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Das älteste Gericht
„Die Panne“ von Friedrich Dürrenmatt, Regie Roger Vontobel, Premiere am Staatsschauspiel Dresden am 9. Januar 2015
Essen ist nicht nur der Sex des Alters, man kann mit ihm auch eine heilige Messe feiern. Und nebenher zu Gericht sitzen, als Hauptgang sozusagen. Jenes Gericht ist zwar mit allen Zutaten in Pension, aber das MHD scheint noch nicht abgelaufen, zumal es von den Fesseln herkömmlicher Gesetzlichkeit befreit ist. …
Vier sehr alte Herren, denen die Klapprigkeit arg zusetzt, halten sich mit dem Spielen ihrer früheren Berufsrollen am Leben. Da sie allesamt im Justizapparat tätig waren, werden allabendlich bei Tisch die großen Fälle der Weltgeschichte nachgestellt. Aber ab und an verirrt sich auch ein Reisender zu ihnen, dann gibt es Gegenwartsbezug. Diesmal ist es der Textilvertreter Traps, den eine Panne im beschaulichen Alpendörfchen festhält und der arglos-dankbar die Einladung zum gemeinsamen Spiel annimmt.
Nur die Rolle des Angeklagten ist noch zu haben. In jener fremdelt Traps zwar anfangs, weil er sich reinen Gewissens wähnt, aber ihm kann geholfen werden. Am Ende richtet er sich selbst, schwer beladen von seiner Schuld.
Wie es dazu kommt, ist äußerst amüsant zu sehen, …
http://www.kultura-extra.de/theater/spezial/premierenkritik_diepanne_staatsschauspieldresden.php
Der Schweiß von Schimanski
„mein deutsches deutsches Land“ von Thomas Freyer, Regie Tilmann Köhler, Uraufführung am Staatsschauspiel Dresden, gesehen am 30. Dezember 2014
Es ist alles schon gesagt.
Nein, ich will nicht auf den alten Kalauer „aber noch nicht von mir“ hinaus. Es ist wirklich fast alles schon geschrieben worden zu diesem Stück, das vor knapp vier Wochen Premiere hatte, auch in der Süddeutschen, auf nachtkritik.de, im Deutschlandfunk und in der taz wurde – völlig zu Recht – gejubelt. Mir bleiben da nur noch einige Anmerkungen zu Dingen, die ich nicht ganz gelungen fand.
…
http://www.livekritik.de/kultura-extra/theater/spezial/urauffuehrung_thomasfreyer_meindeutschesdeutschesland.php
Egon Krenz hat die Wende erfunden
„1989: Jedem seine Geschichte“ ein MDR Figaro – Café in Kooperation mit der ZEIT und dem Staatsschauspiel Dresden am 28. September 2014
Wo ist man, wenn sich die Diskutanten Datumsangaben wie Stichworte zuwerfen und alle einschließlich des zuhörenden Saals auf Anhieb wissen, worum es geht? Richtig, in einer Debatte über das prägende Ereignis vor fünfundzwanzig Jahren, dessen heute gängige Bezeichnung „Wende“ auf Egon Krenz zurückgeht, wie der Schriftsteller Ingo Schulze (damals Dramaturg am Theater Altenburg) gleich zu Beginn anmerkte.
[Ich erinnere mich, dass Christa Wolf schon am 4. November (einem der oben erwähnten markanten Tage) dieses Wort öffentlich auseinandernahm und eine hübsche, aus der Seefahrt stammende Interpretation fand, sinngemäß: Der Kapitän befiehlt „Klar zur Wende“ und die Mannschaft duckt sich, weil gleich der Mastausleger über das Deck fegt. Auch die Anfügung „-Hals“ wurde von ihr in diesem Kontext erwähnt, was dem Siegeszug des praktisch-kurzen Begriffes „Wende“ keinen Abbruch tat. Und nun werden wir den nicht mehr los.]
Die anderen markanten Daten sind übrigens der 9. Oktober (ein bzw. DER Montag) und der 9. November, in welchem sich seitdem ein Großteil der Ambivalenz deutscher Geschichte abbildet. [Ich füge das nur an, weil unter den Lesern eventuell auch Menschen unter 25 Lebensjahren und/oder westdeutschen oder gar ausländischen Geblüts sein könnten. Man weiß ja nie. Bei allen anderen darf man diese Kenntnis wohl voraussetzen.]
Die anderen Diskussionsteilnehmerinnen waren Heide Schwochow, heute Drehbuchautorin, damals in der Kinderhörspielabteilung des DDR-Rundfunks – die berühmte Nalepastraße – und (auch formal) ausreisewillig sowie Evelyn Finger, die das Jahr 89 als Abiturientin in Halle erlebte, an der Saale, klar, und dennoch heute das elegant benamste Ressort „Glauben und Zweifeln“ der ZEIT leitet.
[Ein Ressort „Wissen“ gibt es übrigens auch, was allerdings etwa achtmal so viel Platz in der Wochenzeitung hat, es wird eben doch lieber gewusst als geglaubt oder gar gezweifelt.]
Moderiert wurde das sonntagnachmittägliche Radio-Café vom wie eh und je umschwärmten Thomas Bille.
[Den Begriff „Kanzelschwalben“ nutzte ich leider bereits in meinem letzten Bericht über ein ähnliches Ereignis und muss hier bedauerlicherweise auf ihn verzichten.]
Bei schönstem Spätsommerwetter war der Saal des Kleines Hauses immerhin halbvoll oder erschreckend halbleer, ganz wie man will. Auch dies ein Beleg dafür, dass alles relativ ist im Leben, auch der Blick auf den Herbst 89, der doch sehr von der eigenen Position abhängt, damals wie heute.
Die Abwesenden haben eine Diskussion verpasst, die – ohne nun gänzlich neue Erkenntnisse zu erzeugen – sich auf durchgängig sehr hohem Niveau mit der Geschichte der friedlichen Revolution und mehr noch mit dem heutigen Umgang mit dieser befasste. Ganz ohne Anekdoten kommt eine solche Debatte natürlich nicht aus, aber jene waren klug gewählt, ob es nun um die ungewöhnlich freundlichen DDR-Grenzer in Schmilka bei der Rückkehr aus dem Ungarn-Urlaub im September 89, um die Gelenkigkeit in der Halsgegend des Stabü-Lehrers [„Staatsbürgerkunde“, liebe oben erwähnte Randgruppe, eine Mischung aus Koranschule, Priesterseminar und Blinde-Kuh-Spiel, nur mit sozialistischem Inhalt] oder ganz im Gegenteil um die geistige Ungelenkigkeit einer überforderten Hannoveraner Lehrerin, die zu dieser Zeit auf ein eben ausgereistes Ost-Kind [nicht mit „ausgerissen“ zu verwechseln, das hatte alles seine Ordnung] mit erfahrungsbedingt hoher Politisierung traf, ging.
Jene Heide Schwochow, von der diese Geschichte stammte, begründete zuvor auch sehr einleuchtend, warum man als Familie – trotz der Möglichkeiten über Ungarn – lieber den eigenen Ausreiseantrag genehmigt bekommen wollte.
[„Besser durch den Vorderausgang schreiten als aus dem Klofenster klettern“ hat sie zwar nicht gesagt, aber so in etwa hab ich sie verstanden.]
Dass jene Bewilligung nun ausgerechnet am Vormittag des 9. November eintraf, führte an diesem Tage dann sicher gleich zweimal zu größeren Gefühlsausbrüchen, auch dies eine schöne Anekdote, welche noch besser wird, wenn man erfährt, dass Familie Schwochow (Mutter und Vater Rainer als Drehbuchautoren und Sohn Christian als Regisseur, ja, der vom „Turm“) kürzlich sozusagen als Ringschluss ein Fernsehspiel namens „Bornholmer Straße“ fertigte, das jene abendlichen Ereignisse am 9.11. vor 25 Jahren schildert und am 5. November in der ARD zu sehen sein wird, welche nun auch schon seit fast so lange nicht mehr mit „Außer Raum Dresden“ ausgesprochen werden kann.
Angesichts der im Rückblick absurden Situation am Grenzkontrollpunkt, wo die Entscheidung eines Einzigen, Oberstleutnant der Grenztruppen der DDR, angesichts einer diffusen Nachrichtenlage und mangelnder Order von oben den Schlagbaum anstelle der MPi zu heben, über den weiteren Verlauf der Geschichte bestimmte, wird man dies als Komödie auf den Bildschirm bringen.
Es gab im Verlaufe des Gesprächs einige Merksätze zu notieren, wen wundert’s bei drei Größen der schreibenden Zunft. Ingo Schulze formulierte schön die untrennbare Bindung des eigenen Glücks an das Glück von allen in den besagten Monaten bis zum 18. März 1990, auch dies so ein Datum. Evelyn Finger nannte in der Rückschau die Diskrepanz zwischen dem Anspruch der DDR an sich selbst und deren erlebte Wirklichkeit als das prägende Merkmal dieses Staates und Heide Schwochow verwies auf die Ambivalenz der (allermeisten) Menschen, für die ein schlichtes Schwarz-Weiß-Schema nicht passen würde. Auch der Alltag in der DDR war nicht nur systemgeprägt, es wurde auch ohne Zutun der Partei geliebt und gelacht, geheult natürlich auch.
Thomas Bille fragte dann nach dem „Wenderoman“ und ob es so einen überhaupt gäbe bisher oder künftig geben könnte. Und obwohl da einige in Frage kämen, jeder ein bisschen, wurde dieser große Wurf so definiert, dass er aus dem Westen kommen müsse, ohne die dort sehr verbreitete „Westalgie“ natürlich, oder bereits in den Achtzigern im Osten geschrieben worden wäre, auch hier mit mehreren Kandidaten. An beidem ist sicher einiges dran, auch wenn der Begriff eher als Marketinginstrument auf die Buchmessen gehört. Wenn es jemandem gelänge, alle Aspekte dieses Weltenwandels in einem Roman abzubilden, hätten wir sicher einen zweiten Faust, aber ob der mit zwei Teilen auskäme, wage ich zu bezweifeln.
Interessant auch die einhellige Feststellung, dass sich die Debatte um die Umstände und Folgen des neunundachtziger Herbstes außerhalb der offiziellen Anlässe fast ausschließlich zwischen Ostdeutschen abspielen würde, erst in letzter Zeit sei z.B. in der gleichnamigen Wochenschrift eine Tendenz zu beobachten, dass man sich auch ohne biographischen Hintergrund mit diesem Jahrhundertereignis beschäftige. Erklärbar ist das sicher, schließlich unterschieden sich die Veränderungen in Ebersbach (Fils) zu Beginn der neunziger Jahre doch erheblich von jenen in Ebersbach (Sachs), und seitdem ist in beiden Partnerstädten nicht so sehr viel in dieser Beziehung passiert.
[Gut, das sächsische Ebersbach, das eigentlich in der Oberlausitz liegt, um das mal klarzustellen, hat sich inzwischen mit dem Nachbarflecken Neugersdorf per Bindestrich vereinigt, halb gezogen, halb gesunken, und strebt nun vielleicht den Titel „Ort mit dem längsten Namen“ an, der sicher die Reisebusse anlockt, aber sonst war wirklich nicht viel.]
Auch nicht neu (aber was überrascht nach 25 Jahren noch?), doch immer wieder neu beklagenswert ist der Fakt, dass mit dem Zusammenbruch des „linken Erlösungsversprechens“ namens real existierender Sozialismus der Gesellschaftsordnung hinter der Mauer ein potentielles Gegenmodell abhanden kam, das allein durch seine schlichte Existenz schon eine gewisse Wirkung hatte.
Wer will denn heute noch ernsthaft für ein anderes politisches System werben, jenseits von Marktkonformitäten, wenn einem postwendend das relativ frisch vergurkte Experiment im östlichen Europa um die Ohren gehauen werden kann? Ingo Schulze vor allem sind diese Betrachtungen zu danken, auch der Schwenk zum Einkaufsverhalten, mit dem man sich heute zumindest moralisch schuldig machen könne oder aber eben auch nicht.
Für das Thema Gerechtigkeitsdefizit, das immer noch zwischen den damaligen Widerständlern und den Mitläufern herrsche, weil jene meist bessere Startbedingungen in das neue System hatten, durch das Rückwirkungsverbot viele in Staatsnamen begangene Vergehen ungesühnt blieben und sich z.B. für die Opferrente außer den Betroffenen sich kaum jemand interessiere, blieb am Ende der anderthalb Stunden genauso wenig Zeit wie für eine Diskussion des beliebten Begriffs „Unrechtsstaat“. Allein diese hätte mit all ihren Facetten sicher noch einmal neunzig Minuten gebraucht, und ob es ein klares Ergebnis gegeben hätte, sei dahingestellt, eher wohl ein Unentschieden.
Mit diesem Radio-Café hat Figaro nicht nur einen anspruchsvoll-unterhaltsamen Nachmittag gestaltet, sondern auch den Auftakt zu „Eine Woche im Oktober – 25 Jahre friedliche Revolution“ des Staatsschauspiels Dresden gegeben. Ab dem 3.10. wird eine Themenwoche mit Theater, Performances, Lesungen, Konzerten und Diskussionen sowie gar einem eigenen abendlichen Radiokanal mit dem Jubiläum auseinandersetzen, hier gibt es Näheres dazu:
http://www.staatsschauspiel-dresden.de/spielplan/spielplan/rahmenprogramm_eine_woche_im_oktober/beschreibung/
Es wird zu berichten sein.
Aber den Schlusspunkt dieses Textes darf Ingo Schulze setzen, der wie er erzählte seine Profession anlässlich einer chinesisch-amtlichen Nachfrage bei der dortigen Einreise so beschrieb: Er „schreibe – wie alle Schriftsteller – über Liebe und Tod vor wechselnden Hintergründen, und in seinem Falle nicht in Versform.“ Damit wäre zumindest das geklärt.
Reif für die Inseln
„Schöne neue Welt“ nach dem Roman von Aldous Huxley (Theaterfassung von Robert Koall) am Staatsschauspiel Dresden, Regie Roger Vontobel, Uraufführung am 12. September 2014
…
Was war dies nun?
Die Uraufführung eines Stücks Weltliteratur am Theater – schon das ist Grund zur Freude.
Die stimmige Übertragung dieses Textes auf die Bühne – man kann dabei gern von großer Werktreue sprechen.
Ein sinnliches Ereignis? Teils. Die Musik trug sehr zur Atmosphäre bei, das Bühnenbild bot manchmal Überraschendes, die Kostüme hatten ihre eigene Sprache, aber es fehlte die große Linie dahinter.
Die Interpretation eines immerhin achtzig Jahre alten Stoffes unter Verarbeitung der Weltgeschichte seitdem? Nein. Das bleibt folgenden Produktionen vorbehalten.
…
Kleingießhübel – Eine Reiseempfehlung
Am Ende der Lindenstraße beginnt die Wildnis, wo das Krümelmonster haust und Glückspilze massakriert werden. Die Wildnis nennt man auch Kleingießhübel, Stadt der Friseure mit der Spezialisierung auf Pechsträhnen. …
„Wildnis“, ein Landschaftstheater mit Bewohnern der Sächsischen Schweiz
Kooperation der Gemeinde Reinhardtsdorf-Schöna, der Bürgerbühne des Staatsschauspiels Dresden und Theater ASPIK
Den großen Spaß, dieses Spektakel anzuschauen, hat man leider nur noch am nächsten Wochenende: Am 13. und 14. September jeweils um 15 Uhr vor Ort in Reinhardtsdorf-Schöna, Sporthalle. Der Shuttle-Bus fährt jeweils 13.30 Uhr vom Staatsschauspiel Dresden.
Dies ist auf absehbare Zeit die letzte Gelegenheit, ein Landschaftstheater in dieser Gegend zu erleben. Es wird dringend zugeraten.
„Und wer entschuldigt sich dafür?“
„Ein Exempel, Mutmaßungen über die sächsische Demokratie“ von Lutz Hübner und Sarah Nemitz, Regie: Jan Gehler, gesehen am 27. Juni 2014 im Staatsschauspiel Dresden
Die Frage nach der Verantwortlichkeit, die der Hauptakteur A. am Ende, nachdem er seinen Prozess dann doch irgendwie erfolgreich überstanden hat, den Mitspielern stellt, vermag niemand zu beantworten. Freundin und Kind weg, Job verloren, seelisch zerrüttet, aber …. So richtig daran schuld ist keiner. Alle haben nur ihre Pflicht getan, im Durchschnitt, die einen mehr, die anderen weniger.
…
Lutz Hübner und Sarah Nemitz rekonstruieren anhand eines fiktiven Falls die Geschehnisse des Februar 2011 in Dresden, als anlässlich des alljährlichen Naziaufmarsches die Gewalt auf allen Seiten eskalierte, und deren rechtliche Aufarbeitung.
…
Hübner und Nemitz gebührt in vielerlei Hinsicht Dank. Nicht nur, dass sie ein sehr aktuelles politisches Thema aufgreifen, es gelingt ihnen auch, die Komplexität des Stoffes zu reduzieren und dennoch nicht zu sehr zu vereinfachen, von wenigen verzichtbaren Klamauk-Elementen abgesehen. Man sieht keine Schwarz-Weiß-Malerei, sondern eine sehr genaue Beschreibung einer Situation, in die (fast) jeder geraten kann. Das Stück liefert keine vorgefertigten Antworten, aber es stellt die richtigen Fragen.
Der komplette Text auf Kultura-Extra:
http://www.kultura-extra.de/theater/spezial/urauffuehrung_einexempel_staatsschauspieldresden.php
Theater von unten – Zwischenrufe aus dem dunklen Parkett
Eine Sammlung subjektiver Schauspielberichte aus Dresden seit der Spielzeit 2011
Anstelle einer Inhaltsbeschreibung zwei Vorworte:
1. Fiktives Vorwort einer imaginären Fachkraft
Was soll das denn?
Nicht nur, dass sich diese Teichelmauke erdreistet, im Revier der hehren Theaterkritik zu wildern (als eine Art IKEA im gediegenen Möbelmarkt), nun fasst er diese Ärgernisse auch noch digital zusammen und wirft sie in die Welt. Das will doch keiner lesen!
Und wenn doch, entspringt dieser Wille nur mangelnder Ernsthaftigkeit im Umgang mit dem hehren Medium Theater, zu dem man sich nur (!) eine Meinung bilden kann, wenn man zumindest Geisteswissenschaften studiert hat und jedes Stück aus dem Schauspielführer schon mindestens dreimal sah, davon einmal durch die Herren Reinhardt, Peymann, Stein, Konwitschny, Thalheimer, Petras, Kriegenburg, Pollesch oder den vielen Hartmännern inszeniert. Erst dann kann man mitreden.
Diese Teichelmauke (Schon der Name! Albern!) kann dies nicht aufweisen. Er stammt „aus der „Mitte des Parketts“, wie er selber theatervolkstümelnd schreibt. Was soll denn das bringen?
Natürlich spielt das Publikum am Theater eine Rolle. Aber doch keine aktive! Dessen Aufgabe ist es, andächtig zu lauschen und zu schauen, möglichst wenig zu husten und am Ende mit stürmischem Beifall das Stück abzurunden. Auch Bravo-Rufe sind erlaubt, sofern der zuständige Kritiker der Inszenierung seinen Segen gegeben hat. So war es immer, und so soll es bleiben.
Und nun kommt einer daher, der zugegebenermaßen oft im Theater zu finden ist (aber Masse erzeugt noch lange keine Klasse, mein Freund!) und schreibt auf, was er erlebte. Clevererweise nennt er das weder Rezension noch Kritik, trotzdem ist das reine Produktpiraterie. Die Chinesen sind nun also auch im Theater angekommen.
Aber man kann es ja nicht verhindern. Heute kann jeder veröffentlichen, was er will. Und wenn nun auch auf über hundert Seiten über fünfzig Stücke „besprochen“ werden, es wird den Lauf der Theatergeschichte nicht verändern.
2. Vorwort der Teichelmauke
Ja, sicher. Soll es auch nicht. Na und?
Der Ansatz ist auch eher selbstbezogen.
Wenn man – mit steigender Intensität – seit fünfzehn Jahren immer wieder ins Theater geht, kommt irgendwann der Moment, wo man trotz des sich selbst eingestandenen Dilettantismus glaubt, ein bisschen mitreden zu können. Und wenn es dann noch so eine großartige Initialzündung wie den Dresdner „Don Carlos“ gibt, die einen dazu bringt, seine tiefen Eindrücke irgendwie zu Datei zu bringen, kann das durchaus dazu führen, dass man dieses Hobby weiter pflegt, auf verschiedenen Plattformen seine Betrachtungen unters interessierte Volk bringt und sich fürderhin als „Bürgerrezensent“ begreift.
Wenn es eine Bürgerbühne gibt, die Laien zum Spielen bringt, kann es auch so weit kommen, dass Laien über das Theater schreiben. Es ist mit allem zu rechnen, seitdem die Chefredakteure nicht mehr die alleinige Hoheit über das haben, was veröffentlicht wird.
Meine Texte sind Beiträge, nicht mehr. Ich füge meine Meinung den Bewertungen der „offiziellen“ Kritiker hinzu, wenn auch mit geringerer Reichweite. Aber das ist ok, es geht ja nicht um Bekehrung oder um Deutungshoheit. Eigentlich …, eigentlich mach ich das nur für mich. Aber ich lasse andere, die es vielleicht interessiert, daran teilhaben.
Was allerdings vielleicht ein Alleinstellungsmerkmal darstellt, sind meine Bestandskritiken. Wer schreibt schon über Repertoirestücke? Eigentlich aus der Not geboren – ich kann nun mal nicht bei jeder Premiere dabei sein – hat sich dies zu einem netten Hobby entwickelt.
Und nun gibt es halt gesammelte Werke. Der erste Akt ist dem Staatsschauspiel Dresden gewidmet, dessen Hervorbringungen meine theatrale Hauptspeise in den letzten Jahren war. Ein geplanter zweiter Akt soll dann die Gastspiele beleuchten, und das reizvolle weite Umland von Dresden.
Und: Man sollte das alles nicht so hoch hängen. Kunst soll Spaß machen. Und das Schreiben darüber auch.
Ich zumindest hatte den, und das wünsche ich den geneigten Lesern auch.
Hier zu finden:
https://www.xinxii.com/theater-von-unten-p-353248.html
Etwas hat sich in Gang gesetzt
„…, und nichts kann es mehr aufhalten“, um einen Slogan des Deutschen Theaters Berlin, das mit seinem Jungen Theater hier ebenfalls vertreten sein wird, zu zitieren. Das erste deutsch-europäische Bürgerbühnenfestival hat am 17. Mai 2014 in Dresden begonnen, und zumindest in den nächsten sieben Tagen wird es den Rhythmus dieser Stadt maßgeblich bestimmen.
Sonnabendnachmittag, kurz vor 17 Uhr, es wuselt und quirlt derart vor und im Foyer des Kleinen Hauses, dass man eine erste Ahnung davon bekommt, welch logistischer Aufwand hinter diesem Festival steckt. …
Es dauert, ehe das Völkchen sich im Saal eingefunden hat, doch viertel sechs (für die Gäste: Viertel nach Fünf) geht es dann endlich los: Ein Chor aus siebzig Akteurinnen und Akteuren der Dresdner Bürgerbühne, in seiner Besetzung repräsentativ für die volle Breite der Spielenden, eröffnet mit einem Lied über dieselbe das Festival, gewohnt begeisterungsfähig und selbstironisch. „Party und Partizipation“ heißt das Motto, und man wagt auch den Blick in die Zukunft, wenn die Bürgerbühne erst zehn Jahre alt sein wird, steht bestimmt auch die erste Welttournee an. …
(Die gesehenen Stücke: „Die Klasse“ vom jungen theater basel und „Die letzten Zeugen“ vom Burgtheater Wien)
Der ganze Text:
http://www.livekritik.de/kultura-extra/theater/spezial/buergerbuehnenfestival2014_dererstetag.php
Der Bürger als Theatermann
Das erste deutsch-europäische Bürgerbühnenfestival beginnt in Dresden – Ein Vorbericht
Wo die Bösen noch richtig böse sind und die Guten wirklich gut
„Corpus Delicti“ von Juli Zeh, eine Inszenierung des Schauspielstudios am Staatsschauspiel Dresden, Regie Susanne Lietzow, gesehen zur Premiere am 1. März 2014
Den Moment, in welchem mir der emotionale Kontakt zum Stoff verloren geht, kann ich sehr exakt beschreiben: Es ist die Deklamation des Manifests von Mia Holl beim Journalisten Würmer. Danach ist nichts mehr wie vorher, aus einer ergreifenden und sehr stilsicheren Studie über Menschen in der Diktatur (die sich hier über das Thema Volksgesundheit rechtfertigt) wird ein Plattitüdenfestival, eine Ansammlung von Klischees, bei dem die Guten schwach, aber heldenhaft sind und die Schurken mächtig und skrupellos. Die letzte halbe Stunde reicht (mir) leider, um den Gesamteindruck zu verderben. Schade, das hat die Inszenierung nicht verdient.
Doch der Reihe nach: Juli Zeh, promovierte Juristin und studierte Schriftstellerin (was nicht böse gemeint ist), zählt zu den festen Größen der neueren deutschen Literatur, ihre Preise hat sie nicht für lau erhalten. Auf das 2007 uraufgeführte Stück „Corpus Delicti“, das 2009 auch als Buch erschien, durfte man sich also durchaus freuen, zumal es sich um eine Aufführung des Schauspielstudios (also der aktuellen Dresdner Klasse der Studierenden der „Bartholdy“-Hochschule für Musik und Theater Leipzig) handelte, deren Qualitäten im allgemeinen (zu erinnern ist hier u.a. an „Die italienische Nacht“) über jeden Zweifel erhaben sind.
Dass der Berichterstatter es dennoch heute vorzog, der Premierenfeier fernzubleiben (was jener sicher keinen Abbruch tat), lag an der Schwäche des Stoffs, die auch eine sehenswerte Ensembleleistung nicht kompensieren konnte.
Dabei ist der Plot nicht uninteressant, im Gegenteil: Wir schreiben das Jahr 2050, (mal wieder) Totalitarismus in Deutschland, der will nur unser Bestes, diesmal die Volksgesundheit. Dafür müssen Opfer gebracht werden, die heißen hier Individualismus, Lebensfreude und Liebe. Neben Ruhe und Ordnung gibt es eine weitere Bürgerpflicht, nämlich sich gesundzuhalten, man kann das wirtschaftlich verstehen, das Medizinwesen ist teuer, und vorbeugen ist besser als nach hinten fallen. Eine Privatheit gibt es nicht mehr, wer bezahlt, der bestimmt, und hat dann auch das Recht, sich der Effizienz seiner volkskörpergesunderhaltenden Maßnahmen zu versichern.
Was heute mit dem Bashing von Rand(?)gruppen wie Rauchern, Alkoholkonsumenten und Extremsportbegeisterten schon üblich ist, hat Juli Zeh in ihrer Geschichte perfektioniert: Jeder trägt einen Chip im Körper, hat sich risikofrei zu verhalten und ein Sportprogramm zu absolvieren. Das Ganze muss natürlich auch überwacht werden, der Mensch ist schwach. Dazu gibt es die „Methode“ als Staatsdoktrin mit dem Anspruch auf Unfehlbarkeit, wie man sie von der katholischen Kirche, vom Nationalsozialismus und von der historischen Mission der Arbeiterklasse kennt, einschließlich gleichgeschalteter Medien und einem perfekten System von Belohnen und Bestrafen. „Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit“, das wurde mir früher auch allen Ernstes gelehrt.
In jenem wächst Mia Holl heran, ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft, nur leider unter dem negativen Einfluss ihres Bruders Moritz stehend, der sich der Normung verweigert. Er hat die dankbare Rolle des Träumers und Verweigerers, die Herzen im Saale fliegen ihm zu. Als Moritz ein fingierter Mord angehängt wird, muss Mia sich entscheiden, verhilft ihm zum Selbstmord in der Zelle und ist fortan von Trauer und Zweifeln geplagt. Doch das System verträgt das nicht, eine lebende Zweiflerin ist gefährlicher als ein toter Gegner, und so gerät auch sie in die Mühlen des Apparats, der sie schließlich zum Einfrieren verurteilt.
Erzählt wird dies aus der Mitte der Handlung heraus, in Rückblenden, und das gelingt wirklich gut. Mia (Nina Gummich) und Moritz (Kilian Land) sind wahrhaftige Charaktere, noch etwas besser sah ich Nadine Quittner als die (eingebildete) ideale Geliebte, ein schöner Kunstgriff der Autorin. Das System wird verkörpert vom Einpeitscher Kramer (Lukas Mundas), Staatsanwalt Bell (Tobias Krüger), Journalist Würmer (Justus Pfannkuch) und Richterin Sophie (Pauline Kästner, meine zweite Hervorhebung), Max Rothbart gibt den idealistischen, aber überforderten Pflichtverteidiger Rosentreter. Land, Rothbart und Krüger sind als Chor der Nachbarinnen das Volk, letzterer ist auch als Frosch sehenswert. All das sind Zutaten zu einem richtig guten Stück, das funktioniert, das macht Spaß (soweit man bei diesem Thema davon sprechen kann) zuzusehen.
Bis zu jenem Moment, wo der aufgerissene Stoff zu einem Ende gebracht werden muss. Und da zeigt sich die große dramaturgische Schwäche der Vorlage, weshalb sie keineswegs in eine Reihe mit ähnlich gelagerten Werken wie „Fahrenheit 451“, „1984“ oder auch „Schöne neue Welt“ gestellt werden kann: Der Autorin fällt nicht mehr ein als ein Agitprop-Ansatz, es wird zur Farce, die Bösen werden richtig böse, die Guten gehen heldenhaft unter. Es ist immer noch gut gespielt, aber ich glaub es nicht mehr.
Der reitende Bote muss am Schluss nicht mehr erscheinen, er ist in der Vereisungskammer schon dabei und entscheidet gnädig auf Weiterleben der Delinquentin und Umerziehung.
Nochmal: Schade drum: Schade um die schönen Regieeinfälle wie die eingespielte „Methoden“-Werbung, die Gerichtsshow (mit einem wundersamen Wutausbruch der Richterin Sophie, mit „Pieps“ garniert, die sie anschließend dazu zwingen, sich selbst eine Ermahnung auszusprechen), die Persiflage des Infotainments, eine tolle Bühnenchoreographie mit ständig mitspielendem Hintergrund, die feinen Zitate aus den vergangenen Diktaturen, die Merksätze aus dem Buch wie „Liebe ist wie dreckige Fingernägel“.
Das Stück startet als großartig inszenierte Studie über Menschen unter Druck und endet als Belehrungstheater. Aha, so sind sie also, die entmenschten Handlanger der Diktatur. Bürger, seid wachsam.
Was kann ich zur Abmilderung dieser vielleicht übertrieben negativen Schilderung anbringen? Einiges.
Da ist zum einen das sehr lesenswerte Programmheft, u.a. mit Beiträgen von Evelyn Finger, Martin Schulz und Juli Zeh selbst, die sich dem Thema „Gesundheitswahn und Wohlverhaltensterror“ deutlich differenzierter annehmen als das Stück es vermag. Da ist auch das wieder hervorragend auf die Premiere eingestellte Ambiente im Kleinen Haus, diesmal sogar mit einer fingierten Ausstellung aus dem Jahr 2050 zum früheren Gesundheitswesen, große Klasse.
Und da ist nicht zuletzt das spielfreudige Schauspielstudio, das einen die inhaltlichen Schwächen des Abends fast vergessen lässt.
Also: Ein klares Unentschieden.
Doch da auch dieser Blog sich irgendwie doch der Belehrung der Menschen verpflichtet fühlt, werfe ich noch ein Zitat hinterher.
„Gestern war ich so wie ihr, jemand der angesehen war. Heut braucht ihr ein Teufelstier und treibt mich zur Arena.
Ihr schraubt mir Hörner in den Kopf, so werde ich zum Vieh. Von euren geilen Fressen tropft der Schaum der Hysterie.
Alle gegen einen, einer gegen alle, alle auf den Beinen und einer in der Falle. Alle gegen mich, schlachte mich Torero mit’m Degenstich.
Schon zeigst du mir das magische Tuch, schon muss ich dir entgegen. Du drehst dich und wie immer sucht nach meinem Herz dein Degen.
Wie dreckig muss es ihnen gehen, dass sie so wie eben ab und zu einen sterben sehen wollen, um zu überleben.
Gestern warst du so wie sie, heut singst du mir das Lied vom Tod und morgen früh bist du vielleicht der Stier.“
Gerhard Gundermann, „Torero“
