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Im Abendlande wird es früher dunkel

Die Überschrift ist nicht logisch, aber vieles heutzutage ist nicht logisch. Warum fühlen zum Beispiel einige Menschen im Moment derartige Phantomschmerzen, dass sie deshalb allmontagabendlich durch die Dresdner Innenstadt promenieren anstatt sich am Glühwein zu berauschen und Bratwurstfett auf die Funktionskleidung zu kleckern?

Unter einem schlecht ausgedachten Kürzel, das mich an irgendetwas zwischen Sanitärreinigung und Mitropa erinnert, sammeln sich heute also die Nachfahren der Kreuzritter. Jene, so darf man wissen, rekrutierten sich aus den zweit- und folgendgeborenen und somit erblosen Söhnen des Landadels, die mangels heimischer Beschäftigungsaussichten das Kreuz zu den Ungläubigen und fette Beute mit nach Hause zu bringen gedachten. Ein Hoch auf die Friedfertigkeit heutiger Wirtschaftsflüchtlinge!
Diese frühe Form der Entwicklungshilfe stieß bei besagten Ungläubigen, die das mit dem Unglauben übrigens genau andersrum sahen, auf wenig Gegenliebe, spielt allerdings in der Geschichtsschreibung der islamischen Welt kaum eine Rolle. So erfolgreich können die Missionen also nicht gewesen sein.

Jene heutigen Ritter vom Kreuz durch den Halbmond verteidigen also auf den Dresdner Straßen montags zwischen 6 und 8 Uhr abends ihr Märchenland, das man immerhin noch aus der (schlechten) Fernsehwerbung kennt, wenn auch immer seltener. Zum Anführer hat sich ein Lutz aufgeschwungen, dessen Nachnamen ich vergessen habe und für den Herr Brecht seinen Arturo Ui umschreiben müsste: Etwas weniger Raffinesse, dafür mehr Schnauzbart. Vorerst zumindest kann der gewesene Kleinkriminelle noch den Obermacker machen, bis er für die Bewegung nicht mehr nützlich, sondern nur noch ein Idiot ist. Dann müssen honorigere Männer und Frauen aus dem Wutvolke ran, ohne Vorstrafen, von Steuerdelikten vielleicht abgesehen, die sind ja eine Form des Widerstands gegen den von den Alis unterwanderten Staat.

Von „christlich“ ist übrigens in der putzigen Benamsung der Wandertruppe nicht die Rede, es bringt also auch nichts, an deren Nächstenliebe zu appellieren. Bis zum Übernächsten würde die ohnehin kaum reichen.
Wenn man aber so ausdrücklich „gegen“ etwas ist, liegt die Frage nach dem „Für“ nahe. Christianisierung? Hm, eher nicht. Religionsfreiheit? Gerne doch, ist aber mit dem „gegen“ nur bedingt kompatibel. Arisierung? Leider schon negativ besetzt.
Man merkt, den Freiheitskämpfern an der Heimatfront fehlt noch ein PR-Berater, mit dagegen allein kriegt man heutzutage keine Punkte mehr auf Dauer.

Wenn man das Thema mal quantitativ beleuchtet, relativiert sich dann doch vieles: Von den 15.000 Marschierern jene abgezogen, die als Volksdarsteller bei jeder dieser Gelegenheiten von Schneeberg bis Hoyerswerda präsent sind und jene, die das Umland bevölkern, bleibt allerhöchstens ein Prozent der Dresdner Bevölkerung, das sich hinter den vaterländischen Bannern versammelt. Und von denen hält sicher die Hälfte die Yenidze für einen Brückenkopf des Islam in unserer unschuldig-schönen Stadt.

Das soll jetzt nichts verharmlosen, auch mir ist klar, dass die mediale Reichweite deutlich größer ist als den paar Hanseln rechnerisch zustünde. So sind nun mal die Gesetze im Infotainment. Ob man das aber nun gleich willfährig als Niederlage verbuchen muss, wenn sich auf der anderen Seite einmal ein paar weniger der Mühe unterzogen haben, das Bild von Dresden wenigstens halbwegs zu retten, weiß ich nicht. Damit gibt man dem Gelatsche eine Bedeutung, die ihm nicht zukommt.

Bald ist Wintersonnenwende, die Tage werden wieder länger. Dann wird vielleicht auch Licht in den Hutznstubn des deutschen Geistes. Und bis dahin wünsche ich ein sehr unchristliches Wetter an jedem Montag abend.

Schalom,
Teich El Mauke

Was Fritzchen nicht lernt – Die Radi-Republik

(Fast ist es mir peinlich, das zu schreiben, aber die Sorgfaltspflicht gebietet es: Mit „Radi“ ist nicht das Fernsehbier gemeint, sondern das nördlich des Weißwurschtäquators als Rettich bekannte Gemüse, das – mit Salz beträufelt und nach einigen Minuten zur Maß und zur Brezen genossen – als „Viagra des Voralpenlandes“ gelten kann. Und schmecken tut es obendrein.)

 Hans-Peter Friedrich, im Folgenden – was er sich selber zuzuschreiben hat – Fritzchen genannt, ist in dieser Radi-Republik aufgewachsen und sozialisiert worden. Man kann das nicht als mildernden Umstand gelten lassen, vielen anderen ging das ebenso und sie sind trotzdem gute Demokraten geworden. OK, viele andere auch nicht.

 Die Radi-Republik kann man auch als „bairischen Sozialismus“ bezeichnen. Auch hier gibt es noch etwas, was über dem Staat und seinen Organen steht: Die Partei. Und derem Wohl hat ein Staatsdiener zuallererst zu dienen, das wird genauso gepaukt wie der Katechismus. Vermutlich sind diese Erkenntnis fördernde Substanzen (neben vielen anderen) auch im Weißbier drin.

 Was soll so ein Fritzchen also machen, wenn ihm als für die Innereien der aus dem Freistaat Bayern und einigen angeschlossenen Gebieten bestehenden Bundesrepublik Deutschland zuständigen Minister, der die ganze Legislatur eher den Watschenmann geben musste, völlig unverdient, versteht sich, zum Ende derselben, nach einem sich abzeichnenden Partnerwechsel an Kanzlerinnens Tisch und Bett, im Oktober auf einmal eine Information zur Kenntnis kommt, die einen erheblichen Einfluss auf das Wohl und Wehe der in Gründung befindlichen Großkoalition haben könnte? Richtig, er funktioniert.

 Und sticht durch, dass einer der Hoffnungsträger des Noch-Gegners und Bald-Partners da in Kürze ein Problem haben dürfte. Erzähl mir keiner, dass Gabriel der Einzige war, der damit beglückt wurde. Personalien sind Chefsache, auch bei CSU und CDU, egal, ob sie den eigenen Haufen oder die fremden Heere betreffen.

 Die Logik, die dahintersteht, ist einfach: Der Mensch Edathy verliert seinen Anspruch auf Schutz seiner Persönlichkeit und seiner Daten, sobald er sich anschickt, eine größere Rolle im Politikbetrieb zu spielen. Er wird zum Kader, zur Figur im politischen Schachspiel, auch daher die Analogie zum Sozialismus, bayerischer Art natürlich.

 Dass ausgerechnet dem amtierenden Innenminister dieser „Lapsus“ unterläuft, sollte man nicht überbewerten. Fritzchen scheint seine Stellenbeschreibung nie gelesen zu haben, wozu auch? Im Zweifel kann man den Parteichef fragen.

 Ich möchte gar nicht wissen, welche Panik daraufhin in der SPD ausbrach. Auch diese ist ja mit den Prinzipien der Machtpolitik bestens vertraut. Ausgerechnet jener, der sich mit dem NSU-Untersuchungsausschuss frische und große Meriten erwarb, nun unter diesem Verdacht, der unweigerlich tödlich ist für die weitere politische Karriere, egal, ob es zu einem Verfahren kommt oder nicht … Doch auch im Adenauer-Haus dürfte man not amused gewesen sein, die falsche Nachricht zur falschen Zeit. (Nochmal: Ich wette, dass die Spitze das wusste.)

Alles Weitere kann man einigermaßen verstehen, das war reine Schadensbegrenzung bei einem Thema, bei dem die Öffentlichkeit kein Pardon gibt.

 Was Herrn Edathy vorzuwerfen ist, wird sich zeigen, ich maße mir da kein Urteil an. Doch dass Hans-Peter Friedrich gehen musste, auch von dem vergleichsweise unbedeutenden Ministerposten, auf den man ihn wider besseren Wissens gehievt hatte, war von Anfang an klar, als die Sache aufflog.

 Bezeichnend für das „System Radi-Republik“ ist nur die Uneinsichtigkeit von F., die offenbar auch nach seiner von der Parteienführung vorformulierten Rücktrittserklärung noch anhält. Was Fritzchen nicht lernt, nämlich die Achtung von Persönlichkeitsrechten, auch gegenüber den Interessen der Regierungspartei, das lernt Friedrich wohl nimmermehr.

Insofern muss man seine Ankündigung „Ich komme wieder“ wohl als Drohung begreifen.