Kategorie: Theater

Es geht auch ohne dass man spricht

„Faust ohne Worte“, eine Produktion der Theaterzirkus Dresden gGmbH im Palais im Großen Garten Dresden, gesehen am 15. September 2013, Regie Tom Quaas, Co-Regie Lionel Menard (Wiederaufnahme-Premiere)

Beethoven ohne Musik? Eine Oper ohne Sänger? All das haben wir noch vor uns, vielleicht auch Fußball ohne Ball oder Merkel ohne Programm. Ach nee, letzteres gibt es ja schon.
Doch zuvor die Wiederaufnahme des „Faust“, ganz ohne Worte. Das geht? Und wie das geht! Ich nehme es vorweg: Ich habe den sinnlichsten Faust meines Zuschauerlebens gesehen.

Zuvor will noch die Liste der Gönner und Förderer verlesen werden, endlos lang, doch jeder gebührt Ehre, die dieses Projekt unterstützt. Impressario Quaas tut dies mit Grandezza.
Der Einstieg ist eine Art Kurzfassung von Rainer König (sonst Gott), mir persönlich zu derb, aber als Anheizer mag dies gehen. Doch man muss den Faust schon gut kennen, um folgen zu können.
Ohnehin empfiehlt es sich, Faust I zuvor mal durchzublättern, doch ich finde, das ist nicht zuviel verlangt.

Dann geht es richtig los, Faust (Wolfram von Bodecker) baut an seinem mannshohen Sockel, eine beeindruckende Körperlichkeit, nicht nur bei ihm, das ganze Ensemble ist phantastisch drauf. Dann bricht der Sockel weg, doch das ficht ihn nicht an, einer wie er kann auch über Wasser gehen, da ist Schweben doch kein Problem.
Die Werktreue ist frappierend, manchmal fühlt man sich fast aufgefordert, die passenden Zeilen hineinzurufen, zum Glück kann ich den Impuls unterdrücken.
Der Erdgeist erscheint wie der Sandwurm bei Luke Skywalker, doch der Wagner (großartig Louis Terver) platzt in die Szene. Das Bühnenbild ist nicht nur hier absolut stimmig, Tilo Schiemenz hat’s gemacht.
Faust wird nun ordnungsgemäß gerettet vorm Freitod. Ein sehr charmanter Osterspaziergang, die Kostüme (Sigrid Herfurth) sind ein Gedicht, und nicht nur die. Ein Fest der Sinne.

Der Pudel (Alexander Neander, später dann auch als Mephisto like Gründgens) zeigt Willensstärke, statt seiner apportiert Wagner. Und des Pudels Kern zeigt sich effektvoll. Überhaupt, die Effekte … Henrik Forberg am Licht sei hier stellvertretend für alle belobigt.
Auftritt eines Schülers (Tim Schreiber), am Ende wird das Wissen gerupft, ein hübsches Spektakel. Und dann Auerbachs Keller, sehr witzig, nicht nur hier ist das Schlagwerk (Bernd Sikora) voll auf der Höhe.
Die restliche Musik kommt vom Band, eine solche Produktion kostet ein Schweinegeld, und live ist nun mal teuer. Vielleicht gelingt es ja noch, das Gesamtkunstwerk, ich würd auch gern ein Scherflein dazu beitragen.

Eine nackte Schönheit eröffnet nach der Pause, aha, Hexenküche. Gott wird zur alten Roma, das mag sicher auch die Oma, die NPD wohl weniger.
Eine Verwandlung wie bei Kafka, nur andersrum. Ein junger, strahlend schöner Faust entsteigt dem Pott, er sieht Mephisto verdammt ähnlich.

Gretchen tritt auf, und die Schmetterlinge fliegen. Faust bekommt das erstmal gar nicht gut, aber er ist jetzt hartnäckig und zielfokussiert. Bald ist er in Gretchens Kammer, mit Kette und Ohrringen kriegt man jede rum.
Marthe (Kati Klasse, äh, Grasse) ist hacke, warum nicht. Sie versucht sich eine Zigarre, nun ja, einzuführen, was schließlich unter Beifall auch gelingt. Und Gretchen (becircend Katja Langnäse) ist rollig, anders kann man das nicht nennen.
Mephisto überbringt die Todesnachricht von Marthes Verflossenen, kurze Betroffenheit, doch das letzte Hemd des teuren Toten hat keine Taschen, die Trauer findet so ein schnelles Ende.
Marthens Garten, Mephisto muss und Marthe will. Beim jungen Paar wollen beide, ein Spektakulum der Liebe. Sie kriegen sich herzerweichend, die Gretchen-Frage wird vorerst vertagt. Und dann schläft die Mutter Schlafes Bruder … Yes, they did.

Doch die Bibel wird zum Sarg, und Lieschen (Rebecca Jefferson) zeigt, was passieren kann und wird. Die Musik (Michael Kaden) illustriert kongenial die Entfremdung Fausts von Gretchen, so hab ich das noch nie gesehen.
Da steht sie nun da, künftig alleinerziehend, geächtet, Hartz Vier. Der, der den ersten Stein wirft, ist ihr Bruder Valentin (Renat Safiullin). Fast freut man sich über den tödlichen Stich, den Mephisto ihm verpasst, im Duell mit dem Mädchenverderber Faust.

Und nun? Wir kommen zur persönlichen Schande des Rezensenten: Er verließ den Saal vor der Zeit, bemüht leise, aber voller Scham. Die Premiere im Kleinen Haus lockte (zu Recht, wie sich herausstellte), aber das geht gar nicht.
Eine falsche Zeitplanung, so simpel ist das manchmal. Er gelobt Besserung und wird den Schluss nachsitzen.

Was soll man da am Ende schreiben? Es wurde immer besser, und ich musste gehen. Doch selbst, wenn das Finale versemmelt worden wäre, was ich nicht glaube: Ein großartiger Faust, voller Emotion, voller Leben, voller Magie. Es braucht wirklich keine Worte.
Ganz großes Theater. Muss man gesehen haben.

Die nächsten Gelegenheiten:
17. bis 22. September in Dresden a.a.O.,
27. Oktober in der Theaterfabrik Sachsen in Leipzig.
Und Näheres hier: http://www.faust-ohne-worte.de/index.html

Und alles wegen dieser blöden Töle.

„Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone“, nach dem Roman von Mark Haddon in einer Bühnenfassung von Simon Stephens, Regie Jan Gehler, deutschsprachige Uraufführung, gesehen am Staatsschauspiel Dresden am 15. September 2013 (Premiere)

Ein Händchen hat dieser Koall!
Der Stoff war schon in Hollywood, lag auf Brad Pitts Stapel, ehe der Buchautor Haddon seine Liebe zum Theater entdeckte und in Stephens einen kongenialen Übertrager fand. Und Robert Koall hat das Ding nach Dresden geholt, als deutsche Uraufführung, in die sächsische Provinz, wo Kultur gemeinhin in Übernachtungszahlen gemessen wird. Respekt, Mann!

Es liegt mir (heute) fern, die Handlung nachzuerzählen. Das muss sich schon jede selbst anschauen. Nur ein paar Anmerkungen dazu:

Metaphern sind Lügen, vor allem in der Welt des Aspergers, einer Unterart des Autismus.
Der wäre gern ein (un)lustiger Astronaut, ganz allein da oben, keine Menschen um ihn, nur Zahlen und Computer.
Auf einer Tetris-Bühne (Sabrina Rox) glänzt der Video-Einsatz (Sami Bill) ganz besonders.
Das Drama, eine Geschichte von Überforderung, enthüllt sich nur langsam, aber lavaartig unaufhaltbar. Love changes everything. Doch ein Autist ist eine Belastung, überall, ein klassischer Beziehungskiller.

Ich geb ja zu, ich lass mich auch sonst gerne rühren, zu gerne, aber die Tränchen flossen am Ende in Strömen, und ich konnte nichts dagegen tun. Ein Happy-End, nicht mehr für möglich gehalten.
Aus einer starken Ensembleleistung jemanden hervorzuheben, ist doof. Ich mach es trotzdem. Thomas Eisen als grundanständiger, aufopferungsvoller, verzweifelter, enttäuschter und am Ende wieder hoffnungsvoller Vater, Ina Piontek als Erzählerin und liebevolle Betreuerin Siobhan, Jan Maak, der sich als Spezialist für oberflächlich gute, aber schmierige Charaktere zu entwickeln scheint, Anna-Katharina Muck in drei grundverschiedenen, gut ausgefüllten Rollen, Cathleen Baumann als lebenshungrige und mit diesem Sohn überforderte Judy, die trotzdem noch „die Kurve kriegt“, … Ok, das waren sie ja schon alle.

Bis auf einen: Jonas Friedrich Leonhardi, 23 Jahre alt. Schon in Lollikes „Körper und Kampfplatz“ fiel er mir auf, und nun das. Mag sein, dass manche Rollen einem auf den Leib geschneidert scheinen, aber auch Elfmeter muss man noch verwandeln (Uli Hoeneß ist da mehr als einmal dran gescheitert). Leonhardi nimmt die Pille, legt sie kurz zurecht und drischt sie ohne Anlauf volley rein, mittenmang.
Wenn ich künftig mal eine Frage zu Autismus habe, werde ich ihn anrufen.

Wenn einem so was Gutes widerfährt, ist das doch einen Asperger Uralt wert, oder?

Das verlegene Lächeln der Minderheit

„100 Prozent Dresden“, eine Produktion von Rimini-Protokoll am Staatsschauspiel Dresden am 14. September 2013 (Premiere)

Man kennt sich im Saal, heute noch mehr als sonst. Einhundert Dresdner werden auf der Bühne stehen, die haben ihren Anhang mitgebracht, und in unserem Dorf kennt ohnehin jeder jede über drei Ecken. Wir sind also ganz unter uns.
Am Anfang fränkelt es mächtig, die Chefin des statistischen Landesamtes erklärt die Regeln. Sie macht das sehr souverän, ein paar schöne Spitzen hat sie dabei, insgesamt ist das aber viel zu lang gehalten.
Es wurden also per „Kettenreaktion“ (jede bestimmt ihren Nächsten) Menschen ausgewählt, die Dresden repräsentieren sollen. Dann der Einzelauftritt, jeder hat ein paar Worte zu sich zu sagen, das zieht sich über fast eine halbe Stunde, ist mal witzig, mal albern, auch mal ziemlich peinlich. Im Selbstmarketing ist nicht jeder bewandert, „von Beruf Verschiedenes“ bleibt bei mir hängen, auch die Tupperware-Dealerin und die Vielzahl der Rentner. Eine gute Idee ist es, den fehlenden alten Klotzscher Mann mit einem Schauspielstudenten zu besetzen, 68, NPD, Modelleisenbahn im Keller, einige Leichen vielleicht auch.

Dann die Fragen, von je einer aus der Mitte gestellt, die Gruppe der 100 gibt dazu lebende Bilder. Optisch ist das nett, schön beleuchtet und abgefilmt, aber … irrelevant. Dresden in Zahlen halt. Und, liebes Rimini-Protokoll, fragt bitte mal bei der Bürgerbühne, wie man Laien-Akteure auf der Bühne vor sich selber schützt. Oder geht Euch der Effekt über alles?
Hängen bleibt bei mir der Ausländeranteil in Dresden: Gefährliche fünf Prozent. Ich erkenne, dass wir kurz vor der Überfremdung stehen und stimme insofern dem Klotzscher Wittwer zu.

Manchmal blitzen bei den einzelnen Fragen Geschichten auf, versinken aber sofort wieder in der Beliebigkeit. Das mit dem Tagesablauf ist hübsch, aber austauschbar. Der Herr Dozent muss nachts raus zum Pullern, aha. Dennoch gehört die Szene zu den Besseren des Stücks.
Wenn Relevanz aufkommt, dann hat das mit Sozialem und Persönlichem zu tun. Es gehört Mut dazu, sich als „Hartzer“ zu bekennen, die Ex-Drogenabhängige erntet einen verdienten und herzlichen Beifall, als sie von ihrem Ausstieg erzählt, und auch, sich nicht zu den Heteros zu stellen, ist schwieriger als man glauben mag. Doch diese Momente bleiben leider Ausnahmen.

Eine Frage geht dann auch noch schief, und die Kriegsdefinition von Rimini-Protokoll ist offenbar dergestalt, dass Deutschland dabei sein muss, sonst gilt das nicht als Krieg. „Ich hab die Frage nicht verstanden“, mein Lieblingssatz des Abends.
Anonym tut dem Inhalt gut, clever gelöst mit Dunkelheit und Taschenlampen. Fast alle haben schon mal geklaut. Ja. Ich auch. Ich hätte mir aber auch noch ein paar andere Fragen vorstellen können.
Dann spielen die Bagels, was sicher auch einen Grund hat. Aber sie machen das gut.

Ich ertappe mich dabei, immer öfter auf die Uhr zu sehn. Jetzt ist „Open Mic“, jeder darf fragen, was sie will, selbst das Publikum. Kurzbeschreibung: albern, belanglos, peinlich, doof.
Dann ein Liegestützwettkampf auf der Bühne, hossa, man muss das Muskelpaket also nicht nur rechts haben, sondern auch links.
Geht es noch schlimmer? Ja. Mann darf den Hintern ins Publikum halten. Aufhören!!!
Ein Rettungsversuch mit der Visualisierung von Randgruppen, na gut, das ist sehenswert. Dann ist Schluss, ein tosender Applaus, Dresden feiert mal wieder sich selbst.

Für die 100 auf der Bühne mag das eine tolle Erfahrung gewesen sein, für einige vielleicht auch eine gute Therapie. Für die Freunde und Bekannten davor sicher ein Höhepunkt, den Lieben mal auf der großen Bühne zu sehn.
Für Rimini-Protokoll ist es die finanziell erfolgreiche, routinierte Umsetzung eines bewährten Geschäftsmodells (Start war 2008 in Berlin, seitdem tingelt man durch die Welt, Dresden ist die 15. Station), da bemüht man sich offenbar nicht mal auf die Bühne zur Premiere.

Das Ganze funktioniert theatertechnisch (ich schreibe hier bewusst nicht „künstlerisch“) aber nur, weil da oben so viele sind, die da unten noch so viele mehr kennen. Das reicht für vier gut gefüllte Vorstellungen.
Für den gewöhnlichen Zuschauer ist es ein belangloser Abend.

Sieben Leben hat der Sachse

„King Arthur“, Semiopera von John Dryden und Henry Purcell, Regie Tilmann Köhler, musikalische Leitung Felice Venanzoni, eine Kooperation mit der Semperoper Dresden, gesehen am Staatsschauspiel Dresden am 13. September 2013 (Premiere)

Nachtrag vorweg:
Der Text musste korrigiert werden, zum Glück. Ich war einem Irrtum erlegen: Christian Erdmann hat seinen Aussetzer so perfekt gespielt, dass er mich damit völlig überzeugt hatte. Mea culpa.
Die Szene bleibt großartig, ich fürchte nur, sie wird Teile des Publikums genauso überfordern wie mich.

Endlich mal eine richtige Publikumsbeschimpfung!
Matthias Reichwald lässt im Prolog von Armin Petras nichts aus. Dabei haben die armen Leute schon einiges hinter sich: Eine gute Rede des Intendanten Wilfried Schulz, ein Grußwort-Geseier des Ministerpräsidentendarstellers und kluge Reflexionen der Jüngsten (Lea Ruckpaul) und des Dienstältesten (Albrecht Goette) am Haus. Es war endlich DAS Jubiläum, hundert Jahre Schauspielhaus Dresden, taggenau. Nun haben wir es geschafft und können uns wieder der Zukunft zuwenden.
(Das jener Herr Tillich nach seinem verlesenen Referentenentwurf, in dem man sich auch nicht entblödete, von einem Fenstersturz zu schwafeln, nein, nicht von jenem von Erich Loest, sofort das Weite suchte, ist mir allerdings eine Anmerkung wert. Selbst der sächsische König hatte es vor hundert Jahren immerhin bis zur Pause ausgehalten.)

Zurück zur Kunst. Nach der Schlacht ist vor der Schlacht. Das Gehoppel auf den imaginären Pferden ist kein bisschen peinlich, und jeder, der aus der Szene geht, gesellt sich zu den zahlreich herumliegenden Toten, das ist schon mal ein ordentlicher Einstieg.
Zwei Männer, eine Frau, wie gehabt, und da jene Männer mit Macht versehen sind, ist das Unheil nicht weit. Der verliebte Sachse ist einer der gefährlichsten.
Wir müssen alle Opfer bringen, bei den Sachsen sind es heute sogar drei, die Kraft kehrt damit sichtbar in deren König Oswald zurück. Es geht nun wieder gegen Engeland.

Der Krieg findet in Zeitlupe statt, Freund und Feind sind kaum zu unterscheiden. Überall liegen Leichen, der Luftgeist Philidel (Sonja Beißwenger mit einer neuen Facette, aber wieder großartig) irrt darin verzweifelt herum und wird vom herab fahrenden Merlin (Albrecht Goette) unter Vertrag genommen. Philidel, ein deutscher Deserteur.
Ein Zaubererhimmel aus gehängten Latten, das Bühnenbild (Karolyi Risz) ist nicht nur dabei wonderful, auch bei den güldenen Tüchern – die mal eine wärmende Hülle sind und mal ein Flammenmeer – und bei noch viel mehr. Und der Chor (Leitung Christiane Büttig) singt nicht nur, er spielt, z. B. himmlische Heerscharen und die des Teufels. Great.

Die Briten (u.a. Holger Hübner und André Kaczmarczyk) sind ein wenig zu siegessicher, und König Arthur (Matthias Reichwald, dem ich später noch einen Kranz winden werde) ist sich des blinden, schönen Fräuleins Emmeline (Yohanna Schwertfeger bringt eine neue Klangfarbe ins Ensemble, ein absoluter Gewinn) gewiss. Doch die Sachsen sind nicht totzukriegen.
Christian Erdmann gibt einen zweifelnden Sachsenkönig, der sehr höflich Emmeline entführt, als sich zufällig die Gelegenheit ergibt. Er ist wie so oft eine der Stützen des Abends.

Krieg ist das Geschäft der Könige, vorerst also business as usual, aber dann kommen die blöden Gefühle ins Spiel. Eine amour fou, die Dame wird vorerst nicht gefragt dabei.
Oswald steht Osmond zur Seite, ein „sächsischer Zauberer“, wie das Programmheft weiß. Was das wohl sein soll? Egal, Benjamin Pauquet gibt jenen mit der bei ihm gewohnten Distanz zur Figur und läuft zu großer Form auf, als er sich an die Macht putscht.

Doch vorerst verhindert der von ihm geschaffene feindliche Zauberwald die Befreiung der Jungfer durch King Arthur, selbst der große Merlin ist machtlos und wird intern in Frage gestellt. Und Philidel geht in die Falle von Grimbald, einem erdgeistigen Handlanger der Sachsen. Doch wie er/sie/es sich da wieder rauswindet, ist großes Kino.

„Zauber gegen Zauber“, vorerst unentschieden, auch wenn es Merlin gelingt, Arthur und Philidel in die sächsische Burg zu schmuggeln, wo Emmeline als Gefangene und potentielle Gespielin des Oswald schmort. Diese erhält bei der Gelegenheit ihre Sehkraft zurück, und wie sie nun das Licht der Welt erblickt und dann auch noch sich selbst im Spiegel, ist pure Poesie.
Ein Moment der Glückseligkeit, aber nicht für lange, Arthur und die Seinen müssen fort, ohne Emmeline, der Gegenzauber ist zu stark.

„Lieben oder die Lieb ertragen“, diese Alternativen bieten sich jetzt Emmeline. Ein durchgeknallter Osmond hat Oswald abgesägt und begehrt nun selbst die Gunst der Dame. Trotz der vorherigen Blindheit müssen deren Augen ordentlich blingbling machen können, das Scheusal ist genauso angefixt wie die Herren vor ihm.
Der Jahrtausendhit aus diesem Stück, die Arie des Grimbald (Peter Lobert), kommt dann aber seltsam kraftlos daher, schade. Generell braucht man auch manchmal viel Geduld mit der Oper, und Verständnis für das Plakative.

Fast eine Titanic-Szene nachher, wenn auch ohne Kerl. Osmond lässt folgend voller Liebespein die Hosen runter, das Biest und die Schöne, das Ganze balanciert auf dem schmalen Grat zwischen großartig und peinlich und fällt dann doch auf der falschen Seite runter. Pause.

King Arthur ist nun auf Befreiungstour, fast ein bisschen wie Odysseus. Sirenengesang (Romy Petrick, Arantza Ezenarro) im Zauberwald, he is amused. Auch choreographisch ein Genuss, in dieser Farbenpracht sowieso, wie die schönen Monster herankriechen, immer enger, immer dichter. Doch nur die Liebe zählt, Arthur der Engelartige macht sich frei.
Die nächste Prüfung: Eine Art Emmeline im Baum. Fast wäre er in ihr versunken, doch Philidel erscheint rechtzeitig und enttarnt den wahren Baumbewohner, Grimbald ist es in seiner ganzen Hässlichkeit.
(Dass man im Orchestergraben durchaus gefährlich lebt, zeigt ein fliegender Zauberstab, der sich in den Rücken der Flötistin bohrt, ohne bleibende Schäden gottlob. Man sieht so was gut vom zweiten Rang, Stehplatz.)

Am Ende ein Duell. Oswald ist wieder im Rennen, nachdem sein Stürzer Osmond gekniffen hat. Ziemlich desolat tritt er an, was soll Arthur da passieren? Das geht sicher über höchstens zwei Runden.
Doch was ist das? Der Favorit strauchelt, fällt! Griechenland, äh, Sachsen ist Europameister! Alle sind verblüfft, einschließlich des Siegers. Ein absurd-geniales Ende.

Dennoch geht alles den geplanten Gang, nur der Sieger-Darsteller ist nun halt ein anderer. Er erhält Tochter und Königreich, erstere zeigt sich professionell, letzteres darf singen. Das neue königliche Paar wirkt erst wie Queen Elisabeth mit Prinzgemahl, dann wie die Spelunken-Jenny und Macheath, als es die letzten Arien über sich ergehen lässt.
Da wird zwar versucht, die noch mit etwas Handlung zu untersetzen, sexuelle Verirrungen überall, so richtig spannend ist das aber nicht. Verzichtbar, die letzten zwanzig Minuten, obgleich das Schlussbild noch einmal großartig ist. Ein feierndes Volk, ex-King Arthur steht irgendwo hinten rechts alleine rum. Die Bühnenmaschine zeigt noch einmal, was sie kann, ein Epilog von Petras, der das alles fein nach heute transportiert, dann ist Schluss.

Fast zehn Minuten heftiger, tosender Beifall, viele Bravos, gut verteilt. Gelungen das Ganze, ob man nun die erste Saisonpremiere oder gar die „100 Jahre Schauspielhaus“ als Bezug nimmt.

Hab ich was vergessen? Ja, Matthias Reichwaldens Kranz. Er ist King Arthur mit jeder Faser seines Körpers und ist es dann auch wieder nicht, weil auch er diese Distanz zur Rolle hat, die einen Großen auszeichnet. Er ist absolut geerdet, alles was er macht, ist völlig unspektakulär, und gerade das ist das Umwerfende. Ich erkläre mich erneut und gerne zum Fan.

Die „Halb-Oper“ ist ein interessantes Format, auch wenn Schauspiel und Gesang oft auch nebeneinanderherlaufen, ist es doch ein Erlebnis. Das Libretto bzw. die Geschichte ist in diesem Falle doch mehr Theater als Oper, zum Glück, das füllt schon einen Abend. Ein bisschen mehr Mut zum Kürzen, gerade am Ende, und die Sache wär perfekt gewesen.

Und jedermann erwartet sich ein Fest

Die Vorschau zur 101. Saison des Staatsschauspiels Dresden in einem empfehlenswerten Magazin.

„Der Rausch der Hundertsten ist vorbei; freuen wir uns auf den Rausch der Hundertundersten.“

http://www.kultura-extra.de/theater/feull/saisoneroeffnung_staatsschauspieldresden2013.php

Das kommt alles weg

Programmhinweis: Mi., 21.08.13, 22.30 Uhr Teichelmaukes Hamsterradio

Für alle, die nicht lesen können (also bitte weitersagen)

http://coloradio.org/site/

oder auch 98,4 & 99,3 MHz, wenn man im gelobten Land wohnt.

Der Arbeitstitel dieser ersten Blamage lautet

Teichelmauke trifft Canaletto trifft Wagner

Es kann noch besser werden, muss aber nicht.

Man hört sich, vielleicht.

Hiddenseeer Elegien, Teil 3: Von Mynheer Peeperkorn

(Thomas Mann, Zauberberg, klaro. Wir verstehen uns, wir Kulturbeutel.)

In seiner zweiten Lebenshälfte sah dieser Mann aus wie eine Kreuzung aus Goethe und Beethoven. Das ist zwar so ziemlich das Unwichtigste, was man über ihn sagen kann, aber er selbst legte da Wert darauf. Das Gesamtbild sollte stimmen.

Zumindest mein Gesamtbild stimmt morgens wieder, mein Körper entsinnt sich der Charakterzüge des Typen, der ihn bewohnt und bleibt bis Zehn liegen. Danach dann Frühstück vom selbstgemachten Buffet, mit Untermalung von nostalgischen Musik-TV-Sendern. Etwas debil ist das sicher, aber allein die Frisuren von Duran Duran sind es wert.

Eigentlich hatte ich gestern beschlossen, mir für die nun schon letzten drei Tage ein Fahrrad zu leihen, aber beim Frühstück nochmal drüber nachgedacht: Wozu mit einer Rostmähre rumärgern, die mir sowieso zwei Nummern zu klein ist? Das bißchen Insel schaff ich auch zu Fuß, und Gehen ist die vornehmste Art der Fortbewegung, hat mal ein großer Dichter gesagt. Ach nee, das war ja ich. Stimmt aber trotzdem.

Angenehme 22 Grad, ein ganz leichter Sprühregen, so marschiere ich frohgemut los. Einiges Neue gibt es doch zu bewundern im Dorf, das fünfte Malercafé hat eröffnet, es gibt einen Bolzplatz mit Kunstrasen (war das hier auch mal ein Hochwasserschadensgebiet?), der umzäunt ist. Sport ist hier offenbar nur denkbar, wenn ein Zaun drum herum ist.
Und es gibt jetzt einen Hubschrauberlandeplatz. Der wird sicher für den Wahlkampfbesuch von Frau Merkel und drei oder vier Mal im Jahr noch für andere Notfälle gebraucht, das Betreten ist aber ganzjährig verboten. So kenne ich mein deutsches Vaterland.

Ich gehe einem Mann besuchen, der sein Haus zwar nicht mehr direkt bewohnt, wo alles aber noch so ist wie vor achtzig Jahren. Fast alles, ein sehr hübscher Empfangspavillon ist dazugekommen, ein Kleinod, völlig reetfrei und unspektakulär dem Gelände angepasst. Gibt es hier keine Reet-Hisbollah? In Dresden wär dieser Bau in Barock auszuführen gewesen.

Das Sommerhaus von Gerhart Hauptmann, so, nun ist es raus, wird seit den Fünfzigern als Museum betrieben. Nett ist das, auch wenn man gleich mit dem Tode beginnt und jeder Hauptmann –Pups ehrfürchtig dokumentiert wird (seine Wandkrakeleien im Schlafzimmer z.B. hätte man dem geneigten Besucher ersparen sollen). Aber sehenswert, wie sich der König von Hiddensee nach dem Erwerb des Hauses 1930 einen großzügigen Anbau errichten ließ, als Schreibstube und Arbeitszimmer, unterkellert von viel Platz für Wein. Der Fußboden aus einer Art Marmor … Allererste Güte. Leisten konnte er sich das, hatte er doch reich geheiratet und nach dem Literaturnobelpreis 1912 wohl auch ausgesorgt. Auch interessant: Die Schlafzimmer des Ehepaares Hauptmann im Dachgeschoß, seines klein und spartanisch, ihres künstlerisch gestaltet, getrennt von einer türlosen Wand, nur eine kleine Durchreiche gab es. Keine Ahnung, was da durchgereicht wurde.

Ein König war er hier wirklich, der seit Jahrzehnten jeden Sommer wiederkehrte, ein Containerschiff voller Wein im Schlepptau. Das mussten auch Thomas und Katia Mann erleben, die ihn 1924 noch im Hotel „Haus am Meer“ besuchten. Das Duell Haupt- gegen Mann endete eindeutig, es konnte nur einen geben. Als dann noch ein Zickenkrieg zwischen den Damen ausbrach – Hauptmann hatte seine langjährige Geliebte Margarete dann doch geheiratet und ihr seinen vierten Sohn „geschenkt“, wie es in den bunten Blättern heißt – war der große Mann offenbar so pissed, dass er dem großen Hauptmann im Zauberberg ein zweifelhaftes Denkmal setzte, ebenjenen Mynheer Peeperkorn. Danach hing erstmal der Haussegen eine Weile schief im Dichterolymp, aber später vertrug man sich wieder, auch wenn sich sicher keiner der Herren zum Pack hätte zählen wollen.

Über das literarische Werk des Schlesiers kann man geteilter Meinung sein. Unter anderem „Die Weber“, „Die Ratten“, „Bahnwärter Thiel“ und (für mich persönlich die einfühlsamste Dreiecksstudie vor einem bürgerlichen Hintergrund, die ich kenne) „Einsame Menschen“ machen Hauptmann unsterblich. Aber seine beste Zeit hatte er vor seinem Fünfzigsten, nach dem Nobelpreis kam für mich nichts mehr, was dieses Niveau hielt. Und dabei produzierte er noch dreißig Jahre lang …
Es klingt zynisch, aber Schiller zählt auch deshalb zu den Großen, weil er gar keine Chance hatte, sein Erbe zu verschleudern. Und James Dean hätte bestimmt noch eine Menge schlechter Filme gemacht …

Auch ein anderer Makel würde heute nicht an Hauptmann kleben, wäre er – nur so als Idee – in den Zwanzigern vor seinem geliebten Hiddensee in der Ostsee ertrunken.
„Manch großer Geist blieb in ner Hure stecken“ hat Brecht sicher nicht mit Blick auf Hauptmann gedichtet, aber es passt. Nur, dass G. H. sich den Arsch des Führers aussuchte zum Steckenbleiben. Das sei schon ein faszinierender Mann, fand er. Da waren alte Freunde wie Alfred Kerr nicht so wichtig, und die Realität hatte draußen zu bleiben, er war schließlich Dichter. Und hatte Goethe sich nicht auch aus allem herausgehalten?
Aus Sicht der Psychoanalyse kann man das sicher behaupten: Hauptmann hatte einen Goethe-Komplex.

So überwinterte er im Tausendjährigen Reich und wäre – Ironie der Geschichte – fast noch zur Galionsfigur des „neuen Deutschland“ geworden, für das ihn Johannes der Erbrecher geworben hatte. Ein gnädiger Tod nahm ihn vom Feld, ehe er sich zum yogischen Fliegen bekennen konnte.
Von alledem berichtet das Museum: Von einem großen Dramatiker und (deutlich dezenter) von einem großen Arschloch.

Oh, ich wollte mich gar nicht ereifern, bin doch zur Erholung hier.
Und die Realität holt mich auch schnell wieder ein: Am Nebentisch des Fisch-Imbisses sitzt ein fettes Paar mit dickem Kind, das Pommes mit Currywurst frisst und es fertigbringt, in zwei Sätzen über Hauptmann drei Generalfehler unterzubringen.
Und im Radio singt ein Kraftklub, dass die Welt ein bißchen weniger Scheiße wäre, wenn sie ihn küsse … Die Ansprüche sind deutlich gesunken, seitdem ich in dem Alter war. Aber die „unruhevolle Jugend“ von damals hat heute ohnehin ADS.

Es regnet stärker, als ich zurückwandere. English Summer Rain … schön ist es.
Ich betrete den Hubschrauberlandeplatz, sowas von verboten … Ein prickelnder Schauer überzieht meine Haut.

Und immer lockt das Grübchen

„Eine für Alle“, ein Sommertheaterspektakel von Peter Förster, gesehen am 12. Juli 2013 im Bärenzwinger Dresden (Premiere)

In letzter Zeit häuft es sich mit den Zufällen. Diesmal war ich bei der von mir erwählten Veranstaltung genau eine Woche zu früh erschienen, und bei der Suche nach Alternativen für den angebrochenen Frühabend stieß ich auf Försters Sommertheater, das ich in den letzten Jahren schon mehrfach goutierte. Dass heute auch noch Premiere war, dafür kann ich nun wirklich nichts.

Das Publikum zur letztlich ausverkauften Uraufführung hebt sich dann doch von jenem ab, was man aus dem Schauspielhaus gewohnt ist. Im Schnitt zehn Jahre jünger, mindestens, der Tautologie auf der Programmkarte, dass die Fläche überdacht sei und man (trotzdem?) bei Regen spiele, hätte es gar nicht bedurft.

Der Titel zielt auf die niederen Instinkte bei weitem nicht nur des männlichen Publikums, und das ist gut so. Wenn das Niveau erstmal unten liegt, kann es nur noch aufwärts gehen.
Schon zum zehnten Male stehe er hier zum ersten Mal auf der Bühne, sagt ein quirliger, sympathischer Peter Förster. Respekt. Auch sonst ist er sehr unterhaltsam. Warum spielt er eigentlich nicht auch selbst?
Artig lobt er die Sponsoren und heißt die Presse willkommen, die in großer Zahl erschienen ist. Es ist unverkennbar ein Heimspiel, das Publikum jubelt schon beim Warmmachen.

Es beginnt, etwas simpel vielleicht am Anfang. Viel wird über die Differenz zwischen drei Musketieren (nach dem Titel von Dumas) und vier Darstellern philosophiert, dabei ließe sich das leicht erklären. Welcher Schriftsteller bringt schon eine Schlusspointe im Titel unter? Aber sei es drum, auch dem Bildungsauftrag wird Genüge getan, der Name kommt vom Muskete tragen. Dass wir es mit einem Mantel-, Degen- und Intrigenstück zu tun haben, hätte eine Erwähnung nicht gebraucht.

Gott erlaube auch das Abhören, wenn es in seinem Interesse sei, sagt ein glänzend gespielter Kardinal Richelieu, Yes We Can. Und geht flugs ans Werk, um – über Bande spielend – erst die Königin Anna mit ihrem Liebhaber und Staatsfeind Buckingham zu desavouieren und damit dann den König zu stürzen. Lady de Winter ist seine Mata Hari, auch jene gut aufgelegt. Man bekommt eine Kurzeinweisung in den europäischen Hochadel zu Zeiten Louis Treize, hier werden Länder geheiratet.
Buckingham (und doppelrollig Porthos) lässt die Erinnerung an Monty Python wach werden, er kann nicht nur unglaublich dämlich gucken. Und beklagt sich über 10 Downing Street, jenes Reihenhaus, in das er als erster Staatsdiener ziehen müsse. Amüsant, das Ganze, es macht Spaß zuzusehen.

Nun wird auch das Rätsel des Stücktitels gelöst. „Eine für Alle“ ist einfach die gendergerechte Form. So einfach kann das manchmal sein. Über „EineR für Alle“ sind wir inzwischen hinaus.

Die drei (!) Musketiere haben zwar kein Programm, aber den festen Willen zum Heldentum. Eine leichte Beute für d’Artagnan, der hier als Revolutionsführer daherkommt und die Mannschaft erstmal ideologisch aufrüstet. Anzeichen von Abweichlertum bekämpft der Gascoigner mit der berühmten Frage, ob man wohl – sinngemäß – nicht für den Frieden sei.
Richelieu hat inzwischen bei seiner schönen Spionin Mühe, dem Zölibat (und damit Gott?) treu zu bleiben, da hilft nur Selbstkasteiung.
Die Texte sind übrigens sehr schön in Versform gebracht, das ist erbaulich.

Affairen müssen geheim bleiben! Deswegen schickt Anna, die in einem schwachen Moment dem Buckingham (unter anderem) ihre Diamanten überließ, die Musketiere aus, sie zurückzuholen, ehe das Fehlen bemerkt wird. Diese dienen zwar dem König, aber d’Artagnan ist dialektisch geschult und bestätigt den Nutzen für die Staatsräson. Außerdem fordert er die Verstaatlichung aller persönlichen Geheimnisse und ist damit seiner Zeit weit voraus.
„Eine kriegt Alle“ hätte es auch heißen können, wenn Anne die Muskeltiere (wie ich als Kind immer mangels besseren Wissens sagte) becirzt.
Aber auch Lady Winter wittert ihre Chance und reist gen Calais. Pause.

Es ist sicher schwer, aus diesem Stoff noch etwas Neues herauszuholen, aber das muss ja auch nicht zwingend sein. Bislang ein flott gespieltes, unterhaltsames Stück, das auch reichlich aktuelle Bezüge bietet.
Shakespeare, der nach dem Untertitel ja auch im Rennen ist, kommt allerdings kaum zur Geltung. Aber wie der Impresario in der Pause die leeren Gläser wegräumt und noch einen Stuhl heranschleppt … so muss Theater zu Shakespeares Zeiten gewesen sein.
Zudem ist es angenehm locker in der Pause, selbst die Schauspieler reihen sich in die Rauchergrüppchen vor der Tür ein.

Der Einstiegsgag mit „Versailles1700“ gefällt mir sehr. Die Motive heute und früher ähneln sich sicher.
Dann wird es handlungstechnisch etwas unübersichtlich. D’Artagnan wird dank einer zufällig übergestreiften Robe von allen für den König gehalten, naja. Immerhin bringt er die Diamanten zu Tage und schließt damit die offene Flanke in der königlichen Ehre. Bevor er allerdings richtig Gefallen an seiner neuen Rolle finden kann, sperrt ihn Richelieu weg. Dabei wollte er doch nur seine eigene Gattin konkukomprimieren? Was alles so verboten ist.
Deswegen muss er dann als Hannibal Lector auftreten, eine eiserne Maske ziert sein Antlitz. Ab in den Keller zur Feuerzangenbowle ohne Bowle.
Buckingham tauscht inzwischen die Diamanten gegen eine kleine Geschichtskorrektur und seinen Job für eine Stelle in der königlichen Garde ein. Dem muss ja echt was an der Dame liegen.

Wie kriegen wir den Kuddelmuddel nun dramaturgisch zu Ende? Relativ elegant. Der echte König erscheint (er war nur kurz mal zur Therapie) und übt Gerechtigkeit, enttarnt das fiese Streben des Richelieu, buchtet jenen mit Maske ein und befördert den Helden d’Artagnan zum Musketier des Königs.
Wie die interessante Dreiecksgeschichte mit Anna und dem Buckingham weitergeht, bleibt uns allerdings verschlossen.

Jubelndes Publikum zum Schluss, viele virtuelle Vorhänge, auch Peter Förster kann sich seinen verdienten Beifall abholen. Ein schönes Stück sommerliches Theater, leicht und erfrischend wie ein Roséwein. Ich nehm noch ´n Glas. Bis Ende August hat der Ausschank noch offen, sechs Tage pro Woche en suite.

PS: Blöderweise hab ich die Programmkarte liegenlassen, einem Profi wär das nicht passiert. So kann ich die Namen der durchweg guten Schauspieler nicht erwähnen, was mir leid tut, aber Gelegenheit gibt, auf die Internetpräsenz hinzuweisen:
http://www.Kammerspiele-Dresden.de

Das Gute trägt Hochwasserhosen

„Der Parasit“ von Friedrich Schiller nach Louis Picard, Regie Stefan Bachmann, (zweite) Premiere am Staatsschauspiel Dresden, 28. Juni 2013 (die 108. n.u.S.)

Mit diesen Frisuren kann man ja nichts werden. Vater und Sohn Firmin (Lars Jung und Matthias Luckey als Tandem ähnlich wie beim „Baumeister Solness“) räsonieren anfangs über das missgünstige Schicksal, das Karriere und Brauteroberung verhindert. La Roche tritt auf, ein geschlagener Mann, der seine Stelle verlor und dies dem Selicour anlastet. Tja, immer der Erste zu sein im Büro, hilft offenbar auch nicht, wenn es Raffiniertere gibt. Torsten Ranft gibt ihn (später) als Furie und ist sich des Publikumsjubels sicher.

Der La Roche schwört Rache und redet sich in Fahrt. Auch an Papier kann man sich böse schneiden. Die ersten Lacher landet er durch Spucken, na gut. Die altmodische Sprache hindert ein wenig am Verständnis, aber der allgemein Beschimpfte scheint ein Cleverle zu sein. Die von La Roche angebotene Rächung als Zwangsbeglückung lehnen die beiden grundanständig-langweiligen Firmins aber vorerst ab.

Die raffinierte Drehbühne (Olaf Altmann) bringt dann einen Minister sowie dessen Mutter und Tochter zu Tage, es passiert aber eigentlich nicht viel, auch wenn jeder Halbsatz belacht wird.
Erst mit dem Erscheinen des übel beleumundeten Selicour ändert sich das, er bringt Bewegung ins Beamtenmikado, scheinbar der einzige richtige Mensch zwischen diesen Karikaturen. Zunächst becirct er die Mutter (Hannelore Koch) des verehrten (Neu-) Ministers, er weiß wie es geht. Die bedauernswerte Ines Marie Westernströer muss das Dummchen von Tochter geben, noch mehr Mitleid verdient Christian Clauß, dem man den alten, zittrigen Kammerdiener aufgezwungen hat. Beide erledigen das professionell.

Solicour tanzt, tänzelt durch die Winkel des Ministeriums, berauscht von seinen Plänen. Ein wunderbarer Ahmad Mesgarha ganz in seinem Element, eine großartige Leistung, jede Facette des Hochstaplers wird glaubwürdig gezeigt und ausgeleuchtet. Ich habe ihn schon früher, als ich mich noch nicht berufen fühlte, meine Meinung breit zu streuen, u.a. zweimal als großartigen Mephisto erlebt, einmal im Faust und einmal mit dem Decknamen Hendrik Höfgen, das erwähne ich hier sehr gern.
Philipp Lux hingegen muss den Deppen von Minister machen, den eine Teetasse und ein Leistenbruch auszeichnen. Mein Beileid.

Die erste Rache-Attacke von La Roche scheitert und fällt auf ihn zurück. Solicour zeigt sich im Triumph großzügig, herzt den La Roche, der Minister will im Bunde der Dritte sein. La Roche entzieht sich, winselt, schauspielerisch sehenswert, dramaturgisch … ach, lassen wir das.
Der Schleimer ist kein Schleimer, wenn man’s nicht beweisen kann. Aber Solicour erhält trotz seines Etappensiegs zwei schwierige Aufgaben, die Fertigung eines Sonetts und eines Wahlprogramms, die ihn beide deutlich überfordern würden, wenn er sich nicht zu helfen wüsste.
Und so luchst (nicht luxt) er den Firmins ihre Werke ab und verkauft sie als die seinen.

Zwischendurch tritt noch Benjamin Höppner als Vetter auf, im Wesentlichen aufs Rülpsen reduziert. Auch er kann Selicour nicht in ernstliche Gefahr bringen.
Die Dreh-Bühne bietet hübsche Einblicke ins Geschehen, das Lied vom Tod ist dann aber doch etwas übertrieben für die Begegnung von La Roche und Selincour. Ungleiche Gegner.
Nichts ist überwältigender als ein Lob, Selincour weiß damit umzugehn. Offenbar ist er der Einzige hier, der Eier und (!) Verstand hat.

Die Handlung schleppt sich dahin, das Fräulein Tochter soll nun den Selicour ehelichen, was ihr Grauen beschert, ganz im Gegensatz zur Frau Großmama. Soll die doch …
Alle spielen großartig, man wünscht sich, sie hätten ein Stück, bei dem sich das auch lohnen würde.

Dann das Finale. La Roche versucht es diesmal mit den Waffen des Selicour, und, oh Wunder, er gewinnt. Jener ist vorverurteilend mit Buratino-Nase gekennzeichnet und verheddert sich im Gestrüpp des angeblichen Minister-Fehltritts. Trotzdem kommt die Wende etwas plötzlich, der Minister wechselt für mich all zu schnell die Seiten.
Auch in diesem Märchen siegt also das Gute, so simpel und bieder es auch daher kommt, das Publikum ist’s zufrieden.

Dann aber noch eine böse Entgleisung: Der entlarvte Solicour wird splitternackt durch den Saal getrieben, Johlen und Jubeln im Publikum. Merken die nicht, wie widerlich das ist? Hat ein schlechter Mensch kein Recht auf seine Würde? So fangen Pogrome an. Kotzen könnte ich.
Die Sieger sind nicht besser als der Besiegte, zwar dümmer, aber in der Überzahl.

Der Gast würde sich gern mit Grausen wenden, als der (beneidenswert gut gebaute) nackte Mesgarha so von links nach rechts gehetzt wird, aber die Höflichkeit siegt. Und so werden die mahnenden Schillerschen Worte, dass die Gerechtigkeit meist nur auf der Bühne siegen würde, auch noch mitgenommen, ehe es in den tosenden Beifall geht.

Es ist – das sei angemerkt – eine second Hand – Premiere. Die erste fand vor einer Woche für die Internationalen Schillertage im Nationaltheater Mannheim statt und wurde wohl frenetisch bejubelt. Von mir aus gerne, aber … einen Einwand habe ich dann doch.

Dieses Stück, das Schiller nur widerwillig (und ich weiß nun auch warum) auf Geheiß des Weimarer Herzogs Karl August 1803 aus dem Französischen übertrug, wie das Programmheft verrät, unterliegt zwei Grundirrtümern:
1. Alles Gute kommt von oben, ein gütiger Herrscher sorgt am Ende schon für Gerechtigkeit. Schmarrn!
2. In einem Apparat wie dem beschriebenen gibt es zwar ein schwarzes Schaf, aber alle anderen sind grundgütig, treu und doof. Nochmal Schmarrn.

Die gewohnte Schillersche Tiefe vermisse ich völlig. Eine simple Parabel von einem enttarnten Plagiator, mehr nicht.
Was soll das heute auf der Bühne? Was will uns das sagen? Warum muss man das so inszenieren, dass es auch zu Schillers Zeiten aufführbar gewesen wäre?
Man hätte es dekonstruieren können, filetieren, vom Ende her aufbauen, was weiß ich, es gibt so viele Möglichkeiten. Bachmann wollte, konnte oder durfte nicht. Schade.
So bleibt ein unnützer Abend, der nur durch die teils großartigen Schauspielerleistungen einer Erwähnung wert ist.