber beide übertreiben es in der Folge, die Adressaten sind zunehmend genervt von der Menge und dem Stil der veröffentlichten Beiträge.

Der Stern der Neu-Kritiker sinkt, was vor allem bei Albert auf wütenden Trotz stößt. Auch seine Annäherung an Grete scheitert. Eine ganz neue Idee soll nun seinen Ruhm wiederherstellen ..

A U S Z U G

1 Grete

Grete Zwanziger war nicht gerade das, was man gewöhnlich eine Schönheit nennen würde. Sie gab sich auch keine große Mühe mehr, als solche zu erscheinen, wissend um die Aussichtslosigkeit des Unterfangens. Was sie inzwischen zu dick war, war sie immer noch nicht groß genug und würde dies sicher auch nicht mehr werden. Ihre Haare schimmerten auf eine Weise, die man mausfarben nennen musste, aber immerhin lächelte sie schön, wenn auch selten.
In den knapp vierzig Jahren ihrer Existenz hatte sie lernen müssen, dass es am Ende doch die äußere Hülle war, die die größte Bedeutung im Spiel der Geschlechter besaß. Und da sie wenig in die Wiege gelegt bekam (was sie bald begriff und wofür sie – neben einigem anderen – ihre Mutter hasste), hatte sie es sich abgewöhnt, sich gemeint zu fühlen, wenn es hinter ihr auf der Straße pfiff.
Grete lebte ein ereignisloses Leben zwischen der Arbeit und der mehr oder weniger vertändelten Freizeit. Früher hatte sie noch Ehrgeiz hinein gesteckt, ihre Wohnung als Schmuckstück, als gemütliches Nest zu präsentieren. Mangels Publikum war ihr aber auch darauf inzwischen die Lust vergangen. Sie hielt sich in dieser Wohnung auf, weil es keinen anderen Ort gab, an dem sie sich lieber aufgehalten hätte, auch wenn dieser Ort gar nicht so viel hätte bieten müssen. Die Wohnung war halt da, und besagter anderer Ort nicht.
Eine wesentliche Errungenschaft in ihrem Dasein wollen wir nicht verschweigen: Grete hatte einen Computer, der in den letzten Jahren vor allem dazu diente, ihre Steuererklärung zu fertigen und die jährliche Urlaubsreise (sanfter Tourismus mit Kulturprogramm) zu buchen. Eine Arbeits-Freundin (Grete wäre nie so weit gegangen, diese wirklich als Freundin zu bezeichnen, davon hatte sie ganz andere Vorstellungen, die sich leider selten erfüllten bisher) hatte ihr in einer ruhigen Stunde in der Kanzlei (der Chef war „beim Mandanten“, wie er seine Besuche im nahegelegenen Bordell nannte, in der irrigen Annahme, dass seine Kanzleidamen ihm das schon glauben würden) das Universum von Facebook nahezubringen versucht. Und Grete fand Gefallen daran, lächelte zwar über den inflationär verwendeten Begriff „Freund“, erahnte aber doch die vielfältigen Möglichkeiten für eine wie sie.
Leider beging Grete den Fehler, sich am selben Abend kurz vor Mitternacht noch schnell anmelden zu wollen. Pedantisch wie sie war, untersuchte sie akribisch nach dem Login unter einem Pseudonym (wie ihr geraten worden war) alle Möglichkeiten, die sich ihr boten, lud Fotos hoch, suchte nach ihren Lieblingsfilmen, um der Welt mitzuteilen, dass diese auch ihr gefielen, stöberte Schulfreunde auf. Als sie das nächste Mal zur Uhr sah, war es Fünf.
Dem ersten Reflex folgend, fuhr sie erschrocken den Rechner herunter, um dann, sich der alten Weisheit erinnernd, dass kein Schlaf besser wäre als zwei Stunden Schlaf (praktisch hatte sie das seit Jahrzehnten nicht ausprobiert), das Gerät wieder zu starten und sich als Luise Miller wieder einzuloggen. Luise Miller deshalb, weil die Luise ihr immer als der natürliche Gegenpol zur Grete erschien und Miller dann die passende Ergänzung war. Facebook nahm keinen Anstoß daran, und so war ihre neue Existenz geboren.
Die erste Nacht mit dem neuen Spielzeug endete, und Grete fühlte sich der Welt irgendwie mehr verbunden als noch am Tag zuvor.

2 Albert

Im Leben von Albert Ueberzahl gab es inzwischen nichts mehr, was einer besonderen Erwähnung wert gewesen wäre. Er hatte sich mehr oder weniger gut eingerichtet zwischen einem anspruchslosen Job, der ihm immerhin ein passables Einkommen sicherte, seinen Touren durch die Neustadt, wo er hätte als Alterspräsident gelten können, wenn es nicht noch einige Bejahrtere gegeben hätte (aber mit seinen vierundfünfzig – die man inzwischen auch sehen konnte – war er schon ein Exot im Revier, auch wenn man ihn das selten spüren ließ und außerdem als umsatzstarken Gast schätzte) und seinen irritierend häufigen Theaterbesuchen, die er inzwischen als seinen Lebensinhalt empfand. Die Fragwürdigkeit der Bezeichnung „Lebensinhalt“ war ihm dabei durchaus bewusst, spätestens seitdem ein gewisser Herr Lehmann darüber philosophiert hatte, aber ihm war bislang kein besserer Begriff eingefallen und außerdem fühlte sich das Leben tatsächlich manchmal als Flasche an. Fand er.
Albert hatte aufgehört, über seine Rolle in der Neustadt, jenem „Szene-, Künstler- und Kneipenviertel“ (der Name, auf den sich die Reiseführer letztlich geeinigt zu haben schienen), das gern so tat, als ob es ganz woanders wäre, tiefer nachzudenken. Vor gut zehn Jahren, als er herkam, flüchtend aus einer bürgerlichen Existenz, sich in ein neues Leben mit einer neuen Frau stürzend, war alles noch wahnsinnig aufregend, spannend und inspirierend. Er hatte sogar selbst angefangen, „irgendwas mit Kunst“ zu machen, nach Feierabend, bis er den Dilettantismus seiner Bemühungen einsah. Das Ganze hielt ein paar Jahre an, dann verschwanden erst der Zauber und kurz danach die Frau. Er war trotzdem hier klebengeblieben, ohne Kraft und Mut für einen weiteren Neuanfang.

In seinem Dreieck fühlte er sich einigermaßen geborgen und sicher, und was sollte auch groß noch kommen? „Schon deutlich älter als die DaDaEr geworden ist aber immer noch alles im Griff“, wie er gerne selbstbetrügend sagte, wenn er dann doch mal am Tresen eine Art Gespräch führte. An besseren Tagen gefiel er sich dann in der Rolle desjenigen, der sein schweres Schicksal mannhaft trug, an den anderen brauchte es die helfende Hand der Oberkellnerin, bis er den Frust schließlich hinweggespült hatte.
„Ich bemerke, dass ich selbst auch Spuren hinterlasse, jeden Tag z.B. mit der Kaffeetasse“, diesen Zynismus der Formation „Die Sterne“ aus seiner späten Jugend sang er dann am nächsten Morgen oft vor sich hin, im Rhythmus des Songs, wie er zumindest glaubte.
Es war nicht so, dass er gänzlich alleine war. Mit seiner Halb-Intellektualität und dem Einziehen seines inzwischen nicht mehr nur Ansatz zu nennenden Bauches konnte er schon gelegentlich mittelalte Damen spät abends davon überzeugen, dass es eine gute Idee wäre, mit ihm temporär das Lager zu teilen. Diese Meinung – in der Regel auch von diversen Alkoholika befeuert – hielt bei der Auserwählten jedoch selten länger an, und auch seine Begeisterung schwand meist rapide. Man trennte sich dann im Guten und grüßte sich fortan freundlich auf der Straße, wenn man sich sah.

Das eigentliche Problem bestand darin, dass Albert der Überzeugung war, ein Loser zu sein, sich an einem entscheidenden Punkt im Leben falsch entschieden zu haben und nun die Konsequenzen ausbaden zu müssen. Davon brachte ihn nichts ab, und sein Alter Ego, der Albert von früher, Enddreißiger mit Frau, Kindern und Haus, der partout nicht älter werden wollte und ihm immer, wenn er in der Badewanne saß, im Geiste gnadenlos die Wahrheit vorhielt, bestärkte ihn noch darin:
„Merkst Du was? Du bist einer der Wenigen, die alleine im Alaunpark herumlungern. Und die alleine ins Theater gehen. Und alleine in der Kneipe sitzen. Was hast Du denn erreicht mit deiner großen Selbstverwirklichung?“
Tja. Es ist eben wie es ist. Lonely Irgendwas. Nur in den besseren Momenten fühlte sich das abenteuerlich an.

Albert hatte dennoch nicht wirklich das Gefühl, etwas ändern zu müssen. Er hatte nämlich die Erfahrung gemacht, dass jegliche Veränderung bei ihm seit fünfzehn Jahren immer nur zum Schlechteren geführt hatte, und er hing schon noch ein bisschen an seiner jetzigen Existenz, vor allem auch, um die nächsten Premieren am Theater nicht zu verpassen.
Jenes Theater verursachte bei ihm dank langjähriger Verbundenheit inzwischen Heimatgefühle. War er anfangs noch reserviert gewesen gegenüber dem Theatervolk, das so anders schien als er, gewöhnte er sich langsam an den Umgang, erleichtert auch durch einige Begegnungen auf Premierenpartys, bei denen er einfach so lange geblieben war, bis schließlich auch er wahrgenommen wurde. Ein flüchtiger Beobachter hätte ihn inzwischen zum Personal gezählt, sicher nicht auf der Bühne, aber irgendwo dahinter. Und es kam sogar vor, dass er in der Kantine nur den Mitarbeiterpreis für das Bier zahlen musste, weil sein Gesicht inzwischen allen vertraut war. Dies waren dann die besseren Abende in Alberts Leben.
Umso fassungsloser war er, als der berühmte und von ihm eigentlich geschätzte Großkritiker einer noch berühmteren Großzeitung, der schon häufig sehr viel Freundliches über sein Theater geschrieben hatte, das jüngste Stück, das Albert ausnehmend gut gefallen hatte, ohne Gnade und mit deutlich lesbarer Freude verriss.
Diese Unverfrorenheit weckte in ihm ungeahnte Kräfte. Kaum gelesen, hockte er sich an den Tresen seines Lieblingsitalieners und hämmerte voller Wut eine „Richtigstellung“ in seinen Kleinrechner. Er sandte sie ab mit dem guten Gefühl, zumindest ein kleines Stück Welt heute Nacht gerettet zu haben.
Die Reaktion der Großzeitung war enttäuschend. Eine freundlich-standardisierte Eingangsbestätigung, dann eine Woche später magere drei Zeilen auf der Leserbriefseite, fast zusammenhanglos und entsprechend dämlich klingend. Und dann noch mit seinem Namen und denunzierend mit seinem Wohnort unterschrieben und ihn damit als lokalen Eiferer bloß stellend.
Albert war erschüttert, tief getroffen, schwer gekränkt in seinem sicheren Gefühl der Theaterkompetenz, erworben in fast zwanzig langen Zuschauerjahren. Aber was nun tun?
In seiner Not entsann er sich des Spielzeugs Facebook. Wenigstens hier sollte die Welt seine Gegenmeinung lesen können. Nachdem er zunächst mit den technischen Gegebenheiten kämpfte (er hatte in letzter Zeit ohnehin häufiger das Gefühl, dem technischen Fortschritt nicht mehr überall folgen zu können), gelang es ihm, den Text auf seiner Seite zu platzieren. Nun konnte die Welt Anteil nehmen. Zumindest der Teil der Welt, der sich für seine Hervorbringungen interessierte und realistisch betrachtet nicht gerade bedeutend war.
Als aber nach drei Tagen der Text immer noch jungfräulich auf dem Bildschirm prangte (offenbar gefiel er nicht mal denen, die sonst immer alles liken), zündete er die nächste Stufe. So sehr er sich einredete, dass das alles nur dem guten Zweck der Verteidigung seines Theaters diente, so klar war ihm insgeheim, dass es inzwischen um seine gekränkte Eitelkeit ging. Zurücksetzung und Ignoranz war er inzwischen auf vielen Feldern gewohnt und hatte gelernt damit zu leben. Aber das Schauspiel war die letzte Bastion seiner intellektuellen Würde, hier wollte er bitteschön ernst genommen werden!
Also: Auch das Theater hatte eine eigene Seite, und ob so gewollt oder zufällig, auch er konnte hier Texte einstellen. Das tat er, und siehe, immerhin eine umgehende freundliche Reaktion der Marketingabteilung war die Folge. Ging doch! Albert war erst mal beschwichtigt.

3 Der Erstling

Irgendwie schien sich sein Text von der Theaterseite aus weit verbreitet zu haben. Zwei Tage später standen ein Dutzend zustimmende Kommentare darunter, meist in der Facebook-üblichen Knappheit, die er nicht immer verstand, zudem prangten an die hundert Däumchen auf ihm. Das Theater hatte eine beachtliche internet-affine Fangemeinde, die sich offenbar ebenso wie er über den Verriss des Leitmediums geärgert hatte, zumal andere Zeitungen darauf aufgesprungen waren. Problem verschärfend kam hinzu, dass der blutjunge Hauptdarsteller, der jedoch schon einige Filme vorweisen konnte und seit neuestem seine Anhängerschar auch mit einer eigenen Band erfreute (von der beginnenden DJ-Karriere wollen wir gar nicht reden), ebenfalls schlecht wegkam in den Traktaten, was den Eifer der überwiegend weiblichen Theaterfans noch anstachelte. Albert war geschmeichelt über so viel Zuspruch, auch wenn er den Unterschied zwischen Koch und Kellner kannte.
Selbst der Intendant, der offensichtlich auch erbost war über den Verriss seines Lieblingsprojektes, zitierte ihn und die Internet-Debatte in der nächsten Theaterzeitung, mit dem süffisanten Hinweis, dass Berufskritiker nicht immer recht haben müssen und sein Publikum das Stück schon verstanden habe.

Hier geht es zum eBook:

https://www.xinxii.com/vom-aufstieg-und-fall-des-albert-ue-p-353150.html

Ein perfekter Sonntagabend

Da sitzt einer – Heiko „Hesh“ Schramm, u.a. coloRadio-Macher – auf der kleinen Bühne vom Blue Note in Dresden-Neustadt.
Und singt. Und spielt. Auf elektrischen Gitarren. Irgendwo zwischen Tom Waits und Leonard Cohen.
Und erzählt. Über Literatur, amerikanische. Truman Capote und Norman Mailer, Ihr wisst schon. Und auch über Mrs. Rowlings ersten „Erwachsenen-Roman“.

Das Ganze fügt sich zu einem Gesamtkunstwerk.
Was will man mehr, an diesem ersten Dezembersonntagabend, von interessierten Stellen auch „erster Advent“ genannt?

Ein wundersamer Abend.

Die Sache mit Isabella

Nun ist es soweit:
Nach unendlich langer Zeit habe ich fertig damit. Mein erstes Buch.Na gut, kein „richtiges“, ein eBook. Aber immerhin.

Hier: https://www.xinxii.com/die-sache-mit-isabella-p-347919.html

Und hier ein Auszug:

Die Sache mit Isabella

Not sorry
Cranberries

Keep on looking through the window again, …

You told me lies, and I sighed, and I sighed, and I sighed.
‚Cause you lied, lied, and I cried, yes I cried, yes, I cry, I cry, I cry again.

I swore I’d never feel like this again,
But you’re so selfish,
You don’t see what you’re doing to me,

I keep on looking through the window again.
No I’m not sorry if I do detest you.

Die Menschen, denen wir eine Stütze sind, geben uns Halt im Leben. Manchmal. Und wenn sie dann weg sind, fällt man ins Bodenlose.

Epilog vorweg
Diese eine erschrockene Geste, mit der sie hilflos ihr Gesicht zu verbergen suchte, als Diego sie am Dienstag danach zufällig nachmittags auf der Straße an der Hand eines Vollbarts sah, wird ihm immer in Erinnerung bleiben. Und das ist gut so. Genau das bleibt sein Bild von Isabella.
Vielleicht ließe sich das Drama vom ersten Juli-Wochenende noch halbwegs mit einer extrem eskalierenden Dreieckssituation erklären: Die Protagonistin kann sich nicht entscheiden zwischen dem, den sie zu lieben glaubt (und der sie mit Stoff versorgt) und dem, von dem sie weiß, dass er gut für sie wäre, vielleicht der Einzige, der sie rausholen könnte aus ihrem (bisher geheim gehaltenen) Sumpf.
Jenem passiert dann ein Kurzschluss, er steigert sich in seine Helferrolle hinein, entdeckt das ganze (?) Elend. Sie flüchtet in die Psychiatrie, er geht zur Polizei und zeigt den Konkurrenten an. Sie schlägt zurück, mit dem einzigen Mittel, das ihr bleibt.
Am Ende sind beide Verlierer, bei Shakespeare wären sie tot. Vom Dritten weiß man es noch nicht.
Nur, wie passt das zum Händchen-Halten mit einem Vierten am Dienstag Nachmittag? Broterwerb? Am Abend zuvor kennengelernt wegen Nachtasyl? Großer Bruder? Ist die Geschichte doch eine ganz andere? Wir werden sehen. Vielleicht.

Isabella Silbernagel hieß nicht immer so.
Sie hatte Diego zwar eine nette Story von ihrer jüdischen Abstimmung erzählt, aber in Wahrheit war sie eine geborene Sorge [der traurige Wortwitz fließt dem Erzähler nur schwer aus den Fingern]. Ihre Kindheit schien nicht glücklich gewesen zu sein, ihr Fixpunkt war die Oma, wenn man ihren Erzählungen trauen durfte. Ihren schönen Nachnamen hatte sie aus erster Ehe behalten, ebenso wie einen fast erwachsenen Sohn, der bei seinem Vater lebte. Dann gab es auch noch einen zweiten Sohn, woher auch immer, inzwischen ebenfalls weit entfernt von ihr.
All das fand Diego erst am Sonntag heraus, beim Sichten der seit Monaten ungeöffneten Post in ihrer alten Wohnung, zu der er den Schlüssel von ihr dann doch bekommen hatte. Und er begriff dort noch viel mehr.
Immerhin ihre Tochter Mia, der Diego gerne ein guter Ersatzvater gewesen wäre, lebte bei ihr. Und hier war – bis zu einem gewissen Punkt – auch alles stimmig, Diego sah keinen Grund, an ihr zu zweifeln. Und plante ein Leben mit Isabella.

Kapitel 1, ab August 2010

„Ich beobachte das Leben, und manchmal nehme ich daran teil.“

In diesen Tagen nach jenem tragischen Wochenende, als der Schock bei Diego langsam nachließ, dachte er oft daran, wie alles angefangen hatte.
Diego war fast vier Jahrzehnte verhaltensunauffällig gewesen.
Dann warf ihn eine traurig endende Liebe aus den lange gewohnten Bahnen, er landete schließlich in der hier so genannten Republik. Und begann eine neue Existenz, die im Wesentlichen aus der mehr oder weniger erfolgreichen Suche nach einer neuen Partnerin fürs Leben oder zumindest für eine Woche bestand.
Hierbei lernte er viel, vor allem über sich, machte schöne und traurige Erfahrungen. Vor allem Frida und Tausendschön prägten sein erstes Jahr, beide verlor er aber wegen seiner Unstetigkeit. Vielleicht hatte es auch einfach nicht für mehr gereicht.
Zu Beginn dieser Erzählung war er gerade wieder frisch verliebt in Brigitta, die er auf recht seltsame Art kennengelernt hatte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Trotz der seit nun schon vierzehn Tagen andauernden aufregenden Verbindung mit Brigitta streunte Diego nachts über die Inseln der Republik. Ohne wirkliche Absichten, bisschen den Marktwert testen vielleicht. Und die Zeit des Urlaubs vertreiben bis zur nächsten Begegnung mit ihr.
Es kam wie es kommen musste. Isabella hatte ihm gewunken mit den Äugelein, und Diego war geschmeichelt über das Interesse einer so schönen Frau. Ein kurzer Plausch, ein paar Tänze, ein vorsichtiger Kußversuch (eher erfolglos). Dann entschwand sie in die Nacht.
Er war überrascht von der sms am nächsten Mittag, fing aber sogleich Feuer.

Isabella(12/8):
Eigentlich ungewöhnlich, für jemand der offensichtlich arbeitend ist, solange beim Älternabend auszuharren… 😉 Gruss Isabella

Diego (12/8):
Naja, das trau ich mir auch nur im urlaub. Du warst aber auch ungewöhnlich an diesem ort: du bist doch eher der dienstags-saloppe-typ, oder? Gruß, Diego

Isabella(12/8):
Nein nicht ganz… eher die gelegentlich zu Electro tanzende Showboxx Typin, falls man das so nennen kann… 😉

Diego (12/8):
Tatsächlich? Da lag ich ja richtig daneben. In der box war ich noch nie, aber egal, bin ja tolerant. Und sonst so?
(ich sitz übrigens heute nachmittag in der republik rum, falls du das mit dem kaffee ernst meintest, könnte man das gleich erledigen)

Isabella(12/8):
‚Erledigen‘? Ich brauch heute noch ein wenig Ruhe, das ist mit fast vierzig so und irgendwann auch nicht mehr von der Hand zu weisen… wie wäre es mit morgen?

Diego (12/8)
Huch, schon wieder daneben. Ich hätte dich dem studentenvolk zugeordnet, wenn ich mal so plump komplimentieren darf. Aber auch das ist akzeptabel (vor allem, wenn man selbst ähnlich drauf ist).
Morgen ist es ein wenig schwierig, aber da ich samstag für ein paar tage wegfahr, würd ich die chance gern nutzen. Geht um vier bei dir? Irgendwo hier?

Isabella(12/8):
War ja auch ziemlich dunkel da drin, so dass graue Haare und Falten außen vor blieben… morgen dann… um vier, das müsste ich schaffen. Wo treffen wir uns?

Diego (12/8):
Wenn das wetter gut ist, am selben orte wie heute nacht? Da sitzt man auch tagsüber ganz nett. Ansonsten irgendein cafe, ich trink gerne schokolade. Wir können uns ja trotzdem hier treffen.
Und falls dein ruhebedürfnis doch nicht so groß ist: gerne auch heute noch spontan. Wär für mich entspannter als morgen, ich hab da nur eine gute stunde. Aber es geht auch.
Bis dann, Diego

Isabella(12/8):
Ich wohne nicht in der Neustadt, deswegen etwas ungünstig mit dem spontan sein. Wir machen das morgen einfach so, indem wir uns vor der Insel treffen… Gruss Isabella

Diego (12/8):
Na gut. Dann ruh dich mal schön aus. Bis morgen, ich freu mich. D
Frauen haben keine Jahresringe, immer schwer zu schätzen, ob knapp volljährig oder schon eine Weile auf dem Markt. Im Falle von Isabella war das ohnehin egal: Sie erschien in einem atemberaubenden Kleid, ihre braunen Kulleraugen harmonierten sehr schön mit ihren langen Haaren und ihrer sonnengebräunten Haut, und die Figur erst … Diego hatte Mühe, sein Begehren halbwegs zivilisiert zu zeigen.

Diego (13/8):
Hm … War offenbar so beeindruckt, dass ich auf dem heimweg gleich einen blechschaden fabriziert habe. Aber war nicht so schlimm.
Danke für die schöne stunde.

Isabella(13/8):
Oh, das tut mir aber leid! Ich fand es auch sehr angenehm… 🙂 entspannten Abend Dir noch, Isabella

Problembär, der er war, musste er natürlich sofort Grundsätzliches klären.

Diego (14/8):
Entschuldige die späte störung, die du ja hoffentlich erst morgens bekommen wirst. Ich sitz noch im note und denk über dich nach. Ich bin sehr begeistert von dir, soviele gemeinsamkeiten … Leider habe ich ein talent, menschen am ende unglücklich zu machen mit meinem unsteten leben. Ich leide jedesmal mit und will das nicht mehr.
Ich seh dich sehr gern wieder, aber … Sei vorsichtig. Ich kann mich manchmal selbst nicht leiden, aber auch nicht raus aus meiner haut.
Trotzdem freu ich mich sehr auf dienstag abend. Diego

Isabella(14/8):
Man kann niemand unglücklich machen, der es eh schon vorher war – ich bin es nicht! In diesem Sinne bis Dienstag…

Diego (14/8):
Das ist aber ein schwieriges gleichnis … Da haben wir ja was zu reden am dienstag. Freu mich sehr drauf. D
PS: dein kleid heute war wirklich hinreißend.

Die ersten Irritationen kamen prompt. Geschah ihm recht.

Isabella(14/8):
Danke! Ich hoffe, dass Du eine Frau findest, für diese und kommende Nächte – im Blue Note, nicht ungewöhnlich – wenn, mir auch ganz Recht… 🙂

Diego (14/8):
Das note hat zwar diesen ruf, aber das stimmt nur bedingt.
An sowas hab ich auch kein interesse (mehr). Bin da ein bißchen übersättigt.
Wo bist du grad? Irgendwie hab ich das gefühl, wir könnten heute nacht noch schön an der elbe sitzen und auf das viele wasser schauen.

Isabella(14/8):
Ich liege in meinem Bett, da, wo ich hin gehöre und da bin ich auch gern mal allein…

Diego (14/8):
Ja, war ja nur so eine idee .. Bin wirklich sehr begeistert von dir, hab aber die sorge, was falschzumachen. Schlaf dann mal, mir bleiben die bilder von heute u. d. vorfreude auf dienstag. Das ist ja immerhin was.
Nochmal PS: du hast mich wirklich erwischt mit dem kleid. Hat mir echt den atem genommen.

Verdiente Belohnung für seine Euphorie war ein Abend einige Tage später. Heiße Küsse, wenn auch noch ohne Höhepunkt(e). Dasselbe am nächsten Abend, an dem er sich wirklich wie ein Idiot fühlte. Diego saß mit ihr abends am Fluss, alles war schön, an sich. Aber irgendwie fand er nicht ins Spiel, wie die Fußballfraktion sagen würde. Immer diese Ur-Angst, zurückgewiesen zu werden, das kannte er schon seit der Pubertät. Diego stand sich halt gerne selber im Weg. Traute sich auch kaum, den Arm um sie zu legen, geschweige sie zu küssen. Brachte sie dann irgendwann frustriert nach Hause, nannte sich einen Vollidioten.
Es gibt solche Tage. Zu viele, wie er fand. Aber es wurde verziehen.

Isabella(19/8):
Ich hab Dir noch mal kurz ne Mail geschickt, falls Du noch nicht schläfst, oder noch unterwegs sein solltest… 😉

Diego (19/8):
Danke für sms und mail, das hat mich getröstet. Ich kam mir heute ziemlich tollpatschig vor, war nicht so mein tag. Freu mich aufs nächste mal!

Isabella(19/8):
Ich fand das sehr authentisch und vor allem wichtig: entspannt. 🙂

Diego (19/8):
Naja, gut wenn es so wirkte. Und gut, dass du es so siehst. Schlaf schön, ich merke jetzt auch die lange nacht.

Dann der Abend, an dem sie ihn erhörte.

Ab sofort online.