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Die verpasste Chance

„Katzelmacher“ von Rainer Werner Fassbinder, Regie Robert Lehniger, Produktion der Bürgerbühne am Staatsschauspiel Dresden, gesehen am 2. März 2015

Eigentlich, liebes Staatsschauspiel, war das eine großartige Idee, Fassbinders Fast-Erstlingsfilm, der mit so wenig Geld auskommen musste, dass sich nicht mal eine Beleuchtung für Nachtszenen bezahlen ließ und der vielleicht auch wegen des Zwangs zur Bescheidung in seiner lakonischen Trostlosigkeit so überragend ausfiel, 45 Jahre später als Mischwerk aus Film und Theater auf die Bühne zu bringen.
Und eigentlich war auch der Ansatz, sich strengstens an die filmische Vorlage zu halten, sehr nachvollziehbar. Gut, des (Versuchs eines) Münchner Dialekts für die Darsteller hätte es nicht gebraucht, aber sonst? Die besten Voraussetzungen für eine grandiose Inszenierung waren zweifellos gegeben.

Aber …
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Mischpoke ist kein Schimpfwort

Mischpoke“ , eine jüdische Chronik von damals bis heute, Regie David Benjamin Brückel, Texte Dagrun Hintze, Uraufführung der Bürgerbühne am Staatsschauspiel Dresden am 28. Februar 2015

Die müssen sich wirklich nicht wundern.

Wenn man so perfekt sämtliche Vorurteile und Zuschreibungen, die über die Juden existieren, daherbeten kann und das auch noch mit offenkundiger Freude tut … Da können die doch froh sein, dass sich der besorgte Bürger im Moment andere Gruppen sucht, die dran schuld sind.

Aber der Judenhass hat nicht nur hierzulande Tradition, und Bräuche werden nicht nur im Judentum gepflegt. „Ich habe ja nichts gegen Juden, aber …“ die Sprachschablonen sind wiederverwendbar.

Und dann schlagen die uns auch noch Zahlen-Daten-Fakten um die Ohren, dass es nur so knallt. Soso, es gibt also nicht „die“ Juden, sondern viele viele verschiedene, die sich nur darin einig sind, dass sie sich nie einigen können. Trotzdem sind die alle gleich. Als ob Fakten jemals etwas bewiesen hätten.

Besonders perfide ist es, das alles mit soviel Selbstironie und Witz vorzutragen. Das ist ja auch nur eine besonders raffinierte Form der moralischen Erpressung. Dass die noch lachen können, sogar über sich selbst … Die haben gefälligst die Shoa zu betrauern oder sich für Israel zu schämen. Am besten beides zugleich.

Wenn man wie ich auf dem geistigen Schoß von Yassir Arafat aufgewachsen ist und das Palästinensertuch zur pubertären Grundausstattung gehörte, weiß man von Hause aus nicht viel über die älteste der abrahamitischen Religionen. Bis heute ist auch im Dresdner Alltag wenig davon wahrzunehmen (was nicht vor der Sündenbock-Rolle schützen muss), die Synagoge steht zwar mittendrin, ist aber – von den einschlägigen Gedenktagen und der Jüdischen Kulturwoche abgesehen – nicht wirklich dabei. Ein guter Grund für die Bürgerbühne also, sich der Mischpoke anzunehmen.

(Bevor jemand den Korrektenrat anruft: Mischpoke steht im Hebräischen schlicht für „Familie“, der abwertende Unterton kam erst mit der Übernahme in die deutsche Umgangssprache hinzu.)

Es ist immer wieder erstaunlich, wie es der Bürgerbühne gelingt, mit ihren Akteuren ein derart breites Spektrum eines Themas abzudecken. Dabei zählt die jüdische Gemeinde in Dresden nur gut 700 Mitglieder, fast alle sind Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, die Hälfte davon ist im Rentenalter. Trotzdem: Vom israelischen Kriegsdienstverweigerer (was dort bei weitem nicht so smoothie ist wie vor deutschen Musterungskommissionen) über einen jungen deutschen Konvertiten und Zuwanderinnen aus Russland, die vor allem für die Zukunft ihrer Kinder nach Deutschland kamen, bis hin zur Tochter des Kommunisten und Schriftstellers Max Zimmering spannt sich der Bogen der zehn Menschen, „Durchschnitt“ ist keiner von denen. Aber zusammen geben sie ein faszinierendes Bild von dem, was heute Judentum ausmacht.

Zum Glück ist das Gezeigte alles andere als Belehrungstheater, auch wenn man am Ende deutlich klüger hinausgeht. Zehn Biographien, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, breiten sich aus, werden überblendet, man ist sich durchaus nicht immer einig auf der Bühne (eigentlich eher selten), aber darüber dann schon. Neben dokumentarischen Erzählungen der Protagonisten gibt es zahlreiche Spielszenen, die meist mehr oder auch mal weniger gut gelingen. Am berührendsten für mich war die Darstellung der Musterung von Ehud Roffe im Zusammenspiel mit Faina Lyubarskaja und Katja Schindler, aber auch die Bühnenpräsenz von Thomas Feske und dem zwölfjährigen Joshua Lautenschläger beeindruckten, nicht minder die Auftritte der Mütter Nichame Eselevskaya und Nataliya Berinberg.

Klar wird, dass die angeborene oder empfundene Zugehörigkeit zum jüdischen Glauben Identität stiftet, auch wenn die Ausländerbehörde keine jüdische Nationalität kennt. Wie man damit umgeht, entscheidet jede und jeder für sich selbst anhand der eigenen Erfahrungen. Und Israel ist für niemanden das „gelobte Land“, auch wenn die Haltungen zur Politik dieses Staates sehr unterschiedlich sind (wie übrigens bei den anderen Deutschen auch).

Die fast schon traurige Pointe: Juden sind wegen ihrer jahrtausendelangen Wanderungsgeschichte und den immer wieder nötigen Anpassungen der Prototyp des modernen Menschen, Kosmopoliten wider Willen, immer in mindestens zweien und damit zwischen allen Welten, mobil, heimatlos und frei, eine Avantgarde umständehalber. Dass das bloß nicht wieder jemandem Angst macht …

David Benjamin Brückel und Dagrun Hintze ist in ihrer jeweils zweiten Arbeit für die Bürgerbühne das Kunststück gelungen, ein äußerst komplexes Thema auf einen lehrreichen und dennoch unterhaltsamen Abend zu komprimieren. Unterstützt wurden sie dabei bestens von einer sehr raffinierten Aufklapp-Bühne (Jeremias Böttcher) und unaufdringlich-stimmiger Musik (Vivan und Ketan Bhatti).

Das Stück kommt (wenn auch ungeplant) zur rechten Zeit, um Herrn Netanjahus Aufruf zur Auswanderung etwas entgegenzusetzen. Nein, alle die hier sind sollen bleiben, egal welcher Religion sie sich zugehörig fühlen. Mehr als Mensch ist man sowieso nirgendwo. Dass sich auch niemand weniger fühlt, ist Aufgabe unserer Gesellschaft.

Verschwör Dich gegen Dich

„Die Verschwörung des Fiesko zu Genua“ von Friedrich Schiller, Regie Jan Philipp Gloger, Premiere am Staatsschauspiel Dresden am 14. Februar 2015


Ein starker Abend. Gloger leichterte den schillerisch hochtrabenden Text sinnvoll und brachte eine Fassung auf die Bühne, die oftmals an Shakespeare erinnert und die der Berichterstatter gern auf der „Don Karlos“ – Ebene einordnet.

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Waldkommune „Schäferglück“

„Wie es euch gefällt“ von William Shakespeare, Regie Jan Gehler, Premiere am Staatsschauspiel Dresden am 17. Januar 2015

Ein Auftakt nach Maß: Vor einem einer Puppenstube gleichenden Guckkasten tänzeln die Darsteller in wunderhübsch farbenprächtigen Kostümen, beschnuppern sich paarweise, eine solche Poesie braucht keine Worte. …

Die erste Hälfte war wirklich ganz großartig, leider sackte das Stück nach der Pause doch spürbar durch. Details hier:

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Das älteste Gericht

„Die Panne“ von Friedrich Dürrenmatt, Regie Roger Vontobel, Premiere am Staatsschauspiel Dresden am 9. Januar 2015

Essen ist nicht nur der Sex des Alters, man kann mit ihm auch eine heilige Messe feiern. Und nebenher zu Gericht sitzen, als Hauptgang sozusagen. Jenes Gericht ist zwar mit allen Zutaten in Pension, aber das MHD scheint noch nicht abgelaufen, zumal es von den Fesseln herkömmlicher Gesetzlichkeit befreit ist. …
Vier sehr alte Herren, denen die Klapprigkeit arg zusetzt, halten sich mit dem Spielen ihrer früheren Berufsrollen am Leben. Da sie allesamt im Justizapparat tätig waren, werden allabendlich bei Tisch die großen Fälle der Weltgeschichte nachgestellt. Aber ab und an verirrt sich auch ein Reisender zu ihnen, dann gibt es Gegenwartsbezug. Diesmal ist es der Textilvertreter Traps, den eine Panne im beschaulichen Alpendörfchen festhält und der arglos-dankbar die Einladung zum gemeinsamen Spiel annimmt.
Nur die Rolle des Angeklagten ist noch zu haben. In jener fremdelt Traps zwar anfangs, weil er sich reinen Gewissens wähnt, aber ihm kann geholfen werden. Am Ende richtet er sich selbst, schwer beladen von seiner Schuld.

Wie es dazu kommt, ist äußerst amüsant zu sehen, …

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Der Schweiß von Schimanski

„mein deutsches deutsches Land“ von Thomas Freyer, Regie Tilmann Köhler, Uraufführung am Staatsschauspiel Dresden, gesehen am 30. Dezember 2014

Es ist alles schon gesagt.
Nein, ich will nicht auf den alten Kalauer „aber noch nicht von mir“ hinaus. Es ist wirklich fast alles schon geschrieben worden zu diesem Stück, das vor knapp vier Wochen Premiere hatte, auch in der Süddeutschen, auf nachtkritik.de, im Deutschlandfunk und in der taz wurde – völlig zu Recht – gejubelt. Mir bleiben da nur noch einige Anmerkungen zu Dingen, die ich nicht ganz gelungen fand.

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Egon Krenz hat die Wende erfunden

„1989: Jedem seine Geschichte“ ein MDR Figaro – Café in Kooperation mit der ZEIT und dem Staatsschauspiel Dresden am 28. September 2014

Wo ist man, wenn sich die Diskutanten Datumsangaben wie Stichworte zuwerfen und alle einschließlich des zuhörenden Saals auf Anhieb wissen, worum es geht? Richtig, in einer Debatte über das prägende Ereignis vor fünfundzwanzig Jahren, dessen heute gängige Bezeichnung „Wende“ auf Egon Krenz zurückgeht, wie der Schriftsteller Ingo Schulze (damals Dramaturg am Theater Altenburg) gleich zu Beginn anmerkte.
[Ich erinnere mich, dass Christa Wolf schon am 4. November (einem der oben erwähnten markanten Tage) dieses Wort öffentlich auseinandernahm und eine hübsche, aus der Seefahrt stammende Interpretation fand, sinngemäß: Der Kapitän befiehlt „Klar zur Wende“ und die Mannschaft duckt sich, weil gleich der Mastausleger über das Deck fegt. Auch die Anfügung „-Hals“ wurde von ihr in diesem Kontext erwähnt, was dem Siegeszug des praktisch-kurzen Begriffes „Wende“ keinen Abbruch tat. Und nun werden wir den nicht mehr los.]

Die anderen markanten Daten sind übrigens der 9. Oktober (ein bzw. DER Montag) und der 9. November, in welchem sich seitdem ein Großteil der Ambivalenz deutscher Geschichte abbildet. [Ich füge das nur an, weil unter den Lesern eventuell auch Menschen unter 25 Lebensjahren und/oder westdeutschen oder gar ausländischen Geblüts sein könnten. Man weiß ja nie. Bei allen anderen darf man diese Kenntnis wohl voraussetzen.]

Die anderen Diskussionsteilnehmerinnen waren Heide Schwochow, heute Drehbuchautorin, damals in der Kinderhörspielabteilung des DDR-Rundfunks – die berühmte Nalepastraße – und (auch formal) ausreisewillig sowie Evelyn Finger, die das Jahr 89 als Abiturientin in Halle erlebte, an der Saale, klar, und dennoch heute das elegant benamste Ressort „Glauben und Zweifeln“ der ZEIT leitet.
[Ein Ressort „Wissen“ gibt es übrigens auch, was allerdings etwa achtmal so viel Platz in der Wochenzeitung hat, es wird eben doch lieber gewusst als geglaubt oder gar gezweifelt.]

Moderiert wurde das sonntagnachmittägliche Radio-Café vom wie eh und je umschwärmten Thomas Bille.
[Den Begriff „Kanzelschwalben“ nutzte ich leider bereits in meinem letzten Bericht über ein ähnliches Ereignis und muss hier bedauerlicherweise auf ihn verzichten.]

Bei schönstem Spätsommerwetter war der Saal des Kleines Hauses immerhin halbvoll oder erschreckend halbleer, ganz wie man will. Auch dies ein Beleg dafür, dass alles relativ ist im Leben, auch der Blick auf den Herbst 89, der doch sehr von der eigenen Position abhängt, damals wie heute.
Die Abwesenden haben eine Diskussion verpasst, die – ohne nun gänzlich neue Erkenntnisse zu erzeugen – sich auf durchgängig sehr hohem Niveau mit der Geschichte der friedlichen Revolution und mehr noch mit dem heutigen Umgang mit dieser befasste. Ganz ohne Anekdoten kommt eine solche Debatte natürlich nicht aus, aber jene waren klug gewählt, ob es nun um die ungewöhnlich freundlichen DDR-Grenzer in Schmilka bei der Rückkehr aus dem Ungarn-Urlaub im September 89, um die Gelenkigkeit in der Halsgegend des Stabü-Lehrers [„Staatsbürgerkunde“, liebe oben erwähnte Randgruppe, eine Mischung aus Koranschule, Priesterseminar und Blinde-Kuh-Spiel, nur mit sozialistischem Inhalt] oder ganz im Gegenteil um die geistige Ungelenkigkeit einer überforderten Hannoveraner Lehrerin, die zu dieser Zeit auf ein eben ausgereistes Ost-Kind [nicht mit „ausgerissen“ zu verwechseln, das hatte alles seine Ordnung] mit erfahrungsbedingt hoher Politisierung traf, ging.
Jene Heide Schwochow, von der diese Geschichte stammte, begründete zuvor auch sehr einleuchtend, warum man als Familie – trotz der Möglichkeiten über Ungarn – lieber den eigenen Ausreiseantrag genehmigt bekommen wollte.
[„Besser durch den Vorderausgang schreiten als aus dem Klofenster klettern“ hat sie zwar nicht gesagt, aber so in etwa hab ich sie verstanden.]

Dass jene Bewilligung nun ausgerechnet am Vormittag des 9. November eintraf, führte an diesem Tage dann sicher gleich zweimal zu größeren Gefühlsausbrüchen, auch dies eine schöne Anekdote, welche noch besser wird, wenn man erfährt, dass Familie Schwochow (Mutter und Vater Rainer als Drehbuchautoren und Sohn Christian als Regisseur, ja, der vom „Turm“) kürzlich sozusagen als Ringschluss ein Fernsehspiel namens „Bornholmer Straße“ fertigte, das jene abendlichen Ereignisse am 9.11. vor 25 Jahren schildert und am 5. November in der ARD zu sehen sein wird, welche nun auch schon seit fast so lange nicht mehr mit „Außer Raum Dresden“ ausgesprochen werden kann.
Angesichts der im Rückblick absurden Situation am Grenzkontrollpunkt, wo die Entscheidung eines Einzigen, Oberstleutnant der Grenztruppen der DDR, angesichts einer diffusen Nachrichtenlage und mangelnder Order von oben den Schlagbaum anstelle der MPi zu heben, über den weiteren Verlauf der Geschichte bestimmte, wird man dies als Komödie auf den Bildschirm bringen.

Es gab im Verlaufe des Gesprächs einige Merksätze zu notieren, wen wundert’s bei drei Größen der schreibenden Zunft. Ingo Schulze formulierte schön die untrennbare Bindung des eigenen Glücks an das Glück von allen in den besagten Monaten bis zum 18. März 1990, auch dies so ein Datum. Evelyn Finger nannte in der Rückschau die Diskrepanz zwischen dem Anspruch der DDR an sich selbst und deren erlebte Wirklichkeit als das prägende Merkmal dieses Staates und Heide Schwochow verwies auf die Ambivalenz der (allermeisten) Menschen, für die ein schlichtes Schwarz-Weiß-Schema nicht passen würde. Auch der Alltag in der DDR war nicht nur systemgeprägt, es wurde auch ohne Zutun der Partei geliebt und gelacht, geheult natürlich auch.

Thomas Bille fragte dann nach dem „Wenderoman“ und ob es so einen überhaupt gäbe bisher oder künftig geben könnte. Und obwohl da einige in Frage kämen, jeder ein bisschen, wurde dieser große Wurf so definiert, dass er aus dem Westen kommen müsse, ohne die dort sehr verbreitete „Westalgie“ natürlich, oder bereits in den Achtzigern im Osten geschrieben worden wäre, auch hier mit mehreren Kandidaten. An beidem ist sicher einiges dran, auch wenn der Begriff eher als Marketinginstrument auf die Buchmessen gehört. Wenn es jemandem gelänge, alle Aspekte dieses Weltenwandels in einem Roman abzubilden, hätten wir sicher einen zweiten Faust, aber ob der mit zwei Teilen auskäme, wage ich zu bezweifeln.

Interessant auch die einhellige Feststellung, dass sich die Debatte um die Umstände und Folgen des neunundachtziger Herbstes außerhalb der offiziellen Anlässe fast ausschließlich zwischen Ostdeutschen abspielen würde, erst in letzter Zeit sei z.B. in der gleichnamigen Wochenschrift eine Tendenz zu beobachten, dass man sich auch ohne biographischen Hintergrund mit diesem Jahrhundertereignis beschäftige. Erklärbar ist das sicher, schließlich unterschieden sich die Veränderungen in Ebersbach (Fils) zu Beginn der neunziger Jahre doch erheblich von jenen in Ebersbach (Sachs), und seitdem ist in beiden Partnerstädten nicht so sehr viel in dieser Beziehung passiert.
[Gut, das sächsische Ebersbach, das eigentlich in der Oberlausitz liegt, um das mal klarzustellen, hat sich inzwischen mit dem Nachbarflecken Neugersdorf per Bindestrich vereinigt, halb gezogen, halb gesunken, und strebt nun vielleicht den Titel „Ort mit dem längsten Namen“ an, der sicher die Reisebusse anlockt, aber sonst war wirklich nicht viel.]

Auch nicht neu (aber was überrascht nach 25 Jahren noch?), doch immer wieder neu beklagenswert ist der Fakt, dass mit dem Zusammenbruch des „linken Erlösungsversprechens“ namens real existierender Sozialismus der Gesellschaftsordnung hinter der Mauer ein potentielles Gegenmodell abhanden kam, das allein durch seine schlichte Existenz schon eine gewisse Wirkung hatte.
Wer will denn heute noch ernsthaft für ein anderes politisches System werben, jenseits von Marktkonformitäten, wenn einem postwendend das relativ frisch vergurkte Experiment im östlichen Europa um die Ohren gehauen werden kann? Ingo Schulze vor allem sind diese Betrachtungen zu danken, auch der Schwenk zum Einkaufsverhalten, mit dem man sich heute zumindest moralisch schuldig machen könne oder aber eben auch nicht.

Für das Thema Gerechtigkeitsdefizit, das immer noch zwischen den damaligen Widerständlern und den Mitläufern herrsche, weil jene meist bessere Startbedingungen in das neue System hatten, durch das Rückwirkungsverbot viele in Staatsnamen begangene Vergehen ungesühnt blieben und sich z.B. für die Opferrente außer den Betroffenen sich kaum jemand interessiere, blieb am Ende der anderthalb Stunden genauso wenig Zeit wie für eine Diskussion des beliebten Begriffs „Unrechtsstaat“. Allein diese hätte mit all ihren Facetten sicher noch einmal neunzig Minuten gebraucht, und ob es ein klares Ergebnis gegeben hätte, sei dahingestellt, eher wohl ein Unentschieden.

Mit diesem Radio-Café hat Figaro nicht nur einen anspruchsvoll-unterhaltsamen Nachmittag gestaltet, sondern auch den Auftakt zu „Eine Woche im Oktober – 25 Jahre friedliche Revolution“ des Staatsschauspiels Dresden gegeben. Ab dem 3.10. wird eine Themenwoche mit Theater, Performances, Lesungen, Konzerten und Diskussionen sowie gar einem eigenen abendlichen Radiokanal mit dem Jubiläum auseinandersetzen, hier gibt es Näheres dazu:
http://www.staatsschauspiel-dresden.de/spielplan/spielplan/rahmenprogramm_eine_woche_im_oktober/beschreibung/

Es wird zu berichten sein.
Aber den Schlusspunkt dieses Textes darf Ingo Schulze setzen, der wie er erzählte seine Profession anlässlich einer chinesisch-amtlichen Nachfrage bei der dortigen Einreise so beschrieb: Er „schreibe – wie alle Schriftsteller – über Liebe und Tod vor wechselnden Hintergründen, und in seinem Falle nicht in Versform.“ Damit wäre zumindest das geklärt.

Reif für die Inseln

„Schöne neue Welt“ nach dem Roman von Aldous Huxley (Theaterfassung von Robert Koall) am Staatsschauspiel Dresden, Regie Roger Vontobel, Uraufführung am 12. September 2014


Was war dies nun?

Die Uraufführung eines Stücks Weltliteratur am Theater – schon das ist Grund zur Freude.
Die stimmige Übertragung dieses Textes auf die Bühne – man kann dabei gern von großer Werktreue sprechen.
Ein sinnliches Ereignis? Teils. Die Musik trug sehr zur Atmosphäre bei, das Bühnenbild bot manchmal Überraschendes, die Kostüme hatten ihre eigene Sprache, aber es fehlte die große Linie dahinter.
Die Interpretation eines immerhin achtzig Jahre alten Stoffes unter Verarbeitung der Weltgeschichte seitdem? Nein. Das bleibt folgenden Produktionen vorbehalten.

http://www.kultura-extra.de/theater/spezial/urauffuehrung_schoeneneuewelt_staatsschauspieldresden.php

Kleingießhübel – Eine Reiseempfehlung

Am Ende der Lindenstraße beginnt die Wildnis, wo das Krümelmonster haust und Glückspilze massakriert werden. Die Wildnis nennt man auch Kleingießhübel, Stadt der Friseure mit der Spezialisierung auf Pechsträhnen. …

„Wildnis“, ein Landschaftstheater mit Bewohnern der Sächsischen Schweiz
Kooperation der Gemeinde Reinhardtsdorf-Schöna, der Bürgerbühne des Staatsschauspiels Dresden und Theater ASPIK

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Den großen Spaß, dieses Spektakel anzuschauen, hat man leider nur noch am nächsten Wochenende: Am 13. und 14. September jeweils um 15 Uhr vor Ort in Reinhardtsdorf-Schöna, Sporthalle. Der Shuttle-Bus fährt jeweils 13.30 Uhr vom Staatsschauspiel Dresden.
Dies ist auf absehbare Zeit die letzte Gelegenheit, ein Landschaftstheater in dieser Gegend zu erleben. Es wird dringend zugeraten.

„Und wer entschuldigt sich dafür?“

„Ein Exempel, Mutmaßungen über die sächsische Demokratie“ von Lutz Hübner und Sarah Nemitz, Regie: Jan Gehler, gesehen am 27. Juni 2014 im Staatsschauspiel Dresden

Die Frage nach der Verantwortlichkeit, die der Hauptakteur A. am Ende, nachdem er seinen Prozess dann doch irgendwie erfolgreich überstanden hat, den Mitspielern stellt, vermag niemand zu beantworten. Freundin und Kind weg, Job verloren, seelisch zerrüttet, aber …. So richtig daran schuld ist keiner. Alle haben nur ihre Pflicht getan, im Durchschnitt, die einen mehr, die anderen weniger.

Lutz Hübner und Sarah Nemitz rekonstruieren anhand eines fiktiven Falls die Geschehnisse des Februar 2011 in Dresden, als anlässlich des alljährlichen Naziaufmarsches die Gewalt auf allen Seiten eskalierte, und deren rechtliche Aufarbeitung.

Hübner und Nemitz gebührt in vielerlei Hinsicht Dank. Nicht nur, dass sie ein sehr aktuelles politisches Thema aufgreifen, es gelingt ihnen auch, die Komplexität des Stoffes zu reduzieren und dennoch nicht zu sehr zu vereinfachen, von wenigen verzichtbaren Klamauk-Elementen abgesehen. Man sieht keine Schwarz-Weiß-Malerei, sondern eine sehr genaue Beschreibung einer Situation, in die (fast) jeder geraten kann. Das Stück liefert keine vorgefertigten Antworten, aber es stellt die richtigen Fragen.

Der komplette Text auf Kultura-Extra:
http://www.kultura-extra.de/theater/spezial/urauffuehrung_einexempel_staatsschauspieldresden.php