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Hiddenseeer Elegien, Teil 3: Von Mynheer Peeperkorn

(Thomas Mann, Zauberberg, klaro. Wir verstehen uns, wir Kulturbeutel.)

In seiner zweiten Lebenshälfte sah dieser Mann aus wie eine Kreuzung aus Goethe und Beethoven. Das ist zwar so ziemlich das Unwichtigste, was man über ihn sagen kann, aber er selbst legte da Wert darauf. Das Gesamtbild sollte stimmen.

Zumindest mein Gesamtbild stimmt morgens wieder, mein Körper entsinnt sich der Charakterzüge des Typen, der ihn bewohnt und bleibt bis Zehn liegen. Danach dann Frühstück vom selbstgemachten Buffet, mit Untermalung von nostalgischen Musik-TV-Sendern. Etwas debil ist das sicher, aber allein die Frisuren von Duran Duran sind es wert.

Eigentlich hatte ich gestern beschlossen, mir für die nun schon letzten drei Tage ein Fahrrad zu leihen, aber beim Frühstück nochmal drüber nachgedacht: Wozu mit einer Rostmähre rumärgern, die mir sowieso zwei Nummern zu klein ist? Das bißchen Insel schaff ich auch zu Fuß, und Gehen ist die vornehmste Art der Fortbewegung, hat mal ein großer Dichter gesagt. Ach nee, das war ja ich. Stimmt aber trotzdem.

Angenehme 22 Grad, ein ganz leichter Sprühregen, so marschiere ich frohgemut los. Einiges Neue gibt es doch zu bewundern im Dorf, das fünfte Malercafé hat eröffnet, es gibt einen Bolzplatz mit Kunstrasen (war das hier auch mal ein Hochwasserschadensgebiet?), der umzäunt ist. Sport ist hier offenbar nur denkbar, wenn ein Zaun drum herum ist.
Und es gibt jetzt einen Hubschrauberlandeplatz. Der wird sicher für den Wahlkampfbesuch von Frau Merkel und drei oder vier Mal im Jahr noch für andere Notfälle gebraucht, das Betreten ist aber ganzjährig verboten. So kenne ich mein deutsches Vaterland.

Ich gehe einem Mann besuchen, der sein Haus zwar nicht mehr direkt bewohnt, wo alles aber noch so ist wie vor achtzig Jahren. Fast alles, ein sehr hübscher Empfangspavillon ist dazugekommen, ein Kleinod, völlig reetfrei und unspektakulär dem Gelände angepasst. Gibt es hier keine Reet-Hisbollah? In Dresden wär dieser Bau in Barock auszuführen gewesen.

Das Sommerhaus von Gerhart Hauptmann, so, nun ist es raus, wird seit den Fünfzigern als Museum betrieben. Nett ist das, auch wenn man gleich mit dem Tode beginnt und jeder Hauptmann –Pups ehrfürchtig dokumentiert wird (seine Wandkrakeleien im Schlafzimmer z.B. hätte man dem geneigten Besucher ersparen sollen). Aber sehenswert, wie sich der König von Hiddensee nach dem Erwerb des Hauses 1930 einen großzügigen Anbau errichten ließ, als Schreibstube und Arbeitszimmer, unterkellert von viel Platz für Wein. Der Fußboden aus einer Art Marmor … Allererste Güte. Leisten konnte er sich das, hatte er doch reich geheiratet und nach dem Literaturnobelpreis 1912 wohl auch ausgesorgt. Auch interessant: Die Schlafzimmer des Ehepaares Hauptmann im Dachgeschoß, seines klein und spartanisch, ihres künstlerisch gestaltet, getrennt von einer türlosen Wand, nur eine kleine Durchreiche gab es. Keine Ahnung, was da durchgereicht wurde.

Ein König war er hier wirklich, der seit Jahrzehnten jeden Sommer wiederkehrte, ein Containerschiff voller Wein im Schlepptau. Das mussten auch Thomas und Katia Mann erleben, die ihn 1924 noch im Hotel „Haus am Meer“ besuchten. Das Duell Haupt- gegen Mann endete eindeutig, es konnte nur einen geben. Als dann noch ein Zickenkrieg zwischen den Damen ausbrach – Hauptmann hatte seine langjährige Geliebte Margarete dann doch geheiratet und ihr seinen vierten Sohn „geschenkt“, wie es in den bunten Blättern heißt – war der große Mann offenbar so pissed, dass er dem großen Hauptmann im Zauberberg ein zweifelhaftes Denkmal setzte, ebenjenen Mynheer Peeperkorn. Danach hing erstmal der Haussegen eine Weile schief im Dichterolymp, aber später vertrug man sich wieder, auch wenn sich sicher keiner der Herren zum Pack hätte zählen wollen.

Über das literarische Werk des Schlesiers kann man geteilter Meinung sein. Unter anderem „Die Weber“, „Die Ratten“, „Bahnwärter Thiel“ und (für mich persönlich die einfühlsamste Dreiecksstudie vor einem bürgerlichen Hintergrund, die ich kenne) „Einsame Menschen“ machen Hauptmann unsterblich. Aber seine beste Zeit hatte er vor seinem Fünfzigsten, nach dem Nobelpreis kam für mich nichts mehr, was dieses Niveau hielt. Und dabei produzierte er noch dreißig Jahre lang …
Es klingt zynisch, aber Schiller zählt auch deshalb zu den Großen, weil er gar keine Chance hatte, sein Erbe zu verschleudern. Und James Dean hätte bestimmt noch eine Menge schlechter Filme gemacht …

Auch ein anderer Makel würde heute nicht an Hauptmann kleben, wäre er – nur so als Idee – in den Zwanzigern vor seinem geliebten Hiddensee in der Ostsee ertrunken.
„Manch großer Geist blieb in ner Hure stecken“ hat Brecht sicher nicht mit Blick auf Hauptmann gedichtet, aber es passt. Nur, dass G. H. sich den Arsch des Führers aussuchte zum Steckenbleiben. Das sei schon ein faszinierender Mann, fand er. Da waren alte Freunde wie Alfred Kerr nicht so wichtig, und die Realität hatte draußen zu bleiben, er war schließlich Dichter. Und hatte Goethe sich nicht auch aus allem herausgehalten?
Aus Sicht der Psychoanalyse kann man das sicher behaupten: Hauptmann hatte einen Goethe-Komplex.

So überwinterte er im Tausendjährigen Reich und wäre – Ironie der Geschichte – fast noch zur Galionsfigur des „neuen Deutschland“ geworden, für das ihn Johannes der Erbrecher geworben hatte. Ein gnädiger Tod nahm ihn vom Feld, ehe er sich zum yogischen Fliegen bekennen konnte.
Von alledem berichtet das Museum: Von einem großen Dramatiker und (deutlich dezenter) von einem großen Arschloch.

Oh, ich wollte mich gar nicht ereifern, bin doch zur Erholung hier.
Und die Realität holt mich auch schnell wieder ein: Am Nebentisch des Fisch-Imbisses sitzt ein fettes Paar mit dickem Kind, das Pommes mit Currywurst frisst und es fertigbringt, in zwei Sätzen über Hauptmann drei Generalfehler unterzubringen.
Und im Radio singt ein Kraftklub, dass die Welt ein bißchen weniger Scheiße wäre, wenn sie ihn küsse … Die Ansprüche sind deutlich gesunken, seitdem ich in dem Alter war. Aber die „unruhevolle Jugend“ von damals hat heute ohnehin ADS.

Es regnet stärker, als ich zurückwandere. English Summer Rain … schön ist es.
Ich betrete den Hubschrauberlandeplatz, sowas von verboten … Ein prickelnder Schauer überzieht meine Haut.

Das Gute trägt Hochwasserhosen

„Der Parasit“ von Friedrich Schiller nach Louis Picard, Regie Stefan Bachmann, (zweite) Premiere am Staatsschauspiel Dresden, 28. Juni 2013 (die 108. n.u.S.)

Mit diesen Frisuren kann man ja nichts werden. Vater und Sohn Firmin (Lars Jung und Matthias Luckey als Tandem ähnlich wie beim „Baumeister Solness“) räsonieren anfangs über das missgünstige Schicksal, das Karriere und Brauteroberung verhindert. La Roche tritt auf, ein geschlagener Mann, der seine Stelle verlor und dies dem Selicour anlastet. Tja, immer der Erste zu sein im Büro, hilft offenbar auch nicht, wenn es Raffiniertere gibt. Torsten Ranft gibt ihn (später) als Furie und ist sich des Publikumsjubels sicher.

Der La Roche schwört Rache und redet sich in Fahrt. Auch an Papier kann man sich böse schneiden. Die ersten Lacher landet er durch Spucken, na gut. Die altmodische Sprache hindert ein wenig am Verständnis, aber der allgemein Beschimpfte scheint ein Cleverle zu sein. Die von La Roche angebotene Rächung als Zwangsbeglückung lehnen die beiden grundanständig-langweiligen Firmins aber vorerst ab.

Die raffinierte Drehbühne (Olaf Altmann) bringt dann einen Minister sowie dessen Mutter und Tochter zu Tage, es passiert aber eigentlich nicht viel, auch wenn jeder Halbsatz belacht wird.
Erst mit dem Erscheinen des übel beleumundeten Selicour ändert sich das, er bringt Bewegung ins Beamtenmikado, scheinbar der einzige richtige Mensch zwischen diesen Karikaturen. Zunächst becirct er die Mutter (Hannelore Koch) des verehrten (Neu-) Ministers, er weiß wie es geht. Die bedauernswerte Ines Marie Westernströer muss das Dummchen von Tochter geben, noch mehr Mitleid verdient Christian Clauß, dem man den alten, zittrigen Kammerdiener aufgezwungen hat. Beide erledigen das professionell.

Solicour tanzt, tänzelt durch die Winkel des Ministeriums, berauscht von seinen Plänen. Ein wunderbarer Ahmad Mesgarha ganz in seinem Element, eine großartige Leistung, jede Facette des Hochstaplers wird glaubwürdig gezeigt und ausgeleuchtet. Ich habe ihn schon früher, als ich mich noch nicht berufen fühlte, meine Meinung breit zu streuen, u.a. zweimal als großartigen Mephisto erlebt, einmal im Faust und einmal mit dem Decknamen Hendrik Höfgen, das erwähne ich hier sehr gern.
Philipp Lux hingegen muss den Deppen von Minister machen, den eine Teetasse und ein Leistenbruch auszeichnen. Mein Beileid.

Die erste Rache-Attacke von La Roche scheitert und fällt auf ihn zurück. Solicour zeigt sich im Triumph großzügig, herzt den La Roche, der Minister will im Bunde der Dritte sein. La Roche entzieht sich, winselt, schauspielerisch sehenswert, dramaturgisch … ach, lassen wir das.
Der Schleimer ist kein Schleimer, wenn man’s nicht beweisen kann. Aber Solicour erhält trotz seines Etappensiegs zwei schwierige Aufgaben, die Fertigung eines Sonetts und eines Wahlprogramms, die ihn beide deutlich überfordern würden, wenn er sich nicht zu helfen wüsste.
Und so luchst (nicht luxt) er den Firmins ihre Werke ab und verkauft sie als die seinen.

Zwischendurch tritt noch Benjamin Höppner als Vetter auf, im Wesentlichen aufs Rülpsen reduziert. Auch er kann Selicour nicht in ernstliche Gefahr bringen.
Die Dreh-Bühne bietet hübsche Einblicke ins Geschehen, das Lied vom Tod ist dann aber doch etwas übertrieben für die Begegnung von La Roche und Selincour. Ungleiche Gegner.
Nichts ist überwältigender als ein Lob, Selincour weiß damit umzugehn. Offenbar ist er der Einzige hier, der Eier und (!) Verstand hat.

Die Handlung schleppt sich dahin, das Fräulein Tochter soll nun den Selicour ehelichen, was ihr Grauen beschert, ganz im Gegensatz zur Frau Großmama. Soll die doch …
Alle spielen großartig, man wünscht sich, sie hätten ein Stück, bei dem sich das auch lohnen würde.

Dann das Finale. La Roche versucht es diesmal mit den Waffen des Selicour, und, oh Wunder, er gewinnt. Jener ist vorverurteilend mit Buratino-Nase gekennzeichnet und verheddert sich im Gestrüpp des angeblichen Minister-Fehltritts. Trotzdem kommt die Wende etwas plötzlich, der Minister wechselt für mich all zu schnell die Seiten.
Auch in diesem Märchen siegt also das Gute, so simpel und bieder es auch daher kommt, das Publikum ist’s zufrieden.

Dann aber noch eine böse Entgleisung: Der entlarvte Solicour wird splitternackt durch den Saal getrieben, Johlen und Jubeln im Publikum. Merken die nicht, wie widerlich das ist? Hat ein schlechter Mensch kein Recht auf seine Würde? So fangen Pogrome an. Kotzen könnte ich.
Die Sieger sind nicht besser als der Besiegte, zwar dümmer, aber in der Überzahl.

Der Gast würde sich gern mit Grausen wenden, als der (beneidenswert gut gebaute) nackte Mesgarha so von links nach rechts gehetzt wird, aber die Höflichkeit siegt. Und so werden die mahnenden Schillerschen Worte, dass die Gerechtigkeit meist nur auf der Bühne siegen würde, auch noch mitgenommen, ehe es in den tosenden Beifall geht.

Es ist – das sei angemerkt – eine second Hand – Premiere. Die erste fand vor einer Woche für die Internationalen Schillertage im Nationaltheater Mannheim statt und wurde wohl frenetisch bejubelt. Von mir aus gerne, aber … einen Einwand habe ich dann doch.

Dieses Stück, das Schiller nur widerwillig (und ich weiß nun auch warum) auf Geheiß des Weimarer Herzogs Karl August 1803 aus dem Französischen übertrug, wie das Programmheft verrät, unterliegt zwei Grundirrtümern:
1. Alles Gute kommt von oben, ein gütiger Herrscher sorgt am Ende schon für Gerechtigkeit. Schmarrn!
2. In einem Apparat wie dem beschriebenen gibt es zwar ein schwarzes Schaf, aber alle anderen sind grundgütig, treu und doof. Nochmal Schmarrn.

Die gewohnte Schillersche Tiefe vermisse ich völlig. Eine simple Parabel von einem enttarnten Plagiator, mehr nicht.
Was soll das heute auf der Bühne? Was will uns das sagen? Warum muss man das so inszenieren, dass es auch zu Schillers Zeiten aufführbar gewesen wäre?
Man hätte es dekonstruieren können, filetieren, vom Ende her aufbauen, was weiß ich, es gibt so viele Möglichkeiten. Bachmann wollte, konnte oder durfte nicht. Schade.
So bleibt ein unnützer Abend, der nur durch die teils großartigen Schauspielerleistungen einer Erwähnung wert ist.

Jedes Wort hat seine Zeit

„Vom Wandel der Wörter. Ein Deutschlandbericht“ von Ingo Schulze, Regie Christoph Frick, Uraufführung am Staatsschauspiel Dresden, gesehen am 21. Juni 2013

Eine Erzählung in Form eines Briefes, ein junger Schriftsteller schreibt an den Museumsdirektor des „Deutschland-Gerätes“, einer Installation von Reinhard Mucha. Es geht um seine Beziehung zu B.C., einem namhaften, ausgebürgerten DDR-Schriftsteller und um dessen „Ernährerin“ Elzbieta. Und zugleich geht es um ein Vierteljahrhundert deutscher Geschichte.

Am Anfang betrachten drei Schulzes (kenntlich gemacht durch den prägnanten Wuschelkopf) das Werk aus Buchstaben, schon vor Beginn des Stückes. Zögerlich, skeptisch sind sie. Die ersten Textfetzen flattern aus dem Off durch den Raum, es beginnt eine Dekonstruktion einschließlich Neuaufbau, ganz neue Wörter entstehen. Ein erstes starkes Bild. Schließlich bricht der ganze Haufen zusammen.

Man ahnt bald schon, worauf es hinausläuft. B.C., eine fiktive Figur, vielleicht ein bisschen an Biermann angelehnt, wird nach seinem ersten Buch gegen seinen Willen aus der DDB ausgebürgert und anfangs im Westen als Dissident hofiert. Als er aber beginnt, sich auch zu westdeutschen Zuständen zu äußern, ist es mit dem guten Willen vorbei, fortan ist er nirgendwo zuhause, zudem fehlt ihm die Reibefläche. Der Kapitalismus ist halt viel elastischer …
C. leidet an seinem Bedeutungsverlust, veröffentlicht kaum mehr etwas. Zwar wird er von der Ärztin Elzbieta materiell und auch sonst aufgefangen, aber Vollgas gibt er nur noch im Leerlauf. Und die Aufregung ist auch gar nicht gut für seine Gesundheit.

Trotz eines assoziationsreichen, starken Bühnenbildes (Alexander Wolf) aus einer hydraulisch betriebenen schiefen Ebene, die mit einem flauschigen DDR-Fahnen-Teppich mit fehlendem Emblem bedeckt ist, kann man die Aufführung sicher noch als szenische Lesung beschreiben. Und diese lebt von großartigen Schauspielern, die ihre Figuren zum Leben erwecken. Holger Hübner als mal selbstgefälliger, mal kleinmütiger, mal wütender B.C., Matthias Reichwald als Ich-Erzähler mit einer glaubhaften Wandlung von Anbetung zu kritischer Distanz und ganz besonders die frisch gekürte Erich-Ponto-Preisträgerin Sonja Beißwenger, deren Elzbieta sich von einer in Betrachteraugen fast zwielichtigen Figur in einem fulminanten Monolog zur wahrhaften Muse des B.C. emanzipiert.

Die Schilderung des Mit-Leidens des C., als er ´89 nicht dabei sein kann, in Leipzig, Plauen und anderswo, und wie er schließlich wie so viele Intellektuelle vom weiteren Ablauf der Ereignisse mehr und mehr enttäuscht wird, gehört zu den besten Passagen des ohnehin starken Textes. Der Anpassungsdruck, dem er fortan unterliegt, lässt sich fast körperlich spüren. Er weigert sich, seine Sätze „von früher“ zu wiederholen, weil die heute etwas anderes bedeuten als damals. Der „Unrechtsstaat“ war ein legitimer Begriff vor der Wende, heute ist er zu undifferenziert. Aber das versteht die Medienwelt nicht. Als Kronzeuge ist er nicht mehr zu gebrauchen.
C. hat das Gefühl, er müsse seine Bücher umschreiben, die Wörter stimmen alle nicht mehr. Doch ehe er das ernsthaft beginnen kann, nimmt ein gnädiger Tod ihm die Schreibmaschine aus der Hand.
Wird der Ich-Erzähler seinen Faden aufnehmen? Man möchte es zu gern glauben.

Ingo Schulze hat diesen Text für das Staatsschauspiel Dresden wenn nicht geschrieben, so doch für die Bühne bearbeitet. Ein Geschenk zum Hundertsten, sozusagen. Nach „Adam und Evelyn“, das in der Inszenierung deutlich opulenter, aber nicht weniger packend war, ein neues Meisterwerk. Wir haben zu danken.
Die regionalen Besprechungen der Premiere waren dennoch nicht sehr freundlich, lediglich die Süddeutsche war begeistert. Und ich jetzt auch.

Es steigen einem die Tränen in die Augen, wenn man hört …

„Elf.“
Marion Brasch, meine Lieblingsmoderatorin seit einem Vierteljahrhundert, kündigt gewohnt lakonisch die Nachrichten an. Na wolln mal hören, was die letzten zwölf Stunden so gebracht haben an der News-Front.

„Eklat um Merkel-Besuch in Petersburg?“ Die wird doch nicht etwa?

Ich meine, Themen gäbe es ja genug.
Die Progromstimmung gegen Schwule (darf Westerwelle eigentlich noch einreisen?), die Waffen für Assad, die Pressefreiheit russischer Art, die gigantischen Umweltverbrechen, von denen in Europa kaum einer weiß, der Neo-Zarismus allgemein oder die politischen Gefangenen.
Aber das ging uns doch bisher offiziell gar nichts an, solange wir Gas bekommen und Autos liefern dürfen?

Hat sie nun endlich mal gesagt: „Lieber Wladimir Stalinowitsch, so geht das nicht!“ Schön. Respekt. Ein Anfang. Mein Herz weitet sich.

Doch wie jetzt?
Es geht um Kunst? Das war mir als Schwerpunktthema von Merkel noch gar nicht bekannt.
Ach so, Beutekunst … Na dann.
Alles halb so wild. Die Grußworte zur Ausstellungseröffnung waren dem sowjetischen Protokoll nicht genehm. Aber unser Tapfer-Merkel lässt sich nicht den Mund verbieten. Zumindest nicht, wenn es um drittrangige Themen geht.

Was bleibt?
Putin darf weiter ungerügt die wilde Sau spielen, nur unsere Schinken in Öl, die hätten wir gern zurück. Eine Schande.

Keen Kind nich jehabt

„Die Ratten“ von Gerhard Hauptmann, Regie Susanne Lietzow, Dramaturgie Beret Evensen, Inszenierung am Staatsschauspiel Dresden, gesehen am 13. Juni 2013

Man kann den Schimmel der Wohnhöhle förmlich riechen, die von einer Art von Menschen bevölkert ist, zu der man Lumpenproletariat sagen würde, wenn es die p.c. zuließe. Die Sonne scheint hier nur für die feinen Leute.
Zu diesen gehört Frau Henriette John sicher nicht, auch wenn sie sich durch die Stellung ihres Mannes – Maurerpolier im fernen Altona – von den übrigen Bewohnern abhebt. Viel besser geht es ihr dabei aber auch nicht, seit dem frühen Tode ihres Säuglings vor drei Jahren leidet sie unter ständigem Phantomschmerz.
Da kommt ein verzweifeltes Nicht-mehr-Fräulein Pauline, die Deutsch als Fremdsprache nur in der Praxis studieren konnte, gerade recht. Sie schwatzt der Hochschwangeren das Baby ab, 123 Reichsmark sind ein fairer Preis. Der Gatte ist erfreut über den Nachwuchs und glaubt ihre Geschichte. Es könnte sich zum kleinen Idyll fügen.

Im Hause hat sich noch ein Impressario (im Moment stellungslos) mit seinem Kostümfundus eingemietet. Für den Lebensunterhalt, nein, aus Güte den jungen Leuten gegenüber, gibt er Schauspielunterricht. Sein Töchterlein lässt er von einem angehenden Theologen unterrichten, was den schönen Effekt hat, dass jener nichts mehr von der Theologie und umso mehr vom Fräulein Tochter wissen will. Und Schauspieler will er nun werden. Und absurde Ideen zum Spiel hat er auch noch. Es bahnt sich Ärger an.

Der ist im Parterre schon lange da. Kaum entbunden, besinnt sich Pauline auf ihr verhindertes Mutterglück und fordert den verlorenen Sohn. Noch kann Frau John sie abwehren …

Die erwähnte Höhle ist riesig, sie wird durch eine raffinierte Lichtgestaltung stets in die gebotene Stimmung versetzt. Die kluge Positionierung der Personen trägt zum gelungenen Bühnenbild bei, in welchem sich ständig Türen öffnen und schließen. Immer muss man gewahr sein, dass gleich einer kommen könnte, eine Privatsphäre gibt es hier nicht.
Dass die Pauline mit der tschechischen Opernsängerin Marie Smolka besetzt wurde, ist zum einen ein gelungener Coup, was die gebrochene Sprache des Dienstmädchens angeht und eröffnet andererseits große musikalische Gestaltungsmöglichkeiten, die bestens genutzt werden. Ich hab die Gänsehäute nicht gezählt bei mir, aber es waren einige.

Die Handlung hat inzwischen an Dramatik gewonnen. Im Nebenstrang kommt es zu einer Debatte zwischen dem Direktor Hassenreuter und seinem neuen Schüler und Ex-Theologen Spitta über die rechte Art zu inszenieren. Werktreue mit großer Geste oder Naturalismus, das war damals die Frage vor 100 Jahren. In ähnlicher Form wird die auch heute noch diskutiert, wobei ich gar nicht weiß, was „Regietheater“ sein soll. Regie ist doch immer?
Die Streithähne können sich nicht einigen, dass die Liaison von Spitta mit der Tochter Walburga (trotz des Namens ist Annika Schilling in ihrer letzten Dresdner Rolle wieder bezaubernd) bekannt wird und Pfaffen-Vater Spitta aus der Provinz auftaucht, macht es nicht besser. Da sind jetzt zwei erstmal obdachlos.

Die sichtbar minütlich panischer werdende Mutter John weiß sich gegen die immer aggressiver kämpfende Pauline nicht anders zu helfen, als ihr den missratenen Bruder Bruno (Jonas Friedrich Leonardi zum Fürchten, was unbedingt ein Kompliment ist) auf den Hals zu hetzen, zur Einschüchterung. Der erledigt das auf seine Weise, hinterher treibt Pauline im Landwehrkanal. (Dass sie auf der Bühne ins Waschbecken gestopft wurde … nun ja. Geschmackssache.)
Das Haus hat aber tausend Ohren, und auch als das Ablenkungsmanöver mit dem – bald darauf toten – Baby der unlustigen Witwe Knobbe von nebenan zu nichts führt, kommt der Dreck langsam hoch.
Herr John kommt von Montage, Frau John ist mit dem gemeinsamen Sprößling zur Sommerfrische. Der schmierige Hausmeister Quaquaro (ein wirklich widerlicher Jan Maak) brieft ihn, danach gibt es für John ein paar Fragen. Der will nämlich seßhaft werden, sozusagen ein Vater von heute.

Die Vertreter der Unterschicht sprechen übrigens allesamt ein schlesisch gefärbtes Berlinerisch. Gut, besser als Sächsisch allemal, aber es ist schon anstrengend für alle Beteiligten.

Eine rührende Szene des verstoßenen jungen Paars (Thomas Braungardt als Erich Spitta mit Licht und Schatten), deren Beisammensein von einem großen Menschenauflauf gestört wird.
John stellt seine Frau zur Rede, während draußen schon die Polizei nach dem Bruder sucht, und nach einigem Hin und Her muss er erkennen, dass seine Abwesenheit in den letzten Jahren wohl doch keine gute Idee war.
Ein grelles Licht der Erkenntnis, und während es im Bürgertum eine Art Happy End gibt, der Direktor hat einen neuen Posten in Strasbourg und verzeiht den verstoßenen Kindern, ist die Lage im Proletariat aussichtslos.

Zeugin der Anklage ist schließlich Selma, das verwahrloste Kind-Mädchen von nebenan (auch diese Rolle von Lea Ruckpaul wieder hundertprozentig genau gespielt) bringt Jette John zum Geständnis. Nein, nie kein Kind gehabt nicht. Entsetzen aller Orten, nur Frau Direktor (Christine Hoppe faszinierend in ihrer Abgehobenheit) kapiert nichts.
Das Kind soll nun ins Heim. Aber bevor sich das jemand greift, zieht Henriette einen Revolver. Sechs Schüsse knallen, danach ist es dunkel.

Ein heftiger, langer Beifall brandet durchs nicht ganz gefüllte Große Haus. Völlig zu recht.

Der Stoff ist an sich zeitlos, finde ich. Man kann ihn im Anfang des 20. Jahrhunderts belassen, so wie hier, könnte ihn aber auch in andere Zeiten und Orte setzen, wo sich verschiedene soziale Schichten in die Quere kommen. Letztlich geht es – von den vielen Nebensträngen abgesehen, in die G. Hauptmann zum Teil auch viel Herzblut gesteckt haben muss (z.B. die Theaterformdiskussion) – im Wesentlichen um die unerfüllte Kindessehnsucht einer Frau und das Dramatische, was daraus aus ungünstigen Rahmenbedingungen entstehen kann.

Die Inszenierung setzte für mich auch deutlich diesen Schwerpunkt, das Schicksal und die Schuld der Henriette John. Dank einer exzellenten Rosa Enskat, der man beim physischen und psychischen Verfall wirklich genau zusehen konnte und musste, war diese Entscheidung definitiv richtig. Kongenial dazu agierte Thomas Eisen, dessen John anfangs ein schlichtes, ehrliches Gemüt ziert, der im Laufe der Erkenntnis aber immer fassungsloser, wütender und brutaler wird. Ganz große Leistung auch von ihm.
Und Albrecht Goette brachte das Kunststück fertig, aus Hassenreuter keine Witzfigur zu machen, sondern ihn als eitlen, etwas aus der Zeit gefallenen, aber Anteilnahme erweckenden alternden Impressario darzustellen.

Nach „Die Firma dankt“, jenem sehenswerten Gegenwartsstück von Lutz Hübner, hat Susanne Lietzow erneut eine hervorragende Arbeit in Dresden abgeliefert. Sollte man sich anschaun.

Das schöne, arme Geld

„CASH. Das Geldstück“, ein Projekt von Melanie Hinz und Sinje Kuhn sowie der Bürgerbühne am Staatsschauspiel Dresden, gesehen am 19. Mai 2013

Es ist eine Lanze zu brechen. Für das liebe, gute, schöne Geld, das im Stück doch sehr schlecht behandelt wird. Aber dazu später.

Zwölf Menschen-Markt-Teilnehmer stehen anfangs in ihrer Weißwäsche vor dem Publikum und werden mit ihren finanziellen Verhältnissen und ihrem Kontostand vorgestellt. Es ist ein breites Spektrum, auch wenn keiner von ihnen richtig reich ist, die Palette reicht vom taschengeldberechtigten Schüler über einen hoffnungsvollen Jungbanker und einer, die das schon hinter sich hat, bis zum glücklichen Hartzer. Die Durchschnittsverdienerin ist ebenso dabei wie ein Amateurspekulant, den Manne Krug damals für die T-Aktie geworben hat, dem das Glück aber nicht erhalten blieb.

Uns wird ein Geldregen nebst –rausch vorgeführt, dann kommt Marx aus der Kiste. Geld ist Scheiße, aber kein Geld auch, so lässt sich die Disputation zusammenfassen.
Es ist immer wieder ein bewegender Moment an der Bürgerbühne, wenn die einzelnen Biographien zur Sprache kommen, das ist diesmal DDR- und Wende-Geschichte par excellence. Das Begrüßungsgeld gleich auf den Polenmarkt geschafft, für Korbmöbel, ja, so war das. Und dass der russische Laden in Kamenz so eine Art Kirche der verlorenen Heimat war, kann ich gut verstehen. Aber Eduard (Zhukov) beißt sich durch und steigt in den boomenden Markt für Pokemon-Karten ein. Köstlich sein Verkaufsgespräch mit Konstantin (Burudshiew), der Junge kann es mal weit bringen. Beide Darsteller sind mir eine Extra-Erwähnung wert, letzterer auch wegen seines Gesangs.

Die These, dass man das, was man nicht hat, auch nicht verlieren kann, wird uns dann plausibel nahegebracht. Freedom is just another word for nothing let to lose … Hätte hier gut hergepasst. Die Sterntalergeschichte mit ihrem Goldregen am Ende ist in diesem Zusammenhang vielleicht nicht ganz so passend.
Der wahre Reichtum ist Zeit, genau, völlig d’accord.

Die Maskottchenkarriere von Katharina Heider ist beeindruckend, auch wenn sie vor falschen Gesten nicht gefeit ist. Beim Escort-Service war hingegen schon am Anfang Schluss, die Unterwäschepauschale und die damit erworbene Bekleidung zweckentsprechend einzusetzen, scheiterte an den moralischen Werten.
Die These aber, dass letztlich das Verkaufen seiner Arbeitskraft auch nichts anderes als Prostitution wäre, hätte einer tieferen Diskussion bedürft, so einfach ist das glaub ich nicht. Zwar lässt schon einer, dem die Bürgerbühne heute sicher viel Spaß machen würde, seinen Peachum „Was ist die Ermordung eines Mannes gegen dessen Anstellung?“ fragen, aber die Arbeit hat sehr viele Facetten.

Nun gibt es eine Auffrischung in Scheidungsmathematik. Die Noch-Ehefrau fühlt sich auch ein bisschen wie die Nutte ihres Ex, wenn sie Geld von ihm bekommt und das mit früheren Gefälligkeiten in Beziehung bringt, aber dazu gibt es keinen Grund, Gnädigste.
Anrührend auch die Geschichte der Mannheimer Ex-Bankerin vom Aufstieg und Fall einer Karrierefrau. Den heutigen Mäzen gönn ich ihr von ganzem Herzen.
Fast schon klischeehaft der Werdegang des Ballonfliegers und Luftikus, der durch sein Glück bei Ron Sommers großer Volksverarsche Blut leckte, mal kurz am Reichtum schnupperte, dann aber doch wieder unsanft landete.
Nicht zuletzt der Kellner aus Berufung, der heute nicht mehr kellnern kann. Seine Geschichten aus der Mitropa lassen die Älteren im Saal wissend grinsen.

Nun werden Träume in Szene gesetzt, sehr schön das Ganze, sowohl optisch als auch akustisch. Money makes the world go … down? No Sir. Ich erhebe fristwahrend Einspruch und begründe ihn später.
Ein kluger Text des Diakon über das Verhältnis zum und die Bedeutung des Geldes weist eigentlich den richtigen Weg. Es ist eine Krise des Geldes, der Kredite, aber vor allem des Glaubens (daran).
Aber nun okkupiert Occupy die Bühne, die Parolen werden holzschnittartig, Gutmenschen-Attitüde, Sozialromantik. Einzig mit der kurz aufblitzenden Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen bin ich voll einverstanden, alles andere ist doch sehr simpel gestrickt.
Dank des Sparkassenbediensteten (Guido Droth sehr souverän), der dem Treiben erst skeptisch zusieht, dann aber darauf hinweist, dass es auch Falschgeld nicht umsonst gibt, kriegt man die Kurve noch zu einem plausiblen Finale.

Über Geld spielt man nicht? Im Gegenteil. Vor allem dann, wenn man so authentisch daherkommt wie dieser Abend. Auch wenn der Girokontostand sicher nicht die ganze Wahrheit ist: Hier enthüllen zwölf Menschen aus Dresden eines ihrer intimsten Details und verraten das persönliche Bankgeheimnis. Aber noch viel wichtiger, sie sprechen über ihre Geldgeschichte und über ihr Verhältnis zum Mammon. Das ist hochinteressant, da kann jeder mitdenken und –reden, das kommt in den besten Momenten sehr ergreifend daher, lässt uns aber auch lachen. Ein erneuter, schöner Beweis: Die Bürgerbühne lebt von dem (offenbar unerschöpflichen) Potential der Mitwirkenden, und von den großartigen Stück-Ideen der künstlerischen Leitung.

Wenn ich doch nicht ganz zufrieden abstieg aus dem KH3, lag das an einigen inhaltlichen Untiefen. Man kann natürlich auf das Geld schimpfen, aber … man prügelt den Sack damit und meint doch den Esel. Mit Maschinenstürmerei wird nichts besser.
Das Problem am Geld (eine der segensreichsten Erfindungen neben dem Rad im Allgemeinen und der Eisenbahn im Besonderen sowie der Anti-Baby-Pille) ist nicht dessen Existenz, sondern der Umgang damit.

Das Grundproblem ist doch ein ganz anderes:
Warum wohl ist sowohl in der Bibel als auch im Koran der Zins verboten? Welcher Idiot hat dieses verdammte Wachstumsdogma erfunden, das nicht nur unsere Umwelt, sondern auch unsere Gesellschaft kaputtmacht? Ist nicht das private Eigentum an Produktionsmitteln und allen anderen Gütern der Kern aller Ungerechtigkeit?
Ich glaube manchmal, unsere Weisheit nimmt in dem Maße ab, wie unser Wissen zunimmt.

Geld war am Anfang nichts anderes als eine große Erleichterung des Tauschhandels, aber auch der Vorratshaltung. Für eine arbeitsteilige Wirtschaft ist ein Hilfsmittel, das die produzierten Güter wertmäßig zueinander ins Verhältnis setzt, absolut unverzichtbar. Ich habe große Sympathie für die diversen Tauschbörsen, die dem Naturalhandel frönen, aber das sind Nischen. Keiner kann seine Miete mit Dienstleistungen zahlen (von speziellen Konstellationen mal abgesehen, um mir nicht den Anschein von Weltfremdheit zu geben).
Deswegen hätte ich gehofft, die großen Themen Eigentum, Zins und Wachstum wären zumindest angerissen worden. Im Programmheft geht man da leider nicht viel weiter, die „Geldkritik“ von Dieter Schnaas kratzt auch nur an der Oberfläche.

Dennoch, die „Experten des Alltags“ (wie die Bürgerbühne kurz und treffend beschrieben wird) haben auch zu diesem Thema viel Bedenkenswertes zu sagen. Allen, die sich auch für Geld interessieren, sei diese Aufführung als gewinnbringend empfohlen.

Der Besuch der jungen Katze

Etwas weckt mich. An meiner rechten Hand spüre ich eine weiche, wollige Berührung, ganz zart. Noch sind meine Augen geschlossen.

Ich vermute, die Hand hängt aus dem Bett heraus. Das tut sie morgens öfter, ich hab da wenig Einfluss. Also muss das draußen sein, außerhalb des Bettes. Und obwohl die Berührung alles andere als unangenehm war, bin ich erleichtert.

Die Augen weiter geschlossen, überlege ich, was es sein könnte, das mich da touchierte. Meine Wohnung ist gewöhnlich menschenleer, vor allem wenn ich nicht da bin. Ein Tier? Besitze ich nicht, leider, aber von Guppys abgesehen, könnte ich das auch keinem antun. Und Guppys mag ich nicht besonders.

Es könnte das Rätsel lösen, wenn ich die Augen öffnete. Aber der Wecker, oder besser keiner der vier, hat noch nicht geklingelt. Sollte ich da wirklich schon mit der Welt Kontakt aufnehmen? Ich zögere.

Die Neugier siegt, die Lider heben sich. Nein! Vor mir, in etwa einem Meter Abstand, sitzt auf dem Laminat, das noch nicht einmal versucht, wie Parkett auszusehen, ein wunderhübsches, grauweißgetigertes Fellhäufchen und mustert mich interessiert. Erschrocken kneife ich die Augen wieder zu und nähere mich dem Problem zunächst theoretisch.

Habe ich vielleicht Besuch? Besuch mit Katze? Vorsichtig strecke ich meinen Hintern in den bisher nicht von mir belegten Teil des Bettes. Da ist nichts.

Kurz öffne ich die Augen. Die Katze ist noch da.

Bin ich vielleicht gar nicht zu Hause? Was war eigentlich gestern? So spät war es doch gar nicht, und soweit ich mich erinnere, mündeten die freundlichen Plaudereien nicht in einen Hausbesuch. Und so häufig kommt das ja nun auch nicht mehr vor. Auch ich werde älter.

Doch ganz sicher bin ich mir nicht. Erneut öffne ich die Augen, diesmal einen Moment länger. Doch, hinter der Katze erkenne ich ein Schrankregal und den Sessel, auf den ich abends schwungvoll meine Klamotten zu werfen pflege. Das muss meine Wohnung sein.

Nochmal Augen zu, zum Nachdenken. Wenn ich ich bin und ich hier, dann kann die Katze nicht gleichzeitig auch hier sein. Ich habe keine.
Träum ich? Schon möglich.
Eine erneute Sichtkontrolle. Die Katze ist immer noch da. Aber was ist das? Sie erhebt sich von den Hinterpfoten, wendet sich gelangweilt ab und trabt in Richtung Wohnzimmer.

„Kätzchen!“ versuche ich zu rufen. Es ist mein erstes Wort an diesem Tage, entsprechend klingt es. Nichts, womit man Katzen beeindrucken könnte. Natürlich reagiert sie nicht.

Was nun? Aufstehen und das Kätzchen vielleicht erschrecken? „Miau, miau“ machen und sich damit vor dem Kätzchen blamieren? Die Polizei rufen (das Telefon liegt bereit)? Über diesen Überlegungen schlafe ich ein.

Irgendwann danach.
Jeder der vier Wecker hat mich auftragsgemäß gequält, eine halbe Stunde später steh ich dann auch auf. Da war doch was? Richtig, eine Katze! Eine Katze? Ich nenne mich einen Spinner und starte das übliche Morgenprogramm. Das heißt ich schlurfe ins Bad und bringe das Notwendige hinter mich, um dann die Kaffeezubereitung anzugehn.

Auf dem Weg in die Kleinküche muss ich durchs Wohnzimmer. Warum liegt mein Monatsblatt auf dem Fußboden? Der Wind. Klar, wenn man – seitdem der Frühling vor ein paar Tagen schuldbewusst, also umso heftiger von meinem Stadtviertel Besitz ergriff – alle Fenster auf Kipp stehen hat, kann das schon mal passieren. Zugluft halt.

Der Wasserkocher wird lauter, mein Kaffee mit Migrationshintergrund ist bald fertig. Der Kühlschrank bietet ein Bild, das Hilfsorganisationen auf den Plan rufen würde, wenn er öffentlich wäre. Aber das ist er zum Glück nicht.

Vorsichtig am Heißen nippend und dabei wie immer eine kräftige Portion Kaffeesatz schluckend, fällt mir eine Begebenheit von vor zwei Tagen ein. Auf dem breiten Fensterbrett des Wohnzimmers bewahre ich in einer flachen Schale Sand von Hiddensee auf, in welchem eine Figur von Wanitschke steht. Bisschen kitschig, aber ich mag die Komposition.

Aber vor zwei Tagen lag die Figur mit dem Gesicht im Sand, als ich nach Hause kam, und Teile von jenem bedeckten das Fensterbrett und das darunter befindliche Tischchen. Auch da hatte ich kurz gegrübelt und dies dann ebenfalls auf die Zugluft und eine lokal begrenzte Windverwirbelung geschoben, ohne gänzlich überzeugt davon zu sein.

Konnte das ein Zufall sein? Gibt es einen Poltergeist in meiner Wohnung, der sich in verschiedenen Gestalten zeigt, mal als Windhose, mal als Kätzchen? Nein, ich glaube an gar nichts, nur an die Physik. Und manchmal auch an die Biologie.

Misstrauisch mustere ich meine hässlichen Plastefenster. Durch diesen schmalen Kippspalt konnte doch unmöglich …
Eine weitere Begebenheit fällt mir ein. Vor einigen Wochen begegnete ich vor meiner Wohnungstür dem Nachbarsfräulein, welches freudestrahlend zwei winzige Katzenwesen um ihre Beine streichen ließ. Auch ich hatte das Vergnügen, den später mal männlichen Teil dieses wie ich erfuhr Geschwisterpaares zu kraulen und vernahm, dass jenes Duo nun auch hier wohnen würde. Ich gab meiner Verblüffung Ausdruck, dass im Januar Kätzchen geboren würden (denn älter waren die Winzlinge nicht) und ging meiner Wege.

Sollte ich tatsächlich nicht geträumt und Besuch von nebenan bekommen haben? Katzen können alles, da sind wir uns sicher einig. Noch ein Blick zum gekippten Fenster. Für ein erwachsenes Katzentier wäre der Spalt sicher zu eng, aber … für die Zwerge? Doch, so musste es sein. Die katzentypische Neugier, begünstigt durch zwei gekippte Fenster und ein Schrägdach, auf dem sich das Tierchen sicher wohlfühlte, und der Hausfriedensbruch der schönsten Art war vollbracht.

Ein Strahlen erhellt mein Antlitz. Vielleicht war sie ja noch da? „Kätzchen, Kätzchen!“ rufe ich in allen Wohnungsecken, doch kein Kätzchen lässt sich blicken. Dennoch war bin gerührt. Von allen Lebewesen auf diesem Planeten sind die Katzen mir die liebsten.

Ein Untertellerchen stelle ich bereit, gefüllt mit Lassi, was anderes war halt nicht da. Aber Bio, immerhin. Mein Besuch soll sich doch wohlfühlen. Fröhlich geh ich duschen.

Meinen Aufbruch in den Alltag zögeree ich so lang es geht hinaus. Doch kein Kätzchen ist zu sehn. Ob sie jemals wiederkommt?

Dank der fußläufigen Entfernung meines Arbeitsortes kann ich bereits am Mittag wieder nach dem Kätzchen sehen. Das glänzt aber weiterhin mit Abwesenheit. Schade.

Einkauf am Nachmittag. Meinen Konsum-Korb (Konnsum, nicht Konsuhm) ziert auf einmal eine Dose Katzenfutter, vom besten natürlich. An der Kasse summe ich Manne Krug vor mich hin, „da bist du ja“. „Ich gehe los und kauf dir ein Frikassee …“ Genau.

Zuhause: Keine Katze. Das Tellerchen nicht angerührt. Keine Figur umgekippt. Enttäuschung.

Ich glaube, seit heute morgen hat sich mein Leben verändert. Ich werde immer darauf lauern, ob das Kätzchen sich wieder einschleicht. Und wenn ja, werde ich es kraulen, bis es schnurrt.

Doch irgendwann wird es nicht mehr durch den Fensterspalt passen.

Von der systemstabilisierenden Wirkung der Ungeheuer

„Der Drache“ von Jewgeni Schwarz, Regie Wolfgang Engel, Dramaturgie Robert Koall, gesehen zur öffentlichen Hauptprobe Zwei am Staatsschauspiel Dresden, 9. April 2013

Die besten Regieeinfälle hat dann doch das Leben.
Ein freundlicher älterer Herr sitzt zu Beginn rechts der Bühne und erklärt, wegen der dicken Mandeln des Benjamin P. müsse er nun dessen Rolle lesen. Er heiße übrigens Wolfgang Engel.
Und wie das dann geschieht! Ein Fest, ein Festspiel, ein Wolfgangengelfestspiel! Mit welcher Grandezza da auch die unvermeidlichen Pannen überspielt werden! Fast wird die richtige Inszenierung Nebensache. Als er am Ende verhaftet und von der Bühne geführt wird, ruft Holger Hübner völlig zu Recht: „Das ist doch der Regisseur!“ Diesen Abgang hat er wahrlich nicht verdient.
Ohne Benjamin Pauquet zu nahe zu treten, aber das nochmal zu sehn, wär schon witzig.

Über ein Stück vor der Premiere zu schreiben gehört sich nicht, es grenzt an Hochverrat. Das ist wie Weihnachtsgeschenke vorher zeigen.
Ich beschränke mich also fortan auf die Handlung und einige geheimnisvoll-bedeutungsschwere Andeutungen.
Die erste davon: Mein nächster Kater heißt Clauß.

Man hat es mit einer Stadt zu tun, die seit 400 Jahren von einem Drachen beherrscht wird. Der frisst das halbe Bruttosozialprodukt und einmal jährlich ein Jungfrau seiner Wahl. Aber beides ist eingeplant, man hat sich arrangiert. Stabilität ist wichtig, und Ruhe, und Ordnung. Wer sollte daran etwas ändern wollen?

Da kommt zufällig ein Drachentöter des Wegs, erblickt das für den Drachen vorgesehene schöne Fräulein und – wie es märchengerecht heißen muss – entbrennt in heißer Liebe zu ihr. Jene ist allerdings schicksalsergeben und sich der hohen Ehre des Drachenfutters bewusst. Auch ihr Vater Charlesmagne sieht in diesem Akt seinen Sinn und will höchstens mit seinem eigenen Abgang protestieren.

Die vom Helden angebotene Dienstleistung „1 x pauschal Drachen töten“ will aber keiner haben, vor allem der Bürgermeister rät ab. Dessen Sohn Heinrich sollte zwar ursprünglich das Fräulein Elsa ehelichen, wurde aber mit einem schönen Posten beim Drachen abgefunden. Also alles in Ordnung. Was soll die Aufregung?

Auftritt Drache, in Menschengestalt, wegen der Augenhöhe. Die gängigen Einschüchterungsrituale verfangen beim Helden Lancelot nicht, jener fordert gar den Drachen heraus. Fauch!!! Das hat sich das letzte Mal vor 200 Jahren jemand getraut! Und verloren!
Werden Drachen älter? Jenem ist nicht ganz wohl in seiner Schuppenhaut.

Aber das Volk steht zu ihm. Verkrüppelte Seelen, gebeugte Häupter, man will ja gar nicht gerettet werden. Die Wahrheit sagt man nicht mal sich selbst.
Lancelot wird deshalb mit Küchengeschirr ausgerüstet für den Kampf, der Speer ist auch grad zur Reparatur. Aber das hat man amtlich beglaubigt, der Held soll das Papier mit sich führen und auf Verlangen vorweisen.
Der Drache arbeitet trotzdem an Plan B: Die Jungfrau soll Lancelot erdolchen, zum Dank soll eine andere dran glauben.

Wunder gibt es immer wie-hieder. Elsa ist vom Helden angetan, der Dolch fliegt in die Kulisse. Und dazu gibt es auch noch Wunderwaffen für Lancelot aus dem Untergrund. Dann kann es ja losgehn. Was wir kurz vor der Pause zu sehen bekommen, muss hier leider noch ein Geheimnis bleiben.

Der Kampf. Geschildert mit offiziellen Kommuniqués der städtischen Selbstverwaltung von Drachens Gnaden (W. Engel in Hochform). Drei Köpfe hat jener (der Drache, nicht Engel). Als der erste zu Boden plumpst, wird plausibel begründet, warum das militärstrategisch viel viel besser ist. Beim Fall des zweiten spricht man von einer Frontverkürzung. Nur beim dritten hat der Sender technische Probleme. Wir unterbrechen kurz die Übertragung, Musik bitte.

Eine Wende ist eingetreten.
An der Spitze der Bewegung: Der Bürgermeister. Endlich kann er mal so, wie er schon immer wollte. Das böse Untier ist tot. Aber die Stadt darf nicht in Anarchie versinken. Ruhe und Ordnung sind nun erste Bürgerpflicht.
Schwer verwundet schleppt sich Lancelot vom Schlachtfeld.

Ein Jahr später. Der Bürgermeister ist nun Präsident, sein Sohn hat einen neuen schönen Posten: Der Bürgermeisterstuhl wurde ja grade frei.
Das Volk hat sich gefügt, was sollen sie auch tun? Gar nichts können sie tun. Die Privilegien gehen nahtlos über, die Stafette des Machtmissbrauchs wird weitergegeben. Ist der Drache vielleicht gar nicht tot?

Gebt dem Präsidenten, was des Präsidenten ist. Im Konkreten zunächst einmal Elsa und dann jährlich eine Jungfrau. Kontinuität ist wichtig in der Politik. Morgen soll die Hochzeit sein.

Elsa hat Lancelot aufgegeben, er ist sicher tot. Ihr Vater widersetzt sich dem Embedding, aber mehr bleibt ihm auch nicht. Immerhin, ein Auftritt wie der Hofmusiker Miller, halten zu Gnaden.
Dann doch Auftritt Lancelot, sichtlich gezeichnet. Dennoch läuft das Volk über. Der böse Präsident und sein noch viel böserer Sohn hauen sich gegenseitig in die Pfanne und werden in Gewahrsam genommen. Happy end.

Und nun? Deswegen wird nach’m Happy end im Film gewöhnlich abgeblend’t. Die Bürger können mit der neuen Freiheit wenig anfangen, Chaos bricht aus. Ein Retter muss her, ein Lenker, ein … Führer? Lancelot lässt sich nur ein bisschen betteln. Es gibt einen neuen Bräutigam, das Fest kann beginnen.

Nur Elsa schwant was. Irgendwo hinten tanzt der Drache schon wieder mit.

Kein Wort zur Inszenierung, wie versprochen. Lassen wir es dabei bewenden, dass man das gesehen haben sollte. Ein weiterer Höhepunkt dieser Saison, die uns am Ende wahrscheinlich sehr verkatert zurücklassen wird. Die nächste Spielzeit wird schwer.

Aber das Grundthema des Stücks, die Abwägung zwischen Freiheit (und Verantwortung) und Unterdrückung (und „geordneten Verhältnissen“) ist noch einige Sätze wert. Wozu ein Drache gut ist, sehen wir ja grad in Korea, wo Kim Jong Dings den seinen wacker aufbläst für die innere Ordnung. Aber eigentlich sind die Drachen heute ganz andere, wie wär’s mit dem Häusle-Kredit, der guten Stellung, den Boni, dem Club-Urlaub? Das alles muss man sich auch leisten können. Da macht man schonmal Kompromisse.

Dass Jewgeni Schwarz sein 1943 in der Sowjetunion erschienenes Stück überlebt hat, mag ein Wunder sein. Dass es heute noch aktuell ist, sicher nicht.

Heiterkeit und Krieg und Frieden für das russ’sche Vaterland

“Krieg und Frieden” nach dem Roman von Lew Tolstoi in der Regie von Matthias Hartmann, Gastspiel des Burgtheaters Wien am 16./17. März 2013 im Staatsschauspiel Dresden


Viereinhalb Stunden. Man betritt das Theater und nickt zufrieden. Die Bedeutung von Inszenierungen misst sich an der Dauer. Und die Intendantur ist offenbar auch sportpädagogisch bewandert und führt uns sanft an den Marathon heran, Faust Eins bis Unendlich im Mai.
Aber, wie jetzt, zwei Pausen? Sind wir hier in Bayreuth? Schnürschuh-Theater, verweichlichtes! Im preußischen Berlin wird so was durchgesessen! Von wegen Hart-Mann! (Und was das wieder kostet an den Pausenbars!)
Na gut, der Weaner mag’s halt kommod. Lassen wir uns drauf ein und hören auf zu blödeln.

Der berühmte lange Tisch füllt die Bühne, ja, natürlich, in Wien ist er noch viel länger. Man wird eingeladen, in den Pausen das Bühnenbild und das Modell des Kasinos zu bestaunen. Trotz einjähriger öffentlicher Probe scheint es immer noch „work in progress“ zu sein, zumindest versucht man den Eindruck zu erwecken.
Die Einführung ist gewollt umständlich, dann scheint Guido Knopp auf der Bühne zu stehen. Der Eindruck verfliegt aber schnell, es geht in die erste Schlachtszene, und man ist fasziniert, mit welch einfachen Mitteln und einem exquisiten Ensemble (was ich noch öfter würdigen werde, Sie dürfen mitzählen) das Grauen einer Kampfhandlung vermittelt werden kann.
Dann die leistungskursartige Vorstellung der handelnden Personen, das ist witzig, das hat Tempo, das schadet nicht an dieser Stelle. Zumal, wenn man ein solch hervorragendes Ensemble beieinander hat.
Rechts oben über der Bühne wird der Bezug zur jeweils aktuellen Seite im Tolstoischen Schmöker hergestellt und damit Werktreue bewiesen. Auch das eine originelle Idee.

Abgefilmte Puppen spielen im Hintergrund eine wesentliche Rolle, stellen mal eine Schlachtenszene, mal eine Ballsituation her. Der anrückende Kriegslärm wird noch vom Summen der höfischen Drohnen übertönt.
Die Erzählweise ist … ja, eine stark szenisch orientierte Lesung, oder eine theatrale Umsetzung mit rezitativen Anteilen. Die Figuren treten ständig aus sich heraus, spielen und beschreiben im Wechsel. Das ist großartig, das macht Spaß beim Zusehn, so fliegt man förmlich durch das Werk.

Der Krieg kommt den gelangweilten Herren der Gesellschaft wie gerufen. Sie können türmen aus der ungeliebten Gesellschaft, wo täglich „Adel im Untergang“ gegeben wird.
Eine der Hauptfiguren, Pierre, erinnert ein wenig anTewje den Milchmann, trägt aber trotzdem die Handlung durch Saufgelage, die irrwitzige Wetten produzieren, die das wunderbare Ensemble fast wie ein Ballett umsetzt.

Darf man bei diesem Stoff soviel lachen? Manchmal kommt man sich vor wie in einem Comic. Erste Zweifel am inszenatorischen Ansatz.
Die Dialoge sind meist Kleinode, vor allem, wenn sie die ernsten Themen beleuchten. Aber auch ansonsten sind sie extrem gut gespielt (vom gesamten Ensemble) und äußerst unterhaltsam.
Noch eine Kriegsszene, in die man abrupt wechselt und die in großartig-grauenhaften Bildern daherkommt, dann ist Pause. Im Foyer werden Brote aus der Alufolie gewickelt, cool.
Der Devotionalienstand der „Burg“ ist klischeegerecht mit einem älteren Herren mit Wiener Schmäh besetzt, es macht Freude, Banales zu fragen.

Fürst Bolkonskij sen. weiß nach der Pause, dass Müßiggang und Aberglauben die Todsünden sind und nur Tätigkeit und Verstand dagegen helfe und lebt entsprechend. Bzw. lässt leben. Fürst Andrej bringt seine schwangere Gemahlin zum Vater aufs Land, die Schwägerin hat nun eine Leidensgenossin. Er selber geht Krieg machen.
Unglücklich sind hier alle. Die russische Seele ist tief und schwer. Großartiges Spiel des gesamten Ensembles.
Dann wieder Kriegswirren. Es geht mehr oder weniger heldenhaft zu. Die Umsetzung gelingt durch eine phantastische Choreographie des auf der Bühne versammelten Ensembles.

Es folgt: Comedy. Die Hochzeitsanbahnung von Fürst Wassilij für seinen missratenen Sohn Anatol mit der vermögenden Erbin Marja scheitert großartig, weil jener zur Unzeit die Finger auf der Gesellschaftsdame Bourienne hat. Dumm gelaufen.
Man philosophiert. Eine klare Quelle, ein schmutziger Becher, was soll da draus werden? Sinnkrise.
Pierre entwickelt sich inzwischen zum Gutmenschen. Es gibt einen Silvesterball, sehr schön wieder illuminiert mit den Puppen, Natascha, das junge Ding aus dem angesehenen Hause Rostow, entdeckt die erste Liebe: Den Fürsten Andrej, dessen Frau im Kindbett starb. Aber der gestrenge Vater des Bräutigams verlangt ein Jahr Aufschub zur Prüfung der Gefühle. Keine gute Idee.
Das Ensemble ist (auch) in den Kleinigkeiten groß, das macht seine Qualität aus. Jetzt weiß ich, was „auf Anschluss spielen“ wirklich bedeutet.

Der Krieg rückt näher, verdrängt die Romantik. Ein öffentlich sterbender Offizier als dramaturgischer Kontrapunkt wird auch so benannt und vom Publikum dankbar beklatscht. Aha, man nimmt uns ernst.
Der Videoeinsatz ist fast schon genial zu nennen, er öffnet dem Stück eine weitere Dimension.
Es geht in die Oper. Das Bühnengeschehen gibt einer der Akteure ganz allein, spätestens jetzt ist das Eis im Parkett endgültig gebrochen. Kann man das wirklich so verulken? Im Prinzip ja, sagt Radio Eriwan.

Natascha entdeckt Liebe Nr. 2, den Tunichtgut Anatol, und verfällt ihm augenblicklich. Seine Schwester Hélène, gefeierte Moskauer Schönheit und der Aktenlage nach Gemahlin von Pierre Besuchow (der inzwischen den Grafentitel und ein riesiges Vermögen geerbt hat, können Sie noch folgen?) betätigt sich als Kupplerin und lädt Frl. Natascha zu einer Sau-Reh oder so ein. Jene wird eine leichte Beute des Herzensbrechers.
Die geplante Entführung der Dame scheitert allerdings kläglich, Anatol flüchtet vor der Schmach ins Feld der Ehre.

Tolstoi wird mehr und mehr persifliert, man macht den schwerblütigen Stoff damit genießbarer, schießt aber an und an, halten zu Gnaden, übers Ziel hinaus.
Es sind weiter die Kleinigkeiten, die am Spiel des Ensembles begeistern. Dennoch verliert die Aufführung am Ende Tempo, es wird dann doch melodramatisch, alles wertvolle Menschen, leider liebt man überkreuz.
Die letzte „gespielte“ Szene, das Schlachten bei Borodina. Auch das wieder fürchterlich und gut. „Genug, was tut ihr“? sagt der Regen.

Man will uns nicht so aus dem Abend entlassen. Jede handelnde Figur wird (analog zum Anfang) bis zum meist bitteren Ende beschrieben. Nur Natascha wird mit ihrer dritten Liebe Pierre glücklich, alle anderen sterben irgendwie, auch wenn sie weiterleben. Auch dies großartig gespielt, hier dürfen alle nochmal richtig zeigen, was sie können.
Alles Unglück entspringt dem Überfluss, lernen wir am Ende. Da weiß ich nichts dagegen.

Man darf den Beifall frenetisch nennen. Ein ausverkauftes Schauspielhaus feiert die Gäste, erhebt sich, ruft Bravo. Offensichtlich ein Volltreffer ins Herz der Dresdner.

Dennoch seien mir einige relativierende Anmerkungen erlaubt:
Man muss sich darüber im Klaren sein, dass hier der FC Bayern des deutschsprachigen Theaters zu Gast war. 50 Millionen Euro Basis-Jahresetat sorgen natürlich dafür, dass bis hin zum Masseur jede Position erstklassig besetzt ist. Und das führt dann dazu, dass kein Stück dank der hervorragenden Individualisten wirklich schlecht sein kann, auch wenn die Taktik (Dramaturgie) mal nicht die beste ist.

Ich habe Zweifel, ob man „Krieg und Frieden“ wirklich so aufführen sollte, als Gesellschaftskomödie, die gelegentlich von herzzerreißenden Schlachteszenen unterbrochen wird. Auch wenn das beschriebene Sterben 200 Jahre her ist, der Roman gewinnt seine Qualität aus dem Bezug darauf und nicht aus austauschbaren Sittenbildern der russischen Gesellschaft mit ihrer Vorabendserien-Dekadenz. Deshalb blieb ich auch sitzen beim großen Schlussapplaus.

Wovon ich allerdings uneingeschränkt begeistert war, gerne nochmal: Dieses wunderbare, großartige, begeisternde Schauspielerensemble.
Auch wenn es schwerfällt, will ich einige herausheben:

Yohanna Schwertfeger, die als Natascha vor allem im letzten Teil unglaublich anrührend war.

Ignaz Kirchner vor allem als grantelnder Fürst Bolkonskij.

Oliver Masucci, der selbst Dieter Bohlen rechts überholte.

Und Fabian Krüger in unzähligen Rollen, der als Dolochow exzellent war und als Duport das Haus rockte.

Was bleibt als Fazit? Die Burg war da, zu Schulzens Hundertstem (oder so ähnlich). Mit einer exquisiten Mannschaft, vielleicht nicht mit dem stärksten Stück. Aber sie war da. Das freut einen.

Oh Boy. Oh Jakob Fabian.

“Fabian” nach dem Roman von Erich Kästner in der Regie von Julia Hölscher, auf die Bühne gebracht von ebenjener und Felicitas Zürcher, Uraufführung am 15. März 2013 im Staatsschauspiel Dresden

Es: Das Jakob Fabian, ein planloses Menschlein in einer großen Stadt in einer gar nicht großen Zeit. Berlin, 1931.
Es windet sich. Sie winden, sie räkeln sich. Es kriecht, es wimmelt durch die Nacht. Den Vertrag für die Befrie(di)gung der Rechtsanwaltsgattin schlägt es aus. Dummer Fehler.
Es liest einen Mutterbrief. Sehr anrührend, kennen wir.

Es swingt, alle swingen, die Herren in Sockenhaltern. An der Bar gibt es Nachschub an Frohsinn.
Es zuckt. Unruhevolle Jugend? Eher ADHS.
Brauchen wir Männerbordelle? Von mir aus doch, solang man nicht zwangsrekrutiert wird, meint der Rezensent.

Wir müssen alle etwas wollen, nicht nur die Helden. Es aber nicht. Wo kein Wille ist, ist vielleicht trotzdem ein Weg.
Es schlingert. Es klammert sich an die Bar.

Die schlagen sich, die Linken und die Rechten. Vertragen werden sie sich nicht, wie auch. Es ist es egal.
Dr. Labude, der Freund, erleidet ein Pendlerschicksal. Sex nach Kalender ist nicht das Wahre. So weit, so traurig. Es kann da auch nicht helfen.
Es tanzt. Es paart sich.
Wenn die Frau eine Ware ist, macht Billigkeit misstrauisch. Wo ist der Haken?
Berlin ist ein Irrenhaus. Sicher doch.

Es lernt sie kennen. Sie! Es trommelwirbelt die ganze Nacht. Es scheint glücklich.
Morgens im Büro bewirbt es Zigaretten, beflügelt von der Liebe. Dann wird es gekündigt. Es ist schockiert.
Es begegnet dem Immer-wieder-sich-selbst-Erfinder, es ist fasziniert und beherbergt ihn.
Armut macht besonders frei. Nothing let to lose. Das Elend zeigt sich eindrucksvoll, 2,72 Mark pro Tag und Mensch.
Es bettelt. Es wird ausgeraubt. Und für das Männerbordell ist es schon zu alt.

Mama ist zu Besuch. Soll nichts merken.
Es sponsort die Karriere seiner Liebe mit seinem letzten Geld. Dummerweise ist sie erfolgreich. Es kann jetzt gehen. Man kommt nur aus dem Dreck, wenn man sich selber dreckig macht, sagt sie.
Es macht alles. Bzw. würde alles machen, wenn man es ließe. Die Talente reichen immerhin zum Verhungern.

Dann seltsamer Dialog zu dritt. Es versucht sich freizuvögeln. Wenns hilft? Es bleibt der, der er ist. Die Hoffnungslosigkeit begleitet es fortan.

Labude ist nun in allen Fächern durchgefallen, glaubt er. Er nimmt sich aus dem Rennen.
Das Leben ist ein Zyniker. Labudes Tod ist Folge eines universitären Scherzes. Haben Sie Humor?
Es entsetzt sich. Ab nach Hause. Nach Dresden.

Früher wars schöner. Es bewegt sich rückwärts und begegnet der Vergangenheit. Seit es groß ist, wartet es auf den Startschuss. Leben im Wartestand. Das kann man in Dresden besonders gut, hier ist alles „ehemalig“, die ganze Stadt scheint paralysiert.
Es erleidet einen Wutausbruch. Ist das die Wende? Nein.

Es scheitert am ersten Versuch einer großen Tat. Es ertrinkt bei einer versuchten Rettung. Es ist gescheitert.
Lakonisches Ende. Jakob Fabian, er war einer von Hunderttausenden.

Kästners Satire über die frühen dreißiger Jahre ist – offensichtlich zu Unrecht – kaum bekannt. Diese heute und hier in Dresden auf die Bühne zu bringen, ist instinktsicher und zweifellos eine gute Idee. Fabian, ein Falladascher „Kleiner Mann“ ohne Anhang und Vorstellung vom Platz im Leben, aber die Schicksale ähneln sich.

Eine Einordnung ins Heute fällt schwer. Gegen ´31 ist das aktuelle Geschehen hier pillepalle, aber ein paar hundert Kilometer weiter südlich ist ´31 Realität. Und das Stück läuft ja sicher noch eine Weile, wer weiß schon, was die Zukunft bringt.

Die Bühne bildet einen angemessenen Rahmen, das Geschehen spielt sich auf zwei Podesten und dem Raum dazwischen ab, im Hintergrund eine unterbrochene, durchlässige Wand. Alles sehr grau, im Gegensatz zum bunten Treiben. Das Leben entspringt meist den Luken in den Podesten. Wenig Schnörkel, kaum Requisiten.

Zur darstellenden Compagnie: Keiner fiel nach unten ab, alle wurden dem sehr bewegungs- und körperbetonten Inszenierungsansatz gerecht, auch die „reinen“ Schauspieler. Vom Sänger hätte ich mir mehr Beiträge erhofft, die Tänzerin Romy Schwarzer hatte auch wenig Gelegenheit, sich auszuzeichnen. Dies gilt für Johanna Roggan zwar nicht, aber oftmals waren es undankbare Rollen, mehr Objekt als Subjekt. Dennoch ein nachhaltiger Eindruck bei mir.

Jan Maak und Ahmad Mesghara als Multi-Rollisten fand ich sehr gut, ebenso Lea Ruckpaul als Fabians Geliebte Cornelia. Die Krone möchte ich aber diesmal zwei Herren aufsetzen: Thomas Braungardt als Labude war anrührend, authentisch, fesselnd. Und Philipp Lux in der Titelrolle trug das Stück, gab den Takt vor, um ihn herum drehte sich das Geschehen. Wieder einmal eine erstklassige Leistung.

Der Regisseurin Julia Hölscher ist ein Kompliment zu machen: Sie hat aus einem Stoff, der von Hause aus mit Theater nicht viel zu tun hat, gemeinsam mit der Dramaturgin Felicitas Zürcher (deren Arbeiten am Haus bisher immer hochklassig waren) ein Stück gemacht, das zu den Höhepunkten in dieser mit Highlights fast überladenen Dresdner Saison gehört. Kein Überflieger, sicher auch nichts für das Theatertreffen, aber eine Inszenierung, die etwas zu sagen hat. Eine lange Laufzeit ist zu wünschen.

PS: Ach ja, der etwas eigenartige Titel dieses Beitrags.
„Oh Boy“, ein Film von Jan Ole Gerster, der unglaublich dicht an dieser Handlung dran ist. Da taumelt auch einer durch Berlin und merkt gar nicht richtig, was ihm geschieht. Ich hielt es für angemessen, das zu zitieren.