Kategorie: Theater

Heissa Hopsasa in Salastros Tempel

„Die Zauberflöte“ von W.A. Mozart, Regie Rudolf Frey, gesehen am 13. April 2013 im Landestheater Eisenach

Die Geschichte, wie ich in diese Aufführung gelangte, wär auch was für die Oper, muss aber aus Datenschutzgründen unerzählt bleiben. Nur soviel: Sechs Stunden zuvor wähnte ich mich noch am Abend bei einem gemütvollen Konzert der Musikformation Tocotronic in Dresden. Doch es kam anders.

Strandest Du in Eisenach, Fremder, hast Du zwei Möglichkeiten. Du kannst Dich zur Wartburg hochquälen, welche 18 Uhr schließt, und Dich nachher der gutbürgerlichen Thüringer Küche widmen oder durch die erstaunlich gesichtslose Innenstadt schlendern und hoffen, dass es am Abend Kultur gibt.

Ja, gibt es. Das Theater kenne ich, ohgottohgott, von vor fast zwanzig Jahren, die „Maßnahme“ vom Brecht hab ich hier gesehen. Die Zauberflöte ist nur bedingt vergleichbar.
Doch es sei.

Das Theater hat sich kaum verändert, im Gegensatz zu mir. Vor drei Wochen war Premiere, ausverkauft und umjubelt hoffe ich, aber auch heute ist der Saal gut gefüllt.

Vorneweg: Ich habe von Oper schlicht keine Ahnung. Aber ich kann auch nicht kochen. Darf ich deshalb nicht sagen, ob es mir schmeckt?

Das Werk ist ein Klassiker: Wie üblich hält eine Humbug-Story die Arien notdürftig zusammen.
Ohne die Geschichte zu wichtig zu nehmen, sollte man doch mal anmerken, dass es sich bei den „Eingeweihten“ um eine Sekte handeln muss, die erst das Töchterlein der Königin der Nacht entführt und dann noch den männlichen Haupthelden das Hirn mit 60 Grad wäscht. Die Massenhochzeit am Ende passt dann auch ins Bild.
Insofern sind meine Sympathien eindeutig verteilt, zumal die wunderschöne Königin (Elif Aytekin) herzzerreißend singt.

Eine recht kleine Bühne, als Hotelzimmer gestaltet. Ein Paar, das sich sichtlich nichts mehr zu sagen hat,kommt an und geht gemeinsam getrennt zu Bett. Man wird eine Weile brauchen, um diesen Regieeinfall zu verstehen.
Prinz Tamino, der männliche Part dieses Idylls (Häh? Warum reist der mit Dame?) hat schwere Träume. Er wird von einer Schlange mit dicken Brüsten bedroht, was wohl Freud dazu sagen würde?
Ein Damenteam rettet ihn, aber den Dank bekommt Papageno ab, der aus dem Schrank auftaucht. Dann erscheint noch die Königin der Nacht, zeigt ein Bildchen des entführten Töchterchens und vergattert den Prinzen zur Rettung. Dazu erhält er u.a. die Zauberflöte. Der Vogelfänger wird Knappe wider Willen.
Zur Plausibilität des Librettos hatte ich mich ja schon geäußert.

Beide marschieren dann getrennt, geraten aber fast gemeinsam in Gefangenschaft und werden blitzschnell umgedreht. Die Königin ist nämlich böse, ihr faktenschaffend das Sorgerecht zu entziehen ist eigentlich eine gute Tat. Soso.
Eine echte böse Mutter zur Abwechslung also, sonst spielt sich sowas ja eher im Patchworkbereich ab.

Erfolgreich gewendet, sollen die beiden nun der Sekte beitreten. Wenn sie denn die Aufnahmeprüfungen bestehen.
Pause.

Der zweite Aufzug, der Beginn ist langweilig. Lächerliches Outfit bestraft die Helden, die Kostüme sind grausam, Tamino in knielangen Hosen und Halbschuhen, aua!
Sie haben Prüfungen zu bestehen, danach erfolgt die Frauenzuteilung durch Salastro, der offenbar einen Stock verschluckt hat.

Die Hässlichkeit des Monostatos wird mit einem Faschingskostüm illuminiert, sein BlackFace würde anderswo Diskussionen auslösen. Der Versuch der sexuellen Nötigung wird vom Hohepriester damit begründet, dass seine Seele so schwarz sei wie sein Gesicht. Auweia. Wenn das mal keine Spiegel-Story gibt.

Die Königin ist trotz einem tantchenhaftem Kostüm in ihrem letzten Auftritt großartig, ja, der mit der berühmten Arie. Heftiger Szenenapplaus.

Eine der Prüfungen ist das Schweigegebot, anderswo Omertá genannt. Das sollte für Männer doch kein Problem sein?
Es folgen Albernheiten und leider sehr dünne Knabenstimmen. Eine naheliegende Pantomime hätte Pamina viel Kummer erspart, die ist doch gestraft genug mit ihrem Kostüm in Schweinchenfarbe.

Papageno gleitet immer mehr in eine Karikatur ab, ist aber sängerisch stark. Dann folgen noch ein paar Altenwitze.

Finale. Wer bläst welche Flöte hinterm Vorhang? Nee, auf solche Ideen kommt man hier sicher nicht. Die Protagonisten kriegen sich ordnungsgemäß.

Schöne Schlusspointe, man landet wieder im Hotelzimmer vom Anfang, Pamina ist die frustrierte Ehefrau.
Leider endet es dann doch mit einem Happy End.

Das Stück wird über die Saison in einer (fast) Doppelbesetzung gegeben, ich sah die andere (zweite möchte ich nicht sagen) Mannschaft. Leider lag dem Programmheft kein tagesaktueller Besetzungszettel bei, manchmal bin ich also auf Vermutungen angewiesen.
Für mich herausragend: Neben der erwähnten Elif Aytekin Maria Rosendorfsky als Pamina (auch schauspielerisch) sowie Ernst Garstenauer als Sarastro und Francis Bouyer als Papageno, erkennbar auch der Publikumsliebling. Xu Chang als Tamino fiel leider etwas ab, auch weil man seine Sprechtexte kaum verstand.

Was bleibt? Ein insgesamt schöner Abend, kein Ersatz für Tocotronic, aber ein Trost.
Die schlechtesten Kostüme ever, aber vieles, was den Gesamteindruck über Null riss. Und nach langem Suchen eine Kneipe namens Schorschl, in der man solche Texte in Ruhe schreiben kann.

Von der systemstabilisierenden Wirkung der Ungeheuer

„Der Drache“ von Jewgeni Schwarz, Regie Wolfgang Engel, Dramaturgie Robert Koall, gesehen zur öffentlichen Hauptprobe Zwei am Staatsschauspiel Dresden, 9. April 2013

Die besten Regieeinfälle hat dann doch das Leben.
Ein freundlicher älterer Herr sitzt zu Beginn rechts der Bühne und erklärt, wegen der dicken Mandeln des Benjamin P. müsse er nun dessen Rolle lesen. Er heiße übrigens Wolfgang Engel.
Und wie das dann geschieht! Ein Fest, ein Festspiel, ein Wolfgangengelfestspiel! Mit welcher Grandezza da auch die unvermeidlichen Pannen überspielt werden! Fast wird die richtige Inszenierung Nebensache. Als er am Ende verhaftet und von der Bühne geführt wird, ruft Holger Hübner völlig zu Recht: „Das ist doch der Regisseur!“ Diesen Abgang hat er wahrlich nicht verdient.
Ohne Benjamin Pauquet zu nahe zu treten, aber das nochmal zu sehn, wär schon witzig.

Über ein Stück vor der Premiere zu schreiben gehört sich nicht, es grenzt an Hochverrat. Das ist wie Weihnachtsgeschenke vorher zeigen.
Ich beschränke mich also fortan auf die Handlung und einige geheimnisvoll-bedeutungsschwere Andeutungen.
Die erste davon: Mein nächster Kater heißt Clauß.

Man hat es mit einer Stadt zu tun, die seit 400 Jahren von einem Drachen beherrscht wird. Der frisst das halbe Bruttosozialprodukt und einmal jährlich ein Jungfrau seiner Wahl. Aber beides ist eingeplant, man hat sich arrangiert. Stabilität ist wichtig, und Ruhe, und Ordnung. Wer sollte daran etwas ändern wollen?

Da kommt zufällig ein Drachentöter des Wegs, erblickt das für den Drachen vorgesehene schöne Fräulein und – wie es märchengerecht heißen muss – entbrennt in heißer Liebe zu ihr. Jene ist allerdings schicksalsergeben und sich der hohen Ehre des Drachenfutters bewusst. Auch ihr Vater Charlesmagne sieht in diesem Akt seinen Sinn und will höchstens mit seinem eigenen Abgang protestieren.

Die vom Helden angebotene Dienstleistung „1 x pauschal Drachen töten“ will aber keiner haben, vor allem der Bürgermeister rät ab. Dessen Sohn Heinrich sollte zwar ursprünglich das Fräulein Elsa ehelichen, wurde aber mit einem schönen Posten beim Drachen abgefunden. Also alles in Ordnung. Was soll die Aufregung?

Auftritt Drache, in Menschengestalt, wegen der Augenhöhe. Die gängigen Einschüchterungsrituale verfangen beim Helden Lancelot nicht, jener fordert gar den Drachen heraus. Fauch!!! Das hat sich das letzte Mal vor 200 Jahren jemand getraut! Und verloren!
Werden Drachen älter? Jenem ist nicht ganz wohl in seiner Schuppenhaut.

Aber das Volk steht zu ihm. Verkrüppelte Seelen, gebeugte Häupter, man will ja gar nicht gerettet werden. Die Wahrheit sagt man nicht mal sich selbst.
Lancelot wird deshalb mit Küchengeschirr ausgerüstet für den Kampf, der Speer ist auch grad zur Reparatur. Aber das hat man amtlich beglaubigt, der Held soll das Papier mit sich führen und auf Verlangen vorweisen.
Der Drache arbeitet trotzdem an Plan B: Die Jungfrau soll Lancelot erdolchen, zum Dank soll eine andere dran glauben.

Wunder gibt es immer wie-hieder. Elsa ist vom Helden angetan, der Dolch fliegt in die Kulisse. Und dazu gibt es auch noch Wunderwaffen für Lancelot aus dem Untergrund. Dann kann es ja losgehn. Was wir kurz vor der Pause zu sehen bekommen, muss hier leider noch ein Geheimnis bleiben.

Der Kampf. Geschildert mit offiziellen Kommuniqués der städtischen Selbstverwaltung von Drachens Gnaden (W. Engel in Hochform). Drei Köpfe hat jener (der Drache, nicht Engel). Als der erste zu Boden plumpst, wird plausibel begründet, warum das militärstrategisch viel viel besser ist. Beim Fall des zweiten spricht man von einer Frontverkürzung. Nur beim dritten hat der Sender technische Probleme. Wir unterbrechen kurz die Übertragung, Musik bitte.

Eine Wende ist eingetreten.
An der Spitze der Bewegung: Der Bürgermeister. Endlich kann er mal so, wie er schon immer wollte. Das böse Untier ist tot. Aber die Stadt darf nicht in Anarchie versinken. Ruhe und Ordnung sind nun erste Bürgerpflicht.
Schwer verwundet schleppt sich Lancelot vom Schlachtfeld.

Ein Jahr später. Der Bürgermeister ist nun Präsident, sein Sohn hat einen neuen schönen Posten: Der Bürgermeisterstuhl wurde ja grade frei.
Das Volk hat sich gefügt, was sollen sie auch tun? Gar nichts können sie tun. Die Privilegien gehen nahtlos über, die Stafette des Machtmissbrauchs wird weitergegeben. Ist der Drache vielleicht gar nicht tot?

Gebt dem Präsidenten, was des Präsidenten ist. Im Konkreten zunächst einmal Elsa und dann jährlich eine Jungfrau. Kontinuität ist wichtig in der Politik. Morgen soll die Hochzeit sein.

Elsa hat Lancelot aufgegeben, er ist sicher tot. Ihr Vater widersetzt sich dem Embedding, aber mehr bleibt ihm auch nicht. Immerhin, ein Auftritt wie der Hofmusiker Miller, halten zu Gnaden.
Dann doch Auftritt Lancelot, sichtlich gezeichnet. Dennoch läuft das Volk über. Der böse Präsident und sein noch viel böserer Sohn hauen sich gegenseitig in die Pfanne und werden in Gewahrsam genommen. Happy end.

Und nun? Deswegen wird nach’m Happy end im Film gewöhnlich abgeblend’t. Die Bürger können mit der neuen Freiheit wenig anfangen, Chaos bricht aus. Ein Retter muss her, ein Lenker, ein … Führer? Lancelot lässt sich nur ein bisschen betteln. Es gibt einen neuen Bräutigam, das Fest kann beginnen.

Nur Elsa schwant was. Irgendwo hinten tanzt der Drache schon wieder mit.

Kein Wort zur Inszenierung, wie versprochen. Lassen wir es dabei bewenden, dass man das gesehen haben sollte. Ein weiterer Höhepunkt dieser Saison, die uns am Ende wahrscheinlich sehr verkatert zurücklassen wird. Die nächste Spielzeit wird schwer.

Aber das Grundthema des Stücks, die Abwägung zwischen Freiheit (und Verantwortung) und Unterdrückung (und „geordneten Verhältnissen“) ist noch einige Sätze wert. Wozu ein Drache gut ist, sehen wir ja grad in Korea, wo Kim Jong Dings den seinen wacker aufbläst für die innere Ordnung. Aber eigentlich sind die Drachen heute ganz andere, wie wär’s mit dem Häusle-Kredit, der guten Stellung, den Boni, dem Club-Urlaub? Das alles muss man sich auch leisten können. Da macht man schonmal Kompromisse.

Dass Jewgeni Schwarz sein 1943 in der Sowjetunion erschienenes Stück überlebt hat, mag ein Wunder sein. Dass es heute noch aktuell ist, sicher nicht.

Die Bedeutung ist die Bedeutung ist die Bedeutung

„Nichts. Was im Leben wichtig ist“, nach dem Roman von Janne Teller, Regie Tilman Köhler, Dramaturgie Julia Weinreich, gesehen am Staatsschauspiel Dresden am 8. April 2013

Es handelt sich für mich um einen Lückenschluss. Die preisbedachte Inszenierung mit dem kompletten Schauspielstudio des Hauses hatte sich meiner Betrachtung bislang immer hartnäckig entzogen, obwohl ich schon zweimal eine Karte hatte. Irgendwas Hinderndes war immer … Aber alle guten Dinge sind Drei, im wahrsten Sinne des Wortes.

Gleich vorweg: Ein sehr sehenswertes Stück, mit einer spielfreudigen Besetzung, aus der ich niemanden hervorheben mag, und einem hochinteressanten Bühnenbild (Karoly Risz). Außer ein paar überflüssigen lokalen Bezügen gibt es nichts zu mäkeln, auch das Programmheft ist wieder von besonderer Güte.

Der Inhalt ist recht schnell erzählt. Nach den Sommerferien schert Pierre Anthon aus der 7a aus, er klettert auf einen Pflaumenbaum und erklärt alles im Leben für bedeutungslos. Nichts lohne die Mühe, deshalb tue er ab sofort: Nichts.
Das Klassenkollektiv ist verunsichert, will den Abtrünnigen aber in die Gemeinschaft zurückholen und schickt sich an, das Gegenteil zu beweisen. Gebt her, was für euch Bedeutung hat! Ein Berg von wichtigen Dingen wird aufgehäuft, es beginnt mit einem Paar grüner Lieblingssandalen. Die Macht geht dann herum, jeder „Erleichterte“ darf bestimmen, wer der Nächste ist und was der verlieren soll.
Eine schöne Grausamkeitsspirale beginnt, weil jede aus ihrer eigenen Verletzung das Recht auf eine noch größere beim Nachfolger ableitet. Und über den Hamster und den Gebetsteppich kommt man zum Körperlichen: Erst die Haare, dann die Jungfräulichkeit, schließlich der rechte Zeigefinger.
Doch ehe der Reliquienhügel dem Nihilisten präsentiert werden kann, fliegt die Sache auf. Die Polizei marschiert ins dämonische Klassenzimmer, das man sich in einem alten Sägewerk eingerichtet hat.
Die Macht der Medien ist den Pennälern aber bewusst: Der Berg gelangt in die Öffentlichkeit und gewinnt damit die ultimative Bedeutung, die sich aus der medialen Aufmerksamkeit speist. Am Ende wird er für Kunst erklärt, ein Museum schlägt als erstes zu und kauft den Haufen für dreieinhalb Millionen.
Happy end? Nein, die grausam gewordene Gruppe gerät in Streit, nun jeder gegen jeden. Der Verneiner klettert vom Baum und will schlichten, aber er zieht nun alle Wut auf sich, weil er die Bedeutung des Bergs auf das reduziert, was sie ist: Ein kurzfristiger Medien-Hype. Er wird förmlich totgetreten, dann brennt die Hütte.
Am Ende bleibt nur ein Haufen Asche, von dem sich jeder etwas abfüllt. Für zu Hause, für’s Leben.

Woher kommt diese Wut?
Der Überbringer der schlechten Nachricht ist nie wohlgelitten, und wer sagt, dass alles keine Bedeutung habe, riskiert, dass die anderen das auch für dessen Leben so sehen. Wer hört schon gern, dass das Leben sinnlos ist, vor allem, wenn man grad am Anfang steht? Aus der Verstörung darüber wächst der Wille, das Gegenteil zu beweisen, und dann der Zorn, weil es nicht gelingt.
Pierre Anthon hat der 7a vorgeführt, dass der Lebensplan auf Illusionen beruht. Er lässt sich nicht bekehren und wird zu einem Giordano Bruno der Oberschule. Aber recht hat er – vermutlich – doch.

Faszinierend im analytischen Sinne ist auch die entfesselte Gruppendynamik zu beobachten. Immer einer ist das Opfer, alle anderen hetzen ihn. Begreifen sie nicht, dass sie selbst der Nächste sind? Einer versucht die mörderische Maschine anzuhalten, aber er hat gegen den Rausch keine Chance. Keiner wird mehr rausgelassen, alle müssen schuldig werden. Also denkt auch er sich eine schöne Grausamkeit für den folgenden Kameraden aus.

Man kann sich sicher streiten, ob solche Themen in den 7a dieser Welt gewälzt werden. In unserer Gegend ist das glaub ich erst in der Elften dran. Und für ein Jugendbuch ist das schon ein heftiges Thema, doch es gehört da schon hin. Mit dem Sinn des Lebens kann man sich nicht früh genug befassen, zur Einführung sei auch hier Monty Python empfohlen.

Und wer hat nun wirklich recht? Warum soll ausgerechnet ich das wissen?
Aber vielleicht noch ein paar Fragen dazu.
Wozu denn die Suche nach dem Glück? Warum denn, wenn am Ende doch alles verloren ist und sich die Zellgemeinschaft auf Zeit wieder in ihre Bestandteile auflöst?
Kann ein Glücksempfinden wirklich so tief sein, dass es das Wissen um die Vergänglichkeit des Seins überstrahlt? Welche Motivatoren wirken da noch?
Wird man durch Ignoranz glücklicher? Sicher.

Die einem zur Verfügung stehende Zeit ist – weltgeschichtlich gesehen – tatsächlich nicht mehr als ein Atemzug. Der einzelne Mensch ist weniger als ein Sandkorn in der Wüste, jeder Tropfen im Meer hat größere Bedeutung.
Warum tut man dann mit im großen Gesellschaftsspiel? Warum macht man nicht einfach was man will? Im Zweifel also nichts? Wenn interessiert es denn, ob man sich konform verhält? Doch nur die, die das noch nicht begriffen haben.

Kann man einmal Verstandenes wieder vergessen? … Weiß nicht.

I taking a ride with my best friend

“Faust I” von J.W. v. Goethe in der Regie von Arne Retzlaff, gesehen am 1. April 2013 bei den Landesbühnen Sachsen in Radebeul

Ein schmuckes Haus, das. Modern und praktikabel eingerichtet, dass die Grundsanierung schon wieder ein paar Jahre her ist, merkt man nicht. Für meinen letzten Besuch gilt dasselbe, aber ich kann mich immerhin noch erinnern: „Die Räuber“ waren’s, einige aus dem Ensemble hab ich sogar wiedererkannt.

Der „Faust I“ ist ein Repertoirestück, Premiere war schon im November 2010. Brandaktuelle Bezüge sollte man also nicht erwarten, ebenso wenig eine völlige Neuinterpretation. Ich freu mich auf eine „seriöse“ Umsetzung dieses immer wieder faszinierenden Stoffes ohne regieseitige Bedeutungshuberei. Und hab die Reclam-Ausgabe dabei, man weiß ja nie.

Dass alle drei Vorspiele bzw. Prologe weggelassen werden (nur der im Himmel wird kurz zitiert, nicht von Engeln, sondern von Angels), überrascht dann doch. Dem „Zeitgewinn“ steht das Manko gegenüber, über Mephistopheles Motivation zur Verführung von Faust nun gar nichts zu erfahren. Dass das Allgemeingut im Publikum ist, wage ich zu bezweifeln.

Es beginnt also im Studierzimmer, ein gealterter Faust (Olaf Hörbe) hat Visionen, deklamiert den Hundemonolog in die Kamera mit einem – ach – sehr witzigen Einstieg, wird immer zorniger und ist dem Erdgeist in einem Diamonolog nicht gewachsen. Wagner wird dann von einem Chor von Rechenknechten gegeben, warum nicht.
Faust versinkt angesichts seiner Unzulänglichkeit wieder in Trübsinn, überlegt kurz, sich mittels rezeptpflichtiger Betäubungsmittel aus dem Rennen zu nehmen und hört zum Glück die Osterglocken. An den gleichnamigen Blumen fehlt es im Revier, die geputzten Menschen kommen als Fitnessgruppe daher. Man turnt indoor, das passt ja auch zum Wetter. Alles sehr dicht am Originaltext, von einem albernen Witzchen abgesehen.

Der Pudel entfällt, ohne größere Umstände tritt Mephisto in die Stube. Äußerlich scheint er als Zwilling des Faust, beide in einer Art Mitropa-Kellner-Uniform, es passt inhaltlich, sie begegnen sich auf Augenhöhe. Es wird jetzt sehr viel deklamiert, nur Mario Grünewald als Mephisto kann sich dazwischen dämonenhafte Szenen erlauben, die ihm bekanntlich gut stehen (ein schönes Wiedersehen mit dem aus Dresdner Tagen bekannten und geschätzten Schauspieler).
Die Wette ist hervorragend gespielt, im Anschluss dann allerdings viel Streichpotential.

Eine spärliche Bühne hat es hier: vorn ein schmuckloser Stuhl, auf den eine Kamera zeigt, im Hintergrund ein halbtransparenter Vorhang, der bei Bedarf durchscheinend wird und die Szenen im Hintergrund aus dem Dunkel reisst. Gefällt mir gut.

Die Schüler-Szene ist seltsam kastriert. Die Überbleibsel hätte man auch noch weglassen können, außer das sie den (späteren) jungen Faust ins Geschehen bringt, bleibt nichts an Aussage übrig. Schade, da hätte sich M. G. austoben können.
Dafür kommt Auerbachs Keller in voller Breite und mit großer, militanter Besetzung. Leider wirkt das wie Felsenbühne, und der Szenenausstieg ist nicht mehr als eine Verlegenheitslösung. Schade.

Die Hexenküche besteht aus einer Bussi-Gesellschaft mit Verjüngungsapparat. Faust hat eine Gretchen / Helena – Erscheinung und auf einmal auch Interesse an kosmetischen Eingriffen.
Die Begegnung mit dem echten Gretchen enthält auch den elegant gelösten Übergang zum jungen Faust. Dann ist Pause.

Der alte Faust Hörbe dominiert naturgemäß den ersten Teil, aber auch Mephisto Grünewald setzt Akzente.
Der Weißwein kommt hier vom Gut Hoflössnitz, so gehört sich das auch. Man hat Muße, das doch recht zahlreiche Publikum (80% etwa des Saales sind gefüllt) zu betrachten und trifft sogar Akteure einer mittlerweile renommierten Laienbühne der Radebeuler Nachbarstadt.

Jetzt setzt sich ein junger Faust (René Geisler) auf den heißen Stuhl, der alte geht ab. Aus einer wunderlich schwarzweißen Gesellschaft löst sich Gretchen, ganz in unschuldigem Weiß natürlich. Eine sehr lyrische Szene, ja, die mit dem „Arm und Geleit“, dann geht es schwungvoll zu Mephisto, dem ab sofort Dirnenbeschaffer. Faustens Schwärmen überzeugt jedoch nicht ganz.
Margarete, im Ballerina-Röckchen, singt schön in ihrem Zimmerchen und denkt an den fremden Herrn. Nach und nach wird sie aber übertönt von einer dramatischen Musik, gute Idee. Sie findet das von den Herren eingeschmuggelte Kästchen und entwickelt umgehend ein erotisches Verhältnis zur überdimensionalen Kette. So einfach geht das also.

Auftritt der Kupplerin Marthe (Julia Vincze), einsame Strohwitwe. „Mon coq et mort“ ist derzeit noch Wunschdenken. Aber Mephisto tut ihr den Gefallen und bringt die fro-, äh, traurige Botschaft. Grünewald ist hier ein großer Komödiant und wird mit einer Einladung zur Soireé belohnt. Ja, auch das Fräulein von nebenan wird dabei sein, und er darf noch einen Freund mitbringen.
Der Auftritt der jungen Dame ist eher eine Zuführung, noch sträubt sich Gretchen. Aber der Schaumwein tut das Seine. Die Veranstaltung pendelt dann zwischen Swingerparty und Veronascher Balkonszene. Aber irgendwie kriegen sich alle, jeweils auf ihre Art.
Faust und Gretchen sind fortan füreinander entflammt, und während sie dies am Spinnrade besingt (hier als Tanz im heimischen Käfig), geht er die Sache erst noch mal theoretisch an. Aber die Praxis hat die besseren Argumente.
Der alte Faust sieht mürrisch zu, er kennt das Ende ja.

Heinrich ist ein herzlich guter Mann, soviel ist klar. Aber die Gretchenfrage wird auch hier zwar liebevoll, doch nachdrücklich gestellt. Heinrich windet sich wie Tausend Fäuste vor ihm.
Ein gewisses Problem stellt übrigens über den ganzen zweiten Teil dar, dass Faust und Gretchen eher wie Romeo und Julia wirken. Da ist kein (Erfahrungs-) Gefälle, die eine ist so naiv wie der andere. Das beeinträchtigt die Geschichte doch ein bisschen.

Es kommt wie es bei Goethe beschrieben ist: Mephisto leistet Beihilfe zum Beischlaf, Faust zum Mord an der Mutter und Gretchen verliert die Unschuld und gewinnt Schuld. Auch wenn es hier anders klingt, es ist eine sehr poetische Szene, die die drei dort auf der Bühne haben. Bei Goethe wird das ja dezent beschwiegen, was in jener Nacht passiert, da muss die Dramaturgie schon was Eigenes finden. Dieses hier ist sehr gelungen.
Auch die Brunnenszene, wieder in großer Besetzung und mit umherhängenden Eimern, ist großartig. Der Auftritt von Valentin geht hingegen unter, seine Erdolchung durch das Doppel Faust/Mephisto ist kaum sichtbar.
Der alte Faust sieht inzwischen sehr nach Magengeschwür aus.

Die Dom-Szene entfällt, das ist auch nicht schlimm. Gretchen (Dörte Dreger) glänzt inzwischen auch so.

Es folgt der Höhepunkt der Inszenierung, die Walpurgisnacht. „I taking a ride with my best friend“, singt ein enthemmter Faust. Da ist richtig Leben auf der Bühne, eine Orgie reinsten Wassers wird zelebriert. Schöne, volle Bilder, zwei oder drei Leute mehr wären noch besser gewesen, aber man weiß ja um die knappen Ressourcen. Der Auftritt von Lilith bringt das Fest zum Kochen, allein dafür haben sich die zweimal 3,80 € (VVO, Preisstufe 2) gelohnt. Und die 15 € für die Eintrittskarte sowieso.
Unvermittelt erinnert sich Faust (den man überflüssigerweise hier der Damenwelt zugeordnet hat) an Gretchen. Da war doch noch was? Betreten löst sich die Fete auf, die Stimmung ist im Eimer.
Nun soll Mephisto schuld sein. Warum hast Du nicht …? Dass Herr Faust sich hätte auch mal selbst bemühen können um seine junge Gespielin, darauf kommt er nicht. Nun aber retten, was nicht mehr zu retten ist.

Übrigens – und da lehne ich mich weit aus dem Fenster meiner Souterrainwohnung, theaterwissenschaftlich gesehen – liegt für mich hier eine große dramaturgische Schwäche unseres Nationalepos. Wie kommt Faust von seinem glühenden Verlangen auf einmal zu einem völligen Vergessen des Gretchens über mindestens neun Monate hinweg? So schlecht kann der Sex doch nicht gewesen sein? (OK, das war albern, nehm ich zurück)
Mir ist das aber nicht plausibel, die Geschichte hakt an dieser Stelle. Dass Faust nicht der strahlende, strebende Held ist, als der er früher gerne dargestellt wurde, ist ja inzwischen Konsens, aber wie wird er zum egomanischen Mädchenverderber ohne Moral und Gewissen? Ist er das in sich drin schon immer? Aber wie zeigt sich das vorher? Rätselhaft. Hier sollte Herr v. Goethe nochmal nachbessern.

Zurück im Geschehen, das heißt jetzt im Kerker. Gretchen ist schon drüben, geistig gesehen. Jede Hilfe kommt zu spät. Dass das so ist, ist klar, aber wie es (von ihr) dargestellt wird, ist großartig. Dörte Dreger krönt ihre Leistung mit einer phantastischen Kerkerszene, und sieht dabei auch noch unglaublich gut aus. Eine schöne Frau kann halt auch der aufgeschminkte Wahnsinn nicht entstellen.

„Ist gerettet!“ als versöhnlicher Schlusssatz fehlt hier. Und das ist auch gut so. Woher sollte die Rettung denn kommen?

Freundlicher, langer Beifall, ohne Euphorie, aber zur Euphorie neigt man hier sicher ohnehin nicht.
Ich habe eine gute Inszenierung gesehen (die wenigen Schwachstellen hab ich oben beschrieben) und eine geschlossene Ensembleleistung. Dörte Dreger und Mario Grünewald ragten alles in allem heraus, was ich hier auch gern bescheinige.
Mein letztlich einzig ernsthafter Einwand: Die dramaturgische Idee, den Faust in alt und jung zu teilen, ist nachvollziehbar, wird aber nicht zu Ende gebracht. Dem Alten bleibt in der zweiten Hälfte nicht mehr als eine Beobachterrolle, der Junge kommt im ersten Teil nicht vor. Da wird viel Potential verschenkt.

Die Landesbühnen sind ein respektables (dank Kooperationen) All-Sparten-Haus, das manchmal vielleicht im medialen Schatten der großen Häuser der Nachbarstadt steht. Aber hier wird ein interessantes Programm geboten, nicht nur „für das Umland“, und eine Reduzierung auf die Felsenbühnen-Bespielung verbietet sich. Auch der verwöhnte Dresdner beiderlei Geschlechts sollte dem etwas Aufmerksamkeit widmen, in 25 Straßenbahnminuten ist man dort.

http://www.landesbuehnen-sachsen.de

Heiterkeit und Krieg und Frieden für das russ’sche Vaterland

“Krieg und Frieden” nach dem Roman von Lew Tolstoi in der Regie von Matthias Hartmann, Gastspiel des Burgtheaters Wien am 16./17. März 2013 im Staatsschauspiel Dresden


Viereinhalb Stunden. Man betritt das Theater und nickt zufrieden. Die Bedeutung von Inszenierungen misst sich an der Dauer. Und die Intendantur ist offenbar auch sportpädagogisch bewandert und führt uns sanft an den Marathon heran, Faust Eins bis Unendlich im Mai.
Aber, wie jetzt, zwei Pausen? Sind wir hier in Bayreuth? Schnürschuh-Theater, verweichlichtes! Im preußischen Berlin wird so was durchgesessen! Von wegen Hart-Mann! (Und was das wieder kostet an den Pausenbars!)
Na gut, der Weaner mag’s halt kommod. Lassen wir uns drauf ein und hören auf zu blödeln.

Der berühmte lange Tisch füllt die Bühne, ja, natürlich, in Wien ist er noch viel länger. Man wird eingeladen, in den Pausen das Bühnenbild und das Modell des Kasinos zu bestaunen. Trotz einjähriger öffentlicher Probe scheint es immer noch „work in progress“ zu sein, zumindest versucht man den Eindruck zu erwecken.
Die Einführung ist gewollt umständlich, dann scheint Guido Knopp auf der Bühne zu stehen. Der Eindruck verfliegt aber schnell, es geht in die erste Schlachtszene, und man ist fasziniert, mit welch einfachen Mitteln und einem exquisiten Ensemble (was ich noch öfter würdigen werde, Sie dürfen mitzählen) das Grauen einer Kampfhandlung vermittelt werden kann.
Dann die leistungskursartige Vorstellung der handelnden Personen, das ist witzig, das hat Tempo, das schadet nicht an dieser Stelle. Zumal, wenn man ein solch hervorragendes Ensemble beieinander hat.
Rechts oben über der Bühne wird der Bezug zur jeweils aktuellen Seite im Tolstoischen Schmöker hergestellt und damit Werktreue bewiesen. Auch das eine originelle Idee.

Abgefilmte Puppen spielen im Hintergrund eine wesentliche Rolle, stellen mal eine Schlachtenszene, mal eine Ballsituation her. Der anrückende Kriegslärm wird noch vom Summen der höfischen Drohnen übertönt.
Die Erzählweise ist … ja, eine stark szenisch orientierte Lesung, oder eine theatrale Umsetzung mit rezitativen Anteilen. Die Figuren treten ständig aus sich heraus, spielen und beschreiben im Wechsel. Das ist großartig, das macht Spaß beim Zusehn, so fliegt man förmlich durch das Werk.

Der Krieg kommt den gelangweilten Herren der Gesellschaft wie gerufen. Sie können türmen aus der ungeliebten Gesellschaft, wo täglich „Adel im Untergang“ gegeben wird.
Eine der Hauptfiguren, Pierre, erinnert ein wenig anTewje den Milchmann, trägt aber trotzdem die Handlung durch Saufgelage, die irrwitzige Wetten produzieren, die das wunderbare Ensemble fast wie ein Ballett umsetzt.

Darf man bei diesem Stoff soviel lachen? Manchmal kommt man sich vor wie in einem Comic. Erste Zweifel am inszenatorischen Ansatz.
Die Dialoge sind meist Kleinode, vor allem, wenn sie die ernsten Themen beleuchten. Aber auch ansonsten sind sie extrem gut gespielt (vom gesamten Ensemble) und äußerst unterhaltsam.
Noch eine Kriegsszene, in die man abrupt wechselt und die in großartig-grauenhaften Bildern daherkommt, dann ist Pause. Im Foyer werden Brote aus der Alufolie gewickelt, cool.
Der Devotionalienstand der „Burg“ ist klischeegerecht mit einem älteren Herren mit Wiener Schmäh besetzt, es macht Freude, Banales zu fragen.

Fürst Bolkonskij sen. weiß nach der Pause, dass Müßiggang und Aberglauben die Todsünden sind und nur Tätigkeit und Verstand dagegen helfe und lebt entsprechend. Bzw. lässt leben. Fürst Andrej bringt seine schwangere Gemahlin zum Vater aufs Land, die Schwägerin hat nun eine Leidensgenossin. Er selber geht Krieg machen.
Unglücklich sind hier alle. Die russische Seele ist tief und schwer. Großartiges Spiel des gesamten Ensembles.
Dann wieder Kriegswirren. Es geht mehr oder weniger heldenhaft zu. Die Umsetzung gelingt durch eine phantastische Choreographie des auf der Bühne versammelten Ensembles.

Es folgt: Comedy. Die Hochzeitsanbahnung von Fürst Wassilij für seinen missratenen Sohn Anatol mit der vermögenden Erbin Marja scheitert großartig, weil jener zur Unzeit die Finger auf der Gesellschaftsdame Bourienne hat. Dumm gelaufen.
Man philosophiert. Eine klare Quelle, ein schmutziger Becher, was soll da draus werden? Sinnkrise.
Pierre entwickelt sich inzwischen zum Gutmenschen. Es gibt einen Silvesterball, sehr schön wieder illuminiert mit den Puppen, Natascha, das junge Ding aus dem angesehenen Hause Rostow, entdeckt die erste Liebe: Den Fürsten Andrej, dessen Frau im Kindbett starb. Aber der gestrenge Vater des Bräutigams verlangt ein Jahr Aufschub zur Prüfung der Gefühle. Keine gute Idee.
Das Ensemble ist (auch) in den Kleinigkeiten groß, das macht seine Qualität aus. Jetzt weiß ich, was „auf Anschluss spielen“ wirklich bedeutet.

Der Krieg rückt näher, verdrängt die Romantik. Ein öffentlich sterbender Offizier als dramaturgischer Kontrapunkt wird auch so benannt und vom Publikum dankbar beklatscht. Aha, man nimmt uns ernst.
Der Videoeinsatz ist fast schon genial zu nennen, er öffnet dem Stück eine weitere Dimension.
Es geht in die Oper. Das Bühnengeschehen gibt einer der Akteure ganz allein, spätestens jetzt ist das Eis im Parkett endgültig gebrochen. Kann man das wirklich so verulken? Im Prinzip ja, sagt Radio Eriwan.

Natascha entdeckt Liebe Nr. 2, den Tunichtgut Anatol, und verfällt ihm augenblicklich. Seine Schwester Hélène, gefeierte Moskauer Schönheit und der Aktenlage nach Gemahlin von Pierre Besuchow (der inzwischen den Grafentitel und ein riesiges Vermögen geerbt hat, können Sie noch folgen?) betätigt sich als Kupplerin und lädt Frl. Natascha zu einer Sau-Reh oder so ein. Jene wird eine leichte Beute des Herzensbrechers.
Die geplante Entführung der Dame scheitert allerdings kläglich, Anatol flüchtet vor der Schmach ins Feld der Ehre.

Tolstoi wird mehr und mehr persifliert, man macht den schwerblütigen Stoff damit genießbarer, schießt aber an und an, halten zu Gnaden, übers Ziel hinaus.
Es sind weiter die Kleinigkeiten, die am Spiel des Ensembles begeistern. Dennoch verliert die Aufführung am Ende Tempo, es wird dann doch melodramatisch, alles wertvolle Menschen, leider liebt man überkreuz.
Die letzte „gespielte“ Szene, das Schlachten bei Borodina. Auch das wieder fürchterlich und gut. „Genug, was tut ihr“? sagt der Regen.

Man will uns nicht so aus dem Abend entlassen. Jede handelnde Figur wird (analog zum Anfang) bis zum meist bitteren Ende beschrieben. Nur Natascha wird mit ihrer dritten Liebe Pierre glücklich, alle anderen sterben irgendwie, auch wenn sie weiterleben. Auch dies großartig gespielt, hier dürfen alle nochmal richtig zeigen, was sie können.
Alles Unglück entspringt dem Überfluss, lernen wir am Ende. Da weiß ich nichts dagegen.

Man darf den Beifall frenetisch nennen. Ein ausverkauftes Schauspielhaus feiert die Gäste, erhebt sich, ruft Bravo. Offensichtlich ein Volltreffer ins Herz der Dresdner.

Dennoch seien mir einige relativierende Anmerkungen erlaubt:
Man muss sich darüber im Klaren sein, dass hier der FC Bayern des deutschsprachigen Theaters zu Gast war. 50 Millionen Euro Basis-Jahresetat sorgen natürlich dafür, dass bis hin zum Masseur jede Position erstklassig besetzt ist. Und das führt dann dazu, dass kein Stück dank der hervorragenden Individualisten wirklich schlecht sein kann, auch wenn die Taktik (Dramaturgie) mal nicht die beste ist.

Ich habe Zweifel, ob man „Krieg und Frieden“ wirklich so aufführen sollte, als Gesellschaftskomödie, die gelegentlich von herzzerreißenden Schlachteszenen unterbrochen wird. Auch wenn das beschriebene Sterben 200 Jahre her ist, der Roman gewinnt seine Qualität aus dem Bezug darauf und nicht aus austauschbaren Sittenbildern der russischen Gesellschaft mit ihrer Vorabendserien-Dekadenz. Deshalb blieb ich auch sitzen beim großen Schlussapplaus.

Wovon ich allerdings uneingeschränkt begeistert war, gerne nochmal: Dieses wunderbare, großartige, begeisternde Schauspielerensemble.
Auch wenn es schwerfällt, will ich einige herausheben:

Yohanna Schwertfeger, die als Natascha vor allem im letzten Teil unglaublich anrührend war.

Ignaz Kirchner vor allem als grantelnder Fürst Bolkonskij.

Oliver Masucci, der selbst Dieter Bohlen rechts überholte.

Und Fabian Krüger in unzähligen Rollen, der als Dolochow exzellent war und als Duport das Haus rockte.

Was bleibt als Fazit? Die Burg war da, zu Schulzens Hundertstem (oder so ähnlich). Mit einer exquisiten Mannschaft, vielleicht nicht mit dem stärksten Stück. Aber sie war da. Das freut einen.

Oh Boy. Oh Jakob Fabian.

“Fabian” nach dem Roman von Erich Kästner in der Regie von Julia Hölscher, auf die Bühne gebracht von ebenjener und Felicitas Zürcher, Uraufführung am 15. März 2013 im Staatsschauspiel Dresden

Es: Das Jakob Fabian, ein planloses Menschlein in einer großen Stadt in einer gar nicht großen Zeit. Berlin, 1931.
Es windet sich. Sie winden, sie räkeln sich. Es kriecht, es wimmelt durch die Nacht. Den Vertrag für die Befrie(di)gung der Rechtsanwaltsgattin schlägt es aus. Dummer Fehler.
Es liest einen Mutterbrief. Sehr anrührend, kennen wir.

Es swingt, alle swingen, die Herren in Sockenhaltern. An der Bar gibt es Nachschub an Frohsinn.
Es zuckt. Unruhevolle Jugend? Eher ADHS.
Brauchen wir Männerbordelle? Von mir aus doch, solang man nicht zwangsrekrutiert wird, meint der Rezensent.

Wir müssen alle etwas wollen, nicht nur die Helden. Es aber nicht. Wo kein Wille ist, ist vielleicht trotzdem ein Weg.
Es schlingert. Es klammert sich an die Bar.

Die schlagen sich, die Linken und die Rechten. Vertragen werden sie sich nicht, wie auch. Es ist es egal.
Dr. Labude, der Freund, erleidet ein Pendlerschicksal. Sex nach Kalender ist nicht das Wahre. So weit, so traurig. Es kann da auch nicht helfen.
Es tanzt. Es paart sich.
Wenn die Frau eine Ware ist, macht Billigkeit misstrauisch. Wo ist der Haken?
Berlin ist ein Irrenhaus. Sicher doch.

Es lernt sie kennen. Sie! Es trommelwirbelt die ganze Nacht. Es scheint glücklich.
Morgens im Büro bewirbt es Zigaretten, beflügelt von der Liebe. Dann wird es gekündigt. Es ist schockiert.
Es begegnet dem Immer-wieder-sich-selbst-Erfinder, es ist fasziniert und beherbergt ihn.
Armut macht besonders frei. Nothing let to lose. Das Elend zeigt sich eindrucksvoll, 2,72 Mark pro Tag und Mensch.
Es bettelt. Es wird ausgeraubt. Und für das Männerbordell ist es schon zu alt.

Mama ist zu Besuch. Soll nichts merken.
Es sponsort die Karriere seiner Liebe mit seinem letzten Geld. Dummerweise ist sie erfolgreich. Es kann jetzt gehen. Man kommt nur aus dem Dreck, wenn man sich selber dreckig macht, sagt sie.
Es macht alles. Bzw. würde alles machen, wenn man es ließe. Die Talente reichen immerhin zum Verhungern.

Dann seltsamer Dialog zu dritt. Es versucht sich freizuvögeln. Wenns hilft? Es bleibt der, der er ist. Die Hoffnungslosigkeit begleitet es fortan.

Labude ist nun in allen Fächern durchgefallen, glaubt er. Er nimmt sich aus dem Rennen.
Das Leben ist ein Zyniker. Labudes Tod ist Folge eines universitären Scherzes. Haben Sie Humor?
Es entsetzt sich. Ab nach Hause. Nach Dresden.

Früher wars schöner. Es bewegt sich rückwärts und begegnet der Vergangenheit. Seit es groß ist, wartet es auf den Startschuss. Leben im Wartestand. Das kann man in Dresden besonders gut, hier ist alles „ehemalig“, die ganze Stadt scheint paralysiert.
Es erleidet einen Wutausbruch. Ist das die Wende? Nein.

Es scheitert am ersten Versuch einer großen Tat. Es ertrinkt bei einer versuchten Rettung. Es ist gescheitert.
Lakonisches Ende. Jakob Fabian, er war einer von Hunderttausenden.

Kästners Satire über die frühen dreißiger Jahre ist – offensichtlich zu Unrecht – kaum bekannt. Diese heute und hier in Dresden auf die Bühne zu bringen, ist instinktsicher und zweifellos eine gute Idee. Fabian, ein Falladascher „Kleiner Mann“ ohne Anhang und Vorstellung vom Platz im Leben, aber die Schicksale ähneln sich.

Eine Einordnung ins Heute fällt schwer. Gegen ´31 ist das aktuelle Geschehen hier pillepalle, aber ein paar hundert Kilometer weiter südlich ist ´31 Realität. Und das Stück läuft ja sicher noch eine Weile, wer weiß schon, was die Zukunft bringt.

Die Bühne bildet einen angemessenen Rahmen, das Geschehen spielt sich auf zwei Podesten und dem Raum dazwischen ab, im Hintergrund eine unterbrochene, durchlässige Wand. Alles sehr grau, im Gegensatz zum bunten Treiben. Das Leben entspringt meist den Luken in den Podesten. Wenig Schnörkel, kaum Requisiten.

Zur darstellenden Compagnie: Keiner fiel nach unten ab, alle wurden dem sehr bewegungs- und körperbetonten Inszenierungsansatz gerecht, auch die „reinen“ Schauspieler. Vom Sänger hätte ich mir mehr Beiträge erhofft, die Tänzerin Romy Schwarzer hatte auch wenig Gelegenheit, sich auszuzeichnen. Dies gilt für Johanna Roggan zwar nicht, aber oftmals waren es undankbare Rollen, mehr Objekt als Subjekt. Dennoch ein nachhaltiger Eindruck bei mir.

Jan Maak und Ahmad Mesghara als Multi-Rollisten fand ich sehr gut, ebenso Lea Ruckpaul als Fabians Geliebte Cornelia. Die Krone möchte ich aber diesmal zwei Herren aufsetzen: Thomas Braungardt als Labude war anrührend, authentisch, fesselnd. Und Philipp Lux in der Titelrolle trug das Stück, gab den Takt vor, um ihn herum drehte sich das Geschehen. Wieder einmal eine erstklassige Leistung.

Der Regisseurin Julia Hölscher ist ein Kompliment zu machen: Sie hat aus einem Stoff, der von Hause aus mit Theater nicht viel zu tun hat, gemeinsam mit der Dramaturgin Felicitas Zürcher (deren Arbeiten am Haus bisher immer hochklassig waren) ein Stück gemacht, das zu den Höhepunkten in dieser mit Highlights fast überladenen Dresdner Saison gehört. Kein Überflieger, sicher auch nichts für das Theatertreffen, aber eine Inszenierung, die etwas zu sagen hat. Eine lange Laufzeit ist zu wünschen.

PS: Ach ja, der etwas eigenartige Titel dieses Beitrags.
„Oh Boy“, ein Film von Jan Ole Gerster, der unglaublich dicht an dieser Handlung dran ist. Da taumelt auch einer durch Berlin und merkt gar nicht richtig, was ihm geschieht. Ich hielt es für angemessen, das zu zitieren.

Weltall, Kirche, Mensch

„Leben des Galilei“ von Bertolt Brecht / Margarete Steffin in der Regie von Armin Petras, Premiere am Staatsschauspiel Dresden am 9. März 2013

Zu Beginn eine gleißende Helle, als ob man in die Sonne schaut. Die Kunst ist erstmal anstrengend, der Sinn erschließt sich erst später.
Ein Focaultsches Pendel schwingt zwischen raumhohen Spiegeln, mühsam ist es zu erkennen.

Das Licht geht aus, erleichterter, dämlicher Applaus, mich erfasst Fremdscham.
Galileo rezitiert seine Erkenntnisse, der Hintergrund füllt sich mit Lauschern. Er stiftet Verwirrung und Durcheinander, der Mittelpunkt ist weg.
Seine weitere Karriere ist auf ein Plagiat gestützt, er verkauft das Fernrohr aus Holland als seins und erntet den Ruhm. Die Übergabe an den Dogen von Venedig spielt die Tochter nach, das ist witzig. Dann eine Menge Italo-Klischees, eine Gehaltsverhandlung, Wolfgang Michalek witzelt sich in einer seiner vielen Rollen in Fahrt.
Es gibt Zitate aus der Dreigroschenoper, dann noch ein Faustscher Hundemonolog: Galilei ist groß, aber unzufrieden. Sehr schöne Bilder in der Folge, auch viel Pantomime. Die aufgebaute Kunst bleibt nicht stehen, sie fällt um bzw. entwickelt sich weiter.
Bühnennebel zieht in den Saal, die älteren Damen neben mir husten demonstrativ. Galileis Entdeckung auf den Punkt gebracht: Da ist kein Halt im Himmel. Da ist auch kein Platz mehr für Gott.

Die Tochter (Julischka Eichel eher unterfordert) muss ein Dummchen spielen, auch die Haushälterin (eine souveräne Nele Rosetz für die erkrankte Karina Plachetka) hat die Klischees zu bedienen. Minderlustig. Auch Sebastian Wendelin, der ansonsten als Andrea Sarti großartig ist, macht als singender Kastrat keine tolle Figur. Dann sind auch noch die Requisiten störrisch.

Galilei, nunmehr am florentinischen Hof, will einen Beweis per Augenschein erbringen, wird aber in einen formalen Disput gezwungen. Dieser ist erstklassig in Szene gesetzt, der Mathematiker sagt, es kann nicht sein, der Philosoph, es ist nicht nötig, der Theologe, es ist gefährlich. 3:0 für den AC Florenz.
Die katholische Dialektik ist einfach: Wenn das Fernrohr Ergebnisse bringt, die von der Lehre abweichen, kann es nicht zuverlässig sein. Also ist damit gar kein Beweis möglich.
Soll man (nicht) fragen, wohin die Wissenschaft uns führt? Die Frage scheint heute genauso aktuell wie damals.

Die Pest bricht aus, auch das faszinierend dargestellt auf der Bühne. „Keine Panik!“ ist die Parole, die mit Galilei zurückgebliebene Haushälterin stirbt trotzdem. Für die Wissenschaft?
Das Teufelsrohr, was dieser Galilei da anschleppte, scheint gefährlich. Am Ende ist die Erde auch nur ein Stern! Vorsichtshalber wird ein ptolemäisches Gebet gesprochen.
Krachbumm-Musik setzt ein, die Szenen werden jetzt untertitelt. Es folgt eine Zitatenschlacht mit Kardinal Barberini, die die Indizierung der „Diskursi“ aber nicht mehr abwenden kann. Galilei ist fortan verboten.

Der Mönch, der kurz danach Galilei seine Abkehr von der Wissenschaft erklären will, hat bedenkenswerte Argumente: Leben die Menschen auch in Armut, so leben sie doch in einer Ordnung und wissen, dass jemand sie leitet und über sie wacht. „Kein Aug liegt auf uns? Kein Sinn im Elend?“ Ordnung ist wichtiger als Wissen.
Danach Albernheiten mit Tonband. Wendelin pendelt und entlässt uns in die Pause.

Die Transformation ins Heute erscheint gar nicht schwierig. Wenn jemand das herrschende Finanzsystem in Frage stellte, z.B. nach der Berechtigung des Zins fragte, oder einfach den Besitz an Boden und Immobilien grundsätzlich negieren würde, wären die Reaktionen sicher ähnlich, auf die heutige Art. Aber warum soll man diese Fragen nicht stellen? Dass die Erde eine Scheibe ist, war früher genauso Grundkonsens wie heute die Mär vom Wachstum als Heilsbringer.

Nach der Pause muss Virginia weiter blödeln, es nimmt kein Ende, sie kann einem leid tun. Gut gemeint ist das Gegenteil von gut, das bestätigt sich immer wieder.
Acht Jahre später, die Spiegel sind inzwischen blind, das Pendel steht still. Galilei hat sich eingerichtet, eine Knoff-Hoff-Show seiner Mitarbeiter findet statt, die aber ebenso wenig zur Wahrheitsfindung beiträgt wie die folgende Schmonzette zwischen Virginia und Ludovico, die dann fast peinlich wird.
Der alte Pabst geht, habemus papam Barberini, zur Feier des Tages wird Wein aus Plasteflaschen getrunken, wohl bekomm’s. Galilei forscht jetzt wieder, das Fräulein Tochter verliert daraufhin den Bräutigam. Wir müssen alle Opfer bringen. Für die Wissenschaft?

Der eiserne Vorhang senkt sich. Abbruch? Nein, W. Michalek tritt davor und muss nun auch den Kaspar geben. Natürlich macht er auch das großartig, einer wie er könnte auch das Telefonbuch zur Verlesung bringen und das Publikum damit begeistern, aber dem Ablauf des Stücks wird damit endgültig das Genick gebrochen.
Erst als Michalek in den Eisler-Song einsteigt, gewinnt die Szene Relevanz zurück. „Man scherzt nicht mit der Bibel“, wohl wahr.
Zurück im Spiel. Man lässt Galilei waren, das Publikum auch. Das Pendel schwingt wieder, irgendwann kommt es dann aber doch zur Auslieferung nach Rom, warum auch immer. Galilei bewohnt ab sofort einen Käfigwagen.

Der Zweifel sei die Grundlage seiner Forschung, sagt die Inquisition. Und wer zweifelt, ist schon dagegen. Das haben also weder Hitler noch Stalin erfunden.
Cui bono? Der Kirche sicher nicht, also zeigt man ihm die Instrumente.
Währenddessen warten seine Jünger auf das Ergebnis. Eine anfangs phantastische Szene, die leider am Ende wieder in Comedy endet.
Er hat widerrufen. Traurig das Land, das keine Helden mehr hat, oder eher jenes, das Helden nötig hat? Die Antwort bleibt offen.
Ein halbwegs passender 80er-Jahre-Poptitel beendet die Szene.

Galilei im Hausarrest, er wird besucht von Andrea. Mit jenem gelangt eine Abschrift des bösen Buchs in die weite Welt, fernab des Zugriffs der Kardinäle. Aber Galilei bleibt ein Gefangener der Kirche bis zu seinem Ende.
Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit, wie vor zwanzig Jahren Tocotronic so treffend sangen.

Üppiger Applaus am Ende, einige Jubelschreie für das Regieteam, denen ich mich nicht anschließen möchte.

Noch einige Nachbemerkungen:
Das Bühnenbild war großartig, wie viele andere zuvor auch. Ich habe keinen Unterschied zwischen einem renommierten bildenden Künstler und den sonst hier tätigen Bühnenbildnern gesehen.
Neben den schon erwähnten Darstellern möchte ich noch Gunnar Teuber hervorheben, der dem Federzoni Herz und Leidenschaft gab.
Die Hauptrolle war mit Peter Kurth prominent besetzt. Ich sah eine seriöse Leistung, aber nicht mehr. Neben Michalek hatte er schlechte Karten.
Das Programmheft ist äußerst informativ und dabei noch lesbar, vielen Dank dafür.

Zum Schluss: Selten sah ich ein Stück mit einer derartigen Diskrepanz zwischen großartigen, bildgewaltigen Szenen und völlig banalen, sinnfreien Zwischenspielen. Das wird mir noch eine Weile Stoff zum Nachdenken liefern.

F wie Freiheit, T wie Tod

„Die im Dunkeln“ von Mona Becker in der Regie von Bernhard Stengele, Uraufführung am Landestheater Altenburg, gesehen am 8. März 2013

Schön, wenn sich eine solche Mitfahrgelegenheit bietet: Freunde hatten familiär bedingt die Idee, Altenburg zu besuchen und das neue Stück am Theater, das auch überregional einiges Aufsehen erregt hatte, anzusehen. Da muss man doch mit!

Auf der Hinfahrt durch nebelverhangene Landschaften grübele ich, wie man das wohl auf die Bühne bringt: Es soll um den Widerstand in der frühen DDR gehen, der für die Beteiligten oftmals tödlich endete. Eine wahre Geschichte aus Altenburg wird erzählt, eine, die jahrzehntelang keiner wissen durfte und wollte. Das inszeniert sich nicht mit leichter Hand, ich hoffe sehr, keine Enttäuschung zu erleben.

Das Altenburger Theater ist prächtig, plüschig-schön, man merkt die frühere Residenz. Den ersten Kontakt mit dem Stoff bringt wie gewohnt das Programmheft. Dieses hier ist handlich und kompakt, bietet aber eine Fülle von Material zum Thema, ohne den Zuschauer zu überfordern, wie es anderswo manchmal geschieht. Es ist der beste Begleiter durch das Stück, den man sich vorstellen kann, dafür schon mal ein großes Lob.

Der Saal ist voll gefüllt, was dem Vernehmen nach hier nicht üblich ist. Die Altenburger scheinen gewillt, sich mit diesem Teil ihrer Geschichte auseinanderzusetzen. Mir wurde ein Platz in der ersten Reihe zugewiesen, das hat Vor- und Nachteile. Vom Rang aus sieht man hier auch sehr gut, stelle ich fest. Naja, beim nächsten Mal.

Am Anfang herrscht totale Finsternis. Dann schält sich langsam eine Vorgeschichte heraus, erst die Nazis mit den erst später wahrgenommenen Gräueln, dann kurz die Amis und dann die Russen, bei denen man schon bald die Tendenz zum Totalitarismus bemerkt.
Ein kluger dramaturgischer Griff: Es gibt zwei Erzähler, die abwechselnd sich selbst mit 19 spielen und dann – die Mäntel der Geschichte überstreifend – die Geschichte aus Sicht der Veteranen schildern. Diese zwei gibt es wirklich, sie haben bei der Entstehung des Stückes mitgewirkt und wurden zur Premiere umjubelt.
Auch andere treten kurz aus ihren Rollen, um sich vorzustellen. Das hört sich dann z.B. so an: „Flack, Siegfried, Lehrer, 22, 1950 in Moskau erschossen“. Spätestens jetzt wird klar, dass das kein leichter Abend wird.

„Nicht so laut“ ist das ständige Motto dieser Jahre, Geschichte wiederholt sich offenbar doch. Einige, Schüler wie Lehrer, wollen das nicht hinnehmen, leisten zunächst intuitiv Widerstand, werfen Flugblätter, finden sich zu Gruppen zusammen, malen das „F“ für Freiheit an die Wände der Kreisleitung, planen schließlich eine Störsenderaktion zu Stalins Siebzigstem.

Das Stück versteht sich – wenn ich es recht verstehe – als Doku-Schauspiel, das zieht mitunter langwierige und hölzerne Diskussionen auf der Bühne nach sich. Man begreift schnell die Motivation der Widerständler, danach wiederholt sich vieles. Es gibt „Wir“ und „Ihr“, eine klare Kante dazwischen, die „Ihr“-Seite bleibt unbeleuchtet.
Für die „Wir“’s gibt es gelegentlich Revolutionsromantik, aber auch die interessante Frage, ob jene in ihrem jugendlichen Furor nicht von der „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ (KgU), die von Westberlin aus agierte, nicht unnötig in Gefahr gebracht und geopfert wurden. Auch das ist ein bedenkenswerter Teil der Geschichte.

Die Einordnung in das zeitliche Umfeld erfolgt im Wesentlichen über Musik, Tanz und die Kostüme. Das gelingt (meist) gut, wirkt nur manchmal etwas unmotiviert (der Bruch durch den „Zug nach Kötzschenbroda“ ist schon heftig). Später gelingen dann großartige Bilder, wie die Darstellung der Verhaftungen, bei der jeder Geschnappte aus der großen Tanzrunde ausscheidet. Der Fuchs geht um, am Ende bleibt kaum einer übrig auf dem Parkett, alle sind verdächtig.

Zuvor noch der Höhepunkt des Widerstands, der Bau und Einsatz eines Störsenders zur Pieckschen Rede zum 70. von Väterchen Stalin. Das ist sehr gut in Szene gesetzt, die Antenne zieht sich quer durch den Zuschauersaal, die Anspannung ist allen Akteuren anzumerken. Ein paar Minuten sind sie auf Sendung, dann fährt ein Auto verdächtig nah vorbei, es wird abgebrochen und blitzschnell abgebaut. Für’s Abi lernen muss man ja auch noch.
[Ein trauriger Treppenwitz der Geschichte ist übrigens, dass bis heute nicht klar ist, ob die Störsendung überhaupt jemanden erreichte. In den späteren Urteilen spielte dies kaum eine Rolle, da ging es um die Flugblätter und vor allem um Spionage.]

Ein Vierteljahr später dann besagte Verhaftungswelle, die quälend langen Verhörszenen verursachen fast Brechreiz. Immer wieder die Schläge des Holzhammers auf den Tisch, alle schrecken hoch. Mit Schlafentzug werden sie weichgekocht, das Aufgeben ist nur eine Frage der Zeit.
Den Akteuren gelingt die Gratwanderung zwischen realistischer Darstellung und peinlichem Übertreiben. Die Vernehmer (unnötig karikiert mit blechbehangener Brust) treten am Ende kurz aus ihren Rollen, versuchen zu erklären, tun Zweifel kund. Schwarz-Weiß ist hier nicht angebracht, dieses Thema wäre sicher auch noch ausbaubar gewesen.
Vorangegangen war die für mich stärkste Szene des Stücks: Der Chor der Angehörigen, die auf der Suche nach den Verhafteten Bettelbriefe an die Organe schreiben. Erinnert mich an Chile, Argentinien, die Demonstrationen der Mütter. Beklemmend, erschütternd, alle im Saal sind angefasst. Szenenapplaus, völlig zu Recht.

Die sowjetische Nationalhymne im tiefsten Moll leitet die Gerichtsverhandlung ein. Vier mal Erschießen. Alle anderen Angeklagten gehen ab, die vier Todgeweihten bleiben zurück und dürfen noch ein Gnadengesuch nach ganz oben reichen. Abgelehnt, klar. Einer, Hans-Joachim Näther, verweigert auch dies, konsequenterweise erkennt er das (sowjetische) Gericht nicht an. Dass seine Gedichte im Laufe des Stückes mehrere Male rezitiert werden, halte ich allerdings für keine gute Idee. Dokumentarisch sicher wertvoll, aber die ihnen zugewiesene Rolle im Text füllen sie nicht aus, zu simpel sind sie gestrickt.
Den dann folgenden Wechsel zum Schlager kann ich nur Quark nennen.

Im Zug nach Moskau. Selbstgespräche der Verurteilten, Albträume, Apathie, Verzweiflung, Ruhelosigkeit, wir sehen die ganze Palette. Im Traum erscheint Sophie Scholl, untermalt mit Heine-Zitaten, der Frage, ob sie in Kenntnis des Endes auch so gehandelt hätte, weicht sie aber aus.
Die Erschießung selbst wird beeindruckend in Szene gesetzt. Einer nach dem anderen wird von der Liste der Lebenden gestrichen. Dann noch der Auftritt einer Angehörigen, die sich jahrzehntelang um einen Toten sorgte, auch dies ergreifend, ein guter Schlusspunkt.
Doch Autorin und Regie haben die beiden Erzähler nochmal vorgesehen: Diese finden heroische Worte für die Botschaft, Auflehnen gegen Ungerechtigkeit sei Pflicht. So wahr, so banal. Da unterschätzt man das Publikum ein wenig. Hoffe ich.

Das Stück – ein Auftragswerk – geht die Altenburger etwas an, das merkt man. Fast 100 bleiben zum Publikumsgespräch, was ein wenig schwer in Gang kommt, aber dann doch noch einige Einblicke bietet. Die Autorin Mona Becker (noch jünger als erwartet, was ihr einen unbefangenen Blick auf die Geschehnisse erlaubt) ist neben der Dramaturgin Geeske Otten selbst dabei, der beratende Historiker Dr. des. Enrico Heitzer sitzt im Publikum. Eine übersichtliche Szene.
Dass alle da sind, hat auch mit dem Rahmenprogramm zu tun: Am Sonnabend gibt es eine Tagung zum Thema „Widerstand in der frühen DDR“, das heutige Friedrichgymnasium (als EOS „Karl Marx“ damals ein Hauptschauplatz des Geschehens) beschäftigt sich intensiv mit dem Stoff, ab April wird es eine Ausstellung geben. Man hat das Gefühl, hier wird ein Stück regionale Vergangenheit konsequent aufgearbeitet. Auslöser dafür ist das Theater, das damit einer seiner vornehmsten Aufgaben in bester Weise nachkommt.

Meine eingangs geschilderten Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet. Ich sah ein packendes Stück, das einen schwierigen Stoff dramaturgisch ansprechend auf die Bühne brachte. Kein schöner Abend, aber ein guter.
Aus dem Schauspielerensemble möchte ich niemanden herausheben, alle waren authentisch, eine geschlossene Leistung. Es bleibt dem Landestheater Altenburg zu wünschen, dass der Publikumszuspruch so bleibt und vielleicht auch auf andere Stücke ausstrahlt, wenn die Besucher sehen, was Theater vermag.

Der gute Mensch vom Supermarkt

„Meine Kältekammer“ von Joël Pommerat in der Regie von Christoph Werner, gesehen am 28. Februar 2013 im Puppentheater Halle (deutsche Erstaufführung)

 

Nach dem Theaterexperiment nun anderntags das Puppentheater. Soso. Da will wohl einer Bandbreite beweisen.

Ischschwör, es ist Zufall, durch den beruflichen Kalender bedingt. Jener bescherte mir eine Übernachtung in Halle und zu meinem Glück gab es keinen Klassiker am „richtigen“ Theater. Man muss es fast Vorsehung nennen.

 

Puppentheater, na gut. Sicher ganz nett, muss es ja auch geben. Und Minoritäten sind schützenswert, wissen wir ja. Also begibt man sich mit einem wohlwollenden Lächeln ins (überraschend moderne) Haus und kann nachher sicher einen Strich auf seiner Gutmenschenliste machen.

 

Denkste. Richtige Menschen auf der Bühne, neben den Puppen. Ein spannendes, vielseitiges Bühnenbild. Schnelle Szenenwechsel, die wohl nur mit diesem Medium so funktionieren. Eine Story, die mit meinem Begriff vom Puppentheater so gar nichts gemein hat (und im französischen Original auch als Menschentheater aufgeführt wird). Ich bekenne mich mal wieder zu meinen Bildungslücken, gebe aber zugleich die Beseitigung einer solchen bekannt.

 

Das Neben-, besser Miteinanderagieren von Puppen und Menschen ist für mich das eigentliche Faszinosum an diesem Abend. Der magische Moment, wenn man vergisst, ob die handelnde Person von einem Darsteller oder einer Puppe verkörpert wird (bei vielen wechselt das ständig), lässt bei mir nicht lange auf sich warten. Das Medium hat einen neuen Fan gewonnen.

 

Die Handlung ist schnell erzählt: Ein reiches Ekel vererbt aus Boshaftigkeit schon zu Lebzeiten seinen Supermarkt an die Angestellten und verlangt als Gegenleistung, dass sie ihn in einem Theaterstück jährlich lobpreisen. Das Aschenputtel der Runde (Estelle) nimmt sich der Aufgabe an und versucht den Bösen, der unheilbar erkrankt ist, damit zu bessern. Ihre Kollegen kann sie jedoch nur zusammenhalten, in dem sie sich in ihren fiesen Bruder verwandelt und Angst und Schrecken verbreitet. Eine Mischung aus Shin Te und der Heiligen Johanna sozusagen, auf jeden Fall ist jede Menge Brecht dabei.

 

Es ist „schön“ zu sehen, wie die normative Kraft des Faktischen aus der Runde von klassenbewussten Arbeitnehmern nach und nach kleine Kapitalisten macht, die, Zwängen gehorchend, auch schon mal einen Schlachthof abwickeln, damit nicht alles hopps geht. „Man wäre gut, anstatt so roh, doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.“ Brechtscher Hattrick, falls es nicht bemerkt wurde.

 

Eigentum heißt Verantwortung, willkommen in der Realität. Jene verändert die Protagonisten schneller als die es wahrhaben wollen, in unterschiedlichem Tempo allerdings, was immer wieder zu Reibereien in der Runde führt. Demokratie ist ziemlich scheiße in der Wirtschaft, es braucht die harte Hand. Also Estelles bösen Bruder. Business ist a dirty job but somebody must do it.

 

Leider gewinnen nur zwei der sieben Genossen wirklich Kontur: Neben Estelle noch Alain (Lars Frank), der zuerst die Realität erkennt und entsprechend handelt, aber das zumindest noch begründen kann. Alle anderen bleiben vage, ihre Wandlungen werden nur angedeutet, hier wäre mehr drin. Auch der Gag mit dem unverständlich sprechenden Chinesen erschöpft sich irgendwann.

Die für mich völlig überflüssige Nebenhandlung um Estelles prügelnden Ehemann und den angeblichen Kläranlagenarbeiter, der sich als Auftragsmörder entpuppt und als Werbegeschenk den bösen Gatten umlegt, hätte zugunsten der besseren Ausleuchtung von z.B. Blocq oder Claudie durchaus entfallen können.

 

Marie Bretschneider als Estelle kenne ich noch aus ihrer Dresdner Zeit, vor allem aus den grandiosen „Pandabären“. Sie hat die mit Abstand größten Gestaltungsmöglichkeiten und begeistert mich, auch durch ihre Körpersprache (was im Puppentheater natürlich von besonderem Wert ist).

 

Das Ende? Naja, nicht wirklich plausibel. Die Bekehrung des Ekels scheitert, das Theaterstück findet nicht statt, Estelle verschwindet und kehrt nach zehn Jahren wieder. Ihre Ex-KollegInnen haben sich inzwischen vom Besitz befreit und sind wieder Malocher mit oder ohne Job. Dem Weltfrieden hat das nichts gebracht, die Drecksarbeit haben dann halt andere gemacht und den Gewinn daraus eingestrichen.

Estelle verschwindet wieder, geht ins Facility Management (putzt also) und wartet geduldig auf den im Knast gelandeten Befreier.

 

Von meinen inhaltlichen Mäkeleien abgesehen, ein rundum gelungener Abend mit einer Neuentdeckung für mich: Puppen sind auch nur Menschen.

 

Schön wärs, wenn man wollen würde was man tut

„Faust in uns“, Regie Andreas Neu, Theaterexperiment der Hochschule Zittau/Görlitz und des freien Theaterensembles Kunst.Bauer.Bühne sowie des Gerhart-Hauptmann-Theaters Zittau am 27.02.13, letzte Vorstellung

Ein Trailer im Netz hat mich gelockt: Eine Faust-Inszenierung in ungewöhnlichem Ambiente, schwungvoll geschnittene Szenen, die neugierig machen. So fahre ich also in die ferne Provinz, im Bewusstsein, dass auch ich eine Art Provinz bewohne.

Der Zug nach Zittau ist gut gefüllt, es möge keiner behaupten, in der Oberlausitz wohnt keiner mehr. Nur mit dem Arbeiten ist es halt schlecht. Die Anzahl der benutzten smartphones übersteigt die der aufgeklappten Bücher beträchtlich, der Fortschritt ist auch hier angekommen. Aber ich höre vertraute Töne, es rrrulllt richtsch. Das Wort „Nato-Plane“ hab ich auch schon lang nicht gehört, man simpelt und facht über den Schutz der Automobile im Winter.

Sobald wir den Dresdner Kessel verlassen, wird es diesig, die Schneehöhe nimmt deutlich zu. Gelegentlich tauchen einige Häuser aus dem weißen Nebel, bis die Dämmerung alles verschluckt.
Warum ich mit dem Zug fahre? Man muss die Frage doch andersrum stellen: Warum fährt man nicht Zug? Im konkreten Fall fällt mir die Entscheidung angesichts der Wetterlage relativ leicht, zudem schafft nur Baron Münchhausen die Strecke in 1.25 h mit dem Auto. Gut, ich muss den letzten Zug um halb Elf kriegen, in Schiebock nochmal umsteigen, aber viertel Eins hat mich die Neustadt wieder. Wenn alles glatt geht.

Zum Thema:
Die Ankündigung des Stücks schlägt einen großen Bogen von der Überbevölkerung und dem immer mehr steigenden Ressourcenverbrauch, von den Grenzen des Wachstums und der unbeherrschbaren Ökonomie hin zur Aussage, dass „Faust … eine negative Figur“ wäre, „eine Karikatur des prometheischen Menschen“. Die Frage nach dem Faust in uns soll gestellt werden, und jene nach unserer Verantwortung in der heutigen Gesellschaft. Unterliegen auch wir dem Faustschen „Ruheverbot“? Sind wir überhaupt noch Herr unser selbst?
Eine Menge Holz, die da zu hacken sein wird.
Rein zufällig habe ich mit dem Thema ja momentan auch ein bisschen zu tun, bin deshalb natürlich besonders neugierig. Dass das Ganze im ehemaligen Labor der Elektrotechnik aufgeführt und von einem Wandflies zum Thema begleitet wird, komplettiert die Reihe von guten Gründen für meine Reise.

Ich hab die letzte Aufführung erwischt, die „Derniere“, wie ich inzwischen gelernt habe. Zehnmal wird es dann gelaufen sein. Nach Kritiken zum Stück zu suchen, hatte ich keine Lust bisher. Aber ich will mir ohnehin mein eigenes Bild machen. Dass das nun niemand mehr überprüfen kann, ist ja nicht meine Schuld.

Es ist noch Zeit bis zum Beginn, ich gönne mir einen Fußmarsch durch das Zentrum der Großen Kreisstadt Zittau. Oder ist es eher eine greise (Ex-) Großstadt? Gegen Sieben sind die Straßen verwaist, der Nebel drückt die wenigen Passanten nieder. Man könnte auch die Dreigroschenoper hier freiluft aufführen, auch wenn der Mond über Soho heute schlecht zu sehen ist, Mackie.
Eine Fußgänger-LSA (vulgo Ampel) am Theaterring (hörthört!) stoppt den spärlichen Menschenfluss, auch wenn weit und breit kein Auto zu sehen ist. Der Oberlausitzer hat noch Respekt vor der Obrigkeit. Meiner ist mir leider abhanden gekommen, ich quere die Straße und spüre empörte Blicke im Rücken.
Ehemals prächtige Fassaden säumen meinen Weg, Zittau war mal eine sehr reiche Stadt und gehörte zum Oberlausitzer Sechsstädtebund, einer Art Hanse. Die Substanz ist heute noch zu sehen, auch wenn die Fenster oftmals vernagelt sind.
Im Kino am Marktplatz gibt es „Stirb langsam“ im x-ten Aufguß. Nein, ich werde jetzt keinen blöden Witz im Zusammenhang mit Bevölkerungsentwicklung und regionalen Perspektiven reißen.
Schon vor geraumer Zeit gestorben ist das Kino „Schauburg“, jedoch gibt es Wiederbelebungsversuche. Leider ist es mir noch nicht gelungen, einmal dabei zu sein, die Dresdner Namensvetterin liegt halt doch günstiger.

Eine knappe Stunde vor Beginn treffe ich am Ereignisort ein. Ich fühl mich in die Studentenzeit zurückversetzt, endlos lange Flure, buntgesprenkelt durch Plakate jedweder Art, der Weg zu Faust ist ausgeschildert. Dann öffnet sich eine Tür, ja, hier wäre ich richtig, es sei ja noch Zeit, aber ich könne gern die Ausstellung ansehen. Und die Bar besuchen. Letzteres geht getreu dem alten Brecht vor.
Die freundliche Dame am Einlass nimmt meine zweite, übriggebliebene Karte zurück und will sie wieder verkaufen, was ihr auch gelingt. Ich bin positiv erschüttert. Die Oberlausitzerin ist freundlich, da merkt man immer wieder. Sympathische Gegend.

Das Zittauer Theater gehört übrigens nicht nur aus landsmännischen Gründen schon länger zu meinen Lieblingen, leider führen wir nur eine Fernbeziehung. Immerhin, eine sehr gute „Kabale und Liebe“ hab ich vor Jahren da gesehen, und an das „Kuckucksnest“ erinnere ich mich mit viel Freude. Und noch einiges mehr, enttäuscht bin ich eigentlich nie worden, auch, weil ich um die finanziellen Gegebenheiten des GHT weiß. Dass Tom Quaas dort inszeniert hat, freut mich sehr, leider habe ich das Stück nicht gesehen. Den fast alljährlichen Kampf um den Bestand des Hauses verfolge ich mit Sorge, dass das Haus nun saniert wurde, gibt ja immerhin ein bisschen Hoffnung auf eine langfristige Perspektive. Und die Premierenfeiern in der Villa Hirche sind um Einiges besser als das, was üblicherweise in Dresden stattfindet.

Nun aber dann doch schon zu dem, was wir sehen werden.
Der kluge Text auf dem Programmflyer ist dank seiner Ausführlichkeit dann doch plausibler als die wenigen Zeilen im Netz. Es wird auf den „Global Player Faust“ von Michael Jäger Bezug genommen, auf dessen Zweifel, ob das Streben an sich erstrebenswert ist angesichts der Folgen. Was ist denn so schlimm am Verweilen? Wenn jeder Ruhepunkt verschwunden ist, sind wir im Ewig-Leeren.
Auch Christoph Binswanger, der bereits in einem anderen Faust-Stück sich zum Thema Geld und der Gier danach äußert, wird zu „Geld und Magie“ zitiert. Die Schaffung des Papiergeldes, schon bei Goethe ein alchemistischer Vorgang, entkoppelt das Geld vom Gold und lädt förmlich ein, unsichere Wetten (da haben wir es wieder!) auf die Zukunft einzugehn.

Das Ambiente mit dem ehemaligen Labor der Fakultät Elektrotechnik darf man genial nennen. Der spröde Charme der Lehreinrichtung wird ergänzt durch Illuminationen und die Theatereinbauten. Die Bühne in ihrer Nüchternheit ist das ideale Podium für eine Sezierung des Faustschen Ansatzes.
Der Saal fasst etwa 150 Besucher, ca. zwei Drittel davon bevölkern ihn. Viel junges Volk, einige davon mit tschechischer oder polnischer Zunge, wir sind im Dreiländereck, angenehme Mischung. Die Getränke kann man mit reinnehmen, domestiziert durch die Dresdner Theater hab ich aus Unkenntnis mein Bier zuvor runtergestürzt. Naja, zur Pause weiß ich dann Bescheid.

Es beginnt etwas rätselhaft. Ein langes musikalisches Vorspiel, dann ein apokalyptischer Text. Faust ist in die heutige Arbeitswelt versetzt, eine Erzählerin beschreibt seine Qualen. Zumal auch das Koks alle ist, immerhin ist noch der Malt da. Burn out as usual, er ist kein Versager, nein, aber er ist tot. Der Wagner-Dialog wird von Pappnasen vorgetragen, Faust windet sich derweil im Krankenbett.
Mephisto, nein, Mephista erscheint, in Latex. Faust wettet, hätt ich auch gemacht.

Dann die Midlife-Crisis wieder im Fokus, ein Arzt mit Flasche beklagt die mangelnde Orientierung heute und erzählt uns seine HIV-Geschichte. Seele weg, alles weg.
Faust glänzt (nicht nur) durch eine beeindruckende Stimme und begibt sich in die Hexenküche, wo ihn eine propere Meerkatze sanft entkleidet. Der Zaubertrank kommt hier aus der Dose und verleiht Jugend. Als Helena muss Marylin herhalten, was ich dann doch etwas anmaßend finde. Hoffentlich werden die Götter nicht böse.
Mephisto sieht nun aus wie der selige Dirk Bach in schlank, beide tragen quietschbunte Hemden wie der Typ aus dem Fernsehen, dessen Namen ich mir zum Glück nicht merken kann.

Das Gretchen wird hier etwas anders kennengelernt, er solle doch „wieviel“ fragen, regt sie an. Faust mag es offenbar klassisch und verzieht sich erstmal.
Dann doch die Gretchenfrage. Eine prima Rollenverteilung, Grete flitzt wie ein Weberschiffchen zwischen den beiden Fäusten hin und her, die abwechselnd versuchen die Frage wegzudefinieren.
Wir springen in den Alltag und in das gefürchtete Beziehungsgespräch. Der Schlips bleibt zu kurz und Mann und Frau passen sowieso nicht zueinander. Köstlich, eine Aufwärtsspirale wie bei Loriot, unaufhaltsam bis zur Explosion. „Leben ist grundsätzlich anstrengend“, versucht er noch auszuweichen, aber sie liest seine Gedanken: „doch mit Dir ganz besonders“. Dabei wollten sie doch nur was gemeinsam unternehmen …
„Ich wäre schon froh, wenn ich immer das wollen würde, was ich tue“, in diesem schlichten Satz manifestiert sich seine Wunschlosigkeit und gesellschaftliche Kompatibilität.

Vor der Pause noch ein Ärgernis, eine Talkshow-Persiflage über die Ratlosigkeit der gesellschaftlichen Institutionen, die leider nicht über Kabarettniveau hinausgeht. Ein Klischee-Stadel, plakativ und verzichtbar die Szene.

Es beginnt wieder mit einem bitteren, sprachgewaltigen Monolog namens Entropie, der dankenswerterweise auf Zettelchen ausliegt. In der Kerkerszene am Ende von Faust I wird sein Text durch Strophen aus Faust II ersetzt, was einen schönen Effekt gibt, Grete und Heinrich reden aneinander vorbei, sie erzählt von Zweisamkeit, er von der großen ganzen Welt. Da ist auch nichts mehr zu retten.
Kofferträger im Gleichschritt leiten zum Kaiser über, der immer nur Gejammer hört. Es fehlt an Geld? „So schaff es denn!“ Des Kaisers Skepsis weicht, als das von Faust/Mephisto „ausgegrabene“ Papiergeld seinen Jecken wohl gefällt und sie zum Konsum anreizt. (Papier-) Geld wird durch Glauben zu Gold.
Wachstum! Wachstum! Noch mehr Wachstum!
Ein sehr guter Dialog zwischen Kaiser und Faust übrigens.

Dann eine Fotosequenz, in blitzartiger Folge werden Bilder von Herrschern und Sonstigen mit Schlag-Halbsätzen kombiniert. Ich erkenne immerhin George W. mit Lügnernase, kann ansonsten aber damit nicht viel anfangen. Das kommt mir zu bedeutungsschwer daher.

Am Ende ist Faust glücklich. Sagt er zumindest, aber so richtig sitzt der neue Text noch nicht. Doch er macht gute Fortschritte, sagt die Therapeutin.
Man muss sich das vorstellen wie in Clockwork Orange, was von den Toten Hosen so kongenial vertont wurde. Alex ist jetzt ein guter Bürger, ein neuer Mensch und systemkonform, die Gehirnwäsche hat funktioniert.
Der Darsteller des Faust (leider sind die Namen nicht den Rollen zuordenbar) hier mit seiner besten Leistung, sehr beklemmender Monolog.
Ein beeindruckendes, aussagekräftiges Schlussbild, dann Dunkelheit, dann Stille.

Herzlicher Applaus, an dem ich mich leider nur kurz beteiligen kann, der Zug wartet nicht. Nach einem straffen Marsch durch die verwaiste Innenstadt treffe ich rechtzeitig am Bahnhof ein, und neunzig Minuten später in Dresden, der Text ist inzwischen fertig.

Ein interessantes Stück, das ich empfehlen würde, wenn es nochmal käme. Eine gute Ensembleleistung, ein passendes Ambiente, ein Theatererlebnis, wie es sein soll. Ich hab den Ausflug nicht bereut.
Nur schade, ich hätte gern früher der geneigten Öffentlichkeit hiervon berichtet. So bleibt mir nur diese postume Würdigung und der Vorsatz, die Projekte der Kunst.Bauer.Bühne künftig aufmerksam zu verfolgen.