Getagged: Schauspiel

Beim Barte des Kaisers

„Der Untertan“ von Heinrich Mann am Staatsschauspiel Dresden, 7. September 2018, Premiere der Spielfassung von Jan-Christoph Gockel (Regie) und Julia Weinreich

Diederich Heßling war ein weiches Kind, wie wir alle wissen, aber er blieb es nicht. Oder besser, er glaubte dies kompensieren zu müssen, mit den bekannten Ergebnissen. Man muss nicht Freud bemühen, um zu wissen, woher der ganze Kaiserschmarrn also kam.

Die Dresdner Theaterfassung nutzt eine Diedel-Puppe als alter Ego des Heßling und eröffnet damit weite Möglichkeiten für die psychologische Ausleuchtung der Figur. Immer wieder beeinflusst die Puppe Diederichs Handlungen, lenkt ihn auf den Pfad, der ihm vorbestimmt scheint: Ein treuer Untertan des Kaisers und ein absoluter Herrscher in seinem eigenen kleinen Reich.

So prallt auch die letzte Versuchung an ihm ab, die Geliebte Agnes wird abserviert, mit der islamistisch klingenden Begründung der fehlenden Jungfräulichkeit. Die Dialektik des Patriarchats hat gewonnen.

Aber von vorne: (hier)

http://www.kultura-extra.de/theater/veranstaltung/premierenkritik_DerUntertan_staatsschauspielDD.php

 

Advertisements

Es kann nur Eine geben

„Maria Stuart“ von Friedrich Schiller, Regie Barbara und Jürgen Esser, Premiere am 17. April 2015 im Gerhard-Hauptmann-Theater Zittau


Wenn man dem Regieansatz folgt, die die Königinnen als Männerwerk- und Spielzeug sehen will, ergibt das Ganze inszenatorisch großen Sinn, wenn nicht, muss man zumindest die Stringenz der Regie anerkennen.

http://www.kultura-extra.de/theater/spezial/premierenkritik_mariastuart_ghtzittau.php

Warten auf das Geld

Kriegsmutter“, Tragödie von Data Tavadse, Übersetzung Natia Mikeladse-Bachsoliani, Regie Piotr Jedrzejas, deutsche Uraufführung am 20. Februar 2015 im Gerhard-Hauptmann-Theater Zittau

Dem Autor gelingen erstaunliche Sätze zum Krieg, Sätze, die wohl nur jemand finden kann, der aus eigenem Erleben schöpft. Sein Ansatz erinnert zuweilen an Beckett, ohne jenen zu plagiieren, da verzeiht man auch einige dramaturgische Unplausibilitäten zum Ende hin. Kammerspielartig wird über die Dialoge vom Krieg erzählt, es braucht keinen Schlachtenlärm dazu, die zurückhaltend-szeneriegerechte Musik von Slawomir Kupczak und die schäbig-raffinierte Bühne von Jan Kozikowski ermöglichen eine Umsetzung auf meist leise Art, das Regieteam vom polnischen Partnertheater leistete eine respektable Arbeit.

http://www.kultura-extra.de/theater/spezial/urauffuehrung_datatavadze_kriegsmutter.php

Götter fallen vom Himmel

„Kleider machen Bräute – Ein Shakespeare von den Amazonen“, Buch und Regie Peter Förster, gesehen am 31. Juli 2014 im Bärenzwinger Dresden

Das ausdauerndste Sommertheater Dresdens (rekordverdächtig mit 42 Aufführungen in siebeneinhalb Wochen) hat auch in diesem Jahr ein neues Stück auf Lager, die bewährte Rezeptur lautet Vermischung von (mindestens) zwei Klassikern, gut verrührt mit reichlich Blödelei und einer Prise aktueller Bezüge. Der Impresario Peter Förster hat mit den Werken der letzten Jahre (herausragend für mich „Zar und Zimmermädchen“ aus 2011 und „Eine für Alle“ vom Vorjahr) die Latte sehr hoch gehängt, was diese besondere Art von Theater angeht. Aber jedes Mal Weltmeister werden ist schwierig, wie man an diesem Abend merkt.

Diesmal also ein Potpourri der griechischen Sagen, die Geschichte dreht sich im Wesentlichen um Zeugung und Heldentaten des Herkules. Mit etwas gutem Willen lässt sich auch Shakespeare mit dem „Sommernachtstraum“ als Pate ansehen, insofern geht der Untertitel des Stücks dann doch irgendwie in Ordnung, obwohl Förster bei seiner gewohnt launigen Einführung jedweden Bezug zum Inhalt verneint und stattdessen auf Marketing-Notwendigkeiten verweist. Die Geschichte von der Saalrunde, die beim Telefonklingeln fällig wäre und die bislang als Einziger der Meister selber zahlen musste, ist – wenn schon nicht wahr – dann zumindest sehr gut ausgedacht. Dass man zuvor die Karten am Einlass beim Direktor höchstselbst kaufen konnte, macht einen Teil des Charmes dieses Sommertheaters aus, und der (seit einigen Jahren überdachte) Innenhof des Bärenzwingers ist eine ideale Spielstätte für diesen Zweck.

Außer Tobias Wollschläger ist niemand mehr vom letzten Jahr dabei, was jenen seine Haupt- und Platzhirschrolle gebührend herausstreichen lässt zu Beginn. Doch die vier anderen können mithalten, Benjamin Elstner muss bei der Vorstellung einen albernen Witz über seine Herkunft („aus dör Nöhe von Ölsterwörda“) erdulden, den Damen Guylaine Hemmer, Christine Scheibe und Cathrein Unger bleibt solche Pein gottlob erspart. Alle liefern eine solide Leistung und werden (fast zu) oft mit Szenenapplaus des lachfreudigen Publikums im nahezu vollbesetzten Rund belohnt.

Nur das Stück selbst kommt irgendwie nicht in die Gänge. In Theben erscheint Zeus der Alkmene in Gestalt ihres vom Einsatz in Troja zurückerwarteten Gatten Amphitryon und zeugt bei dieser Gelegenheit Herakles, auch als Herkules bekannt. Hera (die in dieser Interpretation erst später von Zeus geehelicht wird) hat ihn zuvor in der Asservatenkammer des Olymp passend eingekleidet. Die Täuschung fliegt schnell auf, als der richtige Amphitryon heimkehrt und seine Hausschuhe begehrt, doch die normative Kraft des Faktischen wirkt auch hier, Sohnemann Herkie weiß nichts von seiner höheren Abstammung und hat Vati und Mutti lieb.
Dessen Geburt erfolgt anfangs unter dem Kommando einer mehr als resoluten Hebamme, die dann aber lieber hinwirft und Ernährungsberaterin wird, nicht ohne zuvor allen überbesorgten Müttern beiderlei Geschlechts noch ordentlich eins mitzugeben. Stellenweise ist das witzig, aber es fehlt an einer Story, die Szenen stehen nur nebeneinander.
Dass Zeus sich dann während der Werbung um Hera dem Publikum gegenüber als „Meister der Flitterwochen“ bekennt, der den Brautstrauß bei der Hochzeit immer selber fängt und mit dem „Danach“ nichts mehr zu tun haben möchte, zählt zu den hübschesten Momenten im Stück. Nur Hera ahnt davon noch nichts und wiegt sich in den Illusionen einer Götterbraut.
Bis zur Pause finden noch einige preiswerte Witzchen ihr dankbares Publikum.

Danach geht es mit Mitmachtheater weiter, die (korrekt zitierten) zwölf Aufgaben des Herkules, die die verschnupfte Hera dem Zeus’schen Balg stellt, sollen und wollen mit „Ah“, „Oh“ und „Hmm“ gewürdigt werden. Das funktioniert hervorragend.
Im Gegensatz zur klassischen Vorlage darf der Held die Reihenfolge frei wählen, und nachdem – wir springen dramaturgisch ein wenig – elf bewältigt wurden, bleibt als letzte die Beibringung des Gürtels der Amazonenkönigin übrig.
Ein feudales Frauenbild (Zeus) trifft auf gender mainstreaming (Herkules), die Schauspielerinnen haben dann Gelegenheit zum Kostümwechsel und zu einem fulminanten Chorauftritt von aggro bis spirituell. Die eigentlich dem Paris zukommende Fangfrage nach der Schönsten von den Dreien wird hier Herkules gestellt, als Schnäppchen gibt es dazu wahlweise die Weltherrschaft, die Weisheit oder die Liebe zu gewinnen. Herkules versucht sich in Pluralismus und erfindet die Schwarmschönheit („Ihr Drei seid die Schönste“). Gute Idee, aber leider nicht praxistauglich. Oder die Welt ist noch nicht bereit, wie Tocotronic schon vor Jahrzehnten treffend feststellten.

Zeus hängt inzwischen in der automatisierten Warteschleife des Orakels von Delphi („Ich habe Sie leider nicht verstanden“), für mich die beste Szene des Stücks.
Irgendwie fügt sich alles aber doch, Herkules kehrt mit dem Gürtel heim, in welchen sich noch die in Liebe zu ihm entbrannte Amazonenkönigin Hyppolyte befindet. Beim großen Finale werden die Familienverhältnisse geklärt, Herkules wird zum Halbgott befördert, lehnt dies aber aus moralischen Gründen ab und bekennt sich zum Stiefpapa Amphitryon. Zeus, Gott und Mistkerl in Personalunion, hat jetzt einen schweren Stand, und während Hyppolyte und Herkules sich zum Happy-End finden und Hera und Athene einfach so weitermachen, droht er vom Himmel zu stürzen.
Aber so heiß wird das sicher nicht gegessen, und mit einem versöhnlichen Goethe-Vers zum Thema endet das Spektakel.

Sehr heftiger Beifall einschließlich des gefürchteten Im-Takt-Klatschens erschallt. Der Begeisterung kann ich mich jedoch nur bedingt anschließen. Sicher, der Abend ist stellenweise unterhaltsam, die schauspielerischen Leistungen sind sehenswert, aber es gab dann doch auch große Längen, ein Handlungsfaden war kaum erkennbar.
Doch man kann sich gern selbst ein Bild machen: Noch bis zum 7. September täglich außer Montag, immer 20 Uhr im Bärenzwinger unterhalb der Brühlschen Terrasse.

Theater von unten – Zwischenrufe aus dem dunklen Parkett

Eine Sammlung subjektiver Schauspielberichte aus Dresden seit der Spielzeit 2011

Anstelle einer Inhaltsbeschreibung zwei Vorworte:

1. Fiktives Vorwort einer imaginären Fachkraft

Was soll das denn?
Nicht nur, dass sich diese Teichelmauke erdreistet, im Revier der hehren Theaterkritik zu wildern (als eine Art IKEA im gediegenen Möbelmarkt), nun fasst er diese Ärgernisse auch noch digital zusammen und wirft sie in die Welt. Das will doch keiner lesen!

Und wenn doch, entspringt dieser Wille nur mangelnder Ernsthaftigkeit im Umgang mit dem hehren Medium Theater, zu dem man sich nur (!) eine Meinung bilden kann, wenn man zumindest Geisteswissenschaften studiert hat und jedes Stück aus dem Schauspielführer schon mindestens dreimal sah, davon einmal durch die Herren Reinhardt, Peymann, Stein, Konwitschny, Thalheimer, Petras, Kriegenburg, Pollesch oder den vielen Hartmännern inszeniert. Erst dann kann man mitreden.

Diese Teichelmauke (Schon der Name! Albern!) kann dies nicht aufweisen. Er stammt „aus der „Mitte des Parketts“, wie er selber theatervolkstümelnd schreibt. Was soll denn das bringen?
Natürlich spielt das Publikum am Theater eine Rolle. Aber doch keine aktive! Dessen Aufgabe ist es, andächtig zu lauschen und zu schauen, möglichst wenig zu husten und am Ende mit stürmischem Beifall das Stück abzurunden. Auch Bravo-Rufe sind erlaubt, sofern der zuständige Kritiker der Inszenierung seinen Segen gegeben hat. So war es immer, und so soll es bleiben.

Und nun kommt einer daher, der zugegebenermaßen oft im Theater zu finden ist (aber Masse erzeugt noch lange keine Klasse, mein Freund!) und schreibt auf, was er erlebte. Clevererweise nennt er das weder Rezension noch Kritik, trotzdem ist das reine Produktpiraterie. Die Chinesen sind nun also auch im Theater angekommen.

Aber man kann es ja nicht verhindern. Heute kann jeder veröffentlichen, was er will. Und wenn nun auch auf über hundert Seiten über fünfzig Stücke „besprochen“ werden, es wird den Lauf der Theatergeschichte nicht verändern.

2. Vorwort der Teichelmauke

Ja, sicher. Soll es auch nicht. Na und?
Der Ansatz ist auch eher selbstbezogen.

Wenn man – mit steigender Intensität – seit fünfzehn Jahren immer wieder ins Theater geht, kommt irgendwann der Moment, wo man trotz des sich selbst eingestandenen Dilettantismus glaubt, ein bisschen mitreden zu können. Und wenn es dann noch so eine großartige Initialzündung wie den Dresdner „Don Carlos“ gibt, die einen dazu bringt, seine tiefen Eindrücke irgendwie zu Datei zu bringen, kann das durchaus dazu führen, dass man dieses Hobby weiter pflegt, auf verschiedenen Plattformen seine Betrachtungen unters interessierte Volk bringt und sich fürderhin als „Bürgerrezensent“ begreift.
Wenn es eine Bürgerbühne gibt, die Laien zum Spielen bringt, kann es auch so weit kommen, dass Laien über das Theater schreiben. Es ist mit allem zu rechnen, seitdem die Chefredakteure nicht mehr die alleinige Hoheit über das haben, was veröffentlicht wird.

Meine Texte sind Beiträge, nicht mehr. Ich füge meine Meinung den Bewertungen der „offiziellen“ Kritiker hinzu, wenn auch mit geringerer Reichweite. Aber das ist ok, es geht ja nicht um Bekehrung oder um Deutungshoheit. Eigentlich …, eigentlich mach ich das nur für mich. Aber ich lasse andere, die es vielleicht interessiert, daran teilhaben.

Was allerdings vielleicht ein Alleinstellungsmerkmal darstellt, sind meine Bestandskritiken. Wer schreibt schon über Repertoirestücke? Eigentlich aus der Not geboren – ich kann nun mal nicht bei jeder Premiere dabei sein – hat sich dies zu einem netten Hobby entwickelt.

Und nun gibt es halt gesammelte Werke. Der erste Akt ist dem Staatsschauspiel Dresden gewidmet, dessen Hervorbringungen meine theatrale Hauptspeise in den letzten Jahren war. Ein geplanter zweiter Akt soll dann die Gastspiele beleuchten, und das reizvolle weite Umland von Dresden.

Und: Man sollte das alles nicht so hoch hängen. Kunst soll Spaß machen. Und das Schreiben darüber auch.
Ich zumindest hatte den, und das wünsche ich den geneigten Lesern auch.

Hier zu finden:
https://www.xinxii.com/theater-von-unten-p-353248.html