Getagged: Gesellschaft
Die Albertbrücke im Licht der Fakten
Sehr geehrter Herr Zastrow,
sehr geehrter Herr Hintze,
Sie übergaben mir in Reaktion auf meine mail-Anfrage vom 24. Juli am Folgetag umfangreiches Material zum Thema „Albertbrücke“, für das ich mich nochmals herzlich bedanken möchte. Ich konnte mir damit ein viel deutlicheres Bild von den Diskussionsprozessen im Stadtrat machen.
Einige Punkte Ihrer Argumentation möchte ich nun aufgreifen und diskutieren:
Die hohe verkehrliche Bedeutung der Albertbrücke wird schlagartig mit der Inbetriebnahme der Waldschlösschenbrücke abnehmen.
Von den heute noch 31.000 Kfz/d dürften zumindest die Ein- bzw. Auspendler aus dem nördlichen Dresdner Umland den schnelleren Weg auf die andere Elbseite wählen. Mir liegen die aktuellen Zahlen des integrierten Verkehrsmodells der LH Dresden nicht vor, ich gehe aber davon aus, dass dort für die Albertbrücke weniger als 20.000 Kfz/d prognostiziert werden. Diese Zahl kann man ab September mit Messungen leicht überprüfen.
Eine Argumentation für einen 90%Fördersatz dürfte dann sehr schwierig werden.
Die von Ihnen erstellten km-Bilanzen des MIV für die einzelnen Varianten vernachlässigen die Parameter Reisezeit und Kraftstoffverbrauch, auf die es doch im Wesentlichen ankommt.
Ich wage zu behaupten, dass ein Pkw-Fahrer genauso lang unterwegs ist und genauso viel Kraftstoff verbraucht, wenn er sich im Stau über die Albertbrücke „steht“ oder eine der leistungsfähigen Umleitungsverbindungen nutzt. Diesen Sachverhalt sollte man auch der Caritas erklären können.
Man muss beim Thema „Rückzahlrisiko der Behelfsbrückenkosten“ zwischen dem planrechtlichen Bescheid und dem eigentlichen Förderbescheid unterscheiden.
Sicherlich ist es richtig, dass Fördermittel zurückzuzahlen sind, wenn sie rechtswidrig ausgegeben wurden, ich sehe diese Gefahr aber nicht. Die Offenhaltung der Albertbrücke ist keine Auflage des Planrechtsbeschlusses, sondern wird nur in der Begründung erwähnt. Und im eigentlichen Planrechtsbeschluss zur Sanierung der Albertbrücke wird darauf überhaupt kein Bezug genommen, im Gegenteil: Es wird explizit die Einrichtung einer zweiten Linksabbiegerspur stadteinwärts an der Kreuzung Königsbrücker Straße / Stauffenbergallee gefordert, um den Umleitungsverkehr zu erleichtern.
Dieses Thema kann man also getrost für die Variantenwahl vernachlässigen.
Ich habe mit großen Erstaunen gelesen, dass die Variante V eine fast durchgängige Befahrbarkeit durch Kfz (zwei Fahrstreifen) und Straßenbahn (eingleisig) unterstellt. Dies bedingt ständig eine Verkehrsfläche von mind. 8 m Breite. Wenn man noch die notwendigen Arbeitsschutzabstände hinzurechnet, ist kaum vorstellbar, dass auf der heute einschließlich Randkappen/Brüstung 18,60 m breiten Brücke ein sinnvolles und wirtschaftliches Bauen möglich sein soll.
Die Variantenuntersuchung der Planungs-ARGE ist sicher nicht auf dem Niveau einer Entwurfsplanung ausgeführt worden. Ich wage zu behaupten, dass die eigentlichen Probleme erst mit der Detailplanung zu Tage treten werden und dann sicher auch die Kostensumme nach oben korrigiert werden muss. Zudem beinhaltet ein derart komplexer Bauablauf (mit elf verschiedenen Bauphasen, wie zu lesen ist) immer ein großes Nachtragspotential.
Die angezeigten Kostenrisiken der DVB sind zumindest aus Sicht des Steuerzahlers ein Nulsummenspiel, die LH Dresden würde sich das Geld von der DVB holen (müssen) und nachher über die Städtischen Werke wieder zuführen (etwas vereinfacht beschrieben). Auch dies überzeugt mich nicht.
Zusammengefasst: Die Argumente, die zum Stopp der durch die Stadtverwaltung vorgesehenen Variante führten (immerhin mit abgeschlossener Entwurfs- und Genehmigungsplanung sowie – fast – dem Vergabeverfahren) halten für mich einer detaillierten Betrachtung nicht stand. Ich denke, das Einzige, wo man getrost geteilter Meinung sein kann und was politisch zu entscheiden sein wird, ist die Frage der Zumutbarkeit der Brückensperrung für den motorisierten Individualverkehr. Für mich persönlich komme ich dabei zur Ansicht, dass die Brücke künftig nicht mehr die ihr heute beigemessene Bedeutung haben wird und ein beherrschbarer Bauablauf die Risiken für die Stadt deutlich mindert.
Aber:
Ich sehe durchaus, wie viele Gesichter hier zu verlieren sind, wenn sich eine der beiden Seiten bewegt. Zu tief sind die Gräben schon ausgehoben.
Deswegen mein – von mir aus naiv zu nennender – Vorschlag: Holen Sie gemeinsam im Stadtrat die Variante Eins wieder hervor. Die Welt wird nicht untergehen, wenn eine innerörtliche Brücke mal für vierzehn Monate nicht zur Verfügung steht, der DVB wird ein intelligentes Ersatzkonzept einfallen, das weit unter den angezeigten Kosten bleibt und die öffentliche Hand wird ausnahmsweise mal etwas gespart haben bei Bauprojekten. Mit solchen Nachrichten möchte ich Dresden in den Schlagzeilen sehn …
Ich wünsche Ihnen und Ihren StadtratskollegInnen, dass Sie dieses vertrackte Thema doch noch zu einem guten Ende bringen.
Mit freundlichen Grüßen,
PS: Ich erlaube mir, unseren mailwechsel ungekürzt auf meinem Blog „teichelmauke.me“ zu dokumentieren.
Dokumentation: Antwort der FDP-Fraktion im Dresdner Stadtrat vom 25.07.13 auf meine mail-Anfrage (sh. Teichelmauke vom 24.07.13)
[Die Tabellen sind leider etwas durcheinandergeraten]
Sehr geehrter Herr …,
vielen Dank für Ihre umfangreiche eMail zum Thema Albertbrücke an den Fraktionsvorsitzenden, welche er mir zur Beantwortung übergeben hat. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir als Fraktion aktuell sehr viele Anfragen bekommen und nicht auf jedes einzelne Detail in jeder Anfrage eingehen können. Wir möchten allen aber trotzdem ausführlich zu unserer Position zur Albertbrücke und den Vorgängen, die zur aktuellen Situation geführt haben, antworten, denn leider wird dieser Sachverhalt in den Medien gar nicht oder sogar zum Teil verfälscht dargestellt. Die von Ihnen aufgeworfenen Fragen zu unserer gestrigen Pressemitteilung zeigen mir, dass Sie sich mit dem Thema intensiv beschäftigt haben. Dafür bin ich Ihnen sehr dankbar, denn dies geschieht nicht mehr sehr oft. Allerdings sind Sie in Ihren Ausführungen eben im Wesentlichen auf die Darstellung in den Medien eingegangenen, die eben nicht die tatsächliche Sachlage widerspiegelt. Um Ihnen dazu eine zusammenfassende Antwort vor allem auf ihre letzten Fragen und Anmerkungen zum Thema Ersatzverkehr, Umleitungen, Sperrung, Finanzierung und Risiken zu geben, erlaube ich mir Ihnen eine umfangreiche Zusammenfassung des Variantenvergleichs der ARGE zur Sanierung des Albertbrücke sowie der vorgelegten Unterlagen der Rechtsaufsichtsbehörde und des SMWAV anzufügen. Wenn Sie das Thema Sanierung der Albertbrücke tatsächlich interessiert, nehmen Sie sich bitte die Zeit und lesen die umfangreichere Zusammenfassung. Besonders Ihre Behauptung eines jahrelangen Ersatzverkehrs entspricht nicht den diskutierten Sanierungsvarianten.
Zu Ihren speziellen Anmerkungen zum aktuellen Zustand der Brücke und zur Notwendigkeit von „Sofortmaßnahmen“ erlaube ich mir erneut den Hinweis, dass diese Tatsache seit der baulichen Sperrung im Jahr 2009 dieselbe ist (auch die Auflagen der Sofortmaßnahmen). Wie Sie richtig ausführen ist eine Sanierung dazu geeignet, diese Situation zu beheben. Andere geeignete Sofortmaßnahmen (wie seit vier Jahren durchgeführt werden) stellen aber auch die Möglichkeit des Weiterbetriebes sicher. Diese Sofortmaßnahmen hat die Stadt sogar bereits beauftragt, siehe beispielsweise eine Antwort der Stadtverwaltung auf eine Presseanfrage der DNN vom 23.07.2013:
„Als geeignete Sofortmaßnahmen wurden durchgeführt:
Beseitigung massiver Verwerfungen am Fahrbahnrand ca. 7000 Euro,
prov. Sicherung der Entwässerung ca. 3000 Euro,
Beseitigung absturzgefährdeter Teile in den Schifffahrtsöffnungen 11115 Euro,
Beseitigung absturzgefährdeter Teile in den Schifffahrtsöffnungen in den Vorlandbereich 2000 Euro.
Mit den vorgenannten Maßnahmen wurden die gravierendsten Mängel behoben.
Die dauerhafte Nutzbarkeit der Brücke kann damit nicht garantiert werden.“
Diese Maßnahmen wurden bereits vor der Antwort auf die von Ihnen zitierte schriftliche Anfrage beauftragt und sind zum Teile bereits umgesetzt. Warum abseits dieser Fakten einzelne Personen im Straßen- und Tiefbauamt trotzdem behaupten, die Brücke verliert ihre Betriebserlaubnis, ist nicht plausibel und nicht nachvollziehbar. Warum also die Antwort auf die Fragen einseitig, abseits der tatsächlichen Fakten und auch abseits der gegenüber den Stadträten im Mai und Juni gemachten Aussagen beantwortet wurde, ist uns nicht bekannt. Aus unserer Sicht kann es sich dabei nur im singuläre Meinungen und Interessen handeln, für deren Veröffentlichung die Abwesenheit der Oberbürgermeisterin und ihrer ersten zwei Stellvertreter ausgenutzt wurde.
Was Ihre Frage zur Waldschlößchenbrücke angeht, sind wir uns sicherlich einig, dass die Brücke verkehrstechnisch als Nord-Süd-Verbindung, also von den Stadtteilen mit vielen Wohnungen zu den Arbeitsplätzen im Norden der Stadt, gedacht ist. Sie ist mitnichten für die Anbindung der Neustadt an die Johannstadt und die Altstadt gedachte. Aber genau dieser Verkehr ist es, der über die Albertbrücke abgewickelt wird. Dafür möchte ich als gutes Beispiel nur den Einspruch der Caritas-Pflegestation gegen die Vollsperrung der Albertbrücke für Autos anführen. Die aus der Vollsperrung für Autos resultierenden längeren Fahrzeiten des Pflegedienstes gehen dabei zu Lasten der Pflegezeit und führen zu Mehrkosten, die am Ende die Pflegepatienten zahlen müssten. Ich halte dies für ein sehr einfaches und klares Beispiel für die Konsequenzen der Vollsperrung für Autos.
Sehr geehrter Herr Zimmermann, ich hoffe ich konnte mit meinen Ausführungen und der unten angefügten Zusammenfassung des Sachverhaltes alle Ihre Fragen abdecken. Sollten sie weitere Fragen oder Informationsbedarf haben, stelle ich Ihnen auch gern das originale Material zur Verfügung.
Vielen Dank und
mit freundlichen Grüßen
Steffen Hintze
Geschäftsführer
FDP-Fraktion im Dresden Stadtrat
Sachverhalt Sanierung der Albertbrücke:
2009 wurde die Albertbrücke aufgrund von baulichen Mängeln teilweise gesperrt. Alle Fraktionen im Stadtrat waren sich in der Folge sehr schnell einig, dass die Brücke so schnell wie möglich saniert werden muss. Damals sollte das unverzüglich und sogar noch vor der Fertigstellung der Waldschlößchenbrücke geschehen. Die Stadtverwaltung versprach eine Sanierung ab 2011. Mit dem Stadtratsbeschluss zur Sanierung der Brücke im Mai 2010 versprach die Verwaltung schriftlich auch, dass die Brücke für Straßenbahnen und Autos offen bleibt, wenn die Interimsbrücke für Radfahrer und Fußgänger gebaut wird (Kosten über 2 Millionen Euro). Mit dieser schwerwiegenden Begründung wurde dann die Baugenehmigung für die Behelfsbrücke bei der Landesdirektion beantragt und genehmigt. So ist im Genehmigungsbescheid der Landesdirektion, der diesen umfassenden Eingriff in ein Naturschutzgebiet genehmigt, eindeutig festgehalten, dass die Behelfsbrücke für die Offenhaltung der Albertbrücke für alle Verkehrsteilnehmer notwendig ist.
Im weiteren Verlauf der Jahre 2010 und 2011 hat die Stadtverwaltung ohne einen Stadtratsbeschluss entschieden, dass die Albertbrücke nicht sofort saniert wird, sondern erst nach der Fertigstellung der Waldschlößchenbrücke, und dass die Brücke doch entgegen den eigenen Versprechen und des vorliegenden Planfeststellungsbescheides voll gesperrt werden soll. Da wir als FDP-Fraktion die damaligen in der Presse verlautbarten Argumente nicht glauben konnten, kämpfen wir seit dem September 2011 für die Erfüllung des Stadtratsbeschlusses aus dem Mai 2010, wonach eben Straßenbahnen und Autos über die Brücke fahren sollen. Ebenfalls seit dem September 2011 fordern wir vom Straßen- und Tiefbauamt, dass es die getroffenen Behauptungen untermauert, alle Zahlen und einen Variantenvergleich vorlegt. Dies ist aber niemals geschehen. Nach diversen Schriftwechseln mit der Stadtverwaltung und der Rechtsaufsicht wurde unser Antrag zur Offenhaltung der Albertbrücke im September 2012 endlich zugelassen. Seit dieser Zulassung gibt es erstmals eine Diskussion zum Sachverhalt. Mitte Mai 2013 wurde den Stadträten dann erstmals ein Variantenvergleich vorgelegt. Dieser Vergleich wurde durch die Planer der Albertbrückensanierung im Februar 2013 erstellt. Vorher gab es innerhalb der Verwaltung gar keine umfassende Betrachtung. Nach eigenen Aussagen gab es nicht einmal eine Betrachtung eines „Nullfalles“, also einer Verkehrsbetrachtung ohne irgendeine Sperrung.
Die jetzt vorgelegten Zahlen und Fakten bestätigen nicht nur unsere Position zur Sanierung der Albertbrücke, sie gehen sogar noch deutlich darüber hinaus. Im Folgenden möchte ich auf die wesentlichen Punkte aus dem umfangreichen Variantenvergleich eingehen. Aber um es noch einmal mit aller Deutlichkeit klarzustellen, der jetzt im Mai 2013 vorgelegte Variantenvergleich hätte eigentlich bereits 2010 bzw. 2011 erstellt und den Stadträten vorgelegt werden müssen. Wäre dies geschehen, gäbe es die aktuelle Diskussion überhaupt nicht.
Erläuterung zu den aktuell diskutierten Varianten:
Variante I: ist eine komplette Vollsperrung für alle Verkehrsteilnehmer und die zügige Sanierung
Variante IVb: ist die aktuell durch das Straßen- und Tiefbauamt favorisierte Variante mit Vollsperrung für Autos
Variante V: sogenannte FDP-Variante mit Offenhaltung für Straßenbahn und Autos
Zum Thema Verkehrsführung bei den Varianten:
Zeit Variante I Variante IVb (STA) Variante V (FDP)
Bauzeit (Monate)
14
21
28
Benutzbarkeit Autos
0
12
davon rund 10 als Einbahnstraße
28
Benutzbarkeit
Straßenbahn
0
18
26
Umleitungsverkehr Kfz
11,9 Mio. km
12,4 Mio. km
1,7 Mio. km
Zusätzliche Kosten DVB AG
2,621 Mio.
0,415 Mio.
0,474 Mio.
Für den Autoverkehr ist damit sogar Variante I besser als IV. Die angegebene 12-Monate-Nutzbarkeit durch den MIV berücksichtigen nicht den Einrichtungsverkehr (Einbahnstraße) nach der Vollsperrung – die 12 Mio. km für Kfz aber schon – deshalb ist es auch mehr als in Variante I. Die 12 Millionen km Umleitungsverkehr ergeben sich aus den zusätzlich zu fahrenden km. Damit ist die Variante IVb des Straßen- und Tiefbauamtes die umweltschädlichste Variante und läuft dem durch die Stadt beschlossenen Luftreinhalteplan zuwider. In der gleichen Variante IVb kann die Straßenbahn durchgängig fahren, muss allerdings drei Monate runter genommen werden (18 von 21 Monaten) – in dieser Zeit ist teilweise auch kein Schienenersatzverkehr möglich (da vollgesperrt für Autos bzw. nur Einrichtungsverkehr – daher können auch keine Ersatzbusse in dieser Zeit fahren); das bedeutet, die Neustadt ist in diesen drei Monaten teilweise ohne ÖPNV-Anschluss. (über die Albertbrücke)
In der Vorzugsvariante der FDP-Fraktion kann die Straßenbahn durchgängig fahren und muss nur zwei Monate von der Brücke runter (26 von 28 Monaten freie Fahrt für die Straßenbahn) – der Schienenersatzverkehr kann problemlos über die Brücke fahren. Damit sind zu jeder Zeit die Neustadt und die in der Nähe liegenden Schulen und Kitas erreichbar.
Deshalb ist die Variante V (FDP) für Straßenbahnen und Autos deutlich besser als die Variante IVb (STA).
Zum Thema Kosten:
Kosten Variante I Variante IVb (STA) Variante V (FDP)
Gesamtkosten
22,757 Mio.
25,372 Mio.
28,659 Mio.
Förderfähig
21,041 Mio.
23,451 Mio.
26,621 Mio.
Förderquote
75%
75%
90%
Fördermittel
15,78 Mio.
17,588 Mio.
23,959 Mio.
Eigenmittel
Stadt
DVB
+ nicht förderfähig Kosten
6,977 Mio.
4,6 Mio.
0,91 einschl. Behelfsbrücke
7,784 Mio.
6,844 Mio.
0,936 Mio.
4,7 Mio.
4,188 Mio.
0,512 Mio.
Einsparungen
Stadt
DVB ohne Interimsbrücke
4,559 Mio.
4,369 Mio.
0,19 Mio.
Die Variante V ist die teuerste Variant aber zugleich aufgrund der erhöhten Förderquote für die Landeshaupt die preisgünstigste Variante. Über 4 Millionen Euro sparen die Landeshauptstadt und die Dresdner Verkehrsbetriebe an Eigenmitteln. Mittel, die dann für wichtige andere Projekte in der Stadt zur Verfügung stehen. Allein der letzte Winter hat Schäden von über 10 Millionen Euro an den Dresdner Straßen angerichtet. Die eingeplanten Mittel im Haushalt reichen nicht einmal für einen Bruchteil dieser Schäden. Die Stadt ist also auf jeden einzelnen Euro angewiesen.
Die erhöhte Förderquote bei der Variante V ist aufgrund einer Förderrichtlinie des Freistaates möglich. Grundsätzlich gibt es lediglich eine Förderung von 75%, außer es besteht aufgrund der Bedeutung des Projektes ein besonderes Interesse des Freistaates. Deshalb wird beispielsweise auch die Waldschlößchenbrücke mit 90% gefördert. Die Verkehrsbelegungszahlen der Albertbrücke mit über 38.000 Kfz pro Tag (31.000 nach den letzten Verkehrseinschränkungen) machen die Brücke zu einer der meistbefahrenen Brücken in ganz Sachsen. Damit ist sie auch für den Freistaat von Interesse. Sollte es für die Landeshauptstadt allerdings möglich sein, diese so stark befahrene Brücke ohne Verkehrsprobleme aus dem Straßennetz zu nehmen, ist dies ein Beleg dafür, dass die Brücke offensichtlich nicht so wichtig ist, wie es die Zahlen sagen. Damit bleibt bei einer Vollsperrung für den Autoverkehr nur der reguläre Fördersatz von 75%. Die Variante V hat also klare finanzielle Vorteile für die Landeshauptstadt.
In den letzten Wochen haben sich aber auch massiv finanzielle Risiken vor allem für die Verkehrsbetriebe in Bezug auf die Vollsperrungsvariante IVb aufgetan. So hat die Oberbürgermeisterin neben dem Variantenvergleich auch alle bisherigen Genehmigungsunterlagen und Schriftwechsel mit der Rechtsaufsicht vorgelegt. Daraus ergibt sich, dass die Behelfsbrücke mit der Argumentation aus dem Jahr 2010 (Offenhaltung für Autos und Straßenbahnen) genehmigt wurde. Im Umkehrschluss bedeutet das aber, dass die Genehmigung für den Bau der Behelfsbrücke fraglich ist, sollte die Brücke für Autos gesperrt werden. Die Fördermittel für die Behelfsbrücke müssten dann sogar zurückgezahlt werden, womit hier eindeutig ein fehlerhaftes Genehmigungsverfahren von Seiten des städtischen Straßen- und Tiefbauamtes vorliegt. Bei Gesamtkosten von rund 2,25 Millionen Euro für die Behelfsbrücke ist das ein nicht zu vernachlässigendes Risiko. Ebenfalls wurde nun ein Schreiben der Rechtsaufsicht aus dem Jahr 2011 öffentlich, wonach die Stadt verpflichtet ist, mit den Dresdner Verkehrsbetrieben eine Finanzierungsvereinbarung abzuschließen, sofern die Variante IVb gebaut wird. Die Landesdirektion hat im April 2011 zur Vollsperrungsvariante folgendes klargestellt:
„Der Vorteil dieser Variante verbleibt allein beim ÖPNV… Schlussfolgernd ist festzuhalten, dass für die LHSt Dresden für den durch sie zu tragenden Anteil am Ausbau der Albertbrücke keine Vorteile bei der Variante 4b entstehen, die die ausgewiesenen Kosten rechtfertigen… Vielmehr muss die LHSt mit der DVB AG eine anteilige Kostenübernahme vereinbaren, ….“
Die Risiken für die Verkehrsbetriebe belaufen sich damit auf mehrere Millionen Euro. Diese Risiken sind direkt mit der im laufenden Verfahren geänderten Argumentation des Straßen- und Tiefbauamtes verbunden und stammen aus dem April 2011. Leider wurden diese Fakten erst im Mai 2013 von der Stadtverwaltung veröffentlicht.
Fazit:
Seit zwei Jahren kämpfen wir als FDP-Fraktion für die Umsetzung des 2010er Beschlusses und damit für eine Gleichbehandlung aller Verkehrsteilnehmer. Wir sind immer davon ausgegangen, dass eine Vollsperrung die verkehrspolitisch schlechteste Variante ist. Die Zahlen im Variantenvergleich der Oberbürgermeisterin bestätigen unsere Position vollständig. Die schnellste und preiswerteste Variante zur Sanierung der Albertbrücke ist ohne Wenn und Aber die komplette Vollsperrung für Autos und Straßenbahn mit schnellstmöglicher Sanierung der Straße. Diese Variante I kostet unter 23 Millionen und ist sogar in 14 Monaten beendet. Wir glauben aber, dass die Brücke zu wichtig ist, um sie voll zu sperren. Wir sind der festen Überzeugung, dass die Brücke während der gesamten Bauzeit für alle Verkehrsteilnehmer offen bleiben muss. Deshalb wurde auch 2011 die Behelfsbrücke für Fußgänger und Radfahrer gebaut. Die Variante V ist teurer aber verkehrspolitisch alternativlos. Denn wer die Geschichte der städtischen Bauprojekte und deren Verzögerungen kennt, kann sich vorstellen wie genau die Planungen zur Albertbrücke sind. Eine Verzögerung während der Sanierung wäre katastrophal, wenn die Brücke gesperrt ist. Sollte die Brücke für Straßenbahn und Autos offen sein, ist auch eine Verlängerung der Bauzeit verkraftbar. Aus unserer Sicht rechtfertigen die Mehrkosten die verkehrspolitische Entlastung der Dresdner Innenstadt. Bei Variante IVb würden über 12,4 Millionen km zusätzlichen Autoverkehr in Dresden organisiert. Setzt man dafür eine Kilometerpauschale von 30 Cent pro gefahrenen Kilometer an, zahlen die Autofahrer allein für die Umleitungen noch einmal 3,7 Millionen Euro für die Sanierung der Albertbrücke. Die Kosten, die jedem einzelnen Autofahrer entstehen, hat bis heute niemand berücksichtigt. Dresden braucht eine Verkehrspolitik für alle Verkehrsteilnehmer und nicht nur für einen einzelnen. Deshalb sollte die Brücke auch für alle Verkehrsteilnehmer offen bleiben.
– ENDE DER DOKUMENTATION –
Hiddenseeer Elegien, Teil 2: Von frühen Vögeln und faulen Nachmittagen
Sonntag morgen. Sechsuhrdreißig. Ich muss dreimal auf den Wecker schauen, ehe ich es glaube. Eine unnatürliche Stille hat mich geweckt. Wo sind die marodierenden JunggesellInnenabschiede auf dem Heimweg, wo die Naahmo-Fans, die sich allnächtlich ohne Gegner als besonders tapfer und lautstark erweisen? Nichts dergleichen, nur ohrenbetäubende Stille. Das muss einen ja nervös machen.
Es hat des Nachts geregnet, ich musste noch im Feuchten heimtapsen, nicht schlimm, nur meine blütenweiße Leinenhose ist nun mit Schlamm verziert. So lange es nicht die Weste ist …
Aber jetzt scheint die Sonne, und ich habe so eine Ahnung, dass sie das nicht mehr oft tun wird in den nächsten Tagen. Also raus, Bruder, zur Sonne, zur Freizeit.
Das heißt, zuerst zum Hafen. Dort geht um 6.50 Uhr das Schiff nach Stralsund, was schon zu den größeren Ereignissen hier zählt. Zwei Dutzend Passagiere, ein paar Winkewinkemenschen, erst einmal kurz, dann dreimal kurz, weg ist der Kahn.
Ich drehe eine Runde durchs Dorf, vorbei an der „Ostseebad Wustrow“, ein Dampfer, auf dem schon lange keine Musik mehr spielt. Auch Vitte hat einen Schiffsfriedhof. Der letzte Versuch, das Boot zu beleben, ist mit „Bar Blue Mayday“ an der Bordwand noch nachzulesen. Ich halte kurz inne und gedenke eines Lokals ähnlichen Namens in meiner Heimatgemeinde, dem ein solches Schicksal erspart bleiben möge.
Der Bäcker hat seit Sieben offen, zwei uniformierte Damen verkaufen mechanisch, schnell und präzise ihr Backwerk, so dass auch die ladenlange Schlange an Schrecken verliert. Erstes (selbstbereitetes) Frühstück auf der Insel um 7.45 Uhr, irgendetwas stimmt hier nicht. Diese sonntägliche Uhrzeit kenne ich sonst nur von der anderen Seite der Nacht.
Auf einmal regnet es. Nicht schlimm, aber er reicht, um mich nochmal ins Bett kriechen zu lassen. Das Räucherfischfrühstück muss schließlich verdaut werden.
High Noon am Strand, aber keine Bösen weit und breit. Ich habe mir ein Körbchen gesucht und mich zur vorläufigen Ruhe gebettet. Ganz schön anstrengend, dieses Nichtstun.
„Wunderschöne Leiber, tonnenschwere Weiber“, auch wenn sich diese Zeile auf Warnemünde bezog, sie stimmt auch hier. Ich ignoriere beides und sinniere schriftlich. (Achtung, werte Damen, dieser Teil des Textes wird nackt geschrieben. Soviel Erotik muss sein.)
Meister Putin hätte hier wenig Urlaubsfreude, und die Ayatollahs aller Religionen auch nicht. Viele schwule Pärchen sind unterwegs, das ist mir nicht unsympathisch, vor allem, weil die in dem ohnehin schmalen Segment der alleinreisenden Damen als Mitbewerber ausfallen. Reine Theorie, ich bin zur Erholung hier.
Zum Glück kennt man hier keine Unterscheidung zwischen Textil- und sonstigen Stränden, nur Hunde müssen draußen bleiben. Ich kann also meine Badehose schonen, gut so.
Was mir immer wieder auffällt bei den Gängen über die Insel: Es gibt reichlich halbverfallene Häuschen und auch noch genug Brachen hier. Auf Sylt könnte ich mir das nicht vorstellen. Hiddensee ist und bleibt eine Insel des Ostens, mit leicht vergammeltem Charme, dafür umso reizender.
Meine präsenile Bettflucht von heute morgen macht mir Gedanken. Eigentlich habe ich eine klare Vereinbarung mit meinem Körper: Ich bestimme, wann wir zu Bett gehen, und er, wann wir aufstehen. Das funktioniert meist ganz gut, auch wenn meinem Körper berufliche Verpflichtungen relativ egal sind. Wenn das aber jetzt zur Regel wird, dass er um 6.30 Uhr den Betrieb aufnimmt, muss ich künftig mit vier Stunden Schönheitsschlaf auskommen. Oder mein Leben ändern. (OK, das war ein Scherz.)
Warten wir mal was morgen ist, ich kenne den Schlawiner. Sowas hält meist nicht lange an.
Irgendwie hab ich immer noch keine Lust auf ernsthafte Arbeit. Aber das Protokoll dieser blöden TelKo muss noch geschrieben werden, und meine Kollegen brauchen auch noch ein paar leitende Verfügungen für die Woche ohne mich. Schweren Herzens wechsele ich die Datei.
Irgendwie geht es dann doch. Der Seesand knirscht, wenn ich auf die Tasten haue, mein Stirnschweiß tropft auf den Bildschirm, aber nach einer guten Stunde ist das Zeug fertig. Mein schattiges Nickerchen hab ich mir verdient, ich rolle mich ins Körbchen ein.
Der Nachmittag vergeht nach dem Aufwachen nur langsam, ich pendele öfter zwischen Strand und Wohnung, sind ja nur fünf Minuten. Mal hab ich die Sonnencreme vergessen, mal will ich was zu essen holen, mal muss ich mal. Aber irgendwie ist das alles nicht so prickelnd, ich bin wohl doch nicht der Strandtyp. Aber was zu lesen hab ich auch keine Lust. Also mache ich mal was ich will: Nichts.
Ein selbstbereiteter Höhepunkt im Strandkorb wartet aber noch auf mich (nun wieder in Textilien): Der Verzehr eines Tomatensalates an Brot im Dialog mit Ostsee. Selbstgemacht! Diese Insel hat einen seltsamen Einfluss.
Den Abend verbringe ich im selben Lokal wie gestern, W-Lan ist echt ein Argument. Ich beobachte lautstarke Großfamilien und mindestens drei Urlaubs-Ehepaare, die sich tapfer anschweigen den ganzen Abend. Idyllisch.
Pünktlich zum Dunkelwerden beginnt es wieder zu regnen, die Terrasse entleert sich nach drinnen, es wird eng. Aber ich habe strategisch klug schon längst einen Barhocker erklommen und behalte die Übersicht.
Der frühe Vogel hat sich den lazy Sunday afternoon verdient. Schön wars.
Hiddenseeer Elegien, Teil 1
Teil 1: Vom Doch-noch-irgendwie-ankommen
Ja, ok, der Titel ist geklaut, von Brecht. Na und? Schließlich hat der Meister selber auch geklaut. Und ist schon lange tot. Also was soll‘s, ich nehm ihm ja nichts weg.
Dass die drei „e“ irgendwie putzig wirken, weiß ich auch selber. Nochmal na und. Sieht hübsch aus, und bei Seeed stört es ja auch keinen.
Und dass die Chose jetzt häppchenweise daherkommt, habt ihr einem wohlmeinenden Rat zu verdanken, der die Länge meiner „Marseillaise“ bekrittelte. So viel auf einmal würde heute keiner mehr lesen. Eigentlich zum dritten Mal na und, wer liest denn heute überhaupt noch? Aber ich will mich lernfähig geben. Also:
Freitag, 12.41 Uhr.
In dreiundzwanzig Minuten fährt mein Zug vom Hauptbahnhof. Aber die Telefonkonferenz („TelKo“, wie man zackig im Mänädschment sagt) mit dem Auftraggeber, die ich moderiere, hat eine Stunde später begonnen, und trotz meiner klaren Ansage, dass um halb Eins für mich Sense wäre, quatschen sich alle den Belag von den Zähnen. So geht das aber nicht! Was ist das Wohlwollen des – zugegebenermaßen derzeit wichtigsten – Auftraggebers gegen das Risiko, die letzte Fähre nach Hiddensee zu verpassen? Genau. Nix.
Mehr bestimmt als höflich würge ich also den Redefluss der anderen ab, verweise auf die in Bälde kommende Niederschrift, wünsche noch ein vergnügtes Wochenende, brülle „Taxi!“ ins Sekretariat, brülle „Bitte!“ hinterher, raffe meinen Arbeitskram zusammen, Rechner, Akten und Pipapo, stopfe alles in den Großrollkoffer und ab geht es, ein flüchtiges Winken für die Sekretärin noch. Man muss Prioritäten setzen.
Im Taxi kann ich durchatmen. Noch zwölf Minuten. Ich appe meinen Zug und … siehe da, 30 Minuten Verspätung. Das ist nicht überraschend, aber ärgerlich, der Puffer in Stralsund ist knapp. Na gut, ich tröste mich erstmal mit Kaffee und Brötchen und der Hoffnung, dass er das schon noch ein bisschen aufholen werde, mein Euro-City.
Den Gedanken, dass ich hätte dann doch noch länger konferieren können, lass ich gar nicht erst an mich ran. Hat mir eh schon die Laune verdorben, diese Laberei.
Der Bahnsteig ist gut gefüllt, der dann mit einer Dreiviertelstunde „Plus“ eintreffende Zug nicht minder. Mal wieder zeigt sich, dass die Bahn (zumindest jene in der Frankfurter Stephensonstraße) nicht ahnt, dass eine der Haupt-Rucksack-Trekking-Routen durch Europa für Amis, Asiaten und Australier von Budapest über Wien und Prag nach Berlin führt. Und zwar per Bahn. Oder man ist zynisch genug zu sagen, dass diese Kunden ohnehin nie wiederkommen. In der Ferienzeit mischt sich das Ganze dann ab Dresden mit den an die Ostsee reisenden Sachsen, und der schmerzgrenztangierende Zweistundentakt wird dann gerne noch mit dem Ausfall eines oder mehrerer Wagen gekrönt. Kurz: Es herrscht drangvolle Enge.
Dennoch ist man erstaunlich gelassen, die Fremdlinge sind sicher nichts Besseres gewöhnt und verstehen das als Abenteuer, der Sachse hat lang schon resigniert und begreift sich als Beförderungsfall.
Ab Berlin („Southern Cross or Main Station?“) wird der Zug etwas leerer, aber nicht pünktlicher. Schwer bepackte Usedom- und Rügen-Reisende kommen hinzu, aber zumindest die Beinfreiheit wird etwas größer. Ich arbeite inzwischen an Plan B, immer wieder unterbrochen von Brandenburgischen Funklücken. Meine Fähre kann ich vergessen, die 25 Minuten Puffer sind inzwischen mehr als zweimal verfrühstückt. Leiste ich mir dekadent ein Wassertaxi? Nicht dass ich geizig wäre, aber für mich alleine ist mir das einfach peinlich.
Also eine Nacht in Stralsund? Die Stadt ist nett, und bißchen Nachtleben vor der großen Entspannung wär ja auch nicht schlecht.
Die von mir bemühten Suchmaschinen bieten die nächste Bleibe allerdings in etwa 50 km Entfernung an. Doch da ich nicht Golf spiele (und deshalb nach der bekannten Bauernregel zumindest gelegentlich noch Sex habe), kommt diese für mich nicht in Frage. Naja, wird schon. Ich vertraue auf das allgemeine Glück und meinen personengebundenen Charme, der sich zur Not dann auch in der örtlichen Disse beweisen muss. Urlaubsgerecht entspannt gehe ich auf eine Portion Goulasch/Knedlik in den tschechischen Speisewagen, der einzige Lichtblick in diesem Under-Performance-Festival der Deutschen Bahn.
Direkt am Bahnhof das Hotel „Am Bahnhof“. Ohne große Hoffnung frage ich nach, nur der Vollständigkeit halber, doch siehe, man erwartet zwar noch ein Paar für die Suite, gibt jenem aber nur noch eine halbe Stunde. Suite … Alleine ist das doof. Aber Parkbank ist auch doof, und das mit dem alleine … Naja, schaunmermal. Ich lasse meinen Koffer da, schlendere durch die Altstadt (und finde nirgendwo ein anderes Zimmerchen) und rufe zur vereinbarten Zeit an. Und siehe, „no show“, wie die Rechnung dann vermutlich heißen wird.
Die Suite ist so teuer wie geräumig, allerdings zum Bahnhofsvorplatz raus. Nett, aber mehr als Schlafen kann ich da eh nicht. Egal, don‘t look back in anger.
Eine Dusche später bin ich wieder taten- sowie durstig. Ab zum Hafen. Ich stelle meine Ernährung auf Fischbrötchen um, was bei der Menge an Sorten keine Einschränkung bedeutet. Direkt am Kai gibt es einen Doppel-Laden namens „Goldener Anker / Alte Werkstatt“, den kenn ich noch vom letzten Mal. Ein Konzept in etwa wie „Katy’s Garage“, nette Leute hinterm Tresen und zumindest am Wochenende zielgruppengerechte Tanzveranstaltungen. Ganz hübsch.
Aber heute ist nicht so mein Tag. Ich spüre Erschöpfung in mir, außerdem noch Ärger über die schlechtgelaufene Besprechung. Geordnet trete ich noch vor Mitternacht den Rückzug an und fühl mich am nächsten Morgen richtig ausgeschlafen.
Die Luft klebt schon wieder, als ich meinen Koffer zum Hafen rolle. Zum Glück weht dort ein Wind, und Schatten gibt es auch.
Dann die Überfahrt, einige der tapferen Sonnendeckpassagiere werden nachher sicher ziemlich Hacke sein, ganz ohne Bier. Hamse was gespart. Ich such mir ein schattiges Plätzchen und lass mich durchwehen.
Erste Bekannte tauchen auf: Das südliche Leuchtfeuer, das etwas gesichtslose Neuendorf, das Heidehotel, von Ferne grüßt der Leuchtturm, das vergammelte Hotelschiff in Vitte … Ich bin gerührt. Um 13.45 Uhr (planmäßig, liebe Bahn!) betritt mein Fuß den gelobten Boden.
Die Ferienwohnung ist überraschend hübsch und geräumig, ich hatte mich beim Namen „Piccolo“ eher auf den Hühnerstall des Vermieters eingestellt. Nach ausführlicher Belehrung zur Mülltrennung darf ich dann anbaden, keine 200 m bis zum Strand.
Ich brauche zwei Versuche, um meinen Alabasterkörper vollständig im Wasser zu versenken. Meine Fresse, ist das kalt! Der Kreislauf, meine alte Achillesferse, zeigt mir meine Grenzen. Aber ich war für Sekunden unter Wasser.
Shoppen fetzt, auch bei Edeka, wenn man eine großzügig ausgestattete Wohnung auf Zeit noch mit Verbrauchsmaterialien wie Bier und Tomaten ausstatten kann. Und dann noch Räucherfisch vom Hafen … Die erste Mahlzeit ist eher eine heilige Messe.
Das Radio in der Wohnung fängt zwar keine Sender ein, aber nach einigem Herumzappen finde ich einen TV-Sender, der Musik macht. Irgendwas mit „Deluxe“, kannte ich bisher nicht (woher auch?), ich scheine aber zur Zielgruppe zu gehören. Videos mit Geschmack, ohne die Aufgeregtheit von MTV & Co., das Richtige zum Nebenherplätschern.
Dann noch ein Versuch zu schwimmen, es ist ja grad mal Fünf. Aber diesmal ist schon an der Hüfte Schluss. So muss sich Querschnittslähmung anfühlen, ich fühle meinen Unterbau absterben. Ehe es bleibende Schäden gibt, flüchte ich.
Dann lieber den Strand entlang wandern, Richtung Kloster. Um nicht als klassischer Strandläufer zu gelten, zieh ich den Bauch nicht ein. Bin ja zur Erholung hier.
Der Ort Kloster tendiert unverändert, außer einem hoffnungsvollen Neubau in Entstehung sehe ich nichts, was ich nicht schon vorher sah. Das muss auch nicht sein, das Dorf ist gut so wie es ist.
Noch ein Bier am Hafen, bißchen Segler-Latein hören, dann wird es windig. Ich marschiere zurück, barfuß, klar. Wenn ich mein Gefühl für die nächsten Tage beschreiben müsste: Barfuß.
Sehr geehrter Herr Zastrow …
[Die Vorgeschichte ist sicher hinreichend bekannt. Heute veröffentlichte Herr Zastrow, u.a. Fraktionsvorsitzender der FDP im Dresdner Stadtrat, ein Pressemitteilung zum Thema, auf die im Folgenden Bezug genommen wird. Der Text ging auch als mail an die FDP Dresden.]
Sehr geehrter Herr Zastrow,
zunächst danke ich Ihnen, dass Sie sich auch weiter aktiv an der Diskussion um die aktuelle Situation der Albertbrücke beteiligen, während von anderen, die am (Nicht-) Zustandekommen des Stadtratsbeschlusses vom 11. Juli beteiligt waren, derzeit wenig zu lesen ist.
Ihre Pressemitteilung von heute (24.07.13) wirft für mich allerdings einige Fragen auf, die ich Ihnen hiermit stellen möchte. Ich erlaube mir dazu, Ihre PM zu zitieren:
Z: Warum ausgerechnet jetzt, wenige Tage nach dem Stadtratsbeschluss, die Betriebserlaubnis erlöschen sollte und nicht bereits 2011, als die Brücke in genau dem gleichen schlechten Zustand wie heute war und die Sanierung durch die Straßenbauverwaltung bewusst und eigenmächtig verschoben wurde, ist nicht plausibel.
Ist Ihnen der aktuelle Prüfbericht zum Bauwerk bekannt? Dort wird einem Weiterbetrieb der Brücke (nur) unter Hinweis auf die im September 2013 beginnende Sanierung zugestimmt. Da dies nun nicht geschieht, entfällt die Grundlage dafür, es sind entweder Sofortmaßnahmen zur Sicherung durchzuführen oder die Anlage außer Betrieb zu nehmen. (Vgl. Antwort von Bürgermeister Lehmann auf eine Anfrage der Stadtratsfraktion der LINKEN vom 18.07.13, AF2308/13)
Z: Offenbar passt einzelnen Verwaltungsmitarbeitern die Entscheidung des Stadtrates nicht und sie verfolgen, wie bei so vielen anderen Projekten in den vergangenen Jahren auch, ihre ganz persönlichen Interessen – zum Schaden der Stadt.
Welche „persönlichen“ Interessen könnte ein Verwaltungsmitarbeiter mit einem ganz bestimmten Bauablauf verbinden? Meinen Sie eher eine andere fachliche Auffassung, die man einem solchen Mitarbeiter dank seiner Ausbildung und beruflichen Erfahrung auch zugestehen sollte, unabhängig von der Form der Durchsetzung?
Z: Ich bitte die Oberbürgermeisterin eindringlich, für Ordnung in ihrer Verwaltung zu sorgen und das Dienstrecht durchzusetzen.
Stimmen Sie mir zu, dass eine Verwaltung auch für die Durchsetzung fachlicher Auflagen verantwortlich ist und zudem für die Sicherheit der städtischen Bauwerke zu sorgen hat?
Z: Der Stadtrat hat … sich klar für eine Offenhaltung der Brücke für alle Verkehrsteilnehmer ausgesprochen. Diese Variante ist die verkehrsorganisatorisch und finanziell sinnvollste Lösung für die Stadt, …
Wie definieren Sie „klar“ in diesem Zusammenhang?
Ist Ihnen bekannt, dass bei der anstehenden Umplanung die Straßenbahn im Schienenersatzverkehr zu führen sein wird, da anders kein sinnvoller und unter den gesetzten Randbedingungen wirtschaftlicher Bauablauf möglich wäre? Werden Sie dann wieder Einspruch erheben, da die Brücke erneut nicht für alle Verkehrsteilnehmer offengehalten wird?
Welche verkehrliche Funktion messen Sie der in Kürze in Betrieb gehenden Waldschlösschenbrücke zu, wenn diese offenbar aus Ihrer Sicht nicht geeignet ist, den Kfz-Umleitungsverkehr auf der östlichen Brückenseite aufzunehmen?
Z: … weil sie …die Stadtkasse als auch den Etat der DVB um viele Millionen Euro entlastet und durch andere Bauvarianten entstehende finanzielle Risiken ausschließt.
Sie unterstellen offenbar einen Fördersatz von 90% durch den Freistaat Sachsen für die nunmehr zu planende Variante.
Worauf gründet sich diese Annahme, da die Albertbrücke nicht zum übergeordneten Straßennetz gehört und die Förderrichtlinien des Freistaats dafür einen solchen Fördersatz nicht zulassen? Gehen Sie von einer „politischen Entscheidung“ im SMWAV aus? Welche Sicherheit gibt es für die LH Dresden, dass es zum Zeitpunkt der Fördermittelbewilligung keine andere Konstellation an der dortigen Hausspitze gibt? Wer käme dann für die fehlenden Millionen auf? Und wie begründen Sie dieses Vorgehen z.B. gegenüber Ihren Parteifreunden im restlichen Sachsen, aber auch gegenüber allen anderen Bürgern des Freistaats, die für die Mehrkosten der aktuellen Variante aufkommen sollen?
Wo sehen Sie die Entlastung der DVB um „viele Millionen“? Gehen Sie davon aus, dass ein jahrelanger Schienenersatzverkehr preiswerter ist als die Führung der Straßenbahnen auf der normalen Route? Und wie erklären Sie den in Summe Hunderttausenden betroffener Fahrgäste den täglichen Zeitverlust?
Und schließlich: Worin bestehen für Sie die (besonderen) finanziellen Risiken einer durchgeplanten und vergabereifen Bauvariante?
Sehr geehrter Herr Zastrow,
ich würde mich freuen, Antworten auf meine Fragen zu erhalten.
Mit freundlichen Grüßen,
Von fahrlässig kann keine Rede sein
Die aktuellen Fakten zur Albertbrücken-Sanierung
Drei Tage ist es nun her, dass der Dresdner Stadtrat (mit einem Unentschieden) das laufende Projekt zur Sanierung der Albertbrücke gestoppt und eine Neuplanung mit durchgängiger Befahrbarkeit für den Kfz-Verkehr während der Bauzeit der Verwaltung aufgetragen hat. Meine heiße Wut hat sich in kalte verwandelt, und mit diesem Schwung will ich den Menschen außerhalb Dresdens erklären, was hier eigentlich los ist.
Die Albertbrücke, ein historisches Bauwerk mit Sandsteingewölben, verbindet seit 1877 die Dresdner Stadtteile Johannstadt und Neustadt. Sie quert dabei die Bundeswasserstraße Elbe und einen knapp hundert Meter breiten Überflutungsbereich. Eine grundhafte Sanierung hat sie nie erfahren, der letzte Prüfbericht wies die Zustandsklasse 4 (5 bedeutet einsturzgefährdet und sofort zu sperren) aus, wobei diese Note nur erteilt wurde, weil zum Zeitpunkt der Prüfung von einer Sanierung ab September 2013 ausgegangen wurde.
Die Erneuerung wird seit Jahren vorbereitet, wozu in 2011 auch eine Hilfsbrücke für Fußgänger und Radfahrer errichtet wurde. Die Fußwege des Bestandsbauwerks sind seitdem gesperrt. Dass auch diese Hilfsbrücke dank ihrer Billigstbauweise von Anfang an umstritten war, sei nur am Rande vermerkt. Interessant aber das Argument von damals, dass die Hilfsbrücke ja ohnehin nur zwei Jahre stehen solle. Diese sind inzwischen fast um, aber ein Nutzungsende ist nicht (mehr) absehbar.
Die planerisch fertiggestellte, ausgeschriebene und inzwischen vergabereife Variante des Baus sah vor, innerhalb einer 21monatigen Bauzeit die Brücke komplett für den Kfz-Verkehr zu sperren und lediglich die Straßenbahn eingleisig durch das Baufeld zu führen. Mit der vierstreifigen Carolabrücke und der zum Baubeginn in Betrieb befindlichen Waldschlösschenbrücke hätten dabei zwei leistungsfähige Umleitungstrassen für den Individualverkehr zur Verfügung gestanden.
Ende Mai 2013 zog Frau OB Orosz plötzlich den Planfeststellungsbeschluss zur Behelfsbrücke hervor und wollte daraus lesen, dass man die Albertbrücke gar nicht für den Kfz-Verkehr sperren dürfe. Was Frau Orosz von Beruf ist, weiß ich leider nicht, aber mit der Juristerei kann es nicht zu tun haben. Nach einigen Tagen verschwand das Thema wieder von der Bildfläche, aus heutiger Sicht muss man den Vorstoß als versuchten Bluff bezeichnen.
Doch man (eine informelle Koalition aus FDP, CDU und anderen Autorechtsaktivisten) hielt am Ziel fest, das Projekt zu kippen und besann sich seiner Machtmittel. Ein ersten Vorstoß im Stadtrat konnte noch knapp abgewehrt werden, woraufhin Frau Orosz ihr Veto einlegte und eine Neuabstimmung erzwang. Dabei fiel nun ein „freier Wähler“ (Franz-Josef Fischer, man muss sich den Namen aber nicht merken) um, damit wieder Unentschieden, diesmal aber zugunsten Zastrow (FDP-Bundesvize, MdL und Stadtrat) & Co..
Es wird nun also nicht gebaut ab September, es ist neu zu planen. Die geschlossenen Verträge für Bauüberwachung, Bauoberleitung und diverse Nebengewerke sind aufzulösen, die Bau-Ausschreibung ist aufzuheben (die bietenden Firmen haben laut Vergaberecht Anspruch auf Ersatz ihrer Kosten) und irgendwann neu zu veröffentlichen. Mit viel Glück verzögert sich der Baustart nur um ein Jahr, allerdings dauert das Ganze dann auch nochmal mindestens sieben Monate länger.
Das Straßen- und Tiefbauamt hat nun das Problembauwerk noch ein weiteres Jahr in der Unterhaltslast und freut sich sicher schon auf den nächsten Winter. Um die Verkehrssicherungspflicht auf und (vor allem) unter der Brücke beneide ich niemanden.
Das Hauptargument neben der „unzumutbaren“ Straßensperrung waren bislang immer die Kosten. Nach den aktuellen Zahlen betragen die Baukosten in der „Straßenbahnvariante“ 25,4 Mio. Euro, bei der „Auto-Variante“ hingegen 28,7 Mio. Euro. Ja, man liest richtig, die zweite Variante ist 3,3 Mio. Euro teuerer.
Spinnen die, die Dresdner? Nicht, wenn man einer sehr speziellen Haushaltslogik folgt: Für die „Auto-Variante“ hat das FDP-geführte Wirtschafts- und Verkehrsministerium des Freistaats 90% Förderung „“in Aussicht gestellt“, für die andere lediglich 75%. Unabhängig davon, wie verbindlich diese Ankündigung sein mag (es existiert m.W. nicht mal ein Schreiben des SMWAV dazu) und wie sich die Mehrheitsverhältnisse Ende 2014 im Landtag gestalten, hat man offenbar zum Taschenrechner gegriffen und ausgerechnet, dass die Landeshauptstadt (!) Dresden einen um 3,5 Mio. Euro geringeren Eigenanteil tragen müsse, wenn man autogerecht baut.
Zwar ist es seit Jahrhunderten Tradition in Sachsen, dass in Chemnitz erarbeitet, in Leipzig gehandelt und in Dresden verprasst wird, aber muss man das denn so deutlich zeigen? Nein, die „ersparten“ 3,5 Mio. fallen nicht vom Himmel, sondern kommen aus dem Haushalt des Freistaats, der von seinem Steuervolk (übrigens auch dem Dresdner) gespeist wird, neben den Transferleistungen u.a. aus wirtschaftlich so starken Regionen wie dem Ruhrgebiet oder Nordhessen.
Wie schamlos muss man sein, das seinem Wahlvolk als kluge Politik zu verkaufen? Besitzen die Damen und Herren ein Grundgesetz? Und haben sie es auch gelesen? Und waren sie bei ihrem Amtseid auch geistig anwesend?
Nochmal im Klartext: Die LH Dresden greift unter Beihilfe eines FDP-Ministers (Sven Morlok, auch das lohnt nicht zu merken) tief ins sächsische Steuersäckel und entzieht dem Gemeinwesen aus wahltaktischen Gründen dreieinhalb Millionen Euro. Nicht anders kann man die Motivation bezeichnen, nachdem sich Zastrow et al. derart weit hinauslehnten im Vorfeld, dass die CDU sie nicht mehr fallenlassen konnte und wollte. De facto werden Stadt und Land also von einer kleinen Gruppe bekennender Egoisten regiert, deren Stimmen für den Machterhalt der CDU zu wichtig sind, als ihnen solche kleinen Wünsche abzuschlagen.
Nach der Klatsche im Pfarrer-König-Prozess hätte die Staatsanwaltschaft hier eine gute Gelegenheit, verlorene Reputation zurückzugewinnen und zu beweisen, dass der Freistaat Sachsen keine Bananenrepublik ist.
Aber wie geht es nun weiter?
• Die beteiligten Ingenieurbüros freuen sich über einen lukrativen Anschlussauftrag und schreddern die alten Pläne.
• Die beauftragte Bauüberwachungsfirma lässt sich entschädigen.
• Der städtische Brückenmeister meldet einen Haushaltsmehrbedarf an oder lässt sich gleich pensionieren.
• Die Sächsische Bau GmbH, die Fa. Hentschke und andere schicken Rechnungen über verlorene Kalkulationsaufwendungen an die Stadt (wenn sie sich trauen).
• Die Kapitäne der „Weißen Flotte“ fahren nur noch mit Helm unter der Brücke durch, das (Bundes-) Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt stellt sich auf eine Vollsperrung der Elbe ein, Bundesverkehrsminister Ramsauer (oder wer immer dann im Amt sein wird) ist not amused.
• Falls auch die Straßenfahrbahn der Brücke gesperrt wird, bemerkt man mit Erstaunen, dass die benachbarten Brücken ohne Weiteres die Verkehrsmenge aufnehmen können.
• Nur die DVB hat dann die A-Karte, der Busnotverkehr kostet Millionen.
• Es wird eine umgehende Sanierung unter Totalsperrung angeordnet, die wegen der Beschleunigungskosten und einer in diesem Falle denkbaren freihändigen Vergabe am Ende mehr als 30 Mio. Euro kosten wird.
Selbst wenn nicht jeder dieser Punkte eintritt: Schon wenige davon reichen aus, um selbst den Pseudo-Vorteil für die Stadt Dresden hinfällig werden zu lassen. Und der Verlierer steht von vornherein fest: Die Gesellschaft.
Zur Untersetzung: Die DVB beziffert ihre Mehraufwendungen bislang mit 1,6 Mio. Euro, Geld, das im Rahmen der Querfinanzierung von den Technischen Werken Dresden kommen wird, einer 100%-Tochter der Stadt Dresden. In den Aufsichtsräten dieser Gesellschaften sitzen neben OB Orosz noch einige, die am Zustandekommen dieser Entscheidung beteiligt waren und sich nun fragen lassen müssen, ob sie sich nicht im Sinne des Aktiengesetzes strafbar gemacht haben. Aufsichtsräte sind dazu da, Schaden vom Unternehmen abzuwenden und nicht diesem in die Tasche zu greifen …
Der Landesrechnungshof des Freistaats Sachsen ist als akribische Prüfstelle bekannt, fast berüchtigt. Es ist zu hoffen, dass diese Vorgänge in Chemnitz nicht unbeobachtet bleiben.
Es fällt mir schwer, ein einigermaßen sachliches Fazit zu ziehen. Ein unglaublicher Vorgang ist zu konstatieren, der drastisch beleuchtet, wie die Regierungsparteien in Sachsen mit ihrer Verantwortung umgehen und dem Gemeinwohl schaden.
Von Fahrlässigkeit kann dabei keine Rede sein, ich plädiere auf Vorsatz.
Ein Wutschrei zur Dresdner Stadtpolitik
Wir wollen Euch nicht mehr!
Viel zu lange haben wir Euch schon ertragen:
Dich, Mutter Oroschina, die Du als eine Art Provinz-Merkel meistens schlummerst und nur dann zubeißt, wenn die Vernunft sich doch einmal durchzusetzen scheint.
Dich, Ordnungs-Sittel-Büttel, dem die barocke Ruhe heilig ist und sonst nichts.
Dich, Bau-Murks-Marx, der Du noch jedes Projekt versemmelt hast und immer noch so fröhlich grinst.
Dich, Finanzen-Nachpaul, dem die aktuellen Kontoauszüge wichtiger sind als die Zukunft der Stadt und trotzdem als Fachmann giltst.
Dich, Kultur-Luna-Mond, der Du die Beliebigkeit verkörperst und verwaltest.
Dich, Sozial-Seidel-Faden, der Du die Sozialgesetze vor allem als Erziehungsinstrument ansiehst.
Dich, Wirtschafts-Dilbert, der Du zwischen allen Stühlen sitzt und trotzdem gerne OB wärest.
Euch, CDU-Fraktion, die Ihr Euch an der Macht berauscht und gerne allen zeigt, wo der Hammer hängt.
Euch, FDP-Abgeordnete, die Ihr Euch als Speerspitze des Egoismus begreift und das gerne von sächsischen Ministern untermauern lasst.
Euch, „freie“ und fraktionslose Abgeordnete, die Ihr Euer Abstimmungsverhalten von der eigenen Karriereplanung abhängig macht.
Euch alle haben wir satt. Geht in Frieden, aber geht!
Edward mit den Stasi-Fakten
Da hat man also den Morales vom Himmel geholt und einen halben Tag in Wien geparkt. Weil man annahm, dass er den aktuellen Staatsfeind Nummer 1 des freiesten Landes der Welt ins Latinum schmuggeln wollte.
Früher hätte sowas den dritten Weltkrieg ausgelöst. Eine Präsidentenmaschine ist ja sowas von tabu, selbst im Krieg wär das bisher kaum denkbar gewesen … Aber die Latinos haben zum Glück genug eigene Sorgen und werden es wohl bei verbalen Gegenschlägen belassen.
Doch im Prinzip kann man die UN jetzt auch auflösen, wenn selbst die simpelsten diplomatischen Spielregeln Verfügungsmasse sind.
Man fragt sich allerdings, woher dieser Kadavergehorsam in Europa wohl kommt. Sogenannte „sozialistische“ Regierungen sind übrigens auch darunter, was immer das Wort auch konkret bedeuten mag.
Man macht Männchen trotz dieser Bloßstellung, dass die NSA in den Innereien ihrer Bürger rumgräbt. Angst, Snowden könnte den Rest auch noch verraten? Dass man weggeschaut hat, gegen ein paar Krümel vom Spitzeltisch, an die man sonst legal nicht käme?
Ich fürchte ja.
Es ist eine Schande. Westeuropa fällt bereitwillig um, eine hochgezogene Augenbraue in Washington bewirkt, dass man willfährig alles befolgt, was big brother diktiert. Der Asylantrag wird natürlich nach rechtsstaatlichen Kriterien geprüft, aber nach politischen Erwägungen abgelehnt. Formfehler, klar. Und nicht zuständig, er ist ja gar nicht in unserem Hoheitsgebiet. Und einen Pass hat er auch nicht mehr. Gibt es den überhaupt meldetechnisch noch? Das muss doch erstmal geklärt werden! Da könnte ja jeder kommen!
Man kann bei weitem nicht so viel fressen wie man kotzen muss.
Obwohl, Asyl in Deutschland? Ich würde abraten.
Bei der Schnarchnasigkeit der hiesigen Dienste möchte man ihm das nicht wünschen, bei einem Partner dritter Klasse schickt Uncle Sam schnell mal die Navy Seals. Edward wäre schneller wieder zuhause bei seinen Lieben, als Westerwelle einen scharfen Protest formulieren könnte.
Aber was bleiben Edward Snowden jetzt noch für Möglichkeiten?
Erstens, obwohl von ihm schon mal abgelehnt: Ein langes Leben von Putins Gnaden, der ihn dann immer mal hochhalten könnte, wenn es Meinungsverschiedenheiten über den Atlantik gibt. Da wäre doch noch was zu enthüllen? Nicht gerade ehrenvoll, aber immerhin eine halbwegs sichere Perspektive.
Zweitens, falls es doch mal eine Lücke im Luftraum gibt: Eine Art von Maskottchen eines linken Volkstribuns in Südamerika, mit ein bisschen Heldenglanz, aber mit fraglicher Zukunft. Kommt ja oft mal anders dort. Und die CIA braucht auch Erfolgserlebnisse.
Eine dritte Variante sehe ich nicht. Untertauchen, neue Identität? Kaum realistisch.
Man muss sich das mal vorstellen: Das Leben von Edward Snowden ist mit dreißig Jahren im Prinzip zu Ende. Die Hottest Kartoffel of the World, oberschurkig der Staat, der ihn aufnimmt, dem Untergang geweiht, da finden wir schon was.
Edward wird nie wieder etwas Selbstbestimmtes tun können, wenn er Glück hat, ist sein Käfig vergoldet. Er hat für den Dienst, den er der globalen Gesellschaft erbracht hat, einen hohen Preis gezahlt. Ihm gebührt höchster Respekt, und Mitgefühl.
Das Gute trägt Hochwasserhosen
„Der Parasit“ von Friedrich Schiller nach Louis Picard, Regie Stefan Bachmann, (zweite) Premiere am Staatsschauspiel Dresden, 28. Juni 2013 (die 108. n.u.S.)
Mit diesen Frisuren kann man ja nichts werden. Vater und Sohn Firmin (Lars Jung und Matthias Luckey als Tandem ähnlich wie beim „Baumeister Solness“) räsonieren anfangs über das missgünstige Schicksal, das Karriere und Brauteroberung verhindert. La Roche tritt auf, ein geschlagener Mann, der seine Stelle verlor und dies dem Selicour anlastet. Tja, immer der Erste zu sein im Büro, hilft offenbar auch nicht, wenn es Raffiniertere gibt. Torsten Ranft gibt ihn (später) als Furie und ist sich des Publikumsjubels sicher.
Der La Roche schwört Rache und redet sich in Fahrt. Auch an Papier kann man sich böse schneiden. Die ersten Lacher landet er durch Spucken, na gut. Die altmodische Sprache hindert ein wenig am Verständnis, aber der allgemein Beschimpfte scheint ein Cleverle zu sein. Die von La Roche angebotene Rächung als Zwangsbeglückung lehnen die beiden grundanständig-langweiligen Firmins aber vorerst ab.
Die raffinierte Drehbühne (Olaf Altmann) bringt dann einen Minister sowie dessen Mutter und Tochter zu Tage, es passiert aber eigentlich nicht viel, auch wenn jeder Halbsatz belacht wird.
Erst mit dem Erscheinen des übel beleumundeten Selicour ändert sich das, er bringt Bewegung ins Beamtenmikado, scheinbar der einzige richtige Mensch zwischen diesen Karikaturen. Zunächst becirct er die Mutter (Hannelore Koch) des verehrten (Neu-) Ministers, er weiß wie es geht. Die bedauernswerte Ines Marie Westernströer muss das Dummchen von Tochter geben, noch mehr Mitleid verdient Christian Clauß, dem man den alten, zittrigen Kammerdiener aufgezwungen hat. Beide erledigen das professionell.
Solicour tanzt, tänzelt durch die Winkel des Ministeriums, berauscht von seinen Plänen. Ein wunderbarer Ahmad Mesgarha ganz in seinem Element, eine großartige Leistung, jede Facette des Hochstaplers wird glaubwürdig gezeigt und ausgeleuchtet. Ich habe ihn schon früher, als ich mich noch nicht berufen fühlte, meine Meinung breit zu streuen, u.a. zweimal als großartigen Mephisto erlebt, einmal im Faust und einmal mit dem Decknamen Hendrik Höfgen, das erwähne ich hier sehr gern.
Philipp Lux hingegen muss den Deppen von Minister machen, den eine Teetasse und ein Leistenbruch auszeichnen. Mein Beileid.
Die erste Rache-Attacke von La Roche scheitert und fällt auf ihn zurück. Solicour zeigt sich im Triumph großzügig, herzt den La Roche, der Minister will im Bunde der Dritte sein. La Roche entzieht sich, winselt, schauspielerisch sehenswert, dramaturgisch … ach, lassen wir das.
Der Schleimer ist kein Schleimer, wenn man’s nicht beweisen kann. Aber Solicour erhält trotz seines Etappensiegs zwei schwierige Aufgaben, die Fertigung eines Sonetts und eines Wahlprogramms, die ihn beide deutlich überfordern würden, wenn er sich nicht zu helfen wüsste.
Und so luchst (nicht luxt) er den Firmins ihre Werke ab und verkauft sie als die seinen.
Zwischendurch tritt noch Benjamin Höppner als Vetter auf, im Wesentlichen aufs Rülpsen reduziert. Auch er kann Selicour nicht in ernstliche Gefahr bringen.
Die Dreh-Bühne bietet hübsche Einblicke ins Geschehen, das Lied vom Tod ist dann aber doch etwas übertrieben für die Begegnung von La Roche und Selincour. Ungleiche Gegner.
Nichts ist überwältigender als ein Lob, Selincour weiß damit umzugehn. Offenbar ist er der Einzige hier, der Eier und (!) Verstand hat.
Die Handlung schleppt sich dahin, das Fräulein Tochter soll nun den Selicour ehelichen, was ihr Grauen beschert, ganz im Gegensatz zur Frau Großmama. Soll die doch …
Alle spielen großartig, man wünscht sich, sie hätten ein Stück, bei dem sich das auch lohnen würde.
Dann das Finale. La Roche versucht es diesmal mit den Waffen des Selicour, und, oh Wunder, er gewinnt. Jener ist vorverurteilend mit Buratino-Nase gekennzeichnet und verheddert sich im Gestrüpp des angeblichen Minister-Fehltritts. Trotzdem kommt die Wende etwas plötzlich, der Minister wechselt für mich all zu schnell die Seiten.
Auch in diesem Märchen siegt also das Gute, so simpel und bieder es auch daher kommt, das Publikum ist’s zufrieden.
Dann aber noch eine böse Entgleisung: Der entlarvte Solicour wird splitternackt durch den Saal getrieben, Johlen und Jubeln im Publikum. Merken die nicht, wie widerlich das ist? Hat ein schlechter Mensch kein Recht auf seine Würde? So fangen Pogrome an. Kotzen könnte ich.
Die Sieger sind nicht besser als der Besiegte, zwar dümmer, aber in der Überzahl.
Der Gast würde sich gern mit Grausen wenden, als der (beneidenswert gut gebaute) nackte Mesgarha so von links nach rechts gehetzt wird, aber die Höflichkeit siegt. Und so werden die mahnenden Schillerschen Worte, dass die Gerechtigkeit meist nur auf der Bühne siegen würde, auch noch mitgenommen, ehe es in den tosenden Beifall geht.
Es ist – das sei angemerkt – eine second Hand – Premiere. Die erste fand vor einer Woche für die Internationalen Schillertage im Nationaltheater Mannheim statt und wurde wohl frenetisch bejubelt. Von mir aus gerne, aber … einen Einwand habe ich dann doch.
Dieses Stück, das Schiller nur widerwillig (und ich weiß nun auch warum) auf Geheiß des Weimarer Herzogs Karl August 1803 aus dem Französischen übertrug, wie das Programmheft verrät, unterliegt zwei Grundirrtümern:
1. Alles Gute kommt von oben, ein gütiger Herrscher sorgt am Ende schon für Gerechtigkeit. Schmarrn!
2. In einem Apparat wie dem beschriebenen gibt es zwar ein schwarzes Schaf, aber alle anderen sind grundgütig, treu und doof. Nochmal Schmarrn.
Die gewohnte Schillersche Tiefe vermisse ich völlig. Eine simple Parabel von einem enttarnten Plagiator, mehr nicht.
Was soll das heute auf der Bühne? Was will uns das sagen? Warum muss man das so inszenieren, dass es auch zu Schillers Zeiten aufführbar gewesen wäre?
Man hätte es dekonstruieren können, filetieren, vom Ende her aufbauen, was weiß ich, es gibt so viele Möglichkeiten. Bachmann wollte, konnte oder durfte nicht. Schade.
So bleibt ein unnützer Abend, der nur durch die teils großartigen Schauspielerleistungen einer Erwähnung wert ist.
Wir haben keine Chance. Vielen Dank.
„Koma“, ein Stück der „die bühne – Theater der TU Dresden“, Regie Romy Lehmann, gesehen am 25.06.13 in der Groovestation Dresden
Die Überschrift gibt die letzten Worte des Stücks wieder, die von allen drei Darstellern zeitlich versetzt rezitiert werden. Eigentlich ist damit schon alles gesagt.
Es ist nicht das erste Stück, das sich mit jugendlicher Perspektivlosigkeit und den manchmal daraus folgenden Konsequenzen beschäftigt, aber in dieser drastischen Form hab ich das noch nicht erlebt. Doch fangen wir von vorne an.
Eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn ahne ich noch nicht, dass ich wenig später ziemlich erschüttert vor einer improvisierten Bühne sitzen werde. Beim Scrollen durch das hiesige Abendprogramm bleibt mein Auge am „Kneipentheater“ hängen, das sehr schön meine Interessensschwerpunkte zusammenbringt, auch wenn die Reihenfolge sonst eine andere ist. Auf in die Groovestation, hier in der Neustadt ist ja alles nicht weit.
Der kleine Saal ist nochmal halbiert, auf der Ebene, wo sonst die Bands schrammeln, steht eine Batterie Bierkästen. Mühsam, sich im Dreivierteldunkel einen Platz zu suchen, die etwa dreißig Stühle füllen sich schnell, man rückt zusammen. Ich habe keine Ahnung, was gespielt wird, trau mich aber auch nicht zu fragen. Sehn alle wie Insider aus hier, man blamiert sich doch nicht gern.
Drei Darsteller betreten die Bühne, alle Anfang zwanzig. Das Mädchen eröffnet, ein düsterer Albtraum von Schule und Familie wird erzählt. Gräulich genug das Ganze, aber beeindruckend vorgetragen.
Die Kleinfamilie umschlingt sich, liebt man oder würgt man sich? Der Bühnenumbau ohne Hast, zu melancholischer Musik werden gemessenen Schrittes die Kästen zu einem Bilderrahmen aufgetürmt, in welchem ein glückliches Elternpaar sich dann gegenseitig versichert, dass man ja lebe, immerhin.
Der Junior stammelt die Geschichte dazu, alltäglicher Druck, die Innenansicht des Kleinbürgeridylls entpuppt sich als ein Blick in den Vorhof der Hölle. Aber man darf sich doch nicht beklagen … Wenigstens der Konsum macht doch temporär glücklich. (Konsuhm, nicht Konnsum!)
Der folgende Text wird im Dunkeln gesprochen, eine gute Idee, so die Angst zu illustrieren. Das Fest bei kleinen Leuten besteht aus einem Sonderangebotsbraten, zwölf verschiedenen Schokoladetafeln und Käsespießchen, bis man kotzen muss. Aber wir haben uns lieb, zumindest zwei von dreien. Ein fesselndes Theater bis hierhin.
Doch es kommt noch besser. Zu Marylin Manson (sic!) liefern sich die drei Protagonisten eine veritable Schlägerei auf der Bühne, jede gegen jeden, auch körperlich eine große Szene.
Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Auf einmal sind wir in Erfurt, Guttenberg-Gymnasium. Ein Kloß im Hals entsteht.
Und der wächst und wächst, als die kalte Statistik dieser Abschlachtung vorgetragen wird. Zwei Drittel der verschossenen Patronen waren Treffer, 2,56% davon Kopfschüsse. Was haben Sie denn, Sie sind so blass?
Die Chronik des Massakers wird erzählt, dem Zuschauer bleibt nichts erspart. Dem Leser schon, ich beschränke mich darauf zu berichten, dass sich der Täter verdoppelt, ja verdreifacht im Verlauf der Szene. „Höhepunkt“ ist die Hinrichtung der Direktorin, dass die erschossenen Lehrer alle Namen bekommen, macht das Grauen erst recht plastisch.
Darf man bei einem solchen Thema sagen, dass die Form der theatralischen Umsetzung großartig war? Stellenweise wähne ich mich bei „Titus Andronicus“, jenem bluttriefenden Abend im Kleinen Haus, nur das hier alles bloß im Kopf stattfindet.
Die versetzte dreistimmige Lesung des Endes (auch diese vor allem von Romy Lehmann, der Regisseurin, die diesmal auch selbst spielte, in einer großartigen Diktion) krönt ein packendes Theaterstück. Langer Beifall, völlig zu recht, auch für die beiden anderen Akteure Timo Raddatz und Mario Pannach.
Bekanntlich gibt es Worte, die von vorn und hinten gelesen dieselbe Bedeutung haben. Für „Koma“, den Titel des Stückes, trifft dies nicht zu. Oder doch?
Es gibt so Zufälle … Dieser heute bescherte mir eine fesselnde Vorstellung eines Dresdner Laientheaters und die erneute Gewissheit, dass es auch abseits der großen Bühnen viel Gutes zu erleben gibt.
Weitere Termine und andere Stücke der Studentenbühne sind hier zu finden:
http://www.die-buehne.net/
Jedes Wort hat seine Zeit
„Vom Wandel der Wörter. Ein Deutschlandbericht“ von Ingo Schulze, Regie Christoph Frick, Uraufführung am Staatsschauspiel Dresden, gesehen am 21. Juni 2013
Eine Erzählung in Form eines Briefes, ein junger Schriftsteller schreibt an den Museumsdirektor des „Deutschland-Gerätes“, einer Installation von Reinhard Mucha. Es geht um seine Beziehung zu B.C., einem namhaften, ausgebürgerten DDR-Schriftsteller und um dessen „Ernährerin“ Elzbieta. Und zugleich geht es um ein Vierteljahrhundert deutscher Geschichte.
Am Anfang betrachten drei Schulzes (kenntlich gemacht durch den prägnanten Wuschelkopf) das Werk aus Buchstaben, schon vor Beginn des Stückes. Zögerlich, skeptisch sind sie. Die ersten Textfetzen flattern aus dem Off durch den Raum, es beginnt eine Dekonstruktion einschließlich Neuaufbau, ganz neue Wörter entstehen. Ein erstes starkes Bild. Schließlich bricht der ganze Haufen zusammen.
Man ahnt bald schon, worauf es hinausläuft. B.C., eine fiktive Figur, vielleicht ein bisschen an Biermann angelehnt, wird nach seinem ersten Buch gegen seinen Willen aus der DDB ausgebürgert und anfangs im Westen als Dissident hofiert. Als er aber beginnt, sich auch zu westdeutschen Zuständen zu äußern, ist es mit dem guten Willen vorbei, fortan ist er nirgendwo zuhause, zudem fehlt ihm die Reibefläche. Der Kapitalismus ist halt viel elastischer …
C. leidet an seinem Bedeutungsverlust, veröffentlicht kaum mehr etwas. Zwar wird er von der Ärztin Elzbieta materiell und auch sonst aufgefangen, aber Vollgas gibt er nur noch im Leerlauf. Und die Aufregung ist auch gar nicht gut für seine Gesundheit.
Trotz eines assoziationsreichen, starken Bühnenbildes (Alexander Wolf) aus einer hydraulisch betriebenen schiefen Ebene, die mit einem flauschigen DDR-Fahnen-Teppich mit fehlendem Emblem bedeckt ist, kann man die Aufführung sicher noch als szenische Lesung beschreiben. Und diese lebt von großartigen Schauspielern, die ihre Figuren zum Leben erwecken. Holger Hübner als mal selbstgefälliger, mal kleinmütiger, mal wütender B.C., Matthias Reichwald als Ich-Erzähler mit einer glaubhaften Wandlung von Anbetung zu kritischer Distanz und ganz besonders die frisch gekürte Erich-Ponto-Preisträgerin Sonja Beißwenger, deren Elzbieta sich von einer in Betrachteraugen fast zwielichtigen Figur in einem fulminanten Monolog zur wahrhaften Muse des B.C. emanzipiert.
Die Schilderung des Mit-Leidens des C., als er ´89 nicht dabei sein kann, in Leipzig, Plauen und anderswo, und wie er schließlich wie so viele Intellektuelle vom weiteren Ablauf der Ereignisse mehr und mehr enttäuscht wird, gehört zu den besten Passagen des ohnehin starken Textes. Der Anpassungsdruck, dem er fortan unterliegt, lässt sich fast körperlich spüren. Er weigert sich, seine Sätze „von früher“ zu wiederholen, weil die heute etwas anderes bedeuten als damals. Der „Unrechtsstaat“ war ein legitimer Begriff vor der Wende, heute ist er zu undifferenziert. Aber das versteht die Medienwelt nicht. Als Kronzeuge ist er nicht mehr zu gebrauchen.
C. hat das Gefühl, er müsse seine Bücher umschreiben, die Wörter stimmen alle nicht mehr. Doch ehe er das ernsthaft beginnen kann, nimmt ein gnädiger Tod ihm die Schreibmaschine aus der Hand.
Wird der Ich-Erzähler seinen Faden aufnehmen? Man möchte es zu gern glauben.
Ingo Schulze hat diesen Text für das Staatsschauspiel Dresden wenn nicht geschrieben, so doch für die Bühne bearbeitet. Ein Geschenk zum Hundertsten, sozusagen. Nach „Adam und Evelyn“, das in der Inszenierung deutlich opulenter, aber nicht weniger packend war, ein neues Meisterwerk. Wir haben zu danken.
Die regionalen Besprechungen der Premiere waren dennoch nicht sehr freundlich, lediglich die Süddeutsche war begeistert. Und ich jetzt auch.
