Routiniert die Leistung abgerufen


Billy Idol am 3. Juli 2014 in der „Jungen Garde“ Dresden

Der Große Garten ist größer, als ich ihn in Erinnerung hatte. Durch den muss ich durch, wenn ich zu Billy Idol will. Doch irgendwie scheint er gewachsen zu sein.
Sich mit den Ohren zu orientieren, klappt auch nicht, eine falsche Fährte lockt: Unweit des Palais tobt auch ein ordentlich lautes Konzert, der Nachwuchs macht Punk-Rock. Nee, hier bin ich falsch, ich will zum Altmeister.

Irgendwie finde ich die Garde dann doch, auch wenn von da aus keine Vorband den Weg weist. Noch durch die Gasse der Bratwurstbierbuden gequält, die auch das Außengelände bespielen, dann stehe ich vor dem gewohnt muskelbepackt gesicherten Eingang. Kurz überlege ich, meine immerhin 55 Euro teure Karte doch noch zu verticken (es handelt sich hierbei um einen Spontankauf, einem nostalgischen Gefühl geschuldet, aber dank einschlägiger Erfahrungen bin ich inzwischen skeptisch geworden, was die alten Heroen angeht). Doch hier sieht niemand so aus, als ob er eine Karte haben wolle. Na gut, dann also rein ins erhoffte Vergnügen.

Das Publikum im oberen Bereich unterscheidet sich auf den ersten Blick kaum vom Dixieland, auch das Fressbuden-Ambiente erinnert daran. Beim Bier kann man hier wie schon seit Jahren üblich nur zwischen Radeberger und Schöfferhofer wählen, was ich für einen entscheidenden Standortnachteil der ansonsten recht idyllischen Spielstätte halte. Zum Aufwärmen gibt es u.a. die Sisters Of Mercy vom Band, ebenjene, die neulich so grandios im Schlachthof enttäuschten, siehe oben. Ein schlechtes Omen? Mal sehen.

20.30 Uhr, ohne viel Federlesen fängt die Kapelle an, der Meister kommt standesgemäß als letzter und hat erstmal die große Vorbühne ganz für sich allein. Den Platz braucht er aber auch. Hinter ihm agiert ein Brett von vier Gitarrenmännern, welches jedoch alsbald aus der zweiten Reihe geschlossen nach vorne rückt, ein schönes Bild.
„Dancing with myself“ gleich als drittes Stück, spätestens ab da hat Idol den fast vollen Laden im Griff, was beim folgenden Gitarrenriff zum Einstieg in „Fresh For Fantasy“ auch gleich nachdrücklich bewiesen wird. Billy legt den Mantel ab und trägt nun die bekannte offene Weste über dem austrainierten Oberkörper. Auch er ist also noch recht fresh.

Dennoch scheint es tatsächlich selbst auf der Bühne ein bisschen frisch zu sein, zum nächsten Titel kleiden ihn wieder Hemd und Jacke. Dieser ist etwas ruhiger angelegt, was prompt die Schlangen vor den Bierbuden anschwellen lässt.
Die Anzahl der für ein Rockkonzert geeigneten Bühnengesten ist überschaubar (wir sind ja nicht beim Ausdruckstanz). Billy Idol beherrscht sie zwar alle perfekt, ist dann aber doch bald durch durchs Repertoire. Egal, dann wird die Reihenfolge halt neu gemischt.
Doch, das hat schon was, und jünger werden wir alle nicht. Was Idol (immerhin Jahrgang 1955) hier zeigt, kann als starke Leistung gelten.

Seine Sprechstimme übrigens ist auch sehr einprägsam, das merkt man, als er vor seinem Konzertgitarrensolo zu „Sweet 16“ eine kurze Geschichte erzählt. Die Version kommt dann sehr spanisch daher, was ihr unbedingt gut tut.
Idol zieht sich fast öfter um als Madonna, das nächste Mal für „Eyes Without A Face“, die Show läuft jetzt auch lichttechnisch auf Hochtouren. Selbst bei den nicht zum Allgemeingut gehörenden Stücken sackt die Stimmung nur wenig durch, die da vorn verstehen ihr Handwerk.
Und der erste Gitarrist (wie man in der Klassik sagen würde) Steve Stevens überzeugt dann noch mit einem fingerfertigen Solo, irgendwo zwischen Flamenco, Classic Rock und Bach. Ja, Bach, zumindest glaubte ich den zu hören zwischendurch.

Der Rest der Band hat sich gut erholt derweil und zieht – mit einem frisch umgekleideten Idol – das Tempo wieder an. Die Gitarren kommen jetzt auch mal über die Außenlinie, großer Sport ist das. Idol lässt dann so etwas wie Pappteller ins Publikum fliegen, vielleicht waren die beim Catering übrig.
Der gefühlte Druck von der Bühne lässt zwischenzeitlich etwas nach, aber das Publikum bleibt dankbar und begeistert. Die Spielanteile der Leadgitarre wachsen, Idol kommt jetzt eher aus dem Mittelfeld. Doch dann spendet er zu „Rebel Yell“ sein T-Shirt für die erste Reihe, da wird wieder klar, wer der Chef auf dem Platz ist.
Sänger und Publikum versichern sich gegenseitig, dass sich all right fühlen, das scheint auch plausibel, selbst wenn die Midnight Hour noch lange nicht erreicht ist.
Trotzdem soll es das dann aber schon gewesen sein nach dem Spielplan, immerhin, neunzig Minuten plus Nachspielzeit sind vorbei.

Auch wenn es über den Sieger keinen Zweifel gibt, geht es wunschgemäß in eine Verlängerung, welche mit einer schönen unplugged-Variante von „White Wedding“ eingeleitet wird. Start again brüllt das Stadion, und Idol lässt sich nicht lumpen. Er nimmt gar ein Bad in der Menge, nach dem der Torhüter resp. Schlagzeuger mit einem kurzen Solo auch noch was Eigenes zu tun bekommt.
Dass die Verlängerung, auch Zugabe genannt, nur fünfzehn Minuten währt, sei verziehen, selbst wenn sie auch noch die Verlesung der Mannschaftsaufstellung beinhaltet. So erfahre ich immerhin, dass auch ein Keyboarder dabei war, was während des Spiels ein wenig unterging.

Recht plötzlich ist dann Schluss, die Bühne wird hell erleuchtet, die Roadies bauen ab, keine Diskussion, der Schiedsrichter hat gepfiffen. Die Menge trollt sich ohne großes Gemurre, für viele ist der Heimweg sicher noch weit.
Meiner führt wieder durch den Großen Garten, der jetzt nicht nur wirklich groß, sondern auch sehr dunkel ist. Wider besseres Wissen vertraue ich meinem Orientierungssinn und komme tatsächlich ohne größere Haken am anderen Ende an, wo die 13 wartet.
Insgesamt ein guter Abend, auch wenn seit der CD „Devil’s Playground“ aus dem Jahre 2005 nichts Neues mehr von Billy Idol zu hören war. Doch das in fünfundzwanzig Jahren angehäufte Repertoire reicht locker für ein mitreißendes Konzert, und gut in Form ist er auch noch. Das Häkchen auf der „Noch-sehen-wollen-Liste“ mach ich ohne Reue.

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