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ICE mit Tunnelblick oder Der Alibizug

Warum täglich zwei ICE der Deutschen Bahn in Leipzig eine Stadtrundfahrt machen

Leipzig-Engelsdorf, fünf vor zwei am Nachmittag. Mein ICE von Dresden hat Leipzig Hbf fast erreicht, das wird ja heute deutlich früher als im Fahrplan steht? Auch mal schön.
Doch was ist das? Der Zug wird langsamer, biegt nach links ab. Der Güterbahnhof bleibt zurück, wir durchfahren frühlingshaft bunte Stadtviertel wie Anger-Crottendorf und Stötteritz, passieren das Völkerschlachtdenkmal und das imposante MDR-Gebäude. Eine Umleitung? Dann wird es dunkel.
Die S-Bahn-Station Bayerischer Bahnhof zieht vorüber, auch die am Markt, der Zug fährt jetzt sehr langsam, einmal kommt er auch zum Stehen, ehe er dann doch Leipzig Hbf erreicht, pünktlich um 14.08 Uhr, wenn auch 50 Meter tiefer als gewohnt.
Ein Versehen? Nein, das ist jetzt immer so. Leipzig Hbf (tief), wie der Bahnsteig unter der Erde offiziell heißt, bekommt täglich zwei ICE zu Gesicht, neben jenem nach Düsseldorf, in dem ich gerade sitze, auch einen nach Dresden.

Um das zu erklären, muss man mal wieder ein wenig weiter ausholen. Der City-Tunnel Leipzig, der im letzten Dezember feierlich in Betrieb gegangen ist und seitdem das Rückgrat des mitteldeutschen S-Bahn-Netzes bildet, hat eine lange Planungsgeschichte. Anfang der neunziger Jahre, als das Vorhaben dann konkreter wurde, war noch nicht entschieden, ob die geplante Neu- und Ausbaustrecke von Nürnberg nach Halle und Leipzig über Coburg und Erfurt geführt oder einen Weg weiter östlich nehmen würde, der sich eher an den vorhandenen Strecken orientiert hätte. Im zweiten Falle wäre ein Tunnel unter Leipzig, der fast genau von Süd nach Nord verläuft, sehr praktisch gewesen, um den alten Kopfbahnhof schneller zu durchfahren. Der Freistaat Sachsen hatte dies natürlich erkannt und dieses Argument neben den unbestreitbaren Vorteilen für den Nahverkehr taktisch geschickt in die Waagschale geworfen, als es an die Finanzierungsverhandlungen ging. Seitdem heißt der Tunnel eben „City-“ und nicht „S-Bahn-“, und der Bund stimmte zu, einen Teil der Kosten aus dem Topf für Fernverkehrsprojekte zu bezahlen.

Inzwischen ist die Lage eine andere: Die NBS Erfurt – Halle / Leipzig wird im nächsten Jahr in Betrieb gehen, die ABS/NBS Nürnberg – Erfurt folgt zwei Jahre später. Der Fernverkehr der DB zwischen Bayern und Berlin, der heute über den Frankenwald und durch das Saaletal fährt, hat künftig ein Drehkreuz in Erfurt, von einer Führung der Züge über Hof, Zwickau und Altenburg ist keine Rede mehr.
Was aber blieb, ist die Finanzierungsvereinbarung zum City-Tunnel Leipzig. Dort ist Fernverkehr erwähnt, und zumindest eine der Stationen, nämlich der Hbf, wurde ja auch mit entsprechend langen Bahnsteigen ausgestattet. Nur, welcher „weiße Zug“ sollte diese jetzt benutzen?

Man muss diese Finanzierungslogik nicht im Detail verstehen. Letztlich ist es alles Steuergeld, egal, ob es aus EU-Mitteln, vom Bund oder vom Freistaat Sachsen oder von der Stadt Leipzig kommt. Selbst die Gelder der DB AG, die auch zahlreich in das Projekt flossen, sind schlussendlich „Volksvermögen“, wie es früher einmal hieß, da die Deutsche Bahn ja weiterhin in Gänze dem Bund gehört. Welcher der Projektpartner wieviel und warum bei City-Tunnel bezahlt hat, gäbe eine eigene Geschichte her, für diese Erzählung reicht es zu wissen, dass mit dem nichtvorhandenen Fernverkehr im City-Tunnel ein veritables Problem bis hin nach Brüssel entstanden wäre.

Doch es fährt ja ein schneller Zug, sogar deren zwei, werden Bahn, Bund und Freistaat jetzt lächeln. Unstreitig tun sie das, der ICE 1745 um 11.50 Uhr nach Dresden und der ICE 1746 um 14.10 Uhr nach Düsseldorf, sogar der IC 1959 um 17.50 Uhr nach Dresden gibt sich noch die Ehre, es sind also strenggenommen sogar drei! Und am Wochenende gar noch einer obendrauf!
Und so kann auch die strengste Prüferin vom Rechnungshof nichts machen: Der Tunnel ist (auch) für den Fernverkehr gebaut, und es findet (auch) Fernverkehr statt. Alles in bester Ordnung, die sachgerechte Verwendung der Mittel kann testiert werden. Stempel drauf, zu den Akten.

Verkehrlich hat das große Kino, was die DB für Bund und Freistaat hier veranstaltet, jedoch keinen Sinn, es verwirrt eher die Reisenden. Man erwartet den ICE halt „oben“, und die zehn Minuten Fahrzeitverlängerung sind auch nicht wirklich schön.
Aber immerhin muss man zugeben, dass die Bahn das kleinste aller Übel wählte: Es wurde keinem Taktverkehr Gewalt angetan, sondern jenes ICE-Paar für den Alibiverkehr gewählt, das ohnehin „in freier Lage“ verkehrt. Dieses hat seine historischen Wurzeln übrigens in der früheren (InterRegio-) Mitte-Deutschland-Verbindung, die nach der Wende das Ruhrgebiet – damals noch über Gera und Chemnitz – mit Ostsachsen verknüpfte und heute rudimentär mit einigen ICE-Läufen weiterexistiert.
Der Wert umsteigefreier Verbindungen wird inzwischen auch bei der DB wieder anerkannt, zumal die Zielgruppe, also Menschen, die bequem reisen wollen, nicht ganz so zeitsensibel ist. Dies beschert jenen Direktverbindungen dann doch eine gewisse Renaissance und Bestandssicherheit.

Trotzdem ist der Schlenker durch die Leipziger Diaspora ein Ärgernis, nicht nur für die Reisenden. Es kostet schlicht auch mehr, länger und weiter zu fahren als es notwendig ist. Die Energie- und Personalkosten sind höher (auf einem Zug sind mindestens vier Leute am Arbeiten, drei Züge sorgen somit für geschätzt 300 Euro mehr am Tag), was sich im Jahr einschließlich Strom dann sicher schon auf gut 50.000 Euro hochrechnet. Ganz umsonst ist der Spaß also auch für die Bahn nicht.

Dass die DB es dennoch tut, hängt mit den vielfältigen und komplexen Verknüpfungen mit der politischen Landschaft zusammen, die diesem großen Konzern zu Eigen sind. Man muss das nicht grundsätzlich verdammen, als Bürger erwarte ich auch, dass die Politik Einfluss nimmt auf einen Bereich, der täglich die Mobilität von Millionen Menschen sichert, auch außerhalb der direkten Vertragsbeziehungen wie im Nahverkehr. Eine gewisse Transparenz sollte man dabei aber schon erwarten dürfen.

Der ICE im Leipziger S-Bahn-Tunnel hat also Gründe, ob gute, muss jede*r anhand der Fakten für sich entscheiden.
Die Eisenbahn, wie jeder weiß, besteht aus Wagen, Lok und Gleis, nur manchmal ist es eben doch ein wenig komplizierter.

Es wird alles gesagt worden sein

 

Ein noch unvollendetes Futur – oder: Das Damokles-Motto jeder Beziehung

 Am Start erkennt man den Sieger? Mag sein. Aber erkennt man auch die Platzierten und die Verlierer?

 „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, weiß der Dichterfürst, und jede Menge Hoffnung.

Und glücklich ist, wer vergisst … was da alles an Problemen ist. Fragt sich nur wie lange. Aber es gibt ja MeisterInnen des Vergessens, des Ausblenden-Könnens zuhauf.

 Der Mensch wird komplizierter mit den Jahren. Diesen Lehrsatz kann man wohl kaum bestreiten. Aber wird er auch kompromissbereiter? Meinereiner müsste das verneinen.

„Jeder will ja irgendwo dazugehören“ sagt Bertold im „Armen Tor“. Ein schöner Satz, schlicht und wahrhaft.

Aber um welchen Preis? Selbstaufgabe, zumindest in Teilen, für das schöne Gefühl der Zwei- oder auch Mehrsamkeit? Singen im Chor statt des einsamen Solos vor leeren Reihen?

 „Man kann alt werden wie eine Kuh und lernt immer noch dazu.“ Wie alt werden Kühe? Ich glaub, ich hab die meisten Kühe meiner Generation schon überlebt, vielleicht auch verspeist.

 Und nu? Ein schlichtes Reset tut es nicht mehr. Neu formatieren, das schon eher. Dummerweise hab ich den Befehl dazu vergessen. Und die graphische Benutzeroberfläche zwingt mich immer in den abgesicherten Modus, wo alles hinterher noch da ist.

 „Ich will – wenn es geht – zweimal leben“, sang die Formation Keimzeit vor Jahren.

Ich auch, lieber Norbert. Und all die Erfahrungen, die kann er behalten, der große Gott, bei meinem Neustart.

Doch die Ergebnisse, die gibt es nicht.

Die Auswertung der 3. „Dresdner Debatte“ zum Verkehrsentwicklungsplan am 9. Dezember 2013 im Verkehrsmuseum war gar keine

 Eine schöne Veranstaltung, eigentlich. Hatte meine Vorfreude geweckt, fachlich und auch sonst. Kam auch nur fünf Minuten zu spät.

 War in diesen fünf Minuten alles Neue bereits verkündet worden? Denn was danach in zwei Stunden folgte, hätte man – mit wenigen Ausnahmen – auch zum Auftakt des Prozesses sagen können.

 Sicher, die LH Dresden hat sich mit der gleichnamigen Debatte ein tolles Instrument gegeben, das zu Recht auch überregional Beachtung findet. Die Berichterstattung, wer wann auf welchem Kongress dazu sprach, nahm gefühlt die erste Stunde in Beschlag. Der Moderator mit Architektenhabitus, dessen Namen ich leider nicht behielt, Herr Szuggat und eine Mitarbeiterin seines Amtes lobpreisten sich gegenseitig, sicher auch angebracht, wenn vielleicht nicht unbedingt in dieser epischen Breite. Dann erklärte Dr. Mohaupt, nach welchen Prämissen und mit welchen Szenarien der Verkehrsentwicklungsplan 2025+ aufgestellt würde, auch das keine wirkliche Neuigkeit.

 Dann ging es aber doch mal um die Ergebnisse der Debatte. Die Klickzahlen wurden berichtet (4.500), 2.200 Beteiligte seien es gewesen, 1.200 Beiträge gab es, die allermeisten im Block „Infrastruktur“. Inhalte? Fehlanzeige.

Immerhin wurde vom Wunsch-Modal-Split der Teilnehmerinnen berichtet, die inzwischen übliche Vierteiligkeit wird in Dresden noch zugunsten des Fußverkehrs verschoben. Leider beeilte man sich, dieses interessante Ergebnis gleich als „unrealistisch“ zu relativieren.

 Erschwert wurde die Verständlichkeit noch, weil man den obligatorischen Beamer zwar dabei hatte, ihn aber so unglücklich platzierte, dass höchstens die erste Reihe des Podiums die eng beschrifteten Folien lesen konnte.

 Wenn nicht die etwa 100 Zuhörer gelegentlich etwas Konkretes nachgefragt hätten, wäre die ganze Sache nur an der Oberfläche verblieben. So erfuhr man immerhin, dass die Stadt auch ohne den Segen des Freistaats an der „Straßenbahnlinie 5 aka. 62“ dranbleiben wolle, für die Situation auf der Bautzner (Land-) Straße im Bereich Bühlau kein wirkliches Konzept habe und an einen kostenlosen ÖPNV für alle nicht gedacht sei.

Zwischen den Zeilen war dann noch zu vernehmen, dass man mit der Auswertung der (nach
Aussagen der Bearbeiter äußerst sachlichen und hochwertigen) Beiträge noch nicht durch wäre. Zumindest kam es so rüber, doch siehe unten.

 So, und nun? Die geplante Abschlussveranstaltung wurde absolviert, man kann das Häkchen setzen. Dass diese inhaltsarm blieb, wird im Reporting sicher nicht erwähnt.

Aber warum hat man nicht die Größe, eine Veranstaltung dieser Relevanz mal einfach zu verschieben, wenn man sich noch nicht aussagefähig fühlt? Das Weihnachtsfest in Dresden wäre keinen Deut glanzloser ausgefallen deswegen.

 Doch, oh Wunder:

Im heimischen Büro angelangt, rief ich die einschlägige Seite auf, (www.dresdner-debatte.de), und was stand da? Ein 89seitiger Abschlussbericht. Mit allen Fakten, die ich in der Veranstaltung so schmerzlich vermisste, sauber aufbereitet. Im Text finden sich so interessante Sätze wie „Die überwiegende Mehrheit der Teilnehmenden sprach sich gegen einen Ausbau aus und forderte eine zweispurige Straße“. Ratet mal, um welche es geht.

 Ach Verwaltung, Deine Wege sind manchmal unergründlich.

Doch mein interner Betriebsrat hat heute schon „Feierabend“ gerufen. Deshalb gibt es in den nächsten Tagen noch einen zweiten Teil, „Die Ergebnisse der Dresdner Debatte zum VEP“. Hier, in diesem Theater. Das ist doch schön, oder?

Ein perfekter Sonntagabend

Da sitzt einer – Heiko „Hesh“ Schramm, u.a. coloRadio-Macher – auf der kleinen Bühne vom Blue Note in Dresden-Neustadt.
Und singt. Und spielt. Auf elektrischen Gitarren. Irgendwo zwischen Tom Waits und Leonard Cohen.
Und erzählt. Über Literatur, amerikanische. Truman Capote und Norman Mailer, Ihr wisst schon. Und auch über Mrs. Rowlings ersten „Erwachsenen-Roman“.

Das Ganze fügt sich zu einem Gesamtkunstwerk.
Was will man mehr, an diesem ersten Dezembersonntagabend, von interessierten Stellen auch „erster Advent“ genannt?

Ein wundersamer Abend.

Heute vor fünfundsiebzig Jahren begann die Zerstörung Dresdens

Der neunte November 2013

 Johannes Lohmeyer, mit dem ich selten einer Meinung bin, hat heute diesen Satz verwendet. Egal, ob dies schon einmal jemand so sagte, für diese Äußerung gebührt ihm uneingeschränkter Respekt.

 Man muss sicher niemandem erklären, was es mit diesem Datum auf sich hat. Spätestens die frisch geputzten und mit Blumen und Kerzen geschmückten Stolpersteine stoßen auch den Letzten mit der Nase darauf, dass heute vor 75 Jahren in einem Land mitten in Europa Menschen ihre Mitmenschen überfielen, beraubten, erschlugen und ihre Gotteshäuser anzündeten. Gemeinhin wird dafür der verharmlosende Begriff „Kristallnacht“ verwendet, manche geben ihm mit dem Zusatz „Reichs-„ gar noch einen amtlichen Anstrich.

 Aber man muss das Pogrom nennen, genauso wie die vielen ähnlichen Untaten in den Jahrhunderten zuvor, in Deutschland und anderswo. Oder auch den Beginn des Holocaust.

 Es ist kein Trost, dass nicht nur das deutsche Volk in Abständen dem Verlangen folgt, einen Teil der Bevölkerung zu massakrieren. Man kann Verbrechen nicht miteinander aufrechnen. Und wenn auch in Polen, Ungarn und anderswo solche Gräuel vorkamen, dann ist das eine Schande für diese Völker. Wir Deutsche haben uns mit unserer eigenen Geschichte auseinanderzusetzen.

 Und da haben wir einiges zu „bieten“. Nicht nur einen perfekt organisierten Überfall auf eine Volksgruppe einschließlich eines Stillhaltebefehls an die Feuerwehren (nur in Halberstadt hatte man die Synagoge nicht angezündet, aus Angst um die umstehenden Fachwerkhäuser), sondern in der Folge auch den weltweit ersten industriellen Massenmord. Der Tod wurde zum Meister aus Deutschland, zum Diplom-Ingenieur des Menschenentsorgungswesens.

 Mich erfüllt tiefe Scham, nicht nur für die Generation meiner Großeltern, auch (fremd) für alle, die heute nichts dabei finden, das alles zu relativieren und den berühmten Schlussstrich ziehen wollen. Mord verjährt nicht, auch nicht Massenmord unter staatlicher Legitimation.

 Ja, heute vor fünfundsiebzig Jahren begann die Zerstörung von Dresden, am Hasenberg.

 

Fidel Zastrow, der Heilige Holger des Lohndumpings

Unbestritten: Es wird sich einiges ändern durch den Mindestlohn.
Obskure Geschäftsmodelle werden zusammenbrechen, eine Marktbereinigung wird stattfinden. Ist das schlimm?

Nein. Das ist notwendig. Wir leben in Mitteleuropa, nicht in einem sog. „Lohnparadies“. Wenn man hier nicht von seiner Arbeit leben kann, wo dann?

Und, das bitte nicht zu vergessen: Vierzig Jahre Arbeit zum heute angepeilten Mindestlohn führen noch nicht einmal zur Mindestrente. Worüber diskutieren wir hier eigentlich?

Ich glaube, es geht schlicht um Menschenwürde. Ein stolzes Wort. Taucht das irgendwo auf, in einem Parteiprogramm rechts der „Mitte“?

Herr Zastrow hat sich entschieden, für den Status quo zu kämpfen. Solchen Entscheidungen gebührt gewöhnlich Respekt, die sich gegen den Mainstream richten, weil man es besser zu wissen glaubt.
Aber hier wird ihn ein beginnender gesellschaftlicher Konsens überrollen, und mit Pizza-Dienst-Betreibern und Low-Budget-Services aller Art allein wird auch die sächsische FDP die nächsten Wahlen kaum überstehen.

Aber das ist völlig in Ordnung so, denn dann wird auch der autosuggestive Selbstbetrug der Sachsen-FDP auffliegen, dass man mit Klientelpolitik a la Zastrow die Partei im Parlament gehalten hätte.

Und dies ist ja nun wiederum gut so.

Der Kot Napoleon

„Du bist tot!“

Als Kinder haben wir das gerufen, wenn wir Krieg gespielt haben. Manchmal fiel der andere dann wirklich um, manchmal war er auch der Meinung, er sei schneller gewesen beim Ziehen. Dann musste das geklärt werden. Bis einer heulte.

 

Beim „Re-Ennactment“ dürfte dieses Problem nicht auftreten, die Sache ist streng durchchoreographiert. Erwachsene Menschen (allermeist Männer) kleiden sich in die Waffentracht einer vergangenen Zeit und geben lebend Bilder.

Ich hoffe, dass sie drunter etwas Moderneres tragen, aus dem Sanitätsfachhandel, falls doch mal was abgeht dabei, vor Angst oder vor Lust. Wäre doch schade um die teure Uniform.

 

Der Mensch kriegt ja vieles fertig, früher ließ er seinesgleichen gegen Löwen kämpfen wegen dem Unterhaltungswert, verbrannte seinesgleichen auf Scheiterhaufen, wenn rote Haare grad mal nicht in Mode waren, rottet(e) seinesgleichen auch stammweise aus, wenn die auf Land herumlungerten, das einem höheren Zwecke bestimmt war.

In diesem Kontext fallen ein paar Deppen, die die Schlachten vergangener Tage folkloristisch und keimfrei nachschlagen, kaum ins Gewicht.

 

Dem Bauernjungen aus einem der vielen sächsischen Friedersdorf damals, der auf dem Feld der Ehre verreckte, dürfte relativ egal gewesen sein, für wen er das tat (historisch gesehen – was gerne vergessen wird – für Napoleon). Trotzdem kann man es ihm posthum nochmal spielerisch erklären, es fallen doch auch sonst so viele Säcke Reis um.

 

 

Aber man kann das Spektakel natürlich auch mit „heutigen“ Maßstäben messen, moralischen, mein ich. Und da stellt sich mir schon die Frage, welch Geistes Kind die Leute sind, die bekunden, „hier nur einfache Soldaten zu sein“ und damit die Aussage zu Sinn und Zweck des Ganzen verweigern.

Ist der Mensch dann doch ein Lemming? Fühlt er sich in einer Herde am wohlsten, wo man selber nicht mehr denken muss? Ist das der Ur-Trieb von uns allen?

 

Dann wäre das Modell aber ausbaufähig. Warum nicht mal das Ertrinken vor Lampedusa nachstellen, Markkleeberg hat doch jetzt schöne Seen? Oder das Schlachten einer Herde Rindviecher, bei Tönnies in Weißenfels? Auch die amerikanisch-mexikanische Grenze bietet schöne Schauplätze, vielleicht gibt es ja noch einige Mauerreste zum Bespielen.

 

Und die vielen schönen Jubiläen der nächsten Jahre, 75 Jahre Stalingrad, 100 Jahre Verdun, auch der Genozid an den Armeniern oder der in Deutsch-Südwestafrika bedarf einer reenactischen Aufarbeitung. Guido Knopp hilft bestimmt gerne.

 

Man sollte hier aber keine Verbotsdebatte führen. Zwar ist Kriegsverherrlichung eine Straftat, aber der Verein wird so clever sein, sich nicht dabei erwischen zu lassen. Und das sind doch alles unbescholtene Bürger, die haben eben einfach zu viel Zeit. Und zu wenig Hirn.

 

Auch wenn der historische Kontext nur halbwegs korrekt ist: Ich wünschte, es würde Nacht oder die Preußen kommen. Mit echten Kanonen.

 

 

Die Theatervölkerschlacht zu Leipzig

Ein Ferndiagnose

Da hat es also einen geräuschvollen Intendantenwechsel gegeben in der alten Kaufmannsstadt: Der Alte hat nicht mehr wollen sollen, der Neue wurde sehr rumpelig ins Amt gehoben.
So weit so schlecht, das kommt schon mal vor. Aber was da nun abgeht … man kann sich im beschaulich-barocken Dresden (das hiesige Theater nehm ich ausdrücklich aus von dieser Zueignung) nur wundern.

Da rüsten die verbliebenen harten Männer zum Sturm auf die Bastei von Lübbe, kaum das diese errichtet ist. Da wird gegen einen frischen Intendanten geholzt, dass es nur so kracht. Da kartätschen die Verteidiger aus allen Rohren und kippen Kübel voll Stinkendem über die Angreifer.

Ich halte mich inhaltlich erstmal raus. Weder habe ich sonderlich viel von Herrn Hartmanns Centraltheater gesehen (das, was ich sah, war aber sehr anregend), noch kenne ich Herrn Lübbes frühere Arbeit in Chemnitz und die aktuellen Leipziger Inszenierungen. Letztere wirklich „noch“, das ganze Getös macht schon neugierig.

Aber zum Stil erlaube ich mir einige Anmerkungen:
Nachtkritik.de ist ohnehin nicht für pfleglichen Umgang miteinander bekannt, doch diese Debatte toppt alles. Positiv ausgedrückt: Das Theatervolk ist bewegt und gibt dieser Bewegung auch Ausdruck. Nur … muss es unbedingt auf diese Art sein?
Es ist selbstverständlich legitim, sein „Bravo – ganz ohne Einschränkungen“ zur Emilia zu posten, ebenso wie ein „größte Katastrophe, der ich je beiwohnen durfte“. Aber dann geht es ans Eingemachte: Der Kritiker kann gar nicht objektiv sein (welcher ist das schon?), er gehörte ja zur Findungskommission, deren Empfehlung man nicht folgte (was schon ein seltsamer Vorgang ist). Und die Gegenseite dreht das Argument natürlich um. Und es wird reichlich nachgetreten, das schöne Wort „Theaterkampf“ erblickt das Licht der Kommentare. Peinlich, das Ganze.

Aus meiner wirklich neutralen leipzigfernen Sicht:
Selbst der Kritiker ist ein Mensch und damit fehlbar. Ihm Böswilligkeit zu unterstellen, weil er Haare in der neuen Suppe findet, ist albern und entspringt einem seltsamen Lagerdenken.
Vielleicht sollte das Schauspiel Leipzig künftig die Besucher in Fanblocks sortieren? Hartmann-Ultras ganz links (von der Bühne aus gesehen), Lübbe-Jünger so weit entfernt wie es geht. Und dazwischen der kleine Block von Leuten, die einfach nur Theater sehen wollen, um sich damit auseinanderzusetzen und ja, gottverdammtnochmal, sich auch mal unterhalten lassen wollen.

Trotz alledem: Nach diesen drei, vier tollen Tagen wird das Leben selbst in Leipzig irgendwie weitergehen. Man wird beobachten können, ob und wie sich die neue Mannschaft findet. Der Start war offenbar nicht der Beste, aber – um hier mal einige Plattitüden anzubringen – eine Intendanz dauert fünf Jahre. Und die Bühne ist meist rund. Und Tor ist, wenn der Schiedsrichter pfeift. Letzterer ist übrigens das Publikum.

Derweil werden noch viele Säue durch die Nachtkritik getrieben worden sein. Und Leipzig wird wieder das sein, was es immer war: Ein Theater irgendwo in Mitteldeutschland, nicht ganz groß, aber auch nicht ganz so klein.

Übrigens, dieser kleine Seitenhieb sei mir als Landeshauptstädter gestattet: Am selben Abend, als „Emilia Galotti“ in Leipzig durchfiel bzw. reüssierte, gab es in Dresden eine Premiere gleichen Namens, die über jede Kritik erhaben zu sein schien.

Stellt Euch nicht so an.

Die aktuelle Debatte, wer wohl mit wem koalieren könne, aber nicht dürfe, erinnert mich sehr an die Lebenswirklichkeit von Mittvierzigern bei der Partnersuche.
Ja, man kommt alleine schon gut zurecht, man hat sich arrangiert, und die in den letzten Jahren gesammelten Anhängsel und Psychosen verhalten sich auch meist friedlich. Aber so ganz allein ist es auch doof, man prüft halt gelegentlich doch mal die Optionen.
Gut, die Zeit der Schmetterlinge ist vorbei, es wird wohl eher eine Vernunftsentscheidung werden. Und da ist ja soviel zu bedenken …
Klar, den Mittzwanziger mit dem Waschbrettbauch und der Leistungsfähigkeit gegen unendlich wird man nicht mehr kriegen auf Dauer, in realistischen Momenten sieht man das auch ein. Doch was bleibt da noch?
Die potentiellen Partner haben auch alle ihre Macken, ihren Bierbauch, ihren Anhang und manchmal sogar eine eigene Meinung. Doch nun kommt es darauf an, Gemeinsamkeiten auszuloten, ohne sich selbst aufzugeben. In der Politik nennt man das wohl Koalitionsverhandlungen.
Zunächst muss man sich klar darüber werden, was man selber eigentlich will und was gar nicht. OK, der Partner sollte die Kinder nicht schlagen, weder die eigenen noch die seinen. Und er sollte bitte auch keinen SUV fahren. Er sollte möglichst regelmäßig Geld verdienen, ok, Künstler geht auch, wenn das anderweitig kompensiert wird.
Der Tagesablauf sollte schon irgendwie zusammenpassen. Wenn sie gerne gegen Vier nach Hause kommt und er um Sechs aufstehen muss, sind das nicht die besten Voraussetzungen für eine Art Familienleben.
Wofür man das bißchen Geld ausgibt, was übrigbleibt, sollte auch vorher diskutiert werden. „All you can anything“ in Antalya oder doch eher Ferien auf dem Bio-Bauernhof?
Natürlich muss man auch über Treue reden, körperliche und geistige. Doch da gibt es so viele Modelle …
Und dann bleibt immer noch Platz für wirklich wichtigen Fragen, ob der Klodeckel oben bleibt oder runter muss und ob nur auf dem Balkon geraucht werden darf oder gar nicht.

Da gibt es so viel zu besprechen. Aber man kann natürlich auch sagen, der hat einen Anzug an, das geht gar nicht. Oder: Die hat Löcher in den (zugegebenermaßen schicken) Strumpfhosen, was soll denn die Verwandtschaft sagen. Das ist einfach. Dann bleibt man halt alleine.
Und besonders schwierig wird es, wenn einer der potentiellen Partner einen Schwererziehbaren mit einbringt, der eigentlich erwachsen sein sollte, aber dann doch irgendwie geistig in der Pubertät hängengeblieben ist.
Und natürlich kann man, wenn man sich auf diese Diskussion dann doch einlässt, am Ende immer noch resümieren, nee, es war ein Flirt, mehr nicht. Dann geht das Leben auch irgendwie weiter. Ging ja vorher auch.
Aber man muss es doch wenigstens versucht haben, Peggy Sue?
PS: Die Kinder würden – simpel wie sie sind – sicher sagen: Versucht es doch einfach.

Offene mail an eine Ex-Freundin

Nein, wer sich jetzt auf pikante Details aus einem vergangenen Liebesleben und dreckige Wäsche zuhauf freut, braucht nicht weiterlesen. Unsere Beziehung war rein platonisch, und nun ist sie gar nichts mehr.

Die Ex, nennen wir sie einfach E., war schon immer in einigen Dingen deutlich anderer Meinung als ich. Manchmal hab ich gar nicht verstanden, wovon sie eigentlich sprach. Aber das war ok, ihre Warmherzigkeit, Klugheit (meistens) und Sanftmut waren mir Trost genug für ein manchmal wirres Geplauder.

Ein- oder zweimal haben wir uns auch ernsthaft in die Haare bekommen, was dann daran lag, dass ich meine Nerven verlor und die Fassung. Dann nannte ich ihre Texte schon mal „Bullshit“. Ihr passiert so was nicht, sie ist von gleichbleibender Freundlichkeit, völlig tiefenentspannt.

Ich hatte schon lange die Vermutung, dass sie in irgendeine Sekte geraten war. Sie erzählte manchmal von seltsamen Heilsversprechen, von sauteuren Seminaren, die man unbedingt machen solle. Ich hab das Gespräch dann meist auf etwas anderes gelenkt, weil mich das wütend machte, meine Freundin so verarscht zu sehen. Aber so nah stand ich ihr nun auch wieder nicht, als dass ich irgendwas hätte tun wollen. Und was denn? Und mit welchem Recht? E. ist erwachsen und weiß sehr genau, was sie will.

Irgendwie hatte ich mich arrangiert mit ihrer seltsamen Seite. Es gab ja noch so viele andere. Und selbst wenn sie etwas vom deutschen Volke schwafelte, das auserwählt sei, hab ich freundlich weggehört.

Nun aber die Wahlen.
E. produzierte sich seit Tagen mit Aufrufen zum Nicht-Wählen, mit kruden Begründungen in der Art, dass das Wahlgesetz gar nicht legitim sei, da es von einem illegitim gewählten Bundestag beschlossen wurde.
Ihre Hauptbegründung ist aber, dass man mit Wählen die jetzige Regierung ermächtigen würde, weiterzumachen, und dass doch sowieso alle Parteien unter einer Decke steckten bei der Volksunterdrückung. Ach ja, und wir werden irgendwann alle gemeinsam regieren, im Internet.

Nun muss es also doch wieder raus:
Bullshit. Gequirlte Kacke der stinkendsten Art. Das ist so doof wie Russland groß ist, blöder als ein Schluck Wasser, intelligent wie mein Radiergummi.

Ich hab versucht, ein bisschen dagegen anzuschreiben (das alles passiert natürlich auf facebook, wer hätte es gedacht), aber dann aufgegeben. Ich wurde immer wütender, sie blieb gelassen, und ihre Hintersassen überboten sich in Verschwörungstheorien. Das hat ja doch keinen Zweck. Das Mädel ist offenbar verloren für die Welt.

Doch bei diesem Thema hört für mich der Spaß auf.
Auch wenn sie mit ihren kunstvoll gewobenen Sätzen und den Links zu den Seiten in Pastell sicher nur wenige verwirrte Seelchen dazu bringt, nicht zur Wahl zu gehen und die ja dann doch eher yogische Flieger gewählt hätten, hier geht es um das Prinzip.
Wer nicht begreift, dass er mit diesen Boykott-Aufrufen das Geschäft der Regierung macht, mit dem mag ich nicht befreundet sein. Jeder kann für sich selbst entscheiden, ob er wählt, aber er möge niemanden anderen daran zu hindern suchen.

Und um mich nicht ständig aufs Neue aufzuregen, und vor allem, um nicht jedes Mal wieder wütend darüber zu werden, was auch liebenswerten und an sich intelligenten Menschen widerfahren kann, hab ich sie jetzt von den verschiedenen Listen genommen. So einfach geht das. Ein kleiner Klick für mich, ein großer … ja, wofür eigentlich?
In meinen Kopfhörern läuft ein Lied von ihr, und ich bin so unglaublich traurig.