Kategorie: Radio

Ungeschriebene Überschriften zum Abschied

Hartmut Krug befragte am 21. Juni 2015 die Dresdner Intendanz zu ihrer letzten Spielzeit

Am Ende bekannte der von Deutschlandfunk und –radio sowie Nachtkritik bekannte Theaterkritiker, dass ihm der neue Spielplan gefalle. Das war schon deutlich mehr als das übliche „nicht gemeckert ist auch gelobt“ und sicher nicht nur der Höflichkeit des Gastes geschuldet.

Wilfried Schulz und Robert Koall, die offenbar nur als Tandem vorstellbar sind und deren Jahrzehnt am Staatsschauspiel leider unvollendet bleiben wird, ließen sich von Harald Krug in einer Sonntags-Matinee vor immerhin 300 Zuhörerinnen – von denen den meisten das frühe Aufstehen altersbedingt sicher nicht schwergefallen war – zum Programm der kommenden Spielzeit (ihrer letzten hierzulande) befragen. Bei solchen Gelegenheiten verblasst des Kritikers Schärfe, und so waren von Herrn Krug mit Ausnahme der Genugtuung über den Verzicht auf ein Jelinek-Stück nur Freundlichkeiten zu hören. Im Übrigen beschränkte er sich darauf, die passenden Stichworte in den Raum zu stellen, auf dass sich einer der Herren dieser annähme, und – für einen Radiomann erstaunlich – mit dem Mikrofon zu kämpfen. Aber im Sender sind die wohl alle angeschraubt, und auch ein Kritiker hat nur zwei Hände.

So launig, wie es hier klingt, waren die anderthalb Stunden nicht, und das war gut so. In den letzten Monaten passierte nicht viel Spaßiges vor der Tür. Dass das Theater darauf reagiert, war nicht überraschend, gespannt konnte man auf die Mittel sein, mit denen das geschehen wird.
Traditionell gibt es kein Spielzeitmotto in Dresden, aber doch imaginäre Überschriften. In der für die künftige Spielzeit kommen die „Werte“ an maßgebender Stelle vor, auch „verhandelt“ und „befragt“ wird häufig werden. Nicht zuletzt wird auch der Abschied eine Rolle spielen, ohne das jetzt alles in einen Satz pressen zu wollen. Allgemein gäbe es ein großes Bedürfnis im Haus, über Aktuelles zu sprechen, die Beschäftigung mit der Gesellschaft steht wieder im Mittelpunkt, „wie wollen wir leben“ wird oft gefragt werden.

Die gewöhnlich richtungsweisende Saisoneröffnung wird „Maß für Maß“ von Shakespeare sein, ein wenig bekanntes Stück, in dem es um Werte und deren Verhandelbarkeit geht. Tilmann Köhler wird sich in seiner letzten Saison als Hausregisseur (das Adjektiv „letzte“ war das meistgebrauchte an diesem Vormittag) diesem Stoff annehmen.
Damit beginnt auch eine Serie der Gerichtskulissen, ein halbes Dutzend Stücke wird in der nächsten Saison diesen Hintergrund haben. Prominentester Vertreter ist dabei sicher „Terror“ von Ferdinand von Schirach, ein laut Koall „Lehrstück in Meinungsbildung“, das in der nächsten Saison bundesweit häufig inszeniert wird und in Dresden von Burghart Klaußner nicht nur auf die Bühne gebracht, sondern auch in maßgeblicher Rolle gespielt wird. (Von dem anekdotisch erzählten Ansatz, diese Inszenierung im sächsischen Landtag aufzuführen, ist man gottlob wieder abgekommen.)

An weiteren prominenten Namen mangelt es auch in der nächsten Saison nicht: Matthias Hartmann, der vom Burgtheaterhof Gejagte, macht den „Idioten“ von Dostojewski, begibt sich auf die Suche nach dem großen Erzähltheater und berichtet vom schwierigen Bewahren der eigenen Identität. Passt.
Volker Lösch erscheint wieder, belebt seinen Bürgerchor neu und zeigt mit diesem den Aussteiger „Graf Öderland“ von Max Frisch. Er darf sogar den Titel um „Wir sind das Volk“ ergänzen, was zu Dankesworten an den Suhrkamp-Verlag und die Erben führte, die sich offenbar anders als die Brecht-Hintersassen ihrer geistigen Erbschaftssteuer nicht verweigern.
Nicht zuletzt wird Roger Vontobel erneut in Dresden inszenieren, diesmal eine Uraufführung von Martin Heckmanns, „Die Zuschauer“. Um ebenjene soll es gehen, die sich dann von der Bühne aus selbst im Parkett betrachten sollen, in atmosphärischen Szenen mit Sprachfetzen aus dem Foyer, wie Schulz verriet. Das wird eng, nicht nur mit den Karten dafür.

Der Wagner-erprobte Sebastian Baumgarten stellt sich den „Nibelungen“ von Friedrich Hebbel und wirft mit diesem urdeutschen Stoff einen Blick auf die Gegenwart, fragt nach, wie Hass entsteht und eine Gesellschaft zerfällt. Auch wegen seiner mehrfach nachgewiesenen Medienkompetenz darf man sich auf diese Umsetzung freuen.
Ebenfalls – wenn auch andere – Vorfreude erzeugte die Ankündigung des Schwankes „Raub der Sabinerinnen“, nicht nur beim Kritiker Krug. Das Stück sei der Albtraum des Intendanten, weil man das mit Leichtigkeit vor die Wand fahren könne, bekannte Wilfried Schulz. Aber bei der Regisseurin Susanne Lietzow wird das sicher nicht passieren.

Wolfgang Engel hält auch in der kommenden Saison mit einer Inszenierung den Kontakt zum Haus, das er dann interimsweise gemeinsam mit dem KBB-Chef Jürgen Reitzler für eine Spielzeit übernehmen wird. Es gibt – nicht unerwartet – den „Nathan“ im (gar nicht so) Kleinen Haus, eine Abhandlung über Toleranz soll es werden.
Ebenfalls im KH wird gezeigt, was die montags gern prophezeite Islamisierung des Abendlandes bedeuten würde: Michel Houellebecq hat im letzten Jahr mit „Unterwerfung“ eine Satire geschrieben, die für die Bühne freigegeben ist und – trotz anfänglicher Bedenken des französischen Verlags – auch in Dresden gezeigt werden darf.
An diesem Beispiel machte Schulz die „gnadenlose Naivität“ der Dresdner Politik deutlich, der immer noch nicht bewusst wäre, welche Außenwirkung die hiesigen rechtspopulistischen Aufmärsche hätten. Dort glaube man, mit Aussitzen und Verdrängen und dem Verweis auf das Hochkulturetikett die Stadt schon schadfrei zu halten, auch im Diskussionsprozess zur Bewerbung um den Kulturhauptstadttitel. „Wir haben ein Problem“ müsse – wenn überhaupt – die Botschaft lauten (nicht „Mirsinmir“, meint Teichelmauke. Diese Idee kann man ohnehin inzwischen leider nur noch als putzig bezeichnen).
Auch das aktuelle Griechenland-Bashing weitester Teile von Politik und Medien bekam die verdiente Zuschreibung „widerlich“, es lasse sich eigentlich nur mit Kulturlosigkeit begründen. Diese klaren Ansagen von Schulz (und Koall) zur aktuellen Situation werden uns fehlen, die beiden lassen da sehr große Stiefel stehen.

Drei Bürgerbühnen-Projekte wurden noch besonders hervorgehoben: Zum einen (auch hier „zum letzten Mal“) mit „Herr der Fliegen“ ein großes Jugendprojekt, zum anderen mit „Morgenland“ ein Einblick in die andere Welt, die der Weltsprache Arabisch, mit Dresdnern, die diese als Mutter- oder Zweitsprache sprechen.
Einigen Raum nahm noch das geplante Dynamo-Stück ein, welches nun nicht „Leben, lieben, leiden“ heißen wird, weil der Slogan der inzwischen verbotenen Schlägertruppe „Faust des Ostens“ zugerechnet wird. Nicht nur Robert Koall fand aber, dass man sich solche Theatersätze nicht von irgendwelchen Deppen nehmen lassen sollte.
Und vieles konnte nur angerissen werden, wie das „Kohlhaas“-Projekt des Schauspielstudios mit Fabian Gerhardt als Regisseur oder die geplante Passantenbeschimpfung von Christian Lollike in der Dresdner Innenstadt, der zudem noch mit der Uraufführung „Die lebenden Toten“ einen Beitrag zur Flüchtlingsdebatte liefern wird.
Eine Neuigkeit gab es aber noch zu hören: Statt des „Felix Krull“ wird es im Dezember die „Drei Männer im Schnee“ von Erich Kästner geben, ein Abschiedsgeschenk der Intendanz an das Publikum. Ich soll es aber noch nicht verraten.

„Und das Schiff legt ab“ …, so heißt im italienischen Original die letzte Premiere im Schauspielhaus, nach dem Film von Federico Fellini, etwas unglücklich auf „Das Schiff der Träume“ eingedeutscht. Mit dieser Arche würde er dann am liebsten auch in Düsseldorf ankommen, bekannte Schulz.
Hoppla. Was assoziiert man bei Arche? „Nach mir die Sintflut“?
So war das bestimmt nicht gemeint. Herr Schulz hängt schon an dem, was er hier mit Robert Koall, aber auch mit vielen Anderen aufgebaut hat. Völlig zu recht.

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Thälmannstraße 89/6: Es endet ordnungsgemäß

6.10., Draußen

Helmstedt ist bewegt, auch vom Pech der über Prag Geflohenen, an den großen Momenten in Leipzig und anderswo nicht mehr teilnehmen zu können. Die saßen im Aufnahmelager und zuhause wurde Geschichte geschrieben.
So geht es auch Markus, seit drei Wochen hängt er in Gießen fest, das sich in den wesentlichen Dingen kaum von der DDR unterscheidet. Immerhin bekommt er nach langem Schlangestehen seine Mutter an das Telefon. Und während er vor allem wissen will, was denn jetzt daheim los wäre, so viele Menschen auf der Straße, hat die Mutter andere Sorgen. Schließlich erzählt sie ihm trotz Verbots von seiner kommenden Vaterschaft.
Der geschockte Markus kann auch mit Johanna sprechen und sie stammelnd bitten, zu ihm zu kommen, doch es ist zu spät: Das Mädchen kann ihm den Weggang nicht verzeihen und wird mit Jens zusammenbleiben. Markus ist draußen, in allen Beziehungen.
Eine berührende Folge war das heute, trotz der vielen Tränen.

8.10., Der Direktor ist nackt

Die begonnenen Geschichten müssen zu Ende geführt werden, es ist die vorletzte Folge und das Thema „Wendehals“ ist noch nicht ausreichend behandelt. Doch zuvor zanken sich Bentwisch und Helmstedt mal wieder, diesmal, ob der Mauerfall der Höhepunkt der Wende war. Geschichtsbücher helfen da nur bedingt, es ist eher eine Ansichtssache.
Die Handlung springt derweil ein Stückchen, Direktor Rothe ist inzwischen nicht mehr rot, sondern voller Empörung aus der Partei ausgetreten. Die von ihm im September wegen politischer Unzuverlässigkeit beurlaubte Frau Wagner (ja, die Mutter von Markus, die Welt ist auch in Leipzig klein) soll wieder unterrichten dürfen, was sicher auch dem wendigen Ex-Genossen gut anstünde. Doch jene lässt ihn abblitzen, der Dialog zwischen den beiden ist ein hübsches Kabinettstückchen und bisher einer der Höhepunkte der Serie.
Das findet auch Helmstedt, und da ist es zu „Helmut“ bzw. „Jens“ nicht mehr weit. Nun wächst zusammen, …
Nach den anfänglichen Irritationen find ich es allmählich schade, dass morgen schon die letzte Folge kommt, passend zum entscheidenden Montag, dessen Bedeutung auch nur noch die Hälfte der Deutschen kennt, wie die Nachrichten wenig später vermelden.

9.10., Ein Happy-End und noch ein zweites

Nun kommts dicke. Showdown am 9. November in der Wohnung von Frau Wagner, deren Ausreiseantrag – die Mutter will zum Sohne – in Weltniveau-Tempo bewilligt wurde. Dem frischen Paar Johanna und Jens ist dies nicht wirklich recht, Omas waren schon damals zur Bewältigung des Lebens mit Kleinkind unverzichtbar. Aber ein Grund zum Sekt köpfen ist es trotzdem.
Da steht plötzlich der Grund der Ausreise vor der Tür, Markus, der seinerseits einen dringenden Grund zur Einreise hat, seine anstehende Vaterschaft. Johanna aber bleibt konsequent.
Doch ehe sich diese Konstellation zum Drama ausweiten kann, hat Schabowski seine berühmten Worte genuschelt, was in der Folge u.a. zu Nachtwanderungen und zu vielfachen „Waaahnsinn“-Rufen führte. Nun fließt wirklich Sekt bei Wagners, wenn auch nur über den Fußboden.
Ende offen, zumindest im Privaten? Im Prinzip ja, doch die Rahmenhandlung bietet die Auflösung: Jens Bentwisch ereilt ein Anruf von Johanna, ja, jener Johanna, Ehefrau seit fast 25 Jahren. Helmstedt kommen mal wieder die Tränen vor Rührung.

Tschüss, Johanna, tschüss Jens, tschüss alle anderen. Wir haben erst gefremdelt, aber uns dann doch angefreundet. Wäre spannend zu erfahren, wie ihr durch die Nachwende kommt, und wer weiß, vielleicht hört man sich ja mal wieder.

Thälmannstraße 89/5; Die Wende im Großen und im Kleinen

Thälmannstraße 89/5; Die Wende im Großen und im Kleinen

Montag, 29.09., Wenn der Vater ohne den Sohn …

Eingangs erfahren wir die Hintergründe von Helmstedts persönlicher Betroffenheit: Der Flurfunk sagt, wenn er diese Serie wieder vergurkt, wird er nach Görlitz versetzt. Andere wären froh, aber der Doktor weiß das nicht zu schätzen und lässt sich von Bentwisch trösten. Beide wirken auf mich immer mehr wie Holm und Jensen von der dänischen Kriminalpolizei, nur mit wechselnden Rollen.
In der Binnenhandlung stehen die Macher vor der schwierigen Aufgabe, das Einkesseln und die anschließende Zuführung der Demonstranten in die Markkleeberger Pferdeställe plausibel hörbar zu machen. Das gelingt nur mittelprächtig, die Verängstigung klingt glaubhaft, aber dann ist viel Pathos dabei, und die Polizisten wirken nur mäßig gefährlich.
Höhepunkt ist dann die Vater-Sohn-Begegnung, der Gen. Oberstleutnant wurde natürlich von dem besonderen Fang benachrichtigt (eine Personalienaufnahme wurde allerdings nicht erwähnt zuvor) und da Privat auch hier vor Katastrophe geht, soll Sohnemann mit heimkommen, zur Aussprache sicherlich. Doch jener lässt sich auch vom Lockangebot, seine Freundin Johanna (die jetzt offiziell so genannt wird) mit auf freien Fuß zu setzen nicht beeindrucken und bleibt im Kreise der Verhafteten.
Vater und Sohn versichern sich gegenseitig, dass dem anderen das leid tun werde, und mindestens einer wird Recht behalten.

Mittwoch, 1.10., In guter Hoffnung

Den West-Import Helmstedt plagt der Neid auf die historische Konstellation, wo man noch wirklich was hätte tun können, ganz im Gegensatz zu heute. Die Ebenen der Gegenwart sind offenbar mühseliger zu bezwingen als die Berge der Vergangenheit.
In den Pferdeställen von Markkleeberg windet sich Johanna indessen in Krämpfen, und die Angst der Wachmannschaft vor den Konsequenzen verschafft ihr schließlich einen Krankenhausbesuch. Die Soap wird damit kurzzeitig zur Arztserie, eine Göttin in Weiß tritt souverän der Staatsmacht entgegen und klärt die in dieser Beziehung offenbar unbewanderte Johanna über deren Schwangerschaft im vierten Monat auf. Es klingt nun doch sehr seifig.

Freitag, 3.10., Die kleine und die große Wende

Redakteur Helmstedt will es möglichst authentisch, Autor Bentwisch schwebt eher eine Wundergeschichte, ein großes Märchen vor.
Offenkundig setzt er sich durch, denn es geht feiertagsgerecht weihevoll weiter. Die Fürbitte in der Nikolaikirche von Markus Mutter hat großes Pathos, auch die folgende zugunsten der fehlgeleiteten Polizisten trägt viel Schmelz.
In der Geschichte ist inzwischen der 9. Oktober, jener Montag, an dem sich der weitere Fortgang der Geschichte entschied. Der ganz großen wie auch offenbar einer etwas kleineren: Johanna hilft ihrem verdutzten Freund Jens kurz und bündig das erwartete Kind über, was jenem kurz als ein neuerlicher Fall von unbefleckter Empfängnis vorkommt, ehe dann sehr weltlich der getürmte Markus als Vater benannt wird. Der Pragmatismus ist eine Meisterin aus Ostdeutschland.
Noch drei Folgen bis zum Finale, eine Art Happy-End zeichnet sich ab am Horizont, aber ganz ohne Verwicklungen wird auch die letzte Woche nicht bleiben, ist zu hoffen.

Egon Krenz hat die Wende erfunden

„1989: Jedem seine Geschichte“ ein MDR Figaro – Café in Kooperation mit der ZEIT und dem Staatsschauspiel Dresden am 28. September 2014

Wo ist man, wenn sich die Diskutanten Datumsangaben wie Stichworte zuwerfen und alle einschließlich des zuhörenden Saals auf Anhieb wissen, worum es geht? Richtig, in einer Debatte über das prägende Ereignis vor fünfundzwanzig Jahren, dessen heute gängige Bezeichnung „Wende“ auf Egon Krenz zurückgeht, wie der Schriftsteller Ingo Schulze (damals Dramaturg am Theater Altenburg) gleich zu Beginn anmerkte.
[Ich erinnere mich, dass Christa Wolf schon am 4. November (einem der oben erwähnten markanten Tage) dieses Wort öffentlich auseinandernahm und eine hübsche, aus der Seefahrt stammende Interpretation fand, sinngemäß: Der Kapitän befiehlt „Klar zur Wende“ und die Mannschaft duckt sich, weil gleich der Mastausleger über das Deck fegt. Auch die Anfügung „-Hals“ wurde von ihr in diesem Kontext erwähnt, was dem Siegeszug des praktisch-kurzen Begriffes „Wende“ keinen Abbruch tat. Und nun werden wir den nicht mehr los.]

Die anderen markanten Daten sind übrigens der 9. Oktober (ein bzw. DER Montag) und der 9. November, in welchem sich seitdem ein Großteil der Ambivalenz deutscher Geschichte abbildet. [Ich füge das nur an, weil unter den Lesern eventuell auch Menschen unter 25 Lebensjahren und/oder westdeutschen oder gar ausländischen Geblüts sein könnten. Man weiß ja nie. Bei allen anderen darf man diese Kenntnis wohl voraussetzen.]

Die anderen Diskussionsteilnehmerinnen waren Heide Schwochow, heute Drehbuchautorin, damals in der Kinderhörspielabteilung des DDR-Rundfunks – die berühmte Nalepastraße – und (auch formal) ausreisewillig sowie Evelyn Finger, die das Jahr 89 als Abiturientin in Halle erlebte, an der Saale, klar, und dennoch heute das elegant benamste Ressort „Glauben und Zweifeln“ der ZEIT leitet.
[Ein Ressort „Wissen“ gibt es übrigens auch, was allerdings etwa achtmal so viel Platz in der Wochenzeitung hat, es wird eben doch lieber gewusst als geglaubt oder gar gezweifelt.]

Moderiert wurde das sonntagnachmittägliche Radio-Café vom wie eh und je umschwärmten Thomas Bille.
[Den Begriff „Kanzelschwalben“ nutzte ich leider bereits in meinem letzten Bericht über ein ähnliches Ereignis und muss hier bedauerlicherweise auf ihn verzichten.]

Bei schönstem Spätsommerwetter war der Saal des Kleines Hauses immerhin halbvoll oder erschreckend halbleer, ganz wie man will. Auch dies ein Beleg dafür, dass alles relativ ist im Leben, auch der Blick auf den Herbst 89, der doch sehr von der eigenen Position abhängt, damals wie heute.
Die Abwesenden haben eine Diskussion verpasst, die – ohne nun gänzlich neue Erkenntnisse zu erzeugen – sich auf durchgängig sehr hohem Niveau mit der Geschichte der friedlichen Revolution und mehr noch mit dem heutigen Umgang mit dieser befasste. Ganz ohne Anekdoten kommt eine solche Debatte natürlich nicht aus, aber jene waren klug gewählt, ob es nun um die ungewöhnlich freundlichen DDR-Grenzer in Schmilka bei der Rückkehr aus dem Ungarn-Urlaub im September 89, um die Gelenkigkeit in der Halsgegend des Stabü-Lehrers [„Staatsbürgerkunde“, liebe oben erwähnte Randgruppe, eine Mischung aus Koranschule, Priesterseminar und Blinde-Kuh-Spiel, nur mit sozialistischem Inhalt] oder ganz im Gegenteil um die geistige Ungelenkigkeit einer überforderten Hannoveraner Lehrerin, die zu dieser Zeit auf ein eben ausgereistes Ost-Kind [nicht mit „ausgerissen“ zu verwechseln, das hatte alles seine Ordnung] mit erfahrungsbedingt hoher Politisierung traf, ging.
Jene Heide Schwochow, von der diese Geschichte stammte, begründete zuvor auch sehr einleuchtend, warum man als Familie – trotz der Möglichkeiten über Ungarn – lieber den eigenen Ausreiseantrag genehmigt bekommen wollte.
[„Besser durch den Vorderausgang schreiten als aus dem Klofenster klettern“ hat sie zwar nicht gesagt, aber so in etwa hab ich sie verstanden.]

Dass jene Bewilligung nun ausgerechnet am Vormittag des 9. November eintraf, führte an diesem Tage dann sicher gleich zweimal zu größeren Gefühlsausbrüchen, auch dies eine schöne Anekdote, welche noch besser wird, wenn man erfährt, dass Familie Schwochow (Mutter und Vater Rainer als Drehbuchautoren und Sohn Christian als Regisseur, ja, der vom „Turm“) kürzlich sozusagen als Ringschluss ein Fernsehspiel namens „Bornholmer Straße“ fertigte, das jene abendlichen Ereignisse am 9.11. vor 25 Jahren schildert und am 5. November in der ARD zu sehen sein wird, welche nun auch schon seit fast so lange nicht mehr mit „Außer Raum Dresden“ ausgesprochen werden kann.
Angesichts der im Rückblick absurden Situation am Grenzkontrollpunkt, wo die Entscheidung eines Einzigen, Oberstleutnant der Grenztruppen der DDR, angesichts einer diffusen Nachrichtenlage und mangelnder Order von oben den Schlagbaum anstelle der MPi zu heben, über den weiteren Verlauf der Geschichte bestimmte, wird man dies als Komödie auf den Bildschirm bringen.

Es gab im Verlaufe des Gesprächs einige Merksätze zu notieren, wen wundert’s bei drei Größen der schreibenden Zunft. Ingo Schulze formulierte schön die untrennbare Bindung des eigenen Glücks an das Glück von allen in den besagten Monaten bis zum 18. März 1990, auch dies so ein Datum. Evelyn Finger nannte in der Rückschau die Diskrepanz zwischen dem Anspruch der DDR an sich selbst und deren erlebte Wirklichkeit als das prägende Merkmal dieses Staates und Heide Schwochow verwies auf die Ambivalenz der (allermeisten) Menschen, für die ein schlichtes Schwarz-Weiß-Schema nicht passen würde. Auch der Alltag in der DDR war nicht nur systemgeprägt, es wurde auch ohne Zutun der Partei geliebt und gelacht, geheult natürlich auch.

Thomas Bille fragte dann nach dem „Wenderoman“ und ob es so einen überhaupt gäbe bisher oder künftig geben könnte. Und obwohl da einige in Frage kämen, jeder ein bisschen, wurde dieser große Wurf so definiert, dass er aus dem Westen kommen müsse, ohne die dort sehr verbreitete „Westalgie“ natürlich, oder bereits in den Achtzigern im Osten geschrieben worden wäre, auch hier mit mehreren Kandidaten. An beidem ist sicher einiges dran, auch wenn der Begriff eher als Marketinginstrument auf die Buchmessen gehört. Wenn es jemandem gelänge, alle Aspekte dieses Weltenwandels in einem Roman abzubilden, hätten wir sicher einen zweiten Faust, aber ob der mit zwei Teilen auskäme, wage ich zu bezweifeln.

Interessant auch die einhellige Feststellung, dass sich die Debatte um die Umstände und Folgen des neunundachtziger Herbstes außerhalb der offiziellen Anlässe fast ausschließlich zwischen Ostdeutschen abspielen würde, erst in letzter Zeit sei z.B. in der gleichnamigen Wochenschrift eine Tendenz zu beobachten, dass man sich auch ohne biographischen Hintergrund mit diesem Jahrhundertereignis beschäftige. Erklärbar ist das sicher, schließlich unterschieden sich die Veränderungen in Ebersbach (Fils) zu Beginn der neunziger Jahre doch erheblich von jenen in Ebersbach (Sachs), und seitdem ist in beiden Partnerstädten nicht so sehr viel in dieser Beziehung passiert.
[Gut, das sächsische Ebersbach, das eigentlich in der Oberlausitz liegt, um das mal klarzustellen, hat sich inzwischen mit dem Nachbarflecken Neugersdorf per Bindestrich vereinigt, halb gezogen, halb gesunken, und strebt nun vielleicht den Titel „Ort mit dem längsten Namen“ an, der sicher die Reisebusse anlockt, aber sonst war wirklich nicht viel.]

Auch nicht neu (aber was überrascht nach 25 Jahren noch?), doch immer wieder neu beklagenswert ist der Fakt, dass mit dem Zusammenbruch des „linken Erlösungsversprechens“ namens real existierender Sozialismus der Gesellschaftsordnung hinter der Mauer ein potentielles Gegenmodell abhanden kam, das allein durch seine schlichte Existenz schon eine gewisse Wirkung hatte.
Wer will denn heute noch ernsthaft für ein anderes politisches System werben, jenseits von Marktkonformitäten, wenn einem postwendend das relativ frisch vergurkte Experiment im östlichen Europa um die Ohren gehauen werden kann? Ingo Schulze vor allem sind diese Betrachtungen zu danken, auch der Schwenk zum Einkaufsverhalten, mit dem man sich heute zumindest moralisch schuldig machen könne oder aber eben auch nicht.

Für das Thema Gerechtigkeitsdefizit, das immer noch zwischen den damaligen Widerständlern und den Mitläufern herrsche, weil jene meist bessere Startbedingungen in das neue System hatten, durch das Rückwirkungsverbot viele in Staatsnamen begangene Vergehen ungesühnt blieben und sich z.B. für die Opferrente außer den Betroffenen sich kaum jemand interessiere, blieb am Ende der anderthalb Stunden genauso wenig Zeit wie für eine Diskussion des beliebten Begriffs „Unrechtsstaat“. Allein diese hätte mit all ihren Facetten sicher noch einmal neunzig Minuten gebraucht, und ob es ein klares Ergebnis gegeben hätte, sei dahingestellt, eher wohl ein Unentschieden.

Mit diesem Radio-Café hat Figaro nicht nur einen anspruchsvoll-unterhaltsamen Nachmittag gestaltet, sondern auch den Auftakt zu „Eine Woche im Oktober – 25 Jahre friedliche Revolution“ des Staatsschauspiels Dresden gegeben. Ab dem 3.10. wird eine Themenwoche mit Theater, Performances, Lesungen, Konzerten und Diskussionen sowie gar einem eigenen abendlichen Radiokanal mit dem Jubiläum auseinandersetzen, hier gibt es Näheres dazu:
http://www.staatsschauspiel-dresden.de/spielplan/spielplan/rahmenprogramm_eine_woche_im_oktober/beschreibung/

Es wird zu berichten sein.
Aber den Schlusspunkt dieses Textes darf Ingo Schulze setzen, der wie er erzählte seine Profession anlässlich einer chinesisch-amtlichen Nachfrage bei der dortigen Einreise so beschrieb: Er „schreibe – wie alle Schriftsteller – über Liebe und Tod vor wechselnden Hintergründen, und in seinem Falle nicht in Versform.“ Damit wäre zumindest das geklärt.

Thälmannstraße 89/4: Der Stoff, aus dem die Seife ist

Montag, 22.09., Helden zeugen

Das Ganze muss heroischer werden, findet Redakteur Helmstedt, ein sich sträubender Autor lässt seinen Jens schließlich in der FDJ-Versammlung Partei für die von Studienplatzverlust bedrohte Johanna ergreifen, was ihn um den Fackelzug in Berlin bringt. Direktor Rothe ist not amused über das Ausscheren seines bisherigen „Hundertzwanzigprozentigen“, das wird sicher auch dem Herrn Vater nicht lang verborgen bleiben.

Die Rahmenhandlung bietet aber weiterhin mehr, diesmal einen Anruf der Programmchefin und eine neue Direktive: „mehr Doku-Drama, keine Schmonzette“. Da auch schon eine Alternative bereitsteht, fünfzehn Interviews mit den üblichen Verdächtigen, lässt sich Helmstedt zu einem beachtlichen Klageruf mit Aufzählung der vermuteten Protagonisten hinreißen. (Wenn das mal nicht Arnold Vaatz erzürnt, liebes Figaro, zum einen allgemein ob der insubordinanten Klage, zum anderen, weil sein Name in den Top 15 der Wende nicht vorkommt.)

Im Figaro-eigenen Netz entspinnt sich inzwischen anhand der letzten Wochenzusammenfassung der Teichelmauke eine Debatte über den Realismus der Serie und die dafür gewählte Form. Eine Diskussion, die den zu unterstreichenden Satz „Nun sind wir bei FIGARO – Gott sei Dank – nicht die Siegelbewahrer der historischen Wahrheit“ enthält, sicher noch ausbaufähig und hier nachzulesen ist:
http://meinfigaro.de/inhalte/b549525a2ef2fe09

Was allerdings verblüfft beim Sichten der Figaro-Seite, ist die Möglichkeit, die kommenden beiden Beiträge schon vorzuhören.
Gut, das mindert mir einige Terminzwänge, entspricht aber so gar nicht den klassischen Gepflogenheiten. Aber der Inhalt der Folgen ist ja jetzt schon bis zum Ende nachlesbar (mit sehr schönen Bildern der Aufzeichnung übrigens), auch eine Art von „Glasnost“.

Mittwoch, 24.09., Bisschen Heftig

Diesmal wird starker Tobak geboten: Im Wendeherbst erlebt Markus auf eine Schwangere einprügelnde Polizisten und ist davon so schockiert, dass er sich auch von Johanna nicht von seinem Vorhaben abbringen lässt, umgehend das Land zu verlassen. In ihrer Verzweiflung ruft jene die unlängst erhaltene Nummer an …

Auch drumherum ist es nicht spaßig. Redakteur Helmstedt will ob der erlittenen Einnordung durch die Sendeleitung seine Sachen packen, er hätte doch andere Ideale von Pressefreiheit gehabt, als er 90 hier rüber kam. Erstaunlich, dass ihm das in 25 Jahren erstmals passiert sein soll. Autor Bentwisch spendet erfolgreich Trost und Helmstedt waltet wieder seines Amtes, sprich er verlangt eine Entschärfung der Prügelszene, das sei ja wohl nichts für das Frühprogramm.

Hm. Diesmal hat man Mühe, den Handlungen zu folgen, es geht doch etwas fix, das Formatproblem zeigt sich wieder.

Freitag, 26.09., Große Gefühle

Johanna wird vom Autor rehabilitiert, nein, sie hat nicht verpfiffen, sondern im letzten Moment aufgelegt. Des Redakteurs Weltbild ist vorerst gerettet. Überhaupt ist der erstaunlich emotional bei der Sache, ist doch gar nicht seine?

Derweil sitzt Johanna im Wendeherbst bei Markus Mutter in der Küche, der Verlust verbindet. Prompt klingelt das Telefon, der Getürmte meldet sich aus der Prager Botschaft, was Mutter und Freundin durchaus unterschiedlich aufnehmen. Letztere gibt ihm fernmündlich den Laufpass, eilt hernach reichlich erschüttert in den Hausflur und fällt dem verdutzten Jens in die Arme. Der darf den Tröster geben, es schmatzt vernehmlich, doch vor dem zwischenzeitlichen Happy-End wird diskret abjeblendt.

Redakteur und Autor sind gerührt von der Geschichte, es ist eine tränenreiche Folge. Und der folgende Musiktitel ist wieder fein ausgewählt, „bridge over troubled water“, natürlich gesungen von Johnny Cash und Fiona Apple, jetzt bin auch ich angefasst.

Thälmannstraße 89 – Balatonitis

Eine Radio-Soap (oder auch acoustic novel) in fünfzehn Teilen, fünf Wochen lang ab dem 8. September jeweils Mo / Mi / Fr, 8.40 Uhr und 17.40 Uhr, auch zum Nachhören auf
http://www.mdr.de/mdr-figaro/hoerspiel/thaelmannstrasse89/verteilseite3320.html

Ein vielversprechender Auftakt: Die Rahmenhandlung mit dem verantwortlichen und westgeborenen Redakteur Dr. Helmstedt (sic!) des „öffentlich-rechtlichen Qualitätsradios“ und dem für ein Wende-Hörspiel vorgesehenen Autor Jens Bentwisch (zur Wende gerade 18 und mittendrin in Leipzig) führt elegant ins Thema ein. Es soll eine authentische Geschichte von ´89 erzählt werden, dem skeptischen Autor wird beschieden: „Sehen Sie es als Chance!“

Dessen Erinnerungen versetzen ihn in ein Klassenzimmer der EOS „Nikolai Ostrowski“. Die neue Zwölfte beginnt das Schuljahr leicht dezimiert, vier Schüler und der Klassenlehrer fehlen, „Balatonitis“ vermutet man tuschelnd in der Klasse, als der Direktor Rothe auf eine krankheitsbedingte Abwesenheit verweist.
Damit wird allerdings auch ein Platz neben Johanna frei, den Jens – nach korrektem Lenin-Zitat – zart errötend einnehmen darf. So hat halt alles sein Gutes, die Angebetete rückt ihm zumindest physisch näher.

Ansonsten haben sie nicht viel gemeinsam, die Junge Gemeinde – Schwester und das Bonzensöhnchen, dessen Vater – wie später zu erfahren sein wird – als Oberstleutnant der Staatssicherheit einen sehr eigenen Blick auf die Geschehnisse hat. Doch wir sind ja noch ganz am Anfang der Geschichte.

Die Klasse diskutiert derweil – es ist nun mal grad dran im Lehrplan – Lenins Definition einer vorrevolutionären Situation (die einen können nicht mehr wie bisher und die anderen wollen nicht, man erinnert sich?), historisch natürlich, aktuelle Bezüge werden vom Lehrer wegdefiniert, es gibt schließlich keine Unterdrückung in der Deutschen Demokratischen.

Das Ganze weckt Interesse.
Figaro hat in diesem Segment schon einiges Hörenswerte produziert, und sich auf diese Weise mit dem allgegenwärtigen Thema „25 Jahre Wende“ zu beschäftigen, ist keine schlechte Idee.
Dass man auf der sendereigenen Web-Seite dann aber schon die Story im Groben nachlesen kann, dient zwar der Befriedigung der eigenen Neugier, nimmt dann aber doch einiges an Spannung. Dennoch, ich werde dranbleiben, auch weil ich „damals“ nur unwesentlich älter als die Protagonisten war. Da kann ich mitreden.