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Furie im Schlachthaus
„Elektra“, tragische Oper von Richard Strauss, in einer Inszenierung von Barbara Frey und unter musikalischer Leitung von Christian Thielemann gesehen und gehört an der Semperoper Dresden am 31. Januar 2014
Mit Iphigenie hat alles angefangen.
Auch wenn der Name an diesem Abend nicht fällt und sich das Libretto von Hugo von Hofmannsthal konsequent dieser Tatsache verweigert, „Elektra“ und die Orestie allgemein sind nicht begreifbar ohne den Beginn des Trojanischen Krieges.
Agamemnon, dessen Totenkult die Tochter Elektra bis zur Selbstaufgabe betreibt und für dessen Ermordung sie ihre Mutter Klytämnestra bestraft sehen will, hatte damals für günstigen Wind ihre ältere Schwester Iphigenie geopfert und seine Frau als de facto Alleinerziehende zurückgelassen für mehr als zehn Jahre. Als er schließlich siegreich aus dem Felde zurückkehrt (übrigens mit der Trojerin Kassandra als Beute), muss er dies büßen und findet mit Hilfe des Strohwitwentrösters Aegisth ein blutiges Ende im eigenen Badezimmer. Der Stammhalter Orest wird daraufhin abgeschoben aufs Land, die Töchter Elektra und Chrysothemis verbleiben am Hofe, der nun unter neuer Leitung steht.
Aus solchem Stoff werden Psychothriller gemacht.
Straussens (und Hofmannthals) „Elektra“ steigt ein geschätztes Jahrzehnt später mit der Handlung ein. Die Schwestern werden wie Gefangene gehalten, doch während Chrysothemis sich den Willen zum Leben und zum Glück bewahrt hat, gefällt sich Elektra, die ihren geschlachteten Vater abgöttisch verehrt und sich als Vergeltungsgöttin inszeniert, in der Märtyrerinnenrolle. Keine leidet schöner als sie, aber ihre Wahrheit ist genauso relativ wie die Gerechtigkeit, Rache ist Blutlust.
Der verschollene Bruder Orest soll es richten, später, als die (fingierte) Kunde von seinem Tode kommt, will sie auch selbst zum Beil greifen. Aber Orest lebt, was man kurze Zeit später von seiner Mutter und deren Geliebtem nicht mehr sagen kann. Zuvor noch eine ergreifende Wiedererkennung zwischen Brüderlein und Schwesterlein.
Die Gewaltspirale hat sich am Ende ein Stück weitergedreht, was Elektra – ihrer selbstgesetzten Aufgabe entledigt – zusammenbrechen lässt.
Das Haus Agamemnon steht nun wieder unter neuer Leitung.
(Dass Orest wenig Freude an seiner neuen Würde haben wird, weiß man, doch die Oper endet an dieser Stelle.)
Man sollte es sich dennoch nicht zu leicht machen mit der Beurteilung des Stoffes. Dem Werk Verherrlichung von Gewalt und Rache zu unterstellen, greift zu kurz, dafür werden – trotz der scheinbar eindeutigen Parteinahme von Komponist und Librettist – die Charaktere und deren Gefangenheit in einem mörderischen Schicksal zu gut ausgeleuchtet. Vor allem die Dialoge zwischen den Schwestern und zwischen Mutter Klytämnestra und Tochter Elektra sind von großer psychologischer Tiefe.
Dennoch, ein Geschmäckle bleibt, wenn man diesen vor fast genau 105 Jahren an selber Stelle uraufgeführten Stoff aus heutiger Sicht betrachtet: Sicher ist es nicht üblich, mit Opern ähnlich zu verfahren wie mit Theaterstoffen, das Genre setzt da engere Grenzen. Aber denkbar wäre es für mich schon, zumindest mit theatralen Mitteln eine gewisse Distanzierung vom hier fast als „Happy End“ erscheinenden Muttermord und des Fanatismus allerorten zu erzeugen.
Gut, das ist die Meinung eines Laien. Das klassische Opernpublikum ist da sicher anderer Auffassung.
Bleiben wir bei den Fakten.
Und da gibt es – auch wenn es zur Beurteilung deutlich Berufenere gibt – von einer Staatskapelle zu berichten, die einen wunderbar stimmigen Klangteppich ausbreitete, ein Genuss vor dem Herrn (Thielemann). Eine mit Urgewalt und unglaublich schön singende Evelyn Herlitzius als Elektra ist zu erwähnen, der auch darstellerisch alles gelang. René Pape als Orest hat mich mit seinem kräftigen und klaren Bass begeistert, und Anne Schwanewilms als Chrysothemis stand sängerisch der Titelpartie in nichts nach. Alle anderen Gesangsrollen fand ich respektabel, wenn auch ohne die Glanzlichter der drei Erwähnten. Bühne und Kostüme waren unspektakulär, passend, aber ohne eigene Akzente zu setzen, fast schon etwas bieder.
Von Barbara Freys Regie blieb mir der hübsche Einfall mit dem Kinderpaar Elektra und Orest im Hintergrund in der Wiedererkennungsszene der beiden in Erinnerung, aber auch eine gewisse Statik der Handelnden in vielen Bildern. Unbedingt zu nennen ist das hervorragende Programmheft, unter anderem mit einer tiefsinnigen Stückanalyse der Regisseurin und der Dramaturgin Micaela v. Marcard, die auch eine lesenswerte geschichtliche Einordnung beisteuert.
(Ach, und meiner boulevardesken Neigung folgend: Prof. Udo Zimmermann bin ich auch wieder begegnet, wir sehen uns inzwischen so oft, dass man glauben könnte, wir wären verwandt.)
Ein viertelstündiger, jubelnder Beifall am Ende, mit ungezählten Bravo’s und zahlreichen Vorhängen. Wie man hört, war es die letzte Aufführung in dieser illustren Besetzung, ich darf mich in Summe glücklich schätzen, dabei gewesen zu sein.
Faust – Macht – Kopf
Unvollendete Gedanken zum Faust
Die wenigsten unter uns werden es wissen (nicht jeder kann ein Eisenbahner sein): „Kopf machen“ bedeutet, die Richtung völlig umzukehren oder zumindest deutlich zu ändern. Ein Zug macht Kopf, wenn er in einen „Sack“-Bahnhof hinein- und wieder hinausfährt. „Sack“ bezieht sich dabei nicht auf die physische Beschaffenheit der bahnhofstypischen Anlagen, sondern auf die Tatsache, dass es am Ende eines Sackes gewöhnlich nicht mehr weitergeht, solange jener intakt ist.
Nachdenken ist dabei erst einmal nicht gemeint.
A Der klassische Faust I als Kurzform in Zitaten und Assoziationen:
1. Verwirren, nicht befriedigen!
2. Vom Himmel durch die Welt zur Hölle
3. Die Kunst ist lang. Und kurz das Leben.
4. Dem Wurme gleiche ich und nicht den Göttern.
5. Ein verfrühter Abgang wird durch Glockengeläut verhindert
6. Botschaft hören, Glaube vermissen, Erde ihn wiederhabend
7. Zwei Seelen, ach, in meiner Brust, die eine will sich trennen
8. Ich bin ein Teil von jener Kraft …
9. Zu alt um nur zu spielen, zu jung um ohne Wunsch zu sein
10. Wenn wir uns drüben wiederfinden, sollst Du mir das Gleiche tun
11. „Augenblick, verweile doch“ … Dann wär’s vorbei
12. Blut ist ein besonderer Saft
13. Die Kraft ist schwach doch die Lust ist groß
14. Hexen – Einsdurcheins
15. Der Helena-Trunk
16. Arm und Geleit angetragen und abgelehnt
17. Verliebter Tor … Beginn des Abwegs
18. Was so ein Mann nicht alles denken kann
19. Ihre Ruh ist hin, ihr Herz ist schwer, … Und ach, sein Kuss!
20. Wie hasst Du? Es? Mit der Religion?
21. Duckt er da, duckt er sonst auch.
22. Fortgang selber denken.
23. Tod und Tod. Und Tod. Der Soldat als Hüter der Moral fällt.
24. (theoret.: Religion als Disziplinierung und Machtsicherung)
25. Walpurgisfatsche, Gretchenvision, Faust bereut ein bisschen.
26. Kerker. Grete ist schon auf dem nächsten Level, zu spät für die Rettung. Es graut ihr ohnehin vorm Heinrich.
27. Die Zweier-Karawane zieht weiter.
B Das meint?
(Man kann den Faust heutiger machen, aber sicher nicht besser. Nur, wenn man ihn nicht heutiger machen würde, wäre er deutlich schlechter.)
Faust macht also Kopf, nachdem er sich nen Kopf gemacht hat, dreht sein Leben um mit Hilfe von Mephisto.
Gretchen ist anfangs keine Gescheiterte. Aber sie wird durch Faust zu einer.
Mephisto ist dabei der hilfreiche Geist, der tut das aber nicht für lau. Faust darf nun nie glücklich werden, sonst ist seine Seele verloren
Und wenn schon. Wer braucht nach dem Tode noch seine Seele?
Faust und Mephisto sind natürlich dieselbe Person.
C Und jetzt?
Der Faust am Anfang ist heute vielleicht
• der erfolgreiche Geschäftsmann mit Selbstzweifeln und einem modischen Burnout, gelangweilt vom Wohlstand, auf der Suche nach dem Kick und nach dem Sinn
• der hochgelobte Schriftsteller, der doch weiß, dass seine Bücher nicht mehr sind als gequirlte Kacke, der den Literaturbetrieb hasst, aber das Einkommen daraus schätzt
• der Gentechniker, der weiß, dass er seine Züchtungen irgendwann nicht mehr beherrschen wird, aber diesen Gedanken im Forschungs- und Erfolgsrausch immer wieder verdrängt
• der Volkspartei-Politiker, der lange schon ahnt, dass seine einfachen Antworten nicht ausreichen, um die komplizierten Fragen zu beantworten, sich aber weiter in Macht und Anerkennung suhlt, weil er zu feige ist, die Wahrheit zu sagen
• der Professor, der routiniert seine Theorien verkündet, obwohl er schon lange nicht mehr daran glaubt, der gerne nochmal von vorn anfangen würde, aber zu viele Verpflichtungen hat
• … also im Prinzip jeder, der sich auf dem falschen Weg fühlt, sich aber nicht traut, die Richtung zu ändern
Mephisto?
Kann der Dealer sein, die Luxushure, der Schamane, das Delirium.
Er ist aber immer das Spiegelbild, die dunkle Seite des Faust.
Aber … gibt es Mephisto überhaupt?
Nein. Er ist nur ein Produkt der überreizten Phantasie von Faust, seine erdachte Legitimation zum Grenzübertritt. Eine Kopfgeburt im wahren Sinne, ein Homunkulus des Faust. Alles Böse, alles Dunkle ist doch in Faust schon drin, er braucht keinen Teufel, nur einen Anstoß, einen Katalysator, einen Vorwand. Und dann zieht er los, was kostet die Welt? Sie gehört doch sowieso schon mir. Das Glück ist auf der Seite des Tüchtigen.
Wo gehobelt wird, fallen Späne, wo verführt, Jungfrauen. Wo die Kraft des Meeres gebändigt werden soll, sind kleine Leute und ihr Häuschen fehl am Platze.
Mit uns zieht die neue Zeit … Es möge sich besser keiner in den Weg stellen.
…
Übrigens:
Gibt es Gott? Nicht den Arne aus dem Radio, sondern Gott?
Wenn es Gott gibt, muss es dann einen Teufel geben? Und wenn es keinen Gott gibt, kann es dann einen Teufel geben? (Auch in „Der Meister und Margherita“ wird das nicht endgültig geklärt.)
Und „Faust“ heute? Der Name ist meist härter als sein Träger.
Faust oder Fäustling? Oder auch Faustan? Das ist hier die Frage, Hamlet.
(Lustig, gerade eben, als ich das schreibe, sitzt das Gretchen aus der letzten „richtigen“ Faust-Inszenierung in Dresden am selben Tresen im Thalia.)
Are you lonesome, too?
„Peepshow“ von Marie Brassard, Regie Dominik Schiefner, im Wechselbad Dresden, gesehen am 1. Dezember 2013
Familienaufstellung nach Kästner
Hamsterrad mit Granaten, waagerecht
„Marathon“ von Aharona Israel, ein Tanz-Theaterstück, Gastspiel im Rahmen der 17. Jüdischen Musik- und Theaterwoche am Societätstheater Dresden, gesehen am 25. Oktober 2013
Wenn man wie ich auf dem geistigen Schoß von Yassir Arafat aufgewachsen ist und das Pali-Tuch zur pubertären Grundausstattung gehörte, tut man sich erst einmal schwer, die israelische Gesellschaft zu begreifen. Ein Land der extremen Gegensätze, zwischen Orthodoxen und dem Strand von Tel Aviv, mehr und mehr von einem russischen Jungbrunnen aus Menschen gespeist und von den allgegenwärtigen Bomben und Raketen mühsam zusammengehalten? Vielleicht auch.
Ich weiß viel zu wenig über die „Palästina-Frage“, über Jerusalem oder die Golanhöhen, um mich hier eindeutig positionieren zu können. Aber über die Menschen in Israel, da weiß ich seit heute einiges mehr.
Aharona Israel, Choreographin und Performerin, inszeniert ihren „Marathon“ als ewigen Lauf im kleinen Kreis, ohne Pause, nur unterbrochen von Kommandos, Change! für den Richtungswechsel, Hora! für den Tanz, Schickse! angesichts eines unziemend daherkommenden Mädchens, Aufrecht! für die Haltung, Granate! für das, was allgegenwärtig ist.
Am Start: Ein junger Mann mit aus der Kindheit stammendem Scheidungstrauma, eine orthodox erzogene junge Frau, die dann doch lieber tanzt als zur Armee zu gehen und ein russischer Einwanderer mit abgöttisch geliebtem Sohn, der nicht russisch sprechen darf, weil seinen Vater das Heimweh plagt. Eine Avocado ist nun mal keine Kartoffel.
Am Anfang sind alle voller Disziplin und Aufopferungsbereitschaft in dieser Gesellschaft unter permanentem Druck, doch man merkt schnell, wie dicht am Wahnsinn das alles hier gebaut ist. Wir wandern, nein rennen durch den Psychosengarten. Das Mädchen will eine vorbildlich trauernde Schwester sein und schafft es doch nicht, der Junge beginnt nach dem Sinn des Ganzen zu fragen und lebt in seinen Alpträumen, dem Vater steht „njet“ in der Hand geschrieben. Kaputt das alles, am Ende sieht man es auch deutlich. Die Bewegungen werden langsamer, ersterben fast.
Dann gehen die Zuschauer, einer nach dem anderen, überlassen die Protagonisten ihrer Welt, die aus einem waagerechten Hamsterrad besteht, mit Granaten.
Das ist nicht nur großartig gespielt, das ist hervorragend getanzt und einen ergreifenden Text hat es außerdem. Die drei Darsteller – deren Namen das Programm leider nicht verrät – zeigen nicht nur sportliche Höchstleistungen, sie bringen uns die Israelis nahe, ganz nahe.
Ein phantastischer Abend.
Die Schuld der späten Geburt und die Schuld der Geburt überhaupt
„Ein Stück von Mutter und Vaterland“ von Bozena Keff, Regie Jan Klata, Gastspiel des Polski Teatr Wroclaw im Rahmen der 17. Jüdischen Musik- und Theaterwoche am Staatsschauspiel Dresden am 24. Oktober 2013
Haben Sie schon mal drüber nachgedacht, dass Sie mit Ihrer Geburt erst deutlich nach dem großen Krieg Schuld auf sich geladen haben, weil sie sich damit dem damals erlittenen Leid feige verweigerten?
Und dass Sie überhaupt mit Ihrer Geburt dem Leben Ihrer Mutter eine irreversible Wendung gaben, an deren Folgen sie noch heute laboriert? Nein? Dann wird es Zeit.
Es beginnt klatanesk, ein bildmächtiges, lautes Intro. Silhouetten im Halbdunkel auf der Bühne, nicht wirklich Menschen, die Schatten sprechen und singen im Chor, vor vier blechernen Ungeheuern von Schränken auf Rollen, die Bühnen in der Bühne bilden. Quälendes Licht, tödlich laute Musik. Das wird kein Milchkaffee-Theater, soviel ist klar.
Die Mutter erscheint Ripley (ja, dieser Ripley) als Alien, oder erscheint das Alien als Mutter? Von Anfang an ist es schwer, der Handlung – sofern vorhanden – zu folgen, die deutschen Übertitel helfen, hindern aber auch durch das Hin-und-her-springen-müssen der Augen. Gut, das kann man einer polnischen Inszenierung in Dresden kaum vorwerfen. Da muss man halt durch.
Es ist ein harter Stoff, nur selten aufgeweicht durch szenische Einfälle wie das Klapperschlangenballett. Klata verbraucht Darsteller und Zuschauer, eine Zumutung, im positiven Sinne.
Sechs Akteurinnen (einer davon im Prinzip männlich), mit blonden Mähnen und gedrehten Zöpfchen angetan, klischeegerecht, aber sonst ist da nicht viel klassisch. Sie springen ständig zwischen Mutter, Tochter und Vaterland.
Im Prinzip – wenn ich es recht verstanden habe – geht es um die zwei Grundthemen, die eingangs schon kurz beschrieben wurden. Man könnte auch sagen, es geht um Generationenkonflikte unter besonderen geschichtlichen Umständen, und um Selbstgerechtigkeit. Die einen sind ein für allemal geadelt durch das Überleben des Holocaust und vermissen den ihnen geschuldeten Respekt, den anderen geht das ständige Erzählen von früher langsam auf den Sack.
Oder, auf eine private Ebene gebracht: Die Mutter verlangt ewige Dankbarkeit für den Akt des Gebärens, für die Tochter ist es irgendwann auch mal gut damit.
Das klingt beides nicht nach Koalitionsvertrag am Ende.
Den vorwurfsvollen Sermon der Mutter, der immer wieder ausgewalzt wird in den Minibühnen, die dann ein (Plattenbau-) Wohnzimmer bilden, kennen sicher viele. Du kümmerst Dich nicht um mich, mein Leben ist Dir egal, und meine Krankheitsbilder erst recht. Demütig nehmen die Töchter die Vorwürfe entgegen, zu demütig, finde ich.
Doch man merkt, dass das eine besonders subtile Form der Machtausübung ist, ein Materpatriarchat. Die Kinder sind schuld, von Anfang an, und sollen ihre Schuld nun mit Zuwendung abtragen.
Nein, das ist nicht mütter-, schon gar nicht frauenfeindlich, die Autorin Bozena Keff ist über diesen Verdacht erhaben. Aber sie stellt interessante Fragen, ohne Antworten dazu zu liefern. Wie auch?
„Die Mutter aus dem Schrank“, um mal einen Dresden-Bezug herzustellen, erscheint immer wieder und nervt. Aber was bleibt ihr auch übrig?
Das Stück endet fast versöhnlich, mit einem schönen barocken Satzgesang, tolle Stimmen. „Der (nicht vorhandene) Vorhang zu, und alle Fragen offen“. Muss man halt selber nach-denken.
Ein Donnerhall an Applaus, gemischt mit Begeisterungsschreien im fast vollen Kleinen Haus. Völlig zu Recht.
Das Schweigen des Lamms macht Angst
Neuerdings öfter mal in seriösem Rahmen.
http://www.kultura-extra.de/theater/feull/besprechung_yvonne_ght.php
Die Wahrheit ist hart, Mann!
Schrecklichschön / Schön schrecklich
„Kellerkinder extended – Morbide Moritaten“, eine Produktion des Emsemble La Vie, (dann doch) Premiere im Projekttheater Dresden, 12. Oktober 2013
Es wird viel gelitten auf der Bühne – oder auch geleidet – gestöhnt, geheult, getrotzt, gebösartigt, selbst gebrochen, vulgo gekotzt.
Im Saale eher weniger: Dort ist man spätestens nach der zweiten Ballade hin und weg. Am Ende werden die vier da vorne förmlich gezwungen zur zweiten Zugabe. Geschieht ihnen recht.
Eine delikate Sammlung, ein Potpourri „von großer Oper bis dreckigem Punk“, mit Kleinoden der Unterhaltungskunst der letzten Jahrhunderte. Bekanntlich gibt es keine Sterne in Athen, und eine schwere Kindheit kann auch den Start in ein erfülltes Berufsleben bedeuten. Aus einem gebrochenen Zentralorgan werden dann auch mal zwei, die Kraft der zwei Herzen, wie es in der Werbung im ZDF heißen soll.
Paul Voigt und Benjamin Rietz sind das Orchester, das nicht nur den Rahmen bildet, sondern auch selbst zum Frohsinn beiträgt, hollodihi, hollodihi, du wolltest dir doch bloß den Abend vertreiben.
Christin Wehner wischt sich öfter tapfer die Tränen aus dem Gesicht und singt, nein spielt dann Unglaubliches. Selbst wenn sie nach dem Willen der Ärzte durch ein Monster ums Leben gebracht wird, ist das ein schöner Tod. Und wenn Mr. Paul McCartney das gehört hätte, würden die bunten Blätter bald was zu berichten haben.
Ihr Partner / Peiniger / Retter René Rothe ist ein Held in Jogginghosen, der schönste Mann in ganz Prohlis-Nord. Und ein Charmebolzen dazu. Der Beruf des Regisseurs mag ein ehrbarer sein, aber … „diese Mann geherrt auf Biehne“!
Der Berichterstatter kam zur unverdienten Ehre einer Premiere, die eigentliche fiel krankheitsbedingt aus am Vortage. Manchmal hat man eben auch Glück.
Morgen nochmal, am 13. Oktober 2013, 20.00 Uhr, Projekttheater, Louisenstraße 47, 01099 Dresden. Neustadt!
Das ist keine Empfehlung, das ist ein Befehl.
Und dann nie wieder? Kann, will ich mir nicht vorstellen.
PS: Ab jetzt auch in der seriösen Presse zu lesen:
http://www.kultura-extra.de/theater/feull/performance_kellerkinder_ensemblelavier.php
Die Nacht der heruntergelassenen Hosen
„Lulu“ von Frank Wedekind, Regie Nuran David Calis, (Zweit-) Premiere am Schauspiel Leipzig, 11. Oktober 2013
Hier hebt sich ein Vorhang! Schon ewig hab ich das nicht mehr gesehn.
Er gibt den Blick frei auf eine von Sichtbeton umgebene Bühne (Irina Schicketanz), in der Mitte eine Art Vitrine, vielleicht auch ein Terrarium, in welchem eine Frauengestalt unbeweglich verharrt. Im Hintergrund kleine Fensterchen, wie man sie – wenn man das kennt – aus Etablissements kennt, in jedem ein Gesicht. Eine Kamera steht auch noch herum. So weit, so interessant.
Und es beginnt bedeutungsschwer mit einem Chorus. Auftritt Maler Schwarz (Tilo Krügel), mit Whiskey und Aschenbecher, klar, man ascht hier nicht auf die Bühne. In den Kabinen im Hintergrund beginnt man zu wichsen. Passiert doch noch gar nichts?
Der Auftragsmaler leidet Tantalusqualen bei seinem Modell, nachvollziehbar. Es trägt allerdings zum Verständnis der Handlung deutlich bei, wenn man das Stück kennt. Mal wieder eher fürs Feuilleton als fürs Publikum …?
Und sie bewegt sich doch. Lulu verlässt ihr Gehäuse, etwa zeitgleich betritt ein erdnussfressender Dr. Schön, der Maitre de Plaisir, die Bühne. Die Vitrine für die Dame ist eine lustige Idee, nur die Tanzstange fehlt mir. Und warum hat die so ein Gummidings aus dem diskreten Versandhandel unterm kurzen Kleid? Darf man in Leipzig nicht mehr nackt sein?
Lulu aka Mignon aka Nelly hat eine schöne Stimme und ein ideales Fernsehgesicht. Eine Weile verweilt die Kamera auch dort, bevor sie sich südlicher orientiert und das heute Wesentliche fokussiert. Das Ganze ist übrigens schön gemacht, rechts das Original, links die Projektion, die allerdings zwei Zehntel Sekunden nachhängt. Das sind so Feinheiten …
Die Handlung ist wirr, es wird auch wenig gespielt. Dr. Goll (Matthias Hummitzsch) als amtierender Gemahl der Lulu wird hinten abgemurkst, von Schwarz offenbar, im Fahrstuhl. Derer vier säumen die Bühne, auch das ein schöner Einfall.
Dann ein Dialog des Schwarz mit dem Abbild der Lulu, sieht sich gut an (Video Kai Schadeberg). Jene hat bis dato vor allem die Aufgabe, hinreißend auszuschauen, was ihr vollends gelingt.
Des Malers Irrsinn versteht man nicht recht, die Darstellung bleibt blass. Das Terrarium wird geflutet, nun ein Planschbecken mit warmem Licht drumrum. Er kommt in Sockenhaltern, ein kurzes Idyll mit Kindfrau.
Doch der Nächste (Michael Pempelforth) bitte, er sieht aus wie Lindner von der FDP, soll aber ihr (vorgeblicher) Stiefvater sein, unglücklich besetzt, sag ich mal. Er erteilt Kosmetikberatung, ist überzogen rührselig, übersteuert.
Wieder taucht Dr. Schön (meist hervorzuheben: Hartmut Neuber) auf. Auch hier fallen bald die Hosen, eine Nummer im Stehen, zum Dank gibt es Whiskey auf den Schwanz. Die Sache nimmt ein wenig Fahrt auf, trotz der Skurrilitäten lässt sich das gut ansehen. Auch der Maler wird besser.
Zum Dank muss er ins Gras beißen, nach der Kamerabeichte, viel Blut im Fahrstuhl. Doch was muss sich Dr. Schön da am Gemächt fummeln? Ornö … Es ist doch auch so ein starkes Bild.
Sein Sohn Alwa (Sebastian Tessenow ebenfalls gut) versucht die Spuren zu beseitigen, mit Wasser aus dem Planschpool. Lulu zieht sich derweil die Lippen nach für die nächste Runde.
Das schöne Spiel, das Schöne-Spiel, zum Vierten. Wer will nochmal, wer hat noch nicht? Sohnemann erntet erst einen Tritt in die Eier, erhält dann aber doch eine Dienstleistung. Ein Schwanz hängt aus der Wand.
Auch hier Hosenfall, auch hier Sockenhalter. Das Stück verliert an Tempo und Qualität.
Dann Spaß im Glas mit Dr. Schöne. Sockenhalters (klar!) Obsessionen, Hassliebe, lieber Hass, Engel links, Teufel rechts. Aber ein schwacher Monolog von Lulu, und warum Schöne alle Souveränität fahren lässt und fortan im Sadomasostyle an der Krawatte herumgeführt wird, kann man bestenfalls erahnen, aber man sieht es nicht. Aus dramaturgischen Gründen hängen dann zwei Schwänze aus der Wand. Fast folgerichtig knallt die erste Tür im Parkett.
Schön und Lulu sind nun geheiratet, warum und wer wen auch immer. Jemand in kurzen Hosen kommt, es gibt einen reich bebilderten Beitrag zur Missbrauchsdebatte. Hm. Dann ist ein großes Kriechen auf der Bühne, Schön hat auf einmal Lulus Pistole im Mund und gräbt sich im Schritt. Ach. Nur selten blitzen große Szenen auf, das Meiste vergisst man in dieser Phase schnell.
Irgendwie scheint er dann doch zu Tode gekommen zu sein.
Auftritt von Sparkassenmännern. Sie legen ab, Lulu ist in neuem Fummel. Es wirkt wie Mittagstisch im Swinger-Club, ist halt lediglich eine Dame dabei. Nachher acht Kerle im Glas, das ist lustig und sehenswert. Und draußen viel Arbeit für Lulu an sieben Geräten. Ein schönes Bild, wenn man das mag.
Am Ende ist sie wieder und nur noch Objekt, erst Edel-, dann nur noch Nutte, ein trauriger Klampfer läutet den letzten Akt ein.
Jungfrau-Aktien werden ausgegeben, doch es bleibt undurchsichtig, was das heißen soll. Ein Porno-Filmchen wird gedreht, schräg, Lulus Verfall wird sichtbar. Und nochmal von hinten, mit Tekkno.
Die Horde gebraucht sie, verbraucht sie. Benutzung, Abnutzung, ja, wir haben es begriffen, ein Bild weniger hätte es auch getan. Und immer wieder der Griff in die eigene Hose, da haben einige wohl zu viele schlechte Filme gesehen.
Dennoch, die letzten Minuten reißen einiges raus. Lulu rettet sich vorerst in ihre Vitrine, doch ihr Blut fließt schon. Noch einige kleine Kunstwerke in bewegten Bildern, the Ripper kommt wie ein Erlöser. Nach zwei Stunden fährt der Vorhang lärmend herunter.
Den Schlussapplaus nehmen die Schauspieler in alten Bademänteln entgegen.
Wedekinds Hauptwerk ist ohnehin unkaputtbar, und Calis fügt eine Variante hinzu, die man mögen kann, aber nicht muss. Großartige Szenen wechseln sich mit großer Langeweile ab, Berührendes mit (viel) Bemühtem. Runa Pernoda Schaefer in der Titelrolle glänzt außerhalb der Monologe, wenn sie da noch den richtigen Ton trifft, kann das eine große Rolle werden. Das ganze Ensemble respektabel, aber – halten zu Gnaden – im Schnitt doch einen halben Ton unter der Dresdner Garde.
Das Programmheft übrigens (auch angesichts der 3 Euro, die man dafür haben wollte), sehr übersichtlich, rein gar nichts zu den Schauspielern. Das wünsch ich mir besser.
Man sollte vielleicht noch wissen, dass es sich um eine Second Hand – Premiere handelt: Enrico Lübbe hat sie aus Chemnitz mitgebracht, dort debütierte die Aufführung am 8. Juni diesen Jahres. Das ist legitim, nur könnte man das vielleicht etwas deutlicher kenntlich machen.
Das Gesamturteil? Ein klares Unentschieden.
