F wie Freiheit, T wie Tod


„Die im Dunkeln“ von Mona Becker in der Regie von Bernhard Stengele, Uraufführung am Landestheater Altenburg, gesehen am 8. März 2013

Schön, wenn sich eine solche Mitfahrgelegenheit bietet: Freunde hatten familiär bedingt die Idee, Altenburg zu besuchen und das neue Stück am Theater, das auch überregional einiges Aufsehen erregt hatte, anzusehen. Da muss man doch mit!

Auf der Hinfahrt durch nebelverhangene Landschaften grübele ich, wie man das wohl auf die Bühne bringt: Es soll um den Widerstand in der frühen DDR gehen, der für die Beteiligten oftmals tödlich endete. Eine wahre Geschichte aus Altenburg wird erzählt, eine, die jahrzehntelang keiner wissen durfte und wollte. Das inszeniert sich nicht mit leichter Hand, ich hoffe sehr, keine Enttäuschung zu erleben.

Das Altenburger Theater ist prächtig, plüschig-schön, man merkt die frühere Residenz. Den ersten Kontakt mit dem Stoff bringt wie gewohnt das Programmheft. Dieses hier ist handlich und kompakt, bietet aber eine Fülle von Material zum Thema, ohne den Zuschauer zu überfordern, wie es anderswo manchmal geschieht. Es ist der beste Begleiter durch das Stück, den man sich vorstellen kann, dafür schon mal ein großes Lob.

Der Saal ist voll gefüllt, was dem Vernehmen nach hier nicht üblich ist. Die Altenburger scheinen gewillt, sich mit diesem Teil ihrer Geschichte auseinanderzusetzen. Mir wurde ein Platz in der ersten Reihe zugewiesen, das hat Vor- und Nachteile. Vom Rang aus sieht man hier auch sehr gut, stelle ich fest. Naja, beim nächsten Mal.

Am Anfang herrscht totale Finsternis. Dann schält sich langsam eine Vorgeschichte heraus, erst die Nazis mit den erst später wahrgenommenen Gräueln, dann kurz die Amis und dann die Russen, bei denen man schon bald die Tendenz zum Totalitarismus bemerkt.
Ein kluger dramaturgischer Griff: Es gibt zwei Erzähler, die abwechselnd sich selbst mit 19 spielen und dann – die Mäntel der Geschichte überstreifend – die Geschichte aus Sicht der Veteranen schildern. Diese zwei gibt es wirklich, sie haben bei der Entstehung des Stückes mitgewirkt und wurden zur Premiere umjubelt.
Auch andere treten kurz aus ihren Rollen, um sich vorzustellen. Das hört sich dann z.B. so an: „Flack, Siegfried, Lehrer, 22, 1950 in Moskau erschossen“. Spätestens jetzt wird klar, dass das kein leichter Abend wird.

„Nicht so laut“ ist das ständige Motto dieser Jahre, Geschichte wiederholt sich offenbar doch. Einige, Schüler wie Lehrer, wollen das nicht hinnehmen, leisten zunächst intuitiv Widerstand, werfen Flugblätter, finden sich zu Gruppen zusammen, malen das „F“ für Freiheit an die Wände der Kreisleitung, planen schließlich eine Störsenderaktion zu Stalins Siebzigstem.

Das Stück versteht sich – wenn ich es recht verstehe – als Doku-Schauspiel, das zieht mitunter langwierige und hölzerne Diskussionen auf der Bühne nach sich. Man begreift schnell die Motivation der Widerständler, danach wiederholt sich vieles. Es gibt „Wir“ und „Ihr“, eine klare Kante dazwischen, die „Ihr“-Seite bleibt unbeleuchtet.
Für die „Wir“’s gibt es gelegentlich Revolutionsromantik, aber auch die interessante Frage, ob jene in ihrem jugendlichen Furor nicht von der „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ (KgU), die von Westberlin aus agierte, nicht unnötig in Gefahr gebracht und geopfert wurden. Auch das ist ein bedenkenswerter Teil der Geschichte.

Die Einordnung in das zeitliche Umfeld erfolgt im Wesentlichen über Musik, Tanz und die Kostüme. Das gelingt (meist) gut, wirkt nur manchmal etwas unmotiviert (der Bruch durch den „Zug nach Kötzschenbroda“ ist schon heftig). Später gelingen dann großartige Bilder, wie die Darstellung der Verhaftungen, bei der jeder Geschnappte aus der großen Tanzrunde ausscheidet. Der Fuchs geht um, am Ende bleibt kaum einer übrig auf dem Parkett, alle sind verdächtig.

Zuvor noch der Höhepunkt des Widerstands, der Bau und Einsatz eines Störsenders zur Pieckschen Rede zum 70. von Väterchen Stalin. Das ist sehr gut in Szene gesetzt, die Antenne zieht sich quer durch den Zuschauersaal, die Anspannung ist allen Akteuren anzumerken. Ein paar Minuten sind sie auf Sendung, dann fährt ein Auto verdächtig nah vorbei, es wird abgebrochen und blitzschnell abgebaut. Für’s Abi lernen muss man ja auch noch.
[Ein trauriger Treppenwitz der Geschichte ist übrigens, dass bis heute nicht klar ist, ob die Störsendung überhaupt jemanden erreichte. In den späteren Urteilen spielte dies kaum eine Rolle, da ging es um die Flugblätter und vor allem um Spionage.]

Ein Vierteljahr später dann besagte Verhaftungswelle, die quälend langen Verhörszenen verursachen fast Brechreiz. Immer wieder die Schläge des Holzhammers auf den Tisch, alle schrecken hoch. Mit Schlafentzug werden sie weichgekocht, das Aufgeben ist nur eine Frage der Zeit.
Den Akteuren gelingt die Gratwanderung zwischen realistischer Darstellung und peinlichem Übertreiben. Die Vernehmer (unnötig karikiert mit blechbehangener Brust) treten am Ende kurz aus ihren Rollen, versuchen zu erklären, tun Zweifel kund. Schwarz-Weiß ist hier nicht angebracht, dieses Thema wäre sicher auch noch ausbaubar gewesen.
Vorangegangen war die für mich stärkste Szene des Stücks: Der Chor der Angehörigen, die auf der Suche nach den Verhafteten Bettelbriefe an die Organe schreiben. Erinnert mich an Chile, Argentinien, die Demonstrationen der Mütter. Beklemmend, erschütternd, alle im Saal sind angefasst. Szenenapplaus, völlig zu Recht.

Die sowjetische Nationalhymne im tiefsten Moll leitet die Gerichtsverhandlung ein. Vier mal Erschießen. Alle anderen Angeklagten gehen ab, die vier Todgeweihten bleiben zurück und dürfen noch ein Gnadengesuch nach ganz oben reichen. Abgelehnt, klar. Einer, Hans-Joachim Näther, verweigert auch dies, konsequenterweise erkennt er das (sowjetische) Gericht nicht an. Dass seine Gedichte im Laufe des Stückes mehrere Male rezitiert werden, halte ich allerdings für keine gute Idee. Dokumentarisch sicher wertvoll, aber die ihnen zugewiesene Rolle im Text füllen sie nicht aus, zu simpel sind sie gestrickt.
Den dann folgenden Wechsel zum Schlager kann ich nur Quark nennen.

Im Zug nach Moskau. Selbstgespräche der Verurteilten, Albträume, Apathie, Verzweiflung, Ruhelosigkeit, wir sehen die ganze Palette. Im Traum erscheint Sophie Scholl, untermalt mit Heine-Zitaten, der Frage, ob sie in Kenntnis des Endes auch so gehandelt hätte, weicht sie aber aus.
Die Erschießung selbst wird beeindruckend in Szene gesetzt. Einer nach dem anderen wird von der Liste der Lebenden gestrichen. Dann noch der Auftritt einer Angehörigen, die sich jahrzehntelang um einen Toten sorgte, auch dies ergreifend, ein guter Schlusspunkt.
Doch Autorin und Regie haben die beiden Erzähler nochmal vorgesehen: Diese finden heroische Worte für die Botschaft, Auflehnen gegen Ungerechtigkeit sei Pflicht. So wahr, so banal. Da unterschätzt man das Publikum ein wenig. Hoffe ich.

Das Stück – ein Auftragswerk – geht die Altenburger etwas an, das merkt man. Fast 100 bleiben zum Publikumsgespräch, was ein wenig schwer in Gang kommt, aber dann doch noch einige Einblicke bietet. Die Autorin Mona Becker (noch jünger als erwartet, was ihr einen unbefangenen Blick auf die Geschehnisse erlaubt) ist neben der Dramaturgin Geeske Otten selbst dabei, der beratende Historiker Dr. des. Enrico Heitzer sitzt im Publikum. Eine übersichtliche Szene.
Dass alle da sind, hat auch mit dem Rahmenprogramm zu tun: Am Sonnabend gibt es eine Tagung zum Thema „Widerstand in der frühen DDR“, das heutige Friedrichgymnasium (als EOS „Karl Marx“ damals ein Hauptschauplatz des Geschehens) beschäftigt sich intensiv mit dem Stoff, ab April wird es eine Ausstellung geben. Man hat das Gefühl, hier wird ein Stück regionale Vergangenheit konsequent aufgearbeitet. Auslöser dafür ist das Theater, das damit einer seiner vornehmsten Aufgaben in bester Weise nachkommt.

Meine eingangs geschilderten Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet. Ich sah ein packendes Stück, das einen schwierigen Stoff dramaturgisch ansprechend auf die Bühne brachte. Kein schöner Abend, aber ein guter.
Aus dem Schauspielerensemble möchte ich niemanden herausheben, alle waren authentisch, eine geschlossene Leistung. Es bleibt dem Landestheater Altenburg zu wünschen, dass der Publikumszuspruch so bleibt und vielleicht auch auf andere Stücke ausstrahlt, wenn die Besucher sehen, was Theater vermag.

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