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Kein Gott, nirgends.

„Ichglaubeaneineneinzigengott.“, Monolog von Stefano Massini, deutschsprachige Erstaufführung in der Regie von Nora Otte am Staatsschauspiel Dresden, 14. November 2015

Auch an anderen Tagen wäre man aus dieser Inszenierung nicht beschwingt hinausgegangen. Heute bedurfte es sogar einer Erklärung des Intendanten Wilfried Schulz vorab, warum man auf die Premiere ausgerechnet dieses Stückes am Tage nach einem Terroranschlag entsetzlichen Ausmaßes nicht verzichtet habe. Die Frage, die sich das Theater heute vormittag stellte, war genauso berechtigt wie die Entscheidung richtig: Man muss sich auseinandersetzen, auch wenn es schmerzhaft war und ist.

Stefano Massini, dessen theatrale Dokumentation der Familiengeschichte der Lehmann-Brüder nach deren Auswanderung ins gelobte Land Amerika (eine klassische Mischform von Wirtschaftsflucht und Emigration aus Furcht vor Verfolgung übrigens) erst unlängst an diesem Theater Erfolg hatte, befasst sich in seinem Monolog von drei Personen mit dem Dauerkonflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Das Thema wird aus zwei diametralen Blickwinkeln beleuchtet, jenem der jüdischen Geschichtsprofessorin Eden Golan, die zumindest anfangs an Verständigung und Versöhnung glaubt, und jenem der palästinensisch-muslimischen Studentin Shirin Akhras, die in ihrem kurzen Leben nichts anderes als Unterdrückung und Terror kennengelernt hat. Die dritte Person, die amerikanische Soldatin Mina Wilkinson, hat vor allem die Funktion, die Handlung zusammenzuhalten und die grausame Schlusspointe zu erzählen.

Alle drei wurden gespielt von Cathleen Baumann, der phasenweise die Anspannung an diesem auf so unerwartete Weise besonderen Tage anzumerken war und die dennoch auf anrührende und ergreifende Art in drei verschiedenen Körpersprachen, Stimmlagen und Mimiken brillierte. Unterstützt wurde ihre Performance von der Kostümbildnerin Lisa Edelmann, die nur wenige Requisiten brauchte, um die Personen unterscheidbar zu machen, und von der kargen Bühne aus verschraubten Verstrebungen, die eine Arena andeuteten, phasenweise von einer von oben auf das Geschehen blickenden Kamera unterstützt.
Die Regisseurin Nora Otte verzichtete – von der Detonation der ersten Bombe abgesehen – auf alle „special effects“ und vertraute der Geschichte, den klug gesetzten musikalischen Sentenzen von Ludwig Bauer und vor allem ihrer Darstellerin. Das Ergebnis gab ihr recht.

Erklärt wurde in diesem Stück wenig, der Fanatismus der Studentin wurde ebenso vorausgesetzt und fortgeschrieben wie die Abgebrühtheit der Soldatin. Nur die Professorin wurde als Person kenntlicher, wenn sie nach ihrer Traumatisierung durch einen er- und überlebten Selbstmordanschlag ihre Prinzipien mehr und mehr in Frage stellte.
Dramaturgisch geschickt kreuzten sich die Lebens- bzw. Todeslinien der Palästinenserin und der Jüdin zuerst nur scheinbar: Während die eine auf der zweiten Stufe ihrer Märtyrerkarriere ihre beiden besten Freundinnen – die ihr hier einen Schritt voraus waren – und ein vollbesetztes Lokal zum Chanukka-Fest in die Luft sprengte, tafelte die andere entgegen der anfänglichen Vermutung dann doch ein paar Straßen weiter, das erste Mal seit dem Anschlag vor mehreren Monaten.
Doch fast unvermeidlich fanden beide im Tode zusammen, die eine wie die andere von amerikanischen Scharfschützen wie Mina Wilkinson getötet, wegen des mitgeführten Rucksacks voller Sprengstoff bzw. weil das Schultertuch wegen des Regens unglücklich über den Kopf gebunden war. Zur falschen Zeit am falschen Ort, sagt man da wohl.
Von einem Gott, an den man glauben könnte, war nirgendwo etwas zu sehen.

Als sich das Publikum vom Schock einigermaßen erholt hatte, gab es kräftigen Beifall für Cathleen Baumann und das Inszenierungsteam.

Tja, und nun? Dass das Stück zur richtigen Zeit kommt (auch wenn die Gemengelage in Mitteleuropa eine andere ist), ist wohl unstrittig. Ob das Provinzhauptstädtchen Dresden der richtige Ort ist, um sich mit Terrorismus auseinanderzusetzen in diesen Tagen?
Ja und nein. Ja, weil dieses Thema unsere Gesellschaft seit Jahren begleitet (wobei der islamistische Terror nur eine von mehreren Ausprägungen ist, wenn auch derzeit dominierend), nein, weil der Terror hier ein ganz anderes Gesicht hat und vorzugsweise Flüchtlingsunterkünfte anzündet. Insofern könnte man sagen, dass wir hier andere, dringendere Probleme haben, aber das Theater ist nicht die Tagesschau, und so können und sollen auch Themen abgehandelt werden, die außerhalb unseres aktuellen Tellerrands liegen.

So oder so wird der pegidistische Hassprediger und Montags-Schwarzmaler mit seiner Ortsbauernführer-Schläue die tragischen Ereignisse vom Freitagabend nutzen, um seine Gefolgschaft weiter zu radikalisieren.
Damit ist sich auseinanderzusetzen, und Theater allein reicht dagegen sicher nicht aus, aber es ist ein Beitrag, die Vernunft zu stärken, auch und gerade in der schmerzhaften Auseinandersetzung mit Gründen und Ursachen. Und dazu kann man „ichglaubeaneineneinzigengott“ definitiv zählen.

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Und alles wegen dieser blöden Töle.

„Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone“, nach dem Roman von Mark Haddon in einer Bühnenfassung von Simon Stephens, Regie Jan Gehler, deutschsprachige Uraufführung, gesehen am Staatsschauspiel Dresden am 15. September 2013 (Premiere)

Ein Händchen hat dieser Koall!
Der Stoff war schon in Hollywood, lag auf Brad Pitts Stapel, ehe der Buchautor Haddon seine Liebe zum Theater entdeckte und in Stephens einen kongenialen Übertrager fand. Und Robert Koall hat das Ding nach Dresden geholt, als deutsche Uraufführung, in die sächsische Provinz, wo Kultur gemeinhin in Übernachtungszahlen gemessen wird. Respekt, Mann!

Es liegt mir (heute) fern, die Handlung nachzuerzählen. Das muss sich schon jede selbst anschauen. Nur ein paar Anmerkungen dazu:

Metaphern sind Lügen, vor allem in der Welt des Aspergers, einer Unterart des Autismus.
Der wäre gern ein (un)lustiger Astronaut, ganz allein da oben, keine Menschen um ihn, nur Zahlen und Computer.
Auf einer Tetris-Bühne (Sabrina Rox) glänzt der Video-Einsatz (Sami Bill) ganz besonders.
Das Drama, eine Geschichte von Überforderung, enthüllt sich nur langsam, aber lavaartig unaufhaltbar. Love changes everything. Doch ein Autist ist eine Belastung, überall, ein klassischer Beziehungskiller.

Ich geb ja zu, ich lass mich auch sonst gerne rühren, zu gerne, aber die Tränchen flossen am Ende in Strömen, und ich konnte nichts dagegen tun. Ein Happy-End, nicht mehr für möglich gehalten.
Aus einer starken Ensembleleistung jemanden hervorzuheben, ist doof. Ich mach es trotzdem. Thomas Eisen als grundanständiger, aufopferungsvoller, verzweifelter, enttäuschter und am Ende wieder hoffnungsvoller Vater, Ina Piontek als Erzählerin und liebevolle Betreuerin Siobhan, Jan Maak, der sich als Spezialist für oberflächlich gute, aber schmierige Charaktere zu entwickeln scheint, Anna-Katharina Muck in drei grundverschiedenen, gut ausgefüllten Rollen, Cathleen Baumann als lebenshungrige und mit diesem Sohn überforderte Judy, die trotzdem noch „die Kurve kriegt“, … Ok, das waren sie ja schon alle.

Bis auf einen: Jonas Friedrich Leonhardi, 23 Jahre alt. Schon in Lollikes „Körper und Kampfplatz“ fiel er mir auf, und nun das. Mag sein, dass manche Rollen einem auf den Leib geschneidert scheinen, aber auch Elfmeter muss man noch verwandeln (Uli Hoeneß ist da mehr als einmal dran gescheitert). Leonhardi nimmt die Pille, legt sie kurz zurecht und drischt sie ohne Anlauf volley rein, mittenmang.
Wenn ich künftig mal eine Frage zu Autismus habe, werde ich ihn anrufen.

Wenn einem so was Gutes widerfährt, ist das doch einen Asperger Uralt wert, oder?