Aus Bähmen kommt die Mussick


Die Jindřich-Staidel-Combo im Blue Note Dresden, 22.12.2013

 Jahreszeitlich angepasst marschiert man zu „Taratatam“ in den, nun ja, Saal. Das wird zünftig gespielt, auch wenn die Kapelle gewohnt unlustig guckt. Die Vertreter des Brudervolks im Süden tun hier nur ihre Pflicht, allerhöchstens. „Wer dansen mechte, lässt es bitte bleiben.“ Olomouc ist kurz vor dem Abschied des Center-Klaus nochmal auf Mugge, da gibt es klare Regeln. Aber haben Sie bitte Spaß!

 Mehr als rammelvoll ist die „Bouda Modry Note“ heute, solch schöne Trainingsanzüge („aus Fläz“, wie wir später lernen werden) wie die Formation da vorne hat aber keiner an. Der Adjutant Prochazka berichtet näselnd-nölig aus dem reichhaltigen Leben des Jindřich Staidel, während ebenjener unbeteiligt durch die Spiegelbrille schaut. Offensichtlich versteht er kein Deutsch. Muss er auch nicht.

 Der Autohändler Meth aus Olomouc hat eine Schwester namens Crystal, die hat Kekse gebacken … Und so nimmt das Unheil seinen Lauf. „Don’t cry for me, Česka Lipa“ heißt es, als Jindřich nach seiner Umschulung das Kaff wieder verlässt. Am Ende wissen wir, eigentlich muss es „Dräsdn-Neustadt“ heißen.

Wir hören Welthits in eher schlichten Arrangements, allesamt natürlich ursprünglich aus der Feder von Meister Staidel, der am liebsten im Liegen komponiert. Besonders vor der Pause blitzt das Können der vier auf der Bühne nur selten auf, sie sind vorerst nur ein Gesamtkunstwerk, aber die Stimmung kocht im Hostinec.

 Wir lernen auch was: Bei Wolfskin fehlt generell das „e“ an der Jack, doch Manička stickt es gerne dazu, gegen Entgelt. Wenn man morgens im Löbtauer Schnittgerinne erwacht, ist die Gefahr einer temporären Demenz groß, doch die Kapelle hat eine mobile Apotheke dabei und bietet Oblaten dagegen feil. Die formschönen und praktischen Anzüge der Herren bestehen wie schon berichtet aus Fläz, was im Böhmerwald unter Tage abgebaut und von einem Schneider namens Das Adi zum Endprodukt verarbeitet wird.

 Vor der Halbzeit noch ein Stück, wo dann alle mal zeigen, wo sie eigentlich herkommen: Aus Jazz-Virtuosien. Auch schön: In der Pause rauchen Ginstler und Bubblikum einträchtig eine Stange „Start“ vor der Tür des inzwischen leergeatmeten Jazz-Imbisses.

 Dann nimmt die musikalische Klasse deutlich zu: E + U = XXL, um es mal so auszudrücken. Die Bandmitglieder Jindřich Staidel, Pro Haska, Manitschka Krausonova und Tatra Skota (bürgerliche Decknamen auf Anfrage) sind mitnichten nur Spaßvögel, sondern ausgewiesene (häh?, der Sezza) Könner auf ihren Instrumenten. Stellenweise ist es nun fast ein „normales“ Jazzkonzert.

 Dennoch hat die Combo einen Bildungsauftrag, dem sie nachkommen muss. Wir lernen also weiter: Burnout ist ein Nachbardorf von Olomouc, und in Böhmen herrscht ein brutaler Winter, saukalt soll es sein. Soso. Da hat wohl der Tourismusverband ein Anliegen gehabt.

Von Böhmen aus betrachtet, haben die Deitschen nun eine goldene Plazenta als Verteidigungsministerin, man beobachtet die Lage offenbar aufmerksam. Statt Euro-Hack gibt es künftig Euro-Mett, meint man im Nachbarland.

Wie alle superreichen Künstler hat Jindřich Staidel eine Stiftung gegründet, die sich u. a. dem Kampf gegen „Gähtnicht“ verschrieben hat. Ziemlich erfolgreich sogar, an diesem Abend geht alles.

 Insgesamt ist Teil Zwo deutlich jazziger, jetzt kommen auch die Puristen auf ihre Kosten, die, für die der Künstler keinen Humor haben darf. Falls sie nicht zuvor gegangen sind aus Protest gegen diese schrägen Blödeleien. Aber ich hab nachgezählt, es waren alle noch da nach der Pause.

 Ein Zeckenbiss der Liebe für Betra, die nur Euro nimmt, nix Korun, was im Moment aber unklug erscheint. Die Melodie hat übrigens ein gewisser Karel aus Praha gestohlen, sie in den Westen verkauft und führt sich nun auf wie der liebe Gott.

Ein Tag im Leben des Jindřich Staidel, von ihm selbst auf Altböhmisch gesungen und von Prochazka liebevoll simultan übersetzt. Doch auch bei großen Männern passiert nicht immer was.

Ein Knedl-Hai kann geangelt werden im Schaufenster des Apothekers von Olomouc, Pan Tau fährt dort den Schneepflug und das letzte Rudel Polyluxe lebt in den Stadtwäldern und führte dort neulich „Titanic“ auf … Können Sie folgen? Man muss es erlebt haben, beschreiben ist schwer.

 Dann sehen wir sogar einen tanzenden Meister Staidel in der vollen Lebensgröße seiner 155 cm, er öffnet nicht nur in der Heimat mit seiner Aura alle Portemonnaies. Manička Krausonova hat sich an der Sorbonne in Dampfbügeleisen promoviert und leitet jetzt die örtliche Musikschule sowie die Pfandflaschenannahme.

Tatra Skota stammt ursprünglich aus dem Baumarkt und ist hauptberuflich als Schredder tätig mit seinen Stöckchen, Pro Haska hatte eine schwere Kindheit mit vertauschter Mutter und bringt morgens um Neun die Unterschriftenmappe zu Herrn Staidel. Alles ganz normal also, Menschen wie Du und ich.

 Zum Ende hin noch eine Hymne auf das Kofferradio an Bord, auch Abba hat alles dem Meister zu verdanken, und dann … „Oblatki, Oblada, Becherovka!“. Feierabend und zurück über die grüne Grenze. Fast drei Stunden erstklassiger Musik und genialen Schwachsinns in der Jazz-Arena „Blue Note“ liegen hinter uns.

 Don’t cry for me, Dresden-Neustadt? Doch.

 

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