Kategorie: Neustadt

Im besten Falle harmlos

„All inclusive – Die Kellerkinder transpirieren sinnfreie Sommerhits“, Produktion des Ensemble La Vie im Projekttheater Dresden, gesehen am 7. Juni 2014

Da gab es im letzten Jahr eine großartige Darbietung der Kellerkinder namens „Morbide Moritaten“ am selben Orte, ich habe Tränen gelacht vor Freude, wer mag, kann es hier nachlesen: https://teichelmauke.me/2013/10/12/schrecklichschon-schon-schrecklich/

Was also lag näher, als dem neuesten Werk dieser spaßigen Truppe ebenfalls beizuwohnen? Gestern schon war die Premiere, aber da war ich beim letzten „Drachen“, doch heute sollte es sein.

Angenehm kühl ist es im Saal des Projekttheaters, fast wie in einem Keller. Die Kinder sollen sich offenbar zuhause fühlen.
Eine genervte Jung-Diva schlurft anfangs nölend zur einem Strand nachempfundenen Bühne, im Schlepptau drei Herren, die auch nicht viel besser drauf zu sein scheinen. Das kann ja heiter werden.
Gewollt lustlos wird der eisgekühlte Bommerlunder besungen, auch Carrells Uralt-Frage nach dem richtigen Sommer wird, äh, interpretiert, ehe es mit Michas Farbfilm weitergeht.

Zum Einstieg ist das ganz putzig, nur … es geht dann konsequent so weiter. „Singt das noch einmal, und ich geh“ möchte man mit Nina drohen, aber zumindest variiert das verwurstete Liedgut, wenn auch nicht die Form der Darbietung. Der Scherz mit dem versemmelten Einsatz erschöpft sich spätestens beim dritten Mal, die großen Stimmen auf der Bühne sind leider nur vorgetäuscht, das Ganze zieht sich, produziert erwartbare Pointen.

Ein Bikini allein füllt noch keine Bühne, da kann er seiner Trägerin noch so gut stehen. Ein bisschen mehr Hintersinn darf man dazu durchaus erwarten, wenn das Ensemble neulich die Latte so hoch hängte. Doch dieses Programm ist nur pseudo-witzig, ein dünner Aufguss seines Vorgängers. Keine Spur von einem roten Faden, es sei denn, man nähme die (dehnbare) Zuordnung „Sommerhit“ als solchen. Kein origineller Gedanke weit und breit, gebrauchte Witzchen und einige Peinlichkeiten, mehr ist da nicht. Kein Musikstück, was wirklich in Erinnerung bleibt, höchstens die zweite Zugabe, doch die stammt aus der vorherigen Inszenierung.

Mit dem Kopf wackeln und Grimassen schneiden ersetzt hier die Spielfreude. Die Musiker (Paul Voigt und Benjamin Rietz) müssen zu den Kalauern zuliefern, bleiben aber sonst im Hintergrund. René Rothe sah ich beim letzten Mal viel besser, da gab das Stück allerdings auch deutlich mehr her. Und Jessica Gräber konnte immerhin einmal (mit einer „Carmen“) kurz andeuten, dass sie tatsächlich singen kann, ansonsten aber wenig darstellerische Mittel zeigen.

Die Versuchung ist für ein Ensemble natürlich groß, nach dem beachtlichen Erfolg der letzten Inszenierung noch ein ähnlich angelegtes Stück auf die Bühne zu bringen. Doch der Rahmen allein macht noch keinen Inhalt. Der vollmundigen Ankündigung „verstörend aufregend“ auf dem Flyer möchte ich energisch widersprechen: Ich fand es im besten Falle harmlos, und dazu noch ausgesprochen langweilig.
Der Fairness halber muss ich aber zugeben, dass der Rest des (pfingstsommerlich bedingt spärlich gefüllten) Saals sehr begeistert klatschte. Und so sei auch erwähnt, dass es am Sonntag (8. Juni) um 20 Uhr noch eine Aufführung im Projekttheater zu sehen gibt.

Vom Aufstieg und Fall des Albert Ue.

Soeben als Teichelmaukes eBook veröffentlicht:
Eine fiktive Geschichte über zwei Amateurkritiker, die am und im Theater spielt

Ein älterer Ex-Manager und Theaterfreund (Albert), der schon bessere Tage gesehen hat, lebt ein ereignisarmes Leben in seinem Viertel, pendelt zwischen Arbeit, Kneipen und gelegentlichen Kurzliebschaften. Ansonsten spielt nur das Theater eine wesentliche Rolle in seinem Leben.

Eines Tages ärgert er sich so über die Kritik in einer renommierten Zeitung über ein von ihm als phantastisch empfundenes Stück, dass er selbst anfängt, Rezensionen zu schreiben. Diese veröffentlicht er erst nur auf seiner facebook-Seite, später dann auch auf der des Theaters und auf einer Kulturplattform. Er stößt damit in eine „Marktlücke“ und wird eine Zeitlang vom Theater und der Öffentlichkeit als Bürger-Kritiker gehypt.

Parallel passiert Ähnliches mit einem späten Fräulein (Grete), die sich von Alberts Beiträgen anregen lässt, ebenfalls ihre Meinung aufzuschreiben und zu veröffentlichen. Beide steigern sich in der Folge in einen Rezensions-Wettbewerb hinein, der anfangs von vielen aufmerksam verfolgt wird, zumal eine große Boulevardzeitung mit einem fiesen Trick das Pseudonym des Fräuleins enthüllt und ihr damit viele Sympathien zutreibt.

Grete und Albert werden eine Zeitlang als frische Stimmen im Chor der Kritiker wahrge­nommen und finden ein gewisse Resonanz. Aber beide übertreiben es in der Folge, die Adressaten sind zunehmend genervt von der Menge und dem Stil der veröffentlichten Beiträge.

Der Stern der Neu-Kritiker sinkt, was vor allem bei Albert auf wütenden Trotz stößt. Auch seine Annäherung an Grete scheitert. Eine ganz neue Idee soll nun seinen Ruhm wiederherstellen ..

A U S Z U G

1 Grete

Grete Zwanziger war nicht gerade das, was man gewöhnlich eine Schönheit nennen würde. Sie gab sich auch keine große Mühe mehr, als solche zu erscheinen, wissend um die Aussichtslosigkeit des Unterfangens. Was sie inzwischen zu dick war, war sie immer noch nicht groß genug und würde dies sicher auch nicht mehr werden. Ihre Haare schimmerten auf eine Weise, die man mausfarben nennen musste, aber immerhin lächelte sie schön, wenn auch selten.
In den knapp vierzig Jahren ihrer Existenz hatte sie lernen müssen, dass es am Ende doch die äußere Hülle war, die die größte Bedeutung im Spiel der Geschlechter besaß. Und da sie wenig in die Wiege gelegt bekam (was sie bald begriff und wofür sie – neben einigem anderen – ihre Mutter hasste), hatte sie es sich abgewöhnt, sich gemeint zu fühlen, wenn es hinter ihr auf der Straße pfiff.
Grete lebte ein ereignisloses Leben zwischen der Arbeit und der mehr oder weniger vertändelten Freizeit. Früher hatte sie noch Ehrgeiz hinein gesteckt, ihre Wohnung als Schmuckstück, als gemütliches Nest zu präsentieren. Mangels Publikum war ihr aber auch darauf inzwischen die Lust vergangen. Sie hielt sich in dieser Wohnung auf, weil es keinen anderen Ort gab, an dem sie sich lieber aufgehalten hätte, auch wenn dieser Ort gar nicht so viel hätte bieten müssen. Die Wohnung war halt da, und besagter anderer Ort nicht.
Eine wesentliche Errungenschaft in ihrem Dasein wollen wir nicht verschweigen: Grete hatte einen Computer, der in den letzten Jahren vor allem dazu diente, ihre Steuererklärung zu fertigen und die jährliche Urlaubsreise (sanfter Tourismus mit Kulturprogramm) zu buchen. Eine Arbeits-Freundin (Grete wäre nie so weit gegangen, diese wirklich als Freundin zu bezeichnen, davon hatte sie ganz andere Vorstellungen, die sich leider selten erfüllten bisher) hatte ihr in einer ruhigen Stunde in der Kanzlei (der Chef war „beim Mandanten“, wie er seine Besuche im nahegelegenen Bordell nannte, in der irrigen Annahme, dass seine Kanzleidamen ihm das schon glauben würden) das Universum von Facebook nahezubringen versucht. Und Grete fand Gefallen daran, lächelte zwar über den inflationär verwendeten Begriff „Freund“, erahnte aber doch die vielfältigen Möglichkeiten für eine wie sie.
Leider beging Grete den Fehler, sich am selben Abend kurz vor Mitternacht noch schnell anmelden zu wollen. Pedantisch wie sie war, untersuchte sie akribisch nach dem Login unter einem Pseudonym (wie ihr geraten worden war) alle Möglichkeiten, die sich ihr boten, lud Fotos hoch, suchte nach ihren Lieblingsfilmen, um der Welt mitzuteilen, dass diese auch ihr gefielen, stöberte Schulfreunde auf. Als sie das nächste Mal zur Uhr sah, war es Fünf.
Dem ersten Reflex folgend, fuhr sie erschrocken den Rechner herunter, um dann, sich der alten Weisheit erinnernd, dass kein Schlaf besser wäre als zwei Stunden Schlaf (praktisch hatte sie das seit Jahrzehnten nicht ausprobiert), das Gerät wieder zu starten und sich als Luise Miller wieder einzuloggen. Luise Miller deshalb, weil die Luise ihr immer als der natürliche Gegenpol zur Grete erschien und Miller dann die passende Ergänzung war. Facebook nahm keinen Anstoß daran, und so war ihre neue Existenz geboren.
Die erste Nacht mit dem neuen Spielzeug endete, und Grete fühlte sich der Welt irgendwie mehr verbunden als noch am Tag zuvor.

2 Albert

Im Leben von Albert Ueberzahl gab es inzwischen nichts mehr, was einer besonderen Erwähnung wert gewesen wäre. Er hatte sich mehr oder weniger gut eingerichtet zwischen einem anspruchslosen Job, der ihm immerhin ein passables Einkommen sicherte, seinen Touren durch die Neustadt, wo er hätte als Alterspräsident gelten können, wenn es nicht noch einige Bejahrtere gegeben hätte (aber mit seinen vierundfünfzig – die man inzwischen auch sehen konnte – war er schon ein Exot im Revier, auch wenn man ihn das selten spüren ließ und außerdem als umsatzstarken Gast schätzte) und seinen irritierend häufigen Theaterbesuchen, die er inzwischen als seinen Lebensinhalt empfand. Die Fragwürdigkeit der Bezeichnung „Lebensinhalt“ war ihm dabei durchaus bewusst, spätestens seitdem ein gewisser Herr Lehmann darüber philosophiert hatte, aber ihm war bislang kein besserer Begriff eingefallen und außerdem fühlte sich das Leben tatsächlich manchmal als Flasche an. Fand er.
Albert hatte aufgehört, über seine Rolle in der Neustadt, jenem „Szene-, Künstler- und Kneipenviertel“ (der Name, auf den sich die Reiseführer letztlich geeinigt zu haben schienen), das gern so tat, als ob es ganz woanders wäre, tiefer nachzudenken. Vor gut zehn Jahren, als er herkam, flüchtend aus einer bürgerlichen Existenz, sich in ein neues Leben mit einer neuen Frau stürzend, war alles noch wahnsinnig aufregend, spannend und inspirierend. Er hatte sogar selbst angefangen, „irgendwas mit Kunst“ zu machen, nach Feierabend, bis er den Dilettantismus seiner Bemühungen einsah. Das Ganze hielt ein paar Jahre an, dann verschwanden erst der Zauber und kurz danach die Frau. Er war trotzdem hier klebengeblieben, ohne Kraft und Mut für einen weiteren Neuanfang.

In seinem Dreieck fühlte er sich einigermaßen geborgen und sicher, und was sollte auch groß noch kommen? „Schon deutlich älter als die DaDaEr geworden ist aber immer noch alles im Griff“, wie er gerne selbstbetrügend sagte, wenn er dann doch mal am Tresen eine Art Gespräch führte. An besseren Tagen gefiel er sich dann in der Rolle desjenigen, der sein schweres Schicksal mannhaft trug, an den anderen brauchte es die helfende Hand der Oberkellnerin, bis er den Frust schließlich hinweggespült hatte.
„Ich bemerke, dass ich selbst auch Spuren hinterlasse, jeden Tag z.B. mit der Kaffeetasse“, diesen Zynismus der Formation „Die Sterne“ aus seiner späten Jugend sang er dann am nächsten Morgen oft vor sich hin, im Rhythmus des Songs, wie er zumindest glaubte.
Es war nicht so, dass er gänzlich alleine war. Mit seiner Halb-Intellektualität und dem Einziehen seines inzwischen nicht mehr nur Ansatz zu nennenden Bauches konnte er schon gelegentlich mittelalte Damen spät abends davon überzeugen, dass es eine gute Idee wäre, mit ihm temporär das Lager zu teilen. Diese Meinung – in der Regel auch von diversen Alkoholika befeuert – hielt bei der Auserwählten jedoch selten länger an, und auch seine Begeisterung schwand meist rapide. Man trennte sich dann im Guten und grüßte sich fortan freundlich auf der Straße, wenn man sich sah.

Das eigentliche Problem bestand darin, dass Albert der Überzeugung war, ein Loser zu sein, sich an einem entscheidenden Punkt im Leben falsch entschieden zu haben und nun die Konsequenzen ausbaden zu müssen. Davon brachte ihn nichts ab, und sein Alter Ego, der Albert von früher, Enddreißiger mit Frau, Kindern und Haus, der partout nicht älter werden wollte und ihm immer, wenn er in der Badewanne saß, im Geiste gnadenlos die Wahrheit vorhielt, bestärkte ihn noch darin:
„Merkst Du was? Du bist einer der Wenigen, die alleine im Alaunpark herumlungern. Und die alleine ins Theater gehen. Und alleine in der Kneipe sitzen. Was hast Du denn erreicht mit deiner großen Selbstverwirklichung?“
Tja. Es ist eben wie es ist. Lonely Irgendwas. Nur in den besseren Momenten fühlte sich das abenteuerlich an.

Albert hatte dennoch nicht wirklich das Gefühl, etwas ändern zu müssen. Er hatte nämlich die Erfahrung gemacht, dass jegliche Veränderung bei ihm seit fünfzehn Jahren immer nur zum Schlechteren geführt hatte, und er hing schon noch ein bisschen an seiner jetzigen Existenz, vor allem auch, um die nächsten Premieren am Theater nicht zu verpassen.
Jenes Theater verursachte bei ihm dank langjähriger Verbundenheit inzwischen Heimatgefühle. War er anfangs noch reserviert gewesen gegenüber dem Theatervolk, das so anders schien als er, gewöhnte er sich langsam an den Umgang, erleichtert auch durch einige Begegnungen auf Premierenpartys, bei denen er einfach so lange geblieben war, bis schließlich auch er wahrgenommen wurde. Ein flüchtiger Beobachter hätte ihn inzwischen zum Personal gezählt, sicher nicht auf der Bühne, aber irgendwo dahinter. Und es kam sogar vor, dass er in der Kantine nur den Mitarbeiterpreis für das Bier zahlen musste, weil sein Gesicht inzwischen allen vertraut war. Dies waren dann die besseren Abende in Alberts Leben.
Umso fassungsloser war er, als der berühmte und von ihm eigentlich geschätzte Großkritiker einer noch berühmteren Großzeitung, der schon häufig sehr viel Freundliches über sein Theater geschrieben hatte, das jüngste Stück, das Albert ausnehmend gut gefallen hatte, ohne Gnade und mit deutlich lesbarer Freude verriss.
Diese Unverfrorenheit weckte in ihm ungeahnte Kräfte. Kaum gelesen, hockte er sich an den Tresen seines Lieblingsitalieners und hämmerte voller Wut eine „Richtigstellung“ in seinen Kleinrechner. Er sandte sie ab mit dem guten Gefühl, zumindest ein kleines Stück Welt heute Nacht gerettet zu haben.
Die Reaktion der Großzeitung war enttäuschend. Eine freundlich-standardisierte Eingangsbestätigung, dann eine Woche später magere drei Zeilen auf der Leserbriefseite, fast zusammenhanglos und entsprechend dämlich klingend. Und dann noch mit seinem Namen und denunzierend mit seinem Wohnort unterschrieben und ihn damit als lokalen Eiferer bloß stellend.
Albert war erschüttert, tief getroffen, schwer gekränkt in seinem sicheren Gefühl der Theaterkompetenz, erworben in fast zwanzig langen Zuschauerjahren. Aber was nun tun?
In seiner Not entsann er sich des Spielzeugs Facebook. Wenigstens hier sollte die Welt seine Gegenmeinung lesen können. Nachdem er zunächst mit den technischen Gegebenheiten kämpfte (er hatte in letzter Zeit ohnehin häufiger das Gefühl, dem technischen Fortschritt nicht mehr überall folgen zu können), gelang es ihm, den Text auf seiner Seite zu platzieren. Nun konnte die Welt Anteil nehmen. Zumindest der Teil der Welt, der sich für seine Hervorbringungen interessierte und realistisch betrachtet nicht gerade bedeutend war.
Als aber nach drei Tagen der Text immer noch jungfräulich auf dem Bildschirm prangte (offenbar gefiel er nicht mal denen, die sonst immer alles liken), zündete er die nächste Stufe. So sehr er sich einredete, dass das alles nur dem guten Zweck der Verteidigung seines Theaters diente, so klar war ihm insgeheim, dass es inzwischen um seine gekränkte Eitelkeit ging. Zurücksetzung und Ignoranz war er inzwischen auf vielen Feldern gewohnt und hatte gelernt damit zu leben. Aber das Schauspiel war die letzte Bastion seiner intellektuellen Würde, hier wollte er bitteschön ernst genommen werden!
Also: Auch das Theater hatte eine eigene Seite, und ob so gewollt oder zufällig, auch er konnte hier Texte einstellen. Das tat er, und siehe, immerhin eine umgehende freundliche Reaktion der Marketingabteilung war die Folge. Ging doch! Albert war erst mal beschwichtigt.

3 Der Erstling

Irgendwie schien sich sein Text von der Theaterseite aus weit verbreitet zu haben. Zwei Tage später standen ein Dutzend zustimmende Kommentare darunter, meist in der Facebook-üblichen Knappheit, die er nicht immer verstand, zudem prangten an die hundert Däumchen auf ihm. Das Theater hatte eine beachtliche internet-affine Fangemeinde, die sich offenbar ebenso wie er über den Verriss des Leitmediums geärgert hatte, zumal andere Zeitungen darauf aufgesprungen waren. Problem verschärfend kam hinzu, dass der blutjunge Hauptdarsteller, der jedoch schon einige Filme vorweisen konnte und seit neuestem seine Anhängerschar auch mit einer eigenen Band erfreute (von der beginnenden DJ-Karriere wollen wir gar nicht reden), ebenfalls schlecht wegkam in den Traktaten, was den Eifer der überwiegend weiblichen Theaterfans noch anstachelte. Albert war geschmeichelt über so viel Zuspruch, auch wenn er den Unterschied zwischen Koch und Kellner kannte.
Selbst der Intendant, der offensichtlich auch erbost war über den Verriss seines Lieblingsprojektes, zitierte ihn und die Internet-Debatte in der nächsten Theaterzeitung, mit dem süffisanten Hinweis, dass Berufskritiker nicht immer recht haben müssen und sein Publikum das Stück schon verstanden habe.

Hier geht es zum eBook:

https://www.xinxii.com/vom-aufstieg-und-fall-des-albert-ue-p-353150.html

Dancer in the waste

„Wasser marsch (Cocktail ungeklärt)“, Produktion der Kurz&Lang Dance Company, Uraufführung im Rahmen der Tanzwoche Dresden am 20. April 2014

Wasser ist Leben. So simpel sind manchmal die Wahrheiten.
Präziser wäre allerdings: Sauberes Wasser ist Leben. Doch mit dem (kostenlosen) Zugang zu selbigem sieht es bald schlecht aus, wenn sich Großkonzerne wie Nestlé der Wasservorräte bemächtigen. Und auch die sprichwörtliche Reinheit des Wassers ist durch die inzwischen unüberschaubar gewordenen Müllberge und die damit verbundene Eintragung von immer mehr Kunststoffen in die Gewässer bedroht, von denen niemand weiß, welche Langfristwirkungen diese haben.

Ein weit gespanntes Thema also, das in collageartigen Szenen und Momentaufnahmen in einer Choreographie von Jule Oeft, getanzt von ihr selbst sowie von Wiebke Bickhardt und Vera Ilona Stierli, bearbeitet wird. Aber das gelingt glänzend, es wird ein tänzerischer Bogen geschlagen von der Machtgier der Konzerne über den allgegenwärtigen Plastikmüll in unserem Leben bis hin zu den Gefahren, die in den unbekannten Stoffen lauern. Sehr wandlungsfähige Tänzerinnen (Ausstattung Hannah Schmider) führen uns zur Musik von Daniel Williams vor Augen, wie es sich verhält mit dem Mensch und dem Wasser. Da wird hemmungslos Müll produziert, bis man darin baden und tanzen kann, und andererseits das Wasser als stylishes Trendprodukt vermarktet. Da wird so lang erfolgreich experimentiert, bis der böse Geist aus der Flasche kommt und nicht wieder hinein will.

Und das Ganze wird in einem äußerst erfrischenden, unkonventionellen Stil dargeboten, der auch kurze Dialoge der Tänzerinnen einschließt und einen Ausflug ins Publikum, um ein Foto von einer vom Plastesack strangulierten Schildkröte herumzuzeigen.
Der kurze Abend endet mit einer der denkbaren Apokalypsen: Die Laborantin verliert die Kontrolle, die Stoffe bemächtigen sich ihrer. Unhappy End.

Kein klassisch schöner Abend, aber dennoch ein schöner. Und ein wichtiger, ergreifender. Den frenetischen Beifall erntet die junge Company völlig zu Recht.

Wer das nicht glaubt, soll es doch selber sehen. Und wer es glaubt, erst recht: Im Rahmen der Tanzwoche nochmal am 23. und 24. April, jeweils 19 Uhr im Projekttheater Dresden. Und danach hoffentlich auch anderswo.

Aus Bähmen kommt die Mussick

Die Jindřich-Staidel-Combo im Blue Note Dresden, 22.12.2013

 Jahreszeitlich angepasst marschiert man zu „Taratatam“ in den, nun ja, Saal. Das wird zünftig gespielt, auch wenn die Kapelle gewohnt unlustig guckt. Die Vertreter des Brudervolks im Süden tun hier nur ihre Pflicht, allerhöchstens. „Wer dansen mechte, lässt es bitte bleiben.“ Olomouc ist kurz vor dem Abschied des Center-Klaus nochmal auf Mugge, da gibt es klare Regeln. Aber haben Sie bitte Spaß!

 Mehr als rammelvoll ist die „Bouda Modry Note“ heute, solch schöne Trainingsanzüge („aus Fläz“, wie wir später lernen werden) wie die Formation da vorne hat aber keiner an. Der Adjutant Prochazka berichtet näselnd-nölig aus dem reichhaltigen Leben des Jindřich Staidel, während ebenjener unbeteiligt durch die Spiegelbrille schaut. Offensichtlich versteht er kein Deutsch. Muss er auch nicht.

 Der Autohändler Meth aus Olomouc hat eine Schwester namens Crystal, die hat Kekse gebacken … Und so nimmt das Unheil seinen Lauf. „Don’t cry for me, Česka Lipa“ heißt es, als Jindřich nach seiner Umschulung das Kaff wieder verlässt. Am Ende wissen wir, eigentlich muss es „Dräsdn-Neustadt“ heißen.

Wir hören Welthits in eher schlichten Arrangements, allesamt natürlich ursprünglich aus der Feder von Meister Staidel, der am liebsten im Liegen komponiert. Besonders vor der Pause blitzt das Können der vier auf der Bühne nur selten auf, sie sind vorerst nur ein Gesamtkunstwerk, aber die Stimmung kocht im Hostinec.

 Wir lernen auch was: Bei Wolfskin fehlt generell das „e“ an der Jack, doch Manička stickt es gerne dazu, gegen Entgelt. Wenn man morgens im Löbtauer Schnittgerinne erwacht, ist die Gefahr einer temporären Demenz groß, doch die Kapelle hat eine mobile Apotheke dabei und bietet Oblaten dagegen feil. Die formschönen und praktischen Anzüge der Herren bestehen wie schon berichtet aus Fläz, was im Böhmerwald unter Tage abgebaut und von einem Schneider namens Das Adi zum Endprodukt verarbeitet wird.

 Vor der Halbzeit noch ein Stück, wo dann alle mal zeigen, wo sie eigentlich herkommen: Aus Jazz-Virtuosien. Auch schön: In der Pause rauchen Ginstler und Bubblikum einträchtig eine Stange „Start“ vor der Tür des inzwischen leergeatmeten Jazz-Imbisses.

 Dann nimmt die musikalische Klasse deutlich zu: E + U = XXL, um es mal so auszudrücken. Die Bandmitglieder Jindřich Staidel, Pro Haska, Manitschka Krausonova und Tatra Skota (bürgerliche Decknamen auf Anfrage) sind mitnichten nur Spaßvögel, sondern ausgewiesene (häh?, der Sezza) Könner auf ihren Instrumenten. Stellenweise ist es nun fast ein „normales“ Jazzkonzert.

 Dennoch hat die Combo einen Bildungsauftrag, dem sie nachkommen muss. Wir lernen also weiter: Burnout ist ein Nachbardorf von Olomouc, und in Böhmen herrscht ein brutaler Winter, saukalt soll es sein. Soso. Da hat wohl der Tourismusverband ein Anliegen gehabt.

Von Böhmen aus betrachtet, haben die Deitschen nun eine goldene Plazenta als Verteidigungsministerin, man beobachtet die Lage offenbar aufmerksam. Statt Euro-Hack gibt es künftig Euro-Mett, meint man im Nachbarland.

Wie alle superreichen Künstler hat Jindřich Staidel eine Stiftung gegründet, die sich u. a. dem Kampf gegen „Gähtnicht“ verschrieben hat. Ziemlich erfolgreich sogar, an diesem Abend geht alles.

 Insgesamt ist Teil Zwo deutlich jazziger, jetzt kommen auch die Puristen auf ihre Kosten, die, für die der Künstler keinen Humor haben darf. Falls sie nicht zuvor gegangen sind aus Protest gegen diese schrägen Blödeleien. Aber ich hab nachgezählt, es waren alle noch da nach der Pause.

 Ein Zeckenbiss der Liebe für Betra, die nur Euro nimmt, nix Korun, was im Moment aber unklug erscheint. Die Melodie hat übrigens ein gewisser Karel aus Praha gestohlen, sie in den Westen verkauft und führt sich nun auf wie der liebe Gott.

Ein Tag im Leben des Jindřich Staidel, von ihm selbst auf Altböhmisch gesungen und von Prochazka liebevoll simultan übersetzt. Doch auch bei großen Männern passiert nicht immer was.

Ein Knedl-Hai kann geangelt werden im Schaufenster des Apothekers von Olomouc, Pan Tau fährt dort den Schneepflug und das letzte Rudel Polyluxe lebt in den Stadtwäldern und führte dort neulich „Titanic“ auf … Können Sie folgen? Man muss es erlebt haben, beschreiben ist schwer.

 Dann sehen wir sogar einen tanzenden Meister Staidel in der vollen Lebensgröße seiner 155 cm, er öffnet nicht nur in der Heimat mit seiner Aura alle Portemonnaies. Manička Krausonova hat sich an der Sorbonne in Dampfbügeleisen promoviert und leitet jetzt die örtliche Musikschule sowie die Pfandflaschenannahme.

Tatra Skota stammt ursprünglich aus dem Baumarkt und ist hauptberuflich als Schredder tätig mit seinen Stöckchen, Pro Haska hatte eine schwere Kindheit mit vertauschter Mutter und bringt morgens um Neun die Unterschriftenmappe zu Herrn Staidel. Alles ganz normal also, Menschen wie Du und ich.

 Zum Ende hin noch eine Hymne auf das Kofferradio an Bord, auch Abba hat alles dem Meister zu verdanken, und dann … „Oblatki, Oblada, Becherovka!“. Feierabend und zurück über die grüne Grenze. Fast drei Stunden erstklassiger Musik und genialen Schwachsinns in der Jazz-Arena „Blue Note“ liegen hinter uns.

 Don’t cry for me, Dresden-Neustadt? Doch.

 

An einem Sonntagabend.

Sie zieht das kurze Kleid an. Eine dicke Strumpfhose darunter, die wärmt und sieht sexy aus.
Sie geht in die Jazzbar im Viertel. Da ist ja immer jemand, und meist auch Musik auf der Bühne.
Sie behält recht. Etwas Gezupftes, Geblasenes, nett, nicht wirklich relevant. Genau das Richtige am Sonntagabend.
Sie wird angesprochen, klar. Kleid, Strumpfhose und blonde Mähne. Das funktioniert immer. Geplänkel.
Sie trinkt Wein. Dann Espresso. Dann wieder Wein. Macht man so.
Sie unterhält sich. Es wird spät. Mit einem kann man richtig reden. Sie tut es.
Sie erschrickt. Es ist halb zwei. Und morgen wieder das Büro.
Und dann doch noch eine Stunde Plaudern, im Mantel.
Sie geht.
Ein Sonntagabend, ganz normal.

Ein perfekter Sonntagabend

Da sitzt einer – Heiko „Hesh“ Schramm, u.a. coloRadio-Macher – auf der kleinen Bühne vom Blue Note in Dresden-Neustadt.
Und singt. Und spielt. Auf elektrischen Gitarren. Irgendwo zwischen Tom Waits und Leonard Cohen.
Und erzählt. Über Literatur, amerikanische. Truman Capote und Norman Mailer, Ihr wisst schon. Und auch über Mrs. Rowlings ersten „Erwachsenen-Roman“.

Das Ganze fügt sich zu einem Gesamtkunstwerk.
Was will man mehr, an diesem ersten Dezembersonntagabend, von interessierten Stellen auch „erster Advent“ genannt?

Ein wundersamer Abend.

Schrecklichschön / Schön schrecklich

„Kellerkinder extended – Morbide Moritaten“, eine Produktion des Emsemble La Vie, (dann doch) Premiere im Projekttheater Dresden, 12. Oktober 2013

Es wird viel gelitten auf der Bühne – oder auch geleidet – gestöhnt, geheult, getrotzt, gebösartigt, selbst gebrochen, vulgo gekotzt.
Im Saale eher weniger: Dort ist man spätestens nach der zweiten Ballade hin und weg. Am Ende werden die vier da vorne förmlich gezwungen zur zweiten Zugabe. Geschieht ihnen recht.

Eine delikate Sammlung, ein Potpourri „von großer Oper bis dreckigem Punk“, mit Kleinoden der Unterhaltungskunst der letzten Jahrhunderte. Bekanntlich gibt es keine Sterne in Athen, und eine schwere Kindheit kann auch den Start in ein erfülltes Berufsleben bedeuten. Aus einem gebrochenen Zentralorgan werden dann auch mal zwei, die Kraft der zwei Herzen, wie es in der Werbung im ZDF heißen soll.

Paul Voigt und Benjamin Rietz sind das Orchester, das nicht nur den Rahmen bildet, sondern auch selbst zum Frohsinn beiträgt, hollodihi, hollodihi, du wolltest dir doch bloß den Abend vertreiben.

Christin Wehner wischt sich öfter tapfer die Tränen aus dem Gesicht und singt, nein spielt dann Unglaubliches. Selbst wenn sie nach dem Willen der Ärzte durch ein Monster ums Leben gebracht wird, ist das ein schöner Tod. Und wenn Mr. Paul McCartney das gehört hätte, würden die bunten Blätter bald was zu berichten haben.

Ihr Partner / Peiniger / Retter René Rothe ist ein Held in Jogginghosen, der schönste Mann in ganz Prohlis-Nord. Und ein Charmebolzen dazu. Der Beruf des Regisseurs mag ein ehrbarer sein, aber … „diese Mann geherrt auf Biehne“!

Der Berichterstatter kam zur unverdienten Ehre einer Premiere, die eigentliche fiel krankheitsbedingt aus am Vortage. Manchmal hat man eben auch Glück.

Morgen nochmal, am 13. Oktober 2013, 20.00 Uhr, Projekttheater, Louisenstraße 47, 01099 Dresden. Neustadt!
Das ist keine Empfehlung, das ist ein Befehl.

Und dann nie wieder? Kann, will ich mir nicht vorstellen.

PS: Ab jetzt auch in der seriösen Presse zu lesen:
http://www.kultura-extra.de/theater/feull/performance_kellerkinder_ensemblelavier.php

Vive la Guerre, der Tee ist fertig

„Krieg am Biscuit oder Schlacht ab 8“, theatrale Lesung der projekttheater all-stars im gleichnamigen Haus, gesehen am 21.09.13 (Erstaufführung)

Was für ein Kontrast! Gestern noch Soldaten in Afghanistan mit zerfetzten Eingeweiden im Kleinen Haus, heute das Gabelfrühstück der Generäle. Aber es geht um dasselbe: Es geht um Krieg.

Das Projekttheater hat auch ein Wahlprogramm: Ein fast vergessenes Stück von Boris Vian von 1951 wurde adaptiert, neu interpretiert und in einer theatralen Lesung auf die Bühne gebracht. Eine herrlich absurde Komödie, bei der einem irgendwann das Lachen im Halse verreckt.

General Audubon James Wilson de la Petardiere, Chef des Generalstabs, hat sich gut eingerichtet im Frieden, er bewohnt mit maman, die ihm in allen Lebenslagen zur Seite steht, eine großbürgerliche Villa in Paris und freut sich an seiner schmucken Uniform und dem heimlichen Pernod-Genuss.
Da kommt plötzlich dieser Zivilist, Ministerpräsident Plantin, und will Krieg. Der Wirtschaft fehlen Absatzmärkte, und so eine Armee ist doch ein idealer Verbraucher. Er sträubt sich, aber es ist ein Befehl. Also los, Krieg planen, er lädt den Generalstab zum Tee.

Von denen hat jeder seine persönliche Macke und eigentlich auch keine Lust, aber sie sind Soldaten, und ein Befehl ist ein Befehl. Schnell ist ein Schutzheiliger gefunden, es kann losgehen. Doch erst als der Pernod geleert ist und die Gäste gegangen sind, bemerkt mon general, dass etwas fehlt: Der Feind.
Hektisches Telefonieren mit dem Élysée-Palast bringt keine Lösung, die Entente muss helfen. Dscheneräll Jackson, Generrrall Krokilloff und Genelal Ching-Ping-Ting werden einbestellt. Die haben zwar vollstes Verständnis, stehen aber als Gegner wegen anderweitiger Verpflichtungen grad nicht zur Verfügung.

Der große Plan scheint zu scheitern, da hat der Krieger aus dem Reich der Mitte die zündende Idee: Gegen Afrika! Alle sind begeistert. Nun kann es wirklich losgehen.

Zwei Jahre später, der Generalstab sitzt irgendwo hinter der Front in einem Bunker vierzig Meter unter der Erde und hat vor allem die Aufgabe, seinen Truppen die Führer zu erhalten. Das ist insgesamt ein wenig langweilig, und die privaten Vorlieben der Herren passen einfach nicht zueinander. Die Gesellschaftsspiele scheitern schon im Ansatz.
Abwechslung verspricht der Besuch des immer noch Ministerpräsidenten Plantin, der die Generäle der befreundeten Großmächte mitbringt. Ein Höhepunkt im Kriegs-Einerlei! Zumal General Krokiloff ein Spiel kennt, das alle begeistert: Russisch Roulette.
Die Revolvertrommel wird gedreht, die Pistole wandert. Am Ende sind alle tot, als Letzter jedoch General Audubon James Wilson de la Petardiere. Der hat also gewonnen.

Was für ein grandioser Nonsens, hier hat einer Monty Python schon in den Fünfzigern vorweggeahnt. Soldaten kommen in diesem Stück nicht vor, wozu auch: Der Krieg ist mit Biskuit und Pernod am schönsten, nachmittags so gegen Fünf.

Volltreffer, ich fühle mich versenkt. Dem Projekttheater ist da eine wunderbare Miniatur gelungen, auch wenn es zwischendurch etwas holperte, ganz und gar großartig. Ein herzlicher, deutlich zu kurzer Applaus der leider wenigen Gäste.

Morgen (Sonntag, 22.09.13) nochmal, kurz nach der ersten Hochrechnung. Und dann nie wieder? Schade.

[Mit dem Projekttheater und mir verhält es sich übrigens in etwa wie mit dem saftigen Gras und dem angepflockten Schaf. Aber das kann man ja ändern. Sollte ich ändern.]

Das Hechtfest ist jetzt auch immer.

Natürlich, liebe junge Eltern, man kann den teuren Kinderwagen auch als Räumpanzer einsetzen, vor allem, wenn man beruflich in dieser Richtung vorbelastet ist. Es gehört sich nur nicht.
Natürlich, liebe Radfahrerdraußen, man kann auch einen Highspeed-Slalom auf der Leo versuchen zur Rush-hour. Aber man begibt sich dann in die Gefahr, nach Freiburg i.B. abgeschoben und der Gruppe Tocotronic zum Fraß vorgeworfen zu werden. Do you know what I mean?

Das soll es aber auch schon gewesen sein mit Genörgel. Es war Hechtfest am Wochenende, und trotz der feierlichen Inbetriebnahme einer neuen Buslinie stromaufwärts kamen die Massen „ins Hecht“, wie wir Auskenner sagen.

Am Freitag schilderte ich bereits live ein interessantes Tennismatch zwischen dem Hecht und einer gewissen Brückenmücke, meine Facebook-Freunde (wie reiht sich dieser Status eigentlich in die bekannte Kette Feind – Todfeind – Parteifreund ein?) werden sich erinnern. Für alle anderen nochmal kurz zusammengefasst anbei:

o Pfandsystem. Schnelles 1:0 für das Hecht. — hier: HechtFest | Freitag | 23.08.2013.
o Blechlawine (sic!). Zweinull. — Ebenda. Die Folgenden auch.
o Bisher kam ich immer pünktlich zum letzten Lied oder die Technik versagte grade. 2:1
o Den Ausdruckstänzer vom Piranha gibt’s auch vor dem Leonardo. Voller Treffer.
o Und J. B. Nutsch kann gar nicht singen. Hecht liegt hinten.
o Geile Reggaemugge im Gras. Oder auch mit. Das Hecht kann wieder ausgleichen.
o Doppelschlag!! Zwei tolle Galerien kurz hintereinander! 5:3, Satzball. Brückenmücke darf jetzt nichts mehr falsch machen.
o Aber schon isses vorbei. Der Verein schänkt mir einen ein und schlägt damit ein As. Der erste Satz geht 6:3 an das Hecht. Die Oroschina is not amused.
o Tja, liebe Sportsfreunde, das war noch nicht das erhoffte große Tennis. Nach souveränem Beginn hat das Hecht die Brückenmücke wohl nicht mehr ernst genommen und diese konnte sich heranpieken. Am Ende war es aber doch eine ziemlich klare Sache.
Wegen des Einbruchs der Dunkelheit werden die folgenden Sätze morgen ausgespielt. Aber eines ist jetzt schon klar: Brückenmücke muss kräftig zulegen, um hier nicht unterzugehen.
Zurück in die angeschlossenen Funkhäuser. . — hier: HechtFest | Freitag | 23.08.2013

Brückenmücke trat am nächsten Tage nicht mehr an, sie war wohl kurzfristig verhindert. Aber so blieb mehr Zeit, sich den schönen Dingen des Lebens zu widmen, von denen im Folgenden zu berichten sein wird. Den Sonnabend lassen wir mal weg, da war für den Berichterstatter nicht viel Schönes dabei, er war woanders.

Der Sonntag Mittag, entspannter Auftakt am TiR Na N’OG im Außendienst. Eine schöne Stimme hat sie, Country-Klassiker, das ist gut und überfordert keinen. Aber als sie Truck Stop interpretiert, wendet sich der Gast mit Grausen.

Jindrich Stajdl auf der Leo-Bühne ist da ein anderes Kaliber. Er hat seinen Sekretär Prochazka und zwei weitere Führungskräfte seines Unternämmens mitgebracht, dazu ein scheisse Blau, ein scheisse Rot, das Weiss ist auch nicht viel besser … Bemmisch Frieschoppen. Manitschka fehlt leider. Aber es fällt ihm dennoch leicht zu beweisen, dass die U-Musik ein Meister aus Böhmen ist. Becherovka!
Ganz nebenbei beweisen die Herren Bürger und Winkler et. al., dass ausgezeichnete Musiker nicht zwingend humorlos sein müssen.
Eine Zugabe, ok. Wenn das Publikum auch so blöd ist, nicht „Zugaben“ zu rufen …

Sie gehen mit Bravour vom Fischfest und ich zum Hecht.Grün, jenem verwunschenen Garten direkt am Bischofsplatz. Eine Kräuterlimo in der Hand, schaukele ich wie in Kindertagen und bin restlos glücklich. Doch irgendwann treibt der Hunger mich wieder raus.

Chicken Dings kann ich nicht mehr sehen, aber es gibt genug Alternativen. Ich schlendere und denke, so muss dass bei der BRN auch mal gewesen sein, irgendwann, weit vor dem Krieg.
Ein Caipi brasil … Eujeujeujeujeujeu. Beschwingt trägt es mich vor den Stand von Quilombo, wo ich endlich einiger dieser großartigen Plakatmotive habhaft werde. „Vorproduzieren lass ich meine Sachen in Deutschland. Die arbeiten da Tag und Nacht. Und sind spottbillig.“ Meine Texte werde ich künftig in Indien vorschreiben lassen.

„Taint it love“ in scottish folk und all die anderen Klassiker, doch, das hat was. Ich lasse mich für ein paar Minuten bei den „Celtic Cousins“ nieder und stehe Stunden später wieder auf. Vor der Bühne tanzen glückliche junge Väter in den späten Vierzigern mit ihrem Nachwuchs. Anything gonna be allright. Auch die versuchte Publikumsdressur tut dem keinen Abbruch.
Ein führendes Glasbiergeschäft mit kommunistischer Vergangenheit versorgt mich mit neuem Treibstoff.

Ich trete ein in den Dom resp. die St.-Pauli-Ruine. Ein Hochamt wird gefeiert. Welche Akustik! Welche Musik. Welche Stimme … Rookfly, unbedingt zu merken. Voller Ergriffenheit vergesse ich zu essen und zu trinken, kann den folgenden Ast aber gleich vor Ort absägen.
Warum wird die Dresdner Philharmonie nicht auf 40 Planstellen gekürzt und in diese Ruine versetzt? Dann könnte der Kulti bzw. das Grundstück drunter doch an USD verkauft werden? Und ins generelle Bild passen würde es auch. (Herr Vorjohann, ich krieg 10 Prozent vom Brutto)

Draußen laufe ich einem GEZ-Gegner in die Arme, der Unterschriften sammelt für eine Petition. Ja, im Prinzip d’accord, aber da er zwar sehr genau weiß, wogegen er ist, aber weniger, wofür, kann ich mich nicht durchringen.
An den (wenigen) Tresen, die ich besuche, werde ich gesiezt. Früher hätte mich das genervt, aber seitdem ich „Die Siezgelegenheit“, jenes großartige Chanson meiner Lieblingslolita kenne, steh ich da drüber.

Dunkeln tut’s inzwischen. Ich gedenke der zu fütternden Katze (welche übrigens gefühlt das Doppelte ihres Körpergewichts täglich scheißt) und wende mich heimwärts. Eine handbestrichene Fettstulle nehm ich noch mit von der Fichtestraße – der grandiose Vodka to go vom Freitag war leider schon alle – entgehe knapp der Wasserschlacht (Peace!) und passiere eine Hebebühne for all. Das passende Bibelzitat behalt ich bei mir, und auch sonst alles, obwohl ein „WC royal“ lockt.

Tja, das Hecht. Logisch wissen wir Kern-Neustädter alle, dass dies feiertechnisch viel cooler als die BRN ist. Nur zugeben würden wir es nie. Und es besteht ja auch noch Hoffnung:

Spieglein, Spieglein an der Frauenkirchen-Wand,
wer hat das schönste Fest im ganzen Land?

Natürlich Ihr, Monarchin de l’Orosz, kein Wunder bei dem vielen Bier …
Aber drüben, hinter den viel zu vielen Brücken, gibt es ein Fest, da ist es noch tausendmal schöner als hier.

Und die Oroschina erbleichte, wurde fürchterlich wütend und schickte im nächsten Jahr ihre Bierwagen.

PS: Zur gewohnt seltsamen Überschrift gilt es zu erklären, dass das angeblich unabhängige Wurst- und Käseblatt der BRN in diesem Jahr erklärte, dass die BRN immer wäre. Die Schweiz wäre ja auch immer.
Man kann da wenig entgegenhalten, nur betonen: Das Hecht ist jetzt auch immer.

Programmhinweis: Mi., 21.08.13, 22.30 Uhr Teichelmaukes Hamsterradio

Für alle, die nicht lesen können (also bitte weitersagen)

http://coloradio.org/site/

oder auch 98,4 & 99,3 MHz, wenn man im gelobten Land wohnt.

Der Arbeitstitel dieser ersten Blamage lautet

Teichelmauke trifft Canaletto trifft Wagner

Es kann noch besser werden, muss aber nicht.

Man hört sich, vielleicht.