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Noch eine Wende-Revue

„89/90“ nach dem Roman von Peter Richter, Regie Christina Rast, Uraufführung am Staatsschauspiel Dresden am 27. August 2016

Ich mag einem sehr geschätzten richtigen Kritiker, der einen Doppelbericht über die Dresdner und Leipziger Inszenierungen vorhat, nicht die Pointe verderben, deshalb hier meine Meinung nur unter dem Wahrnehmungsradar und in einem einzigen Satz:

Aus einem spannenden Buch wird nicht allein deshalb ein Theaterstück, weil man es auf die Bühne bringt, was im Prinzip auch nicht schlimm ist, solange es den Menschen gefällt, was ja hörbar der Fall war, zumal man mit den DÜSEn einen Local-Hero-Joker am Start hatte, sodaß eigentlich nichts schief gehen konnte, oder fast nichts, denn im ersten Teil wähnte man sich schlimmstenteils beim Schunkelcontest vom MDR, bestenteils allerdings auch in einem äußerst witzigen und temporeichen Wende-Musical mit geballter Ensemblekraft der acht Herren auf der Bühne (einschließlich der Musiker, die auch darstellerisch bella figura machten – nein, nicht wegen des freien Oberkörpers – ) und des einen Einsamen im Armee-Trainingsanzug im hintergründigen Ost-Idyll (eine schöne Idee, too much nur der überdimensionierte Honecker im Wohnzimmer) und im zweiten Teil in einer szenischen Lesung, was mir persönlich mehr zusagte, aber auch ein wenig längte, was der Begeisterung am Ende keinen Abbruch tat, zumindest nicht der der anderen, denn für mich blieb auch noch die überbordende Symbolik des Anfangs in Erinnerung, die albernen Politikerköpfe an Stangen und die holzschnittartigen Kurz-Charaktere des Lehrkörpers, wobei es insgesamt eben ein wenig zu viel von allem war, was sich dann auch in knapp drei Stunden nicht adäquat verspielen ließ (und gespielt wurde ja ohnehin selten, aus oben erwähnten Gründen).

Und mir sei ein zweiter Satz erlaubt: Natürlich wird das Stück reüssieren, das ist ja gar nicht die Frage, Turm reloaded mit verjüngtem Personal, aber vielleicht kommt das Ganze auch ein bißchen spät, um noch etwas Neues beizutragen zum Diskurse, was das nun eigentlich wirklich gewesen ist, die gern „friedliche Revolution“ genannten neun Monate des Umbruchs von der alten DDR hin zu den neuen Ländern.

14 Herzblätter

Die Schauspielbrigade Leipzig interpretierte Gundermann im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden, 15. November 2015

Fast zwanzig Jahre nach dem Tod von Gerhard Gundermann sind seine Lieder noch immer in aller Ohren und Mündern, man möchte meinen, es nimmt eher zu als ab. Auch an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig sind Gundermann-Lieder fester Bestandteil der Gesangsausbildung, der Schritt zu einem selbst gestalteten Programm war da nicht mehr weit. Dozent Frank Raschke hat dieses geformt und gastierte mit einem vierzehnköpfigen Ensemble aus singenden Schauspielern und aus Musikern in Dresden. Es sei in dieser Form eine Premiere, sagte er in seiner etwas langatmigen Einführung.

Zuvor gab es den „Narrn“, mit Akkordeon von ihm und Gesang von Felix Fdefér, eine Eröffnung, die Hoffnung auf einen großartigen Abend machte. Dass diese dann doch nur teilweise erfüllt wurde, lag schlicht am sehr artifiziellen Ansatz der Interpretationen und leider auch an einem meist einfallslosen Arrangement der Stücke. Unbestritten waren da sehr schöne Stimmen zu hören, aber … man glaubte den sehr jungen Interpretinnen nicht, dass sie wussten, wovon sie sangen. Da hilft dann auch die schauspielerische Ausbildung nicht, Gundermann-Singen spielen ist etwas anderes als Gundermann singen. Auf dem gebohnerten Bühnenparkett verlor sich kein Krümel Kohlenstaub, die Soljanka wurde hier vom Vier-Sterne-Koch serviert, sehr raffiniert, aber ohne das gewisse Etwas.

Dass der Abend nicht völlig misslang, ist dem zweiten Teil zu verdanken. Da wurde auf einmal die Sterilität weggeblasen, wunderbar schräge Nummern waren zu hören, da zeigte das Ensemble, was drin gewesen wäre. Mit „Vogelfrei“ war dann auch bei mir das Eis gebrochen, eine großartige Version, so muss man das machen! Auch „Weißtunoch“ konnte an diese Niveau anknüpfen, und der „Zweitbeste Sommer“ gehört auch in diese Kategorie, ebenso die Zugabe „Gras“. Trotzdem war auch viel statisch Uninspiriertes zu hören, und die vier Streicherinnen wurden auch nicht immer glücklich eingesetzt. Die „Night of the proms“ ist bei Gundermann schlicht fehl am Platze, trotz aller Virtuosität.

Dennoch, es gibt noch einiges Erfreuliche zu berichten: Die singenden Herren waren durchweg gut, Thomas Dehler konnte mit eingebrachter Lebenserfahrung punkten und Felix Fdefér interpretierte sehr klug (so verzieh man auch seine Texthänger). Doch die Krone gebührt dem Schauspielstudenten Jannik Hinsch, der mit seiner schönen und facettenreichen Stimme ebenso begeisterte wie mit dem Charme seines Vortrags.
Also Unentschieden am Ende, immerhin.

Angst essen Anstand auf

Die Sächsische Zeitung hat heute, am 17. Januar 2015, unter der Überschrift „Vier aus Tausenden“ in ihrer wichtigen Rubrik „Die Seite Drei“ Statements von mit Bild und Namen abgebildeten Teilnehmern an den allmontäglich stattfindenden Spaziergängen abgedruckt. Die Kontakte kamen vor allem durch Leserbriefe zustande.

Es ist zweifellos sinn- und verdienstvoll, sich mit den Motiven der Spaziergänger auseinanderzusetzen. Für mich ist das kein Tabubruch der SZ, diesen Raum zu geben, zumal sich die Befragten damit keinen Gefallen tun. Zu offensichtlich wird, dass es jenen nicht vor allem an Intelligenz mangelt, sondern an dem, was eine – von mir aus auch „christlich-abendländische“ – Gesellschaft auszeichnet: Mitmenschlichkeit, Nächstenliebe und Toleranz.

Das nach der Selbstbeschreibung „normale, aufgeklärte und informierte Bürgertum“ legt Wert auf die Feststellung, nicht zu den Nazis zu gehören, hat aber auch kein Problem, mit denen zu marschieren.
Im Wesentlichen werden zwei Kritikpunkte artikuliert:

1. Das politische System generell, die geringen Mitwirkungsmöglichkeiten und Wahlbeteiligungen sowie die gleichgeschalteten Parteien und Medien
Die Forderung nach Volksentscheiden auf Bundesebene kann, muss man aber nicht teilen, die nach einer Wahlpflicht erinnert dann doch sehr an früher. Beteiligung erreicht man am besten durch Beteiligung, und seiner Meinung zur politischen und medialen Landschaft Ausdruck zu verleihen, ist zum Glück nicht verboten. Insofern ist das öffentliche Aussprechen dieser Behauptungen zu akzeptieren in einer Demokratie, es wird soviel Unsinn verbreitet, da haben die –GIDAs auch ein Recht darauf.

2. Die (zu große) Zuwanderung und Asylmissbrauch im Sinne von „das Boot ist voll“ und „wir haben selber nicht genug“
Dass das Lebensniveau in unserem Lande auch für die ärmeren Schichten zu den höchsten weltweit zählt, werden sicher auch die Spaziergänger nicht bestreiten. Jedoch ziehen sie daraus den Schluss, dies sei mit allen Mitteln zu verteidigen, das wäre nunmal „unser Sozialsystem“, da könnte ja jeder kommen. (Man spricht übrigens durchgängig von „Asylanten“, der SZ halte ich da mal die angestrebte Authentizität zu Gute.)
Gibt es ein Menschenrecht auf Egoismus? Die Frage ist sicher falsch gestellt, aber es gibt mit Sicherheit ein Recht darauf, Egoismus als solchen zu benennen.

Eines wird deutlich: Die Spaziergänger erweisen sich trotz aller Wut vor allem als Angstbürger. Im Umkehrschluss zu einem berühmten Folk-Zitat – Unfreiheit ist, etwas zu verlieren zu haben – kann man die Marschierer auch als Gefangenenchor bezeichnen.

Angst essen Anstand auf, auch im Kleinbürgertum. Und so schämt man sich auch nicht, gegen Flüchtlinge als vermeintliche Sündenböcke zu demonstrieren. Schlimmer als die Armut ist wohl nur die Angst davor. Ist der Ruf erst ruiniert …

Kein appetitliches Bild, was da von den Montagswanderern entsteht, zumal man bedenken muss, dass das ja nur jene sind, die sich äußern können und wollen (daran kranken auch die kürzlich von der TU Dresden veröffentlichten Befragungsergebnisse der Teilnehmer). Wenn man die schweigende (bzw. nur im Sprechchor hörbare) Masse noch hinzu nimmt, ist der symbolische Straßenputz im Anschluss daran wirklich dringend notwendig.

Mein unlängst geäußerter Optimismus, diese gespenstische Szenerie würde sich auch in Dresden bald von selbst erledigen, ist kleiner geworden, aber noch nicht aufgebraucht. Und so hoffe ich weiter, dass langsam die Einsicht wächst, die Welt sei doch nicht so simpel wie in den Reden der Anführer. Vielleicht hilft ja auch ein Besuch in Gießen, dort, wo früher die DDR-Flüchtlinge aufgefangen wurden. Das wäre dann der richtige Bezug zu „’89“.

Im Abendlande wird es früher dunkel

Die Überschrift ist nicht logisch, aber vieles heutzutage ist nicht logisch. Warum fühlen zum Beispiel einige Menschen im Moment derartige Phantomschmerzen, dass sie deshalb allmontagabendlich durch die Dresdner Innenstadt promenieren anstatt sich am Glühwein zu berauschen und Bratwurstfett auf die Funktionskleidung zu kleckern?

Unter einem schlecht ausgedachten Kürzel, das mich an irgendetwas zwischen Sanitärreinigung und Mitropa erinnert, sammeln sich heute also die Nachfahren der Kreuzritter. Jene, so darf man wissen, rekrutierten sich aus den zweit- und folgendgeborenen und somit erblosen Söhnen des Landadels, die mangels heimischer Beschäftigungsaussichten das Kreuz zu den Ungläubigen und fette Beute mit nach Hause zu bringen gedachten. Ein Hoch auf die Friedfertigkeit heutiger Wirtschaftsflüchtlinge!
Diese frühe Form der Entwicklungshilfe stieß bei besagten Ungläubigen, die das mit dem Unglauben übrigens genau andersrum sahen, auf wenig Gegenliebe, spielt allerdings in der Geschichtsschreibung der islamischen Welt kaum eine Rolle. So erfolgreich können die Missionen also nicht gewesen sein.

Jene heutigen Ritter vom Kreuz durch den Halbmond verteidigen also auf den Dresdner Straßen montags zwischen 6 und 8 Uhr abends ihr Märchenland, das man immerhin noch aus der (schlechten) Fernsehwerbung kennt, wenn auch immer seltener. Zum Anführer hat sich ein Lutz aufgeschwungen, dessen Nachnamen ich vergessen habe und für den Herr Brecht seinen Arturo Ui umschreiben müsste: Etwas weniger Raffinesse, dafür mehr Schnauzbart. Vorerst zumindest kann der gewesene Kleinkriminelle noch den Obermacker machen, bis er für die Bewegung nicht mehr nützlich, sondern nur noch ein Idiot ist. Dann müssen honorigere Männer und Frauen aus dem Wutvolke ran, ohne Vorstrafen, von Steuerdelikten vielleicht abgesehen, die sind ja eine Form des Widerstands gegen den von den Alis unterwanderten Staat.

Von „christlich“ ist übrigens in der putzigen Benamsung der Wandertruppe nicht die Rede, es bringt also auch nichts, an deren Nächstenliebe zu appellieren. Bis zum Übernächsten würde die ohnehin kaum reichen.
Wenn man aber so ausdrücklich „gegen“ etwas ist, liegt die Frage nach dem „Für“ nahe. Christianisierung? Hm, eher nicht. Religionsfreiheit? Gerne doch, ist aber mit dem „gegen“ nur bedingt kompatibel. Arisierung? Leider schon negativ besetzt.
Man merkt, den Freiheitskämpfern an der Heimatfront fehlt noch ein PR-Berater, mit dagegen allein kriegt man heutzutage keine Punkte mehr auf Dauer.

Wenn man das Thema mal quantitativ beleuchtet, relativiert sich dann doch vieles: Von den 15.000 Marschierern jene abgezogen, die als Volksdarsteller bei jeder dieser Gelegenheiten von Schneeberg bis Hoyerswerda präsent sind und jene, die das Umland bevölkern, bleibt allerhöchstens ein Prozent der Dresdner Bevölkerung, das sich hinter den vaterländischen Bannern versammelt. Und von denen hält sicher die Hälfte die Yenidze für einen Brückenkopf des Islam in unserer unschuldig-schönen Stadt.

Das soll jetzt nichts verharmlosen, auch mir ist klar, dass die mediale Reichweite deutlich größer ist als den paar Hanseln rechnerisch zustünde. So sind nun mal die Gesetze im Infotainment. Ob man das aber nun gleich willfährig als Niederlage verbuchen muss, wenn sich auf der anderen Seite einmal ein paar weniger der Mühe unterzogen haben, das Bild von Dresden wenigstens halbwegs zu retten, weiß ich nicht. Damit gibt man dem Gelatsche eine Bedeutung, die ihm nicht zukommt.

Bald ist Wintersonnenwende, die Tage werden wieder länger. Dann wird vielleicht auch Licht in den Hutznstubn des deutschen Geistes. Und bis dahin wünsche ich ein sehr unchristliches Wetter an jedem Montag abend.

Schalom,
Teich El Mauke

Thälmannstraße 89/6: Es endet ordnungsgemäß

6.10., Draußen

Helmstedt ist bewegt, auch vom Pech der über Prag Geflohenen, an den großen Momenten in Leipzig und anderswo nicht mehr teilnehmen zu können. Die saßen im Aufnahmelager und zuhause wurde Geschichte geschrieben.
So geht es auch Markus, seit drei Wochen hängt er in Gießen fest, das sich in den wesentlichen Dingen kaum von der DDR unterscheidet. Immerhin bekommt er nach langem Schlangestehen seine Mutter an das Telefon. Und während er vor allem wissen will, was denn jetzt daheim los wäre, so viele Menschen auf der Straße, hat die Mutter andere Sorgen. Schließlich erzählt sie ihm trotz Verbots von seiner kommenden Vaterschaft.
Der geschockte Markus kann auch mit Johanna sprechen und sie stammelnd bitten, zu ihm zu kommen, doch es ist zu spät: Das Mädchen kann ihm den Weggang nicht verzeihen und wird mit Jens zusammenbleiben. Markus ist draußen, in allen Beziehungen.
Eine berührende Folge war das heute, trotz der vielen Tränen.

8.10., Der Direktor ist nackt

Die begonnenen Geschichten müssen zu Ende geführt werden, es ist die vorletzte Folge und das Thema „Wendehals“ ist noch nicht ausreichend behandelt. Doch zuvor zanken sich Bentwisch und Helmstedt mal wieder, diesmal, ob der Mauerfall der Höhepunkt der Wende war. Geschichtsbücher helfen da nur bedingt, es ist eher eine Ansichtssache.
Die Handlung springt derweil ein Stückchen, Direktor Rothe ist inzwischen nicht mehr rot, sondern voller Empörung aus der Partei ausgetreten. Die von ihm im September wegen politischer Unzuverlässigkeit beurlaubte Frau Wagner (ja, die Mutter von Markus, die Welt ist auch in Leipzig klein) soll wieder unterrichten dürfen, was sicher auch dem wendigen Ex-Genossen gut anstünde. Doch jene lässt ihn abblitzen, der Dialog zwischen den beiden ist ein hübsches Kabinettstückchen und bisher einer der Höhepunkte der Serie.
Das findet auch Helmstedt, und da ist es zu „Helmut“ bzw. „Jens“ nicht mehr weit. Nun wächst zusammen, …
Nach den anfänglichen Irritationen find ich es allmählich schade, dass morgen schon die letzte Folge kommt, passend zum entscheidenden Montag, dessen Bedeutung auch nur noch die Hälfte der Deutschen kennt, wie die Nachrichten wenig später vermelden.

9.10., Ein Happy-End und noch ein zweites

Nun kommts dicke. Showdown am 9. November in der Wohnung von Frau Wagner, deren Ausreiseantrag – die Mutter will zum Sohne – in Weltniveau-Tempo bewilligt wurde. Dem frischen Paar Johanna und Jens ist dies nicht wirklich recht, Omas waren schon damals zur Bewältigung des Lebens mit Kleinkind unverzichtbar. Aber ein Grund zum Sekt köpfen ist es trotzdem.
Da steht plötzlich der Grund der Ausreise vor der Tür, Markus, der seinerseits einen dringenden Grund zur Einreise hat, seine anstehende Vaterschaft. Johanna aber bleibt konsequent.
Doch ehe sich diese Konstellation zum Drama ausweiten kann, hat Schabowski seine berühmten Worte genuschelt, was in der Folge u.a. zu Nachtwanderungen und zu vielfachen „Waaahnsinn“-Rufen führte. Nun fließt wirklich Sekt bei Wagners, wenn auch nur über den Fußboden.
Ende offen, zumindest im Privaten? Im Prinzip ja, doch die Rahmenhandlung bietet die Auflösung: Jens Bentwisch ereilt ein Anruf von Johanna, ja, jener Johanna, Ehefrau seit fast 25 Jahren. Helmstedt kommen mal wieder die Tränen vor Rührung.

Tschüss, Johanna, tschüss Jens, tschüss alle anderen. Wir haben erst gefremdelt, aber uns dann doch angefreundet. Wäre spannend zu erfahren, wie ihr durch die Nachwende kommt, und wer weiß, vielleicht hört man sich ja mal wieder.

Thälmannstraße 89/5; Die Wende im Großen und im Kleinen

Thälmannstraße 89/5; Die Wende im Großen und im Kleinen

Montag, 29.09., Wenn der Vater ohne den Sohn …

Eingangs erfahren wir die Hintergründe von Helmstedts persönlicher Betroffenheit: Der Flurfunk sagt, wenn er diese Serie wieder vergurkt, wird er nach Görlitz versetzt. Andere wären froh, aber der Doktor weiß das nicht zu schätzen und lässt sich von Bentwisch trösten. Beide wirken auf mich immer mehr wie Holm und Jensen von der dänischen Kriminalpolizei, nur mit wechselnden Rollen.
In der Binnenhandlung stehen die Macher vor der schwierigen Aufgabe, das Einkesseln und die anschließende Zuführung der Demonstranten in die Markkleeberger Pferdeställe plausibel hörbar zu machen. Das gelingt nur mittelprächtig, die Verängstigung klingt glaubhaft, aber dann ist viel Pathos dabei, und die Polizisten wirken nur mäßig gefährlich.
Höhepunkt ist dann die Vater-Sohn-Begegnung, der Gen. Oberstleutnant wurde natürlich von dem besonderen Fang benachrichtigt (eine Personalienaufnahme wurde allerdings nicht erwähnt zuvor) und da Privat auch hier vor Katastrophe geht, soll Sohnemann mit heimkommen, zur Aussprache sicherlich. Doch jener lässt sich auch vom Lockangebot, seine Freundin Johanna (die jetzt offiziell so genannt wird) mit auf freien Fuß zu setzen nicht beeindrucken und bleibt im Kreise der Verhafteten.
Vater und Sohn versichern sich gegenseitig, dass dem anderen das leid tun werde, und mindestens einer wird Recht behalten.

Mittwoch, 1.10., In guter Hoffnung

Den West-Import Helmstedt plagt der Neid auf die historische Konstellation, wo man noch wirklich was hätte tun können, ganz im Gegensatz zu heute. Die Ebenen der Gegenwart sind offenbar mühseliger zu bezwingen als die Berge der Vergangenheit.
In den Pferdeställen von Markkleeberg windet sich Johanna indessen in Krämpfen, und die Angst der Wachmannschaft vor den Konsequenzen verschafft ihr schließlich einen Krankenhausbesuch. Die Soap wird damit kurzzeitig zur Arztserie, eine Göttin in Weiß tritt souverän der Staatsmacht entgegen und klärt die in dieser Beziehung offenbar unbewanderte Johanna über deren Schwangerschaft im vierten Monat auf. Es klingt nun doch sehr seifig.

Freitag, 3.10., Die kleine und die große Wende

Redakteur Helmstedt will es möglichst authentisch, Autor Bentwisch schwebt eher eine Wundergeschichte, ein großes Märchen vor.
Offenkundig setzt er sich durch, denn es geht feiertagsgerecht weihevoll weiter. Die Fürbitte in der Nikolaikirche von Markus Mutter hat großes Pathos, auch die folgende zugunsten der fehlgeleiteten Polizisten trägt viel Schmelz.
In der Geschichte ist inzwischen der 9. Oktober, jener Montag, an dem sich der weitere Fortgang der Geschichte entschied. Der ganz großen wie auch offenbar einer etwas kleineren: Johanna hilft ihrem verdutzten Freund Jens kurz und bündig das erwartete Kind über, was jenem kurz als ein neuerlicher Fall von unbefleckter Empfängnis vorkommt, ehe dann sehr weltlich der getürmte Markus als Vater benannt wird. Der Pragmatismus ist eine Meisterin aus Ostdeutschland.
Noch drei Folgen bis zum Finale, eine Art Happy-End zeichnet sich ab am Horizont, aber ganz ohne Verwicklungen wird auch die letzte Woche nicht bleiben, ist zu hoffen.

Egon Krenz hat die Wende erfunden

„1989: Jedem seine Geschichte“ ein MDR Figaro – Café in Kooperation mit der ZEIT und dem Staatsschauspiel Dresden am 28. September 2014

Wo ist man, wenn sich die Diskutanten Datumsangaben wie Stichworte zuwerfen und alle einschließlich des zuhörenden Saals auf Anhieb wissen, worum es geht? Richtig, in einer Debatte über das prägende Ereignis vor fünfundzwanzig Jahren, dessen heute gängige Bezeichnung „Wende“ auf Egon Krenz zurückgeht, wie der Schriftsteller Ingo Schulze (damals Dramaturg am Theater Altenburg) gleich zu Beginn anmerkte.
[Ich erinnere mich, dass Christa Wolf schon am 4. November (einem der oben erwähnten markanten Tage) dieses Wort öffentlich auseinandernahm und eine hübsche, aus der Seefahrt stammende Interpretation fand, sinngemäß: Der Kapitän befiehlt „Klar zur Wende“ und die Mannschaft duckt sich, weil gleich der Mastausleger über das Deck fegt. Auch die Anfügung „-Hals“ wurde von ihr in diesem Kontext erwähnt, was dem Siegeszug des praktisch-kurzen Begriffes „Wende“ keinen Abbruch tat. Und nun werden wir den nicht mehr los.]

Die anderen markanten Daten sind übrigens der 9. Oktober (ein bzw. DER Montag) und der 9. November, in welchem sich seitdem ein Großteil der Ambivalenz deutscher Geschichte abbildet. [Ich füge das nur an, weil unter den Lesern eventuell auch Menschen unter 25 Lebensjahren und/oder westdeutschen oder gar ausländischen Geblüts sein könnten. Man weiß ja nie. Bei allen anderen darf man diese Kenntnis wohl voraussetzen.]

Die anderen Diskussionsteilnehmerinnen waren Heide Schwochow, heute Drehbuchautorin, damals in der Kinderhörspielabteilung des DDR-Rundfunks – die berühmte Nalepastraße – und (auch formal) ausreisewillig sowie Evelyn Finger, die das Jahr 89 als Abiturientin in Halle erlebte, an der Saale, klar, und dennoch heute das elegant benamste Ressort „Glauben und Zweifeln“ der ZEIT leitet.
[Ein Ressort „Wissen“ gibt es übrigens auch, was allerdings etwa achtmal so viel Platz in der Wochenzeitung hat, es wird eben doch lieber gewusst als geglaubt oder gar gezweifelt.]

Moderiert wurde das sonntagnachmittägliche Radio-Café vom wie eh und je umschwärmten Thomas Bille.
[Den Begriff „Kanzelschwalben“ nutzte ich leider bereits in meinem letzten Bericht über ein ähnliches Ereignis und muss hier bedauerlicherweise auf ihn verzichten.]

Bei schönstem Spätsommerwetter war der Saal des Kleines Hauses immerhin halbvoll oder erschreckend halbleer, ganz wie man will. Auch dies ein Beleg dafür, dass alles relativ ist im Leben, auch der Blick auf den Herbst 89, der doch sehr von der eigenen Position abhängt, damals wie heute.
Die Abwesenden haben eine Diskussion verpasst, die – ohne nun gänzlich neue Erkenntnisse zu erzeugen – sich auf durchgängig sehr hohem Niveau mit der Geschichte der friedlichen Revolution und mehr noch mit dem heutigen Umgang mit dieser befasste. Ganz ohne Anekdoten kommt eine solche Debatte natürlich nicht aus, aber jene waren klug gewählt, ob es nun um die ungewöhnlich freundlichen DDR-Grenzer in Schmilka bei der Rückkehr aus dem Ungarn-Urlaub im September 89, um die Gelenkigkeit in der Halsgegend des Stabü-Lehrers [„Staatsbürgerkunde“, liebe oben erwähnte Randgruppe, eine Mischung aus Koranschule, Priesterseminar und Blinde-Kuh-Spiel, nur mit sozialistischem Inhalt] oder ganz im Gegenteil um die geistige Ungelenkigkeit einer überforderten Hannoveraner Lehrerin, die zu dieser Zeit auf ein eben ausgereistes Ost-Kind [nicht mit „ausgerissen“ zu verwechseln, das hatte alles seine Ordnung] mit erfahrungsbedingt hoher Politisierung traf, ging.
Jene Heide Schwochow, von der diese Geschichte stammte, begründete zuvor auch sehr einleuchtend, warum man als Familie – trotz der Möglichkeiten über Ungarn – lieber den eigenen Ausreiseantrag genehmigt bekommen wollte.
[„Besser durch den Vorderausgang schreiten als aus dem Klofenster klettern“ hat sie zwar nicht gesagt, aber so in etwa hab ich sie verstanden.]

Dass jene Bewilligung nun ausgerechnet am Vormittag des 9. November eintraf, führte an diesem Tage dann sicher gleich zweimal zu größeren Gefühlsausbrüchen, auch dies eine schöne Anekdote, welche noch besser wird, wenn man erfährt, dass Familie Schwochow (Mutter und Vater Rainer als Drehbuchautoren und Sohn Christian als Regisseur, ja, der vom „Turm“) kürzlich sozusagen als Ringschluss ein Fernsehspiel namens „Bornholmer Straße“ fertigte, das jene abendlichen Ereignisse am 9.11. vor 25 Jahren schildert und am 5. November in der ARD zu sehen sein wird, welche nun auch schon seit fast so lange nicht mehr mit „Außer Raum Dresden“ ausgesprochen werden kann.
Angesichts der im Rückblick absurden Situation am Grenzkontrollpunkt, wo die Entscheidung eines Einzigen, Oberstleutnant der Grenztruppen der DDR, angesichts einer diffusen Nachrichtenlage und mangelnder Order von oben den Schlagbaum anstelle der MPi zu heben, über den weiteren Verlauf der Geschichte bestimmte, wird man dies als Komödie auf den Bildschirm bringen.

Es gab im Verlaufe des Gesprächs einige Merksätze zu notieren, wen wundert’s bei drei Größen der schreibenden Zunft. Ingo Schulze formulierte schön die untrennbare Bindung des eigenen Glücks an das Glück von allen in den besagten Monaten bis zum 18. März 1990, auch dies so ein Datum. Evelyn Finger nannte in der Rückschau die Diskrepanz zwischen dem Anspruch der DDR an sich selbst und deren erlebte Wirklichkeit als das prägende Merkmal dieses Staates und Heide Schwochow verwies auf die Ambivalenz der (allermeisten) Menschen, für die ein schlichtes Schwarz-Weiß-Schema nicht passen würde. Auch der Alltag in der DDR war nicht nur systemgeprägt, es wurde auch ohne Zutun der Partei geliebt und gelacht, geheult natürlich auch.

Thomas Bille fragte dann nach dem „Wenderoman“ und ob es so einen überhaupt gäbe bisher oder künftig geben könnte. Und obwohl da einige in Frage kämen, jeder ein bisschen, wurde dieser große Wurf so definiert, dass er aus dem Westen kommen müsse, ohne die dort sehr verbreitete „Westalgie“ natürlich, oder bereits in den Achtzigern im Osten geschrieben worden wäre, auch hier mit mehreren Kandidaten. An beidem ist sicher einiges dran, auch wenn der Begriff eher als Marketinginstrument auf die Buchmessen gehört. Wenn es jemandem gelänge, alle Aspekte dieses Weltenwandels in einem Roman abzubilden, hätten wir sicher einen zweiten Faust, aber ob der mit zwei Teilen auskäme, wage ich zu bezweifeln.

Interessant auch die einhellige Feststellung, dass sich die Debatte um die Umstände und Folgen des neunundachtziger Herbstes außerhalb der offiziellen Anlässe fast ausschließlich zwischen Ostdeutschen abspielen würde, erst in letzter Zeit sei z.B. in der gleichnamigen Wochenschrift eine Tendenz zu beobachten, dass man sich auch ohne biographischen Hintergrund mit diesem Jahrhundertereignis beschäftige. Erklärbar ist das sicher, schließlich unterschieden sich die Veränderungen in Ebersbach (Fils) zu Beginn der neunziger Jahre doch erheblich von jenen in Ebersbach (Sachs), und seitdem ist in beiden Partnerstädten nicht so sehr viel in dieser Beziehung passiert.
[Gut, das sächsische Ebersbach, das eigentlich in der Oberlausitz liegt, um das mal klarzustellen, hat sich inzwischen mit dem Nachbarflecken Neugersdorf per Bindestrich vereinigt, halb gezogen, halb gesunken, und strebt nun vielleicht den Titel „Ort mit dem längsten Namen“ an, der sicher die Reisebusse anlockt, aber sonst war wirklich nicht viel.]

Auch nicht neu (aber was überrascht nach 25 Jahren noch?), doch immer wieder neu beklagenswert ist der Fakt, dass mit dem Zusammenbruch des „linken Erlösungsversprechens“ namens real existierender Sozialismus der Gesellschaftsordnung hinter der Mauer ein potentielles Gegenmodell abhanden kam, das allein durch seine schlichte Existenz schon eine gewisse Wirkung hatte.
Wer will denn heute noch ernsthaft für ein anderes politisches System werben, jenseits von Marktkonformitäten, wenn einem postwendend das relativ frisch vergurkte Experiment im östlichen Europa um die Ohren gehauen werden kann? Ingo Schulze vor allem sind diese Betrachtungen zu danken, auch der Schwenk zum Einkaufsverhalten, mit dem man sich heute zumindest moralisch schuldig machen könne oder aber eben auch nicht.

Für das Thema Gerechtigkeitsdefizit, das immer noch zwischen den damaligen Widerständlern und den Mitläufern herrsche, weil jene meist bessere Startbedingungen in das neue System hatten, durch das Rückwirkungsverbot viele in Staatsnamen begangene Vergehen ungesühnt blieben und sich z.B. für die Opferrente außer den Betroffenen sich kaum jemand interessiere, blieb am Ende der anderthalb Stunden genauso wenig Zeit wie für eine Diskussion des beliebten Begriffs „Unrechtsstaat“. Allein diese hätte mit all ihren Facetten sicher noch einmal neunzig Minuten gebraucht, und ob es ein klares Ergebnis gegeben hätte, sei dahingestellt, eher wohl ein Unentschieden.

Mit diesem Radio-Café hat Figaro nicht nur einen anspruchsvoll-unterhaltsamen Nachmittag gestaltet, sondern auch den Auftakt zu „Eine Woche im Oktober – 25 Jahre friedliche Revolution“ des Staatsschauspiels Dresden gegeben. Ab dem 3.10. wird eine Themenwoche mit Theater, Performances, Lesungen, Konzerten und Diskussionen sowie gar einem eigenen abendlichen Radiokanal mit dem Jubiläum auseinandersetzen, hier gibt es Näheres dazu:
http://www.staatsschauspiel-dresden.de/spielplan/spielplan/rahmenprogramm_eine_woche_im_oktober/beschreibung/

Es wird zu berichten sein.
Aber den Schlusspunkt dieses Textes darf Ingo Schulze setzen, der wie er erzählte seine Profession anlässlich einer chinesisch-amtlichen Nachfrage bei der dortigen Einreise so beschrieb: Er „schreibe – wie alle Schriftsteller – über Liebe und Tod vor wechselnden Hintergründen, und in seinem Falle nicht in Versform.“ Damit wäre zumindest das geklärt.

Thälmannstraße 89/4: Der Stoff, aus dem die Seife ist

Montag, 22.09., Helden zeugen

Das Ganze muss heroischer werden, findet Redakteur Helmstedt, ein sich sträubender Autor lässt seinen Jens schließlich in der FDJ-Versammlung Partei für die von Studienplatzverlust bedrohte Johanna ergreifen, was ihn um den Fackelzug in Berlin bringt. Direktor Rothe ist not amused über das Ausscheren seines bisherigen „Hundertzwanzigprozentigen“, das wird sicher auch dem Herrn Vater nicht lang verborgen bleiben.

Die Rahmenhandlung bietet aber weiterhin mehr, diesmal einen Anruf der Programmchefin und eine neue Direktive: „mehr Doku-Drama, keine Schmonzette“. Da auch schon eine Alternative bereitsteht, fünfzehn Interviews mit den üblichen Verdächtigen, lässt sich Helmstedt zu einem beachtlichen Klageruf mit Aufzählung der vermuteten Protagonisten hinreißen. (Wenn das mal nicht Arnold Vaatz erzürnt, liebes Figaro, zum einen allgemein ob der insubordinanten Klage, zum anderen, weil sein Name in den Top 15 der Wende nicht vorkommt.)

Im Figaro-eigenen Netz entspinnt sich inzwischen anhand der letzten Wochenzusammenfassung der Teichelmauke eine Debatte über den Realismus der Serie und die dafür gewählte Form. Eine Diskussion, die den zu unterstreichenden Satz „Nun sind wir bei FIGARO – Gott sei Dank – nicht die Siegelbewahrer der historischen Wahrheit“ enthält, sicher noch ausbaufähig und hier nachzulesen ist:
http://meinfigaro.de/inhalte/b549525a2ef2fe09

Was allerdings verblüfft beim Sichten der Figaro-Seite, ist die Möglichkeit, die kommenden beiden Beiträge schon vorzuhören.
Gut, das mindert mir einige Terminzwänge, entspricht aber so gar nicht den klassischen Gepflogenheiten. Aber der Inhalt der Folgen ist ja jetzt schon bis zum Ende nachlesbar (mit sehr schönen Bildern der Aufzeichnung übrigens), auch eine Art von „Glasnost“.

Mittwoch, 24.09., Bisschen Heftig

Diesmal wird starker Tobak geboten: Im Wendeherbst erlebt Markus auf eine Schwangere einprügelnde Polizisten und ist davon so schockiert, dass er sich auch von Johanna nicht von seinem Vorhaben abbringen lässt, umgehend das Land zu verlassen. In ihrer Verzweiflung ruft jene die unlängst erhaltene Nummer an …

Auch drumherum ist es nicht spaßig. Redakteur Helmstedt will ob der erlittenen Einnordung durch die Sendeleitung seine Sachen packen, er hätte doch andere Ideale von Pressefreiheit gehabt, als er 90 hier rüber kam. Erstaunlich, dass ihm das in 25 Jahren erstmals passiert sein soll. Autor Bentwisch spendet erfolgreich Trost und Helmstedt waltet wieder seines Amtes, sprich er verlangt eine Entschärfung der Prügelszene, das sei ja wohl nichts für das Frühprogramm.

Hm. Diesmal hat man Mühe, den Handlungen zu folgen, es geht doch etwas fix, das Formatproblem zeigt sich wieder.

Freitag, 26.09., Große Gefühle

Johanna wird vom Autor rehabilitiert, nein, sie hat nicht verpfiffen, sondern im letzten Moment aufgelegt. Des Redakteurs Weltbild ist vorerst gerettet. Überhaupt ist der erstaunlich emotional bei der Sache, ist doch gar nicht seine?

Derweil sitzt Johanna im Wendeherbst bei Markus Mutter in der Küche, der Verlust verbindet. Prompt klingelt das Telefon, der Getürmte meldet sich aus der Prager Botschaft, was Mutter und Freundin durchaus unterschiedlich aufnehmen. Letztere gibt ihm fernmündlich den Laufpass, eilt hernach reichlich erschüttert in den Hausflur und fällt dem verdutzten Jens in die Arme. Der darf den Tröster geben, es schmatzt vernehmlich, doch vor dem zwischenzeitlichen Happy-End wird diskret abjeblendt.

Redakteur und Autor sind gerührt von der Geschichte, es ist eine tränenreiche Folge. Und der folgende Musiktitel ist wieder fein ausgewählt, „bridge over troubled water“, natürlich gesungen von Johnny Cash und Fiona Apple, jetzt bin auch ich angefasst.

Thälmannstraße 89 – Balatonitis

Eine Radio-Soap (oder auch acoustic novel) in fünfzehn Teilen, fünf Wochen lang ab dem 8. September jeweils Mo / Mi / Fr, 8.40 Uhr und 17.40 Uhr, auch zum Nachhören auf
http://www.mdr.de/mdr-figaro/hoerspiel/thaelmannstrasse89/verteilseite3320.html

Ein vielversprechender Auftakt: Die Rahmenhandlung mit dem verantwortlichen und westgeborenen Redakteur Dr. Helmstedt (sic!) des „öffentlich-rechtlichen Qualitätsradios“ und dem für ein Wende-Hörspiel vorgesehenen Autor Jens Bentwisch (zur Wende gerade 18 und mittendrin in Leipzig) führt elegant ins Thema ein. Es soll eine authentische Geschichte von ´89 erzählt werden, dem skeptischen Autor wird beschieden: „Sehen Sie es als Chance!“

Dessen Erinnerungen versetzen ihn in ein Klassenzimmer der EOS „Nikolai Ostrowski“. Die neue Zwölfte beginnt das Schuljahr leicht dezimiert, vier Schüler und der Klassenlehrer fehlen, „Balatonitis“ vermutet man tuschelnd in der Klasse, als der Direktor Rothe auf eine krankheitsbedingte Abwesenheit verweist.
Damit wird allerdings auch ein Platz neben Johanna frei, den Jens – nach korrektem Lenin-Zitat – zart errötend einnehmen darf. So hat halt alles sein Gutes, die Angebetete rückt ihm zumindest physisch näher.

Ansonsten haben sie nicht viel gemeinsam, die Junge Gemeinde – Schwester und das Bonzensöhnchen, dessen Vater – wie später zu erfahren sein wird – als Oberstleutnant der Staatssicherheit einen sehr eigenen Blick auf die Geschehnisse hat. Doch wir sind ja noch ganz am Anfang der Geschichte.

Die Klasse diskutiert derweil – es ist nun mal grad dran im Lehrplan – Lenins Definition einer vorrevolutionären Situation (die einen können nicht mehr wie bisher und die anderen wollen nicht, man erinnert sich?), historisch natürlich, aktuelle Bezüge werden vom Lehrer wegdefiniert, es gibt schließlich keine Unterdrückung in der Deutschen Demokratischen.

Das Ganze weckt Interesse.
Figaro hat in diesem Segment schon einiges Hörenswerte produziert, und sich auf diese Weise mit dem allgegenwärtigen Thema „25 Jahre Wende“ zu beschäftigen, ist keine schlechte Idee.
Dass man auf der sendereigenen Web-Seite dann aber schon die Story im Groben nachlesen kann, dient zwar der Befriedigung der eigenen Neugier, nimmt dann aber doch einiges an Spannung. Dennoch, ich werde dranbleiben, auch weil ich „damals“ nur unwesentlich älter als die Protagonisten war. Da kann ich mitreden.

Hoch auf dem gelben Rosse

… sitz ich beim Rößler vorn.

Natürlich nicht ich persönlich. Aber im Moment wollen da noch einige sitzen, was sich auch im Internet zeigt.

Ich erklär mal die aktuelle Versuchsanordnung:
Ein Herr Holger Krahmer aus Leipzig (ich hoffe, wenigstens ein oder zwei hier verstehen den Scherz), MdEP für die FDP und sicher seit Wochen im erweiterten Wahlkampfmodus, postet am 9. August 13 auf seiner Politiker-Seite im facebook ein Foto eines Großplakats der SPD Karlsruhe: „Diesen Sommer: Für 3 Millionen Kinder ist kein Urlaub drin. Handeln gegen die soziale Spaltung. Jetzt!“

Facebook, das ist diese neumodische Netz-Plattform für den intellektuellen Exhibitionismus, auch den ungewollten (dass das schön körperlos bleibt, darauf passen Zuckerbergs Sittenwächter schon auf). Krahmer unterläuft dabei ein nachvollziehbarer Beißreflex, in dem er kommentiert: „Soziale Gerechtigkeit beginnt in Deutschland erst, wenn sich jeder einen Urlaub durch Umverteilung leisten kann? Wie wohlstandssatt muss eine Gesellschaft sein, wenn sie dem zustimmt?“

Das kann mal passieren.
Zwar geht es auf diesem Plakat nicht wirklich um Umverteilung, doch eine Sternstunde des Wahlkämpfens ist diese Hervorbringung sicher nicht (zumal in einer Farbe gehalten, die man sonst nur an Pfarrersfrauenbeinen sieht), und so kann man also auch mal in die Luft schießen. Das versendet sich schon.

Dieses Foto haben bis zur Stunde einhundertunddrei Menschen „geliked“, es wurde 22-mal geteilt, sicher meist zustimmend. Etwa 35 Kommentare trafen die Verlautbarung, inzwischen ist die Debatte dort sanft eingeschlafen (keine Sorge, ich weck sie schon wieder).
Da diese einen schönen Überblick über die die Geisteslandschaft seiner Jünger geben (vgl. „Leipziger Tieflandsbucht“), erlaube ich mir anbei eine Zusammenfassung.

Jenny L. macht auf cool: „Empfehle bei der Hitze sowieso Balkonien.“
Jörg-Uwe B. belebt den untoten Witz von den Diäten wieder: „Für mich ist auch kein Urlaub drin. Ich frag mal den Gabriel, ob er mir einen spendiert – der kriegt ja „genug“ an Diäten! (Wobei: Wenn der soviele Diäten kriegt, warum ist der dann immer noch so fett?)
Nico V. bringst seine persönliche Betroffenheit zum Ausdruck: „ ich hab auch keinen Urlaub, da ich arbeiten muss :-((„
Stephan B. ist kreativ und witzig, also sicher FDP-Mitglied: „Die Lösung ist ganz einfach: das volkseigene Urlaubsressort Griechenland, und damit auch alle hinkönnen, schaffen wir noch ein paar Ein-Euro-Jobs, die dann ein Langstrecken-Riksha-Taxi inklusive Camping und Rahmenprogramm anbieten können.
Katja V.-R. weist den Pöbel in die Schranken: „Als Selbstständige halte ich mir meinen Urlaub auch so kurz wie möglich. „Happy Holiday“ kann ich mir auch nicht leisten… Schon alleine wegen der Kundenbindung. Keinem normal arbeitendem Menschen fliegen die gebratenen Tauben in den Mund! Kopfschüttel…“
Patrick D. beweist, dass er alles verstanden hat: „die #spd kann doch ruhig mal eines ihrer kreuzfahrtschiffe zu verfügung stellen? #doppelmoral lässt grüßen“
Robert L. lässt den Halbsozialen raushängen, zieht aber klare Grenzen: „Muss schon sagen: Die Kinder tun mir leid. Im Gegensatz zu ihren Eltern sind sie nicht für die (mangelnde) Finanzierung des Urlaubs verantwortlich.“
Herbert F. macht einen Vorschlag zur Güte: „Schröder, Steinbrück und andere SPD-Parteibonzen könnten leicht die ein oder andere Familie mit in einen Luxus-Urlaub nehmen; also gebt Euch einen Ruck!!! ;-)“
Matthias C. betrachtet es mathematisch-statistisch, auch wenn es an der Orthographie noch zu arbeiten gilt. Aber zumindest kennt er sich mit der physischen Beschaffenheit des Plakats aus: „Bei 81 Millionen Menschen in Deutschland, gibt es bestimmt auch welche die keinen Urlaub machen können. So ein holes Plakat.“
Heiko S. assistiert und hinterfragt zugleich kritisch: „Haetten besser das Geld spenden sollen, als so ein wirres Plakat zu haengen. Wer hat denn die Kinder eigentlich gezaehlt?“ Am Ende stimmt das gar nicht?
Noch ein Cooler, Jens H.: „Urlaub wird ohnehin völlig überbewertet“
Max E., sicher Philologe, hat Ahnung und gibt der Linken eine geile Steilvorlage: „Es gibt keine „soziale Gerechtigkeit“. Es gibt nur Gerechtigkeit oder eben keine. „Soziale Gerechtigkeit“ ist ein Euphemismus für „Sozialismus“.“
Rainer Sch. bringt endlich die lang erwartete historische Einordnung: „Nur was wäre gewonnen, wenn „das WIR“ für 3 Millionen Kinder Urlaub organisieren würde? Der „Ulaubskader“ der Genossen organisert FDGB- oder Kraft-durch-Urlaub- Heime. Gruselige Vorstellung“
Wolf-Dieter Sch. erklärt das mal und bewirbt sich für ein Mandat. Am Ende ist er weltmännisch: „SPD: Senkt die Staatsquote, die Ausbeutung der Bürger für staatlich organisierte Sozialverschwendung, dann haben die Eltern auch das geld, mit Ihren Kindern selbst zu entscheiden, wohin, wann, wie lange und auf welchem Niveau sie in den Urlaub fahren. Dazu brauchen sie weder Eure Fürsorge noch Umfairteilung und Neiddebatte. Dislike SPD!“
Alois R. kennt sogar Wikipedia. Die Debatte wird hochklassig: „Kraft durch Freude“ oder sozialistischer Staats-Urlaub ?? >>Der DDR-Tourismus wurde hauptsächlich über die Betriebe und staatliche Institutionen abgewickelt. Der größte Reiseveranstalter war der Feriendienst des Freien Deutschen Gewerkschaftsbunds (FD…Mehr anzeigen …“
Tom F. ist ein Stück weit stolz auf sich und weiß wie es geht: „Ich mache grade meinen dritten Auslandsurlaub dieses Jahr… zwei kommen noch ^^ hach ja… übrigens war kein Urlaub davon geschenkt… jeder ist seines eigenen Glückes Schmied :)“ (Scheiße, warum fällt mir da „Zuhälter“ ein? Der kann ja auch ganz einfacher Immobilienmakler sein.)
Charles G. gibt sich leidensfähig und ist damit für die Zeit nach dem 22. September bestens aufgestellt: „Für mich ist auch kein urlaub drin…. trotzdem bleibe ich liberal 😀 ….“
Ralf B. weiß wer es war: „Hätten SPD und Grüne im Bundesrat die Beseitigung der kalten Progression nicht blockiert, wäre für sicherlich die Hälfte dieser Kinder ein Urlaub im Ferienlager oder ähnliches drin gewesen. Soviel zum Thema „Handeln gegen die soziale Spaltung“!“ (Klingt irgendwie wie von Links gerufen, ein Irrläufer, Herr Orlowski?)
Henner Sch., Einserjurist, klärt das auf seine Weise: „“Urlaub“ kann eigentlich nur jemand nehmen, der in einem Arbeitsverhältnis ist, Kinder also sowieso nicht. (http://de.wikipedia.org/wiki/Urlaub)“
Desiree McC. fordert ihre Rechte ein: „Ich hatte auch noch keinen Urlaub – was tut die SPD nun für mich?“
Doris B. bringt etwas Lokalkolorit rein: „sparen wir uns doch das Geld für die BuGa und stocken die Förderung der Jugendarbeit, des Stadtjugendrings auf….. Wie steht die SPD nochmals zur BuGa?“
Daniela J., deutsche Frau und Mutter, erzählt uns vom harten Leben unter Adenauer und ist ein guter Untertan: „Gibt es bald ein einklagbaren Anspruch auf Urlaub??? Bin viele Jahre mit den Kindern nicht in den Urlaub gefahren, weil es finanziell nicht ging… Na und, dann haben wir uns eben zu Hause eine schöne Zeit gemacht – die Qualität der gemeinsamen Zeit zählt doch mehr als jeder Pauschalurlaub!!! Das WIR wird immer weltfremder!!!“
Sandro Z. (ja, der) pöbelt wie gewohnt: „Alle, die hier so stolz berichten, dass sie gar nicht in Urlaub fahren können, weil sie so busy, so wichtig oder so kundenabhängig sind, sollten sich mal fragen, ob sie den richtigen Beruf und/oder das richtige Geschäftsmodell gewählt haben. Mein Beileid.“
Die JuLis Baumberge (so etwas wie die Freie Deutsche Jugend, nur mit anderem Vorzeichen) haben gut aufgepasst im Parteilehrjahr: „Jeder sollte selbst am besten wissen, wie er seine Freizeit verbringt. Nicht, dass die Grünen demnächst auch noch ne Urlaubspflicht durchsetzen. Natürlich Klimaneutral! Nicht jedes Kind möchte bei so was mitmachen. Manche Kinder verbringen halt lieber die Zeit bei ihren Eltern, als bei solchen Ferienfreizeiten. Wir können natürlich auch das verpflichtend machen. Die Organisation nennen wir dann Pioniere, oder Pimpfe.“ Eins, setzen!

Ende, vorläufig. Klar, man muss lachen, erstmal. Aber bei diesem gerüttelt Maß an Stumpfsinn, Arroganz und Weltfremdheit bleibt es zumindest mir schnell im Halse stecken.

OK, das ist ein ganz ganz kleiner Ausschnitt, in facebook schwirren täglich Dutzende solcher Wirrnisse durch die Datenbahnen (manchmal können einem die NSAler echt leid tun) und keiner kann für seine Kommentatoren. Aber immerhin, hier ist nichts erfunden, Deutschland 2013.

Nein, ich bin aus dem Weltenretter-Alter raus. Ich weiß selbst, dass Cindy aus Marzahn und Mehmet aus Hasenbergl mit einer Ferienfreizeit (oder wie immer man das nennen will) allein nicht davor zu retten sind, in ein paar Jahren als Dauerhartzer Analogdreck zu fressen und Unterschichtenfernsehen zu glotzen. Aber man muss es doch wenigstens versucht haben, Peggy Sue! Und irgendwo mal anfangen!

Selbst ich kann manchmal nicht annähernd so viel zu mir nehmen, wie ich erbrechen möchte angesichts dieser Mitmenschen.