Getagged: Völkerschlacht

Der Kot Napoleon

„Du bist tot!“

Als Kinder haben wir das gerufen, wenn wir Krieg gespielt haben. Manchmal fiel der andere dann wirklich um, manchmal war er auch der Meinung, er sei schneller gewesen beim Ziehen. Dann musste das geklärt werden. Bis einer heulte.

 

Beim „Re-Ennactment“ dürfte dieses Problem nicht auftreten, die Sache ist streng durchchoreographiert. Erwachsene Menschen (allermeist Männer) kleiden sich in die Waffentracht einer vergangenen Zeit und geben lebend Bilder.

Ich hoffe, dass sie drunter etwas Moderneres tragen, aus dem Sanitätsfachhandel, falls doch mal was abgeht dabei, vor Angst oder vor Lust. Wäre doch schade um die teure Uniform.

 

Der Mensch kriegt ja vieles fertig, früher ließ er seinesgleichen gegen Löwen kämpfen wegen dem Unterhaltungswert, verbrannte seinesgleichen auf Scheiterhaufen, wenn rote Haare grad mal nicht in Mode waren, rottet(e) seinesgleichen auch stammweise aus, wenn die auf Land herumlungerten, das einem höheren Zwecke bestimmt war.

In diesem Kontext fallen ein paar Deppen, die die Schlachten vergangener Tage folkloristisch und keimfrei nachschlagen, kaum ins Gewicht.

 

Dem Bauernjungen aus einem der vielen sächsischen Friedersdorf damals, der auf dem Feld der Ehre verreckte, dürfte relativ egal gewesen sein, für wen er das tat (historisch gesehen – was gerne vergessen wird – für Napoleon). Trotzdem kann man es ihm posthum nochmal spielerisch erklären, es fallen doch auch sonst so viele Säcke Reis um.

 

 

Aber man kann das Spektakel natürlich auch mit „heutigen“ Maßstäben messen, moralischen, mein ich. Und da stellt sich mir schon die Frage, welch Geistes Kind die Leute sind, die bekunden, „hier nur einfache Soldaten zu sein“ und damit die Aussage zu Sinn und Zweck des Ganzen verweigern.

Ist der Mensch dann doch ein Lemming? Fühlt er sich in einer Herde am wohlsten, wo man selber nicht mehr denken muss? Ist das der Ur-Trieb von uns allen?

 

Dann wäre das Modell aber ausbaufähig. Warum nicht mal das Ertrinken vor Lampedusa nachstellen, Markkleeberg hat doch jetzt schöne Seen? Oder das Schlachten einer Herde Rindviecher, bei Tönnies in Weißenfels? Auch die amerikanisch-mexikanische Grenze bietet schöne Schauplätze, vielleicht gibt es ja noch einige Mauerreste zum Bespielen.

 

Und die vielen schönen Jubiläen der nächsten Jahre, 75 Jahre Stalingrad, 100 Jahre Verdun, auch der Genozid an den Armeniern oder der in Deutsch-Südwestafrika bedarf einer reenactischen Aufarbeitung. Guido Knopp hilft bestimmt gerne.

 

Man sollte hier aber keine Verbotsdebatte führen. Zwar ist Kriegsverherrlichung eine Straftat, aber der Verein wird so clever sein, sich nicht dabei erwischen zu lassen. Und das sind doch alles unbescholtene Bürger, die haben eben einfach zu viel Zeit. Und zu wenig Hirn.

 

Auch wenn der historische Kontext nur halbwegs korrekt ist: Ich wünschte, es würde Nacht oder die Preußen kommen. Mit echten Kanonen.

 

 

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Die Theatervölkerschlacht zu Leipzig

Ein Ferndiagnose

Da hat es also einen geräuschvollen Intendantenwechsel gegeben in der alten Kaufmannsstadt: Der Alte hat nicht mehr wollen sollen, der Neue wurde sehr rumpelig ins Amt gehoben.
So weit so schlecht, das kommt schon mal vor. Aber was da nun abgeht … man kann sich im beschaulich-barocken Dresden (das hiesige Theater nehm ich ausdrücklich aus von dieser Zueignung) nur wundern.

Da rüsten die verbliebenen harten Männer zum Sturm auf die Bastei von Lübbe, kaum das diese errichtet ist. Da wird gegen einen frischen Intendanten geholzt, dass es nur so kracht. Da kartätschen die Verteidiger aus allen Rohren und kippen Kübel voll Stinkendem über die Angreifer.

Ich halte mich inhaltlich erstmal raus. Weder habe ich sonderlich viel von Herrn Hartmanns Centraltheater gesehen (das, was ich sah, war aber sehr anregend), noch kenne ich Herrn Lübbes frühere Arbeit in Chemnitz und die aktuellen Leipziger Inszenierungen. Letztere wirklich „noch“, das ganze Getös macht schon neugierig.

Aber zum Stil erlaube ich mir einige Anmerkungen:
Nachtkritik.de ist ohnehin nicht für pfleglichen Umgang miteinander bekannt, doch diese Debatte toppt alles. Positiv ausgedrückt: Das Theatervolk ist bewegt und gibt dieser Bewegung auch Ausdruck. Nur … muss es unbedingt auf diese Art sein?
Es ist selbstverständlich legitim, sein „Bravo – ganz ohne Einschränkungen“ zur Emilia zu posten, ebenso wie ein „größte Katastrophe, der ich je beiwohnen durfte“. Aber dann geht es ans Eingemachte: Der Kritiker kann gar nicht objektiv sein (welcher ist das schon?), er gehörte ja zur Findungskommission, deren Empfehlung man nicht folgte (was schon ein seltsamer Vorgang ist). Und die Gegenseite dreht das Argument natürlich um. Und es wird reichlich nachgetreten, das schöne Wort „Theaterkampf“ erblickt das Licht der Kommentare. Peinlich, das Ganze.

Aus meiner wirklich neutralen leipzigfernen Sicht:
Selbst der Kritiker ist ein Mensch und damit fehlbar. Ihm Böswilligkeit zu unterstellen, weil er Haare in der neuen Suppe findet, ist albern und entspringt einem seltsamen Lagerdenken.
Vielleicht sollte das Schauspiel Leipzig künftig die Besucher in Fanblocks sortieren? Hartmann-Ultras ganz links (von der Bühne aus gesehen), Lübbe-Jünger so weit entfernt wie es geht. Und dazwischen der kleine Block von Leuten, die einfach nur Theater sehen wollen, um sich damit auseinanderzusetzen und ja, gottverdammtnochmal, sich auch mal unterhalten lassen wollen.

Trotz alledem: Nach diesen drei, vier tollen Tagen wird das Leben selbst in Leipzig irgendwie weitergehen. Man wird beobachten können, ob und wie sich die neue Mannschaft findet. Der Start war offenbar nicht der Beste, aber – um hier mal einige Plattitüden anzubringen – eine Intendanz dauert fünf Jahre. Und die Bühne ist meist rund. Und Tor ist, wenn der Schiedsrichter pfeift. Letzterer ist übrigens das Publikum.

Derweil werden noch viele Säue durch die Nachtkritik getrieben worden sein. Und Leipzig wird wieder das sein, was es immer war: Ein Theater irgendwo in Mitteldeutschland, nicht ganz groß, aber auch nicht ganz so klein.

Übrigens, dieser kleine Seitenhieb sei mir als Landeshauptstädter gestattet: Am selben Abend, als „Emilia Galotti“ in Leipzig durchfiel bzw. reüssierte, gab es in Dresden eine Premiere gleichen Namens, die über jede Kritik erhaben zu sein schien.