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Doch die Ergebnisse, die gibt es nicht.
Die Auswertung der 3. „Dresdner Debatte“ zum Verkehrsentwicklungsplan am 9. Dezember 2013 im Verkehrsmuseum war gar keine
Eine schöne Veranstaltung, eigentlich. Hatte meine Vorfreude geweckt, fachlich und auch sonst. Kam auch nur fünf Minuten zu spät.
War in diesen fünf Minuten alles Neue bereits verkündet worden? Denn was danach in zwei Stunden folgte, hätte man – mit wenigen Ausnahmen – auch zum Auftakt des Prozesses sagen können.
Sicher, die LH Dresden hat sich mit der gleichnamigen Debatte ein tolles Instrument gegeben, das zu Recht auch überregional Beachtung findet. Die Berichterstattung, wer wann auf welchem Kongress dazu sprach, nahm gefühlt die erste Stunde in Beschlag. Der Moderator mit Architektenhabitus, dessen Namen ich leider nicht behielt, Herr Szuggat und eine Mitarbeiterin seines Amtes lobpreisten sich gegenseitig, sicher auch angebracht, wenn vielleicht nicht unbedingt in dieser epischen Breite. Dann erklärte Dr. Mohaupt, nach welchen Prämissen und mit welchen Szenarien der Verkehrsentwicklungsplan 2025+ aufgestellt würde, auch das keine wirkliche Neuigkeit.
Dann ging es aber doch mal um die Ergebnisse der Debatte. Die Klickzahlen wurden berichtet (4.500), 2.200 Beteiligte seien es gewesen, 1.200 Beiträge gab es, die allermeisten im Block „Infrastruktur“. Inhalte? Fehlanzeige.
Immerhin wurde vom Wunsch-Modal-Split der Teilnehmerinnen berichtet, die inzwischen übliche Vierteiligkeit wird in Dresden noch zugunsten des Fußverkehrs verschoben. Leider beeilte man sich, dieses interessante Ergebnis gleich als „unrealistisch“ zu relativieren.
Erschwert wurde die Verständlichkeit noch, weil man den obligatorischen Beamer zwar dabei hatte, ihn aber so unglücklich platzierte, dass höchstens die erste Reihe des Podiums die eng beschrifteten Folien lesen konnte.
Wenn nicht die etwa 100 Zuhörer gelegentlich etwas Konkretes nachgefragt hätten, wäre die ganze Sache nur an der Oberfläche verblieben. So erfuhr man immerhin, dass die Stadt auch ohne den Segen des Freistaats an der „Straßenbahnlinie 5 aka. 62“ dranbleiben wolle, für die Situation auf der Bautzner (Land-) Straße im Bereich Bühlau kein wirkliches Konzept habe und an einen kostenlosen ÖPNV für alle nicht gedacht sei.
Zwischen den Zeilen war dann noch zu vernehmen, dass man mit der Auswertung der (nach
Aussagen der Bearbeiter äußerst sachlichen und hochwertigen) Beiträge noch nicht durch wäre. Zumindest kam es so rüber, doch siehe unten.
So, und nun? Die geplante Abschlussveranstaltung wurde absolviert, man kann das Häkchen setzen. Dass diese inhaltsarm blieb, wird im Reporting sicher nicht erwähnt.
Aber warum hat man nicht die Größe, eine Veranstaltung dieser Relevanz mal einfach zu verschieben, wenn man sich noch nicht aussagefähig fühlt? Das Weihnachtsfest in Dresden wäre keinen Deut glanzloser ausgefallen deswegen.
Doch, oh Wunder:
Im heimischen Büro angelangt, rief ich die einschlägige Seite auf, (www.dresdner-debatte.de), und was stand da? Ein 89seitiger Abschlussbericht. Mit allen Fakten, die ich in der Veranstaltung so schmerzlich vermisste, sauber aufbereitet. Im Text finden sich so interessante Sätze wie „Die überwiegende Mehrheit der Teilnehmenden sprach sich gegen einen Ausbau aus und forderte eine zweispurige Straße“. Ratet mal, um welche es geht.
Ach Verwaltung, Deine Wege sind manchmal unergründlich.
Doch mein interner Betriebsrat hat heute schon „Feierabend“ gerufen. Deshalb gibt es in den nächsten Tagen noch einen zweiten Teil, „Die Ergebnisse der Dresdner Debatte zum VEP“. Hier, in diesem Theater. Das ist doch schön, oder?
Ein perfekter Sonntagabend
Da sitzt einer – Heiko „Hesh“ Schramm, u.a. coloRadio-Macher – auf der kleinen Bühne vom Blue Note in Dresden-Neustadt.
Und singt. Und spielt. Auf elektrischen Gitarren. Irgendwo zwischen Tom Waits und Leonard Cohen.
Und erzählt. Über Literatur, amerikanische. Truman Capote und Norman Mailer, Ihr wisst schon. Und auch über Mrs. Rowlings ersten „Erwachsenen-Roman“.
Das Ganze fügt sich zu einem Gesamtkunstwerk.
Was will man mehr, an diesem ersten Dezembersonntagabend, von interessierten Stellen auch „erster Advent“ genannt?
Ein wundersamer Abend.
Heute vor fünfundsiebzig Jahren begann die Zerstörung Dresdens
Der neunte November 2013
Johannes Lohmeyer, mit dem ich selten einer Meinung bin, hat heute diesen Satz verwendet. Egal, ob dies schon einmal jemand so sagte, für diese Äußerung gebührt ihm uneingeschränkter Respekt.
Man muss sicher niemandem erklären, was es mit diesem Datum auf sich hat. Spätestens die frisch geputzten und mit Blumen und Kerzen geschmückten Stolpersteine stoßen auch den Letzten mit der Nase darauf, dass heute vor 75 Jahren in einem Land mitten in Europa Menschen ihre Mitmenschen überfielen, beraubten, erschlugen und ihre Gotteshäuser anzündeten. Gemeinhin wird dafür der verharmlosende Begriff „Kristallnacht“ verwendet, manche geben ihm mit dem Zusatz „Reichs-„ gar noch einen amtlichen Anstrich.
Aber man muss das Pogrom nennen, genauso wie die vielen ähnlichen Untaten in den Jahrhunderten zuvor, in Deutschland und anderswo. Oder auch den Beginn des Holocaust.
Es ist kein Trost, dass nicht nur das deutsche Volk in Abständen dem Verlangen folgt, einen Teil der Bevölkerung zu massakrieren. Man kann Verbrechen nicht miteinander aufrechnen. Und wenn auch in Polen, Ungarn und anderswo solche Gräuel vorkamen, dann ist das eine Schande für diese Völker. Wir Deutsche haben uns mit unserer eigenen Geschichte auseinanderzusetzen.
Und da haben wir einiges zu „bieten“. Nicht nur einen perfekt organisierten Überfall auf eine Volksgruppe einschließlich eines Stillhaltebefehls an die Feuerwehren (nur in Halberstadt hatte man die Synagoge nicht angezündet, aus Angst um die umstehenden Fachwerkhäuser), sondern in der Folge auch den weltweit ersten industriellen Massenmord. Der Tod wurde zum Meister aus Deutschland, zum Diplom-Ingenieur des Menschenentsorgungswesens.
Mich erfüllt tiefe Scham, nicht nur für die Generation meiner Großeltern, auch (fremd) für alle, die heute nichts dabei finden, das alles zu relativieren und den berühmten Schlussstrich ziehen wollen. Mord verjährt nicht, auch nicht Massenmord unter staatlicher Legitimation.
Ja, heute vor fünfundsiebzig Jahren begann die Zerstörung von Dresden, am Hasenberg.
Fidel Zastrow, der Heilige Holger des Lohndumpings
Unbestritten: Es wird sich einiges ändern durch den Mindestlohn.
Obskure Geschäftsmodelle werden zusammenbrechen, eine Marktbereinigung wird stattfinden. Ist das schlimm?
Nein. Das ist notwendig. Wir leben in Mitteleuropa, nicht in einem sog. „Lohnparadies“. Wenn man hier nicht von seiner Arbeit leben kann, wo dann?
Und, das bitte nicht zu vergessen: Vierzig Jahre Arbeit zum heute angepeilten Mindestlohn führen noch nicht einmal zur Mindestrente. Worüber diskutieren wir hier eigentlich?
Ich glaube, es geht schlicht um Menschenwürde. Ein stolzes Wort. Taucht das irgendwo auf, in einem Parteiprogramm rechts der „Mitte“?
Herr Zastrow hat sich entschieden, für den Status quo zu kämpfen. Solchen Entscheidungen gebührt gewöhnlich Respekt, die sich gegen den Mainstream richten, weil man es besser zu wissen glaubt.
Aber hier wird ihn ein beginnender gesellschaftlicher Konsens überrollen, und mit Pizza-Dienst-Betreibern und Low-Budget-Services aller Art allein wird auch die sächsische FDP die nächsten Wahlen kaum überstehen.
Aber das ist völlig in Ordnung so, denn dann wird auch der autosuggestive Selbstbetrug der Sachsen-FDP auffliegen, dass man mit Klientelpolitik a la Zastrow die Partei im Parlament gehalten hätte.
Und dies ist ja nun wiederum gut so.
Hamsterrad mit Granaten, waagerecht
„Marathon“ von Aharona Israel, ein Tanz-Theaterstück, Gastspiel im Rahmen der 17. Jüdischen Musik- und Theaterwoche am Societätstheater Dresden, gesehen am 25. Oktober 2013
Wenn man wie ich auf dem geistigen Schoß von Yassir Arafat aufgewachsen ist und das Pali-Tuch zur pubertären Grundausstattung gehörte, tut man sich erst einmal schwer, die israelische Gesellschaft zu begreifen. Ein Land der extremen Gegensätze, zwischen Orthodoxen und dem Strand von Tel Aviv, mehr und mehr von einem russischen Jungbrunnen aus Menschen gespeist und von den allgegenwärtigen Bomben und Raketen mühsam zusammengehalten? Vielleicht auch.
Ich weiß viel zu wenig über die „Palästina-Frage“, über Jerusalem oder die Golanhöhen, um mich hier eindeutig positionieren zu können. Aber über die Menschen in Israel, da weiß ich seit heute einiges mehr.
Aharona Israel, Choreographin und Performerin, inszeniert ihren „Marathon“ als ewigen Lauf im kleinen Kreis, ohne Pause, nur unterbrochen von Kommandos, Change! für den Richtungswechsel, Hora! für den Tanz, Schickse! angesichts eines unziemend daherkommenden Mädchens, Aufrecht! für die Haltung, Granate! für das, was allgegenwärtig ist.
Am Start: Ein junger Mann mit aus der Kindheit stammendem Scheidungstrauma, eine orthodox erzogene junge Frau, die dann doch lieber tanzt als zur Armee zu gehen und ein russischer Einwanderer mit abgöttisch geliebtem Sohn, der nicht russisch sprechen darf, weil seinen Vater das Heimweh plagt. Eine Avocado ist nun mal keine Kartoffel.
Am Anfang sind alle voller Disziplin und Aufopferungsbereitschaft in dieser Gesellschaft unter permanentem Druck, doch man merkt schnell, wie dicht am Wahnsinn das alles hier gebaut ist. Wir wandern, nein rennen durch den Psychosengarten. Das Mädchen will eine vorbildlich trauernde Schwester sein und schafft es doch nicht, der Junge beginnt nach dem Sinn des Ganzen zu fragen und lebt in seinen Alpträumen, dem Vater steht „njet“ in der Hand geschrieben. Kaputt das alles, am Ende sieht man es auch deutlich. Die Bewegungen werden langsamer, ersterben fast.
Dann gehen die Zuschauer, einer nach dem anderen, überlassen die Protagonisten ihrer Welt, die aus einem waagerechten Hamsterrad besteht, mit Granaten.
Das ist nicht nur großartig gespielt, das ist hervorragend getanzt und einen ergreifenden Text hat es außerdem. Die drei Darsteller – deren Namen das Programm leider nicht verrät – zeigen nicht nur sportliche Höchstleistungen, sie bringen uns die Israelis nahe, ganz nahe.
Ein phantastischer Abend.
Die Schuld der späten Geburt und die Schuld der Geburt überhaupt
„Ein Stück von Mutter und Vaterland“ von Bozena Keff, Regie Jan Klata, Gastspiel des Polski Teatr Wroclaw im Rahmen der 17. Jüdischen Musik- und Theaterwoche am Staatsschauspiel Dresden am 24. Oktober 2013
Haben Sie schon mal drüber nachgedacht, dass Sie mit Ihrer Geburt erst deutlich nach dem großen Krieg Schuld auf sich geladen haben, weil sie sich damit dem damals erlittenen Leid feige verweigerten?
Und dass Sie überhaupt mit Ihrer Geburt dem Leben Ihrer Mutter eine irreversible Wendung gaben, an deren Folgen sie noch heute laboriert? Nein? Dann wird es Zeit.
Es beginnt klatanesk, ein bildmächtiges, lautes Intro. Silhouetten im Halbdunkel auf der Bühne, nicht wirklich Menschen, die Schatten sprechen und singen im Chor, vor vier blechernen Ungeheuern von Schränken auf Rollen, die Bühnen in der Bühne bilden. Quälendes Licht, tödlich laute Musik. Das wird kein Milchkaffee-Theater, soviel ist klar.
Die Mutter erscheint Ripley (ja, dieser Ripley) als Alien, oder erscheint das Alien als Mutter? Von Anfang an ist es schwer, der Handlung – sofern vorhanden – zu folgen, die deutschen Übertitel helfen, hindern aber auch durch das Hin-und-her-springen-müssen der Augen. Gut, das kann man einer polnischen Inszenierung in Dresden kaum vorwerfen. Da muss man halt durch.
Es ist ein harter Stoff, nur selten aufgeweicht durch szenische Einfälle wie das Klapperschlangenballett. Klata verbraucht Darsteller und Zuschauer, eine Zumutung, im positiven Sinne.
Sechs Akteurinnen (einer davon im Prinzip männlich), mit blonden Mähnen und gedrehten Zöpfchen angetan, klischeegerecht, aber sonst ist da nicht viel klassisch. Sie springen ständig zwischen Mutter, Tochter und Vaterland.
Im Prinzip – wenn ich es recht verstanden habe – geht es um die zwei Grundthemen, die eingangs schon kurz beschrieben wurden. Man könnte auch sagen, es geht um Generationenkonflikte unter besonderen geschichtlichen Umständen, und um Selbstgerechtigkeit. Die einen sind ein für allemal geadelt durch das Überleben des Holocaust und vermissen den ihnen geschuldeten Respekt, den anderen geht das ständige Erzählen von früher langsam auf den Sack.
Oder, auf eine private Ebene gebracht: Die Mutter verlangt ewige Dankbarkeit für den Akt des Gebärens, für die Tochter ist es irgendwann auch mal gut damit.
Das klingt beides nicht nach Koalitionsvertrag am Ende.
Den vorwurfsvollen Sermon der Mutter, der immer wieder ausgewalzt wird in den Minibühnen, die dann ein (Plattenbau-) Wohnzimmer bilden, kennen sicher viele. Du kümmerst Dich nicht um mich, mein Leben ist Dir egal, und meine Krankheitsbilder erst recht. Demütig nehmen die Töchter die Vorwürfe entgegen, zu demütig, finde ich.
Doch man merkt, dass das eine besonders subtile Form der Machtausübung ist, ein Materpatriarchat. Die Kinder sind schuld, von Anfang an, und sollen ihre Schuld nun mit Zuwendung abtragen.
Nein, das ist nicht mütter-, schon gar nicht frauenfeindlich, die Autorin Bozena Keff ist über diesen Verdacht erhaben. Aber sie stellt interessante Fragen, ohne Antworten dazu zu liefern. Wie auch?
„Die Mutter aus dem Schrank“, um mal einen Dresden-Bezug herzustellen, erscheint immer wieder und nervt. Aber was bleibt ihr auch übrig?
Das Stück endet fast versöhnlich, mit einem schönen barocken Satzgesang, tolle Stimmen. „Der (nicht vorhandene) Vorhang zu, und alle Fragen offen“. Muss man halt selber nach-denken.
Ein Donnerhall an Applaus, gemischt mit Begeisterungsschreien im fast vollen Kleinen Haus. Völlig zu Recht.
Gott will uns alle freehlich sehn
Gestern (also am 19. Oktober) im Rahmen der Jüdischen Musik- und Theaterwoche gesehen:
http://www.kultura-extra.de/musik/feull/juewo2013_sharonbrauner.php
Und hier eine Hörprobe als Blog-Zugabe:
Dajdajdajdaj, dajdajdajdaj …
Der Kot Napoleon
„Du bist tot!“
Als Kinder haben wir das gerufen, wenn wir Krieg gespielt haben. Manchmal fiel der andere dann wirklich um, manchmal war er auch der Meinung, er sei schneller gewesen beim Ziehen. Dann musste das geklärt werden. Bis einer heulte.
Beim „Re-Ennactment“ dürfte dieses Problem nicht auftreten, die Sache ist streng durchchoreographiert. Erwachsene Menschen (allermeist Männer) kleiden sich in die Waffentracht einer vergangenen Zeit und geben lebend Bilder.
Ich hoffe, dass sie drunter etwas Moderneres tragen, aus dem Sanitätsfachhandel, falls doch mal was abgeht dabei, vor Angst oder vor Lust. Wäre doch schade um die teure Uniform.
Der Mensch kriegt ja vieles fertig, früher ließ er seinesgleichen gegen Löwen kämpfen wegen dem Unterhaltungswert, verbrannte seinesgleichen auf Scheiterhaufen, wenn rote Haare grad mal nicht in Mode waren, rottet(e) seinesgleichen auch stammweise aus, wenn die auf Land herumlungerten, das einem höheren Zwecke bestimmt war.
In diesem Kontext fallen ein paar Deppen, die die Schlachten vergangener Tage folkloristisch und keimfrei nachschlagen, kaum ins Gewicht.
Dem Bauernjungen aus einem der vielen sächsischen Friedersdorf damals, der auf dem Feld der Ehre verreckte, dürfte relativ egal gewesen sein, für wen er das tat (historisch gesehen – was gerne vergessen wird – für Napoleon). Trotzdem kann man es ihm posthum nochmal spielerisch erklären, es fallen doch auch sonst so viele Säcke Reis um.
Aber man kann das Spektakel natürlich auch mit „heutigen“ Maßstäben messen, moralischen, mein ich. Und da stellt sich mir schon die Frage, welch Geistes Kind die Leute sind, die bekunden, „hier nur einfache Soldaten zu sein“ und damit die Aussage zu Sinn und Zweck des Ganzen verweigern.
Ist der Mensch dann doch ein Lemming? Fühlt er sich in einer Herde am wohlsten, wo man selber nicht mehr denken muss? Ist das der Ur-Trieb von uns allen?
Dann wäre das Modell aber ausbaufähig. Warum nicht mal das Ertrinken vor Lampedusa nachstellen, Markkleeberg hat doch jetzt schöne Seen? Oder das Schlachten einer Herde Rindviecher, bei Tönnies in Weißenfels? Auch die amerikanisch-mexikanische Grenze bietet schöne Schauplätze, vielleicht gibt es ja noch einige Mauerreste zum Bespielen.
Und die vielen schönen Jubiläen der nächsten Jahre, 75 Jahre Stalingrad, 100 Jahre Verdun, auch der Genozid an den Armeniern oder der in Deutsch-Südwestafrika bedarf einer reenactischen Aufarbeitung. Guido Knopp hilft bestimmt gerne.
Man sollte hier aber keine Verbotsdebatte führen. Zwar ist Kriegsverherrlichung eine Straftat, aber der Verein wird so clever sein, sich nicht dabei erwischen zu lassen. Und das sind doch alles unbescholtene Bürger, die haben eben einfach zu viel Zeit. Und zu wenig Hirn.
Auch wenn der historische Kontext nur halbwegs korrekt ist: Ich wünschte, es würde Nacht oder die Preußen kommen. Mit echten Kanonen.
Die Wahrheit ist hart, Mann!
Die Nacht der heruntergelassenen Hosen
„Lulu“ von Frank Wedekind, Regie Nuran David Calis, (Zweit-) Premiere am Schauspiel Leipzig, 11. Oktober 2013
Hier hebt sich ein Vorhang! Schon ewig hab ich das nicht mehr gesehn.
Er gibt den Blick frei auf eine von Sichtbeton umgebene Bühne (Irina Schicketanz), in der Mitte eine Art Vitrine, vielleicht auch ein Terrarium, in welchem eine Frauengestalt unbeweglich verharrt. Im Hintergrund kleine Fensterchen, wie man sie – wenn man das kennt – aus Etablissements kennt, in jedem ein Gesicht. Eine Kamera steht auch noch herum. So weit, so interessant.
Und es beginnt bedeutungsschwer mit einem Chorus. Auftritt Maler Schwarz (Tilo Krügel), mit Whiskey und Aschenbecher, klar, man ascht hier nicht auf die Bühne. In den Kabinen im Hintergrund beginnt man zu wichsen. Passiert doch noch gar nichts?
Der Auftragsmaler leidet Tantalusqualen bei seinem Modell, nachvollziehbar. Es trägt allerdings zum Verständnis der Handlung deutlich bei, wenn man das Stück kennt. Mal wieder eher fürs Feuilleton als fürs Publikum …?
Und sie bewegt sich doch. Lulu verlässt ihr Gehäuse, etwa zeitgleich betritt ein erdnussfressender Dr. Schön, der Maitre de Plaisir, die Bühne. Die Vitrine für die Dame ist eine lustige Idee, nur die Tanzstange fehlt mir. Und warum hat die so ein Gummidings aus dem diskreten Versandhandel unterm kurzen Kleid? Darf man in Leipzig nicht mehr nackt sein?
Lulu aka Mignon aka Nelly hat eine schöne Stimme und ein ideales Fernsehgesicht. Eine Weile verweilt die Kamera auch dort, bevor sie sich südlicher orientiert und das heute Wesentliche fokussiert. Das Ganze ist übrigens schön gemacht, rechts das Original, links die Projektion, die allerdings zwei Zehntel Sekunden nachhängt. Das sind so Feinheiten …
Die Handlung ist wirr, es wird auch wenig gespielt. Dr. Goll (Matthias Hummitzsch) als amtierender Gemahl der Lulu wird hinten abgemurkst, von Schwarz offenbar, im Fahrstuhl. Derer vier säumen die Bühne, auch das ein schöner Einfall.
Dann ein Dialog des Schwarz mit dem Abbild der Lulu, sieht sich gut an (Video Kai Schadeberg). Jene hat bis dato vor allem die Aufgabe, hinreißend auszuschauen, was ihr vollends gelingt.
Des Malers Irrsinn versteht man nicht recht, die Darstellung bleibt blass. Das Terrarium wird geflutet, nun ein Planschbecken mit warmem Licht drumrum. Er kommt in Sockenhaltern, ein kurzes Idyll mit Kindfrau.
Doch der Nächste (Michael Pempelforth) bitte, er sieht aus wie Lindner von der FDP, soll aber ihr (vorgeblicher) Stiefvater sein, unglücklich besetzt, sag ich mal. Er erteilt Kosmetikberatung, ist überzogen rührselig, übersteuert.
Wieder taucht Dr. Schön (meist hervorzuheben: Hartmut Neuber) auf. Auch hier fallen bald die Hosen, eine Nummer im Stehen, zum Dank gibt es Whiskey auf den Schwanz. Die Sache nimmt ein wenig Fahrt auf, trotz der Skurrilitäten lässt sich das gut ansehen. Auch der Maler wird besser.
Zum Dank muss er ins Gras beißen, nach der Kamerabeichte, viel Blut im Fahrstuhl. Doch was muss sich Dr. Schön da am Gemächt fummeln? Ornö … Es ist doch auch so ein starkes Bild.
Sein Sohn Alwa (Sebastian Tessenow ebenfalls gut) versucht die Spuren zu beseitigen, mit Wasser aus dem Planschpool. Lulu zieht sich derweil die Lippen nach für die nächste Runde.
Das schöne Spiel, das Schöne-Spiel, zum Vierten. Wer will nochmal, wer hat noch nicht? Sohnemann erntet erst einen Tritt in die Eier, erhält dann aber doch eine Dienstleistung. Ein Schwanz hängt aus der Wand.
Auch hier Hosenfall, auch hier Sockenhalter. Das Stück verliert an Tempo und Qualität.
Dann Spaß im Glas mit Dr. Schöne. Sockenhalters (klar!) Obsessionen, Hassliebe, lieber Hass, Engel links, Teufel rechts. Aber ein schwacher Monolog von Lulu, und warum Schöne alle Souveränität fahren lässt und fortan im Sadomasostyle an der Krawatte herumgeführt wird, kann man bestenfalls erahnen, aber man sieht es nicht. Aus dramaturgischen Gründen hängen dann zwei Schwänze aus der Wand. Fast folgerichtig knallt die erste Tür im Parkett.
Schön und Lulu sind nun geheiratet, warum und wer wen auch immer. Jemand in kurzen Hosen kommt, es gibt einen reich bebilderten Beitrag zur Missbrauchsdebatte. Hm. Dann ist ein großes Kriechen auf der Bühne, Schön hat auf einmal Lulus Pistole im Mund und gräbt sich im Schritt. Ach. Nur selten blitzen große Szenen auf, das Meiste vergisst man in dieser Phase schnell.
Irgendwie scheint er dann doch zu Tode gekommen zu sein.
Auftritt von Sparkassenmännern. Sie legen ab, Lulu ist in neuem Fummel. Es wirkt wie Mittagstisch im Swinger-Club, ist halt lediglich eine Dame dabei. Nachher acht Kerle im Glas, das ist lustig und sehenswert. Und draußen viel Arbeit für Lulu an sieben Geräten. Ein schönes Bild, wenn man das mag.
Am Ende ist sie wieder und nur noch Objekt, erst Edel-, dann nur noch Nutte, ein trauriger Klampfer läutet den letzten Akt ein.
Jungfrau-Aktien werden ausgegeben, doch es bleibt undurchsichtig, was das heißen soll. Ein Porno-Filmchen wird gedreht, schräg, Lulus Verfall wird sichtbar. Und nochmal von hinten, mit Tekkno.
Die Horde gebraucht sie, verbraucht sie. Benutzung, Abnutzung, ja, wir haben es begriffen, ein Bild weniger hätte es auch getan. Und immer wieder der Griff in die eigene Hose, da haben einige wohl zu viele schlechte Filme gesehen.
Dennoch, die letzten Minuten reißen einiges raus. Lulu rettet sich vorerst in ihre Vitrine, doch ihr Blut fließt schon. Noch einige kleine Kunstwerke in bewegten Bildern, the Ripper kommt wie ein Erlöser. Nach zwei Stunden fährt der Vorhang lärmend herunter.
Den Schlussapplaus nehmen die Schauspieler in alten Bademänteln entgegen.
Wedekinds Hauptwerk ist ohnehin unkaputtbar, und Calis fügt eine Variante hinzu, die man mögen kann, aber nicht muss. Großartige Szenen wechseln sich mit großer Langeweile ab, Berührendes mit (viel) Bemühtem. Runa Pernoda Schaefer in der Titelrolle glänzt außerhalb der Monologe, wenn sie da noch den richtigen Ton trifft, kann das eine große Rolle werden. Das ganze Ensemble respektabel, aber – halten zu Gnaden – im Schnitt doch einen halben Ton unter der Dresdner Garde.
Das Programmheft übrigens (auch angesichts der 3 Euro, die man dafür haben wollte), sehr übersichtlich, rein gar nichts zu den Schauspielern. Das wünsch ich mir besser.
Man sollte vielleicht noch wissen, dass es sich um eine Second Hand – Premiere handelt: Enrico Lübbe hat sie aus Chemnitz mitgebracht, dort debütierte die Aufführung am 8. Juni diesen Jahres. Das ist legitim, nur könnte man das vielleicht etwas deutlicher kenntlich machen.
Das Gesamturteil? Ein klares Unentschieden.
