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Faust: 1, Mephisto: 2

„Faust 1 + 2“ von Johann Wolfgang v. Goethe, Inszenierung des Thalia-Theaters Hamburg in der Regie von Nicolas Stemann, Gastspiel am Staatsschauspiel Dresden, 25./26. Mai 2013

Faust 1: Nur wetten kann man nicht alleine

Nein, heute keine Nacherzählung. Ich verweise auf die allgemeine Schulbildung und/oder Besuche anderer Stücke dieses Namens.
Allerdings, wer beides nicht nachweisen konnte, hatte schlechte Karten im Saal. Stemann lässt seine drei phantastischen Schauspieler (Patrycia Ziolkowska, Sebastian Rudolph und Philipp Hochmair) nacheinander antreten, nur selten miteinander. Und so muss man sich schon ein wenig auskennen im Stoff, um dem – zugegeben perfekten – Rollenzapping der Drei folgen zu können. Ein Ausblick auf das Neue Deutsche Budgettheater (als „Baddsched“ auszusprechen)? Einer spielt alles? Ich hoffe nicht.
Die erste ernstzunehmende Regie-Idee: Faust als eine Art Jonathan Meese in der Schaffenskrise. Das ist sehenswert, das erzielt Wirkung. Er baut sich nach und nach zum Wahnsinn auf, greift zum Benzinkanister, wird doch nicht … das Haus ist doch fast frisch renoviert! Nein, Wagner (Haha, schöner Joke in Dresden) kommt und verhindert das Schlimmste.
Das ominöse Fläschchen ist hier eine Pistole. Aber auch hier bewahren die Osterglocken den latent Suizidgefährdeten vor dem Abgang. Osterspaziergang zum Teil auf plattdütsch, warum nicht. Die Übertragung ins Sächsische hat man uns erspart.

Auftritt eines Pudels namens Mephisto. Der ist ein Zwilling von Faust, nicht neu, die Idee, aber gut. Jener holt schnell auf im Text und übernimmt. Der alte Faust/Mephisto/Wagner/Gott/3xErzengel/Theaterdirektor usw. schleicht sich, schaut noch ein bisschen zu, hat aber ersichtlich Pause.
Ein ergreifender Gesang von Friederike Harmsen (Microport oder Playback? Egal. Wunderschön.), dann die Wette. Das kann man nicht alleine, es kommt erstmals zum Dialog und dann zu Intimitäten unter Männern. „Und ach, sein Kuß …“, die IG Schauspiel dürfte kurz den Atem angehalten haben, aber das war eine großartige Szene.

Auerbachs Keller als Schwulenbar, OK, passt ja im Anschluss, ist auch gut gemacht, toller Video-Einsatz.
Nun Gretchen, aber nicht nur, auch Faust, Mephisto, Marthe. Sie lernt sich sozusagen selber kennen und will sich selbst heim begleiten, lehnt das aber ab (und geht dann doch mit sich selber mit, höhö. Auch diese Form hat also Grenzen.). Nur die Beleuchtung muss sie nicht selbst machen. Das Stilmittel erschöpft sich und mich. Gretchen ist übrigens am bestens als: Überraschung, Gretchen.
Genug genörgelt. Das Stück wird sofort um Klassen besser, wenn miteinander gespielt wird. Faustens Schuld ist hervorragend bebildert, bei der Gretchenfrage muss ihm Mephisto soufflieren, sie ist also in der Unterzahl, was ihr aber zumindest amourös gesehen nicht missfällt.
Berührend der Zwinger, die Walpurgisnacht wird mit der Nacht zuvor vermischt, Gretchens Defloration ist eher nebensächlich, Musik und Video sind wieder großartig. Der Kerker schließlich ist am Anfang ergreifend, nur, da muss man sich ohnehin schon viel Mühe geben, diese Lehrbuch-Szene zu versemmeln. Doch Stemann gelingt das fast mit einem zwanghaft modernen Ende.

Fazit dieses Teils: In der Summe toll, wenn man sich auf den Regieansatz einlassen will. Aber es ist dann doch ein Elitentheater, eines für Deutschlehrer, für Theaterroutiniers, eins fürs Feuilleton, für das Umfeld des Theatertreffens. Selbst in Hamburg wird nicht jeder den Faust auswendig können, und dies schränkt dann den Genuss schon ein. Dennoch, ein Erlebnis.

Faust 2: Der Vieles bringt

Am Anfang die Umkehrung der Situation: Zwei Herren – die einer beliebten Unsitte folgend sich nicht vorstellen – erläutern den Inhalt, allerdings derart unbeholfen, dass mich Mitleid überkommt.
Dann eine Art „Was in den letzten Folgen geschah“. Glaubt man, es sind Zuschauer hinzu gekommen? Goethe tritt im langen Kleid auf, sie zählt die Zeilen fortan mit und hakt ab. Eine alberne Vorstellung der restlichen Akteure folgt, die Verse plätschern bei moderner Klassik so dahin. Etwa achttausend haben wir noch vor uns. Ungestrichen, ja, wir haben’s dann beim vierten Mal auch kapiert.
Der Kaiser hält eine Rede mit visueller Kurvendiskussion, die Lage ist nicht gut. Mummenschanz folgt, irgendwie –tainment, weiß nur nicht welches. Aus Protest wird „Konsum“ an die Wand geschrieben, was in Dresden lustig ist. Das Volk im Blaumann protestiert gegen irgendetwas, aber das Großstadttheater traut sich dann lustigerweise nur, „Sch..e“ in den Übertitel zu schreiben. Da helfe ich doch gerne: Scheiße. Scheiße. So leicht geht das. Einfach nachmachen: Scheiße.
Man tastet und kalauert sich durch den Text. Wenn man mit dem schon nichts anzufangen weiß, kann man ihn immerhin noch verarschen. Eine schwierige Lage, bis das Papiergeld erfunden wird. Von Mephisto, klar. Da haben alle was davon. Helena tritt düster auf und wieder ab. Auch ein Affe ist immer dabei. Der erste Akt, eine Stunde, null Effekt.

Im zweiten Akt wird es nicht viel besser. Eine Knäbin liest mit Eifer, einige Requisiten aus Teil 1 tauchen auf. Die Postdramatik wird erklärt von einem Macher der ersten Stunde, der im Pflegeheim residiert, man ist also zur Selbstironie fähig, ein Pluspunkt.
Muppets übernehmen das Kommando, man muss selber lachen auf der Bühne. Spielt man jetzt auf Zeit? Man liegt doch gar nicht in Führung!
Faust krümmt sich auf der Bühne, ich mich in meinem Sessel, als ein absurder, sturzdummer Dialog über Goethe in Dresden beginnt. Nun ist der Tiefpunkt erreicht.
Ich überlege, womit ich werfen soll, aus dem 2. Rang täte das seine Wirkung, aber … im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist. Und hier ist man immer höflich.
Der Glaskasten ist an sich eine gute Idee, manchmal blitzen auch andere auf, nur die Wüste bleibt trocken trotz dieser Tropfen. Vor der Pause noch was zur Klampfe, no, no, nono. Genau.
(Für meinen verbalen Ausrutscher in einem mehr oder weniger sozialen Medium um diese Zeit möchte ich mich aber in aller Form entschuldigen)

Erstaunlicherweise sind noch viele da nach der Pause. Und die werden belohnt. Trotz der wieder gestammelten Erläuterung zur griechischen Geschichte nimmt die Angelegenheit Fahrt auf, ein ganz anderer Stil, reduziert in den Mitteln, konzentriert auf den Text. Ich reibe mir die Augen. Ist das die gleiche Inszenierung? Die Kulisse dröhnt bedrohlich, Helena und Faust kriegen sich mit unlauterer Hilfe von Mephisto, jetzt passt das auch, auch wenn ein buntes Potpourri am Ende wieder einen Rückfall befürchten lässt.
Dann verdingen sich Faust und Mephisto als Söldner, gewinnen einen Krieg für den Kaiser, Helena ist schwanger, familiäres Idyll am Buddelkasten (mit schönem Gretchenfragen-Dialog), dann aber der Absturz, als der gemeinsame Sohn zu Tode stürzt. Helena entschwindet nach dem Begräbnis.

Der letzte Teil ist zweifellos der beste. Das macht nun richtig Spaß. Faust in großer Pose. Hitler? Ich bin mir nicht sicher. Im Video eine Kakophonie von Gelehrten, die einem alle den Faust erklären wollen.
Ein Gezeitenkraftwerk soll es nun werden als bleibende Tat, dafür müssen Menschen weichen. Es trifft ein altes Paar, bei der Umsiedlung geht leider ihr Haus in Flammen auf, die alten Leutchen gleich mit. Mephisto ist nur der Vollstrecker des Faustschen Willens.
Dieser Faust ist nun alt, es geht ins Endspiel. Nein, kein Graben wird das, es wird ein Grab. In jeder Art ist er verloren. Sieben Schauspieler rezitieren im Chor seine letzten Verse. Schön. Dankeschön. Ein guter Schluss.

Trotzdem geht es noch ein bisschen weiter. Der Kampf der Heerscharen (himmlisch und höllisch) muss noch geschildert werden.
Mephisto erliegt dem Charme der Engel, ist kurz unaufmerksam, schon ist die Seele weg, zum Himmel entschwunden. Alles war umsonst.
Ein honigsüßes Ende, passend mit einem Schlager vertont, großes Finale. Schön die Verlesung der Beteiligten, wie bei der großen Samstagabendshow.
Begeisterung dort, wo die Zuschauer sitzen, Jubelstürme. Es hat gefallen, das Ende war die Wende.

In diesem Sinne: Danke für den Besuch, Thalia. Gern mal wieder.
Ach so, die Überschrift. Ich denke, Faust ist eher so Dortmund. Er mag der Sieger der Herzen sein, aber die Abendkasse hat Mephisto an sich genommen. Jede Wette.

Weltall, Kirche, Mensch

„Leben des Galilei“ von Bertolt Brecht / Margarete Steffin in der Regie von Armin Petras, Premiere am Staatsschauspiel Dresden am 9. März 2013

Zu Beginn eine gleißende Helle, als ob man in die Sonne schaut. Die Kunst ist erstmal anstrengend, der Sinn erschließt sich erst später.
Ein Focaultsches Pendel schwingt zwischen raumhohen Spiegeln, mühsam ist es zu erkennen.

Das Licht geht aus, erleichterter, dämlicher Applaus, mich erfasst Fremdscham.
Galileo rezitiert seine Erkenntnisse, der Hintergrund füllt sich mit Lauschern. Er stiftet Verwirrung und Durcheinander, der Mittelpunkt ist weg.
Seine weitere Karriere ist auf ein Plagiat gestützt, er verkauft das Fernrohr aus Holland als seins und erntet den Ruhm. Die Übergabe an den Dogen von Venedig spielt die Tochter nach, das ist witzig. Dann eine Menge Italo-Klischees, eine Gehaltsverhandlung, Wolfgang Michalek witzelt sich in einer seiner vielen Rollen in Fahrt.
Es gibt Zitate aus der Dreigroschenoper, dann noch ein Faustscher Hundemonolog: Galilei ist groß, aber unzufrieden. Sehr schöne Bilder in der Folge, auch viel Pantomime. Die aufgebaute Kunst bleibt nicht stehen, sie fällt um bzw. entwickelt sich weiter.
Bühnennebel zieht in den Saal, die älteren Damen neben mir husten demonstrativ. Galileis Entdeckung auf den Punkt gebracht: Da ist kein Halt im Himmel. Da ist auch kein Platz mehr für Gott.

Die Tochter (Julischka Eichel eher unterfordert) muss ein Dummchen spielen, auch die Haushälterin (eine souveräne Nele Rosetz für die erkrankte Karina Plachetka) hat die Klischees zu bedienen. Minderlustig. Auch Sebastian Wendelin, der ansonsten als Andrea Sarti großartig ist, macht als singender Kastrat keine tolle Figur. Dann sind auch noch die Requisiten störrisch.

Galilei, nunmehr am florentinischen Hof, will einen Beweis per Augenschein erbringen, wird aber in einen formalen Disput gezwungen. Dieser ist erstklassig in Szene gesetzt, der Mathematiker sagt, es kann nicht sein, der Philosoph, es ist nicht nötig, der Theologe, es ist gefährlich. 3:0 für den AC Florenz.
Die katholische Dialektik ist einfach: Wenn das Fernrohr Ergebnisse bringt, die von der Lehre abweichen, kann es nicht zuverlässig sein. Also ist damit gar kein Beweis möglich.
Soll man (nicht) fragen, wohin die Wissenschaft uns führt? Die Frage scheint heute genauso aktuell wie damals.

Die Pest bricht aus, auch das faszinierend dargestellt auf der Bühne. „Keine Panik!“ ist die Parole, die mit Galilei zurückgebliebene Haushälterin stirbt trotzdem. Für die Wissenschaft?
Das Teufelsrohr, was dieser Galilei da anschleppte, scheint gefährlich. Am Ende ist die Erde auch nur ein Stern! Vorsichtshalber wird ein ptolemäisches Gebet gesprochen.
Krachbumm-Musik setzt ein, die Szenen werden jetzt untertitelt. Es folgt eine Zitatenschlacht mit Kardinal Barberini, die die Indizierung der „Diskursi“ aber nicht mehr abwenden kann. Galilei ist fortan verboten.

Der Mönch, der kurz danach Galilei seine Abkehr von der Wissenschaft erklären will, hat bedenkenswerte Argumente: Leben die Menschen auch in Armut, so leben sie doch in einer Ordnung und wissen, dass jemand sie leitet und über sie wacht. „Kein Aug liegt auf uns? Kein Sinn im Elend?“ Ordnung ist wichtiger als Wissen.
Danach Albernheiten mit Tonband. Wendelin pendelt und entlässt uns in die Pause.

Die Transformation ins Heute erscheint gar nicht schwierig. Wenn jemand das herrschende Finanzsystem in Frage stellte, z.B. nach der Berechtigung des Zins fragte, oder einfach den Besitz an Boden und Immobilien grundsätzlich negieren würde, wären die Reaktionen sicher ähnlich, auf die heutige Art. Aber warum soll man diese Fragen nicht stellen? Dass die Erde eine Scheibe ist, war früher genauso Grundkonsens wie heute die Mär vom Wachstum als Heilsbringer.

Nach der Pause muss Virginia weiter blödeln, es nimmt kein Ende, sie kann einem leid tun. Gut gemeint ist das Gegenteil von gut, das bestätigt sich immer wieder.
Acht Jahre später, die Spiegel sind inzwischen blind, das Pendel steht still. Galilei hat sich eingerichtet, eine Knoff-Hoff-Show seiner Mitarbeiter findet statt, die aber ebenso wenig zur Wahrheitsfindung beiträgt wie die folgende Schmonzette zwischen Virginia und Ludovico, die dann fast peinlich wird.
Der alte Pabst geht, habemus papam Barberini, zur Feier des Tages wird Wein aus Plasteflaschen getrunken, wohl bekomm’s. Galilei forscht jetzt wieder, das Fräulein Tochter verliert daraufhin den Bräutigam. Wir müssen alle Opfer bringen. Für die Wissenschaft?

Der eiserne Vorhang senkt sich. Abbruch? Nein, W. Michalek tritt davor und muss nun auch den Kaspar geben. Natürlich macht er auch das großartig, einer wie er könnte auch das Telefonbuch zur Verlesung bringen und das Publikum damit begeistern, aber dem Ablauf des Stücks wird damit endgültig das Genick gebrochen.
Erst als Michalek in den Eisler-Song einsteigt, gewinnt die Szene Relevanz zurück. „Man scherzt nicht mit der Bibel“, wohl wahr.
Zurück im Spiel. Man lässt Galilei waren, das Publikum auch. Das Pendel schwingt wieder, irgendwann kommt es dann aber doch zur Auslieferung nach Rom, warum auch immer. Galilei bewohnt ab sofort einen Käfigwagen.

Der Zweifel sei die Grundlage seiner Forschung, sagt die Inquisition. Und wer zweifelt, ist schon dagegen. Das haben also weder Hitler noch Stalin erfunden.
Cui bono? Der Kirche sicher nicht, also zeigt man ihm die Instrumente.
Währenddessen warten seine Jünger auf das Ergebnis. Eine anfangs phantastische Szene, die leider am Ende wieder in Comedy endet.
Er hat widerrufen. Traurig das Land, das keine Helden mehr hat, oder eher jenes, das Helden nötig hat? Die Antwort bleibt offen.
Ein halbwegs passender 80er-Jahre-Poptitel beendet die Szene.

Galilei im Hausarrest, er wird besucht von Andrea. Mit jenem gelangt eine Abschrift des bösen Buchs in die weite Welt, fernab des Zugriffs der Kardinäle. Aber Galilei bleibt ein Gefangener der Kirche bis zu seinem Ende.
Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit, wie vor zwanzig Jahren Tocotronic so treffend sangen.

Üppiger Applaus am Ende, einige Jubelschreie für das Regieteam, denen ich mich nicht anschließen möchte.

Noch einige Nachbemerkungen:
Das Bühnenbild war großartig, wie viele andere zuvor auch. Ich habe keinen Unterschied zwischen einem renommierten bildenden Künstler und den sonst hier tätigen Bühnenbildnern gesehen.
Neben den schon erwähnten Darstellern möchte ich noch Gunnar Teuber hervorheben, der dem Federzoni Herz und Leidenschaft gab.
Die Hauptrolle war mit Peter Kurth prominent besetzt. Ich sah eine seriöse Leistung, aber nicht mehr. Neben Michalek hatte er schlechte Karten.
Das Programmheft ist äußerst informativ und dabei noch lesbar, vielen Dank dafür.

Zum Schluss: Selten sah ich ein Stück mit einer derartigen Diskrepanz zwischen großartigen, bildgewaltigen Szenen und völlig banalen, sinnfreien Zwischenspielen. Das wird mir noch eine Weile Stoff zum Nachdenken liefern.