Getagged: gretchen

Theater von unten – Zwischenrufe aus dem dunklen Parkett

Eine Sammlung subjektiver Schauspielberichte aus Dresden seit der Spielzeit 2011

Anstelle einer Inhaltsbeschreibung zwei Vorworte:

1. Fiktives Vorwort einer imaginären Fachkraft

Was soll das denn?
Nicht nur, dass sich diese Teichelmauke erdreistet, im Revier der hehren Theaterkritik zu wildern (als eine Art IKEA im gediegenen Möbelmarkt), nun fasst er diese Ärgernisse auch noch digital zusammen und wirft sie in die Welt. Das will doch keiner lesen!

Und wenn doch, entspringt dieser Wille nur mangelnder Ernsthaftigkeit im Umgang mit dem hehren Medium Theater, zu dem man sich nur (!) eine Meinung bilden kann, wenn man zumindest Geisteswissenschaften studiert hat und jedes Stück aus dem Schauspielführer schon mindestens dreimal sah, davon einmal durch die Herren Reinhardt, Peymann, Stein, Konwitschny, Thalheimer, Petras, Kriegenburg, Pollesch oder den vielen Hartmännern inszeniert. Erst dann kann man mitreden.

Diese Teichelmauke (Schon der Name! Albern!) kann dies nicht aufweisen. Er stammt „aus der „Mitte des Parketts“, wie er selber theatervolkstümelnd schreibt. Was soll denn das bringen?
Natürlich spielt das Publikum am Theater eine Rolle. Aber doch keine aktive! Dessen Aufgabe ist es, andächtig zu lauschen und zu schauen, möglichst wenig zu husten und am Ende mit stürmischem Beifall das Stück abzurunden. Auch Bravo-Rufe sind erlaubt, sofern der zuständige Kritiker der Inszenierung seinen Segen gegeben hat. So war es immer, und so soll es bleiben.

Und nun kommt einer daher, der zugegebenermaßen oft im Theater zu finden ist (aber Masse erzeugt noch lange keine Klasse, mein Freund!) und schreibt auf, was er erlebte. Clevererweise nennt er das weder Rezension noch Kritik, trotzdem ist das reine Produktpiraterie. Die Chinesen sind nun also auch im Theater angekommen.

Aber man kann es ja nicht verhindern. Heute kann jeder veröffentlichen, was er will. Und wenn nun auch auf über hundert Seiten über fünfzig Stücke „besprochen“ werden, es wird den Lauf der Theatergeschichte nicht verändern.

2. Vorwort der Teichelmauke

Ja, sicher. Soll es auch nicht. Na und?
Der Ansatz ist auch eher selbstbezogen.

Wenn man – mit steigender Intensität – seit fünfzehn Jahren immer wieder ins Theater geht, kommt irgendwann der Moment, wo man trotz des sich selbst eingestandenen Dilettantismus glaubt, ein bisschen mitreden zu können. Und wenn es dann noch so eine großartige Initialzündung wie den Dresdner „Don Carlos“ gibt, die einen dazu bringt, seine tiefen Eindrücke irgendwie zu Datei zu bringen, kann das durchaus dazu führen, dass man dieses Hobby weiter pflegt, auf verschiedenen Plattformen seine Betrachtungen unters interessierte Volk bringt und sich fürderhin als „Bürgerrezensent“ begreift.
Wenn es eine Bürgerbühne gibt, die Laien zum Spielen bringt, kann es auch so weit kommen, dass Laien über das Theater schreiben. Es ist mit allem zu rechnen, seitdem die Chefredakteure nicht mehr die alleinige Hoheit über das haben, was veröffentlicht wird.

Meine Texte sind Beiträge, nicht mehr. Ich füge meine Meinung den Bewertungen der „offiziellen“ Kritiker hinzu, wenn auch mit geringerer Reichweite. Aber das ist ok, es geht ja nicht um Bekehrung oder um Deutungshoheit. Eigentlich …, eigentlich mach ich das nur für mich. Aber ich lasse andere, die es vielleicht interessiert, daran teilhaben.

Was allerdings vielleicht ein Alleinstellungsmerkmal darstellt, sind meine Bestandskritiken. Wer schreibt schon über Repertoirestücke? Eigentlich aus der Not geboren – ich kann nun mal nicht bei jeder Premiere dabei sein – hat sich dies zu einem netten Hobby entwickelt.

Und nun gibt es halt gesammelte Werke. Der erste Akt ist dem Staatsschauspiel Dresden gewidmet, dessen Hervorbringungen meine theatrale Hauptspeise in den letzten Jahren war. Ein geplanter zweiter Akt soll dann die Gastspiele beleuchten, und das reizvolle weite Umland von Dresden.

Und: Man sollte das alles nicht so hoch hängen. Kunst soll Spaß machen. Und das Schreiben darüber auch.
Ich zumindest hatte den, und das wünsche ich den geneigten Lesern auch.

Hier zu finden:
https://www.xinxii.com/theater-von-unten-p-353248.html

Faust – Macht – Kopf

Unvollendete Gedanken zum Faust

Die wenigsten unter uns werden es wissen (nicht jeder kann ein Eisenbahner sein): „Kopf machen“ bedeutet, die Richtung völlig umzukehren oder zumindest deutlich zu ändern. Ein Zug macht Kopf, wenn er in einen „Sack“-Bahnhof hinein- und wieder hinausfährt. „Sack“ bezieht sich dabei nicht auf die physische Beschaffenheit der bahnhofstypischen Anlagen, sondern auf die Tatsache, dass es am Ende eines Sackes gewöhnlich nicht mehr weitergeht, solange jener intakt ist.
Nachdenken ist dabei erst einmal nicht gemeint.

A Der klassische Faust I als Kurzform in Zitaten und Assoziationen:

1. Verwirren, nicht befriedigen!
2. Vom Himmel durch die Welt zur Hölle
3. Die Kunst ist lang. Und kurz das Leben.
4. Dem Wurme gleiche ich und nicht den Göttern.
5. Ein verfrühter Abgang wird durch Glockengeläut verhindert
6. Botschaft hören, Glaube vermissen, Erde ihn wiederhabend
7. Zwei Seelen, ach, in meiner Brust, die eine will sich trennen
8. Ich bin ein Teil von jener Kraft …
9. Zu alt um nur zu spielen, zu jung um ohne Wunsch zu sein
10. Wenn wir uns drüben wiederfinden, sollst Du mir das Gleiche tun
11. „Augenblick, verweile doch“ … Dann wär’s vorbei
12. Blut ist ein besonderer Saft
13. Die Kraft ist schwach doch die Lust ist groß
14. Hexen – Einsdurcheins
15. Der Helena-Trunk
16. Arm und Geleit angetragen und abgelehnt
17. Verliebter Tor … Beginn des Abwegs
18. Was so ein Mann nicht alles denken kann
19. Ihre Ruh ist hin, ihr Herz ist schwer, … Und ach, sein Kuss!
20. Wie hasst Du? Es? Mit der Religion?
21. Duckt er da, duckt er sonst auch.
22. Fortgang selber denken.
23. Tod und Tod. Und Tod. Der Soldat als Hüter der Moral fällt.
24. (theoret.: Religion als Disziplinierung und Machtsicherung)
25. Walpurgisfatsche, Gretchenvision, Faust bereut ein bisschen.
26. Kerker. Grete ist schon auf dem nächsten Level, zu spät für die Rettung. Es graut ihr ohnehin vorm Heinrich.
27. Die Zweier-Karawane zieht weiter.

B Das meint?

(Man kann den Faust heutiger machen, aber sicher nicht besser. Nur, wenn man ihn nicht heutiger machen würde, wäre er deutlich schlechter.)

Faust macht also Kopf, nachdem er sich nen Kopf gemacht hat, dreht sein Leben um mit Hilfe von Mephisto.
Gretchen ist anfangs keine Gescheiterte. Aber sie wird durch Faust zu einer.
Mephisto ist dabei der hilfreiche Geist, der tut das aber nicht für lau. Faust darf nun nie glücklich werden, sonst ist seine Seele verloren
Und wenn schon. Wer braucht nach dem Tode noch seine Seele?

Faust und Mephisto sind natürlich dieselbe Person.

C Und jetzt?

Der Faust am Anfang ist heute vielleicht

• der erfolgreiche Geschäftsmann mit Selbstzweifeln und einem modischen Burnout, gelangweilt vom Wohlstand, auf der Suche nach dem Kick und nach dem Sinn
• der hochgelobte Schriftsteller, der doch weiß, dass seine Bücher nicht mehr sind als gequirlte Kacke, der den Literaturbetrieb hasst, aber das Einkommen daraus schätzt
• der Gentechniker, der weiß, dass er seine Züchtungen irgendwann nicht mehr beherrschen wird, aber diesen Gedanken im Forschungs- und Erfolgsrausch immer wieder verdrängt
• der Volkspartei-Politiker, der lange schon ahnt, dass seine einfachen Antworten nicht ausreichen, um die komplizierten Fragen zu beantworten, sich aber weiter in Macht und Anerkennung suhlt, weil er zu feige ist, die Wahrheit zu sagen
• der Professor, der routiniert seine Theorien verkündet, obwohl er schon lange nicht mehr daran glaubt, der gerne nochmal von vorn anfangen würde, aber zu viele Verpflichtungen hat
• … also im Prinzip jeder, der sich auf dem falschen Weg fühlt, sich aber nicht traut, die Richtung zu ändern

Mephisto?
Kann der Dealer sein, die Luxushure, der Schamane, das Delirium.
Er ist aber immer das Spiegelbild, die dunkle Seite des Faust.

Aber … gibt es Mephisto überhaupt?
Nein. Er ist nur ein Produkt der überreizten Phantasie von Faust, seine erdachte Legitimation zum Grenzübertritt. Eine Kopfgeburt im wahren Sinne, ein Homunkulus des Faust. Alles Böse, alles Dunkle ist doch in Faust schon drin, er braucht keinen Teufel, nur einen Anstoß, einen Katalysator, einen Vorwand. Und dann zieht er los, was kostet die Welt? Sie gehört doch sowieso schon mir. Das Glück ist auf der Seite des Tüchtigen.
Wo gehobelt wird, fallen Späne, wo verführt, Jungfrauen. Wo die Kraft des Meeres gebändigt werden soll, sind kleine Leute und ihr Häuschen fehl am Platze.
Mit uns zieht die neue Zeit … Es möge sich besser keiner in den Weg stellen.

Übrigens:
Gibt es Gott? Nicht den Arne aus dem Radio, sondern Gott?
Wenn es Gott gibt, muss es dann einen Teufel geben? Und wenn es keinen Gott gibt, kann es dann einen Teufel geben? (Auch in „Der Meister und Margherita“ wird das nicht endgültig geklärt.)

Und „Faust“ heute? Der Name ist meist härter als sein Träger.
Faust oder Fäustling? Oder auch Faustan? Das ist hier die Frage, Hamlet.

(Lustig, gerade eben, als ich das schreibe, sitzt das Gretchen aus der letzten „richtigen“ Faust-Inszenierung in Dresden am selben Tresen im Thalia.)

Es geht auch ohne dass man spricht

„Faust ohne Worte“, eine Produktion der Theaterzirkus Dresden gGmbH im Palais im Großen Garten Dresden, gesehen am 15. September 2013, Regie Tom Quaas, Co-Regie Lionel Menard (Wiederaufnahme-Premiere)

Beethoven ohne Musik? Eine Oper ohne Sänger? All das haben wir noch vor uns, vielleicht auch Fußball ohne Ball oder Merkel ohne Programm. Ach nee, letzteres gibt es ja schon.
Doch zuvor die Wiederaufnahme des „Faust“, ganz ohne Worte. Das geht? Und wie das geht! Ich nehme es vorweg: Ich habe den sinnlichsten Faust meines Zuschauerlebens gesehen.

Zuvor will noch die Liste der Gönner und Förderer verlesen werden, endlos lang, doch jeder gebührt Ehre, die dieses Projekt unterstützt. Impressario Quaas tut dies mit Grandezza.
Der Einstieg ist eine Art Kurzfassung von Rainer König (sonst Gott), mir persönlich zu derb, aber als Anheizer mag dies gehen. Doch man muss den Faust schon gut kennen, um folgen zu können.
Ohnehin empfiehlt es sich, Faust I zuvor mal durchzublättern, doch ich finde, das ist nicht zuviel verlangt.

Dann geht es richtig los, Faust (Wolfram von Bodecker) baut an seinem mannshohen Sockel, eine beeindruckende Körperlichkeit, nicht nur bei ihm, das ganze Ensemble ist phantastisch drauf. Dann bricht der Sockel weg, doch das ficht ihn nicht an, einer wie er kann auch über Wasser gehen, da ist Schweben doch kein Problem.
Die Werktreue ist frappierend, manchmal fühlt man sich fast aufgefordert, die passenden Zeilen hineinzurufen, zum Glück kann ich den Impuls unterdrücken.
Der Erdgeist erscheint wie der Sandwurm bei Luke Skywalker, doch der Wagner (großartig Louis Terver) platzt in die Szene. Das Bühnenbild ist nicht nur hier absolut stimmig, Tilo Schiemenz hat’s gemacht.
Faust wird nun ordnungsgemäß gerettet vorm Freitod. Ein sehr charmanter Osterspaziergang, die Kostüme (Sigrid Herfurth) sind ein Gedicht, und nicht nur die. Ein Fest der Sinne.

Der Pudel (Alexander Neander, später dann auch als Mephisto like Gründgens) zeigt Willensstärke, statt seiner apportiert Wagner. Und des Pudels Kern zeigt sich effektvoll. Überhaupt, die Effekte … Henrik Forberg am Licht sei hier stellvertretend für alle belobigt.
Auftritt eines Schülers (Tim Schreiber), am Ende wird das Wissen gerupft, ein hübsches Spektakel. Und dann Auerbachs Keller, sehr witzig, nicht nur hier ist das Schlagwerk (Bernd Sikora) voll auf der Höhe.
Die restliche Musik kommt vom Band, eine solche Produktion kostet ein Schweinegeld, und live ist nun mal teuer. Vielleicht gelingt es ja noch, das Gesamtkunstwerk, ich würd auch gern ein Scherflein dazu beitragen.

Eine nackte Schönheit eröffnet nach der Pause, aha, Hexenküche. Gott wird zur alten Roma, das mag sicher auch die Oma, die NPD wohl weniger.
Eine Verwandlung wie bei Kafka, nur andersrum. Ein junger, strahlend schöner Faust entsteigt dem Pott, er sieht Mephisto verdammt ähnlich.

Gretchen tritt auf, und die Schmetterlinge fliegen. Faust bekommt das erstmal gar nicht gut, aber er ist jetzt hartnäckig und zielfokussiert. Bald ist er in Gretchens Kammer, mit Kette und Ohrringen kriegt man jede rum.
Marthe (Kati Klasse, äh, Grasse) ist hacke, warum nicht. Sie versucht sich eine Zigarre, nun ja, einzuführen, was schließlich unter Beifall auch gelingt. Und Gretchen (becircend Katja Langnäse) ist rollig, anders kann man das nicht nennen.
Mephisto überbringt die Todesnachricht von Marthes Verflossenen, kurze Betroffenheit, doch das letzte Hemd des teuren Toten hat keine Taschen, die Trauer findet so ein schnelles Ende.
Marthens Garten, Mephisto muss und Marthe will. Beim jungen Paar wollen beide, ein Spektakulum der Liebe. Sie kriegen sich herzerweichend, die Gretchen-Frage wird vorerst vertagt. Und dann schläft die Mutter Schlafes Bruder … Yes, they did.

Doch die Bibel wird zum Sarg, und Lieschen (Rebecca Jefferson) zeigt, was passieren kann und wird. Die Musik (Michael Kaden) illustriert kongenial die Entfremdung Fausts von Gretchen, so hab ich das noch nie gesehen.
Da steht sie nun da, künftig alleinerziehend, geächtet, Hartz Vier. Der, der den ersten Stein wirft, ist ihr Bruder Valentin (Renat Safiullin). Fast freut man sich über den tödlichen Stich, den Mephisto ihm verpasst, im Duell mit dem Mädchenverderber Faust.

Und nun? Wir kommen zur persönlichen Schande des Rezensenten: Er verließ den Saal vor der Zeit, bemüht leise, aber voller Scham. Die Premiere im Kleinen Haus lockte (zu Recht, wie sich herausstellte), aber das geht gar nicht.
Eine falsche Zeitplanung, so simpel ist das manchmal. Er gelobt Besserung und wird den Schluss nachsitzen.

Was soll man da am Ende schreiben? Es wurde immer besser, und ich musste gehen. Doch selbst, wenn das Finale versemmelt worden wäre, was ich nicht glaube: Ein großartiger Faust, voller Emotion, voller Leben, voller Magie. Es braucht wirklich keine Worte.
Ganz großes Theater. Muss man gesehen haben.

Die nächsten Gelegenheiten:
17. bis 22. September in Dresden a.a.O.,
27. Oktober in der Theaterfabrik Sachsen in Leipzig.
Und Näheres hier: http://www.faust-ohne-worte.de/index.html

Faust: 1, Mephisto: 2

„Faust 1 + 2“ von Johann Wolfgang v. Goethe, Inszenierung des Thalia-Theaters Hamburg in der Regie von Nicolas Stemann, Gastspiel am Staatsschauspiel Dresden, 25./26. Mai 2013

Faust 1: Nur wetten kann man nicht alleine

Nein, heute keine Nacherzählung. Ich verweise auf die allgemeine Schulbildung und/oder Besuche anderer Stücke dieses Namens.
Allerdings, wer beides nicht nachweisen konnte, hatte schlechte Karten im Saal. Stemann lässt seine drei phantastischen Schauspieler (Patrycia Ziolkowska, Sebastian Rudolph und Philipp Hochmair) nacheinander antreten, nur selten miteinander. Und so muss man sich schon ein wenig auskennen im Stoff, um dem – zugegeben perfekten – Rollenzapping der Drei folgen zu können. Ein Ausblick auf das Neue Deutsche Budgettheater (als „Baddsched“ auszusprechen)? Einer spielt alles? Ich hoffe nicht.
Die erste ernstzunehmende Regie-Idee: Faust als eine Art Jonathan Meese in der Schaffenskrise. Das ist sehenswert, das erzielt Wirkung. Er baut sich nach und nach zum Wahnsinn auf, greift zum Benzinkanister, wird doch nicht … das Haus ist doch fast frisch renoviert! Nein, Wagner (Haha, schöner Joke in Dresden) kommt und verhindert das Schlimmste.
Das ominöse Fläschchen ist hier eine Pistole. Aber auch hier bewahren die Osterglocken den latent Suizidgefährdeten vor dem Abgang. Osterspaziergang zum Teil auf plattdütsch, warum nicht. Die Übertragung ins Sächsische hat man uns erspart.

Auftritt eines Pudels namens Mephisto. Der ist ein Zwilling von Faust, nicht neu, die Idee, aber gut. Jener holt schnell auf im Text und übernimmt. Der alte Faust/Mephisto/Wagner/Gott/3xErzengel/Theaterdirektor usw. schleicht sich, schaut noch ein bisschen zu, hat aber ersichtlich Pause.
Ein ergreifender Gesang von Friederike Harmsen (Microport oder Playback? Egal. Wunderschön.), dann die Wette. Das kann man nicht alleine, es kommt erstmals zum Dialog und dann zu Intimitäten unter Männern. „Und ach, sein Kuß …“, die IG Schauspiel dürfte kurz den Atem angehalten haben, aber das war eine großartige Szene.

Auerbachs Keller als Schwulenbar, OK, passt ja im Anschluss, ist auch gut gemacht, toller Video-Einsatz.
Nun Gretchen, aber nicht nur, auch Faust, Mephisto, Marthe. Sie lernt sich sozusagen selber kennen und will sich selbst heim begleiten, lehnt das aber ab (und geht dann doch mit sich selber mit, höhö. Auch diese Form hat also Grenzen.). Nur die Beleuchtung muss sie nicht selbst machen. Das Stilmittel erschöpft sich und mich. Gretchen ist übrigens am bestens als: Überraschung, Gretchen.
Genug genörgelt. Das Stück wird sofort um Klassen besser, wenn miteinander gespielt wird. Faustens Schuld ist hervorragend bebildert, bei der Gretchenfrage muss ihm Mephisto soufflieren, sie ist also in der Unterzahl, was ihr aber zumindest amourös gesehen nicht missfällt.
Berührend der Zwinger, die Walpurgisnacht wird mit der Nacht zuvor vermischt, Gretchens Defloration ist eher nebensächlich, Musik und Video sind wieder großartig. Der Kerker schließlich ist am Anfang ergreifend, nur, da muss man sich ohnehin schon viel Mühe geben, diese Lehrbuch-Szene zu versemmeln. Doch Stemann gelingt das fast mit einem zwanghaft modernen Ende.

Fazit dieses Teils: In der Summe toll, wenn man sich auf den Regieansatz einlassen will. Aber es ist dann doch ein Elitentheater, eines für Deutschlehrer, für Theaterroutiniers, eins fürs Feuilleton, für das Umfeld des Theatertreffens. Selbst in Hamburg wird nicht jeder den Faust auswendig können, und dies schränkt dann den Genuss schon ein. Dennoch, ein Erlebnis.

Faust 2: Der Vieles bringt

Am Anfang die Umkehrung der Situation: Zwei Herren – die einer beliebten Unsitte folgend sich nicht vorstellen – erläutern den Inhalt, allerdings derart unbeholfen, dass mich Mitleid überkommt.
Dann eine Art „Was in den letzten Folgen geschah“. Glaubt man, es sind Zuschauer hinzu gekommen? Goethe tritt im langen Kleid auf, sie zählt die Zeilen fortan mit und hakt ab. Eine alberne Vorstellung der restlichen Akteure folgt, die Verse plätschern bei moderner Klassik so dahin. Etwa achttausend haben wir noch vor uns. Ungestrichen, ja, wir haben’s dann beim vierten Mal auch kapiert.
Der Kaiser hält eine Rede mit visueller Kurvendiskussion, die Lage ist nicht gut. Mummenschanz folgt, irgendwie –tainment, weiß nur nicht welches. Aus Protest wird „Konsum“ an die Wand geschrieben, was in Dresden lustig ist. Das Volk im Blaumann protestiert gegen irgendetwas, aber das Großstadttheater traut sich dann lustigerweise nur, „Sch..e“ in den Übertitel zu schreiben. Da helfe ich doch gerne: Scheiße. Scheiße. So leicht geht das. Einfach nachmachen: Scheiße.
Man tastet und kalauert sich durch den Text. Wenn man mit dem schon nichts anzufangen weiß, kann man ihn immerhin noch verarschen. Eine schwierige Lage, bis das Papiergeld erfunden wird. Von Mephisto, klar. Da haben alle was davon. Helena tritt düster auf und wieder ab. Auch ein Affe ist immer dabei. Der erste Akt, eine Stunde, null Effekt.

Im zweiten Akt wird es nicht viel besser. Eine Knäbin liest mit Eifer, einige Requisiten aus Teil 1 tauchen auf. Die Postdramatik wird erklärt von einem Macher der ersten Stunde, der im Pflegeheim residiert, man ist also zur Selbstironie fähig, ein Pluspunkt.
Muppets übernehmen das Kommando, man muss selber lachen auf der Bühne. Spielt man jetzt auf Zeit? Man liegt doch gar nicht in Führung!
Faust krümmt sich auf der Bühne, ich mich in meinem Sessel, als ein absurder, sturzdummer Dialog über Goethe in Dresden beginnt. Nun ist der Tiefpunkt erreicht.
Ich überlege, womit ich werfen soll, aus dem 2. Rang täte das seine Wirkung, aber … im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist. Und hier ist man immer höflich.
Der Glaskasten ist an sich eine gute Idee, manchmal blitzen auch andere auf, nur die Wüste bleibt trocken trotz dieser Tropfen. Vor der Pause noch was zur Klampfe, no, no, nono. Genau.
(Für meinen verbalen Ausrutscher in einem mehr oder weniger sozialen Medium um diese Zeit möchte ich mich aber in aller Form entschuldigen)

Erstaunlicherweise sind noch viele da nach der Pause. Und die werden belohnt. Trotz der wieder gestammelten Erläuterung zur griechischen Geschichte nimmt die Angelegenheit Fahrt auf, ein ganz anderer Stil, reduziert in den Mitteln, konzentriert auf den Text. Ich reibe mir die Augen. Ist das die gleiche Inszenierung? Die Kulisse dröhnt bedrohlich, Helena und Faust kriegen sich mit unlauterer Hilfe von Mephisto, jetzt passt das auch, auch wenn ein buntes Potpourri am Ende wieder einen Rückfall befürchten lässt.
Dann verdingen sich Faust und Mephisto als Söldner, gewinnen einen Krieg für den Kaiser, Helena ist schwanger, familiäres Idyll am Buddelkasten (mit schönem Gretchenfragen-Dialog), dann aber der Absturz, als der gemeinsame Sohn zu Tode stürzt. Helena entschwindet nach dem Begräbnis.

Der letzte Teil ist zweifellos der beste. Das macht nun richtig Spaß. Faust in großer Pose. Hitler? Ich bin mir nicht sicher. Im Video eine Kakophonie von Gelehrten, die einem alle den Faust erklären wollen.
Ein Gezeitenkraftwerk soll es nun werden als bleibende Tat, dafür müssen Menschen weichen. Es trifft ein altes Paar, bei der Umsiedlung geht leider ihr Haus in Flammen auf, die alten Leutchen gleich mit. Mephisto ist nur der Vollstrecker des Faustschen Willens.
Dieser Faust ist nun alt, es geht ins Endspiel. Nein, kein Graben wird das, es wird ein Grab. In jeder Art ist er verloren. Sieben Schauspieler rezitieren im Chor seine letzten Verse. Schön. Dankeschön. Ein guter Schluss.

Trotzdem geht es noch ein bisschen weiter. Der Kampf der Heerscharen (himmlisch und höllisch) muss noch geschildert werden.
Mephisto erliegt dem Charme der Engel, ist kurz unaufmerksam, schon ist die Seele weg, zum Himmel entschwunden. Alles war umsonst.
Ein honigsüßes Ende, passend mit einem Schlager vertont, großes Finale. Schön die Verlesung der Beteiligten, wie bei der großen Samstagabendshow.
Begeisterung dort, wo die Zuschauer sitzen, Jubelstürme. Es hat gefallen, das Ende war die Wende.

In diesem Sinne: Danke für den Besuch, Thalia. Gern mal wieder.
Ach so, die Überschrift. Ich denke, Faust ist eher so Dortmund. Er mag der Sieger der Herzen sein, aber die Abendkasse hat Mephisto an sich genommen. Jede Wette.

I taking a ride with my best friend

“Faust I” von J.W. v. Goethe in der Regie von Arne Retzlaff, gesehen am 1. April 2013 bei den Landesbühnen Sachsen in Radebeul

Ein schmuckes Haus, das. Modern und praktikabel eingerichtet, dass die Grundsanierung schon wieder ein paar Jahre her ist, merkt man nicht. Für meinen letzten Besuch gilt dasselbe, aber ich kann mich immerhin noch erinnern: „Die Räuber“ waren’s, einige aus dem Ensemble hab ich sogar wiedererkannt.

Der „Faust I“ ist ein Repertoirestück, Premiere war schon im November 2010. Brandaktuelle Bezüge sollte man also nicht erwarten, ebenso wenig eine völlige Neuinterpretation. Ich freu mich auf eine „seriöse“ Umsetzung dieses immer wieder faszinierenden Stoffes ohne regieseitige Bedeutungshuberei. Und hab die Reclam-Ausgabe dabei, man weiß ja nie.

Dass alle drei Vorspiele bzw. Prologe weggelassen werden (nur der im Himmel wird kurz zitiert, nicht von Engeln, sondern von Angels), überrascht dann doch. Dem „Zeitgewinn“ steht das Manko gegenüber, über Mephistopheles Motivation zur Verführung von Faust nun gar nichts zu erfahren. Dass das Allgemeingut im Publikum ist, wage ich zu bezweifeln.

Es beginnt also im Studierzimmer, ein gealterter Faust (Olaf Hörbe) hat Visionen, deklamiert den Hundemonolog in die Kamera mit einem – ach – sehr witzigen Einstieg, wird immer zorniger und ist dem Erdgeist in einem Diamonolog nicht gewachsen. Wagner wird dann von einem Chor von Rechenknechten gegeben, warum nicht.
Faust versinkt angesichts seiner Unzulänglichkeit wieder in Trübsinn, überlegt kurz, sich mittels rezeptpflichtiger Betäubungsmittel aus dem Rennen zu nehmen und hört zum Glück die Osterglocken. An den gleichnamigen Blumen fehlt es im Revier, die geputzten Menschen kommen als Fitnessgruppe daher. Man turnt indoor, das passt ja auch zum Wetter. Alles sehr dicht am Originaltext, von einem albernen Witzchen abgesehen.

Der Pudel entfällt, ohne größere Umstände tritt Mephisto in die Stube. Äußerlich scheint er als Zwilling des Faust, beide in einer Art Mitropa-Kellner-Uniform, es passt inhaltlich, sie begegnen sich auf Augenhöhe. Es wird jetzt sehr viel deklamiert, nur Mario Grünewald als Mephisto kann sich dazwischen dämonenhafte Szenen erlauben, die ihm bekanntlich gut stehen (ein schönes Wiedersehen mit dem aus Dresdner Tagen bekannten und geschätzten Schauspieler).
Die Wette ist hervorragend gespielt, im Anschluss dann allerdings viel Streichpotential.

Eine spärliche Bühne hat es hier: vorn ein schmuckloser Stuhl, auf den eine Kamera zeigt, im Hintergrund ein halbtransparenter Vorhang, der bei Bedarf durchscheinend wird und die Szenen im Hintergrund aus dem Dunkel reisst. Gefällt mir gut.

Die Schüler-Szene ist seltsam kastriert. Die Überbleibsel hätte man auch noch weglassen können, außer das sie den (späteren) jungen Faust ins Geschehen bringt, bleibt nichts an Aussage übrig. Schade, da hätte sich M. G. austoben können.
Dafür kommt Auerbachs Keller in voller Breite und mit großer, militanter Besetzung. Leider wirkt das wie Felsenbühne, und der Szenenausstieg ist nicht mehr als eine Verlegenheitslösung. Schade.

Die Hexenküche besteht aus einer Bussi-Gesellschaft mit Verjüngungsapparat. Faust hat eine Gretchen / Helena – Erscheinung und auf einmal auch Interesse an kosmetischen Eingriffen.
Die Begegnung mit dem echten Gretchen enthält auch den elegant gelösten Übergang zum jungen Faust. Dann ist Pause.

Der alte Faust Hörbe dominiert naturgemäß den ersten Teil, aber auch Mephisto Grünewald setzt Akzente.
Der Weißwein kommt hier vom Gut Hoflössnitz, so gehört sich das auch. Man hat Muße, das doch recht zahlreiche Publikum (80% etwa des Saales sind gefüllt) zu betrachten und trifft sogar Akteure einer mittlerweile renommierten Laienbühne der Radebeuler Nachbarstadt.

Jetzt setzt sich ein junger Faust (René Geisler) auf den heißen Stuhl, der alte geht ab. Aus einer wunderlich schwarzweißen Gesellschaft löst sich Gretchen, ganz in unschuldigem Weiß natürlich. Eine sehr lyrische Szene, ja, die mit dem „Arm und Geleit“, dann geht es schwungvoll zu Mephisto, dem ab sofort Dirnenbeschaffer. Faustens Schwärmen überzeugt jedoch nicht ganz.
Margarete, im Ballerina-Röckchen, singt schön in ihrem Zimmerchen und denkt an den fremden Herrn. Nach und nach wird sie aber übertönt von einer dramatischen Musik, gute Idee. Sie findet das von den Herren eingeschmuggelte Kästchen und entwickelt umgehend ein erotisches Verhältnis zur überdimensionalen Kette. So einfach geht das also.

Auftritt der Kupplerin Marthe (Julia Vincze), einsame Strohwitwe. „Mon coq et mort“ ist derzeit noch Wunschdenken. Aber Mephisto tut ihr den Gefallen und bringt die fro-, äh, traurige Botschaft. Grünewald ist hier ein großer Komödiant und wird mit einer Einladung zur Soireé belohnt. Ja, auch das Fräulein von nebenan wird dabei sein, und er darf noch einen Freund mitbringen.
Der Auftritt der jungen Dame ist eher eine Zuführung, noch sträubt sich Gretchen. Aber der Schaumwein tut das Seine. Die Veranstaltung pendelt dann zwischen Swingerparty und Veronascher Balkonszene. Aber irgendwie kriegen sich alle, jeweils auf ihre Art.
Faust und Gretchen sind fortan füreinander entflammt, und während sie dies am Spinnrade besingt (hier als Tanz im heimischen Käfig), geht er die Sache erst noch mal theoretisch an. Aber die Praxis hat die besseren Argumente.
Der alte Faust sieht mürrisch zu, er kennt das Ende ja.

Heinrich ist ein herzlich guter Mann, soviel ist klar. Aber die Gretchenfrage wird auch hier zwar liebevoll, doch nachdrücklich gestellt. Heinrich windet sich wie Tausend Fäuste vor ihm.
Ein gewisses Problem stellt übrigens über den ganzen zweiten Teil dar, dass Faust und Gretchen eher wie Romeo und Julia wirken. Da ist kein (Erfahrungs-) Gefälle, die eine ist so naiv wie der andere. Das beeinträchtigt die Geschichte doch ein bisschen.

Es kommt wie es bei Goethe beschrieben ist: Mephisto leistet Beihilfe zum Beischlaf, Faust zum Mord an der Mutter und Gretchen verliert die Unschuld und gewinnt Schuld. Auch wenn es hier anders klingt, es ist eine sehr poetische Szene, die die drei dort auf der Bühne haben. Bei Goethe wird das ja dezent beschwiegen, was in jener Nacht passiert, da muss die Dramaturgie schon was Eigenes finden. Dieses hier ist sehr gelungen.
Auch die Brunnenszene, wieder in großer Besetzung und mit umherhängenden Eimern, ist großartig. Der Auftritt von Valentin geht hingegen unter, seine Erdolchung durch das Doppel Faust/Mephisto ist kaum sichtbar.
Der alte Faust sieht inzwischen sehr nach Magengeschwür aus.

Die Dom-Szene entfällt, das ist auch nicht schlimm. Gretchen (Dörte Dreger) glänzt inzwischen auch so.

Es folgt der Höhepunkt der Inszenierung, die Walpurgisnacht. „I taking a ride with my best friend“, singt ein enthemmter Faust. Da ist richtig Leben auf der Bühne, eine Orgie reinsten Wassers wird zelebriert. Schöne, volle Bilder, zwei oder drei Leute mehr wären noch besser gewesen, aber man weiß ja um die knappen Ressourcen. Der Auftritt von Lilith bringt das Fest zum Kochen, allein dafür haben sich die zweimal 3,80 € (VVO, Preisstufe 2) gelohnt. Und die 15 € für die Eintrittskarte sowieso.
Unvermittelt erinnert sich Faust (den man überflüssigerweise hier der Damenwelt zugeordnet hat) an Gretchen. Da war doch noch was? Betreten löst sich die Fete auf, die Stimmung ist im Eimer.
Nun soll Mephisto schuld sein. Warum hast Du nicht …? Dass Herr Faust sich hätte auch mal selbst bemühen können um seine junge Gespielin, darauf kommt er nicht. Nun aber retten, was nicht mehr zu retten ist.

Übrigens – und da lehne ich mich weit aus dem Fenster meiner Souterrainwohnung, theaterwissenschaftlich gesehen – liegt für mich hier eine große dramaturgische Schwäche unseres Nationalepos. Wie kommt Faust von seinem glühenden Verlangen auf einmal zu einem völligen Vergessen des Gretchens über mindestens neun Monate hinweg? So schlecht kann der Sex doch nicht gewesen sein? (OK, das war albern, nehm ich zurück)
Mir ist das aber nicht plausibel, die Geschichte hakt an dieser Stelle. Dass Faust nicht der strahlende, strebende Held ist, als der er früher gerne dargestellt wurde, ist ja inzwischen Konsens, aber wie wird er zum egomanischen Mädchenverderber ohne Moral und Gewissen? Ist er das in sich drin schon immer? Aber wie zeigt sich das vorher? Rätselhaft. Hier sollte Herr v. Goethe nochmal nachbessern.

Zurück im Geschehen, das heißt jetzt im Kerker. Gretchen ist schon drüben, geistig gesehen. Jede Hilfe kommt zu spät. Dass das so ist, ist klar, aber wie es (von ihr) dargestellt wird, ist großartig. Dörte Dreger krönt ihre Leistung mit einer phantastischen Kerkerszene, und sieht dabei auch noch unglaublich gut aus. Eine schöne Frau kann halt auch der aufgeschminkte Wahnsinn nicht entstellen.

„Ist gerettet!“ als versöhnlicher Schlusssatz fehlt hier. Und das ist auch gut so. Woher sollte die Rettung denn kommen?

Freundlicher, langer Beifall, ohne Euphorie, aber zur Euphorie neigt man hier sicher ohnehin nicht.
Ich habe eine gute Inszenierung gesehen (die wenigen Schwachstellen hab ich oben beschrieben) und eine geschlossene Ensembleleistung. Dörte Dreger und Mario Grünewald ragten alles in allem heraus, was ich hier auch gern bescheinige.
Mein letztlich einzig ernsthafter Einwand: Die dramaturgische Idee, den Faust in alt und jung zu teilen, ist nachvollziehbar, wird aber nicht zu Ende gebracht. Dem Alten bleibt in der zweiten Hälfte nicht mehr als eine Beobachterrolle, der Junge kommt im ersten Teil nicht vor. Da wird viel Potential verschenkt.

Die Landesbühnen sind ein respektables (dank Kooperationen) All-Sparten-Haus, das manchmal vielleicht im medialen Schatten der großen Häuser der Nachbarstadt steht. Aber hier wird ein interessantes Programm geboten, nicht nur „für das Umland“, und eine Reduzierung auf die Felsenbühnen-Bespielung verbietet sich. Auch der verwöhnte Dresdner beiderlei Geschlechts sollte dem etwas Aufmerksamkeit widmen, in 25 Straßenbahnminuten ist man dort.

http://www.landesbuehnen-sachsen.de

Schön wärs, wenn man wollen würde was man tut

„Faust in uns“, Regie Andreas Neu, Theaterexperiment der Hochschule Zittau/Görlitz und des freien Theaterensembles Kunst.Bauer.Bühne sowie des Gerhart-Hauptmann-Theaters Zittau am 27.02.13, letzte Vorstellung

Ein Trailer im Netz hat mich gelockt: Eine Faust-Inszenierung in ungewöhnlichem Ambiente, schwungvoll geschnittene Szenen, die neugierig machen. So fahre ich also in die ferne Provinz, im Bewusstsein, dass auch ich eine Art Provinz bewohne.

Der Zug nach Zittau ist gut gefüllt, es möge keiner behaupten, in der Oberlausitz wohnt keiner mehr. Nur mit dem Arbeiten ist es halt schlecht. Die Anzahl der benutzten smartphones übersteigt die der aufgeklappten Bücher beträchtlich, der Fortschritt ist auch hier angekommen. Aber ich höre vertraute Töne, es rrrulllt richtsch. Das Wort „Nato-Plane“ hab ich auch schon lang nicht gehört, man simpelt und facht über den Schutz der Automobile im Winter.

Sobald wir den Dresdner Kessel verlassen, wird es diesig, die Schneehöhe nimmt deutlich zu. Gelegentlich tauchen einige Häuser aus dem weißen Nebel, bis die Dämmerung alles verschluckt.
Warum ich mit dem Zug fahre? Man muss die Frage doch andersrum stellen: Warum fährt man nicht Zug? Im konkreten Fall fällt mir die Entscheidung angesichts der Wetterlage relativ leicht, zudem schafft nur Baron Münchhausen die Strecke in 1.25 h mit dem Auto. Gut, ich muss den letzten Zug um halb Elf kriegen, in Schiebock nochmal umsteigen, aber viertel Eins hat mich die Neustadt wieder. Wenn alles glatt geht.

Zum Thema:
Die Ankündigung des Stücks schlägt einen großen Bogen von der Überbevölkerung und dem immer mehr steigenden Ressourcenverbrauch, von den Grenzen des Wachstums und der unbeherrschbaren Ökonomie hin zur Aussage, dass „Faust … eine negative Figur“ wäre, „eine Karikatur des prometheischen Menschen“. Die Frage nach dem Faust in uns soll gestellt werden, und jene nach unserer Verantwortung in der heutigen Gesellschaft. Unterliegen auch wir dem Faustschen „Ruheverbot“? Sind wir überhaupt noch Herr unser selbst?
Eine Menge Holz, die da zu hacken sein wird.
Rein zufällig habe ich mit dem Thema ja momentan auch ein bisschen zu tun, bin deshalb natürlich besonders neugierig. Dass das Ganze im ehemaligen Labor der Elektrotechnik aufgeführt und von einem Wandflies zum Thema begleitet wird, komplettiert die Reihe von guten Gründen für meine Reise.

Ich hab die letzte Aufführung erwischt, die „Derniere“, wie ich inzwischen gelernt habe. Zehnmal wird es dann gelaufen sein. Nach Kritiken zum Stück zu suchen, hatte ich keine Lust bisher. Aber ich will mir ohnehin mein eigenes Bild machen. Dass das nun niemand mehr überprüfen kann, ist ja nicht meine Schuld.

Es ist noch Zeit bis zum Beginn, ich gönne mir einen Fußmarsch durch das Zentrum der Großen Kreisstadt Zittau. Oder ist es eher eine greise (Ex-) Großstadt? Gegen Sieben sind die Straßen verwaist, der Nebel drückt die wenigen Passanten nieder. Man könnte auch die Dreigroschenoper hier freiluft aufführen, auch wenn der Mond über Soho heute schlecht zu sehen ist, Mackie.
Eine Fußgänger-LSA (vulgo Ampel) am Theaterring (hörthört!) stoppt den spärlichen Menschenfluss, auch wenn weit und breit kein Auto zu sehen ist. Der Oberlausitzer hat noch Respekt vor der Obrigkeit. Meiner ist mir leider abhanden gekommen, ich quere die Straße und spüre empörte Blicke im Rücken.
Ehemals prächtige Fassaden säumen meinen Weg, Zittau war mal eine sehr reiche Stadt und gehörte zum Oberlausitzer Sechsstädtebund, einer Art Hanse. Die Substanz ist heute noch zu sehen, auch wenn die Fenster oftmals vernagelt sind.
Im Kino am Marktplatz gibt es „Stirb langsam“ im x-ten Aufguß. Nein, ich werde jetzt keinen blöden Witz im Zusammenhang mit Bevölkerungsentwicklung und regionalen Perspektiven reißen.
Schon vor geraumer Zeit gestorben ist das Kino „Schauburg“, jedoch gibt es Wiederbelebungsversuche. Leider ist es mir noch nicht gelungen, einmal dabei zu sein, die Dresdner Namensvetterin liegt halt doch günstiger.

Eine knappe Stunde vor Beginn treffe ich am Ereignisort ein. Ich fühl mich in die Studentenzeit zurückversetzt, endlos lange Flure, buntgesprenkelt durch Plakate jedweder Art, der Weg zu Faust ist ausgeschildert. Dann öffnet sich eine Tür, ja, hier wäre ich richtig, es sei ja noch Zeit, aber ich könne gern die Ausstellung ansehen. Und die Bar besuchen. Letzteres geht getreu dem alten Brecht vor.
Die freundliche Dame am Einlass nimmt meine zweite, übriggebliebene Karte zurück und will sie wieder verkaufen, was ihr auch gelingt. Ich bin positiv erschüttert. Die Oberlausitzerin ist freundlich, da merkt man immer wieder. Sympathische Gegend.

Das Zittauer Theater gehört übrigens nicht nur aus landsmännischen Gründen schon länger zu meinen Lieblingen, leider führen wir nur eine Fernbeziehung. Immerhin, eine sehr gute „Kabale und Liebe“ hab ich vor Jahren da gesehen, und an das „Kuckucksnest“ erinnere ich mich mit viel Freude. Und noch einiges mehr, enttäuscht bin ich eigentlich nie worden, auch, weil ich um die finanziellen Gegebenheiten des GHT weiß. Dass Tom Quaas dort inszeniert hat, freut mich sehr, leider habe ich das Stück nicht gesehen. Den fast alljährlichen Kampf um den Bestand des Hauses verfolge ich mit Sorge, dass das Haus nun saniert wurde, gibt ja immerhin ein bisschen Hoffnung auf eine langfristige Perspektive. Und die Premierenfeiern in der Villa Hirche sind um Einiges besser als das, was üblicherweise in Dresden stattfindet.

Nun aber dann doch schon zu dem, was wir sehen werden.
Der kluge Text auf dem Programmflyer ist dank seiner Ausführlichkeit dann doch plausibler als die wenigen Zeilen im Netz. Es wird auf den „Global Player Faust“ von Michael Jäger Bezug genommen, auf dessen Zweifel, ob das Streben an sich erstrebenswert ist angesichts der Folgen. Was ist denn so schlimm am Verweilen? Wenn jeder Ruhepunkt verschwunden ist, sind wir im Ewig-Leeren.
Auch Christoph Binswanger, der bereits in einem anderen Faust-Stück sich zum Thema Geld und der Gier danach äußert, wird zu „Geld und Magie“ zitiert. Die Schaffung des Papiergeldes, schon bei Goethe ein alchemistischer Vorgang, entkoppelt das Geld vom Gold und lädt förmlich ein, unsichere Wetten (da haben wir es wieder!) auf die Zukunft einzugehn.

Das Ambiente mit dem ehemaligen Labor der Fakultät Elektrotechnik darf man genial nennen. Der spröde Charme der Lehreinrichtung wird ergänzt durch Illuminationen und die Theatereinbauten. Die Bühne in ihrer Nüchternheit ist das ideale Podium für eine Sezierung des Faustschen Ansatzes.
Der Saal fasst etwa 150 Besucher, ca. zwei Drittel davon bevölkern ihn. Viel junges Volk, einige davon mit tschechischer oder polnischer Zunge, wir sind im Dreiländereck, angenehme Mischung. Die Getränke kann man mit reinnehmen, domestiziert durch die Dresdner Theater hab ich aus Unkenntnis mein Bier zuvor runtergestürzt. Naja, zur Pause weiß ich dann Bescheid.

Es beginnt etwas rätselhaft. Ein langes musikalisches Vorspiel, dann ein apokalyptischer Text. Faust ist in die heutige Arbeitswelt versetzt, eine Erzählerin beschreibt seine Qualen. Zumal auch das Koks alle ist, immerhin ist noch der Malt da. Burn out as usual, er ist kein Versager, nein, aber er ist tot. Der Wagner-Dialog wird von Pappnasen vorgetragen, Faust windet sich derweil im Krankenbett.
Mephisto, nein, Mephista erscheint, in Latex. Faust wettet, hätt ich auch gemacht.

Dann die Midlife-Crisis wieder im Fokus, ein Arzt mit Flasche beklagt die mangelnde Orientierung heute und erzählt uns seine HIV-Geschichte. Seele weg, alles weg.
Faust glänzt (nicht nur) durch eine beeindruckende Stimme und begibt sich in die Hexenküche, wo ihn eine propere Meerkatze sanft entkleidet. Der Zaubertrank kommt hier aus der Dose und verleiht Jugend. Als Helena muss Marylin herhalten, was ich dann doch etwas anmaßend finde. Hoffentlich werden die Götter nicht böse.
Mephisto sieht nun aus wie der selige Dirk Bach in schlank, beide tragen quietschbunte Hemden wie der Typ aus dem Fernsehen, dessen Namen ich mir zum Glück nicht merken kann.

Das Gretchen wird hier etwas anders kennengelernt, er solle doch „wieviel“ fragen, regt sie an. Faust mag es offenbar klassisch und verzieht sich erstmal.
Dann doch die Gretchenfrage. Eine prima Rollenverteilung, Grete flitzt wie ein Weberschiffchen zwischen den beiden Fäusten hin und her, die abwechselnd versuchen die Frage wegzudefinieren.
Wir springen in den Alltag und in das gefürchtete Beziehungsgespräch. Der Schlips bleibt zu kurz und Mann und Frau passen sowieso nicht zueinander. Köstlich, eine Aufwärtsspirale wie bei Loriot, unaufhaltsam bis zur Explosion. „Leben ist grundsätzlich anstrengend“, versucht er noch auszuweichen, aber sie liest seine Gedanken: „doch mit Dir ganz besonders“. Dabei wollten sie doch nur was gemeinsam unternehmen …
„Ich wäre schon froh, wenn ich immer das wollen würde, was ich tue“, in diesem schlichten Satz manifestiert sich seine Wunschlosigkeit und gesellschaftliche Kompatibilität.

Vor der Pause noch ein Ärgernis, eine Talkshow-Persiflage über die Ratlosigkeit der gesellschaftlichen Institutionen, die leider nicht über Kabarettniveau hinausgeht. Ein Klischee-Stadel, plakativ und verzichtbar die Szene.

Es beginnt wieder mit einem bitteren, sprachgewaltigen Monolog namens Entropie, der dankenswerterweise auf Zettelchen ausliegt. In der Kerkerszene am Ende von Faust I wird sein Text durch Strophen aus Faust II ersetzt, was einen schönen Effekt gibt, Grete und Heinrich reden aneinander vorbei, sie erzählt von Zweisamkeit, er von der großen ganzen Welt. Da ist auch nichts mehr zu retten.
Kofferträger im Gleichschritt leiten zum Kaiser über, der immer nur Gejammer hört. Es fehlt an Geld? „So schaff es denn!“ Des Kaisers Skepsis weicht, als das von Faust/Mephisto „ausgegrabene“ Papiergeld seinen Jecken wohl gefällt und sie zum Konsum anreizt. (Papier-) Geld wird durch Glauben zu Gold.
Wachstum! Wachstum! Noch mehr Wachstum!
Ein sehr guter Dialog zwischen Kaiser und Faust übrigens.

Dann eine Fotosequenz, in blitzartiger Folge werden Bilder von Herrschern und Sonstigen mit Schlag-Halbsätzen kombiniert. Ich erkenne immerhin George W. mit Lügnernase, kann ansonsten aber damit nicht viel anfangen. Das kommt mir zu bedeutungsschwer daher.

Am Ende ist Faust glücklich. Sagt er zumindest, aber so richtig sitzt der neue Text noch nicht. Doch er macht gute Fortschritte, sagt die Therapeutin.
Man muss sich das vorstellen wie in Clockwork Orange, was von den Toten Hosen so kongenial vertont wurde. Alex ist jetzt ein guter Bürger, ein neuer Mensch und systemkonform, die Gehirnwäsche hat funktioniert.
Der Darsteller des Faust (leider sind die Namen nicht den Rollen zuordenbar) hier mit seiner besten Leistung, sehr beklemmender Monolog.
Ein beeindruckendes, aussagekräftiges Schlussbild, dann Dunkelheit, dann Stille.

Herzlicher Applaus, an dem ich mich leider nur kurz beteiligen kann, der Zug wartet nicht. Nach einem straffen Marsch durch die verwaiste Innenstadt treffe ich rechtzeitig am Bahnhof ein, und neunzig Minuten später in Dresden, der Text ist inzwischen fertig.

Ein interessantes Stück, das ich empfehlen würde, wenn es nochmal käme. Eine gute Ensembleleistung, ein passendes Ambiente, ein Theatererlebnis, wie es sein soll. Ich hab den Ausflug nicht bereut.
Nur schade, ich hätte gern früher der geneigten Öffentlichkeit hiervon berichtet. So bleibt mir nur diese postume Würdigung und der Vorsatz, die Projekte der Kunst.Bauer.Bühne künftig aufmerksam zu verfolgen.

Sieben Toren sind der Faust

 

Die Geschichte einer Theaterproduktion der Bürgerbühne Dresden haben wir in „Wir armen Toren“ nachverfolgen können, ganz nett sicher, aber …

Wovon handelt das Stück eigentlich?

Gar nicht so leicht zu sagen.

Vom Faust? Sicher. Von Gretchen? Auch ein bisschen. Von der bösen Midlife-Crisis? Ja, auch. Aber nicht nur.

Es geht um „Männerbiographien“, wie einer so schön sagt, ganz verschiedene, die ein Bruch (oder auch mehrere) verbindet, aber sonst erstmal nicht viel.

Das Stück lebt von der Potenz (und der erlebbaren Hilflosigkeit) seiner Protagonisten, sieben Lebenslinien werden auf der Faust-Geschichte verprobt, meistens passt es, manchmal nicht. Es ist – stellenweise – dieselbe Story in sieben Variationen, jeder ist Faust und ist es auch nicht, die „Hunde-Monologe“ zum Einstieg machen das deutlich.

Ein assoziationsreiches Bühnenbild, sieben Felder, Kabinen, Zellen, Boxen, Rückzugsräume … davor ein schmaler Steg und fünf Meter Abstand zum Publikum. Den wird es brauchen.

Regie und Dramaturgie übertreffen sich mit Einfällen. Die drei Erzengel und den Herrgott selbst spielt einer allein, auch im Himmel ist das Personal knapp. Davor noch als Einstieg die Monologe, die dem Stück den Namen gaben: Sechs Lebensläufe im Duktus der Studierstube, einer darf dazwischen das Original aufsagen.

Man wird also eingeführt mit Berichten aus dem krisengeplagten Mittelleben, die gesamte Bandbreite dessen, was man heute so haben kann, kommt zutage. Was haben die Sieben mit Faust zu tun? Sehr viel, jeder für sich.

Überhaupt, Sieben. Die mythische Bedeutung der Zahl ist nicht zu unterschätzen, nur die Drei gibt vielleicht noch mehr her. In sechs plus einem Tag soll die Welt erschaffen worden sein (der Ruhetag gehört unbedingt dazu), sieben Todsünden sind bisher bekannt, sieben Freunde müsst ihr sein (zumindest im Handball), die sieben Schwaben hatten immerhin ein gemeinsames Ziel, von den Glorreichen Sieben waren am Ende zwar nur wenige übrig, aber sie haben gewonnen. Die sieben Geißlein wurden von der Klugheit des jüngsten gerettet. Die Älteren unter uns werden sich noch an Herrn Carrells „verflichste Sieben“ erinnern. „Sieben auf einen Streich“ darf natürlich auch nicht fehlen. Und wie würde „Schneewittchen und die fünf Zwerge“ klingen?

Aber was passiert nun weiter im Stück? Die aus der Hexenküche neu gewonnene Jugendlichkeit und Energie kanalisiert sich in halbstarker Brünstigkeit, Sinnsuche und Unternehmertum.

Das Gretchen, das später erscheint, ist am Anfang eine Verheißung und am Ende ein Störfaktor. Keiner scheint ihr gewachsen, nur der Goethe-Freak bezwingt sie mit seinen Versen. Aber als es ernst zu werden scheint, kneift der Depp und klammert sich an die literarische Vorlage.

Gretchen wäre hier eher respektvoll Margarete zu nennen. „Das Heute-Gretchen und die sieben Fäuste“ ist vielleicht als Titel zu direkt, aber träfe es schon irgendwie. Und wie weiland die verstoßene Königstochter hat sie die Meute im Griff, bis … ja, bis einer sich mit der originalen Geschichte vom weltlichen Ende des Gretchens in ihr Herz schleicht. Dann ist es vorbei mit der kühlen Souveränität, das Weib Grete schlüpft am Ende gar in Helenas Identität, doch vergebens: Faust IV. (in der Reihenfolge des Auftritts, eigentlich ja Heinrich IV., aber das passt so gar nicht) fühlt sich überfordert vom direkten Begehren, er hat es eher mit der Theorie.

Bis dahin ist aber noch viel geschehen: Zunächst beklagen die Fäuste wortreich und lautstark ihr schweres Schicksal, ein Pudel assistiert dabei. Jener verwandelt sich flugs in den aus dem Prolog bekannten Mephisto und verleitet figilant den Faust zum Glücksspiel. Während Quadflieg und Gründgens in der Projektion stumm große Kunst bescheren, stammeln die Protagonisten auf der Bühne deren Texte aus dem Kopfhörer nach. Interessant, sag ich mal.

Da Faust konsequent die Existenz eines Jenseits verleugnet (zu seinem Glück hat Goethe nicht schon ein paar Jahrhunderte früher gelebt), dünkt ihm sein Einsatz gering. Also was soll‘s, wetten wir halt.

Nun muss Mephisto aber liefern. Im Gegensatz zu heutigen potentiellen Lieferanten tut er’s auch, nach einer kraftvollen Hexenküchenshow (Kochen ist ja eh im Trend) stehen 7 Jung-Fäuste da, offensichtlich mitten in der Pubertät.

Man sieht es bei der Gretchen-Erscheinung, erst per Video, dann – Auftritt aus der Menge – real: Eine große Bandbreite zwischen Verschüchterung und Macho-Gehabe tut sich auf. Letzterer bereut es, eine Polka kann auch weh tun. Mit Minnesang ist der Dame auch nicht beizukommen, sie stellt insistierend die Frage, der sie den Namen gab und duldet kein Ausweichen. Die anderen Fäuste verpissen sich, als auch die dank Brieftasche dicke Hose des Dritten sie nicht beeindruckt.

Nur der Feingeist bleibt übrig. Scheinbar wird auch er zerhackt, doch dann – wundersame Wendung – rührt er die Amazone mit dem Nachspiel von Gretchens Ende. Aber … kaum scheint er zu gewinnen, meldet sich der kleine Mann im Hinterkopf. No woman no cry …. Also Rückzug, kein Happy Ende.

Nach notgedrungen etwas ruckelndem Übergang zwei anrührende Beichten und ein Gefühlsausbruch aller Fäuste.

Mephisto zaubert im Teil Zwei unverdrossen weiter. Wenig später schwimmen alle im Geld. Aber sind die Scheine auch was wert? Man muss nur fest dran glauben. „Im Hintergrund Mephisto lacht, weil die Gier immer alles nur noch schlimmer macht.“

DER Faust – der Goethe-Kenner hatte wie vermeldet die Konkurrenten aus dem Feld geschlagen – sucht weiter Helena und findet Gretchen wieder. So war das nicht gedacht. Wieder kein Happy-End.

Finale Eins:

Die Auflösung der Wette zwischen Faust und Mephisto. Die Deutsche Bank gewinnt. Die Deutsche Bank gewinnt immer.

Finale Zwei:

Jeder der Faust-Kandidaten wettet noch einmal. Werden sie jetzt gewinnen? Meine Prognose ist 3:4.

Das Stück sollte man sicher nicht klassisch nennen, trotz der erhabenen Vorlage und vieler Zitate ist es modern angelegt. Ein dünner roter faustischer Faden zieht sich hindurch, die durchgängige Handlung der Vorlagen blitzt nur gelegentlich auf, es sind eher aneinandergereihte Szenen, mal nach, mal ohne, mal fast gegen Goethe. Der Wiedererkennungsfaktor des Faust ist manchmal gering, auch Deutschlehrer werden nicht jede Episode einordnen können. Aber darauf kommt es auch nicht an.

Ich armer Tor“ verhält sich zur deutschen Nationaldichtung wie ein heutiger Nachfahre des verehrten Herrn von Goethe zu ebenjenem: Man sieht vielleicht noch die Verwandtschaft, nur behaupten muss sich der Urururenkel heute selbst, mit seinen eigenen Möglichkeiten.

Und das tut das Stück, denke ich. Dennoch. Deshalb. Sowohl. Als auch.

Bis zum Jahreswechsel noch fünf Mal im Theater Ihres Vertrauens.