Das Gute trägt Hochwasserhosen


„Der Parasit“ von Friedrich Schiller nach Louis Picard, Regie Stefan Bachmann, (zweite) Premiere am Staatsschauspiel Dresden, 28. Juni 2013 (die 108. n.u.S.)

Mit diesen Frisuren kann man ja nichts werden. Vater und Sohn Firmin (Lars Jung und Matthias Luckey als Tandem ähnlich wie beim „Baumeister Solness“) räsonieren anfangs über das missgünstige Schicksal, das Karriere und Brauteroberung verhindert. La Roche tritt auf, ein geschlagener Mann, der seine Stelle verlor und dies dem Selicour anlastet. Tja, immer der Erste zu sein im Büro, hilft offenbar auch nicht, wenn es Raffiniertere gibt. Torsten Ranft gibt ihn (später) als Furie und ist sich des Publikumsjubels sicher.

Der La Roche schwört Rache und redet sich in Fahrt. Auch an Papier kann man sich böse schneiden. Die ersten Lacher landet er durch Spucken, na gut. Die altmodische Sprache hindert ein wenig am Verständnis, aber der allgemein Beschimpfte scheint ein Cleverle zu sein. Die von La Roche angebotene Rächung als Zwangsbeglückung lehnen die beiden grundanständig-langweiligen Firmins aber vorerst ab.

Die raffinierte Drehbühne (Olaf Altmann) bringt dann einen Minister sowie dessen Mutter und Tochter zu Tage, es passiert aber eigentlich nicht viel, auch wenn jeder Halbsatz belacht wird.
Erst mit dem Erscheinen des übel beleumundeten Selicour ändert sich das, er bringt Bewegung ins Beamtenmikado, scheinbar der einzige richtige Mensch zwischen diesen Karikaturen. Zunächst becirct er die Mutter (Hannelore Koch) des verehrten (Neu-) Ministers, er weiß wie es geht. Die bedauernswerte Ines Marie Westernströer muss das Dummchen von Tochter geben, noch mehr Mitleid verdient Christian Clauß, dem man den alten, zittrigen Kammerdiener aufgezwungen hat. Beide erledigen das professionell.

Solicour tanzt, tänzelt durch die Winkel des Ministeriums, berauscht von seinen Plänen. Ein wunderbarer Ahmad Mesgarha ganz in seinem Element, eine großartige Leistung, jede Facette des Hochstaplers wird glaubwürdig gezeigt und ausgeleuchtet. Ich habe ihn schon früher, als ich mich noch nicht berufen fühlte, meine Meinung breit zu streuen, u.a. zweimal als großartigen Mephisto erlebt, einmal im Faust und einmal mit dem Decknamen Hendrik Höfgen, das erwähne ich hier sehr gern.
Philipp Lux hingegen muss den Deppen von Minister machen, den eine Teetasse und ein Leistenbruch auszeichnen. Mein Beileid.

Die erste Rache-Attacke von La Roche scheitert und fällt auf ihn zurück. Solicour zeigt sich im Triumph großzügig, herzt den La Roche, der Minister will im Bunde der Dritte sein. La Roche entzieht sich, winselt, schauspielerisch sehenswert, dramaturgisch … ach, lassen wir das.
Der Schleimer ist kein Schleimer, wenn man’s nicht beweisen kann. Aber Solicour erhält trotz seines Etappensiegs zwei schwierige Aufgaben, die Fertigung eines Sonetts und eines Wahlprogramms, die ihn beide deutlich überfordern würden, wenn er sich nicht zu helfen wüsste.
Und so luchst (nicht luxt) er den Firmins ihre Werke ab und verkauft sie als die seinen.

Zwischendurch tritt noch Benjamin Höppner als Vetter auf, im Wesentlichen aufs Rülpsen reduziert. Auch er kann Selicour nicht in ernstliche Gefahr bringen.
Die Dreh-Bühne bietet hübsche Einblicke ins Geschehen, das Lied vom Tod ist dann aber doch etwas übertrieben für die Begegnung von La Roche und Selincour. Ungleiche Gegner.
Nichts ist überwältigender als ein Lob, Selincour weiß damit umzugehn. Offenbar ist er der Einzige hier, der Eier und (!) Verstand hat.

Die Handlung schleppt sich dahin, das Fräulein Tochter soll nun den Selicour ehelichen, was ihr Grauen beschert, ganz im Gegensatz zur Frau Großmama. Soll die doch …
Alle spielen großartig, man wünscht sich, sie hätten ein Stück, bei dem sich das auch lohnen würde.

Dann das Finale. La Roche versucht es diesmal mit den Waffen des Selicour, und, oh Wunder, er gewinnt. Jener ist vorverurteilend mit Buratino-Nase gekennzeichnet und verheddert sich im Gestrüpp des angeblichen Minister-Fehltritts. Trotzdem kommt die Wende etwas plötzlich, der Minister wechselt für mich all zu schnell die Seiten.
Auch in diesem Märchen siegt also das Gute, so simpel und bieder es auch daher kommt, das Publikum ist’s zufrieden.

Dann aber noch eine böse Entgleisung: Der entlarvte Solicour wird splitternackt durch den Saal getrieben, Johlen und Jubeln im Publikum. Merken die nicht, wie widerlich das ist? Hat ein schlechter Mensch kein Recht auf seine Würde? So fangen Pogrome an. Kotzen könnte ich.
Die Sieger sind nicht besser als der Besiegte, zwar dümmer, aber in der Überzahl.

Der Gast würde sich gern mit Grausen wenden, als der (beneidenswert gut gebaute) nackte Mesgarha so von links nach rechts gehetzt wird, aber die Höflichkeit siegt. Und so werden die mahnenden Schillerschen Worte, dass die Gerechtigkeit meist nur auf der Bühne siegen würde, auch noch mitgenommen, ehe es in den tosenden Beifall geht.

Es ist – das sei angemerkt – eine second Hand – Premiere. Die erste fand vor einer Woche für die Internationalen Schillertage im Nationaltheater Mannheim statt und wurde wohl frenetisch bejubelt. Von mir aus gerne, aber … einen Einwand habe ich dann doch.

Dieses Stück, das Schiller nur widerwillig (und ich weiß nun auch warum) auf Geheiß des Weimarer Herzogs Karl August 1803 aus dem Französischen übertrug, wie das Programmheft verrät, unterliegt zwei Grundirrtümern:
1. Alles Gute kommt von oben, ein gütiger Herrscher sorgt am Ende schon für Gerechtigkeit. Schmarrn!
2. In einem Apparat wie dem beschriebenen gibt es zwar ein schwarzes Schaf, aber alle anderen sind grundgütig, treu und doof. Nochmal Schmarrn.

Die gewohnte Schillersche Tiefe vermisse ich völlig. Eine simple Parabel von einem enttarnten Plagiator, mehr nicht.
Was soll das heute auf der Bühne? Was will uns das sagen? Warum muss man das so inszenieren, dass es auch zu Schillers Zeiten aufführbar gewesen wäre?
Man hätte es dekonstruieren können, filetieren, vom Ende her aufbauen, was weiß ich, es gibt so viele Möglichkeiten. Bachmann wollte, konnte oder durfte nicht. Schade.
So bleibt ein unnützer Abend, der nur durch die teils großartigen Schauspielerleistungen einer Erwähnung wert ist.

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