Jedes Wort hat seine Zeit


„Vom Wandel der Wörter. Ein Deutschlandbericht“ von Ingo Schulze, Regie Christoph Frick, Uraufführung am Staatsschauspiel Dresden, gesehen am 21. Juni 2013

Eine Erzählung in Form eines Briefes, ein junger Schriftsteller schreibt an den Museumsdirektor des „Deutschland-Gerätes“, einer Installation von Reinhard Mucha. Es geht um seine Beziehung zu B.C., einem namhaften, ausgebürgerten DDR-Schriftsteller und um dessen „Ernährerin“ Elzbieta. Und zugleich geht es um ein Vierteljahrhundert deutscher Geschichte.

Am Anfang betrachten drei Schulzes (kenntlich gemacht durch den prägnanten Wuschelkopf) das Werk aus Buchstaben, schon vor Beginn des Stückes. Zögerlich, skeptisch sind sie. Die ersten Textfetzen flattern aus dem Off durch den Raum, es beginnt eine Dekonstruktion einschließlich Neuaufbau, ganz neue Wörter entstehen. Ein erstes starkes Bild. Schließlich bricht der ganze Haufen zusammen.

Man ahnt bald schon, worauf es hinausläuft. B.C., eine fiktive Figur, vielleicht ein bisschen an Biermann angelehnt, wird nach seinem ersten Buch gegen seinen Willen aus der DDB ausgebürgert und anfangs im Westen als Dissident hofiert. Als er aber beginnt, sich auch zu westdeutschen Zuständen zu äußern, ist es mit dem guten Willen vorbei, fortan ist er nirgendwo zuhause, zudem fehlt ihm die Reibefläche. Der Kapitalismus ist halt viel elastischer …
C. leidet an seinem Bedeutungsverlust, veröffentlicht kaum mehr etwas. Zwar wird er von der Ärztin Elzbieta materiell und auch sonst aufgefangen, aber Vollgas gibt er nur noch im Leerlauf. Und die Aufregung ist auch gar nicht gut für seine Gesundheit.

Trotz eines assoziationsreichen, starken Bühnenbildes (Alexander Wolf) aus einer hydraulisch betriebenen schiefen Ebene, die mit einem flauschigen DDR-Fahnen-Teppich mit fehlendem Emblem bedeckt ist, kann man die Aufführung sicher noch als szenische Lesung beschreiben. Und diese lebt von großartigen Schauspielern, die ihre Figuren zum Leben erwecken. Holger Hübner als mal selbstgefälliger, mal kleinmütiger, mal wütender B.C., Matthias Reichwald als Ich-Erzähler mit einer glaubhaften Wandlung von Anbetung zu kritischer Distanz und ganz besonders die frisch gekürte Erich-Ponto-Preisträgerin Sonja Beißwenger, deren Elzbieta sich von einer in Betrachteraugen fast zwielichtigen Figur in einem fulminanten Monolog zur wahrhaften Muse des B.C. emanzipiert.

Die Schilderung des Mit-Leidens des C., als er ´89 nicht dabei sein kann, in Leipzig, Plauen und anderswo, und wie er schließlich wie so viele Intellektuelle vom weiteren Ablauf der Ereignisse mehr und mehr enttäuscht wird, gehört zu den besten Passagen des ohnehin starken Textes. Der Anpassungsdruck, dem er fortan unterliegt, lässt sich fast körperlich spüren. Er weigert sich, seine Sätze „von früher“ zu wiederholen, weil die heute etwas anderes bedeuten als damals. Der „Unrechtsstaat“ war ein legitimer Begriff vor der Wende, heute ist er zu undifferenziert. Aber das versteht die Medienwelt nicht. Als Kronzeuge ist er nicht mehr zu gebrauchen.
C. hat das Gefühl, er müsse seine Bücher umschreiben, die Wörter stimmen alle nicht mehr. Doch ehe er das ernsthaft beginnen kann, nimmt ein gnädiger Tod ihm die Schreibmaschine aus der Hand.
Wird der Ich-Erzähler seinen Faden aufnehmen? Man möchte es zu gern glauben.

Ingo Schulze hat diesen Text für das Staatsschauspiel Dresden wenn nicht geschrieben, so doch für die Bühne bearbeitet. Ein Geschenk zum Hundertsten, sozusagen. Nach „Adam und Evelyn“, das in der Inszenierung deutlich opulenter, aber nicht weniger packend war, ein neues Meisterwerk. Wir haben zu danken.
Die regionalen Besprechungen der Premiere waren dennoch nicht sehr freundlich, lediglich die Süddeutsche war begeistert. Und ich jetzt auch.

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