Getagged: Lessing

Helpless, helpless, helpless. Helpless?

„Emilia Galotti“ von Gotthold Ephraim Lessing, Regie Sandra Strunz, Premiere am Staatsschauspiel Dresden, 5. Oktober 2013

Was erlauben Strunz?
Bringt die doch einfach eine andere Sichtweise auf die Emilia. Und das in Dresden, unweit von Kamenz. Die IG Schauspiel dürfte nicht amüsiert sein. Aber dazu später mehr.

Es beginnt schwerblütig, fast niederschmetternd. Emilia erscheint am Morgen ihrer Hochzeit der Prinz von Guastalla, wie ein Mondsüchtiger quält sich jener aus der Kulisse. Ein wirklich Liebender? Wir werden sehen.
Zunächst einmal wähnt er sich verloren, als sein Adlatus die Neuigkeiten berichtet: Der Graf Appiani wird heiraten, eine aus niederem Stande. Eine Emilia Galotti. Bei Gott, doch nicht DIESE Emilia! Doch, genau diese.
Der Prinz ist kurz verzweifelt. Doch zum Glück hält er ein Schwein am Hofe, Marinelli genannt.

Im Hause Galotti laufen derweil die Hochzeitsvorbereitungen. Mutter Claudia (Christine Hoppe auf Carlos-Niveau) empfängt den Vater, während Emilia in der Kirche weilt. Man sieht sich offenbar selten, zwischen Küsschen werden Erziehungsfragen diskutiert. Dochdoch, der Graf Appiani (Christian Clauß) ist schon eine gute Wahl, da sind die Elternteile sich einig.
Jener tritt auf, ein wenig wie Campino, und ist verstörend ernsthaft, was das Fräulein Braut irritiert. „Ich wünschte Sie heiter, Herr Graf.“ Doch man findet sich. Die leichte Hand der Regisseurin wird langsam spürbar, schöne Dialoge.

Die außerordentlich raffinierten Spiegelschwenktüren des Bühnenbildes (Volker Hintermeier) bedürfen bereits an dieser Stelle einer gesonderten Erwähnung. Mal schaut man durch, mal brechen sie das Licht. In Bruchteilen von Sekunden verändern sie die Szenerie. Nie weiß man genau, wer wo auftaucht. Weltklasse.

Derweil baut sich das Unheil langsam auf. Marinelli überbringt die frohe Kunde, Graf Appiani wurde einer wichtigen Dienstreise für würdig befunden. Nach seiner Kenntnis sei diese ab sofort.
Der Graf will kein Tänzchen wagen, aber er muss. Trotzdem lehnt er ab. Köstlich das Körperspiel der beiden Herren in diesem Moment. Ben Daniel Jöhnk ist eher eine Kammerlaus als ein Kammerherr, aber das hochwertig.
Der Prinz öffnet inzwischen einen Adventskalender der besonderen Art und wird zu dem, was formerly as Prince bekannt war. Doch eine wie Emilia fehlt ihm in der Sammlung.

Zwei Psychopathen planen dann ein Gleiwitz. Und so geschieht es auch.
Willkommen auf dem Lustschloss, Emilia. Nun gut, es gab Opfer, auch der Graf ist darunter, aber wir wollen doch nach vorne sehen. Das schöne Leben beginnt jetzt. Fast scheint es, als ob Emilia das einsähe.
Das letzte Wort des Grafen war „Marinelli“. Aber man kann das natürlich verschieden interpretieren. Der treue Freund wurde im Tode mit der Rache beauftragt, zum Beispiel.
Doch die Klageschreie der Erinnyen sprechen eine andere Sprache. Ironie des Schicksals: Das Verbrechen, dass man dem Prinzen nun zuschreibt, hat er gar nicht begangen, höchstens gebilligt. Sein Hausschwein plädiert auf Befehlsnotstand.

Die Gräfin Orsina (Karina Plachetka in Hochform), verflossene Geliebte, pocht an die Tür, flucht auf Polnisch. Das wird kein freudiges Wiedersehn. Marinelli ist nicht nur eine Nummer zu klein für sie, die sich für den unwirtlichen Empfang subtil rächt und ihm seine Grenzen nur zu deutlich zeigt. Der Prinz ist dann leider sehr beschäftigt, ein andermal vielleicht. Das Ergebnis: Nun weiß die ganze Welt, wer den Grafen Appiani umbringen ließ. „Der Prinz ist ein Mörder!“
Sebastian Wendelin verleiht jenem übrigens alle Widerlichkeit, die sein großer Charakterfundus zu bieten hat. Chapeau!

Auftritt des Vaters (Tom Quaas mit gewohnt großer Bandbreite und sehr anrührenden Szenen), während seine Tochter bereits in Unterwäsche die Hinterbühne schmückt. Sie wird grad goldbronzen gestrichen, nun ja, hat halt jeder so seine Vorlieben. Es folgt eine Edelpuff-Szene, des Prinzen Verbrauch ist scheinbar beachtlich.
Vorerst trifft der besorgte Vater auf die Mutter, die schlecht gehütet hat, wie er glaubt. Er ist fürchterlich in seinem unrechten Zorn. Nun soll das Töchterlein ins Kloster, aber warum? Was hat sie ausgefressen? Er ist der Einzige, der die Idee gut findet.

Eine Unterredung des Vaters mit Marinelli, später kommt der Prinz hinzu. Die Szene erinnert an Schillers Hofmusiker Miller (bzw. umgekehrt), bei aller Höflichkeit lässt sich Vater Galotti wirklich nur sehr ungern verarschen. Doch die Macht ist mit dem Prinzen.
Kein Räuspern ist im Saal zu hören, als Tom Quaas um die Gunst bettelt, seine Tochter sprechen zu dürfen.

Jene scheint wie unter Drogen. Wenn alles verloren ist, was soll man dann noch jammern?
Sie ist schon ganz weit weg. Doch in ihrem letzten Auftritt wird sie zur heiligen Emilia der Frauenbefreiung, kongenial unterstützt vom Chor der Gefangenen Frauen und von Luisa Mühl am punktgenauen Schlagzeug.
Was bleibt Vater Galotti übrig? Er erfüllt ihren letzten Wunsch. Ende.

Großartig. Zum Heulen schön. Ich habe zwölf Fingernägel abgeknabbert in der letzten Viertelstunde, aber es hat nicht geholfen. Ein gutes Ende ist hier einfach nicht drin.

Was bleibt noch zu sagen?
Lea Ruckpaul ist in ihrer nächsten großen Rolle wieder absolut beeindruckend, ihre Emilia ist Subjekt, nicht Objekt.
Das Publikum war für meinen Geschmack sehr klatschfaul, ein paar mehr Minuten wären durchaus angemessen gewesen.
Das Stück wird dreistellig hier, ich wette meinen Laptop.