Das schöne, arme Geld


„CASH. Das Geldstück“, ein Projekt von Melanie Hinz und Sinje Kuhn sowie der Bürgerbühne am Staatsschauspiel Dresden, gesehen am 19. Mai 2013

Es ist eine Lanze zu brechen. Für das liebe, gute, schöne Geld, das im Stück doch sehr schlecht behandelt wird. Aber dazu später.

Zwölf Menschen-Markt-Teilnehmer stehen anfangs in ihrer Weißwäsche vor dem Publikum und werden mit ihren finanziellen Verhältnissen und ihrem Kontostand vorgestellt. Es ist ein breites Spektrum, auch wenn keiner von ihnen richtig reich ist, die Palette reicht vom taschengeldberechtigten Schüler über einen hoffnungsvollen Jungbanker und einer, die das schon hinter sich hat, bis zum glücklichen Hartzer. Die Durchschnittsverdienerin ist ebenso dabei wie ein Amateurspekulant, den Manne Krug damals für die T-Aktie geworben hat, dem das Glück aber nicht erhalten blieb.

Uns wird ein Geldregen nebst –rausch vorgeführt, dann kommt Marx aus der Kiste. Geld ist Scheiße, aber kein Geld auch, so lässt sich die Disputation zusammenfassen.
Es ist immer wieder ein bewegender Moment an der Bürgerbühne, wenn die einzelnen Biographien zur Sprache kommen, das ist diesmal DDR- und Wende-Geschichte par excellence. Das Begrüßungsgeld gleich auf den Polenmarkt geschafft, für Korbmöbel, ja, so war das. Und dass der russische Laden in Kamenz so eine Art Kirche der verlorenen Heimat war, kann ich gut verstehen. Aber Eduard (Zhukov) beißt sich durch und steigt in den boomenden Markt für Pokemon-Karten ein. Köstlich sein Verkaufsgespräch mit Konstantin (Burudshiew), der Junge kann es mal weit bringen. Beide Darsteller sind mir eine Extra-Erwähnung wert, letzterer auch wegen seines Gesangs.

Die These, dass man das, was man nicht hat, auch nicht verlieren kann, wird uns dann plausibel nahegebracht. Freedom is just another word for nothing let to lose … Hätte hier gut hergepasst. Die Sterntalergeschichte mit ihrem Goldregen am Ende ist in diesem Zusammenhang vielleicht nicht ganz so passend.
Der wahre Reichtum ist Zeit, genau, völlig d’accord.

Die Maskottchenkarriere von Katharina Heider ist beeindruckend, auch wenn sie vor falschen Gesten nicht gefeit ist. Beim Escort-Service war hingegen schon am Anfang Schluss, die Unterwäschepauschale und die damit erworbene Bekleidung zweckentsprechend einzusetzen, scheiterte an den moralischen Werten.
Die These aber, dass letztlich das Verkaufen seiner Arbeitskraft auch nichts anderes als Prostitution wäre, hätte einer tieferen Diskussion bedürft, so einfach ist das glaub ich nicht. Zwar lässt schon einer, dem die Bürgerbühne heute sicher viel Spaß machen würde, seinen Peachum „Was ist die Ermordung eines Mannes gegen dessen Anstellung?“ fragen, aber die Arbeit hat sehr viele Facetten.

Nun gibt es eine Auffrischung in Scheidungsmathematik. Die Noch-Ehefrau fühlt sich auch ein bisschen wie die Nutte ihres Ex, wenn sie Geld von ihm bekommt und das mit früheren Gefälligkeiten in Beziehung bringt, aber dazu gibt es keinen Grund, Gnädigste.
Anrührend auch die Geschichte der Mannheimer Ex-Bankerin vom Aufstieg und Fall einer Karrierefrau. Den heutigen Mäzen gönn ich ihr von ganzem Herzen.
Fast schon klischeehaft der Werdegang des Ballonfliegers und Luftikus, der durch sein Glück bei Ron Sommers großer Volksverarsche Blut leckte, mal kurz am Reichtum schnupperte, dann aber doch wieder unsanft landete.
Nicht zuletzt der Kellner aus Berufung, der heute nicht mehr kellnern kann. Seine Geschichten aus der Mitropa lassen die Älteren im Saal wissend grinsen.

Nun werden Träume in Szene gesetzt, sehr schön das Ganze, sowohl optisch als auch akustisch. Money makes the world go … down? No Sir. Ich erhebe fristwahrend Einspruch und begründe ihn später.
Ein kluger Text des Diakon über das Verhältnis zum und die Bedeutung des Geldes weist eigentlich den richtigen Weg. Es ist eine Krise des Geldes, der Kredite, aber vor allem des Glaubens (daran).
Aber nun okkupiert Occupy die Bühne, die Parolen werden holzschnittartig, Gutmenschen-Attitüde, Sozialromantik. Einzig mit der kurz aufblitzenden Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen bin ich voll einverstanden, alles andere ist doch sehr simpel gestrickt.
Dank des Sparkassenbediensteten (Guido Droth sehr souverän), der dem Treiben erst skeptisch zusieht, dann aber darauf hinweist, dass es auch Falschgeld nicht umsonst gibt, kriegt man die Kurve noch zu einem plausiblen Finale.

Über Geld spielt man nicht? Im Gegenteil. Vor allem dann, wenn man so authentisch daherkommt wie dieser Abend. Auch wenn der Girokontostand sicher nicht die ganze Wahrheit ist: Hier enthüllen zwölf Menschen aus Dresden eines ihrer intimsten Details und verraten das persönliche Bankgeheimnis. Aber noch viel wichtiger, sie sprechen über ihre Geldgeschichte und über ihr Verhältnis zum Mammon. Das ist hochinteressant, da kann jeder mitdenken und –reden, das kommt in den besten Momenten sehr ergreifend daher, lässt uns aber auch lachen. Ein erneuter, schöner Beweis: Die Bürgerbühne lebt von dem (offenbar unerschöpflichen) Potential der Mitwirkenden, und von den großartigen Stück-Ideen der künstlerischen Leitung.

Wenn ich doch nicht ganz zufrieden abstieg aus dem KH3, lag das an einigen inhaltlichen Untiefen. Man kann natürlich auf das Geld schimpfen, aber … man prügelt den Sack damit und meint doch den Esel. Mit Maschinenstürmerei wird nichts besser.
Das Problem am Geld (eine der segensreichsten Erfindungen neben dem Rad im Allgemeinen und der Eisenbahn im Besonderen sowie der Anti-Baby-Pille) ist nicht dessen Existenz, sondern der Umgang damit.

Das Grundproblem ist doch ein ganz anderes:
Warum wohl ist sowohl in der Bibel als auch im Koran der Zins verboten? Welcher Idiot hat dieses verdammte Wachstumsdogma erfunden, das nicht nur unsere Umwelt, sondern auch unsere Gesellschaft kaputtmacht? Ist nicht das private Eigentum an Produktionsmitteln und allen anderen Gütern der Kern aller Ungerechtigkeit?
Ich glaube manchmal, unsere Weisheit nimmt in dem Maße ab, wie unser Wissen zunimmt.

Geld war am Anfang nichts anderes als eine große Erleichterung des Tauschhandels, aber auch der Vorratshaltung. Für eine arbeitsteilige Wirtschaft ist ein Hilfsmittel, das die produzierten Güter wertmäßig zueinander ins Verhältnis setzt, absolut unverzichtbar. Ich habe große Sympathie für die diversen Tauschbörsen, die dem Naturalhandel frönen, aber das sind Nischen. Keiner kann seine Miete mit Dienstleistungen zahlen (von speziellen Konstellationen mal abgesehen, um mir nicht den Anschein von Weltfremdheit zu geben).
Deswegen hätte ich gehofft, die großen Themen Eigentum, Zins und Wachstum wären zumindest angerissen worden. Im Programmheft geht man da leider nicht viel weiter, die „Geldkritik“ von Dieter Schnaas kratzt auch nur an der Oberfläche.

Dennoch, die „Experten des Alltags“ (wie die Bürgerbühne kurz und treffend beschrieben wird) haben auch zu diesem Thema viel Bedenkenswertes zu sagen. Allen, die sich auch für Geld interessieren, sei diese Aufführung als gewinnbringend empfohlen.

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Ein Kommentar

  1. Williams

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