Getagged: Musik

Die weißen Dieger sind los

„Circus Sarrasani. The Greatest Show On Earth“ von und mit Rainald Grebe, Uraufführung am Staatsschauspiel Dresden am 26. Mai 2018

Der Zirkus war da.

Und er hat dieses mitunter doch betuliche Staatsstadttheater gehörig durcheinander gewirbelt, vermutlich unter dem Protest von Feuerwehr, Unfallkasse und kaufmännischer Direktion. Aber schön war’s, nicht nur deswegen.

… (Bißchen Text) …

Der Zirkus war da im Theater. Jetzt kehrt wieder Normalität ein. Aber keine Sorge: Der Zirkus kommt wieder.

Hier:

http://www.kultura-extra.de/theater/spezial/premierenkritik_sarrasani_staatsschauspielDD.php

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14 Herzblätter

Die Schauspielbrigade Leipzig interpretierte Gundermann im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden, 15. November 2015

Fast zwanzig Jahre nach dem Tod von Gerhard Gundermann sind seine Lieder noch immer in aller Ohren und Mündern, man möchte meinen, es nimmt eher zu als ab. Auch an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig sind Gundermann-Lieder fester Bestandteil der Gesangsausbildung, der Schritt zu einem selbst gestalteten Programm war da nicht mehr weit. Dozent Frank Raschke hat dieses geformt und gastierte mit einem vierzehnköpfigen Ensemble aus singenden Schauspielern und aus Musikern in Dresden. Es sei in dieser Form eine Premiere, sagte er in seiner etwas langatmigen Einführung.

Zuvor gab es den „Narrn“, mit Akkordeon von ihm und Gesang von Felix Fdefér, eine Eröffnung, die Hoffnung auf einen großartigen Abend machte. Dass diese dann doch nur teilweise erfüllt wurde, lag schlicht am sehr artifiziellen Ansatz der Interpretationen und leider auch an einem meist einfallslosen Arrangement der Stücke. Unbestritten waren da sehr schöne Stimmen zu hören, aber … man glaubte den sehr jungen Interpretinnen nicht, dass sie wussten, wovon sie sangen. Da hilft dann auch die schauspielerische Ausbildung nicht, Gundermann-Singen spielen ist etwas anderes als Gundermann singen. Auf dem gebohnerten Bühnenparkett verlor sich kein Krümel Kohlenstaub, die Soljanka wurde hier vom Vier-Sterne-Koch serviert, sehr raffiniert, aber ohne das gewisse Etwas.

Dass der Abend nicht völlig misslang, ist dem zweiten Teil zu verdanken. Da wurde auf einmal die Sterilität weggeblasen, wunderbar schräge Nummern waren zu hören, da zeigte das Ensemble, was drin gewesen wäre. Mit „Vogelfrei“ war dann auch bei mir das Eis gebrochen, eine großartige Version, so muss man das machen! Auch „Weißtunoch“ konnte an diese Niveau anknüpfen, und der „Zweitbeste Sommer“ gehört auch in diese Kategorie, ebenso die Zugabe „Gras“. Trotzdem war auch viel statisch Uninspiriertes zu hören, und die vier Streicherinnen wurden auch nicht immer glücklich eingesetzt. Die „Night of the proms“ ist bei Gundermann schlicht fehl am Platze, trotz aller Virtuosität.

Dennoch, es gibt noch einiges Erfreuliche zu berichten: Die singenden Herren waren durchweg gut, Thomas Dehler konnte mit eingebrachter Lebenserfahrung punkten und Felix Fdefér interpretierte sehr klug (so verzieh man auch seine Texthänger). Doch die Krone gebührt dem Schauspielstudenten Jannik Hinsch, der mit seiner schönen und facettenreichen Stimme ebenso begeisterte wie mit dem Charme seines Vortrags.
Also Unentschieden am Ende, immerhin.

Puppen weinen doch

„Madama Butterfly“ von Giacomo Puccini, musikalische Leitung Anthony Bramall, Inszenierung Aron Stiehl, Premiere an der Oper Leipzig am 14. März 2015

Puccini bediente mit seiner Oper das Anfang des 20. Jahrhunderts in Europa erwachte Interesse für Japan, wählte aber ein für dieses Genre schwieriges Thema, die käufliche oder besser mietbare Liebe unter de facto kolonialistischen Verhältnissen. Fortsetzen lässt sich das Sujet bis hin zum Sextourismus der heutigen Tage, was das wiederum erstklassige Programmheft auch tut. Trotz des schweren Stoffes ist die Oper pures Sopranistinnen- und Tenorfutter, neben der bereits beschwärmten Karah Son nutzt auch Gaston Rivero die Gelegenheit sich auszuzeichnen. Die weiteren Hauptpartien sind mit Susanne Gritschneder als Suzuki und Mathias Hausmann als Konsul ebenso hervorragend besetzt, …

http://www.kultura-extra.de/musik/spezial/premierenkritik_madamebutterfly_operleipzig.php

Routiniert die Leistung abgerufen

Billy Idol am 3. Juli 2014 in der „Jungen Garde“ Dresden

Der Große Garten ist größer, als ich ihn in Erinnerung hatte. Durch den muss ich durch, wenn ich zu Billy Idol will. Doch irgendwie scheint er gewachsen zu sein.
Sich mit den Ohren zu orientieren, klappt auch nicht, eine falsche Fährte lockt: Unweit des Palais tobt auch ein ordentlich lautes Konzert, der Nachwuchs macht Punk-Rock. Nee, hier bin ich falsch, ich will zum Altmeister.

Irgendwie finde ich die Garde dann doch, auch wenn von da aus keine Vorband den Weg weist. Noch durch die Gasse der Bratwurstbierbuden gequält, die auch das Außengelände bespielen, dann stehe ich vor dem gewohnt muskelbepackt gesicherten Eingang. Kurz überlege ich, meine immerhin 55 Euro teure Karte doch noch zu verticken (es handelt sich hierbei um einen Spontankauf, einem nostalgischen Gefühl geschuldet, aber dank einschlägiger Erfahrungen bin ich inzwischen skeptisch geworden, was die alten Heroen angeht). Doch hier sieht niemand so aus, als ob er eine Karte haben wolle. Na gut, dann also rein ins erhoffte Vergnügen.

Das Publikum im oberen Bereich unterscheidet sich auf den ersten Blick kaum vom Dixieland, auch das Fressbuden-Ambiente erinnert daran. Beim Bier kann man hier wie schon seit Jahren üblich nur zwischen Radeberger und Schöfferhofer wählen, was ich für einen entscheidenden Standortnachteil der ansonsten recht idyllischen Spielstätte halte. Zum Aufwärmen gibt es u.a. die Sisters Of Mercy vom Band, ebenjene, die neulich so grandios im Schlachthof enttäuschten, siehe oben. Ein schlechtes Omen? Mal sehen.

20.30 Uhr, ohne viel Federlesen fängt die Kapelle an, der Meister kommt standesgemäß als letzter und hat erstmal die große Vorbühne ganz für sich allein. Den Platz braucht er aber auch. Hinter ihm agiert ein Brett von vier Gitarrenmännern, welches jedoch alsbald aus der zweiten Reihe geschlossen nach vorne rückt, ein schönes Bild.
„Dancing with myself“ gleich als drittes Stück, spätestens ab da hat Idol den fast vollen Laden im Griff, was beim folgenden Gitarrenriff zum Einstieg in „Fresh For Fantasy“ auch gleich nachdrücklich bewiesen wird. Billy legt den Mantel ab und trägt nun die bekannte offene Weste über dem austrainierten Oberkörper. Auch er ist also noch recht fresh.

Dennoch scheint es tatsächlich selbst auf der Bühne ein bisschen frisch zu sein, zum nächsten Titel kleiden ihn wieder Hemd und Jacke. Dieser ist etwas ruhiger angelegt, was prompt die Schlangen vor den Bierbuden anschwellen lässt.
Die Anzahl der für ein Rockkonzert geeigneten Bühnengesten ist überschaubar (wir sind ja nicht beim Ausdruckstanz). Billy Idol beherrscht sie zwar alle perfekt, ist dann aber doch bald durch durchs Repertoire. Egal, dann wird die Reihenfolge halt neu gemischt.
Doch, das hat schon was, und jünger werden wir alle nicht. Was Idol (immerhin Jahrgang 1955) hier zeigt, kann als starke Leistung gelten.

Seine Sprechstimme übrigens ist auch sehr einprägsam, das merkt man, als er vor seinem Konzertgitarrensolo zu „Sweet 16“ eine kurze Geschichte erzählt. Die Version kommt dann sehr spanisch daher, was ihr unbedingt gut tut.
Idol zieht sich fast öfter um als Madonna, das nächste Mal für „Eyes Without A Face“, die Show läuft jetzt auch lichttechnisch auf Hochtouren. Selbst bei den nicht zum Allgemeingut gehörenden Stücken sackt die Stimmung nur wenig durch, die da vorn verstehen ihr Handwerk.
Und der erste Gitarrist (wie man in der Klassik sagen würde) Steve Stevens überzeugt dann noch mit einem fingerfertigen Solo, irgendwo zwischen Flamenco, Classic Rock und Bach. Ja, Bach, zumindest glaubte ich den zu hören zwischendurch.

Der Rest der Band hat sich gut erholt derweil und zieht – mit einem frisch umgekleideten Idol – das Tempo wieder an. Die Gitarren kommen jetzt auch mal über die Außenlinie, großer Sport ist das. Idol lässt dann so etwas wie Pappteller ins Publikum fliegen, vielleicht waren die beim Catering übrig.
Der gefühlte Druck von der Bühne lässt zwischenzeitlich etwas nach, aber das Publikum bleibt dankbar und begeistert. Die Spielanteile der Leadgitarre wachsen, Idol kommt jetzt eher aus dem Mittelfeld. Doch dann spendet er zu „Rebel Yell“ sein T-Shirt für die erste Reihe, da wird wieder klar, wer der Chef auf dem Platz ist.
Sänger und Publikum versichern sich gegenseitig, dass sich all right fühlen, das scheint auch plausibel, selbst wenn die Midnight Hour noch lange nicht erreicht ist.
Trotzdem soll es das dann aber schon gewesen sein nach dem Spielplan, immerhin, neunzig Minuten plus Nachspielzeit sind vorbei.

Auch wenn es über den Sieger keinen Zweifel gibt, geht es wunschgemäß in eine Verlängerung, welche mit einer schönen unplugged-Variante von „White Wedding“ eingeleitet wird. Start again brüllt das Stadion, und Idol lässt sich nicht lumpen. Er nimmt gar ein Bad in der Menge, nach dem der Torhüter resp. Schlagzeuger mit einem kurzen Solo auch noch was Eigenes zu tun bekommt.
Dass die Verlängerung, auch Zugabe genannt, nur fünfzehn Minuten währt, sei verziehen, selbst wenn sie auch noch die Verlesung der Mannschaftsaufstellung beinhaltet. So erfahre ich immerhin, dass auch ein Keyboarder dabei war, was während des Spiels ein wenig unterging.

Recht plötzlich ist dann Schluss, die Bühne wird hell erleuchtet, die Roadies bauen ab, keine Diskussion, der Schiedsrichter hat gepfiffen. Die Menge trollt sich ohne großes Gemurre, für viele ist der Heimweg sicher noch weit.
Meiner führt wieder durch den Großen Garten, der jetzt nicht nur wirklich groß, sondern auch sehr dunkel ist. Wider besseres Wissen vertraue ich meinem Orientierungssinn und komme tatsächlich ohne größere Haken am anderen Ende an, wo die 13 wartet.
Insgesamt ein guter Abend, auch wenn seit der CD „Devil’s Playground“ aus dem Jahre 2005 nichts Neues mehr von Billy Idol zu hören war. Doch das in fünfundzwanzig Jahren angehäufte Repertoire reicht locker für ein mitreißendes Konzert, und gut in Form ist er auch noch. Das Häkchen auf der „Noch-sehen-wollen-Liste“ mach ich ohne Reue.

Im besten Falle harmlos

„All inclusive – Die Kellerkinder transpirieren sinnfreie Sommerhits“, Produktion des Ensemble La Vie im Projekttheater Dresden, gesehen am 7. Juni 2014

Da gab es im letzten Jahr eine großartige Darbietung der Kellerkinder namens „Morbide Moritaten“ am selben Orte, ich habe Tränen gelacht vor Freude, wer mag, kann es hier nachlesen: https://teichelmauke.me/2013/10/12/schrecklichschon-schon-schrecklich/

Was also lag näher, als dem neuesten Werk dieser spaßigen Truppe ebenfalls beizuwohnen? Gestern schon war die Premiere, aber da war ich beim letzten „Drachen“, doch heute sollte es sein.

Angenehm kühl ist es im Saal des Projekttheaters, fast wie in einem Keller. Die Kinder sollen sich offenbar zuhause fühlen.
Eine genervte Jung-Diva schlurft anfangs nölend zur einem Strand nachempfundenen Bühne, im Schlepptau drei Herren, die auch nicht viel besser drauf zu sein scheinen. Das kann ja heiter werden.
Gewollt lustlos wird der eisgekühlte Bommerlunder besungen, auch Carrells Uralt-Frage nach dem richtigen Sommer wird, äh, interpretiert, ehe es mit Michas Farbfilm weitergeht.

Zum Einstieg ist das ganz putzig, nur … es geht dann konsequent so weiter. „Singt das noch einmal, und ich geh“ möchte man mit Nina drohen, aber zumindest variiert das verwurstete Liedgut, wenn auch nicht die Form der Darbietung. Der Scherz mit dem versemmelten Einsatz erschöpft sich spätestens beim dritten Mal, die großen Stimmen auf der Bühne sind leider nur vorgetäuscht, das Ganze zieht sich, produziert erwartbare Pointen.

Ein Bikini allein füllt noch keine Bühne, da kann er seiner Trägerin noch so gut stehen. Ein bisschen mehr Hintersinn darf man dazu durchaus erwarten, wenn das Ensemble neulich die Latte so hoch hängte. Doch dieses Programm ist nur pseudo-witzig, ein dünner Aufguss seines Vorgängers. Keine Spur von einem roten Faden, es sei denn, man nähme die (dehnbare) Zuordnung „Sommerhit“ als solchen. Kein origineller Gedanke weit und breit, gebrauchte Witzchen und einige Peinlichkeiten, mehr ist da nicht. Kein Musikstück, was wirklich in Erinnerung bleibt, höchstens die zweite Zugabe, doch die stammt aus der vorherigen Inszenierung.

Mit dem Kopf wackeln und Grimassen schneiden ersetzt hier die Spielfreude. Die Musiker (Paul Voigt und Benjamin Rietz) müssen zu den Kalauern zuliefern, bleiben aber sonst im Hintergrund. René Rothe sah ich beim letzten Mal viel besser, da gab das Stück allerdings auch deutlich mehr her. Und Jessica Gräber konnte immerhin einmal (mit einer „Carmen“) kurz andeuten, dass sie tatsächlich singen kann, ansonsten aber wenig darstellerische Mittel zeigen.

Die Versuchung ist für ein Ensemble natürlich groß, nach dem beachtlichen Erfolg der letzten Inszenierung noch ein ähnlich angelegtes Stück auf die Bühne zu bringen. Doch der Rahmen allein macht noch keinen Inhalt. Der vollmundigen Ankündigung „verstörend aufregend“ auf dem Flyer möchte ich energisch widersprechen: Ich fand es im besten Falle harmlos, und dazu noch ausgesprochen langweilig.
Der Fairness halber muss ich aber zugeben, dass der Rest des (pfingstsommerlich bedingt spärlich gefüllten) Saals sehr begeistert klatschte. Und so sei auch erwähnt, dass es am Sonntag (8. Juni) um 20 Uhr noch eine Aufführung im Projekttheater zu sehen gibt.

Monotonie im Nebelbrei

The Sisters of Mercy im Schlachthof Dresden, 13. Mai 2014

 Die Vorband ließ hoffen, Ulysses, wenn ich recht hörte, klang sehr nach Placebo, also durchaus gut.

 Nach einer halben Stunde Pause wurde dann der Saal geflutet, mit Nebel, in dessem Schutz nahten sich schemenhafte Gestalten. Das spart sicher Schminke und vielleicht war die Kapelle auch nicht in Bestbesetzung am Start und wollte das nicht wissen lassen, bei der bekannt schlechten Akustik des Schlachthofs wär es eh nicht auf die Musiker angekommen.

 Ein Hit zum Anfang für den dreiviertel vollen Saal, halbwegs erkennbar, ein paar Altrockergesten glaubte ich zu bemerken und dann: Brei. Ein Lärmbrei, routiniert runtergespielt, teilweise klang es fast wie Rammstein (was bitte unbedingt als Beleidigung zu verstehen ist), wenn auch ohne deren Brimborium.

 Ich habe selten bei einem Konzert dieser Fachrichtung so wenig Ekstase direkt vor der Bühne gesehen, weiter hinten tippte nicht nur ich fleißig auf mein Telefon. Was solls, zu hören war der Brei ja, und zu sehen war eh nüscht.

Und die Krönung all der üblen Stunde (netto dauerte die Darbietung etwa 80 min): Ein Vortrag, der wohl „First&Last&Always“ sein sollte. Dies passte nun wiederum: Es war mein erstes Konzert mit den Schwestern, es wird mein letztes bleiben und stets werde ich mich an diesen Brei im Nebel erinnern. So brennt man sich auch ins Gedächtnis.

 Was macht man als Band, wenn das in den 90ern verdiente Geld für Koks, Nutten und faule Derivate verballert wurde? Richtig, weiter touren, auch wenn man keine Lust mehr hat. So kam ich zu einem Häkchen auf der Liste der Bands, die ich nochmal sehen wollte. Wär das also auch erledigt.

 

Dadaismus befreit

Rainald Grebe und das Orchester der Versöhnung, „Berliner Republik“, im Schlachthof Dresden, 15. April 2014

 Es ist unverschämt, pünktlich anzufangen. Aber so isser.

Ein rammelvoller Saal, ich quetsche mich mühsam hinein. Es wird bereits die Berliner Republik besungen, obwohl es grad mal viertel Neun ist. Ein beachtliches Orchester ist zu bestaunen, u.a. vier Bläserinnen, aber die Männer sind dennoch in der Überzahl. Auf der Bühne gibt es eine Raucherecke für das Publikum, das ist ein guter Ansatz. Nach und nach trauen sich die jungen Menschen auch hoch, aber ab einem gewissen Alter weiß man, dass man nicht alles machen muss, nur weil es erlaubt ist.

 Herr Grebe hat einen guten Anzug an und ist – wenn er nicht grad im Sitzen singt – sehr beweglich. Das ist sehenswert, doch noch mehr lohnt es sich hinzuhören, kleine, feine Gemeinheiten aus der Welt von heute. Er ist ein begnadeter Multitasker, kann nachdenken und dabei spazierengehen, Porno gucken und onanieren, gleichzeitig bekifft und besoffen sein. Ein Talent halt.

 Ein böses Lied über das Stadttheater, bestehend nur aus Zitaten maßgebender Protagonisten, ich glaube Kriegenburg zu erkennen. Ich mach Aaarrrttt! Fein beobachtet, und das 2026 die Rechte am Brecht frei werden, ist durchaus eine nützliche Information. Man kann es aber auch als Drohung begreifen.

Grebe vertritt die These, dass 60 Jahre Frieden vielleicht dann doch zu viel sind, und belegt das mit Aufnahmen aus seltsamen Farbbeutelschlachten. Da kann man erstmal nicht viel gegenhalten.

Und dann wird auch noch Buddy Casino an den Tasten geehrt. Weil heute sein Geburtstag ist … Doch beruflich ging es ihm schon besser, was der Lichtbildervortrag auf der Bühnenrückwand beweist. Frau Klum tröstet aus dem Off ein gescheitertes Topfmodell oder versucht es zumindest, dabei muss der Bassist auf das Laufband.

 Rainald Grebe wechselt öfter Ton- und Musiklage, gutes Musikkabarett, ob er nun als Berater antritt („mit Gänsen kann man nicht über Weihnachten reden“) oder Liechtenstein porträtiert, wo einem die Sonne in den Arsch scheint.

Mutti sagt immer, wie gut es uns geht, Vettel fährt weiter im Kreis und man selbst schaukelt die Eier auf der Dachterrasse. Aus Rainalds Leben halt. Das Bullshit-bingo des deutschen Mittelstands.

Dann gibt es tatsächlich eine Pause. Sowas von Retro! In jener kann man einen schönen Powerpointvortrag zur Schulung neuer Mitarbeiter sehen und wird mit Liveaufnahmen aus dem Backstage erfreut. Herrn Grebe geht es offensichtlich gut dahinten, seinen Angestellten nicht ganz so.

 Nach der Pause sind die Blase-Mädels als Amy gestylt, es wird generell soulig, das funktioniert nur leider nicht ganz. Grebe baut grad ein Haus und spielt heute für die edle Duschkabine, erfährt man. Allein mit Soulmusik würde es aber nur Baumarkt, fürchte ich.

 Nette Details wie ein Bürostuhl vor dem Klavier darf man witzig finden, die Kapelle wird auf den Positionen durchrotiert, soviel Flexibilität muss heute schon sein, sonst wird das nix mit den Achtfuffzich pro Stunde.

Es ist nur eine Franchise-Show, gibt der Grebe-Darsteller dann zu, heute grad parallel in Braunschweig, Zürich und Bad Salzdetfurt oder in der Nähe. Vermutlich sitzt das Original grad auf der Dachterrasse im Berliner Szenebezirk und bewegt rhythmisch die oben erwähnten Körperkleinteile. Ihm selbst wären die nun spürbaren Längen im Programm sicher nicht passiert, aber immerhin schafft es auch das Double, die teuren Sitzreihen hinten auf Anhieb zum Aufstehen zu bringen, wenn verschiedene Halali erklingen.

 Lanz wird zitiert und dann einfach so stehengelassen. Das Ende des weißen Mannes ist zu besingen, aber es ist gar keins, denn wenn auch der Präsident schwarz ist, das Betriebssystem bleibt weiß.

Bisschen Vorfreude auf Weihnachten, ein Lichtlein brennt und Buddy häkelt am Keyboard. Eine Hymne für das Handwerk, die Texte sind jetzt durchweg eine Klasse besser als die Musik, das ist aber auch nicht schwer. Die Einführung von Halloween in Deutschland wird länglich erklärt, dann „Loch im Himmel“, in seiner schönen und vordergründigen Ernsthaftigkeit ein Solitär im Programm.

 Dass Rainald Grebe sieben Jahre nach seinem Auftritt beim Tanz- und Folkfest Rudolstadt jetzt dessen „Ruth“ bekommt, spricht zum einen dafür, dass Thüringer sehr gründlich überlegen, führt dann aber zu einem Volksliedermedley der anderen Art, denn alles was zu dumm ist, gesprochen zu werden, kann man immerhin noch singen. Heimat ist … wenn es überall gleich schmeckt, Starbucks und McIrgendwas sei Dank.

 „Wie macht der schwule Schlagzeuger?“ Grebe darf auch das. Der Bassist singt Keep on rockin‘ zur Gesellschaftskritik, das hat was, die tanzende Boygroup dann eher weniger. Die Musiker*innen werden mit ihrer Herkunft vorgestellt, dabei haben wir zuvor erfahren, dass die kein Verdienst sei. Der Saal macht noch ein paar schlechte Handyfotos, dann ist erstmal Schluss.

 Der erste Zugabeblock scheint verzichtbar, das Lied über Sachsen (tja, wenn man einmal mit den Landeshymnen angefangen hat …) ist erstaunlich harmlos. „Ä Tännschen plies“, naja.

Do so endet man zum Glück nicht, Grebe reißt es mit Dadaismus wieder raus, das geht nochmal richtig ab, das ist das, was er machen sollte! (Tut er ja auch, in Berlin, auf der Bühne)

Dadaismus befreit, generell und mich an diesem Abend von den Zweifeln am Künstler.

Ein schönes Hörbuch wird noch vorgestellt, die schönsten Ballwechsel von Monica Seles, und dann gibt es – zweifellos der Höhepunkt – „Brandenburg“ auf sorbisch.

Elektronische Grillen zirpen die Stimmung herbei, die man für eine Hymne auf die Eintagsfliege braucht, der DJ bekommt einen verdienten Zungenkuss, dann ist wirklich Schluss.

 Drei Stunden Orchesterarbeit, für die Versöhnung. Alles in allem hat das geklappt.