Heute vor fünfundsiebzig Jahren begann die Zerstörung Dresdens


Der neunte November 2013

 Johannes Lohmeyer, mit dem ich selten einer Meinung bin, hat heute diesen Satz verwendet. Egal, ob dies schon einmal jemand so sagte, für diese Äußerung gebührt ihm uneingeschränkter Respekt.

 Man muss sicher niemandem erklären, was es mit diesem Datum auf sich hat. Spätestens die frisch geputzten und mit Blumen und Kerzen geschmückten Stolpersteine stoßen auch den Letzten mit der Nase darauf, dass heute vor 75 Jahren in einem Land mitten in Europa Menschen ihre Mitmenschen überfielen, beraubten, erschlugen und ihre Gotteshäuser anzündeten. Gemeinhin wird dafür der verharmlosende Begriff „Kristallnacht“ verwendet, manche geben ihm mit dem Zusatz „Reichs-„ gar noch einen amtlichen Anstrich.

 Aber man muss das Pogrom nennen, genauso wie die vielen ähnlichen Untaten in den Jahrhunderten zuvor, in Deutschland und anderswo. Oder auch den Beginn des Holocaust.

 Es ist kein Trost, dass nicht nur das deutsche Volk in Abständen dem Verlangen folgt, einen Teil der Bevölkerung zu massakrieren. Man kann Verbrechen nicht miteinander aufrechnen. Und wenn auch in Polen, Ungarn und anderswo solche Gräuel vorkamen, dann ist das eine Schande für diese Völker. Wir Deutsche haben uns mit unserer eigenen Geschichte auseinanderzusetzen.

 Und da haben wir einiges zu „bieten“. Nicht nur einen perfekt organisierten Überfall auf eine Volksgruppe einschließlich eines Stillhaltebefehls an die Feuerwehren (nur in Halberstadt hatte man die Synagoge nicht angezündet, aus Angst um die umstehenden Fachwerkhäuser), sondern in der Folge auch den weltweit ersten industriellen Massenmord. Der Tod wurde zum Meister aus Deutschland, zum Diplom-Ingenieur des Menschenentsorgungswesens.

 Mich erfüllt tiefe Scham, nicht nur für die Generation meiner Großeltern, auch (fremd) für alle, die heute nichts dabei finden, das alles zu relativieren und den berühmten Schlussstrich ziehen wollen. Mord verjährt nicht, auch nicht Massenmord unter staatlicher Legitimation.

 Ja, heute vor fünfundsiebzig Jahren begann die Zerstörung von Dresden, am Hasenberg.

 

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Ein Kommentar

  1. klu

    Naja, für meinen Geschmack fängt auch bei dieser Äußerung schon die Relativiererei an. Ich würde als „Beginn der Zerstörung Dresdens“ jedenfalls den 31. Juli 1932 ansehen: NSDAP 37,3 Prozent, bei nicht erkennbaren Grundlagen für irgendwelche Annahmen, das könnte in Dresden deutlich unter dem Reichsdurchschnitt gelegen haben.

    Hatte sich eigentlich sonst noch jemand weitergehend für die an die Semperoper geholte Stuttgarter Inszenierung von La juive interessiert? Die teilweise beschuldigt wurde, antisemitisch zu sein? Was man nur hochinteressant nennen kann; spätestens dann, wenn man die Produktion gesehen hat. War dieser Aspekt für den Dresdner Kulturjournalismus vielleicht schon – sagen wir mal, zu interessant, oder warum kam er zumindest in den im Internet sichtbaren Teilen überhaupt nicht vor?

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