Kommt ein Mann nicht nach Hause

„Odyssee“ von Roland Schimmelpfennig, Uraufführung am 15. September 2018 am Staatsschauspiel Dresden

Ein Mann kommt nicht nach Hause, obwohl der Krieg vorbei ist. Da darf man sich schon mal Gedanken machen, nicht nur, wenn man Penelope heißt und auf den Helden Odysseus wartet. Und man darf unbedingt eigene Schlussfolgerungen ziehen, selbst wenn man Penelope heißt und Königin von Ithaka ist. Das Leben ist im Allgemeinen heute.

Hier:

http://www.kultura-extra.de/theater/veranstaltung/premierenkritik_Odyssee_staatsschauspielDD.php

 

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Am Beispiel des Kühlschranks oder Es geht ein Riss durch den Saal

„Wir sind auch nur ein Volk“ nach Jurek Becker am Staatsschauspiel Dresden, 8. September 2018, Uraufführung der Spielfassung von Tom Kühnel (Regie) und Kerstin Behrens

Vorweg: Nachdem der erste große Ärger über einen völligen Missgriff nach der Pause verraucht ist, kann ich insgesamt doch einen guten Abend bescheinigen. Zum „sehr gut“ fehlt die Haltung, und die mitunter überzogene Ostalgie mag „breite Kreise der Bevölkerung“ (um im Duktus zu bleiben) zufriedenstellen, mich nervt sie eher. Dennoch begeistern die Vielzahl an durchdachten und gut inszenierten Szenen, das Bühnenbild, ganz besonders die perfekt getroffenen Kostüme, die Musikauswahl von im Prinzip auch (selbst wenn sie weh tat) und die Live-Kamera, die der Enge der Grimmschen Wohnung Ausdruck gab, bekommt ein Sonderlob.

Hier:  http://www.kultura-extra.de/theater/veranstaltung/premierenkritik_WirSindAuchNurEinVolk_staatsschauspielDD.php

 

Beim Barte des Kaisers

„Der Untertan“ von Heinrich Mann am Staatsschauspiel Dresden, 7. September 2018, Premiere der Spielfassung von Jan-Christoph Gockel (Regie) und Julia Weinreich

Diederich Heßling war ein weiches Kind, wie wir alle wissen, aber er blieb es nicht. Oder besser, er glaubte dies kompensieren zu müssen, mit den bekannten Ergebnissen. Man muss nicht Freud bemühen, um zu wissen, woher der ganze Kaiserschmarrn also kam.

Die Dresdner Theaterfassung nutzt eine Diedel-Puppe als alter Ego des Heßling und eröffnet damit weite Möglichkeiten für die psychologische Ausleuchtung der Figur. Immer wieder beeinflusst die Puppe Diederichs Handlungen, lenkt ihn auf den Pfad, der ihm vorbestimmt scheint: Ein treuer Untertan des Kaisers und ein absoluter Herrscher in seinem eigenen kleinen Reich.

So prallt auch die letzte Versuchung an ihm ab, die Geliebte Agnes wird abserviert, mit der islamistisch klingenden Begründung der fehlenden Jungfräulichkeit. Die Dialektik des Patriarchats hat gewonnen.

Aber von vorne: (hier)

http://www.kultura-extra.de/theater/veranstaltung/premierenkritik_DerUntertan_staatsschauspielDD.php

 

Ein Hamsterradio Spezial: GUNDERMANN

Hatte ich schon lange vor, und Andreas Dresens Film gab mir jetzt den letzten Anstoß dazu: Eine Sonderausgabe des Hamsterradio, Gerhard Gundermann gewidmet, ohne Pathos, aber mit der Ernsthaftigkeit, die ihm gebührt. Gut zwei Stunden lang, kürzer haben wir es dafür nicht.

Hier zum Nachhören (jetzt auch ohne vorherrunterladenmüssen):

https://www.dropbox.com/s/tjva9eobaw5kpve/Gundermann%201Sep18.mp3?dl=0

 

 

 

Hamsterradio mit/ohne Böhmermann

Teichelmauke macht bekanntlich auf colo- das Hamsterradio, und manchmal hat er Gäste.

Virtuelle Gäste in diesem Falle, den obwohl Jan Böhmermann in dieser knappen Stunde sehr präsent ist, war er physisch abwesend.

Das machte aber nix, denn seine Musik war da. Ja, Musik, denn neben der ungesungenen Verbalakrobatik beherrschen seine Crew und er auch die Kunst der Musikparodie. Ob die kinderschreckenden Pyromanen von Rammstein oder amerikanische Groß-Rocker, ob (gleich mehrmals) die harten Knaben vom Sprech- nun ja, Gesang oder die inhaltsbefreiten, aber bedeutungshubernden Schlagerfuzzis der jüngeren Generation: Böhmermann kann es besser.

Dem Radio immanent ist der Verzicht auf (bewegte) Bilder, was in diesem Falle schade ist, denn auch die dazu produzierten Videoclips sind vom Feinsten. Aber die stehen ja im Netz rum zum Nachschauen.

Anlass der Schbeschäll-Sendung war der sehr sympathische Aufruf des Künstlers zu Spenden für die MISSION LIFELINE, der am Anfang zitiert wird. Ein kleines Dankeschön von coloRadio dafür, mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln.

Hier:

https://www.dropbox.com/s/qnqt3lfqul6lzzd/Sendung%20f%C3%BCr%20B%C3%B6hmermann.mp3?dl=0

 

Die weißen Dieger sind los

„Circus Sarrasani. The Greatest Show On Earth“ von und mit Rainald Grebe, Uraufführung am Staatsschauspiel Dresden am 26. Mai 2018

Der Zirkus war da.

Und er hat dieses mitunter doch betuliche Staatsstadttheater gehörig durcheinander gewirbelt, vermutlich unter dem Protest von Feuerwehr, Unfallkasse und kaufmännischer Direktion. Aber schön war’s, nicht nur deswegen.

… (Bißchen Text) …

Der Zirkus war da im Theater. Jetzt kehrt wieder Normalität ein. Aber keine Sorge: Der Zirkus kommt wieder.

Hier:

http://www.kultura-extra.de/theater/spezial/premierenkritik_sarrasani_staatsschauspielDD.php

Von der mühsamen Erzählung einer überhaupt nicht interessanten Geschichte

„Von der langen Reise auf einer heute überhaupt nicht mehr weiten Strecke“ von Henriette Dushe, Regie Babett Grube, Premiere am Staatsschauspiel Dresden am 18. Mai 2018

Der Titel hat was Spannendes, keine Frage, auch wenn er der amerikanischen Dramatik entlehnt scheint. Nur erfüllt die Dresdner Inszenierung dessen Versprechen kaum, sie verheddert sich in einer selbstmitleidigen Familienaufstellung ohne Vater.

Schön war das sicher nicht, was damals denen widerfuhr, die sich per Ausreiseantrag offiziell vom Staate DDR abwandten. Vor allem die Kinder, deren Einfluss auf diese Lebensentscheidung wohl kaum vorhanden war, saßen fortan so lange zwischen den schulischen und heimischen Stühlen, bis ein grauer Mann die frohe Botschaft überbrachte, ganz sicher nicht im Genscherschen Duktus.

Und sicher sind die psychischen Deformationen beachtlich und nachvollziehbar, die sich aus der harten Landung auf dem Traumschiff im Schwarzen Kanal ergaben. Ebenso verständlich ist es, wenn eine Betroffene das aufzuarbeiten versucht. Aber: Will man das auf der Bühne miterleben?

Ja, wenn es so leichtfüßig wie vor einigen Jahren bei „Adam und Evelyn“ daherkommt, nein, wenn man wie hier einer Schreitherapie beiwohnen muss. Da ist weder Schau noch Spiel, allenfalls eine spärlich inszenierte Textrezitation mag man das nennen, auch der verunglückte Retro-Look der um ihre Aufgabe nicht zu beneidenden Darstellerinnen (ohne Gender- *) trug seinen Teil zum Ärgernis bei. „Wozu die ganze Hysterie?“ war man oftmals versucht hineinzurufen, wenn selbst banale Textzeilen gekreischt wurden. Die Geschichte berührte eher peinlich als mitfühlend, des Vaters innere Emigration konnte man bald nachvollziehen.

Für diesen Anlass eher übertrieben war auch das einzige Bild der ansonsten leeren Bühne, die Hülle eines Heißluftballons. Anfangs vor allem als Bettzeug genutzt, wurde diese dann irgendwann dramatisch in den Bühnenhimmel gezogen, um bald wieder herunterzufallen. Zumindest ein einheitliches Niveau kann man dem Abend also bescheinigen.

PS: Mit der Bewältigung der jüngeren Vergangenheit hatte das Staatsschauspiel in dieser ersten Clement – Spielzeit generell wenig Glück. Außer einer schnurgeraden „Nationalstraße“ steht nichts auf der Habenseite, weder der verirrte „Weg ins Leben“ noch der staubtrockene „In seiner frühen Kindheit ein Garten“ konnten überzeugen. Und auch die „lange Reise“ von heute abend muss man leider ermüdend nennen.