Wenn Sprache zu Musik wird

„Requiemaszyna“ vom Theaterinstitut Warschau, entwickelt und einstudiert von Marta Górnicka, gesehen im Rahmen des Bürgerbühnenfestivals in Dresden am 21. Mai 2014

 

 Ein Bürgerensemble betritt im Dauerlauf den Saal, in einer langen Reihe, zwei Dutzend Männer und Frauen aus Warschau, die Bühne füllt sich. Kurze Stille, dann hebt der Chor an, mit Urgewalt, doch präzise moduliert und nuanciert dank des Dirigats von Marta Górnicka, die mitten im Publikum steht. Allein ihr zuzuschauen, wäre schon ein Vergnügen, wie sie mit raumgreifenden Gesten nicht nur die Stimmen, sondern auch die Bewegungen des Chors steuert.

Texte von Wladislaw Broniewski aus den dreißiger Jahren werden mit Sprachfetzen aus dem Alltag, Abzählreimen, Kampfliedern und Werbesprüchen vermischt, dabei immer wieder in Wiederholungen gepresst, die Lautstärke variiert ebenso wie die Zusammensetzung der Gruppen, die die Zeilen sprechen. Kernthema des „ekstatischen Requiems für ein System …, in dem die Freiheit zu einer Technik der Macht verkommen ist“ (so das Programmheft) ist die Arbeit, vor allem in den häufigsten Darreichungsformen „viel zu viel“ und „gar keine“, und was sie dadurch aus den Menschen macht. Dazu werden die stimmlichen Mittel des Ensembles ausgereizt, es wird gesungen, geflüstert, gebrüllt, gewispert, geatmet, im Stakkato gesprochen … Dieser Chor hat einen ganz eigenen Sound. Und eine mitreißende Rhythmik sowieso. Das meist roboterhafte Agieren ist Absicht, der fast maschinellen Sprache von Broniewski angemessen. Kaum zu glauben, was man aus Laien (denn das sind festivalgerecht alle Chormitglieder) an Klangfülle und –wucht herausholen kann, in einer ganz eigenen Schönheit.

 Ja, dieses Werk ist schön, es ist eine faszinierende Komposition aus Sprache und Rhythmus, das einen auch ohne Polnischkenntnisse in seinen Bann zieht (die Texte werden auf deutsch übertitelt). Die äußerste Exaktheit der Chorsprache, die sicher auf harter Arbeit beruht (auf polnisch „Praca“, wie oft zu hören ist) ist bewundernswert, die Choreographie der Gruppe bei den Neuformierungen auf der Bühne fällt dagegen etwas ab, auch wenn die Positionswechsel wohl überlegt scheinen. Trotz der relativen Kürze von einer dreiviertel Stunde ist auch die konditionelle Leistung der Darsteller*innen beachtlich, immerhin war es schon die zweite Aufführung an diesem Abend im Societätstheater.

Das Publikum dankt mit sehr langem und sehr lautem Applaus und trampelt fünf Vorhänge herbei. Ein Höhepunkt des Festivals, ganz ohne Zweifel.

 

 Im Publikumsgespräch ist noch einiges zu den Hintergründen zu erfahren. Es ist nach dem „Frauenchor“ und dem „Magnificat“, die beide auch international schon große Beachtung fanden und diverse Auszeichnungen bekamen, die dritte Arbeit von Marta Górnicka, die 2010 begann, in dieser Form zu arbeiten und damit eine ganz eigene Ausdrucksweise gefunden hat. Das alles passiert nicht im Rahmen einer theatergebundenen festen Institution, sondern projektbezogen unter den Fittichen des Warschauer Theaterinstituts „Zbiegniew Raszewski“. Die Mitwirkenden werden jeweils neu gecastet für die Projekte, Vorkenntnisse sind nicht erforderlich, nur ein Gefühl für Rhythmik und der Wille, sich auf einer Bühne auszudrücken. Von einem vorhandenen Libretto und einem Konzept für die Inszenierung ausgehend, wird das Stück dann in den Proben bis zur Endfassung weiter entwickelt.

 Auch wenn das chorische Theater in Dresden einige (junge) Traditionen hat, die auf Volker Lösch und seinen Bürgerchor der „Orestie“, in den „Webern“ und bei „Woyzeck“ zurückgehen, so etwas hat man hier noch nicht gesehen. Am ehesten vergleichbar scheint es mit „Antigona Oriental“ zu sein, ebenfalls von Lösch, das er in Montevideo inszenierte und damit auch in Dresden gastierte.

Aber was heißt schon „vergleichbar“? Die Requiemaschine steht für sich selbst. Ein mitreißender Abend, voller Kraft und Poesie.

 

Doch etwas fehlt

Doch etwas fehlt

1. Deutsch-Europäisches Bürgerbühnenfestival in Dresden:

Nachdem sich am Sonntag und Montag der Begriff von Bürgerbühne deutlich weitete, kehrte man mit den Stücken des vierten Tages zu den vermeintlichen Kernkompetenzen zurück.

Die Borgerscenen Aalborg Teater präsentierte „Romeo og Julie lever!“ (Romeo und Julia leben!) in der Regie von Minna Johannesson, die Mannheimer Bürgerbühne des dortigen Nationaltheaters brachte „Nichts. Was im Leben wichtig ist“ von Janne Teller mit.

Da ist etwas gelungen

Da ist etwas gelungen

Der Vollständigkeit halber noch auf diesem Kanal: Der Link zum Bericht vom zweiten und dritten Tag des deutsch-europäischen Bürgerbühnenfestivals in Dresden.

Etwas hat sich in Gang gesetzt

„…, und nichts kann es mehr aufhalten“, um einen Slogan des Deutschen Theaters Berlin, das mit seinem Jungen Theater hier ebenfalls vertreten sein wird, zu zitieren. Das erste deutsch-europäische Bürgerbühnenfestival hat am 17. Mai 2014 in Dresden begonnen, und zumindest in den nächsten sieben Tagen wird es den Rhythmus dieser Stadt maßgeblich bestimmen.

Sonnabendnachmittag, kurz vor 17 Uhr, es wuselt und quirlt derart vor und im Foyer des Kleinen Hauses, dass man eine erste Ahnung davon bekommt, welch logistischer Aufwand hinter diesem Festival steckt. …

Es dauert, ehe das Völkchen sich im Saal eingefunden hat, doch viertel sechs (für die Gäste: Viertel nach Fünf) geht es dann endlich los: Ein Chor aus siebzig Akteurinnen und Akteuren der Dresdner Bürgerbühne, in seiner Besetzung repräsentativ für die volle Breite der Spielenden, eröffnet mit einem Lied über dieselbe das Festival, gewohnt begeisterungsfähig und selbstironisch. „Party und Partizipation“ heißt das Motto, und man wagt auch den Blick in die Zukunft, wenn die Bürgerbühne erst zehn Jahre alt sein wird, steht bestimmt auch die erste Welttournee an. …

(Die gesehenen Stücke: „Die Klasse“ vom jungen theater basel und „Die letzten Zeugen“ vom Burgtheater Wien)

Der ganze Text:
http://www.livekritik.de/kultura-extra/theater/spezial/buergerbuehnenfestival2014_dererstetag.php

Monotonie im Nebelbrei

The Sisters of Mercy im Schlachthof Dresden, 13. Mai 2014

 Die Vorband ließ hoffen, Ulysses, wenn ich recht hörte, klang sehr nach Placebo, also durchaus gut.

 Nach einer halben Stunde Pause wurde dann der Saal geflutet, mit Nebel, in dessem Schutz nahten sich schemenhafte Gestalten. Das spart sicher Schminke und vielleicht war die Kapelle auch nicht in Bestbesetzung am Start und wollte das nicht wissen lassen, bei der bekannt schlechten Akustik des Schlachthofs wär es eh nicht auf die Musiker angekommen.

 Ein Hit zum Anfang für den dreiviertel vollen Saal, halbwegs erkennbar, ein paar Altrockergesten glaubte ich zu bemerken und dann: Brei. Ein Lärmbrei, routiniert runtergespielt, teilweise klang es fast wie Rammstein (was bitte unbedingt als Beleidigung zu verstehen ist), wenn auch ohne deren Brimborium.

 Ich habe selten bei einem Konzert dieser Fachrichtung so wenig Ekstase direkt vor der Bühne gesehen, weiter hinten tippte nicht nur ich fleißig auf mein Telefon. Was solls, zu hören war der Brei ja, und zu sehen war eh nüscht.

Und die Krönung all der üblen Stunde (netto dauerte die Darbietung etwa 80 min): Ein Vortrag, der wohl „First&Last&Always“ sein sollte. Dies passte nun wiederum: Es war mein erstes Konzert mit den Schwestern, es wird mein letztes bleiben und stets werde ich mich an diesen Brei im Nebel erinnern. So brennt man sich auch ins Gedächtnis.

 Was macht man als Band, wenn das in den 90ern verdiente Geld für Koks, Nutten und faule Derivate verballert wurde? Richtig, weiter touren, auch wenn man keine Lust mehr hat. So kam ich zu einem Häkchen auf der Liste der Bands, die ich nochmal sehen wollte. Wär das also auch erledigt.

 

Der Bürger als Theatermann

Denkt nach, es kommt die Feuerwache

Eine große Chance für die Dresdner Neustadt: Die „Feuerwache“ soll ein Kultur- und Kreativzentrum werden

 Dresden – soviel Gemeinplatz sei am Anfang gestattet – ist eine Kulturstadt. Wenn man sagen würde, Dresden sei zumindest im deutschsprachigen Raum DIE Kulturstadt, fiele der Protest bei vielen Dresdner Offiziellen sicher verhalten aus, denn eigentlich glaubt man das ja auch.

Nun ist alles eine Definitionsfrage, und wenn man den Kulturbegriff auf den gebauten Barock und die Kunstsammlungen, Staatskapelle und Philharmonie, Zwinger und Schloss, Semperoper und Forsythe sowie das Staatstheater und die –operette beschränkt, mag das im Verhältnis zur städtischen Größe sogar stimmen. Dresden lebt mit und in namhaften Teilen von der Kunst und Kultur, Dresden ist nahezu Kultur, auch wenn man dies im (politischen) Alltag nicht wirklich merkt.

 Nein, das hier ist nicht die Wahlempfehlung der „Gesellschaft historischer Neumarkt“ und auch keine Verlautbarung aus dem Büro der Oberbürgermeisterin. Die Einleitung soll nur verdeutlichen, dass das Thema Kultur hierzustädte doch einen anderen Stellenwert hat als anderswo, ohne jetzt Namen wie Magdeburg, Hannover oder Nürnberg nennen zu wollen.

Doch wo viel Licht ist, mangelt es auch nicht an Schatten. Je besser die Hochkultur öffentlich ausgeleuchtet wird, desto scharfer ist der Kontrast zur übrigen Kunst- und Kulturszene zu sehen, wo es –auch im Vergleich zu anderen Städten dieser Größe – an vielem mangelt, an Anerkennung, an Verdienstmöglichkeiten und schlicht oft auch am Raum zum Arbeiten.

Das hab ich mir nicht selbst ausgedacht, sondern diese – hier natürlich verkürzte – Situationsbeschreibung entstammt einer von der Landeshauptstadt Dresden bei der Prognos AG beauftragten Studie „Kultur- und Kreativwirtschaft in Dresden – Potentiale und Handlungsmöglichkeiten“, die im Juni 2011 vorgelegt und vom Stadtrat zur Kenntnis genommen wurde.

 Das lesenswerte 85-seitige Werk analysiert nicht nur die Dresdner Situation, sondern legt vor allem für die Schwerpunktbereiche konkrete Handlungsempfehlungen vor, wie dieser vielversprechende (auch, aber nicht nur) Wirtschaftszweig konkret gefördert werden könnte. Zudem sind einige knackige Merksätze enthalten, wie „Kreativität und Prekariat hängen oft sehr eng zusammen“.

Das muss einen nicht entmutigen, doch wenn man heute, knapp drei Jahre nach Veröffentlichung der Studie, die Lage betrachtet, scheint nicht nur dieser Satz von den Verantwortlichen überlesen worden zu sein.

 Machen wir es am Beispiel der Äußeren Neustadt konkret: „Es geht … darum, Freiflächen und Freiräume für die Kultur- und Kreativwirtschaft (KKW) zu erhalten. Den im Quartier bestehenden … Aufwertungs- und Umstrukturierungsprozess gilt es zumindest für Teilbereiche zu begrenzen“ wurde auf Seite 59 dort im Jahre 2011 geschrieben. Aus heutiger Sicht kann man jenen Prozess nahezu täglich verfolgen (der Zwangsumzug der blauenFABRIK und die unsichere Zukunft der LÖ14, wenn man den Bogen etwas weiter spannt, auch die Probleme der Geh8, des friedrichstadtZentral und des Freiraum Elbtal sind hier Beispiele), von Gegenmaßnahmen ist jedoch nichts zu spüren.

 Auch die Feuerwache in der Katharinenstraße, eines der letzten größeren Objekte im Viertel, die sich noch in städtischen Besitz befinden, sollte nach dem Willen des Finanzbürgermeisters Vorjohann nicht der KKW dienen, sondern durch den Verkauf an einen Investor das vergleichsweise pralle Stadtsäckel weiter füllen helfen.

Wem hier der Begriff „prall“ mißfällt, der sei auf die Situation in Leipzig aufmerksam gemacht, wo man bei einer ähnlichen Stadtstruktur und –perspektive finanziell am Rande der Handlungsunfähigkeit herumlaviert und mit einem Londoner Richterspruch im Herbst sogar pleite zu gehen droht. Diese Sorgen hat Dresden nicht, doch es ist schon anzuerkennen, dass auch hier in den nächsten Jahren große Aufgaben zu stemmen sind, vor allem, was den Bau von Kindereinrichtungen und Schulen sowie die Großprojekte Kulturpalast und Kraftwerk Mitte angeht. Und wer sich eine Waldschlösschenbrücke nebst angeschlossener Tunnel leisten wollte oder musste, der hat dann auch deren Unterhalt zu bezahlen und verfügt über weniger Geld für die vorhandene Infrastruktur.

Keine einfache Gemengelage also, doch die Vorjohannschen Probleme möchten wohl viele Kämmerer gerne haben, nicht nur im Ruhrgebiet. Und einen wichtigen Zukunftsmarkt wie die kreative Szene finanziell und damit am Ende auch ideell auszutrocknen, kann man sich wohl nur leisten, wenn man das Leitbild einer barocken Schlafstadt verfolgt.

 Zum Glück stellten sich die Damen und Herren des Liegenschaftsamtes in diesem Falle derart ungeschickt an, dass selbst die ihnen ansonsten meist gewogene CDU-Fraktion im Stadtrat sich hintergangen fühlte und es so auf Initiative von Stadtrat Torsten Schulze (GRÜNE) am 27. März 2014 zu einem Beschluss kam, den man nicht nur wegen der de facto – Einstimmigkeit (67 mal Ja, 2 Enthaltungen, keine Nein-Stimme) als fast historisch bezeichnen muss: „Das Objekt in der Katharinenstraße 9 … ist zur Verpachtung mit dem Ziel der Nutzung durch die Kultur- und Kreativwirtschaft auszuschreiben …, dass eine Verpachtung spätestens ab März 2015 erfolgen kann.“

 Wow. Da sage noch jemand, die parlamentarische Demokratie sei langweilig und alles würde ohnehin vorher in den Fraktionsspitzen ausgekungelt. Was im Bundestag zutreffen mag, ist in der Halbmillionenstadt Dresden auch angesichts der uneindeutigen Mehrheiten im Stadtrat durchaus nicht immer so. Und so oft ich mich schon über knappe und m. E. falsche Beschlüsse geärgert habe, will ich hier einmal Respekt zollen: Der Stadtrat hat sich als wahrer Souverän der Lokalpolitik erwiesen, auch wenn nun einige Mitglieder diese Unbotmäßigkeit gegenüber dem Regierenden Finanzbürgermeister vielleicht schon bereuen werden angesichts der nahen Kommunalwahl).

 Doch dank dieses Überraschungscoup der GRÜNEN tut sich nun in der Katharinenstraße, mitten in der Neustadt, eine große Chance auf. Die Feuerwache, seit Jahren leerstehend, kann sich zu einem Zentrum der kreativen Szene entwickeln, das es in dieser Form in Dresden bislang nicht gibt und das den zahlreichen Aktiven dieses Bereichs eine wirkliche Heimstatt bietet.

Kann, nicht muss. Denn außer dieser Grundsatzentscheidung gibt es bisher noch nichts, inhaltlich und organisatorisch muss das alles noch ausgestaltet werden. Und die beste Chance ist nichts wert, wenn man sie nicht nutzt, nicht nur die Fußballfreunde dieser Stadt werden das wissen.

 Um in diesem Duktus zu bleiben: Der Schiedsrichter hat überraschend Elfmeter gepfiffen, der Ball liegt auf dem Punkt. Doch wer nun schießt und ob das Leder dann im Nachthimmel verschwindet (wie es Herr Hoeneß dazumal fertigbrachte), die Pille in die Arme des Kassenwarts kullert oder dann doch links oben einschlägt, ist noch völlig offen. Und ob da wirklich der Lokalmatador ran sollte, der eigentlich immer in die Mitte ballert – was der Torwart aber nun inzwischen auch weiß – oder man besser den krummbeinigen, unberechenbaren Dribbelkünstler ranlässt, ist zu diskutieren. Nur extra einwechseln sollte man niemanden dafür, auf dem Feld stehen schon genug Führungsspieler.

 Zurück ins metaphernfreie Studio:

Die beiden Häuser bieten mit ihren zusammen knapp 1.300 Quadratmetern Nutzfläche ideale Voraussetzungen für einen Mix aus allem, was die Neustadt zu bieten hat und was sie attraktiv macht. Es gibt im viergeschossigen Vorderhaus einige größere Räume von fast 60 qm für Galerien oder Kleinkunstbühnen und dazu etwa zwanzig kleinere Zimmer für Büros und Arbeitsräume, im Keller könnten Probenräume entstehen. Das drei-etagige Hinterhaus ist mit seinen zwei Dutzend kleinen Räumen für ein Atelierhaus prädestiniert.

Dies alles ist zu planen, zu organisieren und dann auch zu betreiben, von Leuten, die sich auskennen in der Szene, gut vernetzt sind und ein Händchen haben, für den oder die ein langfristig tragfähiges Konzept mehr wert ist als die kurzfristige Gewinnmaximierung. Diese sind nun zu suchen durch die Stadt.

 Das sollte man sich nicht zu leicht machen. Und ob die verschiedenen beteiligten Ämter der Stadt dieser Aufgabe im Sinne des Beschlusses allein gewachsen sein werden, darf getrost bezweifelt werden. Wenn man nicht will, dass der grad gesprungene kreative Tiger unterwegs zum bettvorliegenden Kulturpudel mutiert, muss dieser Ausschreibungsprozess eng begleitet werden, am besten durch einen Beirat aus den Vertreter*innen der kreativen Szene der Neustadt, welcher auch ein Veto-Recht besitzen sollte. Und allen, denen dieses Thema am Herzen liegt, sollte die Chance gegeben werden, sich mit Ideen und Kritik einbringen zu können.

 Stadtrat Torsten Schulze, der sich von Anfang an für eine Nutzung der Feuerwache als alternatives Kunst- und Kulturzentrum eingesetzt hat und für mich einer dieser Beiräte sein könnte, meinte im Interview: „Der erste Schritt ist nun getan, aber der schwierigste Teil liegt noch vor uns. Wir müssen dafür sorgen, dass der Stadtratsbeschluss nicht nur Papier bleibt, sondern tatsächlich das entsteht, was wir wollen: Ein kulturelles Zentrum der anderen Art, gelegen im Herzen der Neustadt.“

Dem ist nichts hinzuzufügen, aber es ist Glück und Erfolg zu wünschen.

Nimm es nicht persönlich

Vom Verhältnis zwischen Mensch und Funktion

Das diese Betrachtung auslösende Ereignis ist hier nicht weiter zu vertiefen und war an sich auch deutlicher weniger negativ als es erstmal klingt, aber es brachte mich zu einigen grundsätzlichen Erwägungen.

Wenn man für etwas, vorzugsweise eine Tätigkeit, bezahlt wird, kann man sicher immer davon ausgehen, im Rahmen davon als entpersönlichte FUNKTION zu agieren. Wäre auch ungünstig, wenn der ICE-Zugbegleiter jede Beschwerde eines Reisenden über Unpünktlichkeit seelisch mit nach Hause nähme. Da müsste die Bahn noch ein paar Psychologen mehr einstellen.
Aber der Umkehrschluss gilt nicht: Wenn man sich freiwillig einer Gruppe zuordnet, nehmen wir das Beispiel Fußballfan, bleibt man zwar für alle seine Handlungen selbst verantwortlich, wird aber von außen nicht mehr als Individuum wahrgenommen, sondern als Teil einer (zumindest mir unangenehmen) Masse. Und so kann ich zwar das gutturale Kampfgebrüll als Ganzes dämlich finden, muss das aber nicht zwingend bei jedem auch tun, der da aus welchen Gründen auch immer mitgrölt. Der mag im Einzelfall im normalen Leben durchaus ein netter Mensch sein, ich will das nicht ganz ausschließen.

Aber es soll hier nicht um Gruppendynamik und –rituale gehen, sondern um die Momente, wo man wirklich allein auf sich selbst angewiesen ist. Und da fallen mir eigentlich nur zwei Bereiche ein:
Der des Arbeitsmarktes (also das Suchen nach und das Bestehen in einem Job) einschließlich der Ausbildung dafür ist der Eine. Hier muss man sich als Mensch, als PERSON bewähren, ohne sich in einer Gruppe verstecken zu können, mit der wichtigen Ausnahme, dass man für eine (ungünstige) gesamtwirtschaftliche Situation nicht selbst verantwortlich ist, diese also „nicht persönlich nehmen“ sollte, wenn man deswegen keinen Job findet.
Der zweite große Bereich ist das weite Feld des Zwischenmenschlichen in allen Facetten von Familie, Freundschaften bis hin zur Balz. Hier die in der Überschrift genannte Aufforderung zu befolgen, fiel mir bislang schwer. Denn wie anders kann man denn Entscheidungen von anderen, die die eigene Person betreffen, nehmen, wenn nicht „persönlich“? Das beweist doch schon die Semantik.

Wenn dann aber doch jemand darauf beharrt und das nicht nur als Trostpflaster verstanden wissen will, und man demjenigen das auch gerne glauben und über die angebotene Brücke gehen möchte, was ja letztlich auch besser für das eigene Selbstwertgefühl ist, lohnt es sich ein wenig drüber nachzudenken.

Dies führt dann irgendwann nach dem vierten Grauburgunder zu einer dritten Kategorie: Der ROLLE.
Die muss irgendwo zwischen PERSON und FUNKTION liegen, ob in der Mitte oder eher einer von beiden mehr zugeneigt, hängt sicherlich auch von der konkreten Situation ab. Die ROLLE ist etwas, was man auf Grund seiner PERSON einnehmen kann (nicht jeder ist logischerweise für jede Rolle geeignet), worin man dann aber im Wesentlichen als FUNKTION wahrgenommen wird. Ob man dann auch funktional agiert, möchte ich für mich gerne verneinen, ganz ausschließen kann ich es aber nicht.
In diese ROLLE rutscht man nicht von selbst, sondern durch Fremdwahrnehmung, und – glücklicherweise – ist einem das während des Rollenspiels meist auch gar nicht bewusst. Man selbst fühlt sich als PERSON, doch für das Gegenüber ist man in einer – durch dieses – definierten ROLLE.

Die geneigte Leserin merkt schon, worauf das jetzt hinausläuft: Ein Text zur Bewältigung. Nicht immer ist man ja glücklich mit der einem zugedachten ROLLE, zumal wenn das Spiel anders ausgeht als erhofft. Man sucht den Grund in der PERSON, in sich selbst, nimmt es also persönlich.

Da ist die Begrifflichkeit der ROLLE dann schon eine goldene Brücke zurück zum Selbstbewusstsein. Die ROLLE war halt so angelegt, es wirkten Mechanismen, auf die man keinen Einfluss hatte. Na also.
Und die PERSON, der Mensch also, im konkreten Falle ich, freut sich über wiedergewonnene Stabilität. Es lebe die Dialektik.

Was würden Sie aus Liebe tun?

„Die Jüdin von Toledo“ von Franz Grillparzer im Staatsschauspiel Dresden, Premiere am 26. April 2014

Manchmal gibt es hübsche Zufälle: Nachmittags stellte Figaro seinen Hörern diese Frage [s. Überschrift], und abends wurde das Thema im Dresdner Theater am praktischen Beispiel diskutiert. Aufschlussreich war beides, doch nur von Letzterem ist hier zu berichten.

Ein König, eher ein Königsdarsteller, in dessem fremdbestimmten Leben bislang nichts Echtes passiert ist, verliebt sich Hals-über-Kopf in eine aus dem anderen Volk, das nicht wirklich wohl gelitten ist in Kastilien und anderswo. Aber er ist überfordert damit, für seine Liebe einzustehen, dem kurzen Rausch setzt die Staatsräson ein Ende. Auf diese Schablone lässt sich das wohl reduzieren und passt dann auch auf ähnliche Lebenslagen.

Der Bericht hier:

http://www.kultura-extra.de/theater/spezial/premierenkritik_diejuedinvontoledo_staatsschauspieldresden.php

Schlachte Deinen Nachbarn!

„Ruanda-Memory“, Cie. Freaks und Fremde, Uraufführung im Societätstheater Dresden am 25. April 2014

 Anfang der neunziger Jahre, in Sachsen, einem bergigen kleinen Land irgendwo in Europa. Die Schwarzhaarigen waren es endlich leid, dass die Blonden schöner, stärker und reicher schienen als sie selbst. Als einer von Ihnen eher zufällig durch einen Blonden zu Tode kam, war das Maß voll: Ein Gemetzel hob an, wie es dieses Land noch nicht erlebt hatte. Innerhalb eines Vierteljahres starben eine Million Blonde, von der Hand ihrer Freunde, Nachbarn, Familienmitglieder, wer nicht flüchten konnte, wurde niedergemacht, Kinder, Frauen, Alte. Wer blond war, musste sterben. Die im Land stationierten Truppen der vier Mächte waren ratlos, schauten zu und schauten weg, die Blonden unter ihnen verbargen ihr Haar unterm Blauhelm. Erst als kein Blond mehr auf der Straße schimmerte, nahm das Morden ein Ende.

 Blödsinn?

Weiter hier:
http://www.livekritik.de/kultura-extra/theater/spezial/urauffuehrung_ruandamemory_societaetstheaterdresden.php