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Schöne, nicht ganz neue Welt

Die Saisonvorschau 2014/15 des Staatsschauspiels Dresden

Es ist Gründonnerstag, ein Journalistenfeiertag, wie man jetzt auch im Staatsschauspiel Dresden weiß und deshalb die Pressekonferenz zur kommenden Saison um einen Tag vorzog. Die Vorstellung vor den interessierten Publikumskreisen (zwei Vereine und einige Abweichler) konnte aber am geplanten Tag verbleiben, die meisten im mit 200 Gästen gut gefüllten Foyer sind ohnehin im Rentenalter.

Ich beschließe, den rar gewordenen Moment, zum jüngsten Viertel der Besucher zu gehören, ausgiebig auszukosten und lasse mir die Laune auch nicht durch die witzelnde Einleitung des Vereinsmeiers Eins verderben. Dessen Zumutungen lässt Intendant Wilfried Schulz locker abtropfen und hat gleich ein ärztliches Bulletin zu verkünden: Ja, Lea Ruckpaul habe sich den Fuß gebrochen, aber bei den jungen Leuten wachse sowas schnell wieder zusammen. Sie würde heute trotzdem die Titelrolle in Antigone spielen, im Sitzen, und ihre Wege würde jemand anderes gehen, was grad noch auf der Bühne geprobt würde, weswegen man mit der Spielplanvorstellung ins Foyer ausgewichen sei.
Das klingt verdammt interessant, wie schlümmstes Berliner Regietheater, auch wenn ich das Stück überhaupt nicht und die aktuelle Inszenierung auch nicht besonders mag. Ich bleib dann aber doch nicht zur Vorstellung, die Welt (oder zumindest ein Milliardstel davon) wartet auf meinen Bericht. Also:

Die „geistige Stütze“ des 61-jährigen Schulz (um den Vereinsmeier Eins zur Strafe zu zitieren), Chefdramaturg Robert Koall, weilt im fernen Amerika, um auch dort Gutes zu tun, zumindest an einigen Studierenden. Wie man ihn kennt, wird er eine Uraufführung mitbringen.
Wilfried Schulz muss heute also alleine die durchaus wohlwollende Halbfachwelt (Fachhalbwelt?) bespielen, aber dies gelingt prächtig. Die gute Stunde vergeht wie im Fluge, nur am Anfang sind es ein paar Fußballmetaphern zu viel, das hat er gar nicht nötig, zumal er gelegentlich einen Zwischenruf bekommt, den er als Steilpass aufnimmt und dem Rufer postwendend ins eigene Netz knallt. (Jaja, ich kann das auch mit den Metaphern.)

Genug geblödelt.
Es wird eine schöne Welt werden im Dresdner Theater, wenn auch keine völlig neue. Doch man startet mit einer Uraufführung, besagter „Schönen neuen Welt“ nach Aldous Huxley, die – siehe oben – Robert Koall eingesammelt und für die Bühne aufbereitet hat. Und dann führt auch noch der seit dem Dresdner „Don Carlos“ zur allerersten Reihe gehörende Roger Vontobel Regie, der diesen beängstigend-großartigen Stoff sicher in faszinierender Weise umsetzen wird. Da freu ich mich schon sehr drauf, und wenn es für den 12. September schon Karten gegeben hätte, würde eine jetzt mir gehören.
Also mal kein Klassiker zur Eröffnung, aber vielleicht wird es ja einer.

Dafür folgt dann ein richtiger: Tschechow. Das brachte Herrn Schulz zum Sinnieren, wo denn die Sehnsuchtsorte heute so wären, da ja „nach Moskau …“ nur mehr bedingt gelten würde. Die Frage blieb offen. (Ich hätte Hiddensee und das Schützenhaus in Wehlen zu bieten, aber das ist jetzt vielleicht zu banal.)
Regie wird Tilman Köhler führen, was unbedingt eine gute Idee ist, wie laut Schulz auch das Ensemble findet. Drei Dutzend Bewerber*innen hätte er auf elf Rollen … Dass er bei dieser Gelegenheit auch noch so cool ist, über sein sicher nicht unbeträchtliches Gehalt zu witzeln (und einen Teil davon als Schmerzensgeld zu definieren), zeigt eine Souveränität, die in den fünf Jahren seines Vertrags stetig gewachsen ist.

Wilfried Schulz hat inzwischen in Dresden verlängert, was ebenfalls eine gute Idee ist, und beginnt nun seine sechste Spielzeit. In dieser wird es – auch wenn „Klaus im Schrank“ noch wie geschnitten Brot geht – ein neues Kinder- und Familienstück geben, „Das Gespenst von Canterville“ nach Oscar Wilde. Auch wenn die Geschichte eigentlich jeder kennt, wird interessant sein, wie Susanne Lietzow dies auf die Bühne bringt. Dass Herr Schulz wortreich erklärte, warum nun Frau Lietzow schon wieder „sowas“ machen würde, sagt leider einiges über das Ansehen dieser Gattung in Fachkreisen aus, was einerseits schade ist, mir aber andererseits auch wurscht, denn selbst wenn es die großartigen „Ratten“ nicht gegeben hätte, würde ich ihre Arbeit dennoch schätzen.

Der Faust kommt immer wieder, das kann ich bestätigen. Nach der werktreuen Fassung von Holk Freytag vor einigen Jahren (mit einem phänomenalen Gespann Glodde/Mesgarha, ich erinnere mich gut und gern) kommt nun der hierzulande noch nicht tätig gewesene Intendant aus Uppsala, Linus Tunström, der auch als Choreograph arbeitet, und kündigt eine freie Interpretation an. Es soll irgendwie retrospektiv werden und die Best-Ager im Ensemble dürfen sich schon mal warmlaufen. Auch das klingt spannend.
Die darstellende Jugend ist dann bei „Wie es euch gefällt“ gefragt, das Jan Gehler, Hausregisseur Nr. 2, erstmals auf der großen Bühne inszeniert. Dies sei nicht mit „Was ihr wollt“ zu verwechseln, tat Schulz kund, und bescheinigte einem „Hoffentlich!“ Rufenden dann eleganter, als ich das hier widergeben kann, mangelnde geistige Reichweite. Doch auch den hier nicht mehr ganz so gut gelittenen Andreas Kriegenburg ereilte bei dieser Gelegenheit ein Schulzscher Ordnungsruf: 30 Minuten zu lang sei es geraten.
(Schulz ist da übrigens ganz meiner Meinung, den fast einhelligen Verriss der diesjährigen Inszenierung teile auch ich mitnichten.)

Egal. Kriegenburg (oder besser Dresden?) bekommt eine neue Chance, „Bernarda Albas Haus“ von Lorca wird im April 2015 premierieren und fast das gesamte weibliche Ensemble auf der Bühne versammeln, was allein schon Grund genug wäre hinzugehen. Davor gibt es noch einen unbekannten Schiller („Die Verschwörung des Fiesko zu Genua“) des hier auch noch nicht so populären Regisseurs Jan Philipp Gloger und Kafkas „Amerika“, das Wolfgang Engel, auf andere Art ein Hausregisseur, inszenieren wird, mit Olaf Altmann als Bühnenbildner.

Irgendwie (vermutlich beim Stichwort Gloger) kam dann die Sprache auf die Semperoper und die „dort noch verbliebenen Kollegen“, die sich der guten Wünsche aus dem neuschwesterlichen Hause sicher sein könnten. Respekt, noch nie hat sich ein offizieller Vertreter der Kultur im Freistaat so deutlich erbost über den Rauswurf von Serge Dorny geäußert wie Wilfried Schulz heute. Aus anderen Landeshauptstädten, z.B. in Bindestrich-Ländern, hört man derzeit eher Ergebenheitsadressen an die Ministerien.
Gut, er hat frisch verlängert, einen weiteren Rauswurf eines Intendanten wegen Majestätsbeleidigung würde Frau von Minister politisch weder durchbekommen noch überstehen, dennoch: Diese klare Positionierung ist dankenswert, zumal sie einen Bogen schlug nach Wien und nach Düsseldorf, wo auch grad große Tanker schlingern.

Zurück zu einer anderen Art von Theater: Im Großen Haus sind noch die „Lehman Brothers“ zu erwähnen, die die Geschichte des Kapitalismus über 150 Jahre erzählen werden, kleiner haben wir es hier nicht. Das Stück stammt vom Italiener Stefano Massini und kommt als deutschsprachige Erstaufführung. Regie führt der Kölner Intendant Stefan Bachmann, der damit auch die große Umbaupause in Köln überbrückt. Und Friederike Heller wird „Dantons Tod“ von Büchner inszenieren, die Premiere ist im Mai 2015 geplant.

Das Kleine Haus und die Bürgerbühne kommen dann zeitbedingt recht kurz weg. Mit Philipp Löhle gibt es einen neuen Gegenwartsautor, den Barbara Bürk inszenieren wird. Der letzte Roman von Monika Maron, „Zwischenspiel“, wird vom Jung-Regisseur Malte Schiller verarbeitet, die Hauptrolle übernimmt Hannelore Koch, eine schöne Konstellation.
Ein Stück zum NSU wird es geben, von Thomas Freyer in der Regie von Tilman Köhler, fragend angelegt, wie Schulz erklärte. Und Roger Vontobel wird mit der „Panne“ von Dürrenmatt seine zweite Dresdner Produktion in dieser Saison machen und seine allererste eines Schweizer Autors auch. Arthur Miller steht mit „Alle meine Söhne“ auf dem Programm (Regie Sandra Strunz), und Martin Heckmanns wird sich mit den Qualen der Eltern bei den ersten sexuellen Erfahrungen der Kinder befassen, ein Stück ganz nach dem Geschmack des Intendanten, wie er bekundete.
Und dann kommt noch ein Musikstück von und mit Clemens Sienknecht, „Superhirn oder wie ich die Photonenklarinette erfand“. Wilfried Schulz ist sicher nicht rachsüchtig, merkt sich aber alles, und so wurde der arme Zwischenrufer von vorhin mit „nichts Ernsthaftes, also nichts für Sie!“ angesprochen. Er wird das sicher nie wieder tun.

Ach ja, und dann steht noch was Geheimes ins Kleine Haus, mit „Ein neuer Text“ umschrieben. Immerhin der Regisseur ist mit Jan Gehler schon fixiert, was dann auf die Bühne kommt, soll erst zur Frankfurter Buchmesse verraten werden. So macht man das heute.
Die beiden hiesigen Lokalzeitungen stiegen dennoch in ihrer Berichterstattung nicht darauf ein, bei der einen ist man ohnehin nicht verwöhnt, und die andere setzte den Schwerpunkt auf die Aussagen zum „Fall Dorny“. Hier kann man sich also noch investigativ betätigen, so man dies möchte oder muss.

Die Bürgerbühne ist inzwischen Normalität, was schön ist, ihr aber in solchen Veranstaltungen auch keine Extrawurst mehr beschert. Fünf neue Inszenierungen sind zu erwarten, auf jene zur jüdischen Identität in Dresden, inspiriert durch die „letzten Zeugen“ des Burgtheaters, die zum Bürgerbühnenfestival im Mai hier gastieren werden, sei besonders verwiesen. Und auf das nunmehr dritte Landschaftstheater, wieder von Uli Jäckle.

Es ist – Phrasendrescher an – ein „reicher Spielplan“, mit einer klareren inhaltlichen Trennung zwischen Großem und Kleinem Haus, wie mir scheint. Die Saison trägt kein eigenes Motto, aber dem – nicht nur wegen der ungewöhnlichen Schauspielerportraits – gelungenen Spielzeitheft ist ein Zitat von Wolfgang Herrndorf vorweggestellt:
„Wir waren unterwegs, und wir würden immer unterwegs sein, und wir sangen vor Begeisterung mit“
Ja, meinereiner kommt mit, und selbst das Mitsingen kann ich mir vorstellen, wenn das alles so eintritt.

Die Veranstaltung beschließt Vereinsmeier Zwei, kalauernd wie Nr. Eins, aber immerhin hat er Blumen dabei. Und dann ist Ostern.

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Was immer Ihr wollt

Was immer Ihr wollt

„Die zwölfte Nacht oder Was ihr wollt“ von William Shakespeare, neu übersetzt von Frank-Patrick Steckel, gesehen in der Regie von Andreas Kriegenburg am Staatsschauspiel Dresden am 8. Februar 2014 (Premiere)

Und jedermann erwartet sich ein Fest

Die Vorschau zur 101. Saison des Staatsschauspiels Dresden in einem empfehlenswerten Magazin.

„Der Rausch der Hundertsten ist vorbei; freuen wir uns auf den Rausch der Hundertundersten.“

http://www.kultura-extra.de/theater/feull/saisoneroeffnung_staatsschauspieldresden2013.php

Unsere tägliche Schuld gib uns heute

„Die Fliegen“ von Jean-Paul Sartre in der Regie von Andreas Kriegenburg, gesehen am 8. Februar 2013 im Staatsschauspiel Dresden (Premiere), 95. n.u.S.

  

Wie zu erwarten beginnt es mit einer Überraschung. Franko-Pop, Playback-Show des Orest, die Erinnyen tanzen in schwarz. Über allen thront ein Bildnis des Erdmann Jupiter, die Sache entwickelt sich – nächste Überraschung – zum Slapstick mit Witwe.

Dann der Auftritt der Fliegen, mit Menschen dran, eine hübsche Idee. Jupiter erscheint nun wirklich. Er ist der Einzige, der nicht leichenblass ist.

 

Pünktlich zum hiesigen Totensonntag erscheinen Orest und sein pädagogischer Begleiter in seinem Heimatkaff Argos. Was sie hier wollen, wissen sie selbst nicht so richtig. Lautsprechertürme bilden die karge Bühne, in der Mitte besagtes Jupiter-Bildnis.

Elektra, eine fraugewordene E-Gitarre, tanzt mit den Müllsäcken, kurzzeitig sieht die Bühne aus wie die BRN frühmorgens. Aber das wird schnell weggefegt. Schwesterchen hat Brüderchen noch nicht erkannt.

 

Auf einmal ist man mittendrin in der Familienhölle. Schön die Puppen, das ermöglicht viele Zeitsprünge hin und zurück. Der Fluch des Verbrechens lastet auf der Mutter Klytämnestra, in ihrer Tochter hasst sie eigentlich sich selbst.

Die Bürger von Argos sind alle Untote, sie stürmen das Parkett. Reihe 16 ist manchmal durchaus ein Vorteil. Es ist dann viel los auf der Bühne, Bürger und Masken von Bürgern vermischen sich, durchaus mitreißend.

Das Volk hat jährlich 24 Stunden mit seinen lieben Verblichenen zu verbringen, eine nette Idee. Die Angst davor frisst schon mal die Seele auf. Hier ist die Reue Masochismus, der Mensch ist schuldig, so lange er lebt. In Summe wirkt das alles staatstragend.

 

Die Feier beginnt. Der Große Priester (Tom Quaas) und Ägist (Benjamin Höppner) ziehen die übliche Show ab, eine faszinierende Szene. Man fühlt sich selbst fast ein bisschen schuld.

 

Auftritt Elektra, Auftritt Sonja Beißwenger, zweifellos eine der Attraktionen des Abends. Sie tanzt. Und wie sie tanzt. Aber noch hat sie den Bruder nicht erkannt. Eine indirekte Diskussion, was wäre, wenn Orest auf einmal da wäre … Aber der will nicht so recht. Frieden ist ein hohes Gut.

Dann fällt die Maske. Aber Elektra ist mäßig begeistert. Was ist mit dem Fluch der Atriden? Ist er denn kein echter Atrid? Er soll endlich gehen. Aber er geht nicht. Er kann nicht.

 

Gibt es einen Zwang zur Rache? Ist die Vendetta schon erfunden? Elektra weiß alles vorher, ohne Kassandra zu sein. Und kann es doch nicht verhindern.

Die Wandlung des Orest zum finsteren Rächer kommt ein wenig überraschend. Aber jetzt geht’s lo-hos.

Die Wachen im Palast vollführen einen Slapstick und suchen nach dem Attentäter. Wir kriegenburgen euch! Der Fliegenschmuck des einen hält nicht stand, die Szene insgesamt ist auch verzichtbar.

 

Der amtierende König Ägist tanzt mit der Fliegenklatsche und glaubt seine eigenen Märchen. Ein letzter Walzer des hohen Paares. Nele Rosetz als Klytämnestra ist dazu verdammt, öfter einen affektierten, hohen Ton anzuschlagen, der manchmal nervt, ist ansonsten in ihrer Rolle aber sehr stimmig.

Oh-oh, Orest. Man ahnt das drohende Unheil. Er wird die Tat nicht bereuen, und das nutzt Jupiter nichts. „Die Menschen sind frei, nur sie wissen es nicht“, außer Orest eben. Deswegen hat Gott keine Macht über ihn, deswegen steuert er nach Kräften gegen. Aber auch er hat keine Allmacht. Ägist ist müde. Soll der doch …

 

Dann wird in epischer Breite geschlachtet, bisschen zu breit für meinen Geschmack. Ein Spritzer vom Blut benetzt Elektras Kleid und löst hysterische Reaktionen aus. Fortan kehren sich die Rollen um.

 

 

Nach der Pause finden wir einen feucht-glitschigen Untergrund vor, Elektra und Orest liegen im Schlafe mittendrin. Die nunmehr weißgewandeten Erinnyen empfangen ihre neue Bluttaufe, es ist Frischfleisch da.

Wie die Weberschiffchen flitzen die Greisinnen auf der nassen Bühne hin und her und verwünschen dabei das Geschwisterpaar. Und tatsächlich, bei Elektra werden die toten Augen ihrer Mutter diagnostiziert.

Elektra beginnt zu bereuen, das Paar droht getrennt zu werden. Eine große Szene, vor allem wegen der Körperlichkeit der Beteiligten. Jupiter schließlich legt sie flach, rein metaphorisch verstanden.

An Orest aber beißt er sich die Zähne aus, am Ende bettelt er um Gehorsam, weil sonst doch die Welt aus den Fugen geriete. Aber das Geschöpf, was er erschaffen hat, folgt ihm nicht. Orest hat seine eigene, ganz persönliche Freiheit, an der er festhält.

 

Christian Erdmanns Jupiter ist für mich der rote Faden des Stücks, auch wenn man ihm ein lächerliches Kostüm aufgezwungen hat, beherrscht er die Szenerie. In allen Phasen ist er souverän, fast wird das Stück zur Jupiterie.

Die Rolle des Orest dominiert an sich die Aufführung. Diesem Anspruch ist Christian Clauß nicht ganz gewachsen, er ist auf Augenhöhe in den Massenszenen, aber seine Monologe geraten für meinen Geschmack zu eindimensional mit dem fortwährenden Gebrüll. Hier verschenkt er Gestaltungsmöglichkeiten, die auch der Körpereinsatz nicht wettmachen kann. Eine sicher gute Leistung, die aber an Beißwenger und Erdmann nicht heranreicht.

 

Inzwischen erhielt Elektra ihre Bluttaufe und verschwindet endgültig im Volk von Argos.

Noch ein großer Dialog, nochmal großartige Bilder. Orest wird mit Blut bespuckt, die Erinnyen wird er nie mehr los.

Flucht? Nein. Orest tritt vor seinen Palast und lässt sich steinigen für das und von dem Volk, das er doch befreien wollte.

 

(In der ursprünglichen Orestie gibt es am Ende ein Gottesgericht, jene berücksichtigt aber auch den Anfang der Geschichte, mit Iphigenie und dem gar nicht so strahlenden Helden Agamemnon. Insofern ist das schwer zu vergleichen.)

 

 

Das im Wortsinne am Ende glatte Dresdner Parkett hat Andreas Kriegenburg gut gemeistert, nicht nur beim üppigen Schlussapplaus. Vielleicht hätte man ihm da auch einen roten und vor allem rutschfesten Teppich ausrollen können, verdient hätten er und das Ensemble es allemal. Und dem Arbeitsschutz wäre auch Genüge getan.

 

Während der Intendant hinterher von einem „blutigen Abend“ sprach und seine Schauspieler berechtigt lobte – dabei allerdings über den Regisseur kein Wort verlor – bezeichnete jener in der SächsZ vom selben Tage das Stück als „nebenbei geprobt“. Nun ja, ich weiß nicht, wie die Schauspieler das empfinden, aber dann möchte ich gern mal ein richtig geprobtes Stück von Herrn Kriegenburg sehen.

Mit dieser Inszenierung zeigt er auf jeden Fall, dass er einen eigenen, deutlich erkennbaren Stil hat. Sie reiht sich in die obere Klasse der Aufführungen der letzten Jahre ein, ohne darüber hinauszuschießen. Die Formulierung „der K. kocht auch nur mit Wasser“ wäre sicher zu billig, aber eine Offenbarung hat das Staatsschauspiel Dresden an diesem Abend nicht erlebt. Dazu ist hier wohl auch das allgemeine Niveau zu hoch.