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Blasphemische Gefühle 

(DebbschMod in der Flooodrinne, gerade eben)

Ich mag keine Menschenmassen. 

Auch dann nicht, wenn sie halbwegs ordentlichen Musikgeschmack haben (was man vielen übrigens gar nicht ansieht).

Dies sei vorweggeschickt. Und die meisten anderen Musikanten sind insoweit vor meinem Gemecker sicher, als ich da gar nicht hingehen würde.

Depeche Mode trifft es nun leider, dabei gehören die zum Besten, was musikalisch so passierte in den letzten zwanzig Jahren. Ja, Präteritum, ich bedaure.

Es ist aber tatsächlich nicht schön anzusehen, wenn sich Mr. Gahan anfangs an einer Mercury-Kopie versucht und dabei natürlich scheitert (und Oberlippenbart geht wirklich nur bei Freddie!) oder Mr. Gore sich richtig quält beim Singen, was man dann zwar nicht hört, aber leider nur zu deutlich sieht. Dafür guckt Mr. Fletcher wie immer, also eigentlich gar nicht.

Ein Stück wie „In Your Room“ mit Tanztheater zu untersetzen, wenn auch nur per Film, ist prinzipiell eine gute Idee und eine schöne Abwechslung im musikalischen Einerlei, nur wäre eine Choreographie dabei auch ganz schön gewesen. 

Auch sonst wird bühnentechnisch nicht viel geboten, bisschen Farbspiele, bisschen Grafik, bisschen Licht, bisschen Film, bisschen lieblos. Immerhin tut die Anlage einen ordentlichen Job.

Langeweile macht sich breit in mir nach einer halben Stunde, da hat sie ja auch viel Platz. Die ausführlich aufgeführte letzte Platte, von der ich mir den Namen nicht merken mag, ist bei weitem nicht so gut wie die vorherige „Delta Machine“, von der es leider kaum etwas zu hören gibt.

Dafür wird die Sache später mit den alten Gassenhauern halbwegs rausgerissen, das macht dann sogar mir Spaß. Ich ertappe mich bei leichtem Kopfwackeln.

Dann gibt es sogar Tiere zu sehen! Die Dresdner Stadtmusikanten? Man erfährt es nicht. Aber süß sindse, von der Töle mal abgesehen. 

Nach anderthalb Stunden ist erstmal Schluss. Und soooo energisch klingt das Klatschen nach der Zugabe nun nicht. Aber Mr. Gore kommt dennoch noch mal und singt schön zum Klavier.

In den dann gezeigten Schuhen dürfte der Versuch, darin zu walken, nicht ganz einfach sein. Ein sehr hübscher Film.

We could be Heroes, yes Sir! Stilgerecht mit schwarzer Flagge. Doch, kann man machen, klingt gut. 

So ein Schlagzeug auf der Bühne macht schon Sinn, am Ende merkt man auch warum. 

Für den persönlichen Jesus reicht es für die drei Herren nicht bei mir, den Posten hat der alte Cash inne. Aber immerhin hat jener die Combo durch seine Coverversion so eine Art heiliggesprochen, erinnere ich mich und stelle das Genörgel ein. Ist ohnehin jetzt Schluss. 

Ein schöner Mond hängt über dem Ende und dem Gelände. Blasphemische Gedanken auf dem Heimweg, trotz des Status: Hätte ich mir früher ansehen sollen, die Kapelle. Nun, es ergab sich nicht. Don’t look back in anger, und CDs hab ich genug.

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Kein „Uhhh!!“, nirgends.

„Othello“ von William Shakespeare, Regie Thorleifur Örn Arnarsson, Premiere am Staatsschauspiel Dresden am 29. Oktober 2016

Die Schlussszene versinkt im Bühnenboden. Zumindest dieses Bild ist trefflich gewählt.

Das kleine Island hat im Sommer nicht nur mit „Uhhh!!!“ auf sich aufmerksam gemacht. Ein klein wenig von dieser Kraft wär schön gewesen, und dann vielleicht auch in eine theatralere Richtung. Thorleifur Örn Arnarsson? Ein beeindruckender Name, aber merken muss man ihn sich wohl nicht.

http://www.kultura-extra.de/theater/spezial/premierenkritik_othello_staatsschauspielDD.php

 

Und wenn ein Tor fällt, bauen wir es wieder auf.

Der garantiert ahnungsfreie Liveblog zur Show heute abend. Dafür aber leidenschaftslos.

23.00:
So, Sportsfreunde, nun ist Schluss mit lustig. Welche haben gewonnen, andere hingegen verloren. Fast wie im richtigen Leben.
Wie beenden unsere große Konferenzschaltung und geben zurück in die angeschlossenen Funkhäuser und Eckkneipen.

22.59:
Herr Neuer lächelt auch, also wird der auch gewonnen haben.

22.58:
Also jeden Tag zu gucken wäre mir jetzt zu anstrengend. Zumal zwei Tore in anderthalb Stunden nicht gerade effizient sind. Im Handball geht man da ganz anders ran.

22.56:
Da sich Herr, äh, Schweinsteiger im Fernsehen fröhlich zeigt, vermute ich mal, daß der gewonnen hat.

22.54:
Ich höre grad, daß die Stimmenauszählung wohl noch andauert. So lang wollte ich aber nicht wachbleiben.

22.52:
Der Ball ist eingesammelt worden. Wir warten nun gespannt auf das Urteil der Jury.

22.51:
Offenbar doch keine Verlängerung.

22.50:
Aber wenn der Kommentator „Schweinie“ sagt, kann ich auch behaupten, daß der wie Effenberg aussieht.

22.49:
Zum Glück hab ich keine Witze gemacht über den Namen.

22.46:
Nein, ich mache keine Witze mehr über den Namen.

22.44:
Der „eigentliche Kapitän“, aha. Also auch hier Kompetenzstreitigkeiten in der Führungsebene.

22.42:
Wenn ich die Uhr links oben erkennen könnte, würde ich mal bekanntgeben, wieviel Zeit noch ist. Macht sich immer gut.
Schon blöd, so ohne Brille.

22.40:
Es ist nicht mehr viel zu spielen da, sagt der Kommentator. Immerhin haben die noch einen Ball.

22.37:
Grad nochmal die Bilder auf twitter geguckt: Ein Boateng im Tor zählt offenbar nicht als Treffer. Eigentlich ist das ungerecht.

22.36:
Der Kommentator droht, daß nachher der Beckmann käme. Aber nicht ins „Blue Note“, bitte.

22.34:
Herr Draxler hat Feierabend, freut sich aber nur nach innen.

22.33:
Ganz lang mach ich mich nachher auch.

22.32:
Ein echter Müller-Thurgau, ganz trocken. Bedienung?

22.31:
Herr Götze ist doch dabei und macht es richtig. Es geht also offenbar doch nicht um Tore.

22.29:
Gibt es eigentlich nachher ein Tele-Voting, wer gewonnen hat? Oder wird das ausdiskutiert im Plenum?

22.28:
Guter Ball, böser Ball. Das Spiel kenne ich sonst aus dem Krimi.

22.26:
Man merkt es sicherlich: Ich langweile mich ein bißchen.

22.24:
Mit einer Fläche von 603.700 Quadratkilometern ist die Ukraine der größte Staat, dessen Grenzen vollständig in Europa liegen. Das nutzt aber offensichtlich nicht viel, denn mit 43 Mio. Einwohnern gibt es nur halb so viele potentielle Fußballgöttinnen wie in Deutschland. Also alles ganz logisch zu erklären.

22.21:
Entschuldigung, aber wie soll man denn jetzt schon was zu Ende spielen, wenn es noch 25 min sind? Rätselhaft.

22.19:
Auch, das nichts passiert ist inzwischen.

22.18:
Ich bin sehr erleichtert.

22.15:
Das Spielzeitregime und meine Erleichterungsbedürfnisse passen so gar nicht zusammen. In der Pause musste ich natürlich nicht aufs Klo. Aber jetzt.
Hoffentlich passiert jetzt nichts.

22.10:
Rein klamottentechnisch sehe ich die Ukrainiens im Vorteil (das sind die Gelben). Zwar etwas gewagt, aber auffällig. Die Deutschen (das sind die anderen) sehen im Vergleich eher aus wie Kellner.
Wobei ich nichts gegen Kellner habe.
Mit wieviel Prozent geht denn das in das Ergebnis ein?

22.07:
Der Kommentator bringt zunehmend die Sportarten durcheinander. Jetzt wird auch noch Gas gegeben, wie beim unterhaltsamen Auto-im-Kreis-fahren.

22.06:
Ein Pferd namens Hector hat ausgekeilt? Polo, oder was?

22.04:
Daß die jetzt andersherum spielen, finde ich ganz schön verwirrend. Das ist nicht zuschauerfreundlich.

22.03:
Im vorigen Text war übrigens ein Spaß versteckt. Wer ihn findet, darf ihn behalten.

22.01:
Zurück vom Pausentee, wie wir Reporter sagen. Mal sehen, ob meine Kondition bis zum Ende reicht. Hoffentlich gibt es nicht noch Verlängerung!

21.59:
Die können das Tor noch so oft zeigen, wie sie wollen, es zählt nur einmal. Glaub ich.

21.51
Wenn man zwischendurch die Nachrichtenbilder sieht, merkt man, wie irrelevant im Vergleich dazu der Fußballzirkus ist.

21.47:
Also doch Pause. Vermutlich weil die letzte Minute kaputt war. Der Reporter meint, „angebrochen“. Keine Ahnung, bin kein Chirurg.

21.45:
Der Bartender meines Vertrauens hat auch gerade eine Großtat vollbracht. Mit unglaublicher Schnelligkeit und Präzision hat er mir ein Bier eingelassen. Weltklasse!

21.40:
Und die Pause ist offenbar auch gestrichen.

21.38:
Wie jetzt, Abseits? Was ist das denn?

21.36
So, kann weitergehen.
Ein Herr Götze wird vermisst. Sicher ist der auch aufm Klo.

21.33:
Können wir mal kurz anhalten? Ich muss aufs Klo.

21.30:
Ich finde es unfair dem normalen Werktätigen gegenüber, es als „große Tat“ zu bezeichnen, wenn ein Fußballspieler seinen Job macht.

21.27:
Blöderweise spielen die doch ziemlich oft rechts oben im Fernseher. Da entgeht mir offenbar einiges.

21.22:
Ich fürchte, ab jetzt wird es eher langweilig.

21.19:
Falls die Weißen die Deutschen sind, führen die jetzt. Wenn nicht, dann die anderen.

21.17:
Lustig, was ein Reporter so alles daherredet. „Strategie im Auge behalten“, ah ja.

21.15:
Freude bereiten, das find ich gut. Endlich mal jemand, der das Gespiele nicht zur Staatsaktion erklärt.

21.14:
Sieh an, der Höwedes bloggt auch. Kann mal jemand den Link schicken?

21.11:
Noch keine Tore, das ist mir auch aufgefallen. So richtig fetzt das nicht. Im Theater passiert deutlich mehr.

21.09:
Räume schaffen ohne Waffen!

21.06:
Gelb gegen weiß ist blöd, wenn man die Brille vergessen hat. Wenigstens ist der Rasen grün.

21.05:
Wo ist denn das Welt-Tor, das der Neuer hütet?

21.04:
Der „erste Abschluss“, soso. Wir sind also im Versicherungswesen.

21.02:
Ein Aufzieh-Spiel also. Wieder was gelernt.

21.01:
Ich dachte, die Einteilung rechts und links wäre überholt?

21.00:
Also Löw ohne Anzug, das geht gar nicht.

20.57:
Nachdem ich das bis vor kurzem immer im Theater grölen musste, könnt ich sogar mitsingen. Mach ich aber nicht.

20.55:
Herzschmerzen bekämpft man am besten mit Singen.

20.52:
Vielleicht noch ein praktischer Hinweis: Wenn man so helle Hemdchen anhat, sieht man darauf jeden Dreckfleck. Ich meine, falls man sich schmutzig macht. Man macht sich doch schmutzig beim Sport?

20.50:
Es scheint kalt zu sein in Frankreich, viele dort haben Schals um. Schön sind die aber nicht. Beide.

20.47:
Im Fernsehen fallen dauernd Tore. Ich kann aber nicht erkennen für wen. Bleibt dran, ich klär das!

20.43:
Es ist nicht ausverkauft hier. Ich würde es eher als übersichtlich bezeichnen. Viel Raum zum Spielen.
Und Fernsehen ist ohne Ton erst schön.

20.39:
Damit Ihr Euch das Scrollen erspart, schreib ich von unten nach oben. Clever, wa?

20.33:
Von meinem Reporterplatz im beliebten Jazz-Imbiss unweit des Thalia kann ich bequem den ganzen Tresen überblicken. Und sogar Dreiviertel des oberhalb befestigten Bildschirms. Aber in der rechten oberen Ecke passiert eh nix.

 

Das Rumpelstilzchen-Problem

„Das Goldene Garn (Reckless III)“ nach dem Roman von Cornelia Funke für die Bühne eingerichtet von Robert Koall, Regie Sandra Strunz, Uraufführung am Staatsschauspiel Dresden am 1. November 2015

Uff.
Da geht man einmal nur so zum Spaß ins Theater, ein Märchen schauen, bisschen staunen, bisschen entspannen, und was ist? Wird man doch in der Pause von einer unbekannten netten jungen Dame auf den dann doch hoffentlich bald zu lesenden Bericht zum Stück angesprochen. Während ich noch völlig perplex die dämliche Ausrede stammle, dass mir Kinderstücke zu schwierig sind (tatsächlich, das muss ich gesagt haben) und ich diesmal nur zum Zugucken da bin, baut sich der die Dame begleitende Recke neben jener auf, verkündet körpersprachlich das Ende der Unterredung und erspart mir damit weitere Peinlichkeiten.

Wenn eine solche Situation (Hobby-Rezensent wird im Theater erkannt und belobigt) auf die Bühne gebracht worden wäre, hätte ich sie als extrem unwahrscheinlich gegeißelt, aber heute gibt es ja ein Märchen, da passt das schon. Doch mein Ehrgeiz war geweckt, und so kommen wir nunmehr zum Wesentlichen.


http://www.kultura-extra.de/theater/spezial/urauffuehrung_dasgoldenegarn_staatsschauspieldresden.php

Familienangelegenheiten

„Die Nibelungen“ von Friedrich Hebbel, Regie Sebastian Baumgarten, Premiere am Staatsschauspiel Dresden am 10. Oktober 2015

Eigentlich ist Siegfried schuld an dem ganzen Schlamassel.
Wenn er sich damals, kurz nach der Drachentötung, systemkonform verhalten und Brunhild gefreit hätte, wäre es nie zum großen Schlachten gekommen. Zumindest nicht aus diesem Grund.
Doch Siegfried hat verweigert, was ein paar Folgen später zur Heirat des Königs Gunther Gernegroß mit der Amazone führt. Möglich wird das nur mit zweimaliger Beihilfe des Helden, was diesem erst Gunthers Schwester Kriemhild und dann wegen der Staatsräson den Tod durch Hagen Tronje beschert, als der kleine Schwindel auffliegt.
Aber auch Gunther wird nicht froh mit seiner Gemahlin, und dazu hat er noch seine Schwester verloren. Am Ende schickt jene Liebesgrüße aus Moskau und rottet die gesamte Sippe aus, bevor eine höhere Macht auch Kriemhild vom Spielfeld nimmt.

Das klingt nach Tarantino, ist aber Hebbel und ein sogenanntes Nationalepos. Die Nibelungentreue (besser übersetzt mit „Kadavergehorsam“) ist seitdem sprichwörtlich für etwas, das Geist durch Folgsamkeit ersetzt. Dass die Nazis diese Story aufgriffen, ist dramaturgisch nicht verwunderlich, die Inszenierung erinnert eingangs durch eine Predigt im Riefenstahl-Style daran. Doch Sebastian Baumgarten vermeidet fortan jede Plattitüde und erzählt einfach eine Geschichte.

Oder besser ein Märchen, mit Tarnkappe, einem Wunderschwert, dem unverwundbaren Recken mit Achillesferse zwischen den Schulterblättern und einem sagenhaften Schatz, der hier sinnfällig als goldener Totenkopf erscheint und am Schluss dort ruht, wo der Rhein am tiefsten ist. Siegfried, von Beruf Held, stark, schön und ein bisschen doof, ist trotz seiner Kraft eher ein Gelenkter, König Gunther mangelt es nicht an Schläue, aber an allem anderen, er heiratet über Niveau und stürzt damit seine Familie ins Unglück, Hagen Tronje denkt scharf, aber nur bis zum nächsten Winter. Die nette Schwester Kriemhild wird zur Rachegöttin wider Willen, alle sind gefangen in dem, was sie glauben tun zu müssen.
Das ist nun nicht unbedingt typisch deutsch, Blutrache gibt es in vielen anderen Kulturen auch, und Baumgarten verzichtet zum Glück darauf, mit Zaunpfählen zu winken. Dennoch hat man nie das Gefühl der historischen Beliebigkeit, trotz sparsamer Bezüge zur Gegenwart wähnt man sich immer auch irgendwie im Jetzt.

Und die klassische Deutschlehrer-Frage, was das Stück uns wohl heute zu sagen hätte? Geschenkt. Es wird keine Botschaft verkündet, die Weltenrettung hat heut Pause. Es ist einfach nur gutes Theater, was man hier sieht, auch wenn der Schluss arg eingekürzt wird, der Showdown findet nur im Kopf des Zuschauers statt.

Bühne, Video, Kostüme und Maske sind vom Feinsten, die klug gewählte Musik von Cobra Killer erschreckt vielleicht Teile des Premierenpublikums, ist aber sehr stimmig und wird durch die Bühnenpräsenz noch mehr verstärkt, alles passt, es fügt sich zu einem Gesamtkunstwerk. Großes Bravo erster Klasse.

Ohne die Darsteller wär das alles aber nur die Hälfte wert gewesen, exemplarisch seien hier Rosa Enskat in der Hosenrolle des Hagen, Thomas Eisen als strenger Kaplan und anpassungsfähiger Tschechenfürst, André Kaczmarczyk als kurzbehostes Gewissen der Sippe, Sascha Göpel als kraftstrotzender und kontaktgestörter Siegfried-Siggi sowie als höhere Macht Dietrich von Bern und Christian Erdmann als selbstzweifelnder König Gunther hervorgehoben.
Die Krone gebührt aber zwei Damen: Yohanna Schwertfeger als Kriemhild mit einer in jedem Moment nachvollziehbaren Entwicklung zur Rachegöttin (Chapeau auch für den Auftritt trotz Fußverletzung) und Cathleen Baumann, deren Brunhild ein wundersames Wesen aus dem Wald war, natürlich, unberechenbar, stolz, gefährlich, radikal und dann doch sehr verletzbar. Der Werbel war dann eher eine Zugabe zu dieser großartigen Leistung.

Fazit: Man kann „Die Nibelungen“ auch heute noch machen, wenn man sie so macht. Danke für diesen schönen Theaterabend.

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Der heilige Grieß oder Mit Anand fing Bayern an

Rätselhafte Rituale verständlich erklärt

Obgleich das eher unbekannt sein dürfte, ist Teichelmauke nicht nur ein Freund der selbigen sowie der Oberlausitzer Küche allgemein, sondern auch aller anderen Küchen dieser Welt, was mit seinem Wahlspruch „Egal, Hauptsache viel!“ schön untermalt wird.

In diesem Sommer begab es sich aber, dass er zu mehrwöchigen Feldstudien in ein Gelände im Schatten der Alpen (wenn die Sonne im Süden steht) mit seltsamen Gebräuchen und einer nur schwer verständlichen Landessprache destinierte. Der Ausflug war weder kostenlos noch umsonst, weil es ihm gelang, durch natürliche Begabung und durch Verstärkung seines schafköpfischen Wesens sich in das Vertrauen der Einheimischen zu schleimen. Unter Missbrauch der erlangten Vertrauensstellung wird nun eines der bestgehütetettetsten Geheimnisse dieses Volkes gelüftet.
Gleich – nach der Werbung.

Wohl jede unter uns Völkerkundlerinnen und Brauchtumsforschern hat sich schon einmal gefragt, was der seltsame Begrüßungsruf im Lande der Bayern wohl bedeuten möge. Dagegen ist das Nasen-Petting im hintersten Pazifik vergleichsweise einfach einzuordnen: Man beschnuppert sich halt.
Aber diese bescheidene und gewöhnlich extrem scheue Population, die vor allem südlich der Siemens-Zentrale siedelt (und zu dieser originellerweise „Minga“ sagt, worauf noch zu kommen sein wird) machte seit ihrer Entdeckung und Kartierung durch Alexander v. Humboldt dem Verschiedenen keine Anstalten, ihr süßes Geheimnis gegen ein Fass Glasperlen einzutauschen.
Bis sich Teichelmauke in deren Küche schlich …

Denn das Geheimnis liegt – wie so oft – in der Küche. Wie ein Mops kam T. in selbige, stahl jedoch kein Ei und wurde folglich nicht erschlagen, sondern entdeckte das bayerische Noadzionoalhailigduum: Den Grieß.
Der Grieß – und nicht, wie oft fälschlich vermutet, ein blassgelbliches Erfrischungsgetränk mit seltsamen Schäumen obenauf, die verharmlosend als „Krone“ bezeichnet werden – bestimmt die bairische Untergrundkultur. Der Verzehr von Letzterem wird zwar oftmals zur Ablenkung mediengerecht inszeniert, ganze Potemkinsche Festspiele werden inzwischen zu dessen Huldigung auf die Beine gestellt, doch der echte Bayer schätzt nur eines: Den Grieß.

Und so ist es nicht verwunderlich, dass man sich mit der Lobpreisung dieser Nationalspeise begrüßt, wenn man sich unter seinesgleichen wähnt. Und da der Bayer im Allgemeinen und die Bayerin im Besonderen von ausnehmend höflichem Wesen sind, was sich zugegebenermaßen nicht sofort, auf jeden Fall aber nach dem Konsum einiger der erwähnten Tarn-Getränke erschließt, tituliert er seinen Gegenüber mit dem edelsten Namen, den er zu vergeben hat: Grieß-Gott.
(Vergleichbar ist diese Lobpreisung vielleicht mit „Magnifizenz“ in Volkshochschulkreisen, „Effizienz“ unter Topf-Managern und „Debilenz“ bei Insassen einschlägiger Sanatorien.)

Natürlich lässt sich dieses Gegenüber, wenn er höflich ist, nicht lumpen und bezeichnet seinerseits den Ansprecher ebenfalls als Grieß-Gott. Hat er es mit mehreren zu tun, fügt er gern ein „mit Anand“ hinzu.

Dazu muss man wissen, dass Anand, ein persisch-hinduistischer Königssohn, im dritten Jahrhundert seiner Zeitrechnung mit viel Tagesfreizeit ausgestattet war und deshalb durch Orient und Okzident streifte. Auf einer dieser Reisen verschlug es ihn in das damals Süd-Franken geheißene Land zwischen Staffel- und Starnberger See sowie der Abhörstation Weilheim. Da es an diesem Tage ausnahmsweise nicht regnete, eröffnete er das erste indisch-pakistanische Schnellrestaurant und bot seinen heimischen Grieß an.
In Folge kam es zu herzlichen Begegnungen mit der einheimischen Bevölkerung, die sich am lila Fleisch der hiesigen Vierbeiner längst überfressen hatte und über die kulinarische Abwechslung äußerst erfreut war.
In weiterer Folge wurde Anand zum ersten bairischen König ernannt und mit der bereits erwähnten Dorftrottelwitwe Minga zwangsverheiratet, was bei den mitreisenden 13 Frauen des Prinzen für helle Freude sorgte, da damit die Unglückszahl endlich beseitigt war und man zudem künftig Feldhockey mit zwei kompletten Mannschaften spielen konnte.
(Dass jene Minga nach der Rückkehr Anands von Baiern nach Mumbai auf dem Basar gegen einen weißen Elefanten – mit geringfügigem Massenausgleich – eingetauscht wurde, führte letztlich durch einen Programmierfehler der Raum- Zeit-Maschine „Beta-V 0.1“ zur Erfindung des Amazonas und der gleichnamigen Bewohnerinnen, ist aber eine gänzlich andere Geschichte.)

Anand jedoch blieb ewiglich in den Herzen der Bayern, die seinen Grieß noch heute verehren und „mit Anand“ am glücklichsten sind, weswegen auch der Ratzinger zurücktreten musste.

Also, Wanderer, wenn Dir ein Bayer ein „Grieß-Gott!“ zuwirft, sei dankbar und erwidere also. Und vergiss nicht das „mit Anand!“, wenn der Bayer in der Überzahl ist. Du würdest es sonst bereuen.
Auch suche zu vermeiden, den Grieß betont hochdeutsch auszusprechen (etwa „Grü-hüß“), wie es Zugroaaste (vulgo Bahnreisende) gerne tun. Dies wird gewöhnlich als Gotteslästerung verstanden und mit Volksmusik nicht unter drei Moik bestraft.

PS: Da Teichelmauke noch einige Tage mehr Zeit hat, sich der Völkerkunde zu widmen, wird er sich als nächstes dem hier gebräuchlichen symbolischen Niesen zur Verabschiedung annehmen, das Unkundige gerne als „Pfia’di“ missverstehen.

Ein trojanischer Wallach trabt für die FDP

Ja, ich weiß, so neu ist die Erkenntnis zumindest in politisch interessierten Kreisen in Dresden nicht, spätestens seit dem hoffnungstrunkenen Gruppen-Selfie von Zastrow, Hilbert und einigen Hintersassen in Lohmeyers Hotel ist klar, woher der Wind weht.
Doch da der Wahlkampf sich dem Ende neigt, will ich gerne noch einmal zusammenfassen. Von der Adabei Lara Liqueur abgesehen, hat man am Sonntag die Wahl zwischen Eva-Maria Stange, hinter der (erfreulich geschlossen) die bunte Stadtratsmehrheit steht, und dem derzeitigen Ersten Bürgermeister Dirk Hilbert, den eine parteipolitische Amnesie ereilte, woraufhin er seine FDP-Gesandtschaft in das Amt vergaß und die 14 Jahre Bürgermeisterdienst vermutlich sich selbst zu verdanken glaubt.

Gut, wenn man ehrlich ist, gäbe es Schlimmeres als einen Oberbürgermeister Hilbert. Zum Beispiel einen OB Ulbig, von anderen Vögeln ganz zu schweigen. Die Stadt Dresden und Dirk Hilbert passen vermutlich besser zusammen, als beide es wahrhaben wollen: Gemütlich, ein bisschen langweilig, aber selbstgewiss, meist bräsig, mit einigem Dreck unterm Teppich und vor allem sehr barock (bzw. im Falle Hilbert frühveronkelt). Insofern hätte seine Wahl eine gewisse Logik, wenn es nicht mit Frau Stange eine bessere Alternative gäbe.

Und wenn da nicht einer mit den Hufen scharren würde, den man gottlob im Moment in der vierten politischen Reihe verortet: Holger Zastrow war bis vor einem Dreivierteljahr real der zweite Mann im Freistaate (die Namen der beiden damaligen FDP-Minister sind zu recht schon vergessen) und fiel dann sehr hart auf die Oppositionsbank des Dresdner Stadtrates, wo es gerade so zu einer zusammengeborgten Fraktion gemeinsam mit den dubiosen „Freien Bürgern“ reichte. Seine Phantomschmerzen in Bezug auf seine Bedeutung müssen unerträglich sein, und dafür gibt es auch kein Cannabis auf Krankenschein.

Doch da … es tut sich mit dem neu-unabhängigen Hilbert doch glatt wie damals den Griechen vor Troja eine Chance auf, die Stadt im Handstreich zu erobern (dass die Sache unerfreulich in der Orestie endete, wird ihm keine Warnung sein). So wird der trojanische Wallach gesattelt, ein Unterstützergrüppchen findet sich, dass ihm eine neutrale Stalldecke umhängt, vom oberen Kleingartenzwerg gibt es noch ein Zuckerl, dann trabt er los, der trojanisch-dresdnerische Wallach.
Doch wenn die Menschen in Dresden ihn am 5. Juli per Wahlzettel durchs Stadttor trotten lassen, wird er ihnen schnell blaugelbe Pferdeäppel auf den Rathaushof kacken und alsbald – auch wenn das biologisch nicht denkbar ist – ein Fohlen namens Zastrow werfen, das dann lautstark wiehernd über die städtischen Flure galoppiert.

Und dann wird sich der Wallach in einen störrischen Esel verwandeln und den Stadtratskarren partout nicht ziehen wollen. Ob eine vor die Nase gehängte Möhre dagegen hilft, ist nicht sicher.
Also ersparen wir uns doch die ganze Viecherei und geben unserer Stadt die Chance, sich in den nächsten Jahren mehr als nur verwalten zu lassen. Dazu müssen wir jetzt einfach nur zur Stange halten.