Getagged: GHT

Es kann nur Eine geben

„Maria Stuart“ von Friedrich Schiller, Regie Barbara und Jürgen Esser, Premiere am 17. April 2015 im Gerhard-Hauptmann-Theater Zittau


Wenn man dem Regieansatz folgt, die die Königinnen als Männerwerk- und Spielzeug sehen will, ergibt das Ganze inszenatorisch großen Sinn, wenn nicht, muss man zumindest die Stringenz der Regie anerkennen.

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Du sollst nicht foltern

„Der Tod und das Mädchen“ von Ariel Dorfman, Regie Dorotty Szalma, Premiere am Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz am 13. März 2015

… Ein Vier-Sparten-Ereignis ist angekündigt worden, das düstere Schauspiel angereichert um Musik, Tanz und Oper. Klingt ambitioniert, man durfte gespannt sein, wie das dem GHT gelingt. Vorweg: Auch wenn nicht alles glückte, sehenswert und dramatisch war das allemal, ein schöner Beweis der Sinnhaftigkeit eines Vollspartentheaters.

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Warten auf das Geld

Kriegsmutter“, Tragödie von Data Tavadse, Übersetzung Natia Mikeladse-Bachsoliani, Regie Piotr Jedrzejas, deutsche Uraufführung am 20. Februar 2015 im Gerhard-Hauptmann-Theater Zittau

Dem Autor gelingen erstaunliche Sätze zum Krieg, Sätze, die wohl nur jemand finden kann, der aus eigenem Erleben schöpft. Sein Ansatz erinnert zuweilen an Beckett, ohne jenen zu plagiieren, da verzeiht man auch einige dramaturgische Unplausibilitäten zum Ende hin. Kammerspielartig wird über die Dialoge vom Krieg erzählt, es braucht keinen Schlachtenlärm dazu, die zurückhaltend-szeneriegerechte Musik von Slawomir Kupczak und die schäbig-raffinierte Bühne von Jan Kozikowski ermöglichen eine Umsetzung auf meist leise Art, das Regieteam vom polnischen Partnertheater leistete eine respektable Arbeit.

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Hiddenseeer Elegien, Teil 3: Von Mynheer Peeperkorn

(Thomas Mann, Zauberberg, klaro. Wir verstehen uns, wir Kulturbeutel.)

In seiner zweiten Lebenshälfte sah dieser Mann aus wie eine Kreuzung aus Goethe und Beethoven. Das ist zwar so ziemlich das Unwichtigste, was man über ihn sagen kann, aber er selbst legte da Wert darauf. Das Gesamtbild sollte stimmen.

Zumindest mein Gesamtbild stimmt morgens wieder, mein Körper entsinnt sich der Charakterzüge des Typen, der ihn bewohnt und bleibt bis Zehn liegen. Danach dann Frühstück vom selbstgemachten Buffet, mit Untermalung von nostalgischen Musik-TV-Sendern. Etwas debil ist das sicher, aber allein die Frisuren von Duran Duran sind es wert.

Eigentlich hatte ich gestern beschlossen, mir für die nun schon letzten drei Tage ein Fahrrad zu leihen, aber beim Frühstück nochmal drüber nachgedacht: Wozu mit einer Rostmähre rumärgern, die mir sowieso zwei Nummern zu klein ist? Das bißchen Insel schaff ich auch zu Fuß, und Gehen ist die vornehmste Art der Fortbewegung, hat mal ein großer Dichter gesagt. Ach nee, das war ja ich. Stimmt aber trotzdem.

Angenehme 22 Grad, ein ganz leichter Sprühregen, so marschiere ich frohgemut los. Einiges Neue gibt es doch zu bewundern im Dorf, das fünfte Malercafé hat eröffnet, es gibt einen Bolzplatz mit Kunstrasen (war das hier auch mal ein Hochwasserschadensgebiet?), der umzäunt ist. Sport ist hier offenbar nur denkbar, wenn ein Zaun drum herum ist.
Und es gibt jetzt einen Hubschrauberlandeplatz. Der wird sicher für den Wahlkampfbesuch von Frau Merkel und drei oder vier Mal im Jahr noch für andere Notfälle gebraucht, das Betreten ist aber ganzjährig verboten. So kenne ich mein deutsches Vaterland.

Ich gehe einem Mann besuchen, der sein Haus zwar nicht mehr direkt bewohnt, wo alles aber noch so ist wie vor achtzig Jahren. Fast alles, ein sehr hübscher Empfangspavillon ist dazugekommen, ein Kleinod, völlig reetfrei und unspektakulär dem Gelände angepasst. Gibt es hier keine Reet-Hisbollah? In Dresden wär dieser Bau in Barock auszuführen gewesen.

Das Sommerhaus von Gerhart Hauptmann, so, nun ist es raus, wird seit den Fünfzigern als Museum betrieben. Nett ist das, auch wenn man gleich mit dem Tode beginnt und jeder Hauptmann –Pups ehrfürchtig dokumentiert wird (seine Wandkrakeleien im Schlafzimmer z.B. hätte man dem geneigten Besucher ersparen sollen). Aber sehenswert, wie sich der König von Hiddensee nach dem Erwerb des Hauses 1930 einen großzügigen Anbau errichten ließ, als Schreibstube und Arbeitszimmer, unterkellert von viel Platz für Wein. Der Fußboden aus einer Art Marmor … Allererste Güte. Leisten konnte er sich das, hatte er doch reich geheiratet und nach dem Literaturnobelpreis 1912 wohl auch ausgesorgt. Auch interessant: Die Schlafzimmer des Ehepaares Hauptmann im Dachgeschoß, seines klein und spartanisch, ihres künstlerisch gestaltet, getrennt von einer türlosen Wand, nur eine kleine Durchreiche gab es. Keine Ahnung, was da durchgereicht wurde.

Ein König war er hier wirklich, der seit Jahrzehnten jeden Sommer wiederkehrte, ein Containerschiff voller Wein im Schlepptau. Das mussten auch Thomas und Katia Mann erleben, die ihn 1924 noch im Hotel „Haus am Meer“ besuchten. Das Duell Haupt- gegen Mann endete eindeutig, es konnte nur einen geben. Als dann noch ein Zickenkrieg zwischen den Damen ausbrach – Hauptmann hatte seine langjährige Geliebte Margarete dann doch geheiratet und ihr seinen vierten Sohn „geschenkt“, wie es in den bunten Blättern heißt – war der große Mann offenbar so pissed, dass er dem großen Hauptmann im Zauberberg ein zweifelhaftes Denkmal setzte, ebenjenen Mynheer Peeperkorn. Danach hing erstmal der Haussegen eine Weile schief im Dichterolymp, aber später vertrug man sich wieder, auch wenn sich sicher keiner der Herren zum Pack hätte zählen wollen.

Über das literarische Werk des Schlesiers kann man geteilter Meinung sein. Unter anderem „Die Weber“, „Die Ratten“, „Bahnwärter Thiel“ und (für mich persönlich die einfühlsamste Dreiecksstudie vor einem bürgerlichen Hintergrund, die ich kenne) „Einsame Menschen“ machen Hauptmann unsterblich. Aber seine beste Zeit hatte er vor seinem Fünfzigsten, nach dem Nobelpreis kam für mich nichts mehr, was dieses Niveau hielt. Und dabei produzierte er noch dreißig Jahre lang …
Es klingt zynisch, aber Schiller zählt auch deshalb zu den Großen, weil er gar keine Chance hatte, sein Erbe zu verschleudern. Und James Dean hätte bestimmt noch eine Menge schlechter Filme gemacht …

Auch ein anderer Makel würde heute nicht an Hauptmann kleben, wäre er – nur so als Idee – in den Zwanzigern vor seinem geliebten Hiddensee in der Ostsee ertrunken.
„Manch großer Geist blieb in ner Hure stecken“ hat Brecht sicher nicht mit Blick auf Hauptmann gedichtet, aber es passt. Nur, dass G. H. sich den Arsch des Führers aussuchte zum Steckenbleiben. Das sei schon ein faszinierender Mann, fand er. Da waren alte Freunde wie Alfred Kerr nicht so wichtig, und die Realität hatte draußen zu bleiben, er war schließlich Dichter. Und hatte Goethe sich nicht auch aus allem herausgehalten?
Aus Sicht der Psychoanalyse kann man das sicher behaupten: Hauptmann hatte einen Goethe-Komplex.

So überwinterte er im Tausendjährigen Reich und wäre – Ironie der Geschichte – fast noch zur Galionsfigur des „neuen Deutschland“ geworden, für das ihn Johannes der Erbrecher geworben hatte. Ein gnädiger Tod nahm ihn vom Feld, ehe er sich zum yogischen Fliegen bekennen konnte.
Von alledem berichtet das Museum: Von einem großen Dramatiker und (deutlich dezenter) von einem großen Arschloch.

Oh, ich wollte mich gar nicht ereifern, bin doch zur Erholung hier.
Und die Realität holt mich auch schnell wieder ein: Am Nebentisch des Fisch-Imbisses sitzt ein fettes Paar mit dickem Kind, das Pommes mit Currywurst frisst und es fertigbringt, in zwei Sätzen über Hauptmann drei Generalfehler unterzubringen.
Und im Radio singt ein Kraftklub, dass die Welt ein bißchen weniger Scheiße wäre, wenn sie ihn küsse … Die Ansprüche sind deutlich gesunken, seitdem ich in dem Alter war. Aber die „unruhevolle Jugend“ von damals hat heute ohnehin ADS.

Es regnet stärker, als ich zurückwandere. English Summer Rain … schön ist es.
Ich betrete den Hubschrauberlandeplatz, sowas von verboten … Ein prickelnder Schauer überzieht meine Haut.

Tanzt! Oder seht es Euch zumindest an!

Die Gala zur Tanzwoche Dresden war ein Augenschmaus

Heute, also gestern, am 22. April. Eigentlich war ich verhindert, aber unglückliche Umstände hielten mich in Dresden fest. Also doch zur Tanzwochen-„Eröffnungs“-Gala. Letztere läuft zwar schon seit Freitag, begann aber nun auch offiziell mit einer Gala im Kleinen Haus. Dresden.

Ich muss vorwegschicken, dass hier ein Blinder von den Farben schwärmt. Mit Tanz hatte ich bislang nicht viel am Hut, außer Respekt für die unglaublichen körperlichen Leistungen brachte ich wenig auf für die Sparte. Mir fehlt schlicht die Gabe, die Choreographien richtig lesen zu können.

Aber auch im hohen Alter kann man noch dazulernen, und da ich große Sympathie für wesentliche Organisatoren hege und einfach die Ästhetik des Tanzens mag, machte ich aus dem Ärgernis eine halbe Tugend und der Gala meine Aufwartung. Zum Glück war ich früh da, der – gar nicht so kleine – Saal wurde voll.

Eine fulminante Eröffnung mit dem Ballet Rossa der Oper Halle, zwanzig Menschen absolut synchron auf der Bühne bei einer Art Stuhltanz, toll. Dann ein Pas de deux aus Görlitz (Gerhart-Hauptmann-Theater), unter aktiver Mitwirkung von zwei Stühlen und einem Tisch. Ich greife vor und erkläre dies zu meinem Lieblingsstück des Abends.

Ich kann gar nicht alles aufzählen, was in der Folge an Beeindruckendem passierte. Die Bolero-Variation aus Schwerin blieb hängen, und die unglaubliche Sprungkraft der Eleven aus Berlin.
Mit Grönemeyers Musik hab ich meine Mühe, deswegen litt vielleicht auch der Eindruck von den Landesbühnen Sachsen aus Radebeul darunter.
Vor der Pause nochmal das Ballet Rossa, großartig, wirklich großartig.

Nach zweieinviertel Stunden enden anderswo Veranstaltungen, hier war erstmal Pause. Und es ging hochkarätig weiter: SchülerInnen der Palucca-Schule Dresden tanzten eine Bach-Bearbeitung, für mich Laien das künstlerisch bedeutendste Stück des Abends.
Dass man zu Wagner auch ohne Musik tanzen kann, bewies ein Duo des Theaters Plauen-Zwickau. Nur das Atmen war zu hören, phantastisches Erlebnis.

Wie richtig klassischer Tanz aussieht, zeigte ein Paar der Semperoper. Ich gestehe, die modernen Formen sind mir lieber. Die Überraschungsgäste vom Gärtnerplatz München waren auch nicht so meins. Originell, aber nicht mehr.

Ein furioses Finale nochmal mit den Landesbühnen, „Carmina Burana“, vor allem im letzten Teil begeisternd.
Und dann eine Bühne voller Tänzer und Tänzerinnen zum Schlussapplaus, insgesamt sechzig waren am Start. Ein wunderschönes Bild.
(Sechzig mal „Sixpack“, das macht einen, der sich kaum die Schuhe im Stehen zubinden kann, schon neidisch)

Eileen Mägel und Boris Michael Gruhl führten durch den Abend, sehr angenehm alle beide, vor allem bei Boris Gruhl hatte man das Gefühl, er hätte nie was anderes gemacht. Auch dies passte ins schöne Bild. Ein wunderbar durchkomponiertes Programm, eine unglaubliche Breite, ein trefflicher Überblick über das, was Tanzkunst ist.

Ich war, ich bin begeistert. Auch wenn der Tanz sicher nicht mehr meine bevorzugte Sparte der darstellenden Künste wird, ich hab mich ihm deutlich genähert. Chapeau!

Ach ja, „Tanzt““ steht an der Scheune geschrieben, manchmal auch einladend illuminiert. Und wer das nicht kann oder will, soll zumindest hingehen und zusehen, wie Boris Gruhl zum Abschied sagte. Dem bleibt nichts hinzuzufügen.

Noch bis zum 29.04.13 läuft die Tanzwoche. Alles Weitere hier:

http://tanzwoche.de