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Hiddenseeer Elegien, Teil 7: Von Zukunftsplänen, Nutten und geräumten Zügen

Man steht sich wie gehabt am Sonnabend bis mittag von Rügen runter und ab mittag auf Rügen rauf, wenn man nur vier Gummiräder zur Verfügung hat. Da kann die neue Rügenbrücke noch so schön sein (hat eigentlich jemals einer der Dresdner Brückenentscheider hier Urlaub gemacht?, sie verlagert das Thema nur und löst es nicht. Wie auch. Wer keine Rügenautobahn bis Klein Zicker will, muss sich damit abfinden, dass es gelegentlich mal eng ist auf den Alleestraßen.

Die Differenzgeschwindigkeit Straße – Bahn beträgt im Moment minus 80 km pro h, ein hübsches Gefühl. Meine Wette ging übrigens unentschieden aus: Zwar kam ein bunter Train mit einer nicht wendezugfähigen 110 in Bergen mit plus 15 um die Ecke, aber der erhoffte Speisewagen aus Böhmen war dran und zwei fehlende Wagen 2. Klasse wurden durch einen recht neuen Großraumwagen ersetzt, der von 1. auf 2. umgelabelt wurde. Und da ein netter Mensch seinen reservierten Sitzplatz von Binz nach Berlin nicht antrat (oder nicht fand), kam ich auch bequem zu sitzen.
Also diesmal kein Genörgel, nur der Hinweis, dass die Farfalle sowohl mit als auch ohne Fauna „beim Tschechen“ sehr empfehlenswert sind.

Was blieb denn offen?

Zuerst einmal ein Thema, das sicher vielen am Herzen liegt: Was darf der Mensch am Hundestrand?
(Zur Erklärung für Nicht-Bader: Gehobene Seebadkultur zeichnet sich durch eine Dreiteilung des Strandes aus, Textil-, FKK- und Hundestrand.)
Während das schöne Wort Freikörperkultur jedem geläufig ist im deutschen Sprachraum (wird das eigentlich übersetzt oder ist das wie mit Kindergarten und Blitzkrieg?) und Textil sehr eindeutig ist, bedarf der Begriff „Hundestrand“ einer Hinterfragung. Wer darf da was? Menschen nur in Begleitung von Hunden? Und nackig oder blößenbedeckt? Und die Hunde? Es besteht Klärungsbedarf.
Ich bezweifele übrigens nicht, dass das in den diversen Ordnungen der Seebäder akribisch geregelt ist, nur weiß es keiner. Es wird also schlecht kommuniziert.

Noch so was: Was macht eigentlich die Küstenwache? Eine Feuerwache greift ein, wenn es brennt, die Rettungswache kommt, wenn es was zu retten gibt … aber Küste ist doch immer? Haben die Kollegen also Dauerstress und werden mit 40 pensioniert oder sind die so abgebrüht, dass sie auch fremde Küsten nicht erschrecken können?

Man kommt auf die putzigsten Gedanken, wenn man so am Meer rumlungert, u.a. auf den beliebten Systemvergleich anhand maritimer Filmkunstwerke. Im Osten fällt mir sofort „Zur See“ ein, jener Straßenfeger mit Horst Drinda am Ruder. „Das Traumschiff“ muss ich leider disqualifizieren, obgleich das schöne Vergleiche böte, hab ich nie gesehen, und wenn, würd ich es nicht zugeben. Also „Das Boot“, weder ein Mehrteiler noch in der Handels- bzw. Touristikflotte angesiedelt, aber halt das Einzige, was mir noch einfällt. Zwar ging der Kahn sehr unrühmlich unter, aber so effektvoll, dass man die Szene auch heute noch in Erinnerung hat. Doch nur DDR-Fernseh-Spezialisten erinnern sich des Sonnenblicks des Kapitäns zum Serienbeginn. Hier ist wohl einer der Schlüssel zu suchen, weshalb Hamburg heute nicht Ernst-Thälmann-Stadt heißt. Prochnow vs. Drinda, Grönemeyer vs. Schubert, ein leider ungleiches Duell.

[Übrigens, völlig offtopic: An einer Synopse der „Schwarzwaldklinik“ und des tschechoslowakischen „Krankenhauses am Rande der Stadt“ hätte ich großes Interesse, liebe Kunsthistorikerinnen.)

Bei der ganzen Denkerei hab ich übrigens ich völlig verpasst, wie der royale Wurf nun heißen wird. Liam, nach dem Vater? Barack, wegen der unverbrüchlichen Freundschaft? Oder Second-Service, wie wir beim Tennis sagen? Eigentlich isses auch egal.

Gelernt hab natürlich auch Einiges im Urlaub:
Man darf auf facebook ein dickes Kind nicht „dickes Kind“ nennen.
Man kann aber sein bellendes Meerschweinchen ruhig „Scarlett“ taufen, sicher auch auf facebook.
Die genaue Uhrzeit lässt sich auch mit „Juli oder August“ angeben (gilt nur auf Hiddensee).
Man wird trotz Erfahrungen nicht schlauer beim Sonnenstrahlenkonsum (gilt nur für mich und wusste ich auch schon).

Berlin naht, bzw. Berlin bleibt wo es ist („und das ist auch gut so“) und der Zug nähert sich der Dönermetropole. Ich tauche in den heimischen Nachrichtenkosmos. Na gut, was man so heimisch nennt, sagen wir mal „das Bundesland, in dem ich polizeilich gemeldet bin“.
Da sind interessante Dinge zu erfahren: Die Sportstadt Riesa – man weiß ja nicht erst seit Loddamaddäus vom Zusammenhang zwischen übermäßigem Sport und IQ – macht sich um die Integration bekannter Neonazis in die städtischen Entscheidungsstrukturen verdient. Uli Hoeneß hat einen Richter gefunden. Castorf wäre in Bayreuth fast gelyncht worden und ist damit automatisch in den erblichen Adelsstand erhoben. Die Sächsische Zeitung hat einen Krisenstab gebildet und beobachtet intensiv das Verkehrsgeschehen in der Dresdner Neustadt sowie Haustierschicksale in ganz Dresden. Bei der Albertbrücke geht es nicht um Fakten, sondern um Glauben und Politik.
Ich wage, den letzten Punkt zu verallgemeinern.

Wie nun weiter? Falle ich in ein tiefes Nachurlaubsloch und muss psychologisch betreut werden? Ach Schmarrn. Nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub.
Und heute abend spielt ZAZ in der Garde. Bestimmt ausverkauft, mais je veux.

Aber eine Grundsatzentscheidung wurde urlaubsbedingt durch mich getroffen: Eigentlich hatte ich beschlossen, bis zu meinem 50. Geburtstag scheiße reich zu werden und dann irgendwas mit Koks und Nutten zu machen.
Aber nun hab ich einen anderen Plan: Ich kaufe alles nördlich von Vitte, habe selbstverständlich nicht die Absicht, eine Mauer zu errichten, sondern einen hohen Zaun, heuere die schärfsten Türsteherbullen von Großberlin an und mach es mir in Kloster gemütlich („in“, nicht „im“!). Als Rio der Erste, Sissi die Zweite, Hauptmann der Dritte oder einfach Teichelmauke.

Und das mit den koksenden Nutten geht ja dann immer noch.

PS: Es wird dann doch nochmal spannend.
„Leider fehlt heute der Wagen 256, in den Wagen 259, 258 und 257 ist die Klimaanlage ausgefallen. Aus Kulanzregelung bieten wir Ihnen an, mit dem EC 197 (zwei Stunden später, der Autor) zu fahren. Aus Überbesetzungsgründen können wir sonst nicht weiterfahren.“ Berlin Hbf tief macht seinem Beinamen alle Ehre. Seltsamerweise kann ich die Überbesetzung hier nirgendwo entdecken, mein leidlich gekühlter Wagen 260 ist zu einem Drittel gefüllt und Erstklass- und Speisewagen sind auch intakt.
Fünf Minuten später über Lautsprecher die Räumungsdrohung, schon mit etwas zitternder Stimme. Dann ein Friedensangebot, den ICE nach Leipzig an Bahnsteig gegenüber zu nutzen und dort nach Dresden umzusteigen. Offenbar weigern sich die Insassen der überhitzten drei Wagen tapfer, den Zug zu verlassen. Wer weiß ob das nicht das letzte Boot aus Berlin raus ist?
DB Psychologie tagt dann vermutlich und erkennt, dass man die Menschen aus fünf fast vollen Waggons unmöglich in zweien unterbringen kann. Also versucht man so viele wie möglich erstmal aus dem Zug rauszulocken und in den Alternativzug zu stopfen.
„Letzte Möglichkeit nach Dresden jetzt gegenüber! Der Zug fährt nicht weiter …!“ Die Stimme klingt schon hysterisch. Viele lassen sich becircen, auch weil die Bundespolizei inzwischen aufmarschiert.

Dann nochmal in sachlich: „Wir können die drei Wagen nicht mit Reisenden besetzen, bitte räumen sie diese. Die Bundespolizei wird jetzt durch den Zug kommen.“ Nebenan fährt der ICE nach Leipzig aus. Jetzt geht es ins Finale.
Offenbar sind noch so viele Verweigerer im Zug, dass man sich nicht traut, auf den immer leerer werdenden Wagen 260 (auch hier lassen sich viele verunsichern und steigen aus) zu verweisen. Ich kann das von hier aus nicht sehen. Oder hat man schlicht den Überblick verloren?

15.05 Uhr, ein Häuflein von vielleicht achtzig Mut- und Wutbürgern mit viel Gepäck steht jetzt noch auf dem Bahnsteig. Dann bricht endlich der Damm oder er wird bahnamtlich gebrochen, die beiden intakten Wagen füllen sich. Um 15.27 Uhr verlässt unser Zug (mit drei leeren Wagen an der Spitze und zwei normal besetzten dahinter nebst einem Speisewagen) den tiefen Hauptbahnhof. Was ist eine Dreiviertelstunde in einem langen Leben? Und was soll jetzt noch passieren bis Dresden?

PPS: Man soll sich darüber nicht zu sehr lustig machen. Es ist kein Spaß, über die Hälfte eines vollbesetzten Zuges räumen zu müssen, zumal bei dieser Hitze und bei einem hohen Anteil nicht deutschsprachiger Reisender. Ich hab das schon deutlich schlimmer erlebt, dass es auch professioneller geht, ist keine Frage.
Aber es zeigt sich auch, dass der Umgang mit Menschen (-Gruppen) gar nicht oft genug geübt werden kann, wenn man das beruflich betreibt. Und – aber so ist das ja immer im Leben – eine Kombination von Gelassenheit, Logik und Freundlichkeit bewährt sich in jeder Situation.

Es steigen einem die Tränen in die Augen, wenn man hört …

„Elf.“
Marion Brasch, meine Lieblingsmoderatorin seit einem Vierteljahrhundert, kündigt gewohnt lakonisch die Nachrichten an. Na wolln mal hören, was die letzten zwölf Stunden so gebracht haben an der News-Front.

„Eklat um Merkel-Besuch in Petersburg?“ Die wird doch nicht etwa?

Ich meine, Themen gäbe es ja genug.
Die Progromstimmung gegen Schwule (darf Westerwelle eigentlich noch einreisen?), die Waffen für Assad, die Pressefreiheit russischer Art, die gigantischen Umweltverbrechen, von denen in Europa kaum einer weiß, der Neo-Zarismus allgemein oder die politischen Gefangenen.
Aber das ging uns doch bisher offiziell gar nichts an, solange wir Gas bekommen und Autos liefern dürfen?

Hat sie nun endlich mal gesagt: „Lieber Wladimir Stalinowitsch, so geht das nicht!“ Schön. Respekt. Ein Anfang. Mein Herz weitet sich.

Doch wie jetzt?
Es geht um Kunst? Das war mir als Schwerpunktthema von Merkel noch gar nicht bekannt.
Ach so, Beutekunst … Na dann.
Alles halb so wild. Die Grußworte zur Ausstellungseröffnung waren dem sowjetischen Protokoll nicht genehm. Aber unser Tapfer-Merkel lässt sich nicht den Mund verbieten. Zumindest nicht, wenn es um drittrangige Themen geht.

Was bleibt?
Putin darf weiter ungerügt die wilde Sau spielen, nur unsere Schinken in Öl, die hätten wir gern zurück. Eine Schande.

Das schöne, arme Geld

„CASH. Das Geldstück“, ein Projekt von Melanie Hinz und Sinje Kuhn sowie der Bürgerbühne am Staatsschauspiel Dresden, gesehen am 19. Mai 2013

Es ist eine Lanze zu brechen. Für das liebe, gute, schöne Geld, das im Stück doch sehr schlecht behandelt wird. Aber dazu später.

Zwölf Menschen-Markt-Teilnehmer stehen anfangs in ihrer Weißwäsche vor dem Publikum und werden mit ihren finanziellen Verhältnissen und ihrem Kontostand vorgestellt. Es ist ein breites Spektrum, auch wenn keiner von ihnen richtig reich ist, die Palette reicht vom taschengeldberechtigten Schüler über einen hoffnungsvollen Jungbanker und einer, die das schon hinter sich hat, bis zum glücklichen Hartzer. Die Durchschnittsverdienerin ist ebenso dabei wie ein Amateurspekulant, den Manne Krug damals für die T-Aktie geworben hat, dem das Glück aber nicht erhalten blieb.

Uns wird ein Geldregen nebst –rausch vorgeführt, dann kommt Marx aus der Kiste. Geld ist Scheiße, aber kein Geld auch, so lässt sich die Disputation zusammenfassen.
Es ist immer wieder ein bewegender Moment an der Bürgerbühne, wenn die einzelnen Biographien zur Sprache kommen, das ist diesmal DDR- und Wende-Geschichte par excellence. Das Begrüßungsgeld gleich auf den Polenmarkt geschafft, für Korbmöbel, ja, so war das. Und dass der russische Laden in Kamenz so eine Art Kirche der verlorenen Heimat war, kann ich gut verstehen. Aber Eduard (Zhukov) beißt sich durch und steigt in den boomenden Markt für Pokemon-Karten ein. Köstlich sein Verkaufsgespräch mit Konstantin (Burudshiew), der Junge kann es mal weit bringen. Beide Darsteller sind mir eine Extra-Erwähnung wert, letzterer auch wegen seines Gesangs.

Die These, dass man das, was man nicht hat, auch nicht verlieren kann, wird uns dann plausibel nahegebracht. Freedom is just another word for nothing let to lose … Hätte hier gut hergepasst. Die Sterntalergeschichte mit ihrem Goldregen am Ende ist in diesem Zusammenhang vielleicht nicht ganz so passend.
Der wahre Reichtum ist Zeit, genau, völlig d’accord.

Die Maskottchenkarriere von Katharina Heider ist beeindruckend, auch wenn sie vor falschen Gesten nicht gefeit ist. Beim Escort-Service war hingegen schon am Anfang Schluss, die Unterwäschepauschale und die damit erworbene Bekleidung zweckentsprechend einzusetzen, scheiterte an den moralischen Werten.
Die These aber, dass letztlich das Verkaufen seiner Arbeitskraft auch nichts anderes als Prostitution wäre, hätte einer tieferen Diskussion bedürft, so einfach ist das glaub ich nicht. Zwar lässt schon einer, dem die Bürgerbühne heute sicher viel Spaß machen würde, seinen Peachum „Was ist die Ermordung eines Mannes gegen dessen Anstellung?“ fragen, aber die Arbeit hat sehr viele Facetten.

Nun gibt es eine Auffrischung in Scheidungsmathematik. Die Noch-Ehefrau fühlt sich auch ein bisschen wie die Nutte ihres Ex, wenn sie Geld von ihm bekommt und das mit früheren Gefälligkeiten in Beziehung bringt, aber dazu gibt es keinen Grund, Gnädigste.
Anrührend auch die Geschichte der Mannheimer Ex-Bankerin vom Aufstieg und Fall einer Karrierefrau. Den heutigen Mäzen gönn ich ihr von ganzem Herzen.
Fast schon klischeehaft der Werdegang des Ballonfliegers und Luftikus, der durch sein Glück bei Ron Sommers großer Volksverarsche Blut leckte, mal kurz am Reichtum schnupperte, dann aber doch wieder unsanft landete.
Nicht zuletzt der Kellner aus Berufung, der heute nicht mehr kellnern kann. Seine Geschichten aus der Mitropa lassen die Älteren im Saal wissend grinsen.

Nun werden Träume in Szene gesetzt, sehr schön das Ganze, sowohl optisch als auch akustisch. Money makes the world go … down? No Sir. Ich erhebe fristwahrend Einspruch und begründe ihn später.
Ein kluger Text des Diakon über das Verhältnis zum und die Bedeutung des Geldes weist eigentlich den richtigen Weg. Es ist eine Krise des Geldes, der Kredite, aber vor allem des Glaubens (daran).
Aber nun okkupiert Occupy die Bühne, die Parolen werden holzschnittartig, Gutmenschen-Attitüde, Sozialromantik. Einzig mit der kurz aufblitzenden Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen bin ich voll einverstanden, alles andere ist doch sehr simpel gestrickt.
Dank des Sparkassenbediensteten (Guido Droth sehr souverän), der dem Treiben erst skeptisch zusieht, dann aber darauf hinweist, dass es auch Falschgeld nicht umsonst gibt, kriegt man die Kurve noch zu einem plausiblen Finale.

Über Geld spielt man nicht? Im Gegenteil. Vor allem dann, wenn man so authentisch daherkommt wie dieser Abend. Auch wenn der Girokontostand sicher nicht die ganze Wahrheit ist: Hier enthüllen zwölf Menschen aus Dresden eines ihrer intimsten Details und verraten das persönliche Bankgeheimnis. Aber noch viel wichtiger, sie sprechen über ihre Geldgeschichte und über ihr Verhältnis zum Mammon. Das ist hochinteressant, da kann jeder mitdenken und –reden, das kommt in den besten Momenten sehr ergreifend daher, lässt uns aber auch lachen. Ein erneuter, schöner Beweis: Die Bürgerbühne lebt von dem (offenbar unerschöpflichen) Potential der Mitwirkenden, und von den großartigen Stück-Ideen der künstlerischen Leitung.

Wenn ich doch nicht ganz zufrieden abstieg aus dem KH3, lag das an einigen inhaltlichen Untiefen. Man kann natürlich auf das Geld schimpfen, aber … man prügelt den Sack damit und meint doch den Esel. Mit Maschinenstürmerei wird nichts besser.
Das Problem am Geld (eine der segensreichsten Erfindungen neben dem Rad im Allgemeinen und der Eisenbahn im Besonderen sowie der Anti-Baby-Pille) ist nicht dessen Existenz, sondern der Umgang damit.

Das Grundproblem ist doch ein ganz anderes:
Warum wohl ist sowohl in der Bibel als auch im Koran der Zins verboten? Welcher Idiot hat dieses verdammte Wachstumsdogma erfunden, das nicht nur unsere Umwelt, sondern auch unsere Gesellschaft kaputtmacht? Ist nicht das private Eigentum an Produktionsmitteln und allen anderen Gütern der Kern aller Ungerechtigkeit?
Ich glaube manchmal, unsere Weisheit nimmt in dem Maße ab, wie unser Wissen zunimmt.

Geld war am Anfang nichts anderes als eine große Erleichterung des Tauschhandels, aber auch der Vorratshaltung. Für eine arbeitsteilige Wirtschaft ist ein Hilfsmittel, das die produzierten Güter wertmäßig zueinander ins Verhältnis setzt, absolut unverzichtbar. Ich habe große Sympathie für die diversen Tauschbörsen, die dem Naturalhandel frönen, aber das sind Nischen. Keiner kann seine Miete mit Dienstleistungen zahlen (von speziellen Konstellationen mal abgesehen, um mir nicht den Anschein von Weltfremdheit zu geben).
Deswegen hätte ich gehofft, die großen Themen Eigentum, Zins und Wachstum wären zumindest angerissen worden. Im Programmheft geht man da leider nicht viel weiter, die „Geldkritik“ von Dieter Schnaas kratzt auch nur an der Oberfläche.

Dennoch, die „Experten des Alltags“ (wie die Bürgerbühne kurz und treffend beschrieben wird) haben auch zu diesem Thema viel Bedenkenswertes zu sagen. Allen, die sich auch für Geld interessieren, sei diese Aufführung als gewinnbringend empfohlen.

Von der systemstabilisierenden Wirkung der Ungeheuer

„Der Drache“ von Jewgeni Schwarz, Regie Wolfgang Engel, Dramaturgie Robert Koall, gesehen zur öffentlichen Hauptprobe Zwei am Staatsschauspiel Dresden, 9. April 2013

Die besten Regieeinfälle hat dann doch das Leben.
Ein freundlicher älterer Herr sitzt zu Beginn rechts der Bühne und erklärt, wegen der dicken Mandeln des Benjamin P. müsse er nun dessen Rolle lesen. Er heiße übrigens Wolfgang Engel.
Und wie das dann geschieht! Ein Fest, ein Festspiel, ein Wolfgangengelfestspiel! Mit welcher Grandezza da auch die unvermeidlichen Pannen überspielt werden! Fast wird die richtige Inszenierung Nebensache. Als er am Ende verhaftet und von der Bühne geführt wird, ruft Holger Hübner völlig zu Recht: „Das ist doch der Regisseur!“ Diesen Abgang hat er wahrlich nicht verdient.
Ohne Benjamin Pauquet zu nahe zu treten, aber das nochmal zu sehn, wär schon witzig.

Über ein Stück vor der Premiere zu schreiben gehört sich nicht, es grenzt an Hochverrat. Das ist wie Weihnachtsgeschenke vorher zeigen.
Ich beschränke mich also fortan auf die Handlung und einige geheimnisvoll-bedeutungsschwere Andeutungen.
Die erste davon: Mein nächster Kater heißt Clauß.

Man hat es mit einer Stadt zu tun, die seit 400 Jahren von einem Drachen beherrscht wird. Der frisst das halbe Bruttosozialprodukt und einmal jährlich ein Jungfrau seiner Wahl. Aber beides ist eingeplant, man hat sich arrangiert. Stabilität ist wichtig, und Ruhe, und Ordnung. Wer sollte daran etwas ändern wollen?

Da kommt zufällig ein Drachentöter des Wegs, erblickt das für den Drachen vorgesehene schöne Fräulein und – wie es märchengerecht heißen muss – entbrennt in heißer Liebe zu ihr. Jene ist allerdings schicksalsergeben und sich der hohen Ehre des Drachenfutters bewusst. Auch ihr Vater Charlesmagne sieht in diesem Akt seinen Sinn und will höchstens mit seinem eigenen Abgang protestieren.

Die vom Helden angebotene Dienstleistung „1 x pauschal Drachen töten“ will aber keiner haben, vor allem der Bürgermeister rät ab. Dessen Sohn Heinrich sollte zwar ursprünglich das Fräulein Elsa ehelichen, wurde aber mit einem schönen Posten beim Drachen abgefunden. Also alles in Ordnung. Was soll die Aufregung?

Auftritt Drache, in Menschengestalt, wegen der Augenhöhe. Die gängigen Einschüchterungsrituale verfangen beim Helden Lancelot nicht, jener fordert gar den Drachen heraus. Fauch!!! Das hat sich das letzte Mal vor 200 Jahren jemand getraut! Und verloren!
Werden Drachen älter? Jenem ist nicht ganz wohl in seiner Schuppenhaut.

Aber das Volk steht zu ihm. Verkrüppelte Seelen, gebeugte Häupter, man will ja gar nicht gerettet werden. Die Wahrheit sagt man nicht mal sich selbst.
Lancelot wird deshalb mit Küchengeschirr ausgerüstet für den Kampf, der Speer ist auch grad zur Reparatur. Aber das hat man amtlich beglaubigt, der Held soll das Papier mit sich führen und auf Verlangen vorweisen.
Der Drache arbeitet trotzdem an Plan B: Die Jungfrau soll Lancelot erdolchen, zum Dank soll eine andere dran glauben.

Wunder gibt es immer wie-hieder. Elsa ist vom Helden angetan, der Dolch fliegt in die Kulisse. Und dazu gibt es auch noch Wunderwaffen für Lancelot aus dem Untergrund. Dann kann es ja losgehn. Was wir kurz vor der Pause zu sehen bekommen, muss hier leider noch ein Geheimnis bleiben.

Der Kampf. Geschildert mit offiziellen Kommuniqués der städtischen Selbstverwaltung von Drachens Gnaden (W. Engel in Hochform). Drei Köpfe hat jener (der Drache, nicht Engel). Als der erste zu Boden plumpst, wird plausibel begründet, warum das militärstrategisch viel viel besser ist. Beim Fall des zweiten spricht man von einer Frontverkürzung. Nur beim dritten hat der Sender technische Probleme. Wir unterbrechen kurz die Übertragung, Musik bitte.

Eine Wende ist eingetreten.
An der Spitze der Bewegung: Der Bürgermeister. Endlich kann er mal so, wie er schon immer wollte. Das böse Untier ist tot. Aber die Stadt darf nicht in Anarchie versinken. Ruhe und Ordnung sind nun erste Bürgerpflicht.
Schwer verwundet schleppt sich Lancelot vom Schlachtfeld.

Ein Jahr später. Der Bürgermeister ist nun Präsident, sein Sohn hat einen neuen schönen Posten: Der Bürgermeisterstuhl wurde ja grade frei.
Das Volk hat sich gefügt, was sollen sie auch tun? Gar nichts können sie tun. Die Privilegien gehen nahtlos über, die Stafette des Machtmissbrauchs wird weitergegeben. Ist der Drache vielleicht gar nicht tot?

Gebt dem Präsidenten, was des Präsidenten ist. Im Konkreten zunächst einmal Elsa und dann jährlich eine Jungfrau. Kontinuität ist wichtig in der Politik. Morgen soll die Hochzeit sein.

Elsa hat Lancelot aufgegeben, er ist sicher tot. Ihr Vater widersetzt sich dem Embedding, aber mehr bleibt ihm auch nicht. Immerhin, ein Auftritt wie der Hofmusiker Miller, halten zu Gnaden.
Dann doch Auftritt Lancelot, sichtlich gezeichnet. Dennoch läuft das Volk über. Der böse Präsident und sein noch viel böserer Sohn hauen sich gegenseitig in die Pfanne und werden in Gewahrsam genommen. Happy end.

Und nun? Deswegen wird nach’m Happy end im Film gewöhnlich abgeblend’t. Die Bürger können mit der neuen Freiheit wenig anfangen, Chaos bricht aus. Ein Retter muss her, ein Lenker, ein … Führer? Lancelot lässt sich nur ein bisschen betteln. Es gibt einen neuen Bräutigam, das Fest kann beginnen.

Nur Elsa schwant was. Irgendwo hinten tanzt der Drache schon wieder mit.

Kein Wort zur Inszenierung, wie versprochen. Lassen wir es dabei bewenden, dass man das gesehen haben sollte. Ein weiterer Höhepunkt dieser Saison, die uns am Ende wahrscheinlich sehr verkatert zurücklassen wird. Die nächste Spielzeit wird schwer.

Aber das Grundthema des Stücks, die Abwägung zwischen Freiheit (und Verantwortung) und Unterdrückung (und „geordneten Verhältnissen“) ist noch einige Sätze wert. Wozu ein Drache gut ist, sehen wir ja grad in Korea, wo Kim Jong Dings den seinen wacker aufbläst für die innere Ordnung. Aber eigentlich sind die Drachen heute ganz andere, wie wär’s mit dem Häusle-Kredit, der guten Stellung, den Boni, dem Club-Urlaub? Das alles muss man sich auch leisten können. Da macht man schonmal Kompromisse.

Dass Jewgeni Schwarz sein 1943 in der Sowjetunion erschienenes Stück überlebt hat, mag ein Wunder sein. Dass es heute noch aktuell ist, sicher nicht.

F wie Freiheit, T wie Tod

„Die im Dunkeln“ von Mona Becker in der Regie von Bernhard Stengele, Uraufführung am Landestheater Altenburg, gesehen am 8. März 2013

Schön, wenn sich eine solche Mitfahrgelegenheit bietet: Freunde hatten familiär bedingt die Idee, Altenburg zu besuchen und das neue Stück am Theater, das auch überregional einiges Aufsehen erregt hatte, anzusehen. Da muss man doch mit!

Auf der Hinfahrt durch nebelverhangene Landschaften grübele ich, wie man das wohl auf die Bühne bringt: Es soll um den Widerstand in der frühen DDR gehen, der für die Beteiligten oftmals tödlich endete. Eine wahre Geschichte aus Altenburg wird erzählt, eine, die jahrzehntelang keiner wissen durfte und wollte. Das inszeniert sich nicht mit leichter Hand, ich hoffe sehr, keine Enttäuschung zu erleben.

Das Altenburger Theater ist prächtig, plüschig-schön, man merkt die frühere Residenz. Den ersten Kontakt mit dem Stoff bringt wie gewohnt das Programmheft. Dieses hier ist handlich und kompakt, bietet aber eine Fülle von Material zum Thema, ohne den Zuschauer zu überfordern, wie es anderswo manchmal geschieht. Es ist der beste Begleiter durch das Stück, den man sich vorstellen kann, dafür schon mal ein großes Lob.

Der Saal ist voll gefüllt, was dem Vernehmen nach hier nicht üblich ist. Die Altenburger scheinen gewillt, sich mit diesem Teil ihrer Geschichte auseinanderzusetzen. Mir wurde ein Platz in der ersten Reihe zugewiesen, das hat Vor- und Nachteile. Vom Rang aus sieht man hier auch sehr gut, stelle ich fest. Naja, beim nächsten Mal.

Am Anfang herrscht totale Finsternis. Dann schält sich langsam eine Vorgeschichte heraus, erst die Nazis mit den erst später wahrgenommenen Gräueln, dann kurz die Amis und dann die Russen, bei denen man schon bald die Tendenz zum Totalitarismus bemerkt.
Ein kluger dramaturgischer Griff: Es gibt zwei Erzähler, die abwechselnd sich selbst mit 19 spielen und dann – die Mäntel der Geschichte überstreifend – die Geschichte aus Sicht der Veteranen schildern. Diese zwei gibt es wirklich, sie haben bei der Entstehung des Stückes mitgewirkt und wurden zur Premiere umjubelt.
Auch andere treten kurz aus ihren Rollen, um sich vorzustellen. Das hört sich dann z.B. so an: „Flack, Siegfried, Lehrer, 22, 1950 in Moskau erschossen“. Spätestens jetzt wird klar, dass das kein leichter Abend wird.

„Nicht so laut“ ist das ständige Motto dieser Jahre, Geschichte wiederholt sich offenbar doch. Einige, Schüler wie Lehrer, wollen das nicht hinnehmen, leisten zunächst intuitiv Widerstand, werfen Flugblätter, finden sich zu Gruppen zusammen, malen das „F“ für Freiheit an die Wände der Kreisleitung, planen schließlich eine Störsenderaktion zu Stalins Siebzigstem.

Das Stück versteht sich – wenn ich es recht verstehe – als Doku-Schauspiel, das zieht mitunter langwierige und hölzerne Diskussionen auf der Bühne nach sich. Man begreift schnell die Motivation der Widerständler, danach wiederholt sich vieles. Es gibt „Wir“ und „Ihr“, eine klare Kante dazwischen, die „Ihr“-Seite bleibt unbeleuchtet.
Für die „Wir“’s gibt es gelegentlich Revolutionsromantik, aber auch die interessante Frage, ob jene in ihrem jugendlichen Furor nicht von der „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ (KgU), die von Westberlin aus agierte, nicht unnötig in Gefahr gebracht und geopfert wurden. Auch das ist ein bedenkenswerter Teil der Geschichte.

Die Einordnung in das zeitliche Umfeld erfolgt im Wesentlichen über Musik, Tanz und die Kostüme. Das gelingt (meist) gut, wirkt nur manchmal etwas unmotiviert (der Bruch durch den „Zug nach Kötzschenbroda“ ist schon heftig). Später gelingen dann großartige Bilder, wie die Darstellung der Verhaftungen, bei der jeder Geschnappte aus der großen Tanzrunde ausscheidet. Der Fuchs geht um, am Ende bleibt kaum einer übrig auf dem Parkett, alle sind verdächtig.

Zuvor noch der Höhepunkt des Widerstands, der Bau und Einsatz eines Störsenders zur Pieckschen Rede zum 70. von Väterchen Stalin. Das ist sehr gut in Szene gesetzt, die Antenne zieht sich quer durch den Zuschauersaal, die Anspannung ist allen Akteuren anzumerken. Ein paar Minuten sind sie auf Sendung, dann fährt ein Auto verdächtig nah vorbei, es wird abgebrochen und blitzschnell abgebaut. Für’s Abi lernen muss man ja auch noch.
[Ein trauriger Treppenwitz der Geschichte ist übrigens, dass bis heute nicht klar ist, ob die Störsendung überhaupt jemanden erreichte. In den späteren Urteilen spielte dies kaum eine Rolle, da ging es um die Flugblätter und vor allem um Spionage.]

Ein Vierteljahr später dann besagte Verhaftungswelle, die quälend langen Verhörszenen verursachen fast Brechreiz. Immer wieder die Schläge des Holzhammers auf den Tisch, alle schrecken hoch. Mit Schlafentzug werden sie weichgekocht, das Aufgeben ist nur eine Frage der Zeit.
Den Akteuren gelingt die Gratwanderung zwischen realistischer Darstellung und peinlichem Übertreiben. Die Vernehmer (unnötig karikiert mit blechbehangener Brust) treten am Ende kurz aus ihren Rollen, versuchen zu erklären, tun Zweifel kund. Schwarz-Weiß ist hier nicht angebracht, dieses Thema wäre sicher auch noch ausbaubar gewesen.
Vorangegangen war die für mich stärkste Szene des Stücks: Der Chor der Angehörigen, die auf der Suche nach den Verhafteten Bettelbriefe an die Organe schreiben. Erinnert mich an Chile, Argentinien, die Demonstrationen der Mütter. Beklemmend, erschütternd, alle im Saal sind angefasst. Szenenapplaus, völlig zu Recht.

Die sowjetische Nationalhymne im tiefsten Moll leitet die Gerichtsverhandlung ein. Vier mal Erschießen. Alle anderen Angeklagten gehen ab, die vier Todgeweihten bleiben zurück und dürfen noch ein Gnadengesuch nach ganz oben reichen. Abgelehnt, klar. Einer, Hans-Joachim Näther, verweigert auch dies, konsequenterweise erkennt er das (sowjetische) Gericht nicht an. Dass seine Gedichte im Laufe des Stückes mehrere Male rezitiert werden, halte ich allerdings für keine gute Idee. Dokumentarisch sicher wertvoll, aber die ihnen zugewiesene Rolle im Text füllen sie nicht aus, zu simpel sind sie gestrickt.
Den dann folgenden Wechsel zum Schlager kann ich nur Quark nennen.

Im Zug nach Moskau. Selbstgespräche der Verurteilten, Albträume, Apathie, Verzweiflung, Ruhelosigkeit, wir sehen die ganze Palette. Im Traum erscheint Sophie Scholl, untermalt mit Heine-Zitaten, der Frage, ob sie in Kenntnis des Endes auch so gehandelt hätte, weicht sie aber aus.
Die Erschießung selbst wird beeindruckend in Szene gesetzt. Einer nach dem anderen wird von der Liste der Lebenden gestrichen. Dann noch der Auftritt einer Angehörigen, die sich jahrzehntelang um einen Toten sorgte, auch dies ergreifend, ein guter Schlusspunkt.
Doch Autorin und Regie haben die beiden Erzähler nochmal vorgesehen: Diese finden heroische Worte für die Botschaft, Auflehnen gegen Ungerechtigkeit sei Pflicht. So wahr, so banal. Da unterschätzt man das Publikum ein wenig. Hoffe ich.

Das Stück – ein Auftragswerk – geht die Altenburger etwas an, das merkt man. Fast 100 bleiben zum Publikumsgespräch, was ein wenig schwer in Gang kommt, aber dann doch noch einige Einblicke bietet. Die Autorin Mona Becker (noch jünger als erwartet, was ihr einen unbefangenen Blick auf die Geschehnisse erlaubt) ist neben der Dramaturgin Geeske Otten selbst dabei, der beratende Historiker Dr. des. Enrico Heitzer sitzt im Publikum. Eine übersichtliche Szene.
Dass alle da sind, hat auch mit dem Rahmenprogramm zu tun: Am Sonnabend gibt es eine Tagung zum Thema „Widerstand in der frühen DDR“, das heutige Friedrichgymnasium (als EOS „Karl Marx“ damals ein Hauptschauplatz des Geschehens) beschäftigt sich intensiv mit dem Stoff, ab April wird es eine Ausstellung geben. Man hat das Gefühl, hier wird ein Stück regionale Vergangenheit konsequent aufgearbeitet. Auslöser dafür ist das Theater, das damit einer seiner vornehmsten Aufgaben in bester Weise nachkommt.

Meine eingangs geschilderten Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet. Ich sah ein packendes Stück, das einen schwierigen Stoff dramaturgisch ansprechend auf die Bühne brachte. Kein schöner Abend, aber ein guter.
Aus dem Schauspielerensemble möchte ich niemanden herausheben, alle waren authentisch, eine geschlossene Leistung. Es bleibt dem Landestheater Altenburg zu wünschen, dass der Publikumszuspruch so bleibt und vielleicht auch auf andere Stücke ausstrahlt, wenn die Besucher sehen, was Theater vermag.

Der Himmel ist unteilbar

„Der geteilte Himmel“ nach Christa Wolf in der Regie von Tilman Köhler, für die Bühne bearbeitet von ihm und Felicitas Zürcher, gesehen am 19. Januar 2013 im Staatsschauspiel Dresden (94. Premiere n.u.S.)

Ich nehme es vorweg: Schon lang nicht mehr hat mich ein Stück derart angerührt und begeistert.

Die Geschichte nachzuerzählen, ist in diesem Landstrich wohl eher albern. Ich beschränke mich auf einige Schlaglichter.
Zuerst die Bühne (Karoly Risz): Mal hängt der Himmel ganz tief, mal lässt er etwas Luft zum Atmen. Dann wird der feste Boden unter den Füßen plötzlich schräg und schräger, die Protagonisten haben Mühe, sich zu halten. Ein sparsamer Videoeinsatz (Michael Gööck) ergänzt dies kongenial.
Die Musik (Jörg-Martin Wagner): Eine einzige Geige auf der Bühne, gespielt von Maria Stosiek, ersetzte ein ganzes Orchester. Großartig.
Klug ausgewählte Kostüme (Susanne Uhl) setzen ihre eigenen Höhepunkte.

Schon der Prolog ist ein kluger Schachzug: Mit Texten u.a. aus „Stadt der Engel“ wird das Thema in die Zeiten eingeordnet. Dies bleibt aber die einzige Aktualisierung, ansonsten erleben wir die Handlung im Wechselspiel zwischen Ritas Krankenhausaufenthalt und dem eigentlichen Geschehen.

Die dramaturgische Idee, Rita in drei Personen aufzuteilen, eine vor und eine nach „dem Anschlag auf sich selbst“ und eine, die sich viel später daran erinnert, ist der Grundstock der Inszenierung. Und was für einer! Man kann Felicitas Zürcher dazu nur beglückwünschen.
Aber die Abgrenzung ist kein Dogma, die Ritas werfen sich die Bälle zu, wenn es um das Erzählen der Geschichte geht.

Überhaupt: Eine elegante, zum Teil indirekte Behandlung des Stoffes durch die Schauspieler bringt den Roman zum Klingen auf der Bühne.
Albrecht Goette, Ahmad Mesgarha und Philipp Lux brillieren in verschiedenen Rollen, sind mal Arbeiter, mal Chemiker, mal Familie. Hannelore Koch merkt man die Identifikation mit der älteren Rita deutlich an, und auch als Frau Herrfurth ist sie überzeugend.
Annika Schilling spielt die kranke Rita, den Punkt, von dem aus sich die Geschichte letztlich aufbaut. In ihrer letzten größeren Arbeit in Dresden (Gott sei es geklagt) setzt sie wiederum ein Glanzlicht. Wir werden sie vermissen.
Ich gebe zu, ich bin ein Fan von Matthias Reichwald. Dessen unprätentiöse, aber unglaublich energiegeladene Spielweise hab ich noch in jeder Rolle bewundert. Auch diesmal war er ein Ereignis.
Und, die größte Ehre zuletzt, Lea Ruckpaul. Ich gebe zu, ich war skeptisch, als ich sie auf den Plakaten sah. So jung und so eine Rolle …? Aber ich tue Buße: Diese Bühnenpräsenz, diese Klarheit im Ausdruck, diese Verletzlichkeit und Stärke … Die Nachricht, die sich auf den hinteren Programmheftseiten versteckte, ist nur folgerichtig: Ab der nächsten Saison gehört sie fest zum Ensemble.

Tilman Köhler als Regisseur gelingt es, dies alles zu einem Gesamtkunstwerk zusammenzufügen. Er ist – für mich – wieder auf dem Niveau der „Hl. Johanna“, auch wenn die Arbeiten dazwischen auch nicht schlecht waren.

Der Inhalt des Stückes bzw. des Romans? Ist doch schon tausendmal diskutiert und besprochen worden, ich wüsste nicht, was ich da hinzufügen könnte. Letztlich muss jeder selber sehen, wie er sich zu der Grundfrage des Textes stellt. In dieser Form tritt jene heute ohnehin nicht mehr auf. Oder gibt es noch eine Ideologie, für die es sich lohnt, eine Liebe scheitern zu lassen?

Bedaure, ich habe nichts zu bekritteln. Ein ganz großer Wurf.