Getagged: Staatsschauspiel

Wo die Bösen noch richtig böse sind und die Guten wirklich gut

„Corpus Delicti“ von Juli Zeh, eine Inszenierung des Schauspielstudios am Staats­schauspiel Dresden, Regie Susanne Lietzow, gesehen zur Premiere am 1. März 2014

 Den Moment, in welchem mir der emotionale Kontakt zum Stoff verloren geht, kann ich sehr exakt beschreiben: Es ist die Deklamation des Manifests von Mia Holl beim Journalisten Würmer. Danach ist nichts mehr wie vorher, aus einer ergreifenden und sehr stilsicheren Studie über Menschen in der Diktatur (die sich hier über das Thema Volksgesundheit rechtfertigt) wird ein Plattitüdenfestival, eine Ansammlung von Klischees, bei dem die Guten schwach, aber heldenhaft sind und die Schurken mächtig und skrupellos. Die letzte halbe Stunde reicht (mir) leider, um den Gesamteindruck zu verderben. Schade, das hat die Inszenierung nicht verdient.

 Doch der Reihe nach: Juli Zeh, promovierte Juristin und studierte Schriftstellerin (was nicht böse gemeint ist), zählt zu den festen Größen der neueren deutschen Literatur, ihre Preise hat sie nicht für lau erhalten. Auf das 2007 uraufgeführte Stück „Corpus Delicti“, das 2009 auch als Buch erschien, durfte man sich also durchaus freuen, zumal es sich um eine Aufführung des Schauspielstudios (also der aktuellen Dresdner Klasse der Studierenden der „Bartholdy“-Hochschule für Musik und Theater Leipzig) handelte, deren Qualitäten im allgemeinen (zu erinnern ist hier u.a. an „Die italienische Nacht“) über jeden Zweifel erhaben sind.

Dass der Berichterstatter es dennoch heute vorzog, der Premierenfeier fernzubleiben (was jener sicher keinen Abbruch tat), lag an der Schwäche des Stoffs, die auch eine sehenswerte Ensembleleistung nicht kompensieren konnte.

 Dabei ist der Plot nicht uninteressant, im Gegenteil: Wir schreiben das Jahr 2050, (mal wieder) Totalitarismus in Deutschland, der will nur unser Bestes, diesmal die Volksgesundheit. Dafür müssen Opfer gebracht werden, die heißen hier Individualismus, Lebensfreude und Liebe. Neben Ruhe und Ordnung gibt es eine weitere Bürgerpflicht, nämlich sich gesundzuhalten, man kann das wirtschaftlich verstehen, das Medizinwesen ist teuer, und vorbeugen ist besser als nach hinten fallen. Eine Privatheit gibt es nicht mehr, wer bezahlt, der bestimmt, und hat dann auch das Recht, sich der Effizienz seiner volkskörpergesunderhaltenden Maßnahmen zu versichern.

Was heute mit dem Bashing von Rand(?)gruppen wie Rauchern, Alkoholkonsumenten und Extremsportbegeisterten schon üblich ist, hat Juli Zeh in ihrer Geschichte perfektioniert: Jeder trägt einen Chip im Körper, hat sich risikofrei zu verhalten und ein Sportprogramm zu absolvieren. Das Ganze muss natürlich auch überwacht werden, der Mensch ist schwach. Dazu gibt es die „Methode“ als Staatsdoktrin mit dem Anspruch auf Unfehlbarkeit, wie man sie von der katholischen Kirche, vom Nationalsozialismus und von der historischen Mission der Arbeiterklasse kennt, einschließlich gleichgeschalteter Medien und einem perfekten System von Belohnen und Bestrafen. „Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit“, das wurde mir früher auch allen Ernstes gelehrt.

 In jenem wächst Mia Holl heran, ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft, nur leider unter dem negativen Einfluss ihres Bruders Moritz stehend, der sich der Normung verweigert. Er hat die dankbare Rolle des Träumers und Verweigerers, die Herzen im Saale fliegen ihm zu. Als Moritz ein fingierter Mord angehängt wird, muss Mia sich entscheiden, verhilft ihm zum Selbstmord in der Zelle und ist fortan von Trauer und Zweifeln geplagt. Doch das System verträgt das nicht, eine lebende Zweiflerin ist gefährlicher als ein toter Gegner, und so gerät auch sie in die Mühlen des Apparats, der sie schließlich zum Einfrieren verurteilt.

 Erzählt wird dies aus der Mitte der Handlung heraus, in Rückblenden, und das gelingt wirklich gut. Mia (Nina Gummich) und Moritz (Kilian Land) sind wahrhaftige Charaktere, noch etwas besser sah ich Nadine Quittner als die (eingebildete) ideale Geliebte, ein schöner Kunstgriff der Autorin. Das System wird verkörpert vom Einpeitscher Kramer (Lukas Mundas), Staatsanwalt Bell (Tobias Krüger), Journalist Würmer (Justus Pfannkuch) und Richterin Sophie (Pauline Kästner, meine zweite Hervorhebung), Max Rothbart gibt den idealistischen, aber überforderten Pflichtverteidiger Rosentreter. Land, Rothbart und Krüger sind als Chor der Nachbarinnen das Volk, letzterer ist auch als Frosch sehenswert. All das sind Zutaten zu einem richtig guten Stück, das funktioniert, das macht Spaß (soweit man bei diesem Thema davon sprechen kann) zuzusehen.

 Bis zu jenem Moment, wo der aufgerissene Stoff zu einem Ende gebracht werden muss. Und da zeigt sich die große dramaturgische Schwäche der Vorlage, weshalb sie keineswegs in eine Reihe mit ähnlich gelagerten Werken wie „Fahrenheit 451“, „1984“ oder auch „Schöne neue Welt“ gestellt werden kann: Der Autorin fällt nicht mehr ein als ein Agitprop-Ansatz, es wird zur Farce, die Bösen werden richtig böse, die Guten gehen heldenhaft unter. Es ist immer noch gut gespielt, aber ich glaub es nicht mehr.

Der reitende Bote muss am Schluss nicht mehr erscheinen, er ist in der Vereisungskammer schon dabei und entscheidet gnädig auf Weiterleben der Delinquentin und Umerziehung.

 Nochmal: Schade drum: Schade um die schönen Regieeinfälle wie die eingespielte „Methoden“-Werbung, die Gerichtsshow (mit einem wundersamen Wutausbruch der Richterin Sophie, mit „Pieps“ garniert, die sie anschließend dazu zwingen, sich selbst eine Ermahnung auszusprechen), die Persiflage des Infotainments, eine tolle Bühnenchoreographie mit ständig mitspielendem Hintergrund, die feinen Zitate aus den vergangenen Diktaturen, die Merksätze aus dem Buch wie „Liebe ist wie dreckige Fingernägel“.

Das Stück startet als großartig inszenierte Studie über Menschen unter Druck und endet als Belehrungstheater. Aha, so sind sie also, die entmenschten Handlanger der Diktatur. Bürger, seid wachsam.

 Was kann ich zur Abmilderung dieser vielleicht übertrieben negativen Schilderung anbringen? Einiges.

Da ist zum einen das sehr lesenswerte Programmheft, u.a. mit Beiträgen von Evelyn Finger, Martin Schulz und Juli Zeh selbst, die sich dem Thema „Gesundheitswahn und Wohlverhaltensterror“ deutlich differenzierter annehmen als das Stück es vermag. Da ist auch das wieder hervorragend auf die Premiere eingestellte Ambiente im Kleinen Haus, diesmal sogar mit einer fingierten Ausstellung aus dem Jahr 2050 zum früheren Gesundheitswesen, große Klasse.

Und da ist nicht zuletzt das spielfreudige Schauspielstudio, das einen die inhaltlichen Schwächen des Abends fast vergessen lässt.

 Also: Ein klares Unentschieden.

  

Doch da auch dieser Blog sich irgendwie doch der Belehrung der Menschen verpflichtet fühlt, werfe ich noch ein Zitat hinterher.

 „Gestern war ich so wie ihr, jemand der angesehen war. Heut braucht ihr ein Teufelstier und treibt mich zur Arena.
Ihr schraubt mir Hörner in den Kopf, so werde ich zum Vieh. Von euren geilen Fressen tropft der Schaum der Hysterie.

 Alle gegen einen, einer gegen alle, alle auf den Beinen und einer in der Falle. Alle gegen mich, schlachte mich Torero mit’m Degenstich.

 Schon zeigst du mir das magische Tuch, schon muss ich dir entgegen. Du drehst dich und wie immer sucht nach meinem Herz dein Degen.
Wie dreckig muss es ihnen gehen, dass sie so wie eben ab und zu einen sterben sehen wollen, um zu überleben.

 Gestern warst du so wie sie, heut singst du mir das Lied vom Tod und morgen früh bist du vielleicht der Stier.“

 Gerhard Gundermann, „Torero“

 

Was immer Ihr wollt

Was immer Ihr wollt

„Die zwölfte Nacht oder Was ihr wollt“ von William Shakespeare, neu übersetzt von Frank-Patrick Steckel, gesehen in der Regie von Andreas Kriegenburg am Staatsschauspiel Dresden am 8. Februar 2014 (Premiere)

Familienaufstellung nach Kästner

Die Schuld der späten Geburt und die Schuld der Geburt überhaupt

„Ein Stück von Mutter und Vaterland“ von Bozena Keff, Regie Jan Klata, Gastspiel des Polski Teatr Wroclaw im Rahmen der 17. Jüdischen Musik- und Theaterwoche am Staatsschauspiel Dresden am 24. Oktober 2013

 

 

Haben Sie schon mal drüber nachgedacht, dass Sie mit Ihrer Geburt erst deutlich nach dem großen Krieg Schuld auf sich geladen haben, weil sie sich damit dem damals erlittenen Leid feige verweigerten?

Und dass Sie überhaupt mit Ihrer Geburt dem Leben Ihrer Mutter eine irreversible Wendung gaben, an deren Folgen sie noch heute laboriert? Nein? Dann wird es Zeit.

 

Es beginnt klatanesk, ein bildmächtiges, lautes Intro. Silhouetten im Halbdunkel auf der Bühne, nicht wirklich Menschen, die Schatten sprechen und singen im Chor, vor vier blechernen Ungeheuern von Schränken auf Rollen, die Bühnen in der Bühne bilden. Quälendes Licht, tödlich laute Musik. Das wird kein Milchkaffee-Theater, soviel ist klar.

 

Die Mutter erscheint Ripley (ja, dieser Ripley) als Alien, oder erscheint das Alien als Mutter? Von Anfang an ist es schwer, der Handlung – sofern vorhanden – zu folgen, die deutschen Übertitel helfen, hindern aber auch durch das Hin-und-her-springen-müssen der Augen. Gut, das kann man einer polnischen Inszenierung in Dresden kaum vorwerfen. Da muss man halt durch.

 

Es ist ein harter Stoff, nur selten aufgeweicht durch szenische Einfälle wie das Klapperschlangenballett. Klata verbraucht Darsteller und Zuschauer, eine Zumutung, im positiven Sinne.

Sechs Akteurinnen (einer davon im Prinzip männlich), mit blonden Mähnen und gedrehten Zöpfchen angetan, klischeegerecht, aber sonst ist da nicht viel klassisch. Sie springen ständig zwischen Mutter, Tochter und Vaterland.

 

Im Prinzip – wenn ich es recht verstanden habe – geht es um die zwei Grundthemen, die eingangs schon kurz beschrieben wurden. Man könnte auch sagen, es geht um Generationenkonflikte unter besonderen geschichtlichen Umständen, und um Selbstgerechtigkeit. Die einen sind ein für allemal geadelt durch das Überleben des Holocaust und vermissen den ihnen geschuldeten Respekt, den anderen geht das ständige Erzählen von früher langsam auf den Sack.

Oder, auf eine private Ebene gebracht: Die Mutter verlangt ewige Dankbarkeit für den Akt des Gebärens, für die Tochter ist es irgendwann auch mal gut damit.

Das klingt beides nicht nach Koalitionsvertrag am Ende.

 

Den vorwurfsvollen Sermon der Mutter, der immer wieder ausgewalzt wird in den Minibühnen, die dann ein (Plattenbau-) Wohnzimmer bilden, kennen sicher viele. Du kümmerst Dich nicht um mich, mein Leben ist Dir egal, und meine Krankheitsbilder erst recht. Demütig nehmen die Töchter die Vorwürfe entgegen, zu demütig, finde ich.

Doch man merkt, dass das eine besonders subtile Form der Machtausübung ist, ein Materpatriarchat. Die Kinder sind schuld, von Anfang an, und sollen ihre Schuld nun mit Zuwendung abtragen.

 

Nein, das ist nicht mütter-, schon gar nicht frauenfeindlich, die Autorin Bozena Keff ist über diesen Verdacht erhaben. Aber sie stellt interessante Fragen, ohne Antworten dazu zu liefern. Wie auch?

„Die Mutter aus dem Schrank“, um mal einen Dresden-Bezug herzustellen, erscheint immer wieder und nervt. Aber was bleibt ihr auch übrig?

 

Das Stück endet fast versöhnlich, mit einem schönen barocken Satzgesang, tolle Stimmen. „Der (nicht vorhandene) Vorhang zu, und alle Fragen offen“. Muss man halt selber nach-denken.

 

Ein Donnerhall an Applaus, gemischt mit Begeisterungsschreien im fast vollen Kleinen Haus. Völlig zu Recht.

 

 

Die Theatervölkerschlacht zu Leipzig

Ein Ferndiagnose

Da hat es also einen geräuschvollen Intendantenwechsel gegeben in der alten Kaufmannsstadt: Der Alte hat nicht mehr wollen sollen, der Neue wurde sehr rumpelig ins Amt gehoben.
So weit so schlecht, das kommt schon mal vor. Aber was da nun abgeht … man kann sich im beschaulich-barocken Dresden (das hiesige Theater nehm ich ausdrücklich aus von dieser Zueignung) nur wundern.

Da rüsten die verbliebenen harten Männer zum Sturm auf die Bastei von Lübbe, kaum das diese errichtet ist. Da wird gegen einen frischen Intendanten geholzt, dass es nur so kracht. Da kartätschen die Verteidiger aus allen Rohren und kippen Kübel voll Stinkendem über die Angreifer.

Ich halte mich inhaltlich erstmal raus. Weder habe ich sonderlich viel von Herrn Hartmanns Centraltheater gesehen (das, was ich sah, war aber sehr anregend), noch kenne ich Herrn Lübbes frühere Arbeit in Chemnitz und die aktuellen Leipziger Inszenierungen. Letztere wirklich „noch“, das ganze Getös macht schon neugierig.

Aber zum Stil erlaube ich mir einige Anmerkungen:
Nachtkritik.de ist ohnehin nicht für pfleglichen Umgang miteinander bekannt, doch diese Debatte toppt alles. Positiv ausgedrückt: Das Theatervolk ist bewegt und gibt dieser Bewegung auch Ausdruck. Nur … muss es unbedingt auf diese Art sein?
Es ist selbstverständlich legitim, sein „Bravo – ganz ohne Einschränkungen“ zur Emilia zu posten, ebenso wie ein „größte Katastrophe, der ich je beiwohnen durfte“. Aber dann geht es ans Eingemachte: Der Kritiker kann gar nicht objektiv sein (welcher ist das schon?), er gehörte ja zur Findungskommission, deren Empfehlung man nicht folgte (was schon ein seltsamer Vorgang ist). Und die Gegenseite dreht das Argument natürlich um. Und es wird reichlich nachgetreten, das schöne Wort „Theaterkampf“ erblickt das Licht der Kommentare. Peinlich, das Ganze.

Aus meiner wirklich neutralen leipzigfernen Sicht:
Selbst der Kritiker ist ein Mensch und damit fehlbar. Ihm Böswilligkeit zu unterstellen, weil er Haare in der neuen Suppe findet, ist albern und entspringt einem seltsamen Lagerdenken.
Vielleicht sollte das Schauspiel Leipzig künftig die Besucher in Fanblocks sortieren? Hartmann-Ultras ganz links (von der Bühne aus gesehen), Lübbe-Jünger so weit entfernt wie es geht. Und dazwischen der kleine Block von Leuten, die einfach nur Theater sehen wollen, um sich damit auseinanderzusetzen und ja, gottverdammtnochmal, sich auch mal unterhalten lassen wollen.

Trotz alledem: Nach diesen drei, vier tollen Tagen wird das Leben selbst in Leipzig irgendwie weitergehen. Man wird beobachten können, ob und wie sich die neue Mannschaft findet. Der Start war offenbar nicht der Beste, aber – um hier mal einige Plattitüden anzubringen – eine Intendanz dauert fünf Jahre. Und die Bühne ist meist rund. Und Tor ist, wenn der Schiedsrichter pfeift. Letzterer ist übrigens das Publikum.

Derweil werden noch viele Säue durch die Nachtkritik getrieben worden sein. Und Leipzig wird wieder das sein, was es immer war: Ein Theater irgendwo in Mitteldeutschland, nicht ganz groß, aber auch nicht ganz so klein.

Übrigens, dieser kleine Seitenhieb sei mir als Landeshauptstädter gestattet: Am selben Abend, als „Emilia Galotti“ in Leipzig durchfiel bzw. reüssierte, gab es in Dresden eine Premiere gleichen Namens, die über jede Kritik erhaben zu sein schien.

Helpless, helpless, helpless. Helpless?

„Emilia Galotti“ von Gotthold Ephraim Lessing, Regie Sandra Strunz, Premiere am Staatsschauspiel Dresden, 5. Oktober 2013

Was erlauben Strunz?
Bringt die doch einfach eine andere Sichtweise auf die Emilia. Und das in Dresden, unweit von Kamenz. Die IG Schauspiel dürfte nicht amüsiert sein. Aber dazu später mehr.

Es beginnt schwerblütig, fast niederschmetternd. Emilia erscheint am Morgen ihrer Hochzeit der Prinz von Guastalla, wie ein Mondsüchtiger quält sich jener aus der Kulisse. Ein wirklich Liebender? Wir werden sehen.
Zunächst einmal wähnt er sich verloren, als sein Adlatus die Neuigkeiten berichtet: Der Graf Appiani wird heiraten, eine aus niederem Stande. Eine Emilia Galotti. Bei Gott, doch nicht DIESE Emilia! Doch, genau diese.
Der Prinz ist kurz verzweifelt. Doch zum Glück hält er ein Schwein am Hofe, Marinelli genannt.

Im Hause Galotti laufen derweil die Hochzeitsvorbereitungen. Mutter Claudia (Christine Hoppe auf Carlos-Niveau) empfängt den Vater, während Emilia in der Kirche weilt. Man sieht sich offenbar selten, zwischen Küsschen werden Erziehungsfragen diskutiert. Dochdoch, der Graf Appiani (Christian Clauß) ist schon eine gute Wahl, da sind die Elternteile sich einig.
Jener tritt auf, ein wenig wie Campino, und ist verstörend ernsthaft, was das Fräulein Braut irritiert. „Ich wünschte Sie heiter, Herr Graf.“ Doch man findet sich. Die leichte Hand der Regisseurin wird langsam spürbar, schöne Dialoge.

Die außerordentlich raffinierten Spiegelschwenktüren des Bühnenbildes (Volker Hintermeier) bedürfen bereits an dieser Stelle einer gesonderten Erwähnung. Mal schaut man durch, mal brechen sie das Licht. In Bruchteilen von Sekunden verändern sie die Szenerie. Nie weiß man genau, wer wo auftaucht. Weltklasse.

Derweil baut sich das Unheil langsam auf. Marinelli überbringt die frohe Kunde, Graf Appiani wurde einer wichtigen Dienstreise für würdig befunden. Nach seiner Kenntnis sei diese ab sofort.
Der Graf will kein Tänzchen wagen, aber er muss. Trotzdem lehnt er ab. Köstlich das Körperspiel der beiden Herren in diesem Moment. Ben Daniel Jöhnk ist eher eine Kammerlaus als ein Kammerherr, aber das hochwertig.
Der Prinz öffnet inzwischen einen Adventskalender der besonderen Art und wird zu dem, was formerly as Prince bekannt war. Doch eine wie Emilia fehlt ihm in der Sammlung.

Zwei Psychopathen planen dann ein Gleiwitz. Und so geschieht es auch.
Willkommen auf dem Lustschloss, Emilia. Nun gut, es gab Opfer, auch der Graf ist darunter, aber wir wollen doch nach vorne sehen. Das schöne Leben beginnt jetzt. Fast scheint es, als ob Emilia das einsähe.
Das letzte Wort des Grafen war „Marinelli“. Aber man kann das natürlich verschieden interpretieren. Der treue Freund wurde im Tode mit der Rache beauftragt, zum Beispiel.
Doch die Klageschreie der Erinnyen sprechen eine andere Sprache. Ironie des Schicksals: Das Verbrechen, dass man dem Prinzen nun zuschreibt, hat er gar nicht begangen, höchstens gebilligt. Sein Hausschwein plädiert auf Befehlsnotstand.

Die Gräfin Orsina (Karina Plachetka in Hochform), verflossene Geliebte, pocht an die Tür, flucht auf Polnisch. Das wird kein freudiges Wiedersehn. Marinelli ist nicht nur eine Nummer zu klein für sie, die sich für den unwirtlichen Empfang subtil rächt und ihm seine Grenzen nur zu deutlich zeigt. Der Prinz ist dann leider sehr beschäftigt, ein andermal vielleicht. Das Ergebnis: Nun weiß die ganze Welt, wer den Grafen Appiani umbringen ließ. „Der Prinz ist ein Mörder!“
Sebastian Wendelin verleiht jenem übrigens alle Widerlichkeit, die sein großer Charakterfundus zu bieten hat. Chapeau!

Auftritt des Vaters (Tom Quaas mit gewohnt großer Bandbreite und sehr anrührenden Szenen), während seine Tochter bereits in Unterwäsche die Hinterbühne schmückt. Sie wird grad goldbronzen gestrichen, nun ja, hat halt jeder so seine Vorlieben. Es folgt eine Edelpuff-Szene, des Prinzen Verbrauch ist scheinbar beachtlich.
Vorerst trifft der besorgte Vater auf die Mutter, die schlecht gehütet hat, wie er glaubt. Er ist fürchterlich in seinem unrechten Zorn. Nun soll das Töchterlein ins Kloster, aber warum? Was hat sie ausgefressen? Er ist der Einzige, der die Idee gut findet.

Eine Unterredung des Vaters mit Marinelli, später kommt der Prinz hinzu. Die Szene erinnert an Schillers Hofmusiker Miller (bzw. umgekehrt), bei aller Höflichkeit lässt sich Vater Galotti wirklich nur sehr ungern verarschen. Doch die Macht ist mit dem Prinzen.
Kein Räuspern ist im Saal zu hören, als Tom Quaas um die Gunst bettelt, seine Tochter sprechen zu dürfen.

Jene scheint wie unter Drogen. Wenn alles verloren ist, was soll man dann noch jammern?
Sie ist schon ganz weit weg. Doch in ihrem letzten Auftritt wird sie zur heiligen Emilia der Frauenbefreiung, kongenial unterstützt vom Chor der Gefangenen Frauen und von Luisa Mühl am punktgenauen Schlagzeug.
Was bleibt Vater Galotti übrig? Er erfüllt ihren letzten Wunsch. Ende.

Großartig. Zum Heulen schön. Ich habe zwölf Fingernägel abgeknabbert in der letzten Viertelstunde, aber es hat nicht geholfen. Ein gutes Ende ist hier einfach nicht drin.

Was bleibt noch zu sagen?
Lea Ruckpaul ist in ihrer nächsten großen Rolle wieder absolut beeindruckend, ihre Emilia ist Subjekt, nicht Objekt.
Das Publikum war für meinen Geschmack sehr klatschfaul, ein paar mehr Minuten wären durchaus angemessen gewesen.
Das Stück wird dreistellig hier, ich wette meinen Laptop.

Das Auge! Das Ohr!

„Die Nase“, nach der Novelle von Nikolai Gogol, Inszenierung der Bürgerbühne am Staatsschauspiel Dresden, Regie Miriam Tscholl, musikalische Leitung Michael Emanuel Bauer, Premiere am 28.09.2013

Ein szenisches Konzert? Oder ein Ballett dieser Art? Eine Burlesque, ein Bürgerchor? Video-Kunst? Ein Comic mit Menschen? Ein atonales Ereignis? Clownerie? Großes Kino? Ein Singspiel? Eine Farce? Ein Dramolette? Eine Semi-Opera? Gar ein Hörspiel unterm Theaterdach? In Momenten auch ein Wutstück?
Eine quietschbunte Revue, das auf jeden Fall. Und Schwerstarbeit für die Technik, das auch.

Miriam Tscholl hat einen Parforce-Ritt durch alle Genres organisiert und nennt das bescheiden ein Musikspiel. Gogols „Nase“, jene absurd-komische Parabel vom Verlust der eigenen Nase und damit auch der Identität, bildet die Vorlage und den Handlungsrahmen. Aber das Stück ist weit mehr, ein Monument der Spiel- und Sangesfreude, der überbordenden Lust am (Sich-) Ausprobieren, ein neues Flaggschiff der Bürgerbühne.

Die grellen Kostüme und teils auch die Frisuren lassen einen an die Siebziger denken, YMCA-hej. Doch gegen Ende kommen Klamotten (Sabine Hilscher) und Darsteller (zehn an der Zahl, ich verbiete mir, jemanden herauszuheben) im Heute an. Wiederum geniale Video-Schnipsel von Sami Bill, Breitband-Musik von Michael Bauer (auch wenn Parov Stelar manchmal stark durchschimmert), dramaturgisch geschickt verbunden von Julia Weinreich, die auch das lesenswerte Programmheft (u.a. mit einem schönen Zitat aus Süskinds „Parfüm“ und einer schlüssigen Erklärung, warum die Nase eigentlich die Identität ist) verantwortet, auf einer zurückhaltend-schlichten Bühne von Katja Turtl und zusammengefügt von „Miss Spielfreude“ Miriam Tscholl, die wieder nicht das Letzte, sondern das Beste aus ihren Akteuren herausholt.

Verzichtbar höchstens die unvermeidlich scheinenden Mundart-Einlagen. Ansonsten ein Genuss für alle Sinne, vom olfaktorischen vielleicht mal abgesehen.
Wer einmal einen Abend richtig gute Unterhaltung oberhalb der einschlägigen Samstagabendshows der verschiedenen Glotzen genießen möchte, möge sich an die Kasse des Staatsschauspiels Dresden wenden, dort wird ihm geholfen.

(erscheint in Kürze – so Zeus will – auch auf livekritik.de)

Schöner sterben mit Budur

Und alles wegen dieser blöden Töle.

„Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone“, nach dem Roman von Mark Haddon in einer Bühnenfassung von Simon Stephens, Regie Jan Gehler, deutschsprachige Uraufführung, gesehen am Staatsschauspiel Dresden am 15. September 2013 (Premiere)

Ein Händchen hat dieser Koall!
Der Stoff war schon in Hollywood, lag auf Brad Pitts Stapel, ehe der Buchautor Haddon seine Liebe zum Theater entdeckte und in Stephens einen kongenialen Übertrager fand. Und Robert Koall hat das Ding nach Dresden geholt, als deutsche Uraufführung, in die sächsische Provinz, wo Kultur gemeinhin in Übernachtungszahlen gemessen wird. Respekt, Mann!

Es liegt mir (heute) fern, die Handlung nachzuerzählen. Das muss sich schon jede selbst anschauen. Nur ein paar Anmerkungen dazu:

Metaphern sind Lügen, vor allem in der Welt des Aspergers, einer Unterart des Autismus.
Der wäre gern ein (un)lustiger Astronaut, ganz allein da oben, keine Menschen um ihn, nur Zahlen und Computer.
Auf einer Tetris-Bühne (Sabrina Rox) glänzt der Video-Einsatz (Sami Bill) ganz besonders.
Das Drama, eine Geschichte von Überforderung, enthüllt sich nur langsam, aber lavaartig unaufhaltbar. Love changes everything. Doch ein Autist ist eine Belastung, überall, ein klassischer Beziehungskiller.

Ich geb ja zu, ich lass mich auch sonst gerne rühren, zu gerne, aber die Tränchen flossen am Ende in Strömen, und ich konnte nichts dagegen tun. Ein Happy-End, nicht mehr für möglich gehalten.
Aus einer starken Ensembleleistung jemanden hervorzuheben, ist doof. Ich mach es trotzdem. Thomas Eisen als grundanständiger, aufopferungsvoller, verzweifelter, enttäuschter und am Ende wieder hoffnungsvoller Vater, Ina Piontek als Erzählerin und liebevolle Betreuerin Siobhan, Jan Maak, der sich als Spezialist für oberflächlich gute, aber schmierige Charaktere zu entwickeln scheint, Anna-Katharina Muck in drei grundverschiedenen, gut ausgefüllten Rollen, Cathleen Baumann als lebenshungrige und mit diesem Sohn überforderte Judy, die trotzdem noch „die Kurve kriegt“, … Ok, das waren sie ja schon alle.

Bis auf einen: Jonas Friedrich Leonhardi, 23 Jahre alt. Schon in Lollikes „Körper und Kampfplatz“ fiel er mir auf, und nun das. Mag sein, dass manche Rollen einem auf den Leib geschneidert scheinen, aber auch Elfmeter muss man noch verwandeln (Uli Hoeneß ist da mehr als einmal dran gescheitert). Leonhardi nimmt die Pille, legt sie kurz zurecht und drischt sie ohne Anlauf volley rein, mittenmang.
Wenn ich künftig mal eine Frage zu Autismus habe, werde ich ihn anrufen.

Wenn einem so was Gutes widerfährt, ist das doch einen Asperger Uralt wert, oder?

Das verlegene Lächeln der Minderheit

„100 Prozent Dresden“, eine Produktion von Rimini-Protokoll am Staatsschauspiel Dresden am 14. September 2013 (Premiere)

Man kennt sich im Saal, heute noch mehr als sonst. Einhundert Dresdner werden auf der Bühne stehen, die haben ihren Anhang mitgebracht, und in unserem Dorf kennt ohnehin jeder jede über drei Ecken. Wir sind also ganz unter uns.
Am Anfang fränkelt es mächtig, die Chefin des statistischen Landesamtes erklärt die Regeln. Sie macht das sehr souverän, ein paar schöne Spitzen hat sie dabei, insgesamt ist das aber viel zu lang gehalten.
Es wurden also per „Kettenreaktion“ (jede bestimmt ihren Nächsten) Menschen ausgewählt, die Dresden repräsentieren sollen. Dann der Einzelauftritt, jeder hat ein paar Worte zu sich zu sagen, das zieht sich über fast eine halbe Stunde, ist mal witzig, mal albern, auch mal ziemlich peinlich. Im Selbstmarketing ist nicht jeder bewandert, „von Beruf Verschiedenes“ bleibt bei mir hängen, auch die Tupperware-Dealerin und die Vielzahl der Rentner. Eine gute Idee ist es, den fehlenden alten Klotzscher Mann mit einem Schauspielstudenten zu besetzen, 68, NPD, Modelleisenbahn im Keller, einige Leichen vielleicht auch.

Dann die Fragen, von je einer aus der Mitte gestellt, die Gruppe der 100 gibt dazu lebende Bilder. Optisch ist das nett, schön beleuchtet und abgefilmt, aber … irrelevant. Dresden in Zahlen halt. Und, liebes Rimini-Protokoll, fragt bitte mal bei der Bürgerbühne, wie man Laien-Akteure auf der Bühne vor sich selber schützt. Oder geht Euch der Effekt über alles?
Hängen bleibt bei mir der Ausländeranteil in Dresden: Gefährliche fünf Prozent. Ich erkenne, dass wir kurz vor der Überfremdung stehen und stimme insofern dem Klotzscher Wittwer zu.

Manchmal blitzen bei den einzelnen Fragen Geschichten auf, versinken aber sofort wieder in der Beliebigkeit. Das mit dem Tagesablauf ist hübsch, aber austauschbar. Der Herr Dozent muss nachts raus zum Pullern, aha. Dennoch gehört die Szene zu den Besseren des Stücks.
Wenn Relevanz aufkommt, dann hat das mit Sozialem und Persönlichem zu tun. Es gehört Mut dazu, sich als „Hartzer“ zu bekennen, die Ex-Drogenabhängige erntet einen verdienten und herzlichen Beifall, als sie von ihrem Ausstieg erzählt, und auch, sich nicht zu den Heteros zu stellen, ist schwieriger als man glauben mag. Doch diese Momente bleiben leider Ausnahmen.

Eine Frage geht dann auch noch schief, und die Kriegsdefinition von Rimini-Protokoll ist offenbar dergestalt, dass Deutschland dabei sein muss, sonst gilt das nicht als Krieg. „Ich hab die Frage nicht verstanden“, mein Lieblingssatz des Abends.
Anonym tut dem Inhalt gut, clever gelöst mit Dunkelheit und Taschenlampen. Fast alle haben schon mal geklaut. Ja. Ich auch. Ich hätte mir aber auch noch ein paar andere Fragen vorstellen können.
Dann spielen die Bagels, was sicher auch einen Grund hat. Aber sie machen das gut.

Ich ertappe mich dabei, immer öfter auf die Uhr zu sehn. Jetzt ist „Open Mic“, jeder darf fragen, was sie will, selbst das Publikum. Kurzbeschreibung: albern, belanglos, peinlich, doof.
Dann ein Liegestützwettkampf auf der Bühne, hossa, man muss das Muskelpaket also nicht nur rechts haben, sondern auch links.
Geht es noch schlimmer? Ja. Mann darf den Hintern ins Publikum halten. Aufhören!!!
Ein Rettungsversuch mit der Visualisierung von Randgruppen, na gut, das ist sehenswert. Dann ist Schluss, ein tosender Applaus, Dresden feiert mal wieder sich selbst.

Für die 100 auf der Bühne mag das eine tolle Erfahrung gewesen sein, für einige vielleicht auch eine gute Therapie. Für die Freunde und Bekannten davor sicher ein Höhepunkt, den Lieben mal auf der großen Bühne zu sehn.
Für Rimini-Protokoll ist es die finanziell erfolgreiche, routinierte Umsetzung eines bewährten Geschäftsmodells (Start war 2008 in Berlin, seitdem tingelt man durch die Welt, Dresden ist die 15. Station), da bemüht man sich offenbar nicht mal auf die Bühne zur Premiere.

Das Ganze funktioniert theatertechnisch (ich schreibe hier bewusst nicht „künstlerisch“) aber nur, weil da oben so viele sind, die da unten noch so viele mehr kennen. Das reicht für vier gut gefüllte Vorstellungen.
Für den gewöhnlichen Zuschauer ist es ein belangloser Abend.