Kategorie: Theater
Wir haben keine Chance. Vielen Dank.
„Koma“, ein Stück der „die bühne – Theater der TU Dresden“, Regie Romy Lehmann, gesehen am 25.06.13 in der Groovestation Dresden
Die Überschrift gibt die letzten Worte des Stücks wieder, die von allen drei Darstellern zeitlich versetzt rezitiert werden. Eigentlich ist damit schon alles gesagt.
Es ist nicht das erste Stück, das sich mit jugendlicher Perspektivlosigkeit und den manchmal daraus folgenden Konsequenzen beschäftigt, aber in dieser drastischen Form hab ich das noch nicht erlebt. Doch fangen wir von vorne an.
Eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn ahne ich noch nicht, dass ich wenig später ziemlich erschüttert vor einer improvisierten Bühne sitzen werde. Beim Scrollen durch das hiesige Abendprogramm bleibt mein Auge am „Kneipentheater“ hängen, das sehr schön meine Interessensschwerpunkte zusammenbringt, auch wenn die Reihenfolge sonst eine andere ist. Auf in die Groovestation, hier in der Neustadt ist ja alles nicht weit.
Der kleine Saal ist nochmal halbiert, auf der Ebene, wo sonst die Bands schrammeln, steht eine Batterie Bierkästen. Mühsam, sich im Dreivierteldunkel einen Platz zu suchen, die etwa dreißig Stühle füllen sich schnell, man rückt zusammen. Ich habe keine Ahnung, was gespielt wird, trau mich aber auch nicht zu fragen. Sehn alle wie Insider aus hier, man blamiert sich doch nicht gern.
Drei Darsteller betreten die Bühne, alle Anfang zwanzig. Das Mädchen eröffnet, ein düsterer Albtraum von Schule und Familie wird erzählt. Gräulich genug das Ganze, aber beeindruckend vorgetragen.
Die Kleinfamilie umschlingt sich, liebt man oder würgt man sich? Der Bühnenumbau ohne Hast, zu melancholischer Musik werden gemessenen Schrittes die Kästen zu einem Bilderrahmen aufgetürmt, in welchem ein glückliches Elternpaar sich dann gegenseitig versichert, dass man ja lebe, immerhin.
Der Junior stammelt die Geschichte dazu, alltäglicher Druck, die Innenansicht des Kleinbürgeridylls entpuppt sich als ein Blick in den Vorhof der Hölle. Aber man darf sich doch nicht beklagen … Wenigstens der Konsum macht doch temporär glücklich. (Konsuhm, nicht Konnsum!)
Der folgende Text wird im Dunkeln gesprochen, eine gute Idee, so die Angst zu illustrieren. Das Fest bei kleinen Leuten besteht aus einem Sonderangebotsbraten, zwölf verschiedenen Schokoladetafeln und Käsespießchen, bis man kotzen muss. Aber wir haben uns lieb, zumindest zwei von dreien. Ein fesselndes Theater bis hierhin.
Doch es kommt noch besser. Zu Marylin Manson (sic!) liefern sich die drei Protagonisten eine veritable Schlägerei auf der Bühne, jede gegen jeden, auch körperlich eine große Szene.
Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Auf einmal sind wir in Erfurt, Guttenberg-Gymnasium. Ein Kloß im Hals entsteht.
Und der wächst und wächst, als die kalte Statistik dieser Abschlachtung vorgetragen wird. Zwei Drittel der verschossenen Patronen waren Treffer, 2,56% davon Kopfschüsse. Was haben Sie denn, Sie sind so blass?
Die Chronik des Massakers wird erzählt, dem Zuschauer bleibt nichts erspart. Dem Leser schon, ich beschränke mich darauf zu berichten, dass sich der Täter verdoppelt, ja verdreifacht im Verlauf der Szene. „Höhepunkt“ ist die Hinrichtung der Direktorin, dass die erschossenen Lehrer alle Namen bekommen, macht das Grauen erst recht plastisch.
Darf man bei einem solchen Thema sagen, dass die Form der theatralischen Umsetzung großartig war? Stellenweise wähne ich mich bei „Titus Andronicus“, jenem bluttriefenden Abend im Kleinen Haus, nur das hier alles bloß im Kopf stattfindet.
Die versetzte dreistimmige Lesung des Endes (auch diese vor allem von Romy Lehmann, der Regisseurin, die diesmal auch selbst spielte, in einer großartigen Diktion) krönt ein packendes Theaterstück. Langer Beifall, völlig zu recht, auch für die beiden anderen Akteure Timo Raddatz und Mario Pannach.
Bekanntlich gibt es Worte, die von vorn und hinten gelesen dieselbe Bedeutung haben. Für „Koma“, den Titel des Stückes, trifft dies nicht zu. Oder doch?
Es gibt so Zufälle … Dieser heute bescherte mir eine fesselnde Vorstellung eines Dresdner Laientheaters und die erneute Gewissheit, dass es auch abseits der großen Bühnen viel Gutes zu erleben gibt.
Weitere Termine und andere Stücke der Studentenbühne sind hier zu finden:
http://www.die-buehne.net/
Zur Rolle der Bürgerbühne
Einige Gedanken nach meiner ersten Saison
Ich gebe zu, ich bin direkt betroffen. Zwiefach, als langjährig begeisterter Theatergänger und seit November 2012 als glücklich ausgewählter Darsteller in einer Bürgerbühnenproduktion. Und damit befangen? Das wertet meine Meinung eher auf, denke ich. Schließlich hab ich nun beide Perspektiven.
Die Bürgerbühne ist natürlich kein Theater im klassischen Sinne. Sie ist vielleicht auch ein wenig dem Zeitgeist geschuldet, Partizipation ist chic im Moment.
Die entscheidende Frage ist aber: Was kann sie, was klassische Theaterformen nicht können?
Sie bringt Sichtweisen hinein, die aus dem „realen Leben“ resultieren (ohne zu vergessen, dass auch das Theaterleben wirklich ist). Und sie erschließt dem Theater idealerweise neue Zuschauerkreise, die sonst nie im Saal säßen.
Im ungünstigen Fall würde sie jedoch Produktionen ersetzen, die eigentlich mit (freien) Profis gemacht werden sollten und trüge damit zur Verschlechterung deren Situation bei.
Es sollte deshalb immer einen triftigen und genau beschreibbaren Grund geben, eine Produktion ausgerechnet mit Laien zu machen. Niemand kann an einer Dreigroschenoper Interesse haben, die klassisch inszeniert wird, wo sich aber Laien auf der Bühne tummeln. Das bringt keinen Erkenntnisgewinn, und man täte den Darstellern dabei keinen Gefallen.
Die „Jungfrau von Orleans“ in Dresden ist in diesem Sinne ein Grenzfall. Durch die Jugendlichkeit der Spieler und eine für sie angepasste Bühnenfassung war dies dennoch einer der Höhepunkte der diesjährigen Bürgerbühnensaison.
Die Kernkompetenz der Bürgerbühne ist jedoch m. E. etwas anderes: Die Stück-Entwicklung mit authentischen Menschen aus dem Alltag „da draußen“, die etwas zu erzählen haben, und die Schaffung eines tragfähigen Rahmens dafür. Zu Probenbeginn existiert dabei allerhöchstens ein grobes Konzept für den Inhalt, der rote Faden muss erst noch ausgerollt werden. „Ja, ich will“, „Cash“ und der „Arme Tor“ sind dabei ideale Beispiele.
Der Ablauf der Stückentstehung, diese Mischung aus Improvisieren, Vertiefen und Verwerfen, die harte Arbeit an Text und Form ist übrigens aus meiner Sicht für die Mitwirkenden noch spannender als das spätere Rampenlicht. Man ist über ein Vierteljahr Bestandteil eines kreativen künstlerischen Prozesses, wer hat das im Alltag sonst schon?
Ein besonderer Aspekt sind dabei die zahlreichen Clubs der Bürgerbühne, deren wöchentliche Arbeit mit einer oder zwei Aufführungen beim Clubfestival den Höhepunkt findet. Hier ist der Weg noch mehr das Ziel.
Was mich persönlich immer wieder überrascht und fasziniert, ist das kreative und darstellerische Potential, dass aus dieser doch nur Halbmillionenstadt erwächst. Als hätten hier Hunderte nur darauf gewartet, wachgeküsst zu werden.
Die Bürgerbühne Dresden ist – nach dem vierten Jahr ihres Bestehens darf man das konstatieren – eine wirkliche Erfolgsgeschichte. Es bedurfte dazu einer grandiosen Idee und noch mehr des Mutes, diese umzusetzen, eine handlungsfähige Struktur dafür zu schaffen und diese auch mit den Mitteln auszustatten, um „richtiges“ Theater zu machen.
Dass die Stücke der Bürgerbühne gleichberechtigt auf dem Spielplan stehen und von Technik und Kostümerie genau wie die Großen betreut werden, ist keine Selbstverständlichkeit. Und das ist wohl das eigentlich Revolutionäre am Dresdner Modell: die nahezu vollständige Integration dieser „Laienspieler“ ins Haus.
Aus heutiger Sicht (aber „aus heutiger Sicht“ gab es damals nicht) hätte das auch schiefgehen können: die Stücke Flops, verkopft oder Bauerntheater, die Kritiken vernichtend, das Interesse gering, das Geld zum Fenster hinausgeworfen. Hätte alles passieren können.
Dass es nicht so kam, ist der harten und kreativen Arbeit der künstlerischen Leitung um Miriam Tscholl zu verdanken, und einem Intendanten Wilfried Schulz, der genug Mut und Vertrauen hatte.
Die Saat scheint nun auch bundes-, wenn nicht gar europaweit aufzugehen. Bereits im Januar 2013 gab es in Dresden eine hochspannende Tagung zum Modell Bürgerbühne, im November wird in Mannheim eine Art Folgeveranstaltung stattfinden. Immer mehr Theater probieren Formen der Zuschauer- bzw. Bürgerbeteiligung aus, auch wenn die Dresdner Dimension wohl nirgendwo erreicht werden wird.
Warum? Es fehlt an Geld.
Man muss sich natürlich im Klaren sein, dass auch im Kulturetat jeder Euro nur einmal ausgegeben werden kann. Gerade wenn dieser Etat immer weiter schrumpft (oder im Extremfall wie in Eilsleben gestrichen werden soll), muss die Frage gestellt werden, ob das knappe Geld nicht besser komplett jenen zugute kommen sollte, die das Theater als Beruf (und Berufung) betreiben und schlicht davon leben müssen und wollen. Ist der Kulturetat nicht zu schade dafür, die Freizeit von gewöhnlich mitten im Leben stehenden Menschen aufzupeppen?
Das wichtigste Argument dagegen: Das Theater ist nicht für das Theater da, sondern für die Gesellschaft. Und wenn es in dieser Gesellschaft das wahrnehmbare Bedürfnis gibt, sich selbst in irgendeiner Form theatralisch zu betätigen, muss die Institution Theater auch (!) diesem nachkommen.
Aber natürlich ist das in der Theorie leicht gesagt, die konkrete Ausgestaltung muss immer lokal bestimmt werden.
Es ist auch noch auf das Verhältnis der (staatlich alimentierten) Bürgerbühne zu den freien Theatern und den Laienspielgruppen der Stadt einzugehen. Vereinfachend gesagt, wird hier oft eine Wettbewerbsverzerrung in finanzieller und personeller Hinsicht beklagt. Ob die Bürgerbühne den anderen Theatern Fördermittel abgräbt, kann ich nicht beurteilen, dazu kenne ich die Strukturen zu wenig. Für die Rekrutierung von Darstellern ist es aber natürlich ein Problem, wenn ein derart attraktives und breites Alternativ-Angebot existiert. Und wer sich schon einmal im Amateurtheater betätigt hat, ist sicher froh, weder die Kulissen selber schieben noch die Eintrittskarten verkaufen zu müssen, von Marketing, Kostüm und Technik ganz zu schweigen.
Wird damit die Laienspielszene ausgetrocknet? Ich denke eher, nach einem Abschwung wird sie sich wieder aufrappeln und vielleicht über ganz neue Kräfte verfügen.
Denn das Prinzip der Bürgerbühne (auch wenn es gelegentlich durchbrochen wird) ist: „Jeder nur einmal“. Und selbst wenn es im Einzelfall schade ist, sollte man daran festhalten. Ein stehendes Ensemble aus sich fast wie Profis fühlenden Amateuren ist nicht Sinn der Sache. Die Bürgerbühne lebt von immer neuem Input aus dem wahren Leben, und ich kann nicht erkennen, dass dieser Strom abreißen würde.
Aber wo soll der nunmehr Infizierte nun hin mit seiner entdeckten Spiellust und -freude? Genau. Ich prophezeie, die Laientheater werden allgemein einen deutlichen Zufluss erfahren in den nächsten Jahren. Und dass die neuen Mitwirkenden dann vieles besser (zu) wissen (glauben) als die Etablierten, wird man schon aushalten.
Etwa 700 Menschen haben in diesen vier Jahren die verschiedenen Angebote der Bürgerbühne aktiv wahrgenommen, die Zuschauerzahl dürfte deutlich fünfstellig sein. Allein das wäre Grund genug, alle Beteiligten zu beglückwünschen.
„Mein“ Stück hat es übrigens in die nächste Saison geschafft. Also noch ein Jahr länger kann ich gelegentlich in diesen Mikrokosmos eintauchen, die ausgeklügelte Logistik von Vorstellungen und Proben bewundern, einen Blick der vielen schönen Schauspielerinnen erhaschen, mit der Technik ein Bier trinken nach der Vorstellung und mich ein bisschen zugehörig fühlen zu diesem wunderbaren, einzigartigen Konstrukt Theater.
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Jedes Wort hat seine Zeit
„Vom Wandel der Wörter. Ein Deutschlandbericht“ von Ingo Schulze, Regie Christoph Frick, Uraufführung am Staatsschauspiel Dresden, gesehen am 21. Juni 2013
Eine Erzählung in Form eines Briefes, ein junger Schriftsteller schreibt an den Museumsdirektor des „Deutschland-Gerätes“, einer Installation von Reinhard Mucha. Es geht um seine Beziehung zu B.C., einem namhaften, ausgebürgerten DDR-Schriftsteller und um dessen „Ernährerin“ Elzbieta. Und zugleich geht es um ein Vierteljahrhundert deutscher Geschichte.
Am Anfang betrachten drei Schulzes (kenntlich gemacht durch den prägnanten Wuschelkopf) das Werk aus Buchstaben, schon vor Beginn des Stückes. Zögerlich, skeptisch sind sie. Die ersten Textfetzen flattern aus dem Off durch den Raum, es beginnt eine Dekonstruktion einschließlich Neuaufbau, ganz neue Wörter entstehen. Ein erstes starkes Bild. Schließlich bricht der ganze Haufen zusammen.
Man ahnt bald schon, worauf es hinausläuft. B.C., eine fiktive Figur, vielleicht ein bisschen an Biermann angelehnt, wird nach seinem ersten Buch gegen seinen Willen aus der DDB ausgebürgert und anfangs im Westen als Dissident hofiert. Als er aber beginnt, sich auch zu westdeutschen Zuständen zu äußern, ist es mit dem guten Willen vorbei, fortan ist er nirgendwo zuhause, zudem fehlt ihm die Reibefläche. Der Kapitalismus ist halt viel elastischer …
C. leidet an seinem Bedeutungsverlust, veröffentlicht kaum mehr etwas. Zwar wird er von der Ärztin Elzbieta materiell und auch sonst aufgefangen, aber Vollgas gibt er nur noch im Leerlauf. Und die Aufregung ist auch gar nicht gut für seine Gesundheit.
Trotz eines assoziationsreichen, starken Bühnenbildes (Alexander Wolf) aus einer hydraulisch betriebenen schiefen Ebene, die mit einem flauschigen DDR-Fahnen-Teppich mit fehlendem Emblem bedeckt ist, kann man die Aufführung sicher noch als szenische Lesung beschreiben. Und diese lebt von großartigen Schauspielern, die ihre Figuren zum Leben erwecken. Holger Hübner als mal selbstgefälliger, mal kleinmütiger, mal wütender B.C., Matthias Reichwald als Ich-Erzähler mit einer glaubhaften Wandlung von Anbetung zu kritischer Distanz und ganz besonders die frisch gekürte Erich-Ponto-Preisträgerin Sonja Beißwenger, deren Elzbieta sich von einer in Betrachteraugen fast zwielichtigen Figur in einem fulminanten Monolog zur wahrhaften Muse des B.C. emanzipiert.
Die Schilderung des Mit-Leidens des C., als er ´89 nicht dabei sein kann, in Leipzig, Plauen und anderswo, und wie er schließlich wie so viele Intellektuelle vom weiteren Ablauf der Ereignisse mehr und mehr enttäuscht wird, gehört zu den besten Passagen des ohnehin starken Textes. Der Anpassungsdruck, dem er fortan unterliegt, lässt sich fast körperlich spüren. Er weigert sich, seine Sätze „von früher“ zu wiederholen, weil die heute etwas anderes bedeuten als damals. Der „Unrechtsstaat“ war ein legitimer Begriff vor der Wende, heute ist er zu undifferenziert. Aber das versteht die Medienwelt nicht. Als Kronzeuge ist er nicht mehr zu gebrauchen.
C. hat das Gefühl, er müsse seine Bücher umschreiben, die Wörter stimmen alle nicht mehr. Doch ehe er das ernsthaft beginnen kann, nimmt ein gnädiger Tod ihm die Schreibmaschine aus der Hand.
Wird der Ich-Erzähler seinen Faden aufnehmen? Man möchte es zu gern glauben.
Ingo Schulze hat diesen Text für das Staatsschauspiel Dresden wenn nicht geschrieben, so doch für die Bühne bearbeitet. Ein Geschenk zum Hundertsten, sozusagen. Nach „Adam und Evelyn“, das in der Inszenierung deutlich opulenter, aber nicht weniger packend war, ein neues Meisterwerk. Wir haben zu danken.
Die regionalen Besprechungen der Premiere waren dennoch nicht sehr freundlich, lediglich die Süddeutsche war begeistert. Und ich jetzt auch.
Kunst hat keine Wirkung
„KapiTal der Puppen“ von René Pollesch, Uraufführung am Staatsschauspiel Dresden, gesehen am 18. Juni 2013
Man spielt auf der Hinterbühne im Kleinen Haus, locker-flockige Wohlfühlmusik zum Anfang, nur ein bisschen Gewusel, alles betont unaufgeregt. Die quietschbunte Bühne steht einfach so rum, aber man ahnt schon deren Beweglichkeit.
Die Video-Übertragung des Theaterflurklatsches ist so eine Art Beginn, Verschwörungstheorien der lustigen Art werden dargeboten. Hat der alte Hexenmeister von Regisseur sich kurz einmal wegbegeben, … dreht seine Crew einfach einen Film, was jener als Kränkung empfindet. Die Regisseursrolle kreist, jeder ist mal dran, Theater über das Theater, das ist mäßig interessant, aber ganz witzig, auch wenn der Text etwas hölzern daherkommt.
In der anschließenden Wiederholung auf der Bühne klingt er besser, die Satzfetzen prasseln hernieder wie weiland 1954 der Regen in Bern. Der aktuelle Regisseursdarsteller hat den Faden … verloren diesmal, aus dem Hintergrund könnte eine Kamera kommen und kommt.
Der Regisseur ist hier ein 1-Alpha-Brüllaffe, der völlig zu Recht hintergangen wird. Also so läuft das am Theater. Zumindest am Pollesch-Theater.
Der Kronleuchter erhebt dann den blonden Vamp (Cathleen Baumann stark, aber mit Textlücken am Ende, kein Wunder bei der Vorlage) in den Theaterhimmel, das ist hübsch anzuschauen. Der in seinem Pseudo-Ernst sehr witzige Benjamin Pauquet ist in seinem neuen, nun ja, Anzug kaum zu sehen vor dem gleich schrecklichen Bühnenbild, das ist schade. Antje Trautmann hält hochschwanger mit, ohne wie sonst öfter herauszuragen, Sascha Göpel ebenso, auch wenn der nicht in gesegneten Umständen ist. Knapper „Gewinner“ für mich Thomas Eisen, dem der gekränkte Regisseur am besten gelang.
Die Rotation der Rollen verlangt hohe Konzentration, sowohl auf der Bühne als auch auf den Rängen. Wenn man das Tempo mithält, macht es Spaß. Interessante Fragen werden aufgeworfen, zur Dankbarkeit, zur Wirklichkeit am Theater, der Glaube als Spielplatz, ein Diskurs-Stakkato. Nach und nach verläuft sich die Debatte aber im Metaphernwald, ich beginne mich zu langweilen.
Witzig dann die Großaufnahmen mit Zuschauern im Hintergrund, das ist fast Slapstick. Alles, wirklich alles hat mit dem Licht zu tun, d’accord.
Scheitern ist … Mittelstand. Aha. Und noch eine Debattenschleife, es ist zwar alles gesagt, aber noch nicht von jedem. Eine Abstrakterale beginnt, ohne größere Relevanz. Die Abschaffung des Todes ist zu fordern, mir persönlich würde die des schlechten Wetters erstmal reichen. Kunst hat keine Wirkung, wird festgestellt, ich widerspreche in mich hinein entschieden, hab aber grad kein Gegenbeispiel.
„Das ist hier der Horror“, nein, so schlimm nun auch nicht. Ein kleiner Fluchtfilm, nach kommoden 70 Minuten ist es dann vorbei.
Der Gott des Theatergemetzels hat nun seine Visitenkarte in Dresden abgegeben. Ja, es ist zweifellos ein ganz eigener Stil. Ich hätt nur gern ein Stück dazu gesehen.
Auf die Ohren gab es reichlich, zum Teil auch auf die Augen. Ein Spektakulum. Gut, wer das mag … warum nicht. Mir persönlich geht diese Bedeutungshuberei eher auf den Zeiger. Zumindest mit diesem Stück hat sich Herr Pollesch nicht in mein Herz geschlichen.
Mein damalige Verlobte, halb sorbisch und vom Lande stammend, sagte Anfang der neunziger Jahre mal, als die großeweite Welt der Kulinaristik auch über den Osten hereingebrochen war und wir diese ausgiebig testeten, sie wolle jetzt endlich mal wieder „Fleisch, Kartoffeln und Soße“. Mit einem ähnlichen Gefühl verließ ich heute den Saal, reaktionärer Sack, der ich nun mal bin.
Keen Kind nich jehabt
„Die Ratten“ von Gerhard Hauptmann, Regie Susanne Lietzow, Dramaturgie Beret Evensen, Inszenierung am Staatsschauspiel Dresden, gesehen am 13. Juni 2013
Man kann den Schimmel der Wohnhöhle förmlich riechen, die von einer Art von Menschen bevölkert ist, zu der man Lumpenproletariat sagen würde, wenn es die p.c. zuließe. Die Sonne scheint hier nur für die feinen Leute.
Zu diesen gehört Frau Henriette John sicher nicht, auch wenn sie sich durch die Stellung ihres Mannes – Maurerpolier im fernen Altona – von den übrigen Bewohnern abhebt. Viel besser geht es ihr dabei aber auch nicht, seit dem frühen Tode ihres Säuglings vor drei Jahren leidet sie unter ständigem Phantomschmerz.
Da kommt ein verzweifeltes Nicht-mehr-Fräulein Pauline, die Deutsch als Fremdsprache nur in der Praxis studieren konnte, gerade recht. Sie schwatzt der Hochschwangeren das Baby ab, 123 Reichsmark sind ein fairer Preis. Der Gatte ist erfreut über den Nachwuchs und glaubt ihre Geschichte. Es könnte sich zum kleinen Idyll fügen.
Im Hause hat sich noch ein Impressario (im Moment stellungslos) mit seinem Kostümfundus eingemietet. Für den Lebensunterhalt, nein, aus Güte den jungen Leuten gegenüber, gibt er Schauspielunterricht. Sein Töchterlein lässt er von einem angehenden Theologen unterrichten, was den schönen Effekt hat, dass jener nichts mehr von der Theologie und umso mehr vom Fräulein Tochter wissen will. Und Schauspieler will er nun werden. Und absurde Ideen zum Spiel hat er auch noch. Es bahnt sich Ärger an.
Der ist im Parterre schon lange da. Kaum entbunden, besinnt sich Pauline auf ihr verhindertes Mutterglück und fordert den verlorenen Sohn. Noch kann Frau John sie abwehren …
Die erwähnte Höhle ist riesig, sie wird durch eine raffinierte Lichtgestaltung stets in die gebotene Stimmung versetzt. Die kluge Positionierung der Personen trägt zum gelungenen Bühnenbild bei, in welchem sich ständig Türen öffnen und schließen. Immer muss man gewahr sein, dass gleich einer kommen könnte, eine Privatsphäre gibt es hier nicht.
Dass die Pauline mit der tschechischen Opernsängerin Marie Smolka besetzt wurde, ist zum einen ein gelungener Coup, was die gebrochene Sprache des Dienstmädchens angeht und eröffnet andererseits große musikalische Gestaltungsmöglichkeiten, die bestens genutzt werden. Ich hab die Gänsehäute nicht gezählt bei mir, aber es waren einige.
Die Handlung hat inzwischen an Dramatik gewonnen. Im Nebenstrang kommt es zu einer Debatte zwischen dem Direktor Hassenreuter und seinem neuen Schüler und Ex-Theologen Spitta über die rechte Art zu inszenieren. Werktreue mit großer Geste oder Naturalismus, das war damals die Frage vor 100 Jahren. In ähnlicher Form wird die auch heute noch diskutiert, wobei ich gar nicht weiß, was „Regietheater“ sein soll. Regie ist doch immer?
Die Streithähne können sich nicht einigen, dass die Liaison von Spitta mit der Tochter Walburga (trotz des Namens ist Annika Schilling in ihrer letzten Dresdner Rolle wieder bezaubernd) bekannt wird und Pfaffen-Vater Spitta aus der Provinz auftaucht, macht es nicht besser. Da sind jetzt zwei erstmal obdachlos.
Die sichtbar minütlich panischer werdende Mutter John weiß sich gegen die immer aggressiver kämpfende Pauline nicht anders zu helfen, als ihr den missratenen Bruder Bruno (Jonas Friedrich Leonardi zum Fürchten, was unbedingt ein Kompliment ist) auf den Hals zu hetzen, zur Einschüchterung. Der erledigt das auf seine Weise, hinterher treibt Pauline im Landwehrkanal. (Dass sie auf der Bühne ins Waschbecken gestopft wurde … nun ja. Geschmackssache.)
Das Haus hat aber tausend Ohren, und auch als das Ablenkungsmanöver mit dem – bald darauf toten – Baby der unlustigen Witwe Knobbe von nebenan zu nichts führt, kommt der Dreck langsam hoch.
Herr John kommt von Montage, Frau John ist mit dem gemeinsamen Sprößling zur Sommerfrische. Der schmierige Hausmeister Quaquaro (ein wirklich widerlicher Jan Maak) brieft ihn, danach gibt es für John ein paar Fragen. Der will nämlich seßhaft werden, sozusagen ein Vater von heute.
Die Vertreter der Unterschicht sprechen übrigens allesamt ein schlesisch gefärbtes Berlinerisch. Gut, besser als Sächsisch allemal, aber es ist schon anstrengend für alle Beteiligten.
Eine rührende Szene des verstoßenen jungen Paars (Thomas Braungardt als Erich Spitta mit Licht und Schatten), deren Beisammensein von einem großen Menschenauflauf gestört wird.
John stellt seine Frau zur Rede, während draußen schon die Polizei nach dem Bruder sucht, und nach einigem Hin und Her muss er erkennen, dass seine Abwesenheit in den letzten Jahren wohl doch keine gute Idee war.
Ein grelles Licht der Erkenntnis, und während es im Bürgertum eine Art Happy End gibt, der Direktor hat einen neuen Posten in Strasbourg und verzeiht den verstoßenen Kindern, ist die Lage im Proletariat aussichtslos.
Zeugin der Anklage ist schließlich Selma, das verwahrloste Kind-Mädchen von nebenan (auch diese Rolle von Lea Ruckpaul wieder hundertprozentig genau gespielt) bringt Jette John zum Geständnis. Nein, nie kein Kind gehabt nicht. Entsetzen aller Orten, nur Frau Direktor (Christine Hoppe faszinierend in ihrer Abgehobenheit) kapiert nichts.
Das Kind soll nun ins Heim. Aber bevor sich das jemand greift, zieht Henriette einen Revolver. Sechs Schüsse knallen, danach ist es dunkel.
Ein heftiger, langer Beifall brandet durchs nicht ganz gefüllte Große Haus. Völlig zu recht.
Der Stoff ist an sich zeitlos, finde ich. Man kann ihn im Anfang des 20. Jahrhunderts belassen, so wie hier, könnte ihn aber auch in andere Zeiten und Orte setzen, wo sich verschiedene soziale Schichten in die Quere kommen. Letztlich geht es – von den vielen Nebensträngen abgesehen, in die G. Hauptmann zum Teil auch viel Herzblut gesteckt haben muss (z.B. die Theaterformdiskussion) – im Wesentlichen um die unerfüllte Kindessehnsucht einer Frau und das Dramatische, was daraus aus ungünstigen Rahmenbedingungen entstehen kann.
Die Inszenierung setzte für mich auch deutlich diesen Schwerpunkt, das Schicksal und die Schuld der Henriette John. Dank einer exzellenten Rosa Enskat, der man beim physischen und psychischen Verfall wirklich genau zusehen konnte und musste, war diese Entscheidung definitiv richtig. Kongenial dazu agierte Thomas Eisen, dessen John anfangs ein schlichtes, ehrliches Gemüt ziert, der im Laufe der Erkenntnis aber immer fassungsloser, wütender und brutaler wird. Ganz große Leistung auch von ihm.
Und Albrecht Goette brachte das Kunststück fertig, aus Hassenreuter keine Witzfigur zu machen, sondern ihn als eitlen, etwas aus der Zeit gefallenen, aber Anteilnahme erweckenden alternden Impressario darzustellen.
Nach „Die Firma dankt“, jenem sehenswerten Gegenwartsstück von Lutz Hübner, hat Susanne Lietzow erneut eine hervorragende Arbeit in Dresden abgeliefert. Sollte man sich anschaun.
Butler, Kopf, Tür.
„Der Menschenfeind“ von Molière in der Inszenierung von Barbara Frey, Gastspiel des Schauspielhauses Zürich in Dresden, gesehen am 8. Juni 2013
Buckliger Butler tritt auf, murmelt irgendwas, geht ab und schlägt mit dem Kopf an den Türpfosten. Und das Ganze etwa zehnmal verteilt über das Stück. Mögen Sie diese Art von Humor? Dann hätten Sie heute abend viel Spaß gehabt.
Dabei war das noch nicht einmal der armseligste Regieeinfall, den das Stück zu erdulden hatte. „Eigentlich“ ist das eine feine Parabel über Ehrlichkeit und gesellschaftliche Konventionen, aber auch über die Unfähigkeit zum Glücklichsein. Jedoch der Regisseurin gelingt es, daraus ein hyperflaches Spektakel zu machen, wie man es nicht mal auf einer Provinzbühne sehen könnte.
Während auf dem Theaterplatz die Klassikverwertungsmaschinerie auf Hochtouren läuft, blättere ich durch das Programmheft. Das ist schnell geschafft, auch inhaltlich ist es übersichtlich. Positiv ausgedrückt: Lesbar. Aber auf zertifiziertem Öko-Papier, das schon.
Wilfried Schulz findet am Anfang warme Worte für alle, die das Gastspiel dann doch möglich machten. Nur eine Versenkung wird auf der Bühne nicht stattfinden, die Unterbühne darf noch nicht. Am Ende ist mir klar, dass die Inszenierung sich auch so versenkt.
Eine dramatische Pause tritt ein, eh es dunkelt. Das Bühnenbild erhellt sich dann langsam, ganz langsam, schweizerisch. Auch der erste Auftritt quälend langsam.
Dann startet es aber doch durch, im Stile einer Boulevardkomödie. Das Interieur lässt mich fin de siecle vermuten, auch wenn der später zum Einsatz kommende Staubsauger einer anderen Zeit entstammt.
Alceste tritt auf, die Hose ist einen Tick zu kurz, und wird von Philinte in einen Disput über gesellschaftliche Spielregeln verwickelt. Jener ist mit Thomas Loibl solide besetzt, ein Lichtblick. Michael Maertens in der Hauptrolle hingegen nervt bald mit seinem Getöse, alles muss gebrüllt werden, ein klassischer Knattermime.
Alberne Italo-Witzchen folgen, auch sonst sehr preiswerte Komik. Der erste Impuls zu gehen kommt mir nach 25 Minuten, aber die Neugier siegt.
Oronte (Matthias Bundschuh wird mir einem unglaublich dämlichen Figuransatz von der Regisseurin für was auch immer bestraft) trägt ein Sonett vor, Alceste muss sich die Ohren zuhalten, damit wir auch begreifen, dass es ihm nicht gefällt. Danke.
Der schon erwähnte Staubsauger soll dann dem ersten Dialog mit Célimène untermalen und schlägt ihn doch tot. Yvon Jansen bemüht sich sichtlich, ist aber stimmlich sehr schwach und hat nur eine einzige großartige Szene. Dazu später.
Die übrige Gesellschaft tritt auf, eine demonstrative Sitzordnung im Salon, auch dies überdeutlich. Jede Rolle eine Karikatur vom Kostüm bis zur Gestik, man möchte heulen vor Fremdscham.
Ich sitze im Parkett, mittendrin. Soll ich …? Nein, das tu ich nun doch nicht, wir sind gastfreundlich. Und die Schauspieler können ja nichts dafür.
Eine kleine Belohnung ist Christian Baumbach als ältliches Fräulein Clitandre. Eine hübsche Szene mit Célimène, schön verpackte Gehässigkeiten, er reißt Yvon Jansen zu großartigem Spiel mit.
Aber dann muss er dramaturgisch rülpsen, das Strohfeuer erlischt.
Jeder billige Effekt ist zu sehen. Angeblich soll Alceste ja dennoch sympathisch sein. Hier aber nicht. Er ist eher der Typ, der jeden anzeigt, der bei Rot über die Ampel geht. Empathie weckt er nicht, nur Widerwillen.
Olivia Grigolli, früher auch in Dresden zu sehen, hat als Éliante erst in der zweiten Hälfte mehr von der Bühne. Sie ist gut, wenn auch nicht überragend. Fraglich, ob sie eine Chance dazu gehabt hätte.
Das Beziehungsgespräch der Hauptfiguren ist dann mal ganz unterhaltsam, man merkt, was der Text hergibt. Aber viel besser wird es nicht, umständlich hangelt sich das Stück dem Ende entgegen. Hier fehlt dann auch noch der Mut zum Kürzen.
Am Ende ist Célimène gesellschaftlich ruiniert, fast scheint es, als ob sie nun reif wäre für Alceste. Doch der winkt ab, fürchtet sich wohl auch ein bisschen vorm Glück.
Im Finale kommt so etwas wie Spannung auf, Happy End? Nein, es kriegt sich keiner, jeder geht alleine ab. Zum Schluss klimpert das Klavier, die Lichter gehen nacheinander aus. Dann ist es wieder dunkel. Geschafft.
Mit dem Zünden der Saalbeleuchtung bricht eine Euphorie aus, die mich betroffen macht. Haben die dasselbe Stück gesehen? Tapfer bleibe ich bis zum Ende der Vorhänge sitzen.
„Der Mensch wär gut, anstatt so roh, doch die Verhältnisse, die sind nicht so.“ In ähnlicher Form hat das Molière schon früher gewusst. Da wäre richtig was draus zu machen gewesen. Schade.
Dem Staatsschauspiel kann man hier wohl kaum einen Vorwurf machen: Man kaufte die Katze im Sack, die Premiere war erst im Januar diesen Jahres. Ob das klug war, … na gut, es ist wie es ist. Jedenfalls fiel dieses Gastspiel deutlich ab gegenüber den anderen, Switzerland, zero points.
Faust: 1, Mephisto: 2
„Faust 1 + 2“ von Johann Wolfgang v. Goethe, Inszenierung des Thalia-Theaters Hamburg in der Regie von Nicolas Stemann, Gastspiel am Staatsschauspiel Dresden, 25./26. Mai 2013
Faust 1: Nur wetten kann man nicht alleine
Nein, heute keine Nacherzählung. Ich verweise auf die allgemeine Schulbildung und/oder Besuche anderer Stücke dieses Namens.
Allerdings, wer beides nicht nachweisen konnte, hatte schlechte Karten im Saal. Stemann lässt seine drei phantastischen Schauspieler (Patrycia Ziolkowska, Sebastian Rudolph und Philipp Hochmair) nacheinander antreten, nur selten miteinander. Und so muss man sich schon ein wenig auskennen im Stoff, um dem – zugegeben perfekten – Rollenzapping der Drei folgen zu können. Ein Ausblick auf das Neue Deutsche Budgettheater (als „Baddsched“ auszusprechen)? Einer spielt alles? Ich hoffe nicht.
Die erste ernstzunehmende Regie-Idee: Faust als eine Art Jonathan Meese in der Schaffenskrise. Das ist sehenswert, das erzielt Wirkung. Er baut sich nach und nach zum Wahnsinn auf, greift zum Benzinkanister, wird doch nicht … das Haus ist doch fast frisch renoviert! Nein, Wagner (Haha, schöner Joke in Dresden) kommt und verhindert das Schlimmste.
Das ominöse Fläschchen ist hier eine Pistole. Aber auch hier bewahren die Osterglocken den latent Suizidgefährdeten vor dem Abgang. Osterspaziergang zum Teil auf plattdütsch, warum nicht. Die Übertragung ins Sächsische hat man uns erspart.
Auftritt eines Pudels namens Mephisto. Der ist ein Zwilling von Faust, nicht neu, die Idee, aber gut. Jener holt schnell auf im Text und übernimmt. Der alte Faust/Mephisto/Wagner/Gott/3xErzengel/Theaterdirektor usw. schleicht sich, schaut noch ein bisschen zu, hat aber ersichtlich Pause.
Ein ergreifender Gesang von Friederike Harmsen (Microport oder Playback? Egal. Wunderschön.), dann die Wette. Das kann man nicht alleine, es kommt erstmals zum Dialog und dann zu Intimitäten unter Männern. „Und ach, sein Kuß …“, die IG Schauspiel dürfte kurz den Atem angehalten haben, aber das war eine großartige Szene.
Auerbachs Keller als Schwulenbar, OK, passt ja im Anschluss, ist auch gut gemacht, toller Video-Einsatz.
Nun Gretchen, aber nicht nur, auch Faust, Mephisto, Marthe. Sie lernt sich sozusagen selber kennen und will sich selbst heim begleiten, lehnt das aber ab (und geht dann doch mit sich selber mit, höhö. Auch diese Form hat also Grenzen.). Nur die Beleuchtung muss sie nicht selbst machen. Das Stilmittel erschöpft sich und mich. Gretchen ist übrigens am bestens als: Überraschung, Gretchen.
Genug genörgelt. Das Stück wird sofort um Klassen besser, wenn miteinander gespielt wird. Faustens Schuld ist hervorragend bebildert, bei der Gretchenfrage muss ihm Mephisto soufflieren, sie ist also in der Unterzahl, was ihr aber zumindest amourös gesehen nicht missfällt.
Berührend der Zwinger, die Walpurgisnacht wird mit der Nacht zuvor vermischt, Gretchens Defloration ist eher nebensächlich, Musik und Video sind wieder großartig. Der Kerker schließlich ist am Anfang ergreifend, nur, da muss man sich ohnehin schon viel Mühe geben, diese Lehrbuch-Szene zu versemmeln. Doch Stemann gelingt das fast mit einem zwanghaft modernen Ende.
Fazit dieses Teils: In der Summe toll, wenn man sich auf den Regieansatz einlassen will. Aber es ist dann doch ein Elitentheater, eines für Deutschlehrer, für Theaterroutiniers, eins fürs Feuilleton, für das Umfeld des Theatertreffens. Selbst in Hamburg wird nicht jeder den Faust auswendig können, und dies schränkt dann den Genuss schon ein. Dennoch, ein Erlebnis.
Faust 2: Der Vieles bringt
Am Anfang die Umkehrung der Situation: Zwei Herren – die einer beliebten Unsitte folgend sich nicht vorstellen – erläutern den Inhalt, allerdings derart unbeholfen, dass mich Mitleid überkommt.
Dann eine Art „Was in den letzten Folgen geschah“. Glaubt man, es sind Zuschauer hinzu gekommen? Goethe tritt im langen Kleid auf, sie zählt die Zeilen fortan mit und hakt ab. Eine alberne Vorstellung der restlichen Akteure folgt, die Verse plätschern bei moderner Klassik so dahin. Etwa achttausend haben wir noch vor uns. Ungestrichen, ja, wir haben’s dann beim vierten Mal auch kapiert.
Der Kaiser hält eine Rede mit visueller Kurvendiskussion, die Lage ist nicht gut. Mummenschanz folgt, irgendwie –tainment, weiß nur nicht welches. Aus Protest wird „Konsum“ an die Wand geschrieben, was in Dresden lustig ist. Das Volk im Blaumann protestiert gegen irgendetwas, aber das Großstadttheater traut sich dann lustigerweise nur, „Sch..e“ in den Übertitel zu schreiben. Da helfe ich doch gerne: Scheiße. Scheiße. So leicht geht das. Einfach nachmachen: Scheiße.
Man tastet und kalauert sich durch den Text. Wenn man mit dem schon nichts anzufangen weiß, kann man ihn immerhin noch verarschen. Eine schwierige Lage, bis das Papiergeld erfunden wird. Von Mephisto, klar. Da haben alle was davon. Helena tritt düster auf und wieder ab. Auch ein Affe ist immer dabei. Der erste Akt, eine Stunde, null Effekt.
Im zweiten Akt wird es nicht viel besser. Eine Knäbin liest mit Eifer, einige Requisiten aus Teil 1 tauchen auf. Die Postdramatik wird erklärt von einem Macher der ersten Stunde, der im Pflegeheim residiert, man ist also zur Selbstironie fähig, ein Pluspunkt.
Muppets übernehmen das Kommando, man muss selber lachen auf der Bühne. Spielt man jetzt auf Zeit? Man liegt doch gar nicht in Führung!
Faust krümmt sich auf der Bühne, ich mich in meinem Sessel, als ein absurder, sturzdummer Dialog über Goethe in Dresden beginnt. Nun ist der Tiefpunkt erreicht.
Ich überlege, womit ich werfen soll, aus dem 2. Rang täte das seine Wirkung, aber … im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist. Und hier ist man immer höflich.
Der Glaskasten ist an sich eine gute Idee, manchmal blitzen auch andere auf, nur die Wüste bleibt trocken trotz dieser Tropfen. Vor der Pause noch was zur Klampfe, no, no, nono. Genau.
(Für meinen verbalen Ausrutscher in einem mehr oder weniger sozialen Medium um diese Zeit möchte ich mich aber in aller Form entschuldigen)
Erstaunlicherweise sind noch viele da nach der Pause. Und die werden belohnt. Trotz der wieder gestammelten Erläuterung zur griechischen Geschichte nimmt die Angelegenheit Fahrt auf, ein ganz anderer Stil, reduziert in den Mitteln, konzentriert auf den Text. Ich reibe mir die Augen. Ist das die gleiche Inszenierung? Die Kulisse dröhnt bedrohlich, Helena und Faust kriegen sich mit unlauterer Hilfe von Mephisto, jetzt passt das auch, auch wenn ein buntes Potpourri am Ende wieder einen Rückfall befürchten lässt.
Dann verdingen sich Faust und Mephisto als Söldner, gewinnen einen Krieg für den Kaiser, Helena ist schwanger, familiäres Idyll am Buddelkasten (mit schönem Gretchenfragen-Dialog), dann aber der Absturz, als der gemeinsame Sohn zu Tode stürzt. Helena entschwindet nach dem Begräbnis.
Der letzte Teil ist zweifellos der beste. Das macht nun richtig Spaß. Faust in großer Pose. Hitler? Ich bin mir nicht sicher. Im Video eine Kakophonie von Gelehrten, die einem alle den Faust erklären wollen.
Ein Gezeitenkraftwerk soll es nun werden als bleibende Tat, dafür müssen Menschen weichen. Es trifft ein altes Paar, bei der Umsiedlung geht leider ihr Haus in Flammen auf, die alten Leutchen gleich mit. Mephisto ist nur der Vollstrecker des Faustschen Willens.
Dieser Faust ist nun alt, es geht ins Endspiel. Nein, kein Graben wird das, es wird ein Grab. In jeder Art ist er verloren. Sieben Schauspieler rezitieren im Chor seine letzten Verse. Schön. Dankeschön. Ein guter Schluss.
Trotzdem geht es noch ein bisschen weiter. Der Kampf der Heerscharen (himmlisch und höllisch) muss noch geschildert werden.
Mephisto erliegt dem Charme der Engel, ist kurz unaufmerksam, schon ist die Seele weg, zum Himmel entschwunden. Alles war umsonst.
Ein honigsüßes Ende, passend mit einem Schlager vertont, großes Finale. Schön die Verlesung der Beteiligten, wie bei der großen Samstagabendshow.
Begeisterung dort, wo die Zuschauer sitzen, Jubelstürme. Es hat gefallen, das Ende war die Wende.
In diesem Sinne: Danke für den Besuch, Thalia. Gern mal wieder.
Ach so, die Überschrift. Ich denke, Faust ist eher so Dortmund. Er mag der Sieger der Herzen sein, aber die Abendkasse hat Mephisto an sich genommen. Jede Wette.
Das schöne, arme Geld
„CASH. Das Geldstück“, ein Projekt von Melanie Hinz und Sinje Kuhn sowie der Bürgerbühne am Staatsschauspiel Dresden, gesehen am 19. Mai 2013
Es ist eine Lanze zu brechen. Für das liebe, gute, schöne Geld, das im Stück doch sehr schlecht behandelt wird. Aber dazu später.
Zwölf Menschen-Markt-Teilnehmer stehen anfangs in ihrer Weißwäsche vor dem Publikum und werden mit ihren finanziellen Verhältnissen und ihrem Kontostand vorgestellt. Es ist ein breites Spektrum, auch wenn keiner von ihnen richtig reich ist, die Palette reicht vom taschengeldberechtigten Schüler über einen hoffnungsvollen Jungbanker und einer, die das schon hinter sich hat, bis zum glücklichen Hartzer. Die Durchschnittsverdienerin ist ebenso dabei wie ein Amateurspekulant, den Manne Krug damals für die T-Aktie geworben hat, dem das Glück aber nicht erhalten blieb.
Uns wird ein Geldregen nebst –rausch vorgeführt, dann kommt Marx aus der Kiste. Geld ist Scheiße, aber kein Geld auch, so lässt sich die Disputation zusammenfassen.
Es ist immer wieder ein bewegender Moment an der Bürgerbühne, wenn die einzelnen Biographien zur Sprache kommen, das ist diesmal DDR- und Wende-Geschichte par excellence. Das Begrüßungsgeld gleich auf den Polenmarkt geschafft, für Korbmöbel, ja, so war das. Und dass der russische Laden in Kamenz so eine Art Kirche der verlorenen Heimat war, kann ich gut verstehen. Aber Eduard (Zhukov) beißt sich durch und steigt in den boomenden Markt für Pokemon-Karten ein. Köstlich sein Verkaufsgespräch mit Konstantin (Burudshiew), der Junge kann es mal weit bringen. Beide Darsteller sind mir eine Extra-Erwähnung wert, letzterer auch wegen seines Gesangs.
Die These, dass man das, was man nicht hat, auch nicht verlieren kann, wird uns dann plausibel nahegebracht. Freedom is just another word for nothing let to lose … Hätte hier gut hergepasst. Die Sterntalergeschichte mit ihrem Goldregen am Ende ist in diesem Zusammenhang vielleicht nicht ganz so passend.
Der wahre Reichtum ist Zeit, genau, völlig d’accord.
Die Maskottchenkarriere von Katharina Heider ist beeindruckend, auch wenn sie vor falschen Gesten nicht gefeit ist. Beim Escort-Service war hingegen schon am Anfang Schluss, die Unterwäschepauschale und die damit erworbene Bekleidung zweckentsprechend einzusetzen, scheiterte an den moralischen Werten.
Die These aber, dass letztlich das Verkaufen seiner Arbeitskraft auch nichts anderes als Prostitution wäre, hätte einer tieferen Diskussion bedürft, so einfach ist das glaub ich nicht. Zwar lässt schon einer, dem die Bürgerbühne heute sicher viel Spaß machen würde, seinen Peachum „Was ist die Ermordung eines Mannes gegen dessen Anstellung?“ fragen, aber die Arbeit hat sehr viele Facetten.
Nun gibt es eine Auffrischung in Scheidungsmathematik. Die Noch-Ehefrau fühlt sich auch ein bisschen wie die Nutte ihres Ex, wenn sie Geld von ihm bekommt und das mit früheren Gefälligkeiten in Beziehung bringt, aber dazu gibt es keinen Grund, Gnädigste.
Anrührend auch die Geschichte der Mannheimer Ex-Bankerin vom Aufstieg und Fall einer Karrierefrau. Den heutigen Mäzen gönn ich ihr von ganzem Herzen.
Fast schon klischeehaft der Werdegang des Ballonfliegers und Luftikus, der durch sein Glück bei Ron Sommers großer Volksverarsche Blut leckte, mal kurz am Reichtum schnupperte, dann aber doch wieder unsanft landete.
Nicht zuletzt der Kellner aus Berufung, der heute nicht mehr kellnern kann. Seine Geschichten aus der Mitropa lassen die Älteren im Saal wissend grinsen.
Nun werden Träume in Szene gesetzt, sehr schön das Ganze, sowohl optisch als auch akustisch. Money makes the world go … down? No Sir. Ich erhebe fristwahrend Einspruch und begründe ihn später.
Ein kluger Text des Diakon über das Verhältnis zum und die Bedeutung des Geldes weist eigentlich den richtigen Weg. Es ist eine Krise des Geldes, der Kredite, aber vor allem des Glaubens (daran).
Aber nun okkupiert Occupy die Bühne, die Parolen werden holzschnittartig, Gutmenschen-Attitüde, Sozialromantik. Einzig mit der kurz aufblitzenden Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen bin ich voll einverstanden, alles andere ist doch sehr simpel gestrickt.
Dank des Sparkassenbediensteten (Guido Droth sehr souverän), der dem Treiben erst skeptisch zusieht, dann aber darauf hinweist, dass es auch Falschgeld nicht umsonst gibt, kriegt man die Kurve noch zu einem plausiblen Finale.
Über Geld spielt man nicht? Im Gegenteil. Vor allem dann, wenn man so authentisch daherkommt wie dieser Abend. Auch wenn der Girokontostand sicher nicht die ganze Wahrheit ist: Hier enthüllen zwölf Menschen aus Dresden eines ihrer intimsten Details und verraten das persönliche Bankgeheimnis. Aber noch viel wichtiger, sie sprechen über ihre Geldgeschichte und über ihr Verhältnis zum Mammon. Das ist hochinteressant, da kann jeder mitdenken und –reden, das kommt in den besten Momenten sehr ergreifend daher, lässt uns aber auch lachen. Ein erneuter, schöner Beweis: Die Bürgerbühne lebt von dem (offenbar unerschöpflichen) Potential der Mitwirkenden, und von den großartigen Stück-Ideen der künstlerischen Leitung.
Wenn ich doch nicht ganz zufrieden abstieg aus dem KH3, lag das an einigen inhaltlichen Untiefen. Man kann natürlich auf das Geld schimpfen, aber … man prügelt den Sack damit und meint doch den Esel. Mit Maschinenstürmerei wird nichts besser.
Das Problem am Geld (eine der segensreichsten Erfindungen neben dem Rad im Allgemeinen und der Eisenbahn im Besonderen sowie der Anti-Baby-Pille) ist nicht dessen Existenz, sondern der Umgang damit.
Das Grundproblem ist doch ein ganz anderes:
Warum wohl ist sowohl in der Bibel als auch im Koran der Zins verboten? Welcher Idiot hat dieses verdammte Wachstumsdogma erfunden, das nicht nur unsere Umwelt, sondern auch unsere Gesellschaft kaputtmacht? Ist nicht das private Eigentum an Produktionsmitteln und allen anderen Gütern der Kern aller Ungerechtigkeit?
Ich glaube manchmal, unsere Weisheit nimmt in dem Maße ab, wie unser Wissen zunimmt.
Geld war am Anfang nichts anderes als eine große Erleichterung des Tauschhandels, aber auch der Vorratshaltung. Für eine arbeitsteilige Wirtschaft ist ein Hilfsmittel, das die produzierten Güter wertmäßig zueinander ins Verhältnis setzt, absolut unverzichtbar. Ich habe große Sympathie für die diversen Tauschbörsen, die dem Naturalhandel frönen, aber das sind Nischen. Keiner kann seine Miete mit Dienstleistungen zahlen (von speziellen Konstellationen mal abgesehen, um mir nicht den Anschein von Weltfremdheit zu geben).
Deswegen hätte ich gehofft, die großen Themen Eigentum, Zins und Wachstum wären zumindest angerissen worden. Im Programmheft geht man da leider nicht viel weiter, die „Geldkritik“ von Dieter Schnaas kratzt auch nur an der Oberfläche.
Dennoch, die „Experten des Alltags“ (wie die Bürgerbühne kurz und treffend beschrieben wird) haben auch zu diesem Thema viel Bedenkenswertes zu sagen. Allen, die sich auch für Geld interessieren, sei diese Aufführung als gewinnbringend empfohlen.
Unsre Welt soll Schöna werden! Ein Fall für alle.
Unsre Welt soll Schöna werden! Ein Fall für alle.
„Der Fall aus dem All“, ein Landschaftstheater von Uli Jäckle, Koproduktion mit dem Theater ASPIK, gesehen am 5. Mai 2013 nicht direkt am Staatsschauspiel Dresden
Eine Landpartie. Das Staatsschauspiel hat geladen und will uns die bis dato hier unbekannte Form „Landschaftstheater“ nahe bringen. Das funktioniert in etwa so, dass eine relativ große Darstellerschar diverse Örtlichkeiten an der frischen Luft bespielt und das Publikum dem Stück folgt, also hinterherwandert.
Bei Hildesheim soll das seit Jahren gut funktionieren, und was läge näher, als das Konzept mit der hiesigen Bürgerbühne zu verknüpfen?
Es ist eine Saison der Großtaten, also geht man mit dem Stück natürlich auch dahin, wo es weh tut: Reinhardtsdorf-Schöna, die idyllisch gelegene Gemeinde in der Sächsischen Schweiz, rangierte bei den letzten Landtagswahlen in der Spitzengruppe, was die NPD-Prozente anbelangt. „Sie zu lehren, sie zu bekehren?“ … Vielleicht. Auf jeden Fall geht man den schweren Weg, exportiert nicht einfach den Dresdner Bürgerbühnenstamm in die Provinz, sondern arbeitet mit den „Menschen im Lande“, wie es jetzt wieder öfter heißen wird. Bald sind ja Wahlen.
Und dieses Experiment – soviel sei vorab verraten – ist geglückt, die Idee funktioniert auch hier. Man kann „normale“ Menschen zum Spielen bringen, und man erntet dabei erstaunliche Ergebnisse.
Vor dem Beginn gibt es – für den, der wollte und für kleines Geld – eine Busfahrt durch die sonnendurchflutete Heimat Richtung Süden. Schließlich werden die Straßen schmaler, die Berge höher, die Dörfer pittoresker: Man ist angekommen. Ein Kuchenbasar allererster Güte, auch der Kaffee schmeckt großartig. So kann es weitergehen.
Auch der Parkplatz füllt sich langsam mit Individualanreisern, und die Dorfbevölkerung ist heute „für umsonst“ eingeladen und erscheint zahlreich.
Der Einlass ist gleichzeitig die Campingsitz-Ausgabe. Dieser ist fortan bei sich zu führen und bei Darstellungen unter den Hintern zu klemmen. Wir, etwa dreihundert Zuschauer, scharen uns um eine Polizeiblockhütte. Es kann losgehen.
(Ein technischer Hinweis: Die Ausstattung der charmanten Einweiserin mit einem Megaphon würde zum einen ihre Stimme schonen – die wird nämlich auch anderswo gebraucht – und trüge zum anderen zur Verständlichkeit bei.)
Die über sechzig Darsteller zerfallen grob in vier Gruppen:
Da wäre – wer hätte es gedacht – zunächst die Bevölkerung mit Bürgermeister. Dann ein Aquarellkurs, der aus lauter Kripo-Beamten besteht und in dem Kommissarin Ines aus Konstanz eine gewisse Rolle spielen wird (hübsche Analogie zur Soko INES übrigens). Es folgen die Nummern vom MFEA – Ministerium für außerterrestische Angelegenheiten – mit ihrem fanatischen Chef und schließlich, sonst würde die dritte Gruppe ja keinen Sinn haben, die Außerirdischen vom Planeten Zirka mit König, Königin und Kanzler Völker.
Zwischen diesen versuchen sich zwei Polizisten, Napoleon Bonaparte, eine kinderreiche Uschi, ein Ösi als frischer Gatte derselben und Herr C.D.F. zu behaupten.
Klingt komisch? Ist auch so. Manchmal auch saukomisch.
Es liegt mir fern, die Handlung komplett nachzuerzählen. Die muss sich schon jeder selbst angucken. Es geht unter anderen um Tourismusförderung, verirrte Campingurlauber (Sizilien liegt an der Elbe, ist doch klar), die Jagd auf Außerirdische mit großem Gerät, die Landung dieser mit noch größerem, ein verschwundenes Bild mit großer Bedeutung, unklare Verwandtschaftsverhältnisse, den fremdgesteuerten Polizisten und Chrysanthemen-Freund Günther, eine Zeitreise nach 1813, den Einzug der Franzosen, der CDF beim Malen stört, die Pressgeburt einer Rettungskapsel, interterrestrische Liebe, interbehördliche Liebe, interfamiliäre Liebe, darum, dass ein Bus kommen wird, um Wahlen und Machtmissbrauch und schließlich darum, wer übrig bleibt.
Einiges herausgepickt:
Die Nummern (ja, Nummern, die haben halt nur Nummern) vom MFEA verhaften zunächst Landgeräte und begreifen diese als Bedrohnung, derweil die Außerirdischen die Erde analysieren. Schließlich wollen die wissen, warum die Erdinger (Vorsicht, Schleichwerbung!) immer gewinnen beim universumsweiten Dorfschönheitscontest. Dass man Gras nicht nur essen kann, wird ihnen schon noch jemand sagen.
Köstlich die Ankunft des frischen Paares mit den drei Beutekindern. „Sag Papa zu mir!“, alles hat seinen Preis. Am Ende bleibt Kevin allein am Wohnwagen, wir befürchten das Schlimmste, er geht dann aber Pilze suchen.
Es folgt ein größerer Transfer. Hier fühlt sich der Verkehrs-Ing. berufen, auf Optimierungsbedarf hinzuweisen. Die Veranstaltung eines Auto-Corso ist sicher nicht das Gelbe vom Ei, zumal die Gäste, die weder mit Bus noch Auto anreisten, ein bisschen dumm rumstehen und auf einen Bus und die privaten Autos verteilt werden müssen. Ich bin mir sicher, dass am Wochenende irgendwo zwei oder drei Schlenkies (vulgo Gelenkbusse) aufzutreiben wären, die das Publikum gebündelt befördern könnten. Ja, das kostet extra. Aber vielleicht fühlt sich ja ein Sponsor berufen?
Schön aber, dass auch die Fahrt (wie auch die innerdörflichen Wanderungen) bespielt wird: Man sieht am Straßenrande heitere Szenen des Dorf- und exterrestrischen Lebens.
Zurück zur Kunst. In Schöna angekommen (vorher waren wir in Reinhardtsdorf), absolvieren wir eine Zeitreise, 200 Jahre zurück. Dann effektvolle Auftritte von CDF und dem Kaiser Bonaparte nebst Gefolge, darunter drei Pferde. Auch der Ösi erscheint bzw. brettert wie eine wilde Sau in einem alten Ford den Berg runter. Den Fahrstil hat er sich sicher bei den Einheimischen abgeschaut. Schließlich rollt noch ein Außerirdischer heran und gebiert eine Gestalt, die später noch eine Rolle spielen wird. Wildes Getümmel, dann Flucht und Verfolgung. Auch die Zuschauer folgen.
Die für meinen Geschmack großartigste Szene spielt sich in einem schmalen Vorgarten ab. Der Chef des MFEA (Michael Wenzlaff nicht nur mit großartiger Stimme) ist als Bilderdieb verhaftet worden, bezirzt jedoch die Kommissarin Ines (Luzia Schelling sehr ausdrucksstark) mit venezianischem Gesang. Diese wird schwach und schmachtet auch körperlich am Gartenzaun, ehe es zum erlösenden Kuss kommt. Hach.
Und es wird sich gleich weiter verliebt: Kanzler Völker von weit draußen ist schwer beeindruckt vom Töchterlein Jennifer des Ösis bzw. des Bürgermeisters, was man durchaus nachvollziehen kann. Die versuchte Emotionskorrektur scheitert, und er quittiert den Dienst und widmet sich fortan dem Familienleben, mit schönen Erfolgen. Toll.
Dann ist Pause. Und hier ein dritter technischer Einwurf: Ja, es gibt was zu essen und zu trinken, zu angenehmen Preisen. Aber das Angebot ist von dörflicher Schlichtheit. Es soll ja Leute geben, die Bratwurst weder essen noch mögen, und Apfelschorle und Wasser allein ist im alkoholfreien Bereich auch suboptimal. Ich tät mir künftig ein Bier „ohne“ wünschen, und etwas, das auch den Vegetarier nicht hungern lässt. Für mich persönlich ist das nicht schlimm, ich habe mir für solche Gelegenheiten in Hüfthöhe einen namhaften Vorrat angelegt, aber meine feingliedrige Begleitung nagt mächtig am Hungertuch.
Zum Glück kann ich sie durch die folgende Handlung ablenken. An der Bushaltestelle wartet eine Delegation von Dorfbewohnern auf Godot bzw. auf den Aquarellkurs. Ein Bus wird kommen … Es erscheint auch einer, aber ohne Insassen, und ersetzt den bekannten Bühnennebel durch Dieselruß. Dann kommt aber doch der richtige Bus.
Es wird nun etwas unübersichtlich, Frau Uschi (kapriziös-überdreht Veronika Steinböck) wird erst von dreien, dann von keinem mehr begehrt. Auch CDF (Oliver Dressel) hat sich am Wettbewerb beteiligt und mit seinen schön gedrechselten Kalendersprüchen kurzzeitig die Gunst der Dame gewonnen. Aber der Wind dreht sich dann noch ein paar Mal.
Irgendwie ist gegen Schluss die Mühsal erkennbar, die vielen Handlungsfäden wieder aufzusammeln und zu einem halbwegs plausiblen Ende zu verknoten.
Aber erst ein herzzerreißendes Duett von Uschi und Ösi (Arnd Heuwinkel mit tollen Szenen) über das Ende ihrer Beziehung. „I will survive“ heißt auf österreichisch „Geh doch in Oarsch“, toll unterstützt durch die Chöre auf den LKW-Anhängern.
Nun sind Wahlen. Bürgermeisterwahlen. Es gibt 3 (drei!) Kandidaten. Napoleon (Florian Brandhorst), den König der Aussies und einen Schwarzenegger-Verschnitt namens Chef. Geboten werden eine schicke Uniform und die Aussicht auf den Heldentod, die Lösung des Turnhallenbelegungsproblems (völlig unmöglich) sowie Ordnung, Sicherheit und AllesindieLuftsprengen.
Der alte Bürgermeister ist amtsmüde und kandidiert nicht mehr. Sein Aquarellkurs für lau kam auch nicht so gut an bei der Bevölkerung.
Diese ist jedoch nicht begeistert vom Angebot und macht vom Recht der Wahlverweigerung Gebrauch (Achtung! Falsche Botschaft!). Damit macht sie allerdings den Weg frei für den Ösi, der mit seiner Stimme den Chef zum Chef macht (Korrektur! Doch richtige Botschaft!). Und alles fällt in Scherben …
Die Umkehrung des geröchelten „Ich bin dein Vater“ ist übrigens „Du bist nicht meine Tochter“. Wir erleben beide Varianten.
Man sieht am Chef – der jetzt auch einen Namen hat, Luke natürlich – was eine schwere Kindheit anrichten kann. Er war jenes Geschöpf, das der Rettungskapsel entfiel, und musste sich selber aufziehen. Nun ist aber sein Vater wiedergekehrt und bewohnt derzeit den Polizisten Günther.
Trotz dieser erfolgreichen Familienzusammenführung kommt es zum Showdown wie im Lied vom Tod. Beide werden downgeschossen. Aber Günther überlebt seinen Tod, oder besser den seiner Innerei. Alles andere wär auch ungerecht gewesen, Philipp Lux in seiner dankbaren Doppelrolle hat das Publikum fest im Griff und kann hier sein komödiantisches Talent voll zur Geltung bringen (aber wir wissen, er kann auch anders).
Nr. 11, das Töchterchen des Chefs, schwört am Leichnam des Gemeuchelten Rache. Die Stimme dazu hat sie schon, da wächst ein Talent heran.
Handlungsmäßig wars das, aber noch ein paar Schritte zum erneuten Zirkelsteinblick sind nötig fürs Finale. Die Geburt von zahlreichen Mischlingen Erde / Zirka wird verkündet. Alles jubelt und hebt zum Gesang an: „Fremde aus dem All“ nach einer ähnlichen Vorlage. Das ist schön anzusehen, aber leider kaum zu verstehn. Zu viel Platz auf der Wiese.
Dann wird noch „Major Tom“ zu Gehör gebracht, ein Gefühl wie schweben haben sie, das kann ich gut verstehn.
Dann ist Schluss. Heftiger Beifall, viele Vorhänge, wenn man das so nennen will. Das Publikum ist begeistert, völlig zu Recht.
Beim Motorradclub gibt’s noch Bier, aber der Bus nach Dresden fährt bald. Noch eine knappe Stunde Zeit zum Nachsinnen auf der Rückfahrt, neben Sonnenuntergang gucken.
Ein schönes Stück, ein tolles Spektakel, ein Theater mitten im Dorf, die Kulisse spielt mit. Man kann gar nicht hoch genug schätzen, was den Machern da gelungen ist, ich zumindest hätte das nie für möglich gehalten und kam mit nur vorsichtigem Optimismus. Mea culpa.
Irgendwie scheint die Bürgerbühnen-Mannschaft direkt von König Midas abzustammen, ohne die Nebenwirkungen.
Noch ein ein paar praktische Hinweise:
Es ist unbedingt – nicht nur aus modischen Gründen – zum Hut zu raten. Ein eleganter Sonnenschirm tuts auch. Und falls die Sonne so weiter scheint – was wir alle hoffen – sollte man seine vornehm-großstädtisch blasse Haut nicht vier Stunden lang ungeschützt der UV-Strahlung aussetzen. So lang dauert das Spektakel, obwohl das nicht zu merken ist.
Die Anreise mit dem Bus ab Schauspielhaus empfiehlt sich sehr, falls man nicht im Spielgebiet wohnt. Erst dann wird das Erlebnis richtig rund (nur so eine Idee: Vielleicht könnte man ja im Bus auch „irgendwas“ veranstalten?).
Wer nicht mit Bier, Wasser und Bratwurst zu befriedigen ist, sollte sich vorsichtshalber seinen Kram mitbringen, auf mich hört ja gewöhnlich keiner. Aber der Kuchen vor dem Stück ist ein Muss!
Am meisten Spaß macht der Ausflug sicher in einer Gruppe. Man kann z.B. auch morgens mit der S-Bahn nach Schöna fahren, den Zirkelstein erklimmen, im Dorfgasthof rustikal zu Mittag speisen, Theater genießen und dann locker wieder zur S-Bahn absteigen. Wäre doch ein schöner Tag, oder?
Zu guter Letzt (das hab ich noch nie gemacht, aber in diesem Falle ist es mir ein Bedürfnis) alle verbleibenden Spieltermine:
11. und 12. Mai, 25. und 26. Mai, 29. und 30. Juno sowie 6. und 7. Julei.
Beginn ist jeweils 15 Uhr, der Bus fährt um 13.15 Uhr ab Schauspielhaus.
Und das Wetter muss einfach schön werden, alles andere wäre ungerecht.
Tanzt! Oder seht es Euch zumindest an!
Die Gala zur Tanzwoche Dresden war ein Augenschmaus
Heute, also gestern, am 22. April. Eigentlich war ich verhindert, aber unglückliche Umstände hielten mich in Dresden fest. Also doch zur Tanzwochen-„Eröffnungs“-Gala. Letztere läuft zwar schon seit Freitag, begann aber nun auch offiziell mit einer Gala im Kleinen Haus. Dresden.
Ich muss vorwegschicken, dass hier ein Blinder von den Farben schwärmt. Mit Tanz hatte ich bislang nicht viel am Hut, außer Respekt für die unglaublichen körperlichen Leistungen brachte ich wenig auf für die Sparte. Mir fehlt schlicht die Gabe, die Choreographien richtig lesen zu können.
Aber auch im hohen Alter kann man noch dazulernen, und da ich große Sympathie für wesentliche Organisatoren hege und einfach die Ästhetik des Tanzens mag, machte ich aus dem Ärgernis eine halbe Tugend und der Gala meine Aufwartung. Zum Glück war ich früh da, der – gar nicht so kleine – Saal wurde voll.
Eine fulminante Eröffnung mit dem Ballet Rossa der Oper Halle, zwanzig Menschen absolut synchron auf der Bühne bei einer Art Stuhltanz, toll. Dann ein Pas de deux aus Görlitz (Gerhart-Hauptmann-Theater), unter aktiver Mitwirkung von zwei Stühlen und einem Tisch. Ich greife vor und erkläre dies zu meinem Lieblingsstück des Abends.
Ich kann gar nicht alles aufzählen, was in der Folge an Beeindruckendem passierte. Die Bolero-Variation aus Schwerin blieb hängen, und die unglaubliche Sprungkraft der Eleven aus Berlin.
Mit Grönemeyers Musik hab ich meine Mühe, deswegen litt vielleicht auch der Eindruck von den Landesbühnen Sachsen aus Radebeul darunter.
Vor der Pause nochmal das Ballet Rossa, großartig, wirklich großartig.
Nach zweieinviertel Stunden enden anderswo Veranstaltungen, hier war erstmal Pause. Und es ging hochkarätig weiter: SchülerInnen der Palucca-Schule Dresden tanzten eine Bach-Bearbeitung, für mich Laien das künstlerisch bedeutendste Stück des Abends.
Dass man zu Wagner auch ohne Musik tanzen kann, bewies ein Duo des Theaters Plauen-Zwickau. Nur das Atmen war zu hören, phantastisches Erlebnis.
Wie richtig klassischer Tanz aussieht, zeigte ein Paar der Semperoper. Ich gestehe, die modernen Formen sind mir lieber. Die Überraschungsgäste vom Gärtnerplatz München waren auch nicht so meins. Originell, aber nicht mehr.
Ein furioses Finale nochmal mit den Landesbühnen, „Carmina Burana“, vor allem im letzten Teil begeisternd.
Und dann eine Bühne voller Tänzer und Tänzerinnen zum Schlussapplaus, insgesamt sechzig waren am Start. Ein wunderschönes Bild.
(Sechzig mal „Sixpack“, das macht einen, der sich kaum die Schuhe im Stehen zubinden kann, schon neidisch)
Eileen Mägel und Boris Michael Gruhl führten durch den Abend, sehr angenehm alle beide, vor allem bei Boris Gruhl hatte man das Gefühl, er hätte nie was anderes gemacht. Auch dies passte ins schöne Bild. Ein wunderbar durchkomponiertes Programm, eine unglaubliche Breite, ein trefflicher Überblick über das, was Tanzkunst ist.
Ich war, ich bin begeistert. Auch wenn der Tanz sicher nicht mehr meine bevorzugte Sparte der darstellenden Künste wird, ich hab mich ihm deutlich genähert. Chapeau!
Ach ja, „Tanzt““ steht an der Scheune geschrieben, manchmal auch einladend illuminiert. Und wer das nicht kann oder will, soll zumindest hingehen und zusehen, wie Boris Gruhl zum Abschied sagte. Dem bleibt nichts hinzuzufügen.
Noch bis zum 29.04.13 läuft die Tanzwoche. Alles Weitere hier:
