Getagged: 13. Februar

„Und wer entschuldigt sich dafür?“

„Ein Exempel, Mutmaßungen über die sächsische Demokratie“ von Lutz Hübner und Sarah Nemitz, Regie: Jan Gehler, gesehen am 27. Juni 2014 im Staatsschauspiel Dresden

Die Frage nach der Verantwortlichkeit, die der Hauptakteur A. am Ende, nachdem er seinen Prozess dann doch irgendwie erfolgreich überstanden hat, den Mitspielern stellt, vermag niemand zu beantworten. Freundin und Kind weg, Job verloren, seelisch zerrüttet, aber …. So richtig daran schuld ist keiner. Alle haben nur ihre Pflicht getan, im Durchschnitt, die einen mehr, die anderen weniger.

Lutz Hübner und Sarah Nemitz rekonstruieren anhand eines fiktiven Falls die Geschehnisse des Februar 2011 in Dresden, als anlässlich des alljährlichen Naziaufmarsches die Gewalt auf allen Seiten eskalierte, und deren rechtliche Aufarbeitung.

Hübner und Nemitz gebührt in vielerlei Hinsicht Dank. Nicht nur, dass sie ein sehr aktuelles politisches Thema aufgreifen, es gelingt ihnen auch, die Komplexität des Stoffes zu reduzieren und dennoch nicht zu sehr zu vereinfachen, von wenigen verzichtbaren Klamauk-Elementen abgesehen. Man sieht keine Schwarz-Weiß-Malerei, sondern eine sehr genaue Beschreibung einer Situation, in die (fast) jeder geraten kann. Das Stück liefert keine vorgefertigten Antworten, aber es stellt die richtigen Fragen.

Der komplette Text auf Kultura-Extra:
http://www.kultura-extra.de/theater/spezial/urauffuehrung_einexempel_staatsschauspieldresden.php

Flagge zeigen, und Gelassenheit

Fassen wir mal zusammen:

Zum ersten Mal seit Jahren gab es an einem 13. Februar in Dresden keine Groß-Eskalation mit Medien-Hype: Keine geräumten Blockaden, keine Kolonnen dutzender Blaulicht-Wagen mit Höchstgeschwindigkeit, keine verletzten Demonstranten, keine kreisenden Hubschraubergeschwader, keine braune Horde, die sich irgendwo die Beine in den Bauch steht, um dann ein paar Schritte Gassi zu gehen (wenn überhaupt) und vermutlich auch keine Strafverfahren im Nachgang.

Dafür gab es einen „Rundgang Täterspuren“, der von Jahr zu Jahr besser besucht ist und nun endlich auch die offizielle Anerkennung bekommt, die ihm von Anfang an zugestanden hätte sowie eine erneut funktionierende Menschenkette, von der die Nazis im Nachgang sicher behaupten werden, sie wären in großer Zahl dabei gewesen.

 Und außerdem gab es diesmal an einem 12. Februar einen überschaubaren Zug von Neo- und Altnazis durch Dresden, der nicht verhindert werden konnte, u.a. weil die Gesetze eben auch für jene gelten, die sie sofort abschaffen würden, wenn sie an die Macht kämen.

So what? Dresden besitzt nicht jene heilige Erde, zu der sie gelegentlich hochstilisiert wird, sondern ganz normalen Mutterboden, wie Magdeburg, Coventry, Rotterdam oder Köln und Nürnberg auch. Wenn man keinen Opferkult will, sollte man auch keinen Anti-Opfer-Kult betreiben.

 Es gibt nun mal Nazis. Dies wird nicht einmal der schwarze Block (der einen Teil seiner Selbstlegitimation auch aus dieser Tatsache bezieht) bestreiten wollen. Es gibt auch Mückenplagen, und gelegentlich eine Überschwemmung. Ganz wird man die Dummheit auf der Welt ebenso wenig ausrotten können wie die Naturkatastrophen (zumal wenn man es diesen durch soziale Ungerechtigkeit ebenso leicht macht wie jenen durch ökologische Unvernunft).

Und solange es Organisationen gibt, die Nazi-Ideologie und faschistoides Gedankengut verbreiten und dennoch nicht verboten sind, werden diese auch Veranstaltungen durchführen, schon aus dem Willen heraus zu beweisen, dass sie dies noch können.

 Aber wollen wir wirklich unsere Kraft und Lebenszeit darauf verwenden, deren Aufmärsche und Kundgebungen stets und ständig zu verhindern, seien sie auch noch so armselig? Davon wird keine umgebrachte Jüdin wieder lebendig, und auch nur einen aus dem braunen Häufchen damit zu bekehren, halte ich für unrealistisch.

 Es gibt Anlässe, da möchte auch ich definitiv keinen Nazi durch Dresden latschen sehen. Der 13. Februar ist so einer, der 17. Juni übrigens auch, wie der 13. August und natürlich der 9. November (aus beiden Gründen). An diesen Tagen kann man seinen Arsch gern mal hochkriegen und das tun, was man glaubt vertreten zu können vor Gesetz und Gewissen, im Zweifel vor letzterem.

Aber soll ich nun künftig meine Zeit darauf verwenden, denen das Demonstrieren überall und immer unmöglich zu machen, die meist dank unseres Sozialsystems doch sowieso deutlich mehr davon haben als ich oder diese von ihrem Wachschutz-Drogendealer-Chef als Arbeitszeit angerechnet bekommen? (Ist es am Ende das, was sie erreichen wollen?)

 Das fällt aus. So wichtig ist das Pack nicht, weder für mich noch für den Weltenlauf. Sollen sie doch auch noch am 3. März trampeln, oder am 1. April, oder vielleicht am 24. Dezember. Die Sonne wird auch am Morgen danach wieder aufgehen.

Die sind nicht wichtig. Die sind irrelevant, diese dicklichen Typen in ihren Knobelbechern, underfucked und unterbelichtet. Ich lass mir von denen weder die Zeit stehlen noch den Tag vermiesen.

 Zumal es deutlich Gefährlichere gibt als jenes Fußvolk, das zum Demonstrieren herangekarrt wird und dies auch noch selbst bezahlen muss. Die Verachtung ihrer Führer ist jenem genauso gewiss wie die unsere. Das sind am Ende nur arme Deppen, geistig und materiell.

Doch die Salonnazis, die nicht nur in den extremen Vereinen Europas, sondern auch an den Rändern einiger etablierter Parteien auftauchen, die trifft man kaum auf der Straße, und wenn doch, würde man sie nicht erkennen. Aber diese sind ungleich gefährlicher, nur mit Blockaden allein sind sie nicht zu verhindern. Durch deren Karossen kommt man nur mit Spezialgeschossen … (um Gottes Willen, das ist nur ein Zitat, übertragen gemeint, was dachtet Ihr denn?)

 Also lassen wir uns den Tag nicht verderben, und den Abend schon gar nicht. Der braune Pöbel hat gekniffen am 13. und sich dafür eine Kompensation am 12. zu schaffen versucht.

Aber das interessiert am Ende doch keinen. Da hätten sie auch gemeinsam in die Elbe pissen können, irgendeine völkische Bedeutung wäre ihnen schon eingefallen.