Hiddenseeer Elegien, Teil 2: Von frühen Vögeln und faulen Nachmittagen


Sonntag morgen. Sechsuhrdreißig. Ich muss dreimal auf den Wecker schauen, ehe ich es glaube. Eine unnatürliche Stille hat mich geweckt. Wo sind die marodierenden JunggesellInnenabschiede auf dem Heimweg, wo die Naahmo-Fans, die sich allnächtlich ohne Gegner als besonders tapfer und lautstark erweisen? Nichts dergleichen, nur ohrenbetäubende Stille. Das muss einen ja nervös machen.

Es hat des Nachts geregnet, ich musste noch im Feuchten heimtapsen, nicht schlimm, nur meine blütenweiße Leinenhose ist nun mit Schlamm verziert. So lange es nicht die Weste ist …

Aber jetzt scheint die Sonne, und ich habe so eine Ahnung, dass sie das nicht mehr oft tun wird in den nächsten Tagen. Also raus, Bruder, zur Sonne, zur Freizeit.

Das heißt, zuerst zum Hafen. Dort geht um 6.50 Uhr das Schiff nach Stralsund, was schon zu den größeren Ereignissen hier zählt. Zwei Dutzend Passagiere, ein paar Winkewinkemenschen, erst einmal kurz, dann dreimal kurz, weg ist der Kahn.
Ich drehe eine Runde durchs Dorf, vorbei an der „Ostseebad Wustrow“, ein Dampfer, auf dem schon lange keine Musik mehr spielt. Auch Vitte hat einen Schiffsfriedhof. Der letzte Versuch, das Boot zu beleben, ist mit „Bar Blue Mayday“ an der Bordwand noch nachzulesen. Ich halte kurz inne und gedenke eines Lokals ähnlichen Namens in meiner Heimatgemeinde, dem ein solches Schicksal erspart bleiben möge.

Der Bäcker hat seit Sieben offen, zwei uniformierte Damen verkaufen mechanisch, schnell und präzise ihr Backwerk, so dass auch die ladenlange Schlange an Schrecken verliert. Erstes (selbstbereitetes) Frühstück auf der Insel um 7.45 Uhr, irgendetwas stimmt hier nicht. Diese sonntägliche Uhrzeit kenne ich sonst nur von der anderen Seite der Nacht.

Auf einmal regnet es. Nicht schlimm, aber er reicht, um mich nochmal ins Bett kriechen zu lassen. Das Räucherfischfrühstück muss schließlich verdaut werden.

High Noon am Strand, aber keine Bösen weit und breit. Ich habe mir ein Körbchen gesucht und mich zur vorläufigen Ruhe gebettet. Ganz schön anstrengend, dieses Nichtstun.
„Wunderschöne Leiber, tonnenschwere Weiber“, auch wenn sich diese Zeile auf Warnemünde bezog, sie stimmt auch hier. Ich ignoriere beides und sinniere schriftlich. (Achtung, werte Damen, dieser Teil des Textes wird nackt geschrieben. Soviel Erotik muss sein.)

Meister Putin hätte hier wenig Urlaubsfreude, und die Ayatollahs aller Religionen auch nicht. Viele schwule Pärchen sind unterwegs, das ist mir nicht unsympathisch, vor allem, weil die in dem ohnehin schmalen Segment der alleinreisenden Damen als Mitbewerber ausfallen. Reine Theorie, ich bin zur Erholung hier.
Zum Glück kennt man hier keine Unterscheidung zwischen Textil- und sonstigen Stränden, nur Hunde müssen draußen bleiben. Ich kann also meine Badehose schonen, gut so.

Was mir immer wieder auffällt bei den Gängen über die Insel: Es gibt reichlich halbverfallene Häuschen und auch noch genug Brachen hier. Auf Sylt könnte ich mir das nicht vorstellen. Hiddensee ist und bleibt eine Insel des Ostens, mit leicht vergammeltem Charme, dafür umso reizender.

Meine präsenile Bettflucht von heute morgen macht mir Gedanken. Eigentlich habe ich eine klare Vereinbarung mit meinem Körper: Ich bestimme, wann wir zu Bett gehen, und er, wann wir aufstehen. Das funktioniert meist ganz gut, auch wenn meinem Körper berufliche Verpflichtungen relativ egal sind. Wenn das aber jetzt zur Regel wird, dass er um 6.30 Uhr den Betrieb aufnimmt, muss ich künftig mit vier Stunden Schönheitsschlaf auskommen. Oder mein Leben ändern. (OK, das war ein Scherz.)
Warten wir mal was morgen ist, ich kenne den Schlawiner. Sowas hält meist nicht lange an.

Irgendwie hab ich immer noch keine Lust auf ernsthafte Arbeit. Aber das Protokoll dieser blöden TelKo muss noch geschrieben werden, und meine Kollegen brauchen auch noch ein paar leitende Verfügungen für die Woche ohne mich. Schweren Herzens wechsele ich die Datei.

Irgendwie geht es dann doch. Der Seesand knirscht, wenn ich auf die Tasten haue, mein Stirnschweiß tropft auf den Bildschirm, aber nach einer guten Stunde ist das Zeug fertig. Mein schattiges Nickerchen hab ich mir verdient, ich rolle mich ins Körbchen ein.

Der Nachmittag vergeht nach dem Aufwachen nur langsam, ich pendele öfter zwischen Strand und Wohnung, sind ja nur fünf Minuten. Mal hab ich die Sonnencreme vergessen, mal will ich was zu essen holen, mal muss ich mal. Aber irgendwie ist das alles nicht so prickelnd, ich bin wohl doch nicht der Strandtyp. Aber was zu lesen hab ich auch keine Lust. Also mache ich mal was ich will: Nichts.

Ein selbstbereiteter Höhepunkt im Strandkorb wartet aber noch auf mich (nun wieder in Textilien): Der Verzehr eines Tomatensalates an Brot im Dialog mit Ostsee. Selbstgemacht! Diese Insel hat einen seltsamen Einfluss.

Den Abend verbringe ich im selben Lokal wie gestern, W-Lan ist echt ein Argument. Ich beobachte lautstarke Großfamilien und mindestens drei Urlaubs-Ehepaare, die sich tapfer anschweigen den ganzen Abend. Idyllisch.

Pünktlich zum Dunkelwerden beginnt es wieder zu regnen, die Terrasse entleert sich nach drinnen, es wird eng. Aber ich habe strategisch klug schon längst einen Barhocker erklommen und behalte die Übersicht.

Der frühe Vogel hat sich den lazy Sunday afternoon verdient. Schön wars.

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