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Alternative Fakten zum gestrigen Abend

„Amphitryon“ von Heinrich von Kleist, Regie Wolfgang Engel, Premiere am 4. Februar 2017 am Staatsschauspiel Dresden

„Wer oder was bin ich?“, ganz ohne Robert Lembke, dafür deutlich existenzieller. Göttervater Jupiter fühlt sich von Alkmene, der schönen Gattin des Königs von Theben Amphitryon, in religiöser Hinsicht unzureichend wertgeschätzt und steigt herab sowie in des Königs Kleider und Körper, um dies auf sehr irdische Art zu kompensieren. Die Freude an der Bestrafung ist beiderseits, doch treten in der Folge einige psychologische Kollateralschäden auf, die wohl selbst Jupiter so nicht vorhersah. Dabei werden die Identitäts- und Sinnkrise erfunden und die Grundlagen für das heute florierende Handwerk des Psychotherapeuten sowie das Filmmaterial von Woody Allen geschaffen.

Das Ganze hier:

http://www.kultura-extra.de/theater/spezial/premierenkritik_amphitryon_staatsschauspielDD.php

 

Und alles wegen dieser blöden Töle.

„Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone“, nach dem Roman von Mark Haddon in einer Bühnenfassung von Simon Stephens, Regie Jan Gehler, deutschsprachige Uraufführung, gesehen am Staatsschauspiel Dresden am 15. September 2013 (Premiere)

Ein Händchen hat dieser Koall!
Der Stoff war schon in Hollywood, lag auf Brad Pitts Stapel, ehe der Buchautor Haddon seine Liebe zum Theater entdeckte und in Stephens einen kongenialen Übertrager fand. Und Robert Koall hat das Ding nach Dresden geholt, als deutsche Uraufführung, in die sächsische Provinz, wo Kultur gemeinhin in Übernachtungszahlen gemessen wird. Respekt, Mann!

Es liegt mir (heute) fern, die Handlung nachzuerzählen. Das muss sich schon jede selbst anschauen. Nur ein paar Anmerkungen dazu:

Metaphern sind Lügen, vor allem in der Welt des Aspergers, einer Unterart des Autismus.
Der wäre gern ein (un)lustiger Astronaut, ganz allein da oben, keine Menschen um ihn, nur Zahlen und Computer.
Auf einer Tetris-Bühne (Sabrina Rox) glänzt der Video-Einsatz (Sami Bill) ganz besonders.
Das Drama, eine Geschichte von Überforderung, enthüllt sich nur langsam, aber lavaartig unaufhaltbar. Love changes everything. Doch ein Autist ist eine Belastung, überall, ein klassischer Beziehungskiller.

Ich geb ja zu, ich lass mich auch sonst gerne rühren, zu gerne, aber die Tränchen flossen am Ende in Strömen, und ich konnte nichts dagegen tun. Ein Happy-End, nicht mehr für möglich gehalten.
Aus einer starken Ensembleleistung jemanden hervorzuheben, ist doof. Ich mach es trotzdem. Thomas Eisen als grundanständiger, aufopferungsvoller, verzweifelter, enttäuschter und am Ende wieder hoffnungsvoller Vater, Ina Piontek als Erzählerin und liebevolle Betreuerin Siobhan, Jan Maak, der sich als Spezialist für oberflächlich gute, aber schmierige Charaktere zu entwickeln scheint, Anna-Katharina Muck in drei grundverschiedenen, gut ausgefüllten Rollen, Cathleen Baumann als lebenshungrige und mit diesem Sohn überforderte Judy, die trotzdem noch „die Kurve kriegt“, … Ok, das waren sie ja schon alle.

Bis auf einen: Jonas Friedrich Leonhardi, 23 Jahre alt. Schon in Lollikes „Körper und Kampfplatz“ fiel er mir auf, und nun das. Mag sein, dass manche Rollen einem auf den Leib geschneidert scheinen, aber auch Elfmeter muss man noch verwandeln (Uli Hoeneß ist da mehr als einmal dran gescheitert). Leonhardi nimmt die Pille, legt sie kurz zurecht und drischt sie ohne Anlauf volley rein, mittenmang.
Wenn ich künftig mal eine Frage zu Autismus habe, werde ich ihn anrufen.

Wenn einem so was Gutes widerfährt, ist das doch einen Asperger Uralt wert, oder?