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Nimm es nicht persönlich

Vom Verhältnis zwischen Mensch und Funktion

Das diese Betrachtung auslösende Ereignis ist hier nicht weiter zu vertiefen und war an sich auch deutlicher weniger negativ als es erstmal klingt, aber es brachte mich zu einigen grundsätzlichen Erwägungen.

Wenn man für etwas, vorzugsweise eine Tätigkeit, bezahlt wird, kann man sicher immer davon ausgehen, im Rahmen davon als entpersönlichte FUNKTION zu agieren. Wäre auch ungünstig, wenn der ICE-Zugbegleiter jede Beschwerde eines Reisenden über Unpünktlichkeit seelisch mit nach Hause nähme. Da müsste die Bahn noch ein paar Psychologen mehr einstellen.
Aber der Umkehrschluss gilt nicht: Wenn man sich freiwillig einer Gruppe zuordnet, nehmen wir das Beispiel Fußballfan, bleibt man zwar für alle seine Handlungen selbst verantwortlich, wird aber von außen nicht mehr als Individuum wahrgenommen, sondern als Teil einer (zumindest mir unangenehmen) Masse. Und so kann ich zwar das gutturale Kampfgebrüll als Ganzes dämlich finden, muss das aber nicht zwingend bei jedem auch tun, der da aus welchen Gründen auch immer mitgrölt. Der mag im Einzelfall im normalen Leben durchaus ein netter Mensch sein, ich will das nicht ganz ausschließen.

Aber es soll hier nicht um Gruppendynamik und –rituale gehen, sondern um die Momente, wo man wirklich allein auf sich selbst angewiesen ist. Und da fallen mir eigentlich nur zwei Bereiche ein:
Der des Arbeitsmarktes (also das Suchen nach und das Bestehen in einem Job) einschließlich der Ausbildung dafür ist der Eine. Hier muss man sich als Mensch, als PERSON bewähren, ohne sich in einer Gruppe verstecken zu können, mit der wichtigen Ausnahme, dass man für eine (ungünstige) gesamtwirtschaftliche Situation nicht selbst verantwortlich ist, diese also „nicht persönlich nehmen“ sollte, wenn man deswegen keinen Job findet.
Der zweite große Bereich ist das weite Feld des Zwischenmenschlichen in allen Facetten von Familie, Freundschaften bis hin zur Balz. Hier die in der Überschrift genannte Aufforderung zu befolgen, fiel mir bislang schwer. Denn wie anders kann man denn Entscheidungen von anderen, die die eigene Person betreffen, nehmen, wenn nicht „persönlich“? Das beweist doch schon die Semantik.

Wenn dann aber doch jemand darauf beharrt und das nicht nur als Trostpflaster verstanden wissen will, und man demjenigen das auch gerne glauben und über die angebotene Brücke gehen möchte, was ja letztlich auch besser für das eigene Selbstwertgefühl ist, lohnt es sich ein wenig drüber nachzudenken.

Dies führt dann irgendwann nach dem vierten Grauburgunder zu einer dritten Kategorie: Der ROLLE.
Die muss irgendwo zwischen PERSON und FUNKTION liegen, ob in der Mitte oder eher einer von beiden mehr zugeneigt, hängt sicherlich auch von der konkreten Situation ab. Die ROLLE ist etwas, was man auf Grund seiner PERSON einnehmen kann (nicht jeder ist logischerweise für jede Rolle geeignet), worin man dann aber im Wesentlichen als FUNKTION wahrgenommen wird. Ob man dann auch funktional agiert, möchte ich für mich gerne verneinen, ganz ausschließen kann ich es aber nicht.
In diese ROLLE rutscht man nicht von selbst, sondern durch Fremdwahrnehmung, und – glücklicherweise – ist einem das während des Rollenspiels meist auch gar nicht bewusst. Man selbst fühlt sich als PERSON, doch für das Gegenüber ist man in einer – durch dieses – definierten ROLLE.

Die geneigte Leserin merkt schon, worauf das jetzt hinausläuft: Ein Text zur Bewältigung. Nicht immer ist man ja glücklich mit der einem zugedachten ROLLE, zumal wenn das Spiel anders ausgeht als erhofft. Man sucht den Grund in der PERSON, in sich selbst, nimmt es also persönlich.

Da ist die Begrifflichkeit der ROLLE dann schon eine goldene Brücke zurück zum Selbstbewusstsein. Die ROLLE war halt so angelegt, es wirkten Mechanismen, auf die man keinen Einfluss hatte. Na also.
Und die PERSON, der Mensch also, im konkreten Falle ich, freut sich über wiedergewonnene Stabilität. Es lebe die Dialektik.