Und wenn ein Tor fällt, bauen wir es wieder auf.

Der garantiert ahnungsfreie Liveblog zur Show heute abend. Dafür aber leidenschaftslos.

23.00:
So, Sportsfreunde, nun ist Schluss mit lustig. Welche haben gewonnen, andere hingegen verloren. Fast wie im richtigen Leben.
Wie beenden unsere große Konferenzschaltung und geben zurück in die angeschlossenen Funkhäuser und Eckkneipen.

22.59:
Herr Neuer lächelt auch, also wird der auch gewonnen haben.

22.58:
Also jeden Tag zu gucken wäre mir jetzt zu anstrengend. Zumal zwei Tore in anderthalb Stunden nicht gerade effizient sind. Im Handball geht man da ganz anders ran.

22.56:
Da sich Herr, äh, Schweinsteiger im Fernsehen fröhlich zeigt, vermute ich mal, daß der gewonnen hat.

22.54:
Ich höre grad, daß die Stimmenauszählung wohl noch andauert. So lang wollte ich aber nicht wachbleiben.

22.52:
Der Ball ist eingesammelt worden. Wir warten nun gespannt auf das Urteil der Jury.

22.51:
Offenbar doch keine Verlängerung.

22.50:
Aber wenn der Kommentator „Schweinie“ sagt, kann ich auch behaupten, daß der wie Effenberg aussieht.

22.49:
Zum Glück hab ich keine Witze gemacht über den Namen.

22.46:
Nein, ich mache keine Witze mehr über den Namen.

22.44:
Der „eigentliche Kapitän“, aha. Also auch hier Kompetenzstreitigkeiten in der Führungsebene.

22.42:
Wenn ich die Uhr links oben erkennen könnte, würde ich mal bekanntgeben, wieviel Zeit noch ist. Macht sich immer gut.
Schon blöd, so ohne Brille.

22.40:
Es ist nicht mehr viel zu spielen da, sagt der Kommentator. Immerhin haben die noch einen Ball.

22.37:
Grad nochmal die Bilder auf twitter geguckt: Ein Boateng im Tor zählt offenbar nicht als Treffer. Eigentlich ist das ungerecht.

22.36:
Der Kommentator droht, daß nachher der Beckmann käme. Aber nicht ins „Blue Note“, bitte.

22.34:
Herr Draxler hat Feierabend, freut sich aber nur nach innen.

22.33:
Ganz lang mach ich mich nachher auch.

22.32:
Ein echter Müller-Thurgau, ganz trocken. Bedienung?

22.31:
Herr Götze ist doch dabei und macht es richtig. Es geht also offenbar doch nicht um Tore.

22.29:
Gibt es eigentlich nachher ein Tele-Voting, wer gewonnen hat? Oder wird das ausdiskutiert im Plenum?

22.28:
Guter Ball, böser Ball. Das Spiel kenne ich sonst aus dem Krimi.

22.26:
Man merkt es sicherlich: Ich langweile mich ein bißchen.

22.24:
Mit einer Fläche von 603.700 Quadratkilometern ist die Ukraine der größte Staat, dessen Grenzen vollständig in Europa liegen. Das nutzt aber offensichtlich nicht viel, denn mit 43 Mio. Einwohnern gibt es nur halb so viele potentielle Fußballgöttinnen wie in Deutschland. Also alles ganz logisch zu erklären.

22.21:
Entschuldigung, aber wie soll man denn jetzt schon was zu Ende spielen, wenn es noch 25 min sind? Rätselhaft.

22.19:
Auch, das nichts passiert ist inzwischen.

22.18:
Ich bin sehr erleichtert.

22.15:
Das Spielzeitregime und meine Erleichterungsbedürfnisse passen so gar nicht zusammen. In der Pause musste ich natürlich nicht aufs Klo. Aber jetzt.
Hoffentlich passiert jetzt nichts.

22.10:
Rein klamottentechnisch sehe ich die Ukrainiens im Vorteil (das sind die Gelben). Zwar etwas gewagt, aber auffällig. Die Deutschen (das sind die anderen) sehen im Vergleich eher aus wie Kellner.
Wobei ich nichts gegen Kellner habe.
Mit wieviel Prozent geht denn das in das Ergebnis ein?

22.07:
Der Kommentator bringt zunehmend die Sportarten durcheinander. Jetzt wird auch noch Gas gegeben, wie beim unterhaltsamen Auto-im-Kreis-fahren.

22.06:
Ein Pferd namens Hector hat ausgekeilt? Polo, oder was?

22.04:
Daß die jetzt andersherum spielen, finde ich ganz schön verwirrend. Das ist nicht zuschauerfreundlich.

22.03:
Im vorigen Text war übrigens ein Spaß versteckt. Wer ihn findet, darf ihn behalten.

22.01:
Zurück vom Pausentee, wie wir Reporter sagen. Mal sehen, ob meine Kondition bis zum Ende reicht. Hoffentlich gibt es nicht noch Verlängerung!

21.59:
Die können das Tor noch so oft zeigen, wie sie wollen, es zählt nur einmal. Glaub ich.

21.51
Wenn man zwischendurch die Nachrichtenbilder sieht, merkt man, wie irrelevant im Vergleich dazu der Fußballzirkus ist.

21.47:
Also doch Pause. Vermutlich weil die letzte Minute kaputt war. Der Reporter meint, „angebrochen“. Keine Ahnung, bin kein Chirurg.

21.45:
Der Bartender meines Vertrauens hat auch gerade eine Großtat vollbracht. Mit unglaublicher Schnelligkeit und Präzision hat er mir ein Bier eingelassen. Weltklasse!

21.40:
Und die Pause ist offenbar auch gestrichen.

21.38:
Wie jetzt, Abseits? Was ist das denn?

21.36
So, kann weitergehen.
Ein Herr Götze wird vermisst. Sicher ist der auch aufm Klo.

21.33:
Können wir mal kurz anhalten? Ich muss aufs Klo.

21.30:
Ich finde es unfair dem normalen Werktätigen gegenüber, es als „große Tat“ zu bezeichnen, wenn ein Fußballspieler seinen Job macht.

21.27:
Blöderweise spielen die doch ziemlich oft rechts oben im Fernseher. Da entgeht mir offenbar einiges.

21.22:
Ich fürchte, ab jetzt wird es eher langweilig.

21.19:
Falls die Weißen die Deutschen sind, führen die jetzt. Wenn nicht, dann die anderen.

21.17:
Lustig, was ein Reporter so alles daherredet. „Strategie im Auge behalten“, ah ja.

21.15:
Freude bereiten, das find ich gut. Endlich mal jemand, der das Gespiele nicht zur Staatsaktion erklärt.

21.14:
Sieh an, der Höwedes bloggt auch. Kann mal jemand den Link schicken?

21.11:
Noch keine Tore, das ist mir auch aufgefallen. So richtig fetzt das nicht. Im Theater passiert deutlich mehr.

21.09:
Räume schaffen ohne Waffen!

21.06:
Gelb gegen weiß ist blöd, wenn man die Brille vergessen hat. Wenigstens ist der Rasen grün.

21.05:
Wo ist denn das Welt-Tor, das der Neuer hütet?

21.04:
Der „erste Abschluss“, soso. Wir sind also im Versicherungswesen.

21.02:
Ein Aufzieh-Spiel also. Wieder was gelernt.

21.01:
Ich dachte, die Einteilung rechts und links wäre überholt?

21.00:
Also Löw ohne Anzug, das geht gar nicht.

20.57:
Nachdem ich das bis vor kurzem immer im Theater grölen musste, könnt ich sogar mitsingen. Mach ich aber nicht.

20.55:
Herzschmerzen bekämpft man am besten mit Singen.

20.52:
Vielleicht noch ein praktischer Hinweis: Wenn man so helle Hemdchen anhat, sieht man darauf jeden Dreckfleck. Ich meine, falls man sich schmutzig macht. Man macht sich doch schmutzig beim Sport?

20.50:
Es scheint kalt zu sein in Frankreich, viele dort haben Schals um. Schön sind die aber nicht. Beide.

20.47:
Im Fernsehen fallen dauernd Tore. Ich kann aber nicht erkennen für wen. Bleibt dran, ich klär das!

20.43:
Es ist nicht ausverkauft hier. Ich würde es eher als übersichtlich bezeichnen. Viel Raum zum Spielen.
Und Fernsehen ist ohne Ton erst schön.

20.39:
Damit Ihr Euch das Scrollen erspart, schreib ich von unten nach oben. Clever, wa?

20.33:
Von meinem Reporterplatz im beliebten Jazz-Imbiss unweit des Thalia kann ich bequem den ganzen Tresen überblicken. Und sogar Dreiviertel des oberhalb befestigten Bildschirms. Aber in der rechten oberen Ecke passiert eh nix.

 

Die beleidigte Eierschecke

Ein Kollege aus der Hauptstadt hatte mich auf einen Text im Blog von Maximilian Krah aufmerksam gemacht(https://maximiliankrah.wordpress.com/2016/03/12/wer-ist-hier-rechts/ ) und um meine Meinung „als Dresdner“ dazu gebeten. Da war ich dann doch gespannt, zumal ich vom Autor immer nur gehört, aber noch nie etwas gelesen hatte.

Aber schade, ich hatte mir dann doch deutlich mehr davon versprochen, da wird vieles wiederholt, was anderswo auch schon so oder ähnlich zu lesen war, davon aber auch nicht wahrer wird. Deswegen lohnt sich auch eine umfassende Textkritik nicht, zumal vieles Notwendige dazu schon in den kritischen Kommentaren darunter gesagt wird.

Der Mittelpunkt von Krahs Welt ist ganz eindeutig Dresden, das umgebende Europa ist noch als Absatzmarkt und Touristenquelle willkommen, aber alle anderen sollen sich gefälligst in ihren Ländern totbomben lassen bzw. ordnungsgemäß verhungern. Und wir dachten früher immer, die Wessies wären egoistisch … So etwas wie Empathie oder Humanismus kommt in den angeblichen Werten seines städtischen Bürgertums nicht vor. Zum Glück gibt es dann aber doch ein paar mehr Dresdner, die tatsächlich aus „Werten, Überzeugungen und Prinzipien … aus Bildung, Kultur und Tradition“ ihre Identität beziehen, als die dünne Schicht Hochgebildeter, die dem montäglichen Haufen frustrierter alter Männer und erlebnisorientierter Hooligans vom Lande ein intellektuelles Mäntelchen geben will.

Sein Verweis auf die Unterschiede Ost-West, die besonders in Dresden zu Tage träten, wirkt trotzig-weinerlich, da fühlt sich einer wohl nicht ernst genommen vom Rest der Welt (mit vollem Recht übrigens) und schlägt nun beleidigt um sich. Die Beschimpfung der westdeutschen Gesellschaft und deren „Funktionseliten“ ist schon peinlich genug, übertroffen wird sie aber noch durch die Lobpreisung der Tiefe und Breite des Diskurses in Dresden. Und was er über die „Zeit nach Schröder“ schreibt, ist so unendlich weit von der Realität entfernt, daß man ihm seinen „Dr.“ aberkennen müsste, wenn es nicht nur einer in Jura wäre. Immerhin, „die Kommunisten“ der DDR haben bei Herrn Krah ein positives Bild der deutschen Kulturgeschichte erzeugt, wie schön. Da wächst etwas postum zusammen, was in seinem ostdeutschen Mief tatsächlich zusammengehört.

Krah hat bei weitem nicht die rhetorischen Fähigkeiten von Kubitschek oder Elsässer, die ihre rechtsnationalen Thesen wenigstens noch halbwegs nachvollziehbar herleiten können. Mit seinem „Mirsinmir“-Dresden-Dünkel lässt sich das nicht annähernd wettmachen. Eine besondere Beachtung seiner Hervorbringungen lohnt sich für mich also fürderhin nicht. Er wird uns ohnehin wieder über den Weg laufen, auf irgendeiner AfD-Liste vermutlich, wo sich die schrägen Vögel und verkrachten politischen Existenzen derzeit auf der Jagd nach Mandaten und Posten sammeln. Aber bis dahin verschwende ich keine Zeit mehr auf ihn.

Ach so, die Eingangsfrage … „ich als Dresdner“ … : Mir ist dieses Pamphlet äußerst peinlich, auch wenn ich mit dem Verfasser nur den Wohnort gemein habe. Der Ruf von Dresden ist zwar ohnehin im Eimer, aber das jemand (der immerhin im Kreisvorstand der in Dresden stärksten Partei sitzt) dies wortreich bejubelt, hätte nicht auch noch sein müssen. Es geht eben immer noch ein bisschen schlimmer in unser äußerlich recht schönen Stadt.

Kapitulation, aus persönlichen Gründen

„Unterwerfung“ nach dem Roman von Michel Houellebecq, für die Bühne eingerichtet von Janine Ortiz, Regie Malte C. Lachmann, Premiere am Staatsschauspiel Dresden am 5. März 2016

Am Ende, auf der Treppe nach unten, fragte mich die Fernsehreporterin, ob ich mir das Szenario auch real vorstellen könne und ob das Stück in Dresden aufzuführen wohl etwas Besonderes sei. Nein, muss ich gestammelt haben, und nochmal nein, man solle die Situation in Dresden nicht auf die Montage reduzieren. Daß diese „Bewegung“ intellektuell auf einer gänzlich anderen Ebene spiele, konnte ich leider nicht mehr anbringen, das wäre zur Erläuterung aber doch notwendig gewesen. Die literarische und theatrale Auseinandersetzung mit einer möglichen Ausbreitung der islamischen Religion hat mit den Montagspöbeleien soviel zu tun wie … ach, was weiß ich. Jedenfalls nicht viel.

 

Link zu KULTURA-EXTRA

So geht Sächsische Zeitung

Nichts ist so ärgerlich wie die Zeitung von gestern

Eigentlich geht der Spruch anders, aber angesichts des nachträglichen Durchblätterns der „Sächsischen Zeitung“ vom Freitag, dem 4. März 16 schien mir diese Form angebrachter.

Man ist ja einiges gewohnt vom Bezirksorgan, aber eine derartige Häufung von Fehlleistungen und Anbiederungen ist schon bemerkenswert: Kann man den Kurzbericht über den Antrag der Linksfraktion im Landtag zur Beendigung der eindeutige Assoziationen hervorrufenden Image-Kampagne „So geht sächsisch“ noch informativ nennen, auch weil CDU-Generalsekretär mit seiner ganzen argumentativen Kraft gegenhalten darf („die Idee war damals richtig und ist heute immer noch richtig“), nimmt man den Rest des Blattes mit einer Mischung aus Unbehagen, Belustigung und Mitleid zur Kenntnis.

Natürlich hängt auch die SZ ihr Mäntelchen in den Shitstorm gegen Minister Dulig, der schlicht neben der Würdigung der Leistungen der Polizei ein paar richtige Fragen gestellt hat. Da darf ihm jeder einschließlich des Kommentators, der ein „in-die-Hose-gehen“ bescheinigt, mal ans Bein pinkeln (um auf diesem sprachlichen Niveau zu bleiben). CDU-Fraktionschef Kupfer wünscht sich bei dieser Gelegenheit ein härteres Durchgreifen, ein anderer harter Mann aus der Fraktion stellt fest, daß Dulig als Minister gar nicht zuständig wäre (und demzufolge den Mund zu halten habe?). Auch die Gewerkschaften der Polizei kommen zu Wort, daß eine davon sich ihrer Empörung in der „Jungen Freiheit“ Luft machte, scheint der SZ nicht erwähnenswert. Passend dazu wird Dresdens neuer Polizeichef mit der Aussage umschwärmt, daß er sich „als Chef der schlagkräftigen Truppe (SEK) im Pflastersteinhagel der Neustadt“ bewährt habe und auf solche Erfahrungen nun wohl zurückgreifen müsse. Na dann, Visier runter und Knüppel frei, und Waidmanns Heil auf allen Wegen.

Im Artikel darüber wird dann die Inhaberin einer „Lockvogel-Agentur“ porträtiert, das Thema hatte die MoPo schon vor Wochen durchgekaut, aber Recycling ist ja etwas Gutes.

Ich gebe zu, ich bin ein wenig voreingenommen. Aber wenn mir auf der Titelseite ein in Dresden weltbekanntes Doppelkinn unter der vollen Pracht seines Haupthaares entgegenschmunzelt, auf Augenhöhe mit einem von mir geschätzten Autor, und sich aus dem Text ergibt, daß beide nun wechselweise eine Kolumne unter dem Titel „Besorgte Bürger“ schreiben werden, darf ich auf Verständnis hoffen für meine Übellaunigkeit. Zumal Patzelt sich in seinem Beitrag wiedermal als Allgemeinplatzwart der politischen Diskussion erweist und sich an den Begriffen „Gutmensch“ und „besorgter Bürger“ wunddefiniert, aber wenig Sachdienliches beizutragen hat. Mal sehen, was Michael Bittner (der seinen Mitkolumnisten laut SZ schätzen soll) am nächsten Freitag gegenhält, sonderlich hoch hängt die Latte ja nicht.

Die Laune wird auch nicht besser, wenn man die halbe Seite liest, die die SZ dem AfD-Stadtrats-Fraktionschef Vogel einräumt und es dabei fertigbringt, nicht eine einzige kritische (Nach-) Frage zu stellen. So darf Vogel ungerührt behaupten, daß in Dresden eine ungleiche Behandlung von Extremen herrsche (ja, der meint das tatsächlich andersrum) und daß er zwar keine Berührungsängste mit Pegida habe, Bachmann und Festerling aber nicht bewerten wolle, weil das ja keine Dresdner seien. Und einerseits erklärt sich der seltsame Vogel (nur) für Kommunales zuständig, fordert aber andererseits härtere Strafen für Drogendelikte. Daß er einen aus Niedersachsen stammenden Stadtpolitiker als „Beispiel von nicht gelungener Integration“ bezeichnen darf, entspricht vermutlich zumindest dem Humorniveau der SZ. Und in Monaco sei es sehr sauber, deswegen müsse auch die Neustadt videoüberwacht werden. Ah, ja.

Kulturell war die SZ – von Ausnahmen abgesehen – nie eine große Leuchte. Daß es ihr aber gelingt, im Vorbericht zur Premiere von „Unterwerfung“ den Autor Michel Houellebecq und die vertriebene Frau Steinbach in einem Atemzug zu nennen, macht schon fassungslos. Zumal die Beschreibungen wie geschmacklos oder hetzerisch für deren ekelhaften Twitter-Beitrag im Konjunktiv geschildert und auf eine Stufe mit den Vorwürfen gegen das im vorigen Jahr erschienene Buch gestellt werden. Auf so eine dämliche Idee muss man erstmal kommen. Zumindest das nötigt mir fast schon wieder Respekt ab.

Der Vorteil einer Zeitung gegenüber dem Radio ist es, daß man damit auch eine störende Fliege bei Bedarf erschlagen kann. Im Falle der Sächsischen Zeitung spricht vieles dafür, die Fliege in Kauf zu nehmen.

Pegidistan

Darf man über Pegida lachen?

Ein Reiseföhrer der besonderen Art: „Pegidistan – Reisen im Land hinter der Mauer“

Hier die Details:

Rezension auf KULTURA-EXTRA

14 Herzblätter

Die Schauspielbrigade Leipzig interpretierte Gundermann im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden, 15. November 2015

Fast zwanzig Jahre nach dem Tod von Gerhard Gundermann sind seine Lieder noch immer in aller Ohren und Mündern, man möchte meinen, es nimmt eher zu als ab. Auch an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig sind Gundermann-Lieder fester Bestandteil der Gesangsausbildung, der Schritt zu einem selbst gestalteten Programm war da nicht mehr weit. Dozent Frank Raschke hat dieses geformt und gastierte mit einem vierzehnköpfigen Ensemble aus singenden Schauspielern und aus Musikern in Dresden. Es sei in dieser Form eine Premiere, sagte er in seiner etwas langatmigen Einführung.

Zuvor gab es den „Narrn“, mit Akkordeon von ihm und Gesang von Felix Fdefér, eine Eröffnung, die Hoffnung auf einen großartigen Abend machte. Dass diese dann doch nur teilweise erfüllt wurde, lag schlicht am sehr artifiziellen Ansatz der Interpretationen und leider auch an einem meist einfallslosen Arrangement der Stücke. Unbestritten waren da sehr schöne Stimmen zu hören, aber … man glaubte den sehr jungen Interpretinnen nicht, dass sie wussten, wovon sie sangen. Da hilft dann auch die schauspielerische Ausbildung nicht, Gundermann-Singen spielen ist etwas anderes als Gundermann singen. Auf dem gebohnerten Bühnenparkett verlor sich kein Krümel Kohlenstaub, die Soljanka wurde hier vom Vier-Sterne-Koch serviert, sehr raffiniert, aber ohne das gewisse Etwas.

Dass der Abend nicht völlig misslang, ist dem zweiten Teil zu verdanken. Da wurde auf einmal die Sterilität weggeblasen, wunderbar schräge Nummern waren zu hören, da zeigte das Ensemble, was drin gewesen wäre. Mit „Vogelfrei“ war dann auch bei mir das Eis gebrochen, eine großartige Version, so muss man das machen! Auch „Weißtunoch“ konnte an diese Niveau anknüpfen, und der „Zweitbeste Sommer“ gehört auch in diese Kategorie, ebenso die Zugabe „Gras“. Trotzdem war auch viel statisch Uninspiriertes zu hören, und die vier Streicherinnen wurden auch nicht immer glücklich eingesetzt. Die „Night of the proms“ ist bei Gundermann schlicht fehl am Platze, trotz aller Virtuosität.

Dennoch, es gibt noch einiges Erfreuliche zu berichten: Die singenden Herren waren durchweg gut, Thomas Dehler konnte mit eingebrachter Lebenserfahrung punkten und Felix Fdefér interpretierte sehr klug (so verzieh man auch seine Texthänger). Doch die Krone gebührt dem Schauspielstudenten Jannik Hinsch, der mit seiner schönen und facettenreichen Stimme ebenso begeisterte wie mit dem Charme seines Vortrags.
Also Unentschieden am Ende, immerhin.

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Kein Gott, nirgends.

„Ichglaubeaneineneinzigengott.“, Monolog von Stefano Massini, deutschsprachige Erstaufführung in der Regie von Nora Otte am Staatsschauspiel Dresden, 14. November 2015

Auch an anderen Tagen wäre man aus dieser Inszenierung nicht beschwingt hinausgegangen. Heute bedurfte es sogar einer Erklärung des Intendanten Wilfried Schulz vorab, warum man auf die Premiere ausgerechnet dieses Stückes am Tage nach einem Terroranschlag entsetzlichen Ausmaßes nicht verzichtet habe. Die Frage, die sich das Theater heute vormittag stellte, war genauso berechtigt wie die Entscheidung richtig: Man muss sich auseinandersetzen, auch wenn es schmerzhaft war und ist.

Stefano Massini, dessen theatrale Dokumentation der Familiengeschichte der Lehmann-Brüder nach deren Auswanderung ins gelobte Land Amerika (eine klassische Mischform von Wirtschaftsflucht und Emigration aus Furcht vor Verfolgung übrigens) erst unlängst an diesem Theater Erfolg hatte, befasst sich in seinem Monolog von drei Personen mit dem Dauerkonflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Das Thema wird aus zwei diametralen Blickwinkeln beleuchtet, jenem der jüdischen Geschichtsprofessorin Eden Golan, die zumindest anfangs an Verständigung und Versöhnung glaubt, und jenem der palästinensisch-muslimischen Studentin Shirin Akhras, die in ihrem kurzen Leben nichts anderes als Unterdrückung und Terror kennengelernt hat. Die dritte Person, die amerikanische Soldatin Mina Wilkinson, hat vor allem die Funktion, die Handlung zusammenzuhalten und die grausame Schlusspointe zu erzählen.

Alle drei wurden gespielt von Cathleen Baumann, der phasenweise die Anspannung an diesem auf so unerwartete Weise besonderen Tage anzumerken war und die dennoch auf anrührende und ergreifende Art in drei verschiedenen Körpersprachen, Stimmlagen und Mimiken brillierte. Unterstützt wurde ihre Performance von der Kostümbildnerin Lisa Edelmann, die nur wenige Requisiten brauchte, um die Personen unterscheidbar zu machen, und von der kargen Bühne aus verschraubten Verstrebungen, die eine Arena andeuteten, phasenweise von einer von oben auf das Geschehen blickenden Kamera unterstützt.
Die Regisseurin Nora Otte verzichtete – von der Detonation der ersten Bombe abgesehen – auf alle „special effects“ und vertraute der Geschichte, den klug gesetzten musikalischen Sentenzen von Ludwig Bauer und vor allem ihrer Darstellerin. Das Ergebnis gab ihr recht.

Erklärt wurde in diesem Stück wenig, der Fanatismus der Studentin wurde ebenso vorausgesetzt und fortgeschrieben wie die Abgebrühtheit der Soldatin. Nur die Professorin wurde als Person kenntlicher, wenn sie nach ihrer Traumatisierung durch einen er- und überlebten Selbstmordanschlag ihre Prinzipien mehr und mehr in Frage stellte.
Dramaturgisch geschickt kreuzten sich die Lebens- bzw. Todeslinien der Palästinenserin und der Jüdin zuerst nur scheinbar: Während die eine auf der zweiten Stufe ihrer Märtyrerkarriere ihre beiden besten Freundinnen – die ihr hier einen Schritt voraus waren – und ein vollbesetztes Lokal zum Chanukka-Fest in die Luft sprengte, tafelte die andere entgegen der anfänglichen Vermutung dann doch ein paar Straßen weiter, das erste Mal seit dem Anschlag vor mehreren Monaten.
Doch fast unvermeidlich fanden beide im Tode zusammen, die eine wie die andere von amerikanischen Scharfschützen wie Mina Wilkinson getötet, wegen des mitgeführten Rucksacks voller Sprengstoff bzw. weil das Schultertuch wegen des Regens unglücklich über den Kopf gebunden war. Zur falschen Zeit am falschen Ort, sagt man da wohl.
Von einem Gott, an den man glauben könnte, war nirgendwo etwas zu sehen.

Als sich das Publikum vom Schock einigermaßen erholt hatte, gab es kräftigen Beifall für Cathleen Baumann und das Inszenierungsteam.

Tja, und nun? Dass das Stück zur richtigen Zeit kommt (auch wenn die Gemengelage in Mitteleuropa eine andere ist), ist wohl unstrittig. Ob das Provinzhauptstädtchen Dresden der richtige Ort ist, um sich mit Terrorismus auseinanderzusetzen in diesen Tagen?
Ja und nein. Ja, weil dieses Thema unsere Gesellschaft seit Jahren begleitet (wobei der islamistische Terror nur eine von mehreren Ausprägungen ist, wenn auch derzeit dominierend), nein, weil der Terror hier ein ganz anderes Gesicht hat und vorzugsweise Flüchtlingsunterkünfte anzündet. Insofern könnte man sagen, dass wir hier andere, dringendere Probleme haben, aber das Theater ist nicht die Tagesschau, und so können und sollen auch Themen abgehandelt werden, die außerhalb unseres aktuellen Tellerrands liegen.

So oder so wird der pegidistische Hassprediger und Montags-Schwarzmaler mit seiner Ortsbauernführer-Schläue die tragischen Ereignisse vom Freitagabend nutzen, um seine Gefolgschaft weiter zu radikalisieren.
Damit ist sich auseinanderzusetzen, und Theater allein reicht dagegen sicher nicht aus, aber es ist ein Beitrag, die Vernunft zu stärken, auch und gerade in der schmerzhaften Auseinandersetzung mit Gründen und Ursachen. Und dazu kann man „ichglaubeaneineneinzigengott“ definitiv zählen.