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Hiddenseeer Elegien, Teil 3: Von Mynheer Peeperkorn

(Thomas Mann, Zauberberg, klaro. Wir verstehen uns, wir Kulturbeutel.)

In seiner zweiten Lebenshälfte sah dieser Mann aus wie eine Kreuzung aus Goethe und Beethoven. Das ist zwar so ziemlich das Unwichtigste, was man über ihn sagen kann, aber er selbst legte da Wert darauf. Das Gesamtbild sollte stimmen.

Zumindest mein Gesamtbild stimmt morgens wieder, mein Körper entsinnt sich der Charakterzüge des Typen, der ihn bewohnt und bleibt bis Zehn liegen. Danach dann Frühstück vom selbstgemachten Buffet, mit Untermalung von nostalgischen Musik-TV-Sendern. Etwas debil ist das sicher, aber allein die Frisuren von Duran Duran sind es wert.

Eigentlich hatte ich gestern beschlossen, mir für die nun schon letzten drei Tage ein Fahrrad zu leihen, aber beim Frühstück nochmal drüber nachgedacht: Wozu mit einer Rostmähre rumärgern, die mir sowieso zwei Nummern zu klein ist? Das bißchen Insel schaff ich auch zu Fuß, und Gehen ist die vornehmste Art der Fortbewegung, hat mal ein großer Dichter gesagt. Ach nee, das war ja ich. Stimmt aber trotzdem.

Angenehme 22 Grad, ein ganz leichter Sprühregen, so marschiere ich frohgemut los. Einiges Neue gibt es doch zu bewundern im Dorf, das fünfte Malercafé hat eröffnet, es gibt einen Bolzplatz mit Kunstrasen (war das hier auch mal ein Hochwasserschadensgebiet?), der umzäunt ist. Sport ist hier offenbar nur denkbar, wenn ein Zaun drum herum ist.
Und es gibt jetzt einen Hubschrauberlandeplatz. Der wird sicher für den Wahlkampfbesuch von Frau Merkel und drei oder vier Mal im Jahr noch für andere Notfälle gebraucht, das Betreten ist aber ganzjährig verboten. So kenne ich mein deutsches Vaterland.

Ich gehe einem Mann besuchen, der sein Haus zwar nicht mehr direkt bewohnt, wo alles aber noch so ist wie vor achtzig Jahren. Fast alles, ein sehr hübscher Empfangspavillon ist dazugekommen, ein Kleinod, völlig reetfrei und unspektakulär dem Gelände angepasst. Gibt es hier keine Reet-Hisbollah? In Dresden wär dieser Bau in Barock auszuführen gewesen.

Das Sommerhaus von Gerhart Hauptmann, so, nun ist es raus, wird seit den Fünfzigern als Museum betrieben. Nett ist das, auch wenn man gleich mit dem Tode beginnt und jeder Hauptmann –Pups ehrfürchtig dokumentiert wird (seine Wandkrakeleien im Schlafzimmer z.B. hätte man dem geneigten Besucher ersparen sollen). Aber sehenswert, wie sich der König von Hiddensee nach dem Erwerb des Hauses 1930 einen großzügigen Anbau errichten ließ, als Schreibstube und Arbeitszimmer, unterkellert von viel Platz für Wein. Der Fußboden aus einer Art Marmor … Allererste Güte. Leisten konnte er sich das, hatte er doch reich geheiratet und nach dem Literaturnobelpreis 1912 wohl auch ausgesorgt. Auch interessant: Die Schlafzimmer des Ehepaares Hauptmann im Dachgeschoß, seines klein und spartanisch, ihres künstlerisch gestaltet, getrennt von einer türlosen Wand, nur eine kleine Durchreiche gab es. Keine Ahnung, was da durchgereicht wurde.

Ein König war er hier wirklich, der seit Jahrzehnten jeden Sommer wiederkehrte, ein Containerschiff voller Wein im Schlepptau. Das mussten auch Thomas und Katia Mann erleben, die ihn 1924 noch im Hotel „Haus am Meer“ besuchten. Das Duell Haupt- gegen Mann endete eindeutig, es konnte nur einen geben. Als dann noch ein Zickenkrieg zwischen den Damen ausbrach – Hauptmann hatte seine langjährige Geliebte Margarete dann doch geheiratet und ihr seinen vierten Sohn „geschenkt“, wie es in den bunten Blättern heißt – war der große Mann offenbar so pissed, dass er dem großen Hauptmann im Zauberberg ein zweifelhaftes Denkmal setzte, ebenjenen Mynheer Peeperkorn. Danach hing erstmal der Haussegen eine Weile schief im Dichterolymp, aber später vertrug man sich wieder, auch wenn sich sicher keiner der Herren zum Pack hätte zählen wollen.

Über das literarische Werk des Schlesiers kann man geteilter Meinung sein. Unter anderem „Die Weber“, „Die Ratten“, „Bahnwärter Thiel“ und (für mich persönlich die einfühlsamste Dreiecksstudie vor einem bürgerlichen Hintergrund, die ich kenne) „Einsame Menschen“ machen Hauptmann unsterblich. Aber seine beste Zeit hatte er vor seinem Fünfzigsten, nach dem Nobelpreis kam für mich nichts mehr, was dieses Niveau hielt. Und dabei produzierte er noch dreißig Jahre lang …
Es klingt zynisch, aber Schiller zählt auch deshalb zu den Großen, weil er gar keine Chance hatte, sein Erbe zu verschleudern. Und James Dean hätte bestimmt noch eine Menge schlechter Filme gemacht …

Auch ein anderer Makel würde heute nicht an Hauptmann kleben, wäre er – nur so als Idee – in den Zwanzigern vor seinem geliebten Hiddensee in der Ostsee ertrunken.
„Manch großer Geist blieb in ner Hure stecken“ hat Brecht sicher nicht mit Blick auf Hauptmann gedichtet, aber es passt. Nur, dass G. H. sich den Arsch des Führers aussuchte zum Steckenbleiben. Das sei schon ein faszinierender Mann, fand er. Da waren alte Freunde wie Alfred Kerr nicht so wichtig, und die Realität hatte draußen zu bleiben, er war schließlich Dichter. Und hatte Goethe sich nicht auch aus allem herausgehalten?
Aus Sicht der Psychoanalyse kann man das sicher behaupten: Hauptmann hatte einen Goethe-Komplex.

So überwinterte er im Tausendjährigen Reich und wäre – Ironie der Geschichte – fast noch zur Galionsfigur des „neuen Deutschland“ geworden, für das ihn Johannes der Erbrecher geworben hatte. Ein gnädiger Tod nahm ihn vom Feld, ehe er sich zum yogischen Fliegen bekennen konnte.
Von alledem berichtet das Museum: Von einem großen Dramatiker und (deutlich dezenter) von einem großen Arschloch.

Oh, ich wollte mich gar nicht ereifern, bin doch zur Erholung hier.
Und die Realität holt mich auch schnell wieder ein: Am Nebentisch des Fisch-Imbisses sitzt ein fettes Paar mit dickem Kind, das Pommes mit Currywurst frisst und es fertigbringt, in zwei Sätzen über Hauptmann drei Generalfehler unterzubringen.
Und im Radio singt ein Kraftklub, dass die Welt ein bißchen weniger Scheiße wäre, wenn sie ihn küsse … Die Ansprüche sind deutlich gesunken, seitdem ich in dem Alter war. Aber die „unruhevolle Jugend“ von damals hat heute ohnehin ADS.

Es regnet stärker, als ich zurückwandere. English Summer Rain … schön ist es.
Ich betrete den Hubschrauberlandeplatz, sowas von verboten … Ein prickelnder Schauer überzieht meine Haut.

Hiddenseeer Elegien, Teil 2: Von frühen Vögeln und faulen Nachmittagen

Sonntag morgen. Sechsuhrdreißig. Ich muss dreimal auf den Wecker schauen, ehe ich es glaube. Eine unnatürliche Stille hat mich geweckt. Wo sind die marodierenden JunggesellInnenabschiede auf dem Heimweg, wo die Naahmo-Fans, die sich allnächtlich ohne Gegner als besonders tapfer und lautstark erweisen? Nichts dergleichen, nur ohrenbetäubende Stille. Das muss einen ja nervös machen.

Es hat des Nachts geregnet, ich musste noch im Feuchten heimtapsen, nicht schlimm, nur meine blütenweiße Leinenhose ist nun mit Schlamm verziert. So lange es nicht die Weste ist …

Aber jetzt scheint die Sonne, und ich habe so eine Ahnung, dass sie das nicht mehr oft tun wird in den nächsten Tagen. Also raus, Bruder, zur Sonne, zur Freizeit.

Das heißt, zuerst zum Hafen. Dort geht um 6.50 Uhr das Schiff nach Stralsund, was schon zu den größeren Ereignissen hier zählt. Zwei Dutzend Passagiere, ein paar Winkewinkemenschen, erst einmal kurz, dann dreimal kurz, weg ist der Kahn.
Ich drehe eine Runde durchs Dorf, vorbei an der „Ostseebad Wustrow“, ein Dampfer, auf dem schon lange keine Musik mehr spielt. Auch Vitte hat einen Schiffsfriedhof. Der letzte Versuch, das Boot zu beleben, ist mit „Bar Blue Mayday“ an der Bordwand noch nachzulesen. Ich halte kurz inne und gedenke eines Lokals ähnlichen Namens in meiner Heimatgemeinde, dem ein solches Schicksal erspart bleiben möge.

Der Bäcker hat seit Sieben offen, zwei uniformierte Damen verkaufen mechanisch, schnell und präzise ihr Backwerk, so dass auch die ladenlange Schlange an Schrecken verliert. Erstes (selbstbereitetes) Frühstück auf der Insel um 7.45 Uhr, irgendetwas stimmt hier nicht. Diese sonntägliche Uhrzeit kenne ich sonst nur von der anderen Seite der Nacht.

Auf einmal regnet es. Nicht schlimm, aber er reicht, um mich nochmal ins Bett kriechen zu lassen. Das Räucherfischfrühstück muss schließlich verdaut werden.

High Noon am Strand, aber keine Bösen weit und breit. Ich habe mir ein Körbchen gesucht und mich zur vorläufigen Ruhe gebettet. Ganz schön anstrengend, dieses Nichtstun.
„Wunderschöne Leiber, tonnenschwere Weiber“, auch wenn sich diese Zeile auf Warnemünde bezog, sie stimmt auch hier. Ich ignoriere beides und sinniere schriftlich. (Achtung, werte Damen, dieser Teil des Textes wird nackt geschrieben. Soviel Erotik muss sein.)

Meister Putin hätte hier wenig Urlaubsfreude, und die Ayatollahs aller Religionen auch nicht. Viele schwule Pärchen sind unterwegs, das ist mir nicht unsympathisch, vor allem, weil die in dem ohnehin schmalen Segment der alleinreisenden Damen als Mitbewerber ausfallen. Reine Theorie, ich bin zur Erholung hier.
Zum Glück kennt man hier keine Unterscheidung zwischen Textil- und sonstigen Stränden, nur Hunde müssen draußen bleiben. Ich kann also meine Badehose schonen, gut so.

Was mir immer wieder auffällt bei den Gängen über die Insel: Es gibt reichlich halbverfallene Häuschen und auch noch genug Brachen hier. Auf Sylt könnte ich mir das nicht vorstellen. Hiddensee ist und bleibt eine Insel des Ostens, mit leicht vergammeltem Charme, dafür umso reizender.

Meine präsenile Bettflucht von heute morgen macht mir Gedanken. Eigentlich habe ich eine klare Vereinbarung mit meinem Körper: Ich bestimme, wann wir zu Bett gehen, und er, wann wir aufstehen. Das funktioniert meist ganz gut, auch wenn meinem Körper berufliche Verpflichtungen relativ egal sind. Wenn das aber jetzt zur Regel wird, dass er um 6.30 Uhr den Betrieb aufnimmt, muss ich künftig mit vier Stunden Schönheitsschlaf auskommen. Oder mein Leben ändern. (OK, das war ein Scherz.)
Warten wir mal was morgen ist, ich kenne den Schlawiner. Sowas hält meist nicht lange an.

Irgendwie hab ich immer noch keine Lust auf ernsthafte Arbeit. Aber das Protokoll dieser blöden TelKo muss noch geschrieben werden, und meine Kollegen brauchen auch noch ein paar leitende Verfügungen für die Woche ohne mich. Schweren Herzens wechsele ich die Datei.

Irgendwie geht es dann doch. Der Seesand knirscht, wenn ich auf die Tasten haue, mein Stirnschweiß tropft auf den Bildschirm, aber nach einer guten Stunde ist das Zeug fertig. Mein schattiges Nickerchen hab ich mir verdient, ich rolle mich ins Körbchen ein.

Der Nachmittag vergeht nach dem Aufwachen nur langsam, ich pendele öfter zwischen Strand und Wohnung, sind ja nur fünf Minuten. Mal hab ich die Sonnencreme vergessen, mal will ich was zu essen holen, mal muss ich mal. Aber irgendwie ist das alles nicht so prickelnd, ich bin wohl doch nicht der Strandtyp. Aber was zu lesen hab ich auch keine Lust. Also mache ich mal was ich will: Nichts.

Ein selbstbereiteter Höhepunkt im Strandkorb wartet aber noch auf mich (nun wieder in Textilien): Der Verzehr eines Tomatensalates an Brot im Dialog mit Ostsee. Selbstgemacht! Diese Insel hat einen seltsamen Einfluss.

Den Abend verbringe ich im selben Lokal wie gestern, W-Lan ist echt ein Argument. Ich beobachte lautstarke Großfamilien und mindestens drei Urlaubs-Ehepaare, die sich tapfer anschweigen den ganzen Abend. Idyllisch.

Pünktlich zum Dunkelwerden beginnt es wieder zu regnen, die Terrasse entleert sich nach drinnen, es wird eng. Aber ich habe strategisch klug schon längst einen Barhocker erklommen und behalte die Übersicht.

Der frühe Vogel hat sich den lazy Sunday afternoon verdient. Schön wars.

Hiddenseeer Elegien, Teil 1

Teil 1: Vom Doch-noch-irgendwie-ankommen

Ja, ok, der Titel ist geklaut, von Brecht. Na und? Schließlich hat der Meister selber auch geklaut. Und ist schon lange tot. Also was soll‘s, ich nehm ihm ja nichts weg.
Dass die drei „e“ irgendwie putzig wirken, weiß ich auch selber. Nochmal na und. Sieht hübsch aus, und bei Seeed stört es ja auch keinen.
Und dass die Chose jetzt häppchenweise daherkommt, habt ihr einem wohlmeinenden Rat zu verdanken, der die Länge meiner „Marseillaise“ bekrittelte. So viel auf einmal würde heute keiner mehr lesen. Eigentlich zum dritten Mal na und, wer liest denn heute überhaupt noch? Aber ich will mich lernfähig geben. Also:

Freitag, 12.41 Uhr.
In dreiundzwanzig Minuten fährt mein Zug vom Hauptbahnhof. Aber die Telefonkonferenz („TelKo“, wie man zackig im Mänädschment sagt) mit dem Auftraggeber, die ich moderiere, hat eine Stunde später begonnen, und trotz meiner klaren Ansage, dass um halb Eins für mich Sense wäre, quatschen sich alle den Belag von den Zähnen. So geht das aber nicht! Was ist das Wohlwollen des – zugegebenermaßen derzeit wichtigsten – Auftraggebers gegen das Risiko, die letzte Fähre nach Hiddensee zu verpassen? Genau. Nix.
Mehr bestimmt als höflich würge ich also den Redefluss der anderen ab, verweise auf die in Bälde kommende Niederschrift, wünsche noch ein vergnügtes Wochenende, brülle „Taxi!“ ins Sekretariat, brülle „Bitte!“ hinterher, raffe meinen Arbeitskram zusammen, Rechner, Akten und Pipapo, stopfe alles in den Großrollkoffer und ab geht es, ein flüchtiges Winken für die Sekretärin noch. Man muss Prioritäten setzen.

Im Taxi kann ich durchatmen. Noch zwölf Minuten. Ich appe meinen Zug und … siehe da, 30 Minuten Verspätung. Das ist nicht überraschend, aber ärgerlich, der Puffer in Stralsund ist knapp. Na gut, ich tröste mich erstmal mit Kaffee und Brötchen und der Hoffnung, dass er das schon noch ein bisschen aufholen werde, mein Euro-City.
Den Gedanken, dass ich hätte dann doch noch länger konferieren können, lass ich gar nicht erst an mich ran. Hat mir eh schon die Laune verdorben, diese Laberei.

Der Bahnsteig ist gut gefüllt, der dann mit einer Dreiviertelstunde „Plus“ eintreffende Zug nicht minder. Mal wieder zeigt sich, dass die Bahn (zumindest jene in der Frankfurter Stephensonstraße) nicht ahnt, dass eine der Haupt-Rucksack-Trekking-Routen durch Europa für Amis, Asiaten und Australier von Budapest über Wien und Prag nach Berlin führt. Und zwar per Bahn. Oder man ist zynisch genug zu sagen, dass diese Kunden ohnehin nie wiederkommen. In der Ferienzeit mischt sich das Ganze dann ab Dresden mit den an die Ostsee reisenden Sachsen, und der schmerzgrenztangierende Zweistundentakt wird dann gerne noch mit dem Ausfall eines oder mehrerer Wagen gekrönt. Kurz: Es herrscht drangvolle Enge.
Dennoch ist man erstaunlich gelassen, die Fremdlinge sind sicher nichts Besseres gewöhnt und verstehen das als Abenteuer, der Sachse hat lang schon resigniert und begreift sich als Beförderungsfall.

Ab Berlin („Southern Cross or Main Station?“) wird der Zug etwas leerer, aber nicht pünktlicher. Schwer bepackte Usedom- und Rügen-Reisende kommen hinzu, aber zumindest die Beinfreiheit wird etwas größer. Ich arbeite inzwischen an Plan B, immer wieder unterbrochen von Brandenburgischen Funklücken. Meine Fähre kann ich vergessen, die 25 Minuten Puffer sind inzwischen mehr als zweimal verfrühstückt. Leiste ich mir dekadent ein Wassertaxi? Nicht dass ich geizig wäre, aber für mich alleine ist mir das einfach peinlich.
Also eine Nacht in Stralsund? Die Stadt ist nett, und bißchen Nachtleben vor der großen Entspannung wär ja auch nicht schlecht.

Die von mir bemühten Suchmaschinen bieten die nächste Bleibe allerdings in etwa 50 km Entfernung an. Doch da ich nicht Golf spiele (und deshalb nach der bekannten Bauernregel zumindest gelegentlich noch Sex habe), kommt diese für mich nicht in Frage. Naja, wird schon. Ich vertraue auf das allgemeine Glück und meinen personengebundenen Charme, der sich zur Not dann auch in der örtlichen Disse beweisen muss. Urlaubsgerecht entspannt gehe ich auf eine Portion Goulasch/Knedlik in den tschechischen Speisewagen, der einzige Lichtblick in diesem Under-Performance-Festival der Deutschen Bahn.

Direkt am Bahnhof das Hotel „Am Bahnhof“. Ohne große Hoffnung frage ich nach, nur der Vollständigkeit halber, doch siehe, man erwartet zwar noch ein Paar für die Suite, gibt jenem aber nur noch eine halbe Stunde. Suite … Alleine ist das doof. Aber Parkbank ist auch doof, und das mit dem alleine … Naja, schaunmermal. Ich lasse meinen Koffer da, schlendere durch die Altstadt (und finde nirgendwo ein anderes Zimmerchen) und rufe zur vereinbarten Zeit an. Und siehe, „no show“, wie die Rechnung dann vermutlich heißen wird.
Die Suite ist so teuer wie geräumig, allerdings zum Bahnhofsvorplatz raus. Nett, aber mehr als Schlafen kann ich da eh nicht. Egal, don‘t look back in anger.

Eine Dusche später bin ich wieder taten- sowie durstig. Ab zum Hafen. Ich stelle meine Ernährung auf Fischbrötchen um, was bei der Menge an Sorten keine Einschränkung bedeutet. Direkt am Kai gibt es einen Doppel-Laden namens „Goldener Anker / Alte Werkstatt“, den kenn ich noch vom letzten Mal. Ein Konzept in etwa wie „Katy’s Garage“, nette Leute hinterm Tresen und zumindest am Wochenende zielgruppengerechte Tanzveranstaltungen. Ganz hübsch.
Aber heute ist nicht so mein Tag. Ich spüre Erschöpfung in mir, außerdem noch Ärger über die schlechtgelaufene Besprechung. Geordnet trete ich noch vor Mitternacht den Rückzug an und fühl mich am nächsten Morgen richtig ausgeschlafen.

Die Luft klebt schon wieder, als ich meinen Koffer zum Hafen rolle. Zum Glück weht dort ein Wind, und Schatten gibt es auch.
Dann die Überfahrt, einige der tapferen Sonnendeckpassagiere werden nachher sicher ziemlich Hacke sein, ganz ohne Bier. Hamse was gespart. Ich such mir ein schattiges Plätzchen und lass mich durchwehen.
Erste Bekannte tauchen auf: Das südliche Leuchtfeuer, das etwas gesichtslose Neuendorf, das Heidehotel, von Ferne grüßt der Leuchtturm, das vergammelte Hotelschiff in Vitte … Ich bin gerührt. Um 13.45 Uhr (planmäßig, liebe Bahn!) betritt mein Fuß den gelobten Boden.

Die Ferienwohnung ist überraschend hübsch und geräumig, ich hatte mich beim Namen „Piccolo“ eher auf den Hühnerstall des Vermieters eingestellt. Nach ausführlicher Belehrung zur Mülltrennung darf ich dann anbaden, keine 200 m bis zum Strand.
Ich brauche zwei Versuche, um meinen Alabasterkörper vollständig im Wasser zu versenken. Meine Fresse, ist das kalt! Der Kreislauf, meine alte Achillesferse, zeigt mir meine Grenzen. Aber ich war für Sekunden unter Wasser.

Shoppen fetzt, auch bei Edeka, wenn man eine großzügig ausgestattete Wohnung auf Zeit noch mit Verbrauchsmaterialien wie Bier und Tomaten ausstatten kann. Und dann noch Räucherfisch vom Hafen … Die erste Mahlzeit ist eher eine heilige Messe.

Das Radio in der Wohnung fängt zwar keine Sender ein, aber nach einigem Herumzappen finde ich einen TV-Sender, der Musik macht. Irgendwas mit „Deluxe“, kannte ich bisher nicht (woher auch?), ich scheine aber zur Zielgruppe zu gehören. Videos mit Geschmack, ohne die Aufgeregtheit von MTV & Co., das Richtige zum Nebenherplätschern.

Dann noch ein Versuch zu schwimmen, es ist ja grad mal Fünf. Aber diesmal ist schon an der Hüfte Schluss. So muss sich Querschnittslähmung anfühlen, ich fühle meinen Unterbau absterben. Ehe es bleibende Schäden gibt, flüchte ich.
Dann lieber den Strand entlang wandern, Richtung Kloster. Um nicht als klassischer Strandläufer zu gelten, zieh ich den Bauch nicht ein. Bin ja zur Erholung hier.

Der Ort Kloster tendiert unverändert, außer einem hoffnungsvollen Neubau in Entstehung sehe ich nichts, was ich nicht schon vorher sah. Das muss auch nicht sein, das Dorf ist gut so wie es ist.
Noch ein Bier am Hafen, bißchen Segler-Latein hören, dann wird es windig. Ich marschiere zurück, barfuß, klar. Wenn ich mein Gefühl für die nächsten Tage beschreiben müsste: Barfuß.

Das schöne, arme Geld

„CASH. Das Geldstück“, ein Projekt von Melanie Hinz und Sinje Kuhn sowie der Bürgerbühne am Staatsschauspiel Dresden, gesehen am 19. Mai 2013

Es ist eine Lanze zu brechen. Für das liebe, gute, schöne Geld, das im Stück doch sehr schlecht behandelt wird. Aber dazu später.

Zwölf Menschen-Markt-Teilnehmer stehen anfangs in ihrer Weißwäsche vor dem Publikum und werden mit ihren finanziellen Verhältnissen und ihrem Kontostand vorgestellt. Es ist ein breites Spektrum, auch wenn keiner von ihnen richtig reich ist, die Palette reicht vom taschengeldberechtigten Schüler über einen hoffnungsvollen Jungbanker und einer, die das schon hinter sich hat, bis zum glücklichen Hartzer. Die Durchschnittsverdienerin ist ebenso dabei wie ein Amateurspekulant, den Manne Krug damals für die T-Aktie geworben hat, dem das Glück aber nicht erhalten blieb.

Uns wird ein Geldregen nebst –rausch vorgeführt, dann kommt Marx aus der Kiste. Geld ist Scheiße, aber kein Geld auch, so lässt sich die Disputation zusammenfassen.
Es ist immer wieder ein bewegender Moment an der Bürgerbühne, wenn die einzelnen Biographien zur Sprache kommen, das ist diesmal DDR- und Wende-Geschichte par excellence. Das Begrüßungsgeld gleich auf den Polenmarkt geschafft, für Korbmöbel, ja, so war das. Und dass der russische Laden in Kamenz so eine Art Kirche der verlorenen Heimat war, kann ich gut verstehen. Aber Eduard (Zhukov) beißt sich durch und steigt in den boomenden Markt für Pokemon-Karten ein. Köstlich sein Verkaufsgespräch mit Konstantin (Burudshiew), der Junge kann es mal weit bringen. Beide Darsteller sind mir eine Extra-Erwähnung wert, letzterer auch wegen seines Gesangs.

Die These, dass man das, was man nicht hat, auch nicht verlieren kann, wird uns dann plausibel nahegebracht. Freedom is just another word for nothing let to lose … Hätte hier gut hergepasst. Die Sterntalergeschichte mit ihrem Goldregen am Ende ist in diesem Zusammenhang vielleicht nicht ganz so passend.
Der wahre Reichtum ist Zeit, genau, völlig d’accord.

Die Maskottchenkarriere von Katharina Heider ist beeindruckend, auch wenn sie vor falschen Gesten nicht gefeit ist. Beim Escort-Service war hingegen schon am Anfang Schluss, die Unterwäschepauschale und die damit erworbene Bekleidung zweckentsprechend einzusetzen, scheiterte an den moralischen Werten.
Die These aber, dass letztlich das Verkaufen seiner Arbeitskraft auch nichts anderes als Prostitution wäre, hätte einer tieferen Diskussion bedürft, so einfach ist das glaub ich nicht. Zwar lässt schon einer, dem die Bürgerbühne heute sicher viel Spaß machen würde, seinen Peachum „Was ist die Ermordung eines Mannes gegen dessen Anstellung?“ fragen, aber die Arbeit hat sehr viele Facetten.

Nun gibt es eine Auffrischung in Scheidungsmathematik. Die Noch-Ehefrau fühlt sich auch ein bisschen wie die Nutte ihres Ex, wenn sie Geld von ihm bekommt und das mit früheren Gefälligkeiten in Beziehung bringt, aber dazu gibt es keinen Grund, Gnädigste.
Anrührend auch die Geschichte der Mannheimer Ex-Bankerin vom Aufstieg und Fall einer Karrierefrau. Den heutigen Mäzen gönn ich ihr von ganzem Herzen.
Fast schon klischeehaft der Werdegang des Ballonfliegers und Luftikus, der durch sein Glück bei Ron Sommers großer Volksverarsche Blut leckte, mal kurz am Reichtum schnupperte, dann aber doch wieder unsanft landete.
Nicht zuletzt der Kellner aus Berufung, der heute nicht mehr kellnern kann. Seine Geschichten aus der Mitropa lassen die Älteren im Saal wissend grinsen.

Nun werden Träume in Szene gesetzt, sehr schön das Ganze, sowohl optisch als auch akustisch. Money makes the world go … down? No Sir. Ich erhebe fristwahrend Einspruch und begründe ihn später.
Ein kluger Text des Diakon über das Verhältnis zum und die Bedeutung des Geldes weist eigentlich den richtigen Weg. Es ist eine Krise des Geldes, der Kredite, aber vor allem des Glaubens (daran).
Aber nun okkupiert Occupy die Bühne, die Parolen werden holzschnittartig, Gutmenschen-Attitüde, Sozialromantik. Einzig mit der kurz aufblitzenden Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen bin ich voll einverstanden, alles andere ist doch sehr simpel gestrickt.
Dank des Sparkassenbediensteten (Guido Droth sehr souverän), der dem Treiben erst skeptisch zusieht, dann aber darauf hinweist, dass es auch Falschgeld nicht umsonst gibt, kriegt man die Kurve noch zu einem plausiblen Finale.

Über Geld spielt man nicht? Im Gegenteil. Vor allem dann, wenn man so authentisch daherkommt wie dieser Abend. Auch wenn der Girokontostand sicher nicht die ganze Wahrheit ist: Hier enthüllen zwölf Menschen aus Dresden eines ihrer intimsten Details und verraten das persönliche Bankgeheimnis. Aber noch viel wichtiger, sie sprechen über ihre Geldgeschichte und über ihr Verhältnis zum Mammon. Das ist hochinteressant, da kann jeder mitdenken und –reden, das kommt in den besten Momenten sehr ergreifend daher, lässt uns aber auch lachen. Ein erneuter, schöner Beweis: Die Bürgerbühne lebt von dem (offenbar unerschöpflichen) Potential der Mitwirkenden, und von den großartigen Stück-Ideen der künstlerischen Leitung.

Wenn ich doch nicht ganz zufrieden abstieg aus dem KH3, lag das an einigen inhaltlichen Untiefen. Man kann natürlich auf das Geld schimpfen, aber … man prügelt den Sack damit und meint doch den Esel. Mit Maschinenstürmerei wird nichts besser.
Das Problem am Geld (eine der segensreichsten Erfindungen neben dem Rad im Allgemeinen und der Eisenbahn im Besonderen sowie der Anti-Baby-Pille) ist nicht dessen Existenz, sondern der Umgang damit.

Das Grundproblem ist doch ein ganz anderes:
Warum wohl ist sowohl in der Bibel als auch im Koran der Zins verboten? Welcher Idiot hat dieses verdammte Wachstumsdogma erfunden, das nicht nur unsere Umwelt, sondern auch unsere Gesellschaft kaputtmacht? Ist nicht das private Eigentum an Produktionsmitteln und allen anderen Gütern der Kern aller Ungerechtigkeit?
Ich glaube manchmal, unsere Weisheit nimmt in dem Maße ab, wie unser Wissen zunimmt.

Geld war am Anfang nichts anderes als eine große Erleichterung des Tauschhandels, aber auch der Vorratshaltung. Für eine arbeitsteilige Wirtschaft ist ein Hilfsmittel, das die produzierten Güter wertmäßig zueinander ins Verhältnis setzt, absolut unverzichtbar. Ich habe große Sympathie für die diversen Tauschbörsen, die dem Naturalhandel frönen, aber das sind Nischen. Keiner kann seine Miete mit Dienstleistungen zahlen (von speziellen Konstellationen mal abgesehen, um mir nicht den Anschein von Weltfremdheit zu geben).
Deswegen hätte ich gehofft, die großen Themen Eigentum, Zins und Wachstum wären zumindest angerissen worden. Im Programmheft geht man da leider nicht viel weiter, die „Geldkritik“ von Dieter Schnaas kratzt auch nur an der Oberfläche.

Dennoch, die „Experten des Alltags“ (wie die Bürgerbühne kurz und treffend beschrieben wird) haben auch zu diesem Thema viel Bedenkenswertes zu sagen. Allen, die sich auch für Geld interessieren, sei diese Aufführung als gewinnbringend empfohlen.

Une petite Marseillaise.

Fünf Tage in Marseille, man hat was zu erzählen.

Le premier jour

Reisen kann durchaus angenehm sein. Zum Beispiel, wenn man im Obergeschoss des TGV in einem bequemen Sessel lümmelt, die südfranzösische Landschaft an sich vorbeiziehen lässt und im Reiseführer blättert. Um nichts in der Welt hätte ich fliegen wollen (die Frage nach dem Auto stellte sich erst gar nicht). Acht Uhr morgens in meinem Quartier abgefahren, noch vor zehn Uhr abends die mediterrane Abendluft gespürt. Ein Tag zum Reisen halt, nicht contre la montre, sondern so, dass die Seele noch mithalten kann.

Marseille also.
Purer Zufall, dass es mich jetzt wieder in die Stadt verschlägt, die ich vor zwanzig Jahren schonmal kurz besuchte, als ich für einen Sprachkurs bei der feindlichen Cousine Aix weilte. Aber ein schöner Zufall.
Unentschlossen zwischen den Schönen und aufregenden Städten in Europa, hätte ich wohl ewig zwischen Istanbul und Barcelona, zwischen Rom und Stockholm und zwischen Athen und Lissabon hin und her geschwankt. Eine sollte es sein in diesem Jahr, mindestens.
Nun entschied man also für mich, und ich folgte dankbar.

In der Hektik der letzten Tage vor der Abreise – die mich dann auch noch den Nachtschlaf kosteten, den ich notdürftig im Zug ab Dresden nachholte – hatte ich es versäumt, mir eine grobe Karte der Region, die ich durchfahren würde zu besorgen. Geographisch war ich bislang in anderen Gegenden zuhause, die „hier unten“ sagten mir nicht viel. Strassbourg am Rhein und im Elsass, OK, aber dann fällt die landschaftliche Zuordnung schon schwer. … Mulhouse in der Bourgogne? Hier kämpf ich grad mächtig mit dem Schlaf, die Klärung entfällt.
Lyon an der … Rhone? Keine Ahnung. Aber schön gelegen auf jeden Fall. Und interessante Gebäude, neue wie alte. „Part-Dieu“ heißt der Bahnhof. Teil-Gott (wie Teil-Auto)? Gottesteil? Halbtagsgott? Mein Französisch ist nicht wirklich verhandlungssicher.

Noch knapp zwei Stunden Fahrt. Heute ist Feiertag in Frankreich, hab ich grad bemerkt. Der 8. Mai, wie früher bei uns, auch aus demselben Grund. Das ist schon mal sehr sympathisch. Warum wird das in Deutschland eigentlich nicht mehr mit einem freien Tag begangen? Ach ja, die Weltmarktfähigkeit.
Morgen dagegen kommen wir zu etwas völlig anderem, Himmelfahrt, l’Ascension, wie das hier heißt. Nur am Freitag ist leider nichts.

Während ich so sinniere, breche ich nebenbei meinen eigenen erdgebundenen Geschwindigkeitsrekord. 298 „Ka-Emm pro Ha“, wie wir Experten sagen, wenn wir uns als solche ausweisen wollen. Und dabei ein Fahrverhalten, dass mich angesichts des hohen Schwerpunkts des Doppelstöckers staunen lässt: Das Ding liegt wie ein Brett auf der Schiene.

Kommen wir wieder zu etwas ganz anderem. Meine erste Begegnung mit der französischen Gastronomie findet zwangsläufig an Bord statt. In meinem Paketpreis war außer dem 1. Klasse – Sitz (was angesichts acht Stunden Fahrt und meiner Überlänge eher Notwendigkeit als Luxus ist) auch ein Imbiss enthalten, zur Selbstabholung. Ich schlängele mich also vom Wagen 1, den ich bewohne, durch die fast voll besetzten anderen beiden Erstklasswagen zum Bistro, bemerke dabei, dass man nur oben durchlaufen kann und stehe dann in einem zweckmäßig eingerichteten Raum ohne großes Brimborium. Man versucht gar nicht erst, einen auf frisch gekocht etc. zu machen, das Angebot kommt aus der Dose, Plasteflasche oder ist eingeschweißt. Aber das ist OK, man sollte bei der Zuggastronomie ohnehin die Kirche im Dorf und die Edelköche in ihren Chalets lassen. Mein Menü ist übersichtlich, aber schmackhaft, und ich darf mir einen Rosé dazu wählen. Noch ein Dreieckssandwich – doch deutlich teurer als bei der DB – und ich trolle mich mit einem niedlichen Pappbeutel in meinen Wagen. Auf der Tüte ist grob die Reiseroute dieses TGV von DB und SNCF dargestellt, Paris wird zwar nicht angefahren, muss aber natürlich mit drauf sein.

Die Berge links und rechts werden höher, riesige Brückenbauwerke für die Eisenbahn, nächster Halt Avignon. Ein Bahnhof in luftiger Höhe. Ich assoziiere Papst, Spatz und Helmfrisur, verfolge die Gedanken aber nicht weiter.
Die Unterwegshalte dauern generell meist länger als beim ICE, ein Zeichen dafür, dass man die berechneten Fahrzeiten in Frankreich etwas großzügiger bemisst. Auch so kann man etwas für die Pünktlichkeit tun.

Gelegentlich sind in der Landschaft große Kühltürme versteckt. Frankreich ist auch das Land der Atomenergie. Die sehr niedrigen und kleinen Windräder wirken dagegen eher niedlich. Die deutsche Debatte um den Ausstieg steht den Franzosen sicher noch bevor. Ohne überheblich zu sein: Manche Dinge gehen rechtsrheinisch einfach schneller, die Berge von Verpackungsmüll, die ich aus den Neunzigern von hier noch in Erinnerung habe, sind heute so sicher auch nicht mehr da.
Nun ist es fast völlig dunkel. Ich presse meine Stirn an die Scheibe, aber es sind nur Schemen zu erkennen. Einige Steinbrüche kann ich noch ausmachen, der schneeweiße Kalkstein scheint begehrt zu sein.
Es geht noch schneller: 315 km/h. Korrekterweise muss ich natürlich sofort an die Energiebilanz denken, aber geil isses schon. On roule …

Aix, ach ja. Aix-en-Provence, so viel Zeit muss sein. Als Student quälte ich mich bei gefühlt 40 Grad durch einen vierwöchigen Sprachkurs hier, aber schön war es trotzdem. Die Ausflüge nach Arles, in die Gorges, in die Höhlen … und die Promenade von Aix. Da muss ich unbedingt nochmal hin.
Den futuristisch-schönen TGV-Bahnhof gab es damals noch nicht, wer mit dem Zug nach Aix wollte, musste über Marseille fahren. Das wird den Aix’ern nicht gefallen haben.

Hier stoße ich auch zum ersten Mal auf „Marseille-Provence 2013 capitale européenne de la culture“. Bisschen sperring vielleicht, aber ordentlich ausgesprochen klingt das nach was. Wobei ein FAZ-Speciàl von voriger Woche mir soufflierte, dass man in Aix der Meinung sei, das gar nicht nötig zu haben und nur pro forma mitmache. Na ja, on verra.

Das Ziel kommt näher, nous arrivons à Marseille-St. Charles … Fünf Tage Zeit, eine Stadt zu entdecken. Allez!

Le deuxieme jour

Ein Nachtrag natürlich noch: Auf die Sekunde pünktlich rollte mein Zug ein, eine milde, warme Nachtlust empfing mich. Gefühlt zwanzig Grad mehr als zuhause. Tout va bien.

Auch der nächste Tag ist wie schon berichtet einer zum Feiern. Erstmal die nähere Umgebung erkunden, schmale Straßen, vierstöckige Häuser, verblichener bürgerlicher Charme. Erste Überraschung: Den Boulevard Longchamp schmückt eine Straßenbahn. Wo vor wenigen Jahren noch der übliche embouteillage (Stau, Eselsbrücke: Flaschenhals) herrschte, wie meine Begleitung berichtet, verkehren jetzt futuristische anmutende Stadtbahnen im Fünf-Minuten-Takt (in der Spitzenstunde). 1:0 für Marseille.
Die nächste Überraschung ereilt auch meine Gastgeberin. Man geht halt nicht mit Touristenaugen durchs Viertel, wenn man hier wohnt. Das Palais Longchamp erstrahlt wie neu, auch der Park dahinter wurde stark aufgewertet. Wirklich sehr hübsch gemacht, wenn man von den bonbonfarbenen Plastiktieren mal absieht.
MP13 zeigt sein segensreiches Wirken. Nein, das ist nicht die übernächste Generation der digitalen Musikspeicherung, „Emm-Pe treize“ ist der griffige Kurzname für alles, was heuer mit der Kulturhauptstadt zu tun hat. Das wird mir noch häufig begegnen.

Wie alle Landratten zieht es mich zum Hafen. Dabei ist die Metro behilflich, jede Station soll hier ein gänzlich anderes Aussehen haben. Na gut, es gibt ja auch nur zwei Linien.
Die Station Cinq Avenues Longchamps beeindruckt mich sehr, eine wirkliche Lichtinstallation. Den Wagen der U-Bahn ist die Herkunft aus den Siebzigern deutlicher anzusehen, die warmen Ockertöne lassen mich an Lockenmähnen und Schlaghosen denken. Wird ja sicher bald wieder modern.
Die Wände allerdings weisen Schäden auf, das Grundwasser drückt rein und wird nur notdürftig im Zaum gehalten. Das wird wohl in Kürze ein bisschen was kosten.

Bis vor einigen Jahren war der Vieux Port von Marseille der Sündenpfuhl in Gomorrha. Nepper, Schlepper, Bauernfänger, schmuddelige Kneipen, Kriminaltango. Das ist vorbei, alles ist jetzt trés chic. Segelboote so weit das Auge reicht, eine mondäne Uferpromenade und „gehobene Gastronomie“. Der Tourist wird jetzt eleganter abgezogen. Aber dazu ist er ja auch da, das ist in der Münzgasse nicht anders.

Ein Muss: Das, nun ja, Sonnendach von Norman Foster an der Stirnseite des Quais. Hat der doch einfach eine Fläche von vielleicht 20 mal 40 Meter auf zehn Meter hohe Säulen gestellt und unten verspiegelt? Tolle Effekte, man kann sich z.B. selbst ins Dekollete gucken. Oder auch anderen.
Wir wandern zum Pharo, einem Viertel links der Hafenausfahrt mit Kastell und Palais. Hübsch. Die Sonne brennt, ein Platz im schattigen Café mit Meerblick tut not. Der Kellner mault, als er bemerkt, dass wir unschlüssig sind, ob wir essen wollen. „Jusqu’ 3 heures seulement pour manger“, oder so ähnlich. Na gut. Geteiltes Menü ist halbes Menü.
Meine erste vollwertige französische Mahlzeit: Eine fangfrische Dorade an geschmortem Gemüse und Reis. So kann es weitergehen. Auch der Rosé schmeckt.

Kommen wir zu etwas ganz anderem: Ein kleiner Elektrobus pendelt entlang der Kais des alten Hafens, niedlich und gut für fußlahme Touries. Die supermoderne Fähre, die den Hafen durchqueren soll, tut dies heute mal wieder nicht. Technische Gründe, ah ja. Meine Begleiterin schimpft mit Marseiller Zunge, ich nicke dazu tapfer.
Das MUCEM ist einerseits das Museum der Mittelmeerregion (das früher – warum auch immer – in Paris beheimatet war) und andererseits der ideelle Mittelpunkt der MP13. Leider ist es noch nicht ganz fertig … Nein, ich verkneife mir jeglichen Querverweis.
Immerhin kann man die bauliche Hülle bewundern, ein transparenter Kubus wird von einer zweiten, organisch anmutenden Haut umgeben und durch einen luftigen Steg mit dem Fort Saint-Jean nebenan verbunden.
Direkter Nachbar ist das „Regionale Zentrum des Mittelmeers“, ein nicht nur statisch interessantes Gebäude, dessen oberste Etage unwirklich weit über das Hafenbecken auskragt.
In der Umgebung gibt es weitere Baulichkeiten, die alle zum Projet Euroméditerranée gehören, einem Entwicklungsprogramm für die von alten Docks und heruntergekommenen Stadthäusern geprägte La Joliette. Dies ist langfristiger angelegt, ein Wahrzeichen ist allerdings schon fertig: Der elegant verdrehte Büroturm der Reederei CMA-CGM, entworfen von Zaha Hadid.

Und wieder etwas ganz anderes, man muss es nicht mehr extra erwähnen: Le Panier, ältestes und verwinkeltes Viertel oberhalb des Hafens. Hier ist der Euro-Fortschritt nicht ganz so offensichtlich. Immerhin, der Place du Lenche hat ein neues Gesicht bekommen. Mein Vorsatz, hier ausschließlich Wein zu trinken, zerschellt am ersten Straßencafé. Pourquoi pas, warum auch nicht, die Franzosen tun’s ja auch.
La Bière erscheint hier mit Akzent, über dem „e“, wird (auch) als pression (mit Druck, also gezapft) getrunken und kostet im Prinzip dasselbe wie in Dresden. Es ist aber leider nur die Hälfte drin im Glas. Auch wenn es überraschend gut schmeckt, selbst jenes, das nicht aus dem Elsass kommt: Der Preis ist schon heftig Aber dafür schließen die Lokale spätestens um Zwei und limitieren somit den Verzehr. Tout va bien.

Abends sind wir im Belsunce, dem Kreuzberg auf nordafrikanisch (auch hier ziehen übrigens die Hipster langsam ein). Ein bzw. das Couscous-Haus, eng, laut, heiß und mit wunderbaren Tagines voll Taboulé. Ich habe mindestens sechs verschiedene Formen von Lammfleisch gesehen. Alkohol gibt es nicht, Allah wäre not amused.

Le troisieme jour

Frühmorgens 12 Uhr (ich hatte verschlafen, vermutlich eine Nachwirkung der Anreise-Vorgeschichte, und den vereinbarten Treffpunkt Station Castellane zu spät erreicht) ein Markt am Prado, einem langen Boulevard in Richtung Süden. Ich kaufe zehn verschiedene Marseiller Seifen und damit höchstens ein Zehntel des Sortiments. Nun muss ich sie nur noch den entsprechenden Empfängern (bzw. deren Charakteren) zuhause zuordnen. Auch meine Begleitung findet einige Wässerchen.

Erstes großes Ziel: La Cité Radieuse. Von Le Corbusier 1952 fertig gestellt, nennt mein Reiseführer das neunetagige Gebäude eine Ikone des Aufbruchs. Ich tituliere es ein vertikales Stadtviertel und bin nicht minder begeistert. Eigentlich dem sozialen Wohnungsbau zuzurechnen, locken die grandiosen architektonischen Ideen des Meisters seit jeher eine Klientel in Haus, die das zu schätzen weiß und eine gewisse Zahlungsbereitschaft mitbringt. 108 qm sind schon für 350.000 Euro zu haben, auf dem Komfortstandard der fünfziger Jahre wohlgemerkt. Aber die scheinen es wert, das Haus bietet neben Wohnraum für etwa 1.000 Menschen unter anderem auch ein Restaurant mit Hotel, eine Laden- und Büroetage, eine Kita unter dem Dach sowie eine Dachterrasse mit Pool, Sporthalle und Gemeinschaftsräumen. Aber auch die Kleinigkeiten sind zu beachten, u.a. die Beleuchtung: indirekt mit Lampen, die an Trillerpfeifen erinnern, so modern, dass sie heute wie noch gar nicht erfunden wirken.
Man muss das unbedingt gesehen haben, auch den kleinen Park, der sich um die Stelzenfüße des eleganten Kolosses windet. Nein, eine Tiefgarage gibt es nicht hier.

Nach soviel Baukultur: Á la Plage! Das zieht zwar eine längere Busfahrt nach sich, weil der Avenue du Prado die längst fällige Straßenbahn noch nicht beschieden wurde, aber immerhin fahren wir mit dem ersten Gelenkbus, den die Stadt angeschafft hat. Kaum vorstellbar, wie die Menschenmengen in der Hauptverkehrszeit transportiert werden sollen (von „befördern“ ist nicht die Rede), wenn schon gegen drei Uhr nachmittags die Stehplätze umkämpft sind.

Das Nahverkehrssystem ist für eine de facto Millionenstadt (es gibt in Frankreich kein richtiges Meldewesen) ohnehin unterdimensioniert. Zwar sind die beiden U-Bahn-Linien klug angelegt und kreuzen sich zweimal am Rande der Innenstadt, zwar sind die beiden Stadtbahnlinien eine sinnvolle Ergänzung und kommen dank eigener Gleiskörper gut durch, zwar gibt es dazu noch siebzig Buslinien, die teils im 4-Minuten-Takt fahren, zwar sind die Bedürfnisse hier vielleicht ein wenig anders, dennoch: Was täglich auf den Straßen rumsteht, hupt und meterweise vorwärts rückt, spricht für einen weiteren Ausbau. Ein S-Bahn-System gibt es bisher gar nicht, die Vorortbahnhöfe werden eher sporadisch bedient, P+R scheint unbekannt. Viel zu tun, Kollegen.
(Übrigens, eben auf der Rückfahrt im TGV noch eingefügt: Die Vielzahl der wirklich schönen neuen Straßenbahnen in fast jeder größeren Stadt, in der wir halten, ist beeindruckend und macht neidisch.)

Zurück zum Strand, etwas völlig anderem. Der Marseiller verfügt dank der Lage seiner Stadt im Halbkreis am Meer über mehrere Badewannen, die schickste ist vielleicht La Plage du Prado im Süden. Es weht ein sanfter Wind, der zehn Meter breite Sandstrand ist schon gut gefüllt, als wir am Pointe Rouge den Bus verlassen. „Die Urlauber liegen wie tote Robben am Strand“, jener Satz, der mir mal an der Ostsee einfiel, passt hier nicht, es aalt sich der Einheimische.
Anfang Mai, so früh im Jahr waren meine Füße noch nie mit Meerwasser in Kontakt. Der restliche Körper muss noch warten, wir wollen mal nicht übertreiben.

Für die Rückfahrt nimmt man hier das Schiff. Stündlich fährt ein Boot, das etwa 100 Leute fasst, von hier zum vieux Port. Man erreicht den Ableger durch einen Marsch entlang der Bootswerften, die die Lieblinge hier im Hochregallager stapeln. Drei übereinander sind normal. Die Schlange ist zum Glück kürzer als hundert Menschen, wir kommen also beim ersten Mal mit, und das Boot fährt auch bald. Tout va bien.

Nicht mehr ganz so gut geht es, als das Hafenbecken verlassen wird. Der Wind ist hier alles andere als sanft. Die Wellen nicht höher als zwei Meter, aber für unsere Nussschale durchaus genug. Wir wurden gewarnt, auf dem Vorderdeck würde es nass, und hatten gelächelt. Und siehe, es wurde nass.
Während mich die regelmäßigen Duschen– in Gegensatz zu den meist quietschenden Mitpassagieren – eher erfreuen als schrecken, macht sich mein Magen ebenso regelmäßig in Richtung des Kopfes auf den Weg. Nur mühsam kann ich ihn an der Flucht hindern und muss dabei immer noch tapfer lächeln, dank meines großen Mauls zuvor.

Die Gefängnisinsel mit dem Château d’If, die wir passieren, soll schon den Grafen von Monte Christo beherbergt haben. Immerhin hatte der da festen Boden unter den Füßen, was man im normalen Leben gar nicht richtig zu schätzen weiß.
Aber auch diese Prüfung nimmt ein Ende.

Abends dann noch ein Bummel durch La Plaine, jenem Quartier, das der Dresdner Neustadt am nächsten kommt.
Neulich beim Männergespräch im Thalia thematisierten wir das Folgende schon: Automatisch den Bauch einziehen, wenn einem eine schöne Frau entgegenkommt, dokumentiert den Beginn einer neuen Lebensphase. Dazu ist reichlich Gelegenheit hier, ich absolviere ein veritables Bauchmuskeltraining.

Erst haben wir wunderbar gegessen, dann gut getrunken, sind dann nett geschlendert – schwarze Schönheiten stöckeln leicht unbeholfen im La Teranga, es gibt eine Modenschau mit Tanzeinlagen – und dann mit dem Roller meiner Gastgeberin wieder heimgefahren.
Diese Roller sind – wenn einem die Bedienung geläufig ist und man ein wenig Mut mitbringt – zumindest abends das beste Fortbewegungsmittel. Der öffentliche Verkehr macht noch vor Eins Feierabend, und Taxis sind in diesem Viertel nicht häufig und zudem teuer.

Letzte Station für diesen Abend. Eine Bar im Quartier. Merke: Alle Menschen sind gleich. Die Kneipe könnte auch in Schöneberg sein. Oder in Pieschönn. Sehr angenehm, trotzdem. Aus dem Wurlitzer dröhnt Johnny Halliday. Tout va bien.

Le quatrieme jour

Wir machen einen Ausflug, nach Arles, mit der Bahn.
Und erstmal eine Erfahrung: Was die SNCF-Homepage verspricht, muss mit der Realität nicht viel zu tun haben. Das Sonderticket zur MP13 gibt es nicht am Automaten, wär ja auch zu einfach, drei Knöpfe drücken, bezahlen, Ticket ziehen. Nein, man muss zum Schalter, wo etwa fünfzig Leute mit vielleicht ähnlichen, aber vielleicht auch ganz anderen Problemen warten.
Erklärt wird einem das mit einer wahrhaft königlichen Herablassung vom schnöseligen Auskunftsbeamten, der auf seinem Podest inmitten der Bahnhofshalle sitzt, nein, thront. Danke fürs Gespräch. Dann also regulär zahlen, zehn Euro mehr pro Nase. Zum Trost werden wir nicht kontrolliert.

Trost spendet auch das mitgenommene Croissant. Im Gegensatz zu den Dingern in l’Allemagne ist dies kein aufgeblasenes Häufchen Nichts, sondern ein vollwertiges Nahrungsmittel, das vor allem nach Butter schmeckt.

Die SNCF bietet übrigens weder im Fern- noch im Nahverkehr einen richtigen Taktfahrplan an, auch wenn sich die Abfahrtsminuten oft gleichen. Aber es gibt empfindliche Lücken am Vor- und Nachmittag und dafür ein paar mehr Züge in den Spitzenstunden. Was nun besser ist, mag ich nicht entscheiden, rechne jedoch ohnehin damit, dass auch bei uns die Lücken am Vormittag wiederkehren werden. Das Geld halt.

Arles an der Rhone, inmitten der Camargue, ist schon sehenswert. Die ersten Spuren hinterließen die Römer, innerhalb der Stadtmauer ist noch viel davon zu sehen. Für mich augenfälligstes Relikt der Vergangenheit: Die Stierkampfarena, die auch heute noch betrieben wird. Ja, zum Stiere abstechen.
Ich will darüber aber nicht groß philosophieren. Wer aus einem Land kommt, wo man Tiere industriell erzeugt und verwertet, sollte bei solchen Themen lieber die Fresse halten. Es ist eine Kultur – wenn auch nicht meine – die schon Jahrhunderte lang Tradition hat. Den Franzosen (und vor allem den Spaniern) jetzt zu erklären, dass die corriere du taureaux ganz und gar nicht geht, bedarf des Sendungsbewusstseins eines gutmenschigen Weltverbesserers, welches mir nicht zur Verfügung steht.

Etwas ganz anderes: Auf dem (viel touristischer geprägten) Markt erstehe ich einen schönen weißen Hut, der mir in der Folge nicht nur in modischen, sondern auch in gesundheitlichen Angelegenheiten gute Dienste leisten wird.
Noch ein Besuch beim Rezeptionisten eines hiesigen Nobelhotels, den man, wenn man ihn wie meine Begleiterin im Nachtleben von Marseille erlebt hat, nicht erkennen würde, so seriös wirkt er, ein kurzer Abstecher an die Rhone und schon geht es zurück. Es wartet nämlich noch l’OM!

Meine Beziehung zum Fußball ist bekanntlich zerrüttet. Früher war es Liebe … Aber Kinderzeit ist lange her, ich erinner mich nicht mehr.
Heute nutze ich diesen Sport vor allem, um mich über sein Publikum und vor allem die mediale Aufbereitung dieser fast täglichen Schicksalsmomente lustig zu machen. „Hier geht es nicht um Leben oder Tod, es geht um mehr“, wie die Sportfreunde (!) Stiller singen.

Aber wenn ich schon mal hier bin … Da kann ich gleich auch gestehen, dass ich dennoch einen Helden habe: Zinédine Zidane. Jener franko-algerische Recke, dem die Ehre von Mutter und Schwester sowie die Bestrafung eines italienischen Flegels wichtiger waren als irgendsoein Weltmeistertitel. Das wird bleiben, auch wenn seine Tore einmal vergessen sind.
M. Zidane stammt aus dem Norden von Marseille, der anderswo Favela oder Slum heißen würde. Außer Fußballer kannst du da Nichts werden, und die wenigsten werden Fußballer. Immerhin, einer hat es ganz nach oben geschafft und wird jetzt wie ein Halbgott verehrt. Sein Sportgeschäft soll gut laufen, sagt man.

Übrigens haben wir keine Karten für das Spiel heute gegen Toulouse. Meine Begleitung verlässt sich voll auf den Schwarzmarkt. Dieser profitiert jedoch sehr davon, dass das ganze Stadion eine Baustelle und somit nur die Hälfte der Plätze verfügbar ist, BWL, 1. Semester. Das Billet bzw. das Reinkommen steht bei 100 €, als wir zehn Minuten vor Spielbeginn in den Handel einsteigen. Im 2. Semester lernt man, was man dann beobachten kann: Einen Preisverfall. Mit dem Anpfiff sind es noch 50 €, Tendenz nach unten. Aber die Tatsache, dass 15 Minuten nach Beginn die Außentore geschlossen werden, fängt den Preis bei 30 € auf (3. Semester).

Wir sind drin, irgendwie. Vorausgegangen waren hektische Diskussionen unseres Schleppers mit den Einlassern und schließlich eine herrisch winkende Hand des Rudelführers. Karten haben wir keine, demzufolge auch keinen Platz, also rein in irgendeinen Block. Ein Ordner fragt uns nach den Tickets, doch wir sprechen leider kein Französisch, und nach einigen Verständigungsversuchen lässt er ab von uns, weil es auf dem Spielfeld grad spannend wird. Wir nehmen auf der Treppe Platz.

Der Fußballklub Olympique de Marseille tritt an in Himmelblau, wie Chemnitz etwa. Meine Absicht, mir ein Trikot mitzubringen, werde ich nochmal überdenken.
Droit Au But? Das ist der Leitspruch des Vereins und klingt gut, heißt letztlich aber nichts anderes als „Recht auf Tor“. Jaja, aber … gleiches Recht für alle! Wie war das nochmal mit Égalité?
Das Spiel geht nach diesem Maßstab ungerecht aus, OM 2, TFC 1, ein Bein haben sich beide nicht ausgerissen dabei. Es geht wohl um nichts mehr, so kurz vor Saisonende. Und Zinédine war auch nicht da.

Was ich aber sehr beachtlich finde: Es ist kaum Polizei zu sehen, auch im Stadionumfeld nicht. Wenn ich daran denke, welche Hundertschaften bei Spielen eines hiesigen zweitklassigen Vereins in Marsch gesetzt werden … Hier hat der Fußball offenbar den Stellenwert, der ihm zukommt. Und nicht mehr.

Place de Lenche, da waren wir schon mal, macht aber nichts, der Restaurants sind viele.
Der Mistral weht die Menschen heute vom Place nach drinnen, es wird zunehmend ungemütlich draußen.
Dann fällt sogar ein Baum aufs Trottoir! Zum Glück, heuresement, liegt niemand drunter, nur einige Tische und Stühle sind Schrott. Eigentlich war der Baum grad frisch umgesetzt und einbetoniert. Le Mistral …
Die Nachricht schafft es sogar in die Sonntagszeitung. Am nächsten Tag ist nur noch die Wurzel da. Ob die anderen Bäume ähnlich gefährdet sind, wird hoffentlich jemand geprüft haben? Ich bin ein wenig peinlich berührt ob meiner Skepsis. Die Franzosen bauen großartige Hochgeschwindigkeitseisenbahnen, da werden sie wohl Bäume am Umfallen hindern können!?

Aber der Mistral bläst einem wirklich das Hirn aus der Birne.

Le cinqieme jour:

Etwas ganz anderes. Ein Ausflug. Diesmal zur Côte Bleue, der heimlichen Côte d’Azur von Marseille. Ähnlich schön wie die berühmten Calanques, aber nicht so überlaufen, wird mir glaubhaft versichert.
Eine schöne Bahnfahrt, wieder unkontrolliert, aber vorbei an den Häfen mit den dicken Kreuzfahrtschiffen und dann eintauchend in eine wilde, felsige Uferlandschaft, die zwischen Steilküste und schmalen Buchten wechselt. Ab und zu quetschen sich Dörfer dazwischen, die vom Land her nur über einen einzigen Weg zu erreichen sind.
Unsere Station heißt La Redonne, dann noch eine Viertelstunde steile Fußwege hoch und runter und wir können auf den Felsen vor einem kleinen Hafen faire un pic-nic. Dummerweise liegt 50 m vor uns der Party-Katamaran aus Marseille mit dröhnender Uffta-Humpta-Musik. Doch noch ehe ich aus dem Wandergepäck einen Torpedo basteln kann, lichtet er den Anker und gleitet von dannen. Sonntägliche Ruhe kehrt ein.

Leider lärmen auch die Zikaden noch nicht, zu früh im Jahr. Dieses Kerngeräusch des Südens müssen wir entbehren. Und der Lavandre blüht auch erst später.
Auf dem Rückweg noch ein Stopp an einem kleinen Strand. Erneuter Fußkontakt mit dem Meer, erneute Beschränkung auf diesen. Und dann noch ein bisschen am Strand liegen, in den Himmel schauen und schließlich une bière in der Hafenkneipe.

Abends dann creolisch, auch das geht hier naturalement. Und es geht gut. Am Sonntag haben nicht viele offen außerhalb der Tourie-Region, aber das zufällig entdeckte kleine Restaurant „Le Port au Prince“ ist alles andere als eine Notlösung. Falls jemand mal in der Nähe ist: 40, rue St. Savournin, 13001 Marseille. Am Ende macht man uns noch mit Rum dumm.

Le sixieme jour:

Nun noch Aix. Der erste unbegleitete Ausflug, ich bin jetzt schon groß. Der Automat der SNCF bereitet mir keine Schwierigkeiten, ob das ein Franzose von jenem der DB auch sagen könnte? Interessant das Prinzip der Bahnsteigzuweisung. Wo fährt mein Zug denn heute? Überraschung … 100 erwartungsfrohe Reisende beobachten gespannt die Anzeigetafel, bis das „C“ fünf Minuten vor Abfahrt erscheint, worauf eine Volksbewegung einsetzt.
Nächste Überraschung: Heute spielt man TGV und kontrolliert die Fahrscheine – die man hier nicht nur kaufen, sondern auch noch „entwerten“ muss (dieses Wort bedeutet übrigens genau das Gegenteil von dem, was eigentlich gemeint ist: Man macht den Fahrschein durch die Stempelei ja erst gültig für die Fahrt) – gleich am Einstieg, mit dem üblichen massiven Personaleinsatz. Das gleicht dann auch die unkontrollierten Fahrten nach Arles und an der Côte Bleu wieder aus.
Nicht, dass ich was gegen viel Personal bei der Bahn hätte, im Gegenteil. Das ist ein ehrbarer Beruf, und die cheminots sind sich ihrer Würde auch bewusst. Ob die Mischung aus mausgrauem Anzug und fliederfarbenem Hemd dazu beiträgt, sei einmal dahingestellt. Aber sie sind ordentlich beschäftigt und entgehen damit der Gefahr, von Sarko et collegues irgendwann weggekärchert zu werden.

Der Zug durchquert die banlieus. Hier wird die Ärmlichkeit nicht mehr von Prunkbauten verdeckt. Marseille, die nördlichste Stadt Afrikas? Kann schon sein. Dennoch, von Straßenschlachten wie in Paris hat man hier nicht gehört bislang.
Steinbrüche bringen den wunderbar leuchtenden Sandstein dieser Gegend zutage. In Kombination mit der südlichen Sonne erzeugt dieser eine unglaublich warme Farbe, die man so an der Elbe nicht zu sehen bekommt.

Angekommen. Der Bahnhof ist unspektakulär, der Weg ins Zentrum aber nicht weit. Die Rotonde hab ich anders in Erinnerung, vielleicht verklärt durch die mehr als fünfzehn Jahre, die seitdem vergangen sind. Eigentlich ist das nur eine schlichte Kreuzung mit Kreisverkehr. Auch die Platanen auf dem Cours Mirabeau waren früher höher, scheint mir.
Aix verhält sich zu Marseille wie Potsdam zu Berlin oder Starnberg zu München. Selbst die Gemüseläden sind hier nobel.
Ein Spaziergang in Richtung meiner früheren Herberge, einem Studentenwohnheim östlich der Altstadt. Den Weg finde ich, aber das Ziel scheint verschwunden. Egal, ich wollte eh keinen Kranz niederlegen.

Auf dem Rückweg passiere ich ein Lycée, da ist grad Pause. Die vorherrschende Herrenmode ist hier der Trainingsanzug. Es ist erst zehn Uhr, Montag, die Innenstadt beginnt grad mit dem Aufwachen. Aber es werden schon erste Besuchergruppen durch die Gassen getrieben. Die Touristen tragen Funktionsbekleidung und außerdem aufgeklebte Nummern, die sie als einer Gruppe zugehörig kenntlich machen. Das ist schön, jeder will ja irgendwo dazugehören.

Aix ist langweilig, beschließe ich, pittoreske Altstädte mit Hunderten von Restaurants hab ich schon genug gesehen. Ich suche das empfohlene Café hinter dem Rathaus. Tatsächlich, sehr hübsch, und die Terrasse bietet zumindest zwei Kaffee lang Schatten, eh die Sonne rumkommt. Zeit genug, l’ordi portable auszupacken und diesen Text hineinzuhacken.
Und dann zurück, den letzten Halbtag in Marseille genießen. Tout va bien, immer noch.

Der Weg zum Bahnhof führt durch die Neue Mitte von Aix. Schick und verwechselbar, H&M ist auch schon da.
Der Bahnhof ist baulich das ganze Gegenteil, aber gemütlich. Neben zahlreichen Beförderungsfällen sind anwesend:
Ein Sicherheitsmann, ein Sicherheitsmann der SNCF, eine Aufsicht (hübsch) und drei Schaffner (der weibliche Teil sehr hübsch). Jeder DB-Controller würde den roten Bleistift wetzen und erstmal zwei Drittel davon streichen. Für den Anfang, um Härten zu vermeiden.

Beim Rückblick aus dem Zug sehe ich endlich Ste. Victoire, jene beeindruckende Bergkette, die meine stärkste Erinnerung an Aix ist und bleibt.

Der Zug ist voll, auch zur Mittagsstunde ein großer Andrang. Die Karten kontrolliert eine vierte Schaffnerin, auch jene ausnehmend attraktiv. Ein Fünfter und Sechster leisten Beistand, als sie charmant eine Fahrpreisnacherhebung durchführt. Nicht bei mir, was ich für einen kurzen Moment bedauere.
Die schlechte Gleislage spüre ich jetzt deutlich im Kreuz. Vermutlich die Strafe für unkeusche Gedanken über Amtspersonen.

Marseille mit seinen Wohntürmen beginnt etwa 20 Minuten vor Ankunft in St. Charles. Plattenbauten soweit das Auge reicht. Auch wenn sie nicht im Taktstrassenverfahren errichtet wurden, es ist kein Unterschied zu Gorbitz. Vielleicht stehen sie etwas aufgelockerter. Und sicher sind sie schon deutlich heruntergekommener. Instandhaltung ist keine südliche Tugend, hab ich neulich mal über Kairo gelesen. Das dürfte aber auch für Marseille gelten.

Das Meer, ach ja. Nur noch heute kann ich den Anblick genießen.
Dann ein erneuter Bummel durch Klein-Marokko, das später nahtlos in Klein-Senegal übergeht. 90 % Männer auf den Strassen, so ist das halt.

Offenbar hat man seitens der Stadtverwaltung das alte Fährboot reaktiviert, nachdem das schicke Neue öfter mal den Dienst am Touristen verweigerte. Für umsonst geht es über das Hafenbecken. Hier ist noch Potential, liebe Stadteltern.

Der (temporäre) Pavillon zur MP13 ist wie Pavillons zu irgendwas halt so sind, ganz hübsche Animationen und Hostessen, Imagefilmchen und ein bisschen Kunst. Die Mischung aus Holz und Plexiglas sieht sehr schick aus, heizt sich aber auch mächtig auf, trotz einer Batterie mobiler Klimamaschinen ist es deutlich wärmer als draußen. Und wir haben erst Mai …
Übrigens, l’Art de Vie wird dort in unzählige Sprachen übersetzt. Deutsch ist nicht darunter.

Ich will nochmal runter zum Mucem. Aber der Fußgänger hat es hier schwer: In langen Serpentinen muss er sich erst von der Leistungsfähigkeit der französischen Bauwirtschaft überzeugen, ehe er unten ankommt.

Am Ende des Kais stehen Bauwerke aus 40-Fuß-Containern, der 17. Arrondissement, jener der Zukunft, auch das natürlich MP13. Marseille hat bisher nur 16 Bezirke, eine niedliche Idee also. Am Nachmittag ist hier noch nicht so viel los, nur einige Artisten seilen sich ab. Einen Abendbesuch schaff ich leider nicht mehr.

Nach dem Treff á dix-huit’ heures mit meiner zur werktätigen Bevölkerung gehörenden Gastgeberin noch ein Ausflug zur Basilika Notre-Dame-de-la-Garde. Diese überragt die Stadt auf einem Hügel, die Anfahrt zu zweit mit dem Motorroller ist eine Herausforderung. Aber nicht er gibt auf, sondern ich, ein Krampf im Oberschenkel zwingt mich zum Absteigen. Vermutlich ähneln sich unsere Grundfrequenzen, und es kam zur Resonanzkatastrophe.
Der Blick von oben ist grandios, die ganze Marseiller Bucht liegt uns zu Füßen. Ein Moloch von Stadt, der bis zum Horizont reicht, darüber ein wunderbares Abendsonnenlicht.
Der Blick nach oben zeigt die Jungfrau mit dem (eigenen) Kind, dieses Grundrätsel der christlichen Kirche, das erst mit Hilfe der Gentechnik einigermaßen befriedigend gelöst werden konnte.
Hui, nun die Schussfahrt in den Hafen!

Dort gibt es ein Restaurant namens „La Treize“ also Dreizehn. Es scheint auch in diesem Jahr erst aufgemacht zu haben, alles neu drinnen. Aber wir wollen ja draußen.
Man verfügt über modernes Equipment, aber das Tablet zur Bestellaufnahme ist mit einem rustikalen Holzrahmen versehen. Ach …
Die zu Ehren des letzten Abends georderten Moules munden hingegen hervorragend.

Endgültig die letzte Einkehr: Longchamp Palace um die Ecke. Sehr angesagt, der Laden, zumindest in gewissen, sympathischen Kreisen. Gewöhnlich holt man sich sein Getränk am Tresen und stellt sich dann wie dreißig Andere aufs Trottoir, drinnen kann man ja nicht rauchen. So ähnlich sähe es in der Neustadt auch aus, wenn man hier genauso streng wäre.

Müde bin ich, geh zur Ruh, gleich falln mir die Augen zu. War wohl zuviel Sonne heute, zuviel Pflaster, zu viele Eindrücke. Morgen geht es nach Hause.

Le dernier jour

Ein scharfer, stechender Schmerz in meiner Brust (wie der Dichter, aber in diesem Falle auch der Internist sagen würde) begleitet mich am nächsten Morgen zum Bahnhof. Körper und Geist bilden halt doch eine Einheit.
Erst in Avignon verschwindet er langsam und ich kann mich an der Reise – erstmal entlang der Rhone, später in Sichtweite mehrerer Mittelgebirge – freuen. Und noch ein wenig sinnieren über diese Tage im Süden.

Wir halten in Aix und Avignon. TGV-Bahnhöfe wie diese außerhalb der Stadt zu bauen, hat zumindest den Vorteil, dass man die Innenstädte ungeschoren lassen kann. Wäre doch auch eine Idee für Stuttgart … Von Freunden lernen.

Außer ein paar Arbeitsdeutschen und Touristen aus aller Herren Länder habe ich in Marseille nur sehr wenige Ausländer gesehen. Ein Ort also, wo sich die Stramm-Ärsche von der NPD etc. wohlfühlen würden. Überall Bürger der Republik, überall nur Franzosen … jedweder Couleur allerdings.

Man muss dennoch nicht alles mögen hier. Dass es trotz manchmal sehr schöner, aufwendig gestalteter Flaschen für jedes denkbare Getränk noch immer kein Pfandsystem gibt und die bouteilles somit bestenfalls im Glascontainer oder auch im Hafenbecken landen, kann ich nur schwer begreifen. Von einem Einweg-Pfand ganz zu schweigen, dann würden die Straßen ja so deutsch aussehen.

Und auch wenn ich hier mit Kennermiene die eine oder andere Vokabel einstreue: Mein Französisch ist nach fünf Tagen noch immer alles andere als perfekt. Was ich inzwischen aber sehr gut kann, ist deutsch mit französischem Akzent zu sprechen. Und zum Sprechen alle Körperteile zu benutzen, das mach ich jetzt auch ein bisschen.
Über die fremden Wörter hier im Text müsste ich auch nochmal rüber, grammatikalisch und orthographisch. Da hab ich jetzt aber keine Lust zu. Und bei mir geht’s neuerdings meistens nach der Lust.

Inzwischen hat der Zug gewechselt, besser gesagt, ich habe ihn gewechselt. Das vertraute Dröhnen des ICE-T umhüllt mich. 17 Uhr ab Frankfurt, es ist richtig voll und wird auch in Fulda nur unwesentlich leerer. Hier werden die Mehrkosten von Stuttgart21 verdient.

Im Waggon gibt es mehr Frauen mit Kopftüchern als ich insgesamt in Marseille gesehen habe. Ein Zufall, sicher, nicht repräsentativ. Und man muss ohnehin aufpassen, dass man hier nicht in die Korrektheitsfalle läuft und besser als die Frauen selbst zu wissen glaubt, was diese wirklich wollen.
In Frankfurt/M. stieß ich übrigens fast mit einer einzelnen Burka-Trägerin zusammen, die mich aus schmalem Sehschlitz anfunkelte. Ob böse oder nicht, kann ich mangels einschlägiger Erfahrung nicht beurteilen. Dabei war sie schuld, was muss sie auch fast rennen und dabei noch eine sms tippen.

Ein pendelndes Businessweibchen hat nun eine Methode gefunden, auch bei beengten Platzverhältnissen die Maus am Rechner zu benutzen: Sie bewegt sie am Oberschenkel auf und ab. Das sieht durchaus erotisch aus und ist es vielleicht auch. Aber liebe Männer, bitte nicht nachmachen, das könnte zu Missverständnissen führen.

Die Mitreisenden kommen mir alle so unentspannt vor, nicht nur die im Anzug. Ich glaube, denen fehlt ein bisschen südliche Sonne.

Und in der nächsten Folge dann: Teischel Mauköh kehrt zurück und bringt den Marseillern savoir-vivre bei. Merci bis hierhin.

Mitleid mit Hoeneß

Zum Interview in der ZEIT vom 02.05.13 mit Uli Hoeneß, Fußballheld, -funktionär und mutmaßlicher Steuerbetrüger

Nein, der Titel ist kein bisschen ironisch zu verstehen. Ich habe wirklich Mitleid mit dem Mann.

Dabei mag ich ihn nicht besonders. Er war mir zu sehr der „Mia san mia“ – Typ, zu arrogant wirkte er meist, zu machtversessen. Respektiert habe ich ihn aber immer, seine deutlichen Worte hoben sich angenehm ab vom üblichen weichgespülten Geschwafel seiner Kollegen. Der Hoeneß war halt einer, den man in Kauf nahm zum FC Bayern, wie Rummenigge und Sammer.

Dann die große Nachricht, breaking news: Hoeneß ist der Steuerhinterziehung verdächtig. Und später: Gegen ihn läuft ein Haftbefehl, der nur gegen eine wahnwitzige Kaution von 5.000.000 Euro außer Vollzug gesetzt wurde.
Die Absetzbewegungen waren fortan im Stundentakt zu verfolgen. Auch Frau Kanzlerin ließ ausrichten, sie sei menschlich enttäuscht.
Und Hoeneß? Saß auf der Tribüne und sagte: Nichts.

Bis heute. Da ließ er die ZEIT kommen und ihn interviewen. Eine kluge Wahl, bei der FAZ oder dem Fokus hätte man vielleicht von Gefälligkeitsjournalismus gesprochen, der SZ und dem Spiegel wollte er diese Story wohl nicht gönnen und von BILD wurde ihm – falls er da nicht selbst draufkam – sicher abgeraten.

Nun also die Edelfedern aus Hamburg. Zwar war so ein Experiment, an der Medienfront wieder in die Offensive zu kommen, beim Guttenberg grandios gescheitert, aber da lag der Fall auch anders.
Nun also spricht der über Nacht vom Paulus zum Saulus gewordene erstmals über „die Sache“. Wenn sich einer wie Hoeneß dabei des moralischen Beistands seines Sohnes und nicht eines hochkarätigen Strafverteidigers versichert, müssen die Dinge wirklich schlimm liegen. Nicht nur materiell, vor allem auch emotional.

Vorweg: Der ZEIT gelingt ein glaubwürdiges, seriöses Interview ohne Anbiederung, aber auch ohne öffentliches Schlachten. Fast wie bei einer Vernehmung wird die Geschichte aufgerollt, von den Anfängen (die Zockerkumpanei mit dem Adidas-Chef) bis zur heutigen Angst vor dem Gefängnis.
Am Ende sitzt einer da, der mit der jahrelangen Verdrängung seines Problems letztlich seine Lebensleistung entwertet und sich in alle Ewigkeit kompromittiert hat. Um dem das nur zu deutlich bewusst ist.

Uli Hoeneß ist krank. Das darf man vermuten, ohne ihm zu nahe zu treten, seitdem Spielsucht in ihren vielen Variationen als psychische Krankheit anerkannt ist. Er selber sieht das nicht so, seine Familie aber durchaus, wie sein Sohn zu Protokoll gibt. Dieser Moment im Interview dürfte sich dem ehemals stolzen Hoeneß eingebrannt haben.

Über Jahrzehnte hat er – zunächst mit fremdem Geld – ein Konto in der Schweiz gehalten und über dieses seine riskanten Börsenspekulationen abgewickelt. Hier war ein ganz anderer Hoeneß am Werk, nicht der erfolgreiche Wurstfabrikant, nicht der toughe, aber urmoralische Bayern-Präsident. Sein Mr. Hyde tobte sich auf dem Parkett aus, nicht ohne auch Unsummen zu verlieren dabei.
Steuern hat er auf seine Schweizer Gewinne nie gezahlt. Diesen Teil seines Lebens hat er – nicht nur bei der Steuererklärung – erfolgreich verdrängt, es sollte ja auch niemand wissen. Hätte nicht ins Bild gepasst.
Das Konto lief übrigens bei der Vontobel-Bank, nicht nur das schreit nach theatralischer Aufarbeitung. „Der Räuber“?, „Aufstieg und Fall des Uli H.“? Roger, übernehmen Sie!

Das Stichwort „Monopoly“ fällt. Ich glaube ihm, dass er das so ähnlich gesehen hat, ein Spiel im Verborgenen, die dunkle, reizvolle Seite des Geldes. Brauchte einer wie Hoeneß solche Kicks? Wenn die These von der Spielsucht zutrifft, dann schon.

Irgendwann hat Hoeneß reinen Tisch gemacht, nachdem das Problem aus seinem Hinterkopf nicht mehr rausging. Drei Steuer-Profis haben seine Selbstanzeige formuliert. Dennoch jetzt der Haftbefehl. Waren sie so schlampig oder ist da noch mehr? Erstaunlich unprofessionell agierte der Verdächtige hier, als die Staatsanwaltschaft eines Morgens an der Villa klingelte, hatte er nicht mal einen Anwalt, der er anrufen konnte.

Inzwischen ist das geklärt und Hoeneß wieder auf freiem Fuß, vorerst. Fluchtgefahr scheint wirklich nicht zu bestehen, wo sollte er auch hin? Sein Gesicht kennt man auf der ganzen Welt.

Ohme mehr als die Aussagen aus dem Interview zu kennen, ist es schwer, sich ein Urteil zu bilden. Egal, ob er bewusst Steuern hinterzog, um noch reicher zu werden oder diesen Teil seines Lebens komplett ausblendete, sein Lebenswerk liegt in Trümmern. Selbst der große FC Bayern ist von der öffentlichen Meinung abhängig, die Tage als Aufsichtsratschef sind sicher gezählt, und ob von seiner Firma noch jemand ein Stück Wurst nimmt? Alles andere als gute Aussichten.

„Menschlich“, um mal so banal zu sein, ist die Sache tragisch. Wie viele andere auch allerdings. Der Beispiele gibt es viele, in ganz unterschiedlicher Art und Größe. Auch die Schwarzarbeit der Putzfrau ist steuerliches Unrecht, und viele von denen, die jetzt die ersten Scheine werfen, sitzen im selben Tresorraum.

Ja, ich habe Mitleid mit Hoeneß. Mitleid deswegen, weil er nicht die Kraft und Weitsicht hatte, schon früher auszusteigen oder gar nicht erst damit anzufangen. Dass er jetzt viel Häme und Spott ob seines vormaligen Saubermann-Images einstecken muss, ist hingegen nur gerecht. Hätte er mal geschwiegen früher, dann wäre er ein einfacher Steuersünder geblieben.

Ich wünsche ihm einen fairen Prozess ohne Promi-Bonus oder –Malus und ohne Medien-Hype (was wohl unrealistisch ist). Und falls er ins Gefängnis muss, familiären Rückhalt und viel Besuch. Und danach ein ruhiges Leben als Rentier, irgendwo in den bayerischen Bergen.

Uli, Du hast ´76 schonmal einen wichtigen Elfmeter verschossen. Diesen jetzt hast Du noch viel weiter in die Tribünen geballert. Und es gibt leider kein Rückspiel.

Die Liebe und das Vaterland

„Vaterlandsliebe“ … Unlängst aus dem Touri-Geplapper an der Fähre herausgehört: „… mehr Angst als Vaterlandsliebe …“.
Ja, sicherlich. Ist ja auch nicht schwer.

Aber ein schönes Wort, diese „Vaterlandsliebe“. Bringt einen auf Gedanken.
Zunächst einmal würde ich das aus meiner Perspektive dem homosexuellen Spektrum zuordnen. An sich kein Problem, ich wollt es nur mal gesagt haben.

Gibt es dann auch eine Vaterlands-Jugendliebe? Und muss man nach dem ersten Mal gleich heiraten, weil sonst die großen Brüder böse sind?
Wie ist das mit dem Körperlichen? In meinem Verständnis – gut, rein subjektiv – gehört das ja doch irgendwie dazu? Ob nun dreimal täglich oder jeweils am Hochzeitstag, bleibt der Neigung und der körperlichen Verfassung überlassen, aber ganz ohne? Schwierig, um diese schöne neudeutsche Vokabel auch hier unterzubringen.

Wie äußert sich Vaterlandsliebe? Gedichte schreiben, ok. Und sonst?
Kann ein Mann mehrere Vaterländer gleichzeitig lieben? (Bei mir wärs neben dem Königreich Böhmen dann noch die Bunte Republik, aber das nur nebenbei.)
Und die Frauen? Stabile Zweierbeziehung? Vaterfigur fällt mir da ein, oder besser Vaterlandsfigurliebe. Oder Vaterfigurlandsliebe? Jedoch, allein wegen der Figur liebt man doch nicht?

Apropos, kann ein Vaterland auch fremd gehen? Und wenn ja, auf welchem Mutterboden?
Gibt es auch Dreiecksbeziehungen? Offene? Führt das zu diplomatischen Verwicklungen? Wird der Botschafter einbestellt? Wozu? Zur Vaterlandsliebe?

Wozu führt unglückliche Vaterlandsliebe? Zum Wahnsinn, wie sonst auch? Oder nur zur Staatenlosigkeit?
Und, ganz wichtig: Gibt es freie Vaterlandsliebe? Ist Europa so was Ähnliches? Und warum ist Arthur Schnitzler dann ein Schweizer?
Für die, die bis hier durchgehalten haben:
Vaterlandsliebesspiel. Vaterlandsliebesvorspiel. Mir fällt da nur die teutsche Nationalmannschaft (m/w) ein. Erst singen, dann spielen.
Kann man Vaterlandsliebe erzwingen? Von welcher Seite aus?

Hm.
Ich glaub, ich hab in Stabü nicht aufgepasst.
War das jetzt schon Sex?