Am Fluss entlang


Der Elb-Kilometer 54,5 auf der Neustädter Seite, Königsufer Dresden, ein schöner Sonntagnachmittag. Spazierengehen ist die höchste Form der Fortbewegung. Ich wende mich flussabwärts.

 

Für die barocke Silhouette habe ich heute kaum einen Blick, zuviel Schönheit ist auch langweilig auf Dauer. Ich schau lieber Menschen, da sind ja auch ein paar Schöne dabei.

Für die gehetzt wirkenden Jogger gilt das sicher nicht. Wovor laufen die nur alle weg?

 

Es gibt Momente voller Poesie zu bestaunen, zum Beispiel die Schlafende, die sich an ihre Satteltasche kuschelt. Ich unterdrücke den Impuls, ein Foto zu machen, das gehört sich nicht.

 

Wer einen Partner hat, der zeigt das, wer keinen, auch. Letztere haben sicher ihren Rilke gelesen und wissen, der Winter ist nicht mehr fern.

Es gibt etwa 50 Arten, auf der Wiese zu sitzen, hier kann man sie alle sehen.

 

Noch 23 km bis Meißen, das wird eng bis zum Sonnenuntergang. Ich sing mir selbst was vor im Kopf, was, das verrat ich nicht.

 

Wie immer ist ein hohes Verkehrsaufkommen zu verzeichnen, solange der Weg noch königlich breit ist, stellt das auch kein Problem dar.

Ein Ring liegt des Wegs, zum Schiffe-Festmachen, am Glockenspiel. Was der wohl alles schon gesehen hat. Ich halte ehrfurchtsvoll inne.

 

Am Park am Palais grüßt eine rätselhafte Plastik ein bisschen von oben herab. Ich glaube, einen Torso zu erkennen, aber bin mir nicht sicher. Es muss also Kunst sein.

 

Der Weg verschmälert sich baustellenbedingt. Nun sind Wille und Fähigkeit zur friedlichen Koexistenz gefragt. Mit beidem ist es nicht weit her, ich bin froh, als ich die Marienbrücken hinter mir habe.

 

„Ich bin das Licht der Welt – Jesus Christus“, so steht es an der Lagerhalle. Das wird schon seine Ordnung haben, aber ich frage mich, ob der Herr Jesus dann physikalischen Gesetzen gehorcht, wo der Strom dafür herkommt und ob er auch für Muselmanen leuchtet.

 

Ein freudiges Wiedersehen mit dem Lastenträger am Neustädter Hafen. Herr Meunier hat dem eine derartig unproletarische Eleganz verliehen, man mag glauben, er tanze heute abend an der Semperoper.

 

Den Hochgeschwindigkeitsradlern entziehe ich mich durch das Begehen der Hafenmauer. Aber lange kann ich meinen Sonderweg nicht gehen. Ich erreiche die Zone des hohen Bräunungsgrads, mit 100% Sonnenbrillenabdeckung.

Der Kalauer mit „City-Bitch“ ist natürlich viel zu billig, um hier verwendet zu werden.

 

Ein „Fun-Park“, soso. Leider hab ich keinen Spaß dran, Fun zu haben.

Die Zwischennutzungen müssen irgendwann der „Hafen-City“ weichen, wenn es denn jemand wagt, in großen Stil zu investieren. Ich find das nicht schlimm, „denn alles was entsteht, ist wert das es zugrunde geht“, und es gibt noch genug Brachflächen in Dresden.

 

Das Leben ist dann doch manchmal ein Ponyhof, ein kaum fassbares Idyll tut sich auf. Dann erblicke ich einen herrenlosen Einkaufswagen, ich habe aber keinen Möllemann-Chip dabei und lass ihn stehen.

 

Von vorn nähert sich ein bedrohliches Surren. Ein Herrenmensch auf teurem Gerät erwartet, dass ich mich in Luft auflöse oder zumindest zur Seite spritze.

Hah, aber heute hat er Pech. Er trifft auf El Pedestro, den Rächer aller Fußgänger. Henry Fonda vs. Charles Bronson, „Das Lied vom Tod“, Finale. Ich hab die besseren Nerven, fluchend geht der Billig-Armstrong in die Eisen.

Ich fürchte, seine Kanzlei wird morgen unter schlechter Laune leiden müssen.

 

Eine andere Sorte von Terroristen besitzt ein Motorboot. Und lässt das auch alle hören.

 

Der alte Kai hat schon lange keine Fracht mehr gesehen, auch wenn sich ein Gleis noch so elegant an ihn heranschwingt. Er dient heute anderen Freuden.

 

Immerhin fünf Flugzeuge werde ich im Laufe meiner Wanderung aufsteigen sehen. Na ja, wenn Börlin-Brrandenbörg-Internäschenel irgendwann mal fertig ist, kann der City-Beach dort oben in Klotzsche sicher die Hallen günstig nutzen.

 

Dem Diensthafen des Schifffahrtsamtes (dolle Technik) folgt jener des Sportvereins. Ein Kleinboot (sagt man so?) heißt „Freedom“, Kleine Freiheit Nr. 7 vielleicht. Ich würde mich auf der Nussschale eher eingeschränkt fühlen, aber das ist ja Ansichtssache.

 

Die Brücke über die Hafenzufahrt beweist, dass man in Dresden auch heute noch schöne Brücken bauen kann, wenn man will. Sie hat nur einen Fehler: Sie liegt im falschen Stadtteil. (Mein sehr eindeutiges Verhältnis zu diesem Drecksviertel setze ich als bekannt voraus, und wenn nicht, wurde das hiermit nachgeholt.)

 

Beim Watzke hat es einen vollen Garten. Nein, liebe Leute, nicht Bier-Garten. Ein solcher definiert sich erstens durch konsequente Selbstbedienung und zweitens durch die uneingeschränkte Möglichkeit, sich selbst sein Essen mitbringen zu können. Letzteres haben die Münchner Bürger in einer Art Revolution erkämpft und damit einen klaren Blick für das Wesentliche bewiesen. In Dresden steht diese Befreiung noch aus.

 

Wieder viele Brachflächen, zum Teil mit verwunschenen Ruinen bedeckt, zum Teil völlig leer (vgl. auch www.Cynal.de).

Die Hochwasserschutzmauer übt steinerne Gewalt aus, meine Güte, muss die wirklich so dick sein?

Aha, hier kommt das Fladenbrot her, von dem sich die Neustadt praktisch ernährt.

Eine Horde rüstiger Rentnerinnen naht lautstark, ich wünsche mich ans andere Ufer, rein physisch gesehen.

 

Oh, schon in Meißen? Nee, Mickten.

Frische Fische gibt es zahlreich, es ist die reine Freude, ihnen zuzusehen. Ich tu das ohne böse Absicht, im Gegensatz zu den Fischfängern, die ihre Beschäftigung als Entspannung ansehen. Über der Wasseroberfläche mag das auch so sein.

 

Trockenen Fußes durchquere ich den Flutkanal Zwo. Welch weise Entscheidung, jenen angelegt und vor Bebauung geschützt zu haben.

Die Sonne sinkt, ich singe mit. Gundermann, „Brunhilde“, ja, genau das:

„Und was sollte besser sein als so ein Abend im Frieden …“

Ich begegne einem Drohnenbastler, der seine Kamera an das fernsteuerte Fluggerät hängt. Das erreicht jetzt also auch den Freizeitbereich.

 

Die „Lindenschänke“ erinnert mich an andere Zeiten und trübt mir kurzzeitig die Stimmung. Andere, nicht bessere.

Aber der folgende Weg hellt alles wieder auf. Auf dem schmalen Pfad ist man vor selbstverwirklichenden Radfahrern sicher, der Uferkran Übigau grüßt schon von weitem.

Der Aufgang zum Schloss wirkt wie Pillnitz in runtergekommen, da wird sich sicher auch nicht so bald was dran ändern. Übrigens letztlich ein Kollateralschaden der Weltkulturenterbung, danke nochmal, ihr tapferen Brückenbauer.

 

Fluss-km 60, hier trifft Flutgraben Eins von links wieder auf die Elbe. Bei dem hat man schon gesündigt, das Kongresszentrum dürfte gar nicht da stehen, wo es steht. Bleibt zu hoffen, dass wir fortan von ähnlichen Dummheiten verschont bleiben.

Eigentlich müsste man aus künstlerischen Gründen zumindest einmal im Jahr beide Flutgräben mal fluten … und dann Inselfeste feiern. Welch schöne Luftbilder … Na gut, ich zieh die Idee zurück.

 

Auf der anderen Seite findet ein Wettrülpsen statt, auf der hiesigen kommen mir zwei Jogger mit Schnappatmung entgegen. Dass die sich beim Rennen auch noch unterhalten, bessert ihren Zustand sicher nicht. Die Gegend ist Landschaftsschutzgebiet, es sind ja auch alle Brücken schon gebaut hier.

 

Noch eine Hafenbrücke, diesmal zum Albert. Auch diese sehenswert, Fachwerk. Elbabwärts scheint ein besseres Pflaster zu sein dafür, die in Cossebaude ist ja auch gelungen.

Die Flügelwegbrücke besticht immerhin durch ihre Dimension, der man sich aber erst beim Nähertreten ganz bewusst wird. Zeit, den Spaziergang zu beenden, es dunkelt schon.

 

Warum heißen die fettesten Straßen in Dresden eigentlich immer „Weg“? Als Fußgänger kommt man sich hier asozial vor. Das denkt sicher auch der Busfahrer und ignoriert meinen wackligen Sprint.

OK, dann eben warten, [mod 15], wie wir vom Fach sagen.

 

Ich nutze die Zeit und entdecke prompt ein weiteres Kleinod, direkt hinterm DRK. Was mag das wohl gewesen sein? Alles verrammelt und blickdicht umzäunt.

Einer vom Wachschutz äugt misstrauisch, wenn er mich fragt, sag ich, ich sei bei der Egon Olsen Ltd. als Ober-Ausbaldower angestellt. (Ja, ich weiß, das heißt „Ausbaldowerer“, aber sprachlicher Feinklang geht vor Orthographie und Grammatik.)

 

Dann kommt der Bus und lässt mich am Elbepark umsteigen. Ich habe Zeit, mich weiterer Gundermann-Zeilen zu erinnern: „Das sieht aus, als ob ein Ufo dort gelandet wär, es glänzt wie gelogen und passt hier nicht richtig her.“

 

Die Antwort heißt auch heute Dreizehn. Sie bringt mich zurück ins Zähneviertel.

Und am Himmel hängt ein gelber Mond.

 

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