Kategorie: Gesellschaft
Es gibt kein Menschenrecht auf kostenloses Parken!
Dass diese Überschrift so kategorisch daherkommt, hat mit dem Ärger zu tun, den ich heute (7. März) beim Zeitungslesen verspürte. Die „Sächsische Zeitung“ hatte auf ihrer Lokalseite Dresden-Neustadt mal wieder einen ihrer berüchtigten Jammer-Artikel platziert, die sich mit dem Thema Auto beschäftigen. An Begriffe wie „Staufalle“ im Zusammenhang mit baustellenbedingten Einschränkungen oder „Abzocke“ für Geschwindigkeitsüberwachungen und Parkscheinkontrollen haben wir uns mittlerweile gewöhnt, und heute waren mal wieder die angeblich fehlenden Parkplätze dran. Stein des Anstoßes sind die Bauarbeiten auf der Bautzner Straße in Höhe des Lutherplatzes, die überraschenderweise dafür sorgen, dass man dort nicht mehr (kostenlos) parken kann. Zur Untermalung des schrecklichen Leids darf der Besitzer der „Hütte“ am Steuer seines Großraumfahrzeuges mit traurigen Hundeaugen aus dem Bild herausblicken. Er muss nun deutlich länger nach einem Parkplatz suchen und dann auch noch ein Stück zu Fuß gehen, wie seine Angestellten auch. Aber zumindest an Trekkingschuhen zur Abfederung der Strapazen dürfte es dort ja zum Glück nicht mangeln.
Nein, der öffentliche Verkehr käme zur Anreise gar nicht in Frage, schließlich wohne man in der Sächsischen Schweiz. Ganz abgesehen davon, dass niemand gezwungen wird, aufs Land zu ziehen, gibt es an fast jeder S-Bahn-Station dort draußen genug Parkplätze, die das Einpendeln nach Dresden erleichtern.
Und auch die Friseurin von der anderen Straßenseite, die in Wachwitz wohnt, muss selbstverständlich mit dem Auto kommen, denn Busse und Straßenbahnen sind gerade für Friseurinnen völlig unzumutbar.
Verstehen wir uns nicht falsch: Natürlich kann sich einE jedeR bewegen wie er möchte und wie er es vertreten kann, aber er/sie soll doch dann bitte nicht erwarten, dass jemand ihm das Equipment dafür kostenlos zur Verfügung stellt. Platz ist in der Stadt ein knappes Gut und ist, solange er in städtischem Besitz ist, generell für alle da. Wenn also eine Gruppe von Verkehrsteilnehmern die Straßenrandflächen zum Parken nutzt und sie damit der Allgemeinheit entzieht, ist es nur recht und billig, dafür einen Obolus zu verlangen.
Es gibt nämlich gar keinen Mangel an Parkplätzen im Großraum Neustadt. Was es aus Sicht einer interessierten Gruppe gibt, ist eine zu geringe Anzahl an kostenlosen Parkflächen in unmittelbarer Nähe zum jeweiligen Ziel. Aber ist das aus Sicht der Gesellschaft wirklich ein Mangel? Warum muss der innerstädtische Lebensraum dem Teil der Bevölkerung, der sich per Auto fortbewegen kann, will und muss, unentgeltlich zur Verfügung gestellt werden, wenn er doch für viele andere Zwecke nutzbar wäre? Breitere Fußwege, Radfahrstreifen oder auch Grünpflanzungen fallen mir da zuerst ein. Nein, wer ein knappes Gut verbraucht, muss auch dafür bezahlen. Kostenloses Parken ist kein Menschenrecht.
Die Tatsache, dass das neue Parkhaus an der Bautzner Straße bislang täglich maximal zur Hälfte gefüllt ist, stützt die These vom ausreichenden Parkraum. Und der Preis (von 1 € für die erste Stunde bis max. 3 € für den ganzen Tag) dürfte niemanden überfordern, der auf das Auto angewiesen ist oder dies zumindest glaubt. Nur steht hier offenbar das Gewohnheitsrecht entgegen: Ich hab hier immer umsonst geparkt, das muss auch so bleiben.
Auch das Argument, die Kundschaft wolle und müsse unbedingt mit dem Auto kommen, wird im SZ-Artikel wieder aufgewärmt. Eine Inzahlungnahme des Parktickets (im Normalfall also ein Euro) kann sich der „Hütten“-Besitzer nicht leisten, achgottchen. Da sind andere Läden aber deutlich weiter, und einen (entgeltlichen) Lieferservice würden sicher viele Kunden in Anspruch nehmen. Wenn man denn wollte.
Zumindest die Großfilialisten im Revier wissen, dass ihre Kunden im Wesentlichen Laufkundschaft im wörtlichen Sinne sind und gehen mit dem Thema gelassen um.
Was bleibt also? Der angebliche Aufreger löst sich in Luft auf, der Artikel dokumentiert eher die Unflexibilität einiger Ladeninhaber.
Die Diskussion, ob der öffentliche Parkraum nicht generell bewirtschaftet werden solle, muss aber gerade in Zeiten, wo für den Straßenunterhalt kaum Geld zur Verfügung steht, unbedingt geführt werden. Auch ist zu hinterfragen, ob Anwohnerparkkarten wie jene für die Neustadt, für die man jährlich 50 Euro zahlt, also weniger als 5 Euro im Monat, noch den richtigen Preis haben.
Eine inspiriertere Verkehrspolitik, als wir sie in Dresden haben, hätte ohnehin aus der Neustadt längst eine Modellregion für autoarmes Wohnen und Arbeiten gemacht. Nirgendwo sonst (in Dresden) sind die Voraussetzungen so günstig: Eine dichte Bebauung mit sehr schmalen Straßen und eine äußerst geringe Kfz-Dichte (statistisch gesehen) treffen auf eine diesem Thema gegenüber in großen Teilen prinzipiell aufgeschlossene Bevölkerung. Zwei Drittel aller Straßen wären ohne Weiteres als Anlieger- bzw. Spielstraßen ausweisbar, mit einer geschickten Verkehrslenkung durch Einbahnstraßen und zeitlich begrenzten Ausnahmeregelungen könnte die Erreichbarkeit auch für den Lieferverkehr jederzeit gewährleistet werden. Es mangelt auch hier schlicht am Wollen.
Stattdessen baut man Sporthallen mit Parkdecks, wo vorher Parkplätze halb leer gestanden haben, selbst wenn im Umfeld immer mehr Parkhäuser entstehen. Gute Verkehrspolitik geht anders.
Aber wie heißt es so schön? „Der Schuster hat die schlechtesten Schuhe.“ Und warum sollte in der Stadt der ehemaligen Verkehrshochschule und heutigen Fakultät Verkehrswissenschaften der TU, wo viele interessante Konzepte auch zu diesem Thema entwickelt wurden und werden, die Stadtverwaltung davon Notiz nehmen? Der Prophet gilt nichts im eigenen Land.
Der gute Mensch vom Supermarkt
„Meine Kältekammer“ von Joël Pommerat in der Regie von Christoph Werner, gesehen am 28. Februar 2013 im Puppentheater Halle (deutsche Erstaufführung)
Nach dem Theaterexperiment nun anderntags das Puppentheater. Soso. Da will wohl einer Bandbreite beweisen.
Ischschwör, es ist Zufall, durch den beruflichen Kalender bedingt. Jener bescherte mir eine Übernachtung in Halle und zu meinem Glück gab es keinen Klassiker am „richtigen“ Theater. Man muss es fast Vorsehung nennen.
Puppentheater, na gut. Sicher ganz nett, muss es ja auch geben. Und Minoritäten sind schützenswert, wissen wir ja. Also begibt man sich mit einem wohlwollenden Lächeln ins (überraschend moderne) Haus und kann nachher sicher einen Strich auf seiner Gutmenschenliste machen.
Denkste. Richtige Menschen auf der Bühne, neben den Puppen. Ein spannendes, vielseitiges Bühnenbild. Schnelle Szenenwechsel, die wohl nur mit diesem Medium so funktionieren. Eine Story, die mit meinem Begriff vom Puppentheater so gar nichts gemein hat (und im französischen Original auch als Menschentheater aufgeführt wird). Ich bekenne mich mal wieder zu meinen Bildungslücken, gebe aber zugleich die Beseitigung einer solchen bekannt.
Das Neben-, besser Miteinanderagieren von Puppen und Menschen ist für mich das eigentliche Faszinosum an diesem Abend. Der magische Moment, wenn man vergisst, ob die handelnde Person von einem Darsteller oder einer Puppe verkörpert wird (bei vielen wechselt das ständig), lässt bei mir nicht lange auf sich warten. Das Medium hat einen neuen Fan gewonnen.
Die Handlung ist schnell erzählt: Ein reiches Ekel vererbt aus Boshaftigkeit schon zu Lebzeiten seinen Supermarkt an die Angestellten und verlangt als Gegenleistung, dass sie ihn in einem Theaterstück jährlich lobpreisen. Das Aschenputtel der Runde (Estelle) nimmt sich der Aufgabe an und versucht den Bösen, der unheilbar erkrankt ist, damit zu bessern. Ihre Kollegen kann sie jedoch nur zusammenhalten, in dem sie sich in ihren fiesen Bruder verwandelt und Angst und Schrecken verbreitet. Eine Mischung aus Shin Te und der Heiligen Johanna sozusagen, auf jeden Fall ist jede Menge Brecht dabei.
Es ist „schön“ zu sehen, wie die normative Kraft des Faktischen aus der Runde von klassenbewussten Arbeitnehmern nach und nach kleine Kapitalisten macht, die, Zwängen gehorchend, auch schon mal einen Schlachthof abwickeln, damit nicht alles hopps geht. „Man wäre gut, anstatt so roh, doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.“ Brechtscher Hattrick, falls es nicht bemerkt wurde.
Eigentum heißt Verantwortung, willkommen in der Realität. Jene verändert die Protagonisten schneller als die es wahrhaben wollen, in unterschiedlichem Tempo allerdings, was immer wieder zu Reibereien in der Runde führt. Demokratie ist ziemlich scheiße in der Wirtschaft, es braucht die harte Hand. Also Estelles bösen Bruder. Business ist a dirty job but somebody must do it.
Leider gewinnen nur zwei der sieben Genossen wirklich Kontur: Neben Estelle noch Alain (Lars Frank), der zuerst die Realität erkennt und entsprechend handelt, aber das zumindest noch begründen kann. Alle anderen bleiben vage, ihre Wandlungen werden nur angedeutet, hier wäre mehr drin. Auch der Gag mit dem unverständlich sprechenden Chinesen erschöpft sich irgendwann.
Die für mich völlig überflüssige Nebenhandlung um Estelles prügelnden Ehemann und den angeblichen Kläranlagenarbeiter, der sich als Auftragsmörder entpuppt und als Werbegeschenk den bösen Gatten umlegt, hätte zugunsten der besseren Ausleuchtung von z.B. Blocq oder Claudie durchaus entfallen können.
Marie Bretschneider als Estelle kenne ich noch aus ihrer Dresdner Zeit, vor allem aus den grandiosen „Pandabären“. Sie hat die mit Abstand größten Gestaltungsmöglichkeiten und begeistert mich, auch durch ihre Körpersprache (was im Puppentheater natürlich von besonderem Wert ist).
Das Ende? Naja, nicht wirklich plausibel. Die Bekehrung des Ekels scheitert, das Theaterstück findet nicht statt, Estelle verschwindet und kehrt nach zehn Jahren wieder. Ihre Ex-KollegInnen haben sich inzwischen vom Besitz befreit und sind wieder Malocher mit oder ohne Job. Dem Weltfrieden hat das nichts gebracht, die Drecksarbeit haben dann halt andere gemacht und den Gewinn daraus eingestrichen.
Estelle verschwindet wieder, geht ins Facility Management (putzt also) und wartet geduldig auf den im Knast gelandeten Befreier.
Von meinen inhaltlichen Mäkeleien abgesehen, ein rundum gelungener Abend mit einer Neuentdeckung für mich: Puppen sind auch nur Menschen.
Schön wärs, wenn man wollen würde was man tut
„Faust in uns“, Regie Andreas Neu, Theaterexperiment der Hochschule Zittau/Görlitz und des freien Theaterensembles Kunst.Bauer.Bühne sowie des Gerhart-Hauptmann-Theaters Zittau am 27.02.13, letzte Vorstellung
Ein Trailer im Netz hat mich gelockt: Eine Faust-Inszenierung in ungewöhnlichem Ambiente, schwungvoll geschnittene Szenen, die neugierig machen. So fahre ich also in die ferne Provinz, im Bewusstsein, dass auch ich eine Art Provinz bewohne.
Der Zug nach Zittau ist gut gefüllt, es möge keiner behaupten, in der Oberlausitz wohnt keiner mehr. Nur mit dem Arbeiten ist es halt schlecht. Die Anzahl der benutzten smartphones übersteigt die der aufgeklappten Bücher beträchtlich, der Fortschritt ist auch hier angekommen. Aber ich höre vertraute Töne, es rrrulllt richtsch. Das Wort „Nato-Plane“ hab ich auch schon lang nicht gehört, man simpelt und facht über den Schutz der Automobile im Winter.
Sobald wir den Dresdner Kessel verlassen, wird es diesig, die Schneehöhe nimmt deutlich zu. Gelegentlich tauchen einige Häuser aus dem weißen Nebel, bis die Dämmerung alles verschluckt.
Warum ich mit dem Zug fahre? Man muss die Frage doch andersrum stellen: Warum fährt man nicht Zug? Im konkreten Fall fällt mir die Entscheidung angesichts der Wetterlage relativ leicht, zudem schafft nur Baron Münchhausen die Strecke in 1.25 h mit dem Auto. Gut, ich muss den letzten Zug um halb Elf kriegen, in Schiebock nochmal umsteigen, aber viertel Eins hat mich die Neustadt wieder. Wenn alles glatt geht.
Zum Thema:
Die Ankündigung des Stücks schlägt einen großen Bogen von der Überbevölkerung und dem immer mehr steigenden Ressourcenverbrauch, von den Grenzen des Wachstums und der unbeherrschbaren Ökonomie hin zur Aussage, dass „Faust … eine negative Figur“ wäre, „eine Karikatur des prometheischen Menschen“. Die Frage nach dem Faust in uns soll gestellt werden, und jene nach unserer Verantwortung in der heutigen Gesellschaft. Unterliegen auch wir dem Faustschen „Ruheverbot“? Sind wir überhaupt noch Herr unser selbst?
Eine Menge Holz, die da zu hacken sein wird.
Rein zufällig habe ich mit dem Thema ja momentan auch ein bisschen zu tun, bin deshalb natürlich besonders neugierig. Dass das Ganze im ehemaligen Labor der Elektrotechnik aufgeführt und von einem Wandflies zum Thema begleitet wird, komplettiert die Reihe von guten Gründen für meine Reise.
Ich hab die letzte Aufführung erwischt, die „Derniere“, wie ich inzwischen gelernt habe. Zehnmal wird es dann gelaufen sein. Nach Kritiken zum Stück zu suchen, hatte ich keine Lust bisher. Aber ich will mir ohnehin mein eigenes Bild machen. Dass das nun niemand mehr überprüfen kann, ist ja nicht meine Schuld.
Es ist noch Zeit bis zum Beginn, ich gönne mir einen Fußmarsch durch das Zentrum der Großen Kreisstadt Zittau. Oder ist es eher eine greise (Ex-) Großstadt? Gegen Sieben sind die Straßen verwaist, der Nebel drückt die wenigen Passanten nieder. Man könnte auch die Dreigroschenoper hier freiluft aufführen, auch wenn der Mond über Soho heute schlecht zu sehen ist, Mackie.
Eine Fußgänger-LSA (vulgo Ampel) am Theaterring (hörthört!) stoppt den spärlichen Menschenfluss, auch wenn weit und breit kein Auto zu sehen ist. Der Oberlausitzer hat noch Respekt vor der Obrigkeit. Meiner ist mir leider abhanden gekommen, ich quere die Straße und spüre empörte Blicke im Rücken.
Ehemals prächtige Fassaden säumen meinen Weg, Zittau war mal eine sehr reiche Stadt und gehörte zum Oberlausitzer Sechsstädtebund, einer Art Hanse. Die Substanz ist heute noch zu sehen, auch wenn die Fenster oftmals vernagelt sind.
Im Kino am Marktplatz gibt es „Stirb langsam“ im x-ten Aufguß. Nein, ich werde jetzt keinen blöden Witz im Zusammenhang mit Bevölkerungsentwicklung und regionalen Perspektiven reißen.
Schon vor geraumer Zeit gestorben ist das Kino „Schauburg“, jedoch gibt es Wiederbelebungsversuche. Leider ist es mir noch nicht gelungen, einmal dabei zu sein, die Dresdner Namensvetterin liegt halt doch günstiger.
Eine knappe Stunde vor Beginn treffe ich am Ereignisort ein. Ich fühl mich in die Studentenzeit zurückversetzt, endlos lange Flure, buntgesprenkelt durch Plakate jedweder Art, der Weg zu Faust ist ausgeschildert. Dann öffnet sich eine Tür, ja, hier wäre ich richtig, es sei ja noch Zeit, aber ich könne gern die Ausstellung ansehen. Und die Bar besuchen. Letzteres geht getreu dem alten Brecht vor.
Die freundliche Dame am Einlass nimmt meine zweite, übriggebliebene Karte zurück und will sie wieder verkaufen, was ihr auch gelingt. Ich bin positiv erschüttert. Die Oberlausitzerin ist freundlich, da merkt man immer wieder. Sympathische Gegend.
Das Zittauer Theater gehört übrigens nicht nur aus landsmännischen Gründen schon länger zu meinen Lieblingen, leider führen wir nur eine Fernbeziehung. Immerhin, eine sehr gute „Kabale und Liebe“ hab ich vor Jahren da gesehen, und an das „Kuckucksnest“ erinnere ich mich mit viel Freude. Und noch einiges mehr, enttäuscht bin ich eigentlich nie worden, auch, weil ich um die finanziellen Gegebenheiten des GHT weiß. Dass Tom Quaas dort inszeniert hat, freut mich sehr, leider habe ich das Stück nicht gesehen. Den fast alljährlichen Kampf um den Bestand des Hauses verfolge ich mit Sorge, dass das Haus nun saniert wurde, gibt ja immerhin ein bisschen Hoffnung auf eine langfristige Perspektive. Und die Premierenfeiern in der Villa Hirche sind um Einiges besser als das, was üblicherweise in Dresden stattfindet.
Nun aber dann doch schon zu dem, was wir sehen werden.
Der kluge Text auf dem Programmflyer ist dank seiner Ausführlichkeit dann doch plausibler als die wenigen Zeilen im Netz. Es wird auf den „Global Player Faust“ von Michael Jäger Bezug genommen, auf dessen Zweifel, ob das Streben an sich erstrebenswert ist angesichts der Folgen. Was ist denn so schlimm am Verweilen? Wenn jeder Ruhepunkt verschwunden ist, sind wir im Ewig-Leeren.
Auch Christoph Binswanger, der bereits in einem anderen Faust-Stück sich zum Thema Geld und der Gier danach äußert, wird zu „Geld und Magie“ zitiert. Die Schaffung des Papiergeldes, schon bei Goethe ein alchemistischer Vorgang, entkoppelt das Geld vom Gold und lädt förmlich ein, unsichere Wetten (da haben wir es wieder!) auf die Zukunft einzugehn.
Das Ambiente mit dem ehemaligen Labor der Fakultät Elektrotechnik darf man genial nennen. Der spröde Charme der Lehreinrichtung wird ergänzt durch Illuminationen und die Theatereinbauten. Die Bühne in ihrer Nüchternheit ist das ideale Podium für eine Sezierung des Faustschen Ansatzes.
Der Saal fasst etwa 150 Besucher, ca. zwei Drittel davon bevölkern ihn. Viel junges Volk, einige davon mit tschechischer oder polnischer Zunge, wir sind im Dreiländereck, angenehme Mischung. Die Getränke kann man mit reinnehmen, domestiziert durch die Dresdner Theater hab ich aus Unkenntnis mein Bier zuvor runtergestürzt. Naja, zur Pause weiß ich dann Bescheid.
Es beginnt etwas rätselhaft. Ein langes musikalisches Vorspiel, dann ein apokalyptischer Text. Faust ist in die heutige Arbeitswelt versetzt, eine Erzählerin beschreibt seine Qualen. Zumal auch das Koks alle ist, immerhin ist noch der Malt da. Burn out as usual, er ist kein Versager, nein, aber er ist tot. Der Wagner-Dialog wird von Pappnasen vorgetragen, Faust windet sich derweil im Krankenbett.
Mephisto, nein, Mephista erscheint, in Latex. Faust wettet, hätt ich auch gemacht.
Dann die Midlife-Crisis wieder im Fokus, ein Arzt mit Flasche beklagt die mangelnde Orientierung heute und erzählt uns seine HIV-Geschichte. Seele weg, alles weg.
Faust glänzt (nicht nur) durch eine beeindruckende Stimme und begibt sich in die Hexenküche, wo ihn eine propere Meerkatze sanft entkleidet. Der Zaubertrank kommt hier aus der Dose und verleiht Jugend. Als Helena muss Marylin herhalten, was ich dann doch etwas anmaßend finde. Hoffentlich werden die Götter nicht böse.
Mephisto sieht nun aus wie der selige Dirk Bach in schlank, beide tragen quietschbunte Hemden wie der Typ aus dem Fernsehen, dessen Namen ich mir zum Glück nicht merken kann.
Das Gretchen wird hier etwas anders kennengelernt, er solle doch „wieviel“ fragen, regt sie an. Faust mag es offenbar klassisch und verzieht sich erstmal.
Dann doch die Gretchenfrage. Eine prima Rollenverteilung, Grete flitzt wie ein Weberschiffchen zwischen den beiden Fäusten hin und her, die abwechselnd versuchen die Frage wegzudefinieren.
Wir springen in den Alltag und in das gefürchtete Beziehungsgespräch. Der Schlips bleibt zu kurz und Mann und Frau passen sowieso nicht zueinander. Köstlich, eine Aufwärtsspirale wie bei Loriot, unaufhaltsam bis zur Explosion. „Leben ist grundsätzlich anstrengend“, versucht er noch auszuweichen, aber sie liest seine Gedanken: „doch mit Dir ganz besonders“. Dabei wollten sie doch nur was gemeinsam unternehmen …
„Ich wäre schon froh, wenn ich immer das wollen würde, was ich tue“, in diesem schlichten Satz manifestiert sich seine Wunschlosigkeit und gesellschaftliche Kompatibilität.
Vor der Pause noch ein Ärgernis, eine Talkshow-Persiflage über die Ratlosigkeit der gesellschaftlichen Institutionen, die leider nicht über Kabarettniveau hinausgeht. Ein Klischee-Stadel, plakativ und verzichtbar die Szene.
Es beginnt wieder mit einem bitteren, sprachgewaltigen Monolog namens Entropie, der dankenswerterweise auf Zettelchen ausliegt. In der Kerkerszene am Ende von Faust I wird sein Text durch Strophen aus Faust II ersetzt, was einen schönen Effekt gibt, Grete und Heinrich reden aneinander vorbei, sie erzählt von Zweisamkeit, er von der großen ganzen Welt. Da ist auch nichts mehr zu retten.
Kofferträger im Gleichschritt leiten zum Kaiser über, der immer nur Gejammer hört. Es fehlt an Geld? „So schaff es denn!“ Des Kaisers Skepsis weicht, als das von Faust/Mephisto „ausgegrabene“ Papiergeld seinen Jecken wohl gefällt und sie zum Konsum anreizt. (Papier-) Geld wird durch Glauben zu Gold.
Wachstum! Wachstum! Noch mehr Wachstum!
Ein sehr guter Dialog zwischen Kaiser und Faust übrigens.
Dann eine Fotosequenz, in blitzartiger Folge werden Bilder von Herrschern und Sonstigen mit Schlag-Halbsätzen kombiniert. Ich erkenne immerhin George W. mit Lügnernase, kann ansonsten aber damit nicht viel anfangen. Das kommt mir zu bedeutungsschwer daher.
Am Ende ist Faust glücklich. Sagt er zumindest, aber so richtig sitzt der neue Text noch nicht. Doch er macht gute Fortschritte, sagt die Therapeutin.
Man muss sich das vorstellen wie in Clockwork Orange, was von den Toten Hosen so kongenial vertont wurde. Alex ist jetzt ein guter Bürger, ein neuer Mensch und systemkonform, die Gehirnwäsche hat funktioniert.
Der Darsteller des Faust (leider sind die Namen nicht den Rollen zuordenbar) hier mit seiner besten Leistung, sehr beklemmender Monolog.
Ein beeindruckendes, aussagekräftiges Schlussbild, dann Dunkelheit, dann Stille.
Herzlicher Applaus, an dem ich mich leider nur kurz beteiligen kann, der Zug wartet nicht. Nach einem straffen Marsch durch die verwaiste Innenstadt treffe ich rechtzeitig am Bahnhof ein, und neunzig Minuten später in Dresden, der Text ist inzwischen fertig.
Ein interessantes Stück, das ich empfehlen würde, wenn es nochmal käme. Eine gute Ensembleleistung, ein passendes Ambiente, ein Theatererlebnis, wie es sein soll. Ich hab den Ausflug nicht bereut.
Nur schade, ich hätte gern früher der geneigten Öffentlichkeit hiervon berichtet. So bleibt mir nur diese postume Würdigung und der Vorsatz, die Projekte der Kunst.Bauer.Bühne künftig aufmerksam zu verfolgen.
Die Liebe und das Vaterland
„Vaterlandsliebe“ … Unlängst aus dem Touri-Geplapper an der Fähre herausgehört: „… mehr Angst als Vaterlandsliebe …“.
Ja, sicherlich. Ist ja auch nicht schwer.
Aber ein schönes Wort, diese „Vaterlandsliebe“. Bringt einen auf Gedanken.
Zunächst einmal würde ich das aus meiner Perspektive dem homosexuellen Spektrum zuordnen. An sich kein Problem, ich wollt es nur mal gesagt haben.
Gibt es dann auch eine Vaterlands-Jugendliebe? Und muss man nach dem ersten Mal gleich heiraten, weil sonst die großen Brüder böse sind?
Wie ist das mit dem Körperlichen? In meinem Verständnis – gut, rein subjektiv – gehört das ja doch irgendwie dazu? Ob nun dreimal täglich oder jeweils am Hochzeitstag, bleibt der Neigung und der körperlichen Verfassung überlassen, aber ganz ohne? Schwierig, um diese schöne neudeutsche Vokabel auch hier unterzubringen.
Wie äußert sich Vaterlandsliebe? Gedichte schreiben, ok. Und sonst?
Kann ein Mann mehrere Vaterländer gleichzeitig lieben? (Bei mir wärs neben dem Königreich Böhmen dann noch die Bunte Republik, aber das nur nebenbei.)
Und die Frauen? Stabile Zweierbeziehung? Vaterfigur fällt mir da ein, oder besser Vaterlandsfigurliebe. Oder Vaterfigurlandsliebe? Jedoch, allein wegen der Figur liebt man doch nicht?
Apropos, kann ein Vaterland auch fremd gehen? Und wenn ja, auf welchem Mutterboden?
Gibt es auch Dreiecksbeziehungen? Offene? Führt das zu diplomatischen Verwicklungen? Wird der Botschafter einbestellt? Wozu? Zur Vaterlandsliebe?
Wozu führt unglückliche Vaterlandsliebe? Zum Wahnsinn, wie sonst auch? Oder nur zur Staatenlosigkeit?
Und, ganz wichtig: Gibt es freie Vaterlandsliebe? Ist Europa so was Ähnliches? Und warum ist Arthur Schnitzler dann ein Schweizer?
Für die, die bis hier durchgehalten haben:
Vaterlandsliebesspiel. Vaterlandsliebesvorspiel. Mir fällt da nur die teutsche Nationalmannschaft (m/w) ein. Erst singen, dann spielen.
Kann man Vaterlandsliebe erzwingen? Von welcher Seite aus?
Hm.
Ich glaub, ich hab in Stabü nicht aufgepasst.
War das jetzt schon Sex?
Love kills.
„Medea“ von Euripides in der Regie von Michael Thalheimer, Gastspiel des Schauspiel Frankfurt/M. am Staatsschauspiel Dresden, 16. Februar 2013
Die Bühne (der Dresdner Olaf Altmann) ist nicht möbliert, lediglich ein riesiger, schwarzer Monolith im Hintergrund, der auf halber Höhe ein Podest besitzt. Auf jenem wird sich Medea die ganzen zwei Stunden über aufhalten, in ihrer eigenen Welt, unerreichbar für alle anderen. Erst zur finalen Meuchelei kommt der Klotz nach vorn gefahren und nimmt dem Chor, dem Boten und Jason den Platz zum Spielen und die Luft zum Atmen.
Das Licht (Johan Delaere) kommt meist von der Seite, die Menschen werfen dadurch furchterregende Schatten. Es wechselt abrupt, wenn eine neue Szene beginnt und reißt den Protagonisten aus dem Dunkel, wohin der vorige verschwindet.
Jeder Auftritt außer jenem zu Beginn, als die Amme sich hereinschleppt und mit ihrem Schatten auf dem Klotz wie ein Totenvogel aussieht, ist unspektakulär und wirkt gerade deshalb. Es gibt zwischen den Spielern eine einzige (!) Berührung während des Stücks, und diese basiert auch noch auf Medeas Lüge. Ansonsten ist jeder mit sich allein.
Auch der Einsatz der Musik (Bert Wrede) und des scheinbar nicht mehr entbehrlichen Mediums Video (Alexander du Prel) ist sparsam: Eine Schilderung der Geschichte von Medea und Jason in Piktogrammen, sehr beeindruckend, untermalt von anfangs gediegener, später grauenhafter Musik. Das ist alles.
Die Geschichte von Leidenschaft, Undank, Eifersucht und maßloser Rache ist keine, die man gerne nacherzählt. Deshalb lasse ich das auch, ich bin so frei.
Thalheimer hat auf jede Aktualisierung verzichtet, das ist plausibel. Allerdings ist gerade dieser Stoff durchaus in der Gegenwart anzutreffen, Amoklauf, Kindstötung etc. sind so selten nicht. Er könnte durchaus auch in einer Einwanderfamilie spielen, warum nicht in einer muslimischen, sozusagen die Umkehrung des Ehrenmords. Nur mal so ein Gedanke.
Die Darsteller sind durchweg ein Genuss. Hervorzuheben für mich Bettina Hoppe, die allein den Chor der Frauen spielt (auch dies entspricht dem reduktivem Ansatz), Viktor Tremmel, der als Bote das Streben von Kreon und seiner Tochter herzerweichend schildert (und über dessen Besuch in Dresden ich mich besonders gefreut habe, er gab vor einigen Jahren hier einen grandiosen Woyzeck) sowie Marc Oliver Schulze, bei dessen letzter Szene ich den Eindruck hatte, hier wird Munchs „Der Schrei“ auf die Bühne gebracht.
Und natürlich ganz oben thronend Constanze Becker, die sich die Seele aus dem Leib spielt. Unter vielen guten für mich die beste Szene, als sie Jason täuscht und ihm Reue und Einsicht vormacht.
Außer, das für meinen Geschmack manchmal zu viel deklamiert wird, hab ich nichts zu bekritteln.
Michael Thalheimer hat vor dreizehn Jahren hier „Das Fest“ inszeniert. Ein Fest war das heute auch, die Einladung zum Theatertreffen nach Berlin ist völlig nachvollziehbar.
Danke, auch für die Idee, genau dieses Stück nach Dresden zu holen. Da hat die Intendanz eine gute Nase bewiesen.
Ein Denkmal für die fehlende Barmherzigkeit
In Dresden, am Neustädter Markt, gibt es das Blockhaus. Nach der Zerstörung im Krieg schon in der DDR wiederaufgebaut, gehört es heute dem Freistaat Sachsen, der seine Akademien der Künste und der Wissenschaft sowie die Stiftung Natur und Umwelt dort untergebracht hat. Das (wirklich schöne) Haus besitzt einen repräsentativen Saal, der gern und oft für Empfänge und Veranstaltungen genutzt wird.
Dies wurde wohl (mindestens) einem Obdachlosen zum Verhängnis, der seit einiger Zeit das windgeschützte Portal des Hauses „bewohnte“. Dank zweier Bänke links und rechts der Treppe war dies sicher ein komfortables Lager.
Damit ist es nun vorbei: Der Hausherr hat je zwei Querbalken auf den Absätzen anbringen lassen, dem Denkmalschutz gehorchend natürlich aus Sandstein. Mit der Bequemlichkeit ist es nun vorbei.
Ich wurde durch eine Postkarte von Tobias Stengel, die in einigen Neustädter Lokalen ausliegt, darauf aufmerksam und schaute mir die Sache heute mit eigenen Augen an. Lang kann die Baumaßnahme noch nicht vollendet sein, der Mörtel unter den Balken wirkte recht frisch.
So weit, so sachlich zur Tatsache. Nunmehr begeben wir uns in den Bereich der subjektiven Meinung.
Ist euch denn gar nichts zu peinlich, ihr freistaatlichen Hausverwalter? Muss man seine Abneigung gegen den wohnungslosen Abschaum derart deutlich demonstrieren? Habt ihr Angst, eure Gäste mit (einem Teil) der Dresdner Realität zu konfrontieren? Mich erfasst die berühmte Fremdscham. Ich kann nichts dafür, ich wohn nun mal hier und hab mir diese Regierung mit ihrem Apparat nicht ausgesucht. Aber ein Mindestmaß an Anstand und Empathie hätte ich mir von einer christlich (!!) und liberal (!) geführten Verwaltung doch erwartet.
Wir wollen uns nicht missverstehen: Sozialromantik ist mir fremd, ich weiß auch, dass selbst mit mehr Geld (was sicher bitter nötig ist) das Problem der Obdachlosigkeit nicht vollständig zu lösen ist. Aber manchmal geht es eben auch um Symbolik, um Botschaften. Und hier versagt der Freistaat mit schöner Regelmäßigkeit jämmerlich.
Eine nicht-beweisbare Boshaftigkeit: Dieselben Leute, die die Anbringung dieser Pennersperren angeordnet haben, stehen sicher mit reinem Herzen in der Menschenkette am 13. Februar. Das ist ja auch was ganz anderes, wohlfeil und tut nicht weh.
Ich versuche mir vorzustellen, wie das gelaufen sein mag am Blockhaus. Wer hat wohl den ersten Stein geworfen? „Schaffen Sie den mal diskret weg, unsere Gäste wollen so was nicht sehen.“
Danach vielleicht der Form halber eine Umfrage unter den Mietern:
„Rein wissenschaftlich betrachtet sind Obdachlose eine verschwindende Minderheit, in erster Näherung existieren sie gar nicht.“
„Aus künstlerischer Sicht ist die Beschäftigung mit dem Thema Armut hochinteressant, aber die Lagerung dieses Herrn von unserer Tür kann keinesfalls als Performance gewertet werden, dazu fehlt es an den berichtenden Medien.“
„Nach Durchsicht unserer Unterlagen müssen wir Ihnen mitteilen, dass die Spezies „Obdachloser“ auf keiner Schutzliste zu finden ist. Aus umweltfachlicher Sicht bestehen deshalb keine Bedenken zur Umquartierung“.
War es so? Fast fürchte ich, ja.
Also trat eines grauen Morgens ein Trupp Handwerker an, lud die zuvor zurechtgeschnittenen Balken ab und machte sich ans Werk. Ob jener Bewohner dabei vor Ort war, weiß man nicht. Wenn ja: Im Umfeld gibt es genug Ministerien, deren Wachen sicher nichts gegen eine kleine Abwechslung hatten.
Die ganze Sache brauchte sicher kaum einen halben Vormittag, auf unsere Handwerkskunst sind wir Sachsen stolz. Und das Leben geht für (fast) alle ganz normal weiter.
Und nun haben wir also ein neues Kunstwerk in Dresden. Danke.
Es thematisiert die fehlende Barmherzigkeit der offiziellen Gesellschaft, das Verdrängen-Wollen von unangenehmen Zivilisationserscheinungen aus dem öffentlichen Raum. Mit einer schlichten, aber wirkungsvollen Symbolik – nicht mehr als vier Sandsteinbalken, die quer zu früher als Schlafplatz genutzten Bänken angebracht wurden – vermittelt uns der Künstler eine klare Botschaft: „Die“ sind hier nicht erwünscht.
Selten hat ein öffentlich finanziertes Werk eine solch präzise Aussage vorzuweisen. Gesellschaftskritik kommt hier in unauffälliger Form daher, niemand wird konfrontiert mit dem Thema, aber jeder ist eingeladen, darüber nachzudenken.
Man darf sich auf weitere Werke dieses begabten Künstlers freuen.
In Dresden sind wir alle weltberühmt
Es gibt sicher niemanden (von der Familie Wettin mal abgesehen), der über die Tatsache, dass es derzeit im Freistaat Sachsen keinen König gibt, trauriger ist als die Unterhaltungsredaktion des Mitteldeutschen Rundfunks. Dem amtierenden Freistaatsoberhaupt merkt man seine Abstammung von sorbischen Ackerbürgern leider dann doch an, der Glamourfaktor ist vernachlässigbar.
Schmerzlich bewusst wird uns dieses bei Gelegenheiten wie dem nach eigener Aussage bedeutendsten deutschen Ball (wie misst man das eigentlich?): dem SemperOpernball. Seit 2006 wird diese Festivität vom Verein „Semper OpernBall e.V.“ zelebriert, es ist also eine private Veranstaltung, was gern vergessen wird. Kopf des Vereins ist der in Dresden gut bekannte Hans-Joachim Frey, bis 2007 Operndirektor am Hause. Sein weiteres Wirken als Intendant am Theater Bremen war nicht von Glück begleitet, nach dem Versenken von 2,5 Mio. Euro nahm er dort 2010 den Hut.
Besser läuft da schon der Dresdner Opernball, hier ist man dankbar für jeden Hauch der großen weiten Welt, auch wenn man nicht immer ein glückliches Händchen mit seinen Stargästen hat. Jene werden durch die Verleihung eines absonderlichen Preises (seit 2010 „St. Georgs Orden“) angelockt, auf welchem der Hl. Georg zu Pferde sowie der Sinnspruch „Gegen den Strom“ (lateinisch, damit es nicht so peinlich ist) zu sehen sind. Den haben inzwischen so bekannte Gegen-den-Strom-Schwimmer wie Kurt Biedenkopf, Henry Maske, Roman Herzog und – das ist sicher bekannt – Wladimir der Demokratische erhalten, auch Michael Jackson, ja, kleiner hammer’s nicht. Jener konnte sich allerdings nicht mehr wehren, der Preis wurde ihm posthum hinterhergeworfen, eine seiner zahlreichen Schwestern vertrat ihn würdig.
„Herausragende Persönlichkeiten, die sich um Deutschland … und um Sachsen verdient gemacht haben“ werden ausgezeichnet. Interessanter Denksport, was wohl Roger Moore und Ornella Muti da zu bieten haben. Auch bei José Carreras fällt mir nicht gleich was ein, bei Putin ist die Sache allerdings klar: Schließlich hat er einige Jahre in Dresden für Ruhe und Ordnung gesorgt.
Noch eine Nörgelei gefällig? Genau zwei der fünfundzwanzig bisher Bedachten waren Frauen (und sind es vermutlich immer noch). Das erreicht bestes CSU-Niveau, und wenn das Verhältnis im Parkett ähnlich aussähe, müssten sich doch viele Männer bunte Tücher um den Arm binden und sich dann Mühe geben, nicht zu führen beim Walzer. Aber das tun sie ja meist ohnehin nicht.
Aber, wie schon gesagt: Es ist eine private Veranstaltung, es ist auch ein privater Preis, und seine Jodeldiplome kann jeder verleihen, an wen er möchte. Eigentlich.
Nun ist es aber so, dass dieser Ball durch die Anwesenheit des und durch die Eröffnung durch den sächsischen Ministerpräsidenten eine quasi-staatliche Bedeutung erhält. Auch schritten bereits eine Reihe von Bundespräsidenten den roten Teppich entlang, zuletzt Herr Wulff, und heuer ist „Berlin“ mit Peter Ramsauer vertreten, der bestimmt auch irgendwie zuständig ist und sein stählernes Lächeln mitgebracht hat.
Warum diese Vorrede? Weil es Dresden bzw. der Ballveranstalter wieder mal geschafft haben, mit dem Arsch ins Fettfass zu plumpsen. Selbst bis ins provinzielle Dresden sollte es sich herumgesprochen haben, dass jener Monsieur Depardieu, den man als Star- und Überraschungsgast gewonnen hat, derzeit eine kleinere steuerliche Auseinandersetzung mit seinem Geburtsland Frankreich hat und deswegen sozusagen fiskalisches Asyl bei einem vorherigen Preisträger beantragte. Dies ist mitnichten seine Privatsache, wenn ihm sogleich dieser Orden an den aufgedunsenen Leib geheftet wird. Und war da nicht eben noch was mit 50 Jahre Elysée-Vertrag? Gut, die Feiern sind vorbei, da wollen wir mal wieder Francois ein bisschen ärgern. Fingerspitzengefühl in Dresden und Berlin? Haben wir gar nicht nötig.
Ich hoffe sehr, dass jetzt M. Hollande Christian Wulff zum Ritter der Ehrenlegion ernennt, dann wären wir quitt.
Aber mit diesen abwegigen Gedanken werden sich die Gäste in und vor der Semperoper nicht plagen. Man muss anerkennen, dass das Management recht clever ist: Das Ding mit den Elefanten war nicht mehr zu kontrollieren, man weiß ja, wozu diese Tierschützer fähig sind, nöch? Das hätte hässliche Bilder gegeben, selbst der MDR hätte nicht drumrum filmen können. Also kurzfristig gecancelt, Respekt.
Wirtschaftlich brummt das Ding offenbar, die Karten scheinen alle weg zu sein, bei Preisen von 1.900 Euro bis runter zu 250 Euro (2. Klasse, Stehplatz) nicht unbedingt selbstverständlich. Wie viele werden die Karten wohl selbst bezahlt haben?
Man darf dabei durchaus fragen, ob es zu den Aufgaben des MP gehört, private Feiern zu eröffnen. Und selbst wenn – was ich in diesem Fall noch nachvollziehen kann – wäre der Preis für die Eintrittskarten für ihn und Frau Gemahlin doch als geldwerter Vorteil zu versteuern, wenn den der Freistaat bezahlt hat? Oder gab es gar keine Rechnung? Dann wär es Vorteilsnahme. Auweia, wenn das jemand liest …
Bei Herrn Bundesminister kann mir niemand glaubhaft machen, dass er „Verkehr, Bau und Stadtentwicklung“ an diesem Abend wesentlich voranbringt. Aber vielleicht hat ihn Frau Merkel geschickt, um oben genannten Fauxpas auch bundesamtlich zu beglaubigen. Dann wäre er aus Gründen der Staatsräson da.
Die übrigen Gäste sind klug ausgewählt. Herr Ballack kann seinen Werbe-Marktwert etwas aufpolieren, was sicher nur noch im Osten funktioniert, Herr Winterkorn lässt sich feiern, dass er in Sachsen weiter Autos bauen lässt und das Piech-Denkmal am Großen Garten nicht schleift, M. Juncker holt sich seinen ihm zustehenden Orden und dankt schon im Voraus auf der Website artig, wenn auch inhaltlich etwas schräg. Und Lauterbach lässt sich von seinem Zwilling im Geiste namens Ochsenknecht lobhudeln, im nächsten Jahr erleben wir das Traumpaar des schlechten Geschmacks vielleicht andersrum.
Zu Gerard Depardieu fällt mir noch ein, dass es in den Technischen Sammlungen am 4. und 5. April „Die letzte Metro“ gibt, ein Meisterwerk von Truffaut mit Catherine Deneuve und ebenjenem Spätverblödeten.
Prinzipiell, liebe Leser, hab ich nichts gegen sowas wie Opernbälle. Es soll doch jeder nach seiner Facon selig werden. Solange die freistaatliche Semperoper nicht auf den Kosten sitzenbleibt und den Einnahmeausfall (immerhin blockiert der Ball vier Tage lang das Haus) ersetzt bekommt, sollnse doch machen. Die Polizei tritt leider wie sonst auch kostenlos an, wenn auch nicht umsonst. Und die DVB wird ja wohl die Umleitungsaufwendungen in Rechnung stellen.
Auch die wirtschaftlichen Aspekte sind sicher nicht zu unterschätzen, grade im hochpreisigen Segment. Und die Arbeitsplätze in diesen Tagen. Und der Imagefaktor … Jaja.
Aber man kann sich ja trotzdem drüber lustig machen.
Zum Beispiel über die Bedeutungshuberei der Medien. Bei den bunten Blättern kann man das verstehen, das ist ja ihr Kerngeschäft, aber das vermeintlich rationale Zeitungen an der Spitze der Bewegung stehen, ist schon seltsam. Die SächsZ hat einen Twitterkanal geschalten und berichtet alles, was ihr so auf- und einfällt. Frau Derek ist ohne Mann da! Ich überlege kurz, doch noch hinzufahren. Und entscheide mich positiv. Mal sehen, was da so für Leute sind.
Es nieselt, manchmal schüttet es auch.
Die üblichen Verdächtigen schlurfen durch ein schmales Spalier von Schaulustigen und durchs Foyer, sicher steckt eine ausgeklügelte Logistik dahinter, die Hackordnung zu beachten und jedem Sternchen genug Aufmerksamkeitszeit zu schenken.
Zwar bin ich nicht im Besitz eines Fernsehgerätes, könnte mir also später nicht mal in einem Maso-Anfall den Rest der vierstündigen Hofberichterstattung des MDR ansehen. Aber ich erlebe die erste Stunde live mit und kann mir gut vorstellen, was noch kommt.
Witzig ist das, was auf dem Theaterplatz stattfindet. „SemperOpenairball“, auf so einen Namen muss man erstmal kommen.
Man kann dort: Sich langsam einregnen lassen, am Public Viewing vom Ballsaal teilnehmen, Bratwurst essen, den Jubelperser geben, mitgebrachten oder überteuerten Alkohol verzehren, die Aufstellung eines Weltrekords „wagen“ (nämlich dem Auf-glattem-Pflaster-so-tun-als-ob-man-Walzer-tanzt in einer noch nienienie dagewesenen ganz großen Gruppe), oder – Höhepunkt! – mit Gotthilf Fischer-Dübel und Roberto „Blacky“ Blanco ein Lied einüben! Es handelt sich dabei um das bekannte deutsche Volkslied „Moskau, Moskau“, womit wir erstens wieder bei Putin wären und zweitens endlich den Grund in diesem Meer von Schwachsinn erreicht haben, was mit dem neuen Text des Siegelschen Gassenhauers auch bewiesen wird.
Die genannten Herren zu kritisieren, gehört sich nicht. Schlimm genug, wenn man in diesem Alter noch arbeiten muss, zumal man sich sichtlich mit gerontotypischen Krankheiten rumschlägt. Ich bedecke diese Kadaver des Niveaus mit einem großen Tuch voller Barmherzigkeit und Milde.
Zwei euphorisierte Moderatoren auf der Bühne vor der Oper mühen sich nach Kräften, das doch ziemlich zahlreich erschienene Volk bei Laune zu halten, damit es seiner Hauptaufgabe nachkommen kann: Den Promis zuzujubeln. So wird auch ein schlichter Ballbeginn zu einem Ereignis, dass der Jahrtausendwende in nichts nachsteht.
So wie es Berufsbetroffene gibt, gibt es auch Berufsprominente. Einer, der dazu auf bestem Wege ist, wird vor das Mikrofon gezerrt. Michael Ballack ist solo da, Sensation! Und er will gar nicht tanzen! Das geht ja wohl gar nicht. „Ok, notfalls tanz ich mit meiner Mam“, hoffentlich hat das die Dame nicht gehört.
Flanierkarteninhaberinnen, aufgepasst. Hier geht was …
Wolfgang Stumph hat Geburtstag, na so ein Glück. Auch er darf sein Gesicht ins Fernsehen halten.
Auftritt Herr Tillich nebst Gattin. Völlig überraschend fällt die Reporterin über ihn her und fragt das Übliche. Nein, Herr Tillich, es gibt Sprechblasen, die nicht überall passen. „Mit der Unterstützung der Menschen hier draußen“ lässt sich ein Eröffnungswalzer nicht überstehen. Aber es wird schon gehn, ist ja nicht das erste Mal.
Ebenjene Menschen hier draußen sind äußerst gutwillig, machen brav alles, was die Moderatoren verlangen. Ihr da drin, wir hier draußen, das geht schon in Ordnung. Ein bisschen was vom Glanze fällt sicher ab.
Selbst das sturzdumme Liedchen wird mitgebrüllt und bejubelt, wenn es schon nichts mit dem Massenwalzerrekord werden sollte, zumindest den bei Peinlichkeit pro Quadratmeter haben wir erreicht.
Dann endlich ist es Neune. Emmer-wieder-Emmerlich eröffnet, das ist sein Parkett, hier ist er souverän. Das Girlie an seiner Seite kenn ich nicht, aber ein schönes Kleid hat sie an.
Einmarsch der Ehrengäste. Ballack zusammen mit Juncker, vielleicht geht ja auch da was. Frau Ferres und Herr Maschmeyer, ich überlege kurz, wie vielen hier draußen er wohl die Ersparnisse geleichtert hat. Waldi Hartmann, keine Feier ohne Meier, am Arm einen Ochsenknecht. Lauterbach gelackt wie immer, Bo Derek sieht von weitem noch recht frisch aus. Zum Schluss das Letzte: Ein früherer Sympathieträger namens Depardieu. Mon Dieu.
Dann gibt es ein bisschen Zirkus, wie vermeldet ohne Elefanten, was natürlich keiner erwähnt beim MDR.
Und nu? Eigentlich wollte ich bis halb Elf bleiben, wenn das Frischfleisch in den Saal gelassen wird. Aber was mach ich bis dahin? Die Laudatoren kann ich mir unmöglich anhören, ich würde auf dem Theaterplatz zur geistigen Revolution aufrufen müssen, was natürlich keiner befolgen würde bzw. könnte. Also kurzentschlossen Abmarsch. Feiert euren Ball doch alleene, ich hab genug gesehn.
Das Fazit:
Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Aber nehmt Euch bitte nicht so wichtig.
Vielleicht schlachte ich ja doch mein Sparschwein und kauf mir im nächsten Jahr auch einen Logenplatz. In meinem Bekanntenkreis gibt es genug Damen, denen Kleider sehr gut stehen und die auf diese Festivität abfahren. Dann kann ich beim DressurTanzen der DebütantInnen zusehen (bestimmt lecker) und komm ins Fernsehen. Vielleicht kann ich auch einer anderen Dame weismachen, ein C-Promi zu sein, gibt ja genug Fernsehsender, die kann man unmöglich alle gucken.
Dann würde ich mir aber wünschen, dass diesmal der große Rainer Brüderle, unser Handtaschen-Berlusconi in der Pfälzer-Leberwurst-Edition, einen Preis bekommt. Verdient hätte er den mit Sicherheit.
Drüben (ich bin wieder auf der anderen Elbseite angelangt) ist das Festival der Irrelevanz nun in vollem Gange. Ich kann mir vorstellen, so nach Zwei kann es ganz nett dort sein. Naja, hier ist es auch schön.
Der Himmel ist unteilbar
„Der geteilte Himmel“ nach Christa Wolf in der Regie von Tilman Köhler, für die Bühne bearbeitet von ihm und Felicitas Zürcher, gesehen am 19. Januar 2013 im Staatsschauspiel Dresden (94. Premiere n.u.S.)
Ich nehme es vorweg: Schon lang nicht mehr hat mich ein Stück derart angerührt und begeistert.
Die Geschichte nachzuerzählen, ist in diesem Landstrich wohl eher albern. Ich beschränke mich auf einige Schlaglichter.
Zuerst die Bühne (Karoly Risz): Mal hängt der Himmel ganz tief, mal lässt er etwas Luft zum Atmen. Dann wird der feste Boden unter den Füßen plötzlich schräg und schräger, die Protagonisten haben Mühe, sich zu halten. Ein sparsamer Videoeinsatz (Michael Gööck) ergänzt dies kongenial.
Die Musik (Jörg-Martin Wagner): Eine einzige Geige auf der Bühne, gespielt von Maria Stosiek, ersetzte ein ganzes Orchester. Großartig.
Klug ausgewählte Kostüme (Susanne Uhl) setzen ihre eigenen Höhepunkte.
Schon der Prolog ist ein kluger Schachzug: Mit Texten u.a. aus „Stadt der Engel“ wird das Thema in die Zeiten eingeordnet. Dies bleibt aber die einzige Aktualisierung, ansonsten erleben wir die Handlung im Wechselspiel zwischen Ritas Krankenhausaufenthalt und dem eigentlichen Geschehen.
Die dramaturgische Idee, Rita in drei Personen aufzuteilen, eine vor und eine nach „dem Anschlag auf sich selbst“ und eine, die sich viel später daran erinnert, ist der Grundstock der Inszenierung. Und was für einer! Man kann Felicitas Zürcher dazu nur beglückwünschen.
Aber die Abgrenzung ist kein Dogma, die Ritas werfen sich die Bälle zu, wenn es um das Erzählen der Geschichte geht.
Überhaupt: Eine elegante, zum Teil indirekte Behandlung des Stoffes durch die Schauspieler bringt den Roman zum Klingen auf der Bühne.
Albrecht Goette, Ahmad Mesgarha und Philipp Lux brillieren in verschiedenen Rollen, sind mal Arbeiter, mal Chemiker, mal Familie. Hannelore Koch merkt man die Identifikation mit der älteren Rita deutlich an, und auch als Frau Herrfurth ist sie überzeugend.
Annika Schilling spielt die kranke Rita, den Punkt, von dem aus sich die Geschichte letztlich aufbaut. In ihrer letzten größeren Arbeit in Dresden (Gott sei es geklagt) setzt sie wiederum ein Glanzlicht. Wir werden sie vermissen.
Ich gebe zu, ich bin ein Fan von Matthias Reichwald. Dessen unprätentiöse, aber unglaublich energiegeladene Spielweise hab ich noch in jeder Rolle bewundert. Auch diesmal war er ein Ereignis.
Und, die größte Ehre zuletzt, Lea Ruckpaul. Ich gebe zu, ich war skeptisch, als ich sie auf den Plakaten sah. So jung und so eine Rolle …? Aber ich tue Buße: Diese Bühnenpräsenz, diese Klarheit im Ausdruck, diese Verletzlichkeit und Stärke … Die Nachricht, die sich auf den hinteren Programmheftseiten versteckte, ist nur folgerichtig: Ab der nächsten Saison gehört sie fest zum Ensemble.
Tilman Köhler als Regisseur gelingt es, dies alles zu einem Gesamtkunstwerk zusammenzufügen. Er ist – für mich – wieder auf dem Niveau der „Hl. Johanna“, auch wenn die Arbeiten dazwischen auch nicht schlecht waren.
Der Inhalt des Stückes bzw. des Romans? Ist doch schon tausendmal diskutiert und besprochen worden, ich wüsste nicht, was ich da hinzufügen könnte. Letztlich muss jeder selber sehen, wie er sich zu der Grundfrage des Textes stellt. In dieser Form tritt jene heute ohnehin nicht mehr auf. Oder gibt es noch eine Ideologie, für die es sich lohnt, eine Liebe scheitern zu lassen?
Bedaure, ich habe nichts zu bekritteln. Ein ganz großer Wurf.
Die fünf Anomalien des Autofahrers
In meinen gut vier Jahrzehnten als Verkehrsteilnehmer ist mir ein Sachverhalt immer wieder bewusst geworden, den ich anfangs nur ahnte, letztlich mit langjähriger Feldforschung und einigen Selbstversuchen vorgestern endlich endgültig verifizieren konnte:
Der Autofahrer unterscheidet sich vom normalen Menschen durch einige Anomalien, genauer gesagt durch Stücker fünf an der Zahl. Diese sollen im Folgenden kurz skizziert werden.
A1 (um hier einen Fachterminus zu verwenden):
Bewusstseinsübergang vom Fahrer zum Fahrzeug
Im Ergebnis kann der Fahrer die Körperlichkeiten beider Ob- bzw. Subjekte nicht mehr sauber trennen, es kommt dann zu dem schönen Satz „Ich steh dahinten“. Von anderen Transportmitteln ist dies bisher nicht bekannt, weder bei Kreuzfahrtschiffen, Bollerwagen, Fahrrädern oder Pferden liegen entsprechende Augenzeugenberichte vor. Ob der Bewusstseinsübergang auch bei LKW und Motorrädern stattfindet, ist in der Fachwelt noch umstritten.
A2:
Übertragung der Hygieneregeln vom Fahrer auf das Fahrzeug
Diese eng mit A1 verwandte Anomalie führt dazu, dass der Fahrer seine eigenen Körperpflegerituale auch an seinem Fahrzeug ausführt. Gern wird dies im traditionellen Fahrzeugpflegergewand vollzogen, das aus einem ehemals weißen Feinrippunterhemd, einer zerschlissenen Jogginghose in Schockfarben (wichtig sind dabei die großen Beulen an den Knien) und strassentauglichen Pantoffeln besteht. Profis tragen dazu noch ein Käppi mit der im Besitz befindlichen Automarke, um nicht versehentlich den falschen Wagen zu putzen.
Es sind auch Fälle einer vollständigen, also restlosen Übertragung des eigenen Reinigungsbedürfnisses auf das Fahrzeug bekannt, bzw. es wurden solche ruchbar.
A3:
Persönlichkeitsspaltung am Steuer
Die letzte der intrarelationalen Anomalien beschreibt die Verwandlung eines an sich friedfertigen Menschens in einen überreizten Fluchkanonier, der seine Umwelt generell als feindlich betrachtet, sobald er ein Lenkrad umfasst. Hier steht die Wissenschaft noch ganz am Anfang, eine Arbeitshypothese geht von einem doppelt asymptotischen Zusammenhang zwischen dem Verhalten außerhalb und innerhalb des Fahrzeugs aus, d.h., beide Alltagsextreme (lammfromm und bösartig) zeigen signifikant negative Verhaltensweisen im Verkehr, alle anderen sind irgendwie beherrschbar.
Über die Ursachen dieses Phänomens ist erst recht nichts bekannt, auch kennt man bislang kein Gegenmittel.
B1:
Krankhaft verändertes Rechtsempfinden
Hier handelt es sich um eine Anomalie in Bezug auf die (natürlich feindliche) Umwelt. Sie tritt oftmals in Verbindung mit A3 auf und führt beim Fahrer zum Grundgefühl, generell im Recht zu sein. Gern wird dies auch mit „eingebauter Vorfahrt“ beschrieben, vor allem bei Fahrzeugen mit höherem Kraftstoffverbrauch. Der davon Befallene nimmt Verkehrszeichen und Ampeln nur dann wahr, wenn sie ihn in Vorteil setzen.
Sollte sich das Problem nicht kurzfristig von selbst erledigen, erzielt man gute Therapieerfolge mit der Verschreibung von Kleinwagen oder bei schweren Fällen mit der Versetzung in den einstweiligen Fußgängerstatus.
B2:
Selektive Wahrnehmung von Verkehrsteilnehmern
Diese Anomalie ist inzwischen so weit verbreitet, dass die Fachwelt sich streitet, ob sie überhaupt noch als solche bezeichnet werden kann.
Sie bezeichnet das Vermögen von Autofahrern, durch nichtmotorisierte Strassenpartner einfach hindurchzusehen. Gut beobachten lässt sich dies an Einmündungen unterrangiger Strassen (wer nicht gesehen wird, kann auch kein Vorrecht haben) oder beim beliebten Parken vor abgesenkten Bordsteinen. Da ersteres inzwischen zum guten Ton gehört, verzichten viele Fußgänger und Radfahrer inzwischen auf die Ausübung ihres Vorrangs und tragen damit dazu bei, diese Anomalie in eine gesellschaftlich anerkannte Verhaltensweise zu überführen.
Das Vorstehende kann natürlich nur der allererste Einstieg in eine breit angelegte, interdisziplinäre Forschung sein. Neben der notwendigen weiteren Befassung mit den Grundlagen (eventuell sind sogar weitere Anomalien zu entdecken) gibt es zahlreiche Einzelfragen, die einer wissenschaftlichen Bearbeitung bedürfen. Exemplarisch seien genannt:
- Aus welchem Missverständnis speist sich das oftmals angenommene Menschenrecht auf kostenloses Parken vor der eigenen Haustür?
- Warum kauft jemand Pseudo-Geländewagen, wenn er doch maximal Bordsteine überfährt?
- Was führt zur generellen Ignorierung von Geschwindigkeitsvorgaben bei ansonsten kreuzbraven Bürgern?
- Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Selbstbewusstsein des Fahrzeughalters (oder ggf. von körperlichen Ausprägungen) und der Leistungsstärke seines Fahrzeugs?
- usw.
Also ein weites, dankbares Feld, ihr jungen Forscher und -innen. Frischauf ans Werk, oder auch: Vollgas! Die Welt wird es euch einmal danken.
So war 2013 – ein vorauseilender Rückblick
Januar: Wegen eines Übermittlungsfehlers wird der geplante Parteiverbotsantrag versehentlich gegen die FDP gestellt. In der Vorprüfung wird allerdings so viel belastendes Material gefunden, dass die Bundeswehr erstmals im Inneren eingesetzt wird. Sämtliche Funktionäre der früheren „Liberalen“ werden durch sie eingesammelt und mittels der Costa Concordia nach Cuba verschifft.
Der FC Bayern wird im März zum Meister erklärt, da keiner mehr gegen ihn antreten will. Die Saison wird abgebrochen, die verbleibenden Spieltage werden für Deeskalationsseminare mit den Fans genutzt.
Am 1. April treten Ramsauer, Altmaier, Grube und Kretzschmann sowie Palmer gemeinsam in Schwäbisch Hall vor die kurzfristig eingeladene Weltpresse, sich an den Händen haltend. Während Grube erklärt, dass nach den jüngsten Berechnungen Stuttgart 21 am Ende sogar Geld übrig behielte, wenn man die Schadensersatzforderungen gegen die Demonstranten durchsetzen würde, lächelt Ramsauer stählern und gibt bekannt, das er die Lösung gefunden habe. Eigentlich seien es sogar zwei Lösungen: Der Bahnhof bleibt oben und in den Tunneln und Katakomben wird das dringend benötigte Endlager für Atommüll eingerichtet.
Altmaier nickt tapfer, Kretzschmann säuselt etwas von „fairem Kompromiss“ und Palmer sieht aus dem Fenster. Übrigens werde Herrn Dr. Kefer in beidseitigem Einvernehmen die Leitung der unterirdischen Anlagen (mit Präsenzpflicht) übertragen, schmunzelt Ramsauer noch vor den Schnittchen.
Der Flughafen BBI geht im Juli vorzeitig in Betrieb, allerdings nur für Segelflugzeuge. Eventuell wird in drei Jahren noch eine Nutzung als Frachtflughafen möglich sein. Die Politik zieht die lange erwarteten Konsequenzen: Die Sekretärin des Flughafenchefs sowie sein Pilot werden fristlos entlassen.
Im Sommer gibt es wieder sehr schöne Bilder von Angela in den Alpen zu sehen.
In Bayern wird im September nach einem erdrutschartigen Wahlsieg der Grünroten die nächste Räterepublik ausgerufen. Es kommt zur Konterrevolution, Garmisch-Partenkirchner Gebirgsjäger und Ammergauer Heckenschützen marschieren auf München, bleiben aber im Ferien-Rückreisestau stecken und werden zwischen den Toscana-Urlaubern aufgerieben.
Nachdem Seehofer zu den Grünen übergetreten ist, übernimmt er das neue Amt des Bairischen Generalpräsidenten, während Ude die Arbeit machen muss.
Nachdem man beim DFB einschätzt, dass sich an den Kräfteverhältnissen nichts geändert hat, verzichtet man auf die Austragung einer Fußball-Meisterschaft und ernennt den FC Bayern zum Meister. Begleitet wird dies durch eine gemeinsame Kampagne mit dem Familienministerium: „Samstags gehört Papi mir!“
Steinbrück wird mit klarer Mehrheit zum Bundeskanzler gewählt, tritt die Stelle aber nicht an. Man konnte sich nicht über das Gehalt einigen, munkelt man. Merkel bleibt somit vorerst kommissarisch im Amt.
Kurze Zeit später verleiht ihr Gauck den Titel auf Lebenszeit, woraufhin sie ihn zum Kaiser ausruft.
Zu Ehren beider und um die sieche Wirtschaft anzukurbeln, verzichtet das deutsche Volk auf Vorschlag von Papa Benedetto auf Weihnachten und arbeitet durch. Unentgeltlich, versteht sich.
Sonst war eigentlich nichts Besonderes.
