Mitleid mit Hoeneß


Zum Interview in der ZEIT vom 02.05.13 mit Uli Hoeneß, Fußballheld, -funktionär und mutmaßlicher Steuerbetrüger

Nein, der Titel ist kein bisschen ironisch zu verstehen. Ich habe wirklich Mitleid mit dem Mann.

Dabei mag ich ihn nicht besonders. Er war mir zu sehr der „Mia san mia“ – Typ, zu arrogant wirkte er meist, zu machtversessen. Respektiert habe ich ihn aber immer, seine deutlichen Worte hoben sich angenehm ab vom üblichen weichgespülten Geschwafel seiner Kollegen. Der Hoeneß war halt einer, den man in Kauf nahm zum FC Bayern, wie Rummenigge und Sammer.

Dann die große Nachricht, breaking news: Hoeneß ist der Steuerhinterziehung verdächtig. Und später: Gegen ihn läuft ein Haftbefehl, der nur gegen eine wahnwitzige Kaution von 5.000.000 Euro außer Vollzug gesetzt wurde.
Die Absetzbewegungen waren fortan im Stundentakt zu verfolgen. Auch Frau Kanzlerin ließ ausrichten, sie sei menschlich enttäuscht.
Und Hoeneß? Saß auf der Tribüne und sagte: Nichts.

Bis heute. Da ließ er die ZEIT kommen und ihn interviewen. Eine kluge Wahl, bei der FAZ oder dem Fokus hätte man vielleicht von Gefälligkeitsjournalismus gesprochen, der SZ und dem Spiegel wollte er diese Story wohl nicht gönnen und von BILD wurde ihm – falls er da nicht selbst draufkam – sicher abgeraten.

Nun also die Edelfedern aus Hamburg. Zwar war so ein Experiment, an der Medienfront wieder in die Offensive zu kommen, beim Guttenberg grandios gescheitert, aber da lag der Fall auch anders.
Nun also spricht der über Nacht vom Paulus zum Saulus gewordene erstmals über „die Sache“. Wenn sich einer wie Hoeneß dabei des moralischen Beistands seines Sohnes und nicht eines hochkarätigen Strafverteidigers versichert, müssen die Dinge wirklich schlimm liegen. Nicht nur materiell, vor allem auch emotional.

Vorweg: Der ZEIT gelingt ein glaubwürdiges, seriöses Interview ohne Anbiederung, aber auch ohne öffentliches Schlachten. Fast wie bei einer Vernehmung wird die Geschichte aufgerollt, von den Anfängen (die Zockerkumpanei mit dem Adidas-Chef) bis zur heutigen Angst vor dem Gefängnis.
Am Ende sitzt einer da, der mit der jahrelangen Verdrängung seines Problems letztlich seine Lebensleistung entwertet und sich in alle Ewigkeit kompromittiert hat. Um dem das nur zu deutlich bewusst ist.

Uli Hoeneß ist krank. Das darf man vermuten, ohne ihm zu nahe zu treten, seitdem Spielsucht in ihren vielen Variationen als psychische Krankheit anerkannt ist. Er selber sieht das nicht so, seine Familie aber durchaus, wie sein Sohn zu Protokoll gibt. Dieser Moment im Interview dürfte sich dem ehemals stolzen Hoeneß eingebrannt haben.

Über Jahrzehnte hat er – zunächst mit fremdem Geld – ein Konto in der Schweiz gehalten und über dieses seine riskanten Börsenspekulationen abgewickelt. Hier war ein ganz anderer Hoeneß am Werk, nicht der erfolgreiche Wurstfabrikant, nicht der toughe, aber urmoralische Bayern-Präsident. Sein Mr. Hyde tobte sich auf dem Parkett aus, nicht ohne auch Unsummen zu verlieren dabei.
Steuern hat er auf seine Schweizer Gewinne nie gezahlt. Diesen Teil seines Lebens hat er – nicht nur bei der Steuererklärung – erfolgreich verdrängt, es sollte ja auch niemand wissen. Hätte nicht ins Bild gepasst.
Das Konto lief übrigens bei der Vontobel-Bank, nicht nur das schreit nach theatralischer Aufarbeitung. „Der Räuber“?, „Aufstieg und Fall des Uli H.“? Roger, übernehmen Sie!

Das Stichwort „Monopoly“ fällt. Ich glaube ihm, dass er das so ähnlich gesehen hat, ein Spiel im Verborgenen, die dunkle, reizvolle Seite des Geldes. Brauchte einer wie Hoeneß solche Kicks? Wenn die These von der Spielsucht zutrifft, dann schon.

Irgendwann hat Hoeneß reinen Tisch gemacht, nachdem das Problem aus seinem Hinterkopf nicht mehr rausging. Drei Steuer-Profis haben seine Selbstanzeige formuliert. Dennoch jetzt der Haftbefehl. Waren sie so schlampig oder ist da noch mehr? Erstaunlich unprofessionell agierte der Verdächtige hier, als die Staatsanwaltschaft eines Morgens an der Villa klingelte, hatte er nicht mal einen Anwalt, der er anrufen konnte.

Inzwischen ist das geklärt und Hoeneß wieder auf freiem Fuß, vorerst. Fluchtgefahr scheint wirklich nicht zu bestehen, wo sollte er auch hin? Sein Gesicht kennt man auf der ganzen Welt.

Ohme mehr als die Aussagen aus dem Interview zu kennen, ist es schwer, sich ein Urteil zu bilden. Egal, ob er bewusst Steuern hinterzog, um noch reicher zu werden oder diesen Teil seines Lebens komplett ausblendete, sein Lebenswerk liegt in Trümmern. Selbst der große FC Bayern ist von der öffentlichen Meinung abhängig, die Tage als Aufsichtsratschef sind sicher gezählt, und ob von seiner Firma noch jemand ein Stück Wurst nimmt? Alles andere als gute Aussichten.

„Menschlich“, um mal so banal zu sein, ist die Sache tragisch. Wie viele andere auch allerdings. Der Beispiele gibt es viele, in ganz unterschiedlicher Art und Größe. Auch die Schwarzarbeit der Putzfrau ist steuerliches Unrecht, und viele von denen, die jetzt die ersten Scheine werfen, sitzen im selben Tresorraum.

Ja, ich habe Mitleid mit Hoeneß. Mitleid deswegen, weil er nicht die Kraft und Weitsicht hatte, schon früher auszusteigen oder gar nicht erst damit anzufangen. Dass er jetzt viel Häme und Spott ob seines vormaligen Saubermann-Images einstecken muss, ist hingegen nur gerecht. Hätte er mal geschwiegen früher, dann wäre er ein einfacher Steuersünder geblieben.

Ich wünsche ihm einen fairen Prozess ohne Promi-Bonus oder –Malus und ohne Medien-Hype (was wohl unrealistisch ist). Und falls er ins Gefängnis muss, familiären Rückhalt und viel Besuch. Und danach ein ruhiges Leben als Rentier, irgendwo in den bayerischen Bergen.

Uli, Du hast ´76 schonmal einen wichtigen Elfmeter verschossen. Diesen jetzt hast Du noch viel weiter in die Tribünen geballert. Und es gibt leider kein Rückspiel.

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