Kategorie: Krieg

Mischpoke ist kein Schimpfwort

Mischpoke“ , eine jüdische Chronik von damals bis heute, Regie David Benjamin Brückel, Texte Dagrun Hintze, Uraufführung der Bürgerbühne am Staatsschauspiel Dresden am 28. Februar 2015

Die müssen sich wirklich nicht wundern.

Wenn man so perfekt sämtliche Vorurteile und Zuschreibungen, die über die Juden existieren, daherbeten kann und das auch noch mit offenkundiger Freude tut … Da können die doch froh sein, dass sich der besorgte Bürger im Moment andere Gruppen sucht, die dran schuld sind.

Aber der Judenhass hat nicht nur hierzulande Tradition, und Bräuche werden nicht nur im Judentum gepflegt. „Ich habe ja nichts gegen Juden, aber …“ die Sprachschablonen sind wiederverwendbar.

Und dann schlagen die uns auch noch Zahlen-Daten-Fakten um die Ohren, dass es nur so knallt. Soso, es gibt also nicht „die“ Juden, sondern viele viele verschiedene, die sich nur darin einig sind, dass sie sich nie einigen können. Trotzdem sind die alle gleich. Als ob Fakten jemals etwas bewiesen hätten.

Besonders perfide ist es, das alles mit soviel Selbstironie und Witz vorzutragen. Das ist ja auch nur eine besonders raffinierte Form der moralischen Erpressung. Dass die noch lachen können, sogar über sich selbst … Die haben gefälligst die Shoa zu betrauern oder sich für Israel zu schämen. Am besten beides zugleich.

Wenn man wie ich auf dem geistigen Schoß von Yassir Arafat aufgewachsen ist und das Palästinensertuch zur pubertären Grundausstattung gehörte, weiß man von Hause aus nicht viel über die älteste der abrahamitischen Religionen. Bis heute ist auch im Dresdner Alltag wenig davon wahrzunehmen (was nicht vor der Sündenbock-Rolle schützen muss), die Synagoge steht zwar mittendrin, ist aber – von den einschlägigen Gedenktagen und der Jüdischen Kulturwoche abgesehen – nicht wirklich dabei. Ein guter Grund für die Bürgerbühne also, sich der Mischpoke anzunehmen.

(Bevor jemand den Korrektenrat anruft: Mischpoke steht im Hebräischen schlicht für „Familie“, der abwertende Unterton kam erst mit der Übernahme in die deutsche Umgangssprache hinzu.)

Es ist immer wieder erstaunlich, wie es der Bürgerbühne gelingt, mit ihren Akteuren ein derart breites Spektrum eines Themas abzudecken. Dabei zählt die jüdische Gemeinde in Dresden nur gut 700 Mitglieder, fast alle sind Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, die Hälfte davon ist im Rentenalter. Trotzdem: Vom israelischen Kriegsdienstverweigerer (was dort bei weitem nicht so smoothie ist wie vor deutschen Musterungskommissionen) über einen jungen deutschen Konvertiten und Zuwanderinnen aus Russland, die vor allem für die Zukunft ihrer Kinder nach Deutschland kamen, bis hin zur Tochter des Kommunisten und Schriftstellers Max Zimmering spannt sich der Bogen der zehn Menschen, „Durchschnitt“ ist keiner von denen. Aber zusammen geben sie ein faszinierendes Bild von dem, was heute Judentum ausmacht.

Zum Glück ist das Gezeigte alles andere als Belehrungstheater, auch wenn man am Ende deutlich klüger hinausgeht. Zehn Biographien, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, breiten sich aus, werden überblendet, man ist sich durchaus nicht immer einig auf der Bühne (eigentlich eher selten), aber darüber dann schon. Neben dokumentarischen Erzählungen der Protagonisten gibt es zahlreiche Spielszenen, die meist mehr oder auch mal weniger gut gelingen. Am berührendsten für mich war die Darstellung der Musterung von Ehud Roffe im Zusammenspiel mit Faina Lyubarskaja und Katja Schindler, aber auch die Bühnenpräsenz von Thomas Feske und dem zwölfjährigen Joshua Lautenschläger beeindruckten, nicht minder die Auftritte der Mütter Nichame Eselevskaya und Nataliya Berinberg.

Klar wird, dass die angeborene oder empfundene Zugehörigkeit zum jüdischen Glauben Identität stiftet, auch wenn die Ausländerbehörde keine jüdische Nationalität kennt. Wie man damit umgeht, entscheidet jede und jeder für sich selbst anhand der eigenen Erfahrungen. Und Israel ist für niemanden das „gelobte Land“, auch wenn die Haltungen zur Politik dieses Staates sehr unterschiedlich sind (wie übrigens bei den anderen Deutschen auch).

Die fast schon traurige Pointe: Juden sind wegen ihrer jahrtausendelangen Wanderungsgeschichte und den immer wieder nötigen Anpassungen der Prototyp des modernen Menschen, Kosmopoliten wider Willen, immer in mindestens zweien und damit zwischen allen Welten, mobil, heimatlos und frei, eine Avantgarde umständehalber. Dass das bloß nicht wieder jemandem Angst macht …

David Benjamin Brückel und Dagrun Hintze ist in ihrer jeweils zweiten Arbeit für die Bürgerbühne das Kunststück gelungen, ein äußerst komplexes Thema auf einen lehrreichen und dennoch unterhaltsamen Abend zu komprimieren. Unterstützt wurden sie dabei bestens von einer sehr raffinierten Aufklapp-Bühne (Jeremias Böttcher) und unaufdringlich-stimmiger Musik (Vivan und Ketan Bhatti).

Das Stück kommt (wenn auch ungeplant) zur rechten Zeit, um Herrn Netanjahus Aufruf zur Auswanderung etwas entgegenzusetzen. Nein, alle die hier sind sollen bleiben, egal welcher Religion sie sich zugehörig fühlen. Mehr als Mensch ist man sowieso nirgendwo. Dass sich auch niemand weniger fühlt, ist Aufgabe unserer Gesellschaft.

Warten auf das Geld

Kriegsmutter“, Tragödie von Data Tavadse, Übersetzung Natia Mikeladse-Bachsoliani, Regie Piotr Jedrzejas, deutsche Uraufführung am 20. Februar 2015 im Gerhard-Hauptmann-Theater Zittau

Dem Autor gelingen erstaunliche Sätze zum Krieg, Sätze, die wohl nur jemand finden kann, der aus eigenem Erleben schöpft. Sein Ansatz erinnert zuweilen an Beckett, ohne jenen zu plagiieren, da verzeiht man auch einige dramaturgische Unplausibilitäten zum Ende hin. Kammerspielartig wird über die Dialoge vom Krieg erzählt, es braucht keinen Schlachtenlärm dazu, die zurückhaltend-szeneriegerechte Musik von Slawomir Kupczak und die schäbig-raffinierte Bühne von Jan Kozikowski ermöglichen eine Umsetzung auf meist leise Art, das Regieteam vom polnischen Partnertheater leistete eine respektable Arbeit.

http://www.kultura-extra.de/theater/spezial/urauffuehrung_datatavadze_kriegsmutter.php

Der Schweiß von Schimanski

„mein deutsches deutsches Land“ von Thomas Freyer, Regie Tilmann Köhler, Uraufführung am Staatsschauspiel Dresden, gesehen am 30. Dezember 2014

Es ist alles schon gesagt.
Nein, ich will nicht auf den alten Kalauer „aber noch nicht von mir“ hinaus. Es ist wirklich fast alles schon geschrieben worden zu diesem Stück, das vor knapp vier Wochen Premiere hatte, auch in der Süddeutschen, auf nachtkritik.de, im Deutschlandfunk und in der taz wurde – völlig zu Recht – gejubelt. Mir bleiben da nur noch einige Anmerkungen zu Dingen, die ich nicht ganz gelungen fand.

http://www.livekritik.de/kultura-extra/theater/spezial/urauffuehrung_thomasfreyer_meindeutschesdeutschesland.php

Im Abendlande wird es früher dunkel

Die Überschrift ist nicht logisch, aber vieles heutzutage ist nicht logisch. Warum fühlen zum Beispiel einige Menschen im Moment derartige Phantomschmerzen, dass sie deshalb allmontagabendlich durch die Dresdner Innenstadt promenieren anstatt sich am Glühwein zu berauschen und Bratwurstfett auf die Funktionskleidung zu kleckern?

Unter einem schlecht ausgedachten Kürzel, das mich an irgendetwas zwischen Sanitärreinigung und Mitropa erinnert, sammeln sich heute also die Nachfahren der Kreuzritter. Jene, so darf man wissen, rekrutierten sich aus den zweit- und folgendgeborenen und somit erblosen Söhnen des Landadels, die mangels heimischer Beschäftigungsaussichten das Kreuz zu den Ungläubigen und fette Beute mit nach Hause zu bringen gedachten. Ein Hoch auf die Friedfertigkeit heutiger Wirtschaftsflüchtlinge!
Diese frühe Form der Entwicklungshilfe stieß bei besagten Ungläubigen, die das mit dem Unglauben übrigens genau andersrum sahen, auf wenig Gegenliebe, spielt allerdings in der Geschichtsschreibung der islamischen Welt kaum eine Rolle. So erfolgreich können die Missionen also nicht gewesen sein.

Jene heutigen Ritter vom Kreuz durch den Halbmond verteidigen also auf den Dresdner Straßen montags zwischen 6 und 8 Uhr abends ihr Märchenland, das man immerhin noch aus der (schlechten) Fernsehwerbung kennt, wenn auch immer seltener. Zum Anführer hat sich ein Lutz aufgeschwungen, dessen Nachnamen ich vergessen habe und für den Herr Brecht seinen Arturo Ui umschreiben müsste: Etwas weniger Raffinesse, dafür mehr Schnauzbart. Vorerst zumindest kann der gewesene Kleinkriminelle noch den Obermacker machen, bis er für die Bewegung nicht mehr nützlich, sondern nur noch ein Idiot ist. Dann müssen honorigere Männer und Frauen aus dem Wutvolke ran, ohne Vorstrafen, von Steuerdelikten vielleicht abgesehen, die sind ja eine Form des Widerstands gegen den von den Alis unterwanderten Staat.

Von „christlich“ ist übrigens in der putzigen Benamsung der Wandertruppe nicht die Rede, es bringt also auch nichts, an deren Nächstenliebe zu appellieren. Bis zum Übernächsten würde die ohnehin kaum reichen.
Wenn man aber so ausdrücklich „gegen“ etwas ist, liegt die Frage nach dem „Für“ nahe. Christianisierung? Hm, eher nicht. Religionsfreiheit? Gerne doch, ist aber mit dem „gegen“ nur bedingt kompatibel. Arisierung? Leider schon negativ besetzt.
Man merkt, den Freiheitskämpfern an der Heimatfront fehlt noch ein PR-Berater, mit dagegen allein kriegt man heutzutage keine Punkte mehr auf Dauer.

Wenn man das Thema mal quantitativ beleuchtet, relativiert sich dann doch vieles: Von den 15.000 Marschierern jene abgezogen, die als Volksdarsteller bei jeder dieser Gelegenheiten von Schneeberg bis Hoyerswerda präsent sind und jene, die das Umland bevölkern, bleibt allerhöchstens ein Prozent der Dresdner Bevölkerung, das sich hinter den vaterländischen Bannern versammelt. Und von denen hält sicher die Hälfte die Yenidze für einen Brückenkopf des Islam in unserer unschuldig-schönen Stadt.

Das soll jetzt nichts verharmlosen, auch mir ist klar, dass die mediale Reichweite deutlich größer ist als den paar Hanseln rechnerisch zustünde. So sind nun mal die Gesetze im Infotainment. Ob man das aber nun gleich willfährig als Niederlage verbuchen muss, wenn sich auf der anderen Seite einmal ein paar weniger der Mühe unterzogen haben, das Bild von Dresden wenigstens halbwegs zu retten, weiß ich nicht. Damit gibt man dem Gelatsche eine Bedeutung, die ihm nicht zukommt.

Bald ist Wintersonnenwende, die Tage werden wieder länger. Dann wird vielleicht auch Licht in den Hutznstubn des deutschen Geistes. Und bis dahin wünsche ich ein sehr unchristliches Wetter an jedem Montag abend.

Schalom,
Teich El Mauke

Etwas hat sich in Gang gesetzt

„…, und nichts kann es mehr aufhalten“, um einen Slogan des Deutschen Theaters Berlin, das mit seinem Jungen Theater hier ebenfalls vertreten sein wird, zu zitieren. Das erste deutsch-europäische Bürgerbühnenfestival hat am 17. Mai 2014 in Dresden begonnen, und zumindest in den nächsten sieben Tagen wird es den Rhythmus dieser Stadt maßgeblich bestimmen.

Sonnabendnachmittag, kurz vor 17 Uhr, es wuselt und quirlt derart vor und im Foyer des Kleinen Hauses, dass man eine erste Ahnung davon bekommt, welch logistischer Aufwand hinter diesem Festival steckt. …

Es dauert, ehe das Völkchen sich im Saal eingefunden hat, doch viertel sechs (für die Gäste: Viertel nach Fünf) geht es dann endlich los: Ein Chor aus siebzig Akteurinnen und Akteuren der Dresdner Bürgerbühne, in seiner Besetzung repräsentativ für die volle Breite der Spielenden, eröffnet mit einem Lied über dieselbe das Festival, gewohnt begeisterungsfähig und selbstironisch. „Party und Partizipation“ heißt das Motto, und man wagt auch den Blick in die Zukunft, wenn die Bürgerbühne erst zehn Jahre alt sein wird, steht bestimmt auch die erste Welttournee an. …

(Die gesehenen Stücke: „Die Klasse“ vom jungen theater basel und „Die letzten Zeugen“ vom Burgtheater Wien)

Der ganze Text:
http://www.livekritik.de/kultura-extra/theater/spezial/buergerbuehnenfestival2014_dererstetag.php

Ein perfekter Sonntagabend

Da sitzt einer – Heiko „Hesh“ Schramm, u.a. coloRadio-Macher – auf der kleinen Bühne vom Blue Note in Dresden-Neustadt.
Und singt. Und spielt. Auf elektrischen Gitarren. Irgendwo zwischen Tom Waits und Leonard Cohen.
Und erzählt. Über Literatur, amerikanische. Truman Capote und Norman Mailer, Ihr wisst schon. Und auch über Mrs. Rowlings ersten „Erwachsenen-Roman“.

Das Ganze fügt sich zu einem Gesamtkunstwerk.
Was will man mehr, an diesem ersten Dezembersonntagabend, von interessierten Stellen auch „erster Advent“ genannt?

Ein wundersamer Abend.

Heute vor fünfundsiebzig Jahren begann die Zerstörung Dresdens

Der neunte November 2013

 Johannes Lohmeyer, mit dem ich selten einer Meinung bin, hat heute diesen Satz verwendet. Egal, ob dies schon einmal jemand so sagte, für diese Äußerung gebührt ihm uneingeschränkter Respekt.

 Man muss sicher niemandem erklären, was es mit diesem Datum auf sich hat. Spätestens die frisch geputzten und mit Blumen und Kerzen geschmückten Stolpersteine stoßen auch den Letzten mit der Nase darauf, dass heute vor 75 Jahren in einem Land mitten in Europa Menschen ihre Mitmenschen überfielen, beraubten, erschlugen und ihre Gotteshäuser anzündeten. Gemeinhin wird dafür der verharmlosende Begriff „Kristallnacht“ verwendet, manche geben ihm mit dem Zusatz „Reichs-„ gar noch einen amtlichen Anstrich.

 Aber man muss das Pogrom nennen, genauso wie die vielen ähnlichen Untaten in den Jahrhunderten zuvor, in Deutschland und anderswo. Oder auch den Beginn des Holocaust.

 Es ist kein Trost, dass nicht nur das deutsche Volk in Abständen dem Verlangen folgt, einen Teil der Bevölkerung zu massakrieren. Man kann Verbrechen nicht miteinander aufrechnen. Und wenn auch in Polen, Ungarn und anderswo solche Gräuel vorkamen, dann ist das eine Schande für diese Völker. Wir Deutsche haben uns mit unserer eigenen Geschichte auseinanderzusetzen.

 Und da haben wir einiges zu „bieten“. Nicht nur einen perfekt organisierten Überfall auf eine Volksgruppe einschließlich eines Stillhaltebefehls an die Feuerwehren (nur in Halberstadt hatte man die Synagoge nicht angezündet, aus Angst um die umstehenden Fachwerkhäuser), sondern in der Folge auch den weltweit ersten industriellen Massenmord. Der Tod wurde zum Meister aus Deutschland, zum Diplom-Ingenieur des Menschenentsorgungswesens.

 Mich erfüllt tiefe Scham, nicht nur für die Generation meiner Großeltern, auch (fremd) für alle, die heute nichts dabei finden, das alles zu relativieren und den berühmten Schlussstrich ziehen wollen. Mord verjährt nicht, auch nicht Massenmord unter staatlicher Legitimation.

 Ja, heute vor fünfundsiebzig Jahren begann die Zerstörung von Dresden, am Hasenberg.

 

Tausend grobe Schnitzer sind nicht genug.

Schneeberg zum Zweiten.

 

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der beste Nazi im ganzen Land?“ So wird sich Apfel sicher seit Jahren vor dem Einbau-Schlafzimmerschrank drehen, wenn er sich morgens in den C&A-Anzug zwängt. „Natürlich Ihr, mein Führer“, wird der Spiegel vermutlich beflissen antworten.

Aber seit einigen Wochen bekommt Apfel, wenn er sich den obersten Hemdknopf zuwürgt, noch Folgendes zu hören: „Aber dort, hinter den sieben Schneebergen, gibt es einen Hartung, der ist noch tausendmal nazionaler als Sie.“ Man weiß, wie die Geschichte weiter geht.

 

Da sind sie also wieder lichtelgelaufen, die Kameraden, für’s Vaterland und gegen die Flüchtlinge, mit maximal tausenddreihundert Leuten, die sich auch schnell wieder verliefen. Einen Erfolg kann man das nicht nennen, zumal die Beteiligten sehr eindeutig gewissen Kreisen und/oder einem unteren IQ-Bereich zuordenbar waren. Und da musste dann auch eine NPD-Landtagsabgeordnete als Volkes Stimme herhalten (ein grober Schnitzer des MDR-Fernsehens), denn an richtigen Menschen mangelte es im Revier.

 

Schneeberg ist nicht das braune Nest, wie von einigen erhofft und von vielen befürchtet. Dennoch wird die NPD hier eine Wahlkampfzentrale errichten und weiter lichteln, was bleibt denen auch übrig? Andere Kernthemen wie Autowaschen am Sonntag und volkstümliche Autokennzeichen hat ja schon die sächsische FDP besetzt.

Und vom Hartung wird man noch viel hören. Wer mit 24 Jahren schon so ein Demagoge ist, der taugt auch zum Reichsjugendführer.

Aber eine große Gruppe von friedlichen Gegendemonstranten macht Hoffnung, dass sich der braune Qualm bald wieder verzieht und den Blick freigibt auf die Aufgaben, die wir (unter anderem) haben: Für ein menschenwürdiges Dasein der Flüchtlinge zu sorgen, die aus den verschiedensten Gründen hier stranden. Das ist unser Land der Welt schuldig, nicht erst, aber besonders seit dem zweiten Weltkrieg.

 

 

Hamsterrad mit Granaten, waagerecht

 

„Marathon“ von Aharona Israel, ein Tanz-Theaterstück, Gastspiel im Rahmen der 17. Jüdischen Musik- und Theaterwoche am Societätstheater Dresden, gesehen am 25. Oktober 2013

 

 Wenn man wie ich auf dem geistigen Schoß von Yassir Arafat aufgewachsen ist und das Pali-Tuch zur pubertären Grundausstattung gehörte, tut man sich erst einmal schwer, die israelische Gesellschaft zu begreifen. Ein Land der extremen Gegensätze, zwischen Orthodoxen und dem Strand von Tel Aviv, mehr und mehr von einem russischen Jungbrunnen aus Menschen gespeist und von den allgegenwärtigen Bomben und Raketen mühsam zusammengehalten? Vielleicht auch.

Ich weiß viel zu wenig über die „Palästina-Frage“, über Jerusalem oder die Golanhöhen, um mich hier eindeutig positionieren zu können. Aber über die Menschen in Israel, da weiß ich seit heute einiges mehr.

 

Aharona Israel, Choreographin und Performerin, inszeniert ihren „Marathon“ als ewigen Lauf im kleinen Kreis, ohne Pause, nur unterbrochen von Kommandos, Change! für den Richtungswechsel, Hora! für den Tanz, Schickse! angesichts eines unziemend daherkommenden Mädchens, Aufrecht! für die Haltung, Granate! für das, was allgegenwärtig ist.

Am Start: Ein junger Mann mit aus der Kindheit stammendem Scheidungstrauma, eine orthodox erzogene junge Frau, die dann doch lieber tanzt als zur Armee zu gehen und ein russischer Einwanderer mit abgöttisch geliebtem Sohn, der nicht russisch sprechen darf, weil seinen Vater das Heimweh plagt. Eine Avocado ist nun mal keine Kartoffel.

 

Am Anfang sind alle voller Disziplin und Aufopferungsbereitschaft in dieser Gesellschaft unter permanentem Druck, doch man merkt schnell, wie dicht am Wahnsinn das alles hier gebaut ist. Wir wandern, nein rennen durch den Psychosengarten. Das Mädchen will eine vorbildlich trauernde Schwester sein und schafft es doch nicht, der Junge beginnt nach dem Sinn des Ganzen zu fragen und lebt in seinen Alpträumen, dem Vater steht „njet“ in der Hand geschrieben. Kaputt das alles, am Ende sieht man es auch deutlich. Die Bewegungen werden langsamer, ersterben fast.

Dann gehen die Zuschauer, einer nach dem anderen, überlassen die Protagonisten ihrer Welt, die aus einem waagerechten Hamsterrad besteht, mit Granaten.

 

Das ist nicht nur großartig gespielt, das ist hervorragend getanzt und einen ergreifenden Text hat es außerdem. Die drei Darsteller – deren Namen das Programm leider nicht verrät – zeigen nicht nur sportliche Höchstleistungen, sie bringen uns die Israelis nahe, ganz nahe.

Ein phantastischer Abend.

 

Die Schuld der späten Geburt und die Schuld der Geburt überhaupt

„Ein Stück von Mutter und Vaterland“ von Bozena Keff, Regie Jan Klata, Gastspiel des Polski Teatr Wroclaw im Rahmen der 17. Jüdischen Musik- und Theaterwoche am Staatsschauspiel Dresden am 24. Oktober 2013

 

 

Haben Sie schon mal drüber nachgedacht, dass Sie mit Ihrer Geburt erst deutlich nach dem großen Krieg Schuld auf sich geladen haben, weil sie sich damit dem damals erlittenen Leid feige verweigerten?

Und dass Sie überhaupt mit Ihrer Geburt dem Leben Ihrer Mutter eine irreversible Wendung gaben, an deren Folgen sie noch heute laboriert? Nein? Dann wird es Zeit.

 

Es beginnt klatanesk, ein bildmächtiges, lautes Intro. Silhouetten im Halbdunkel auf der Bühne, nicht wirklich Menschen, die Schatten sprechen und singen im Chor, vor vier blechernen Ungeheuern von Schränken auf Rollen, die Bühnen in der Bühne bilden. Quälendes Licht, tödlich laute Musik. Das wird kein Milchkaffee-Theater, soviel ist klar.

 

Die Mutter erscheint Ripley (ja, dieser Ripley) als Alien, oder erscheint das Alien als Mutter? Von Anfang an ist es schwer, der Handlung – sofern vorhanden – zu folgen, die deutschen Übertitel helfen, hindern aber auch durch das Hin-und-her-springen-müssen der Augen. Gut, das kann man einer polnischen Inszenierung in Dresden kaum vorwerfen. Da muss man halt durch.

 

Es ist ein harter Stoff, nur selten aufgeweicht durch szenische Einfälle wie das Klapperschlangenballett. Klata verbraucht Darsteller und Zuschauer, eine Zumutung, im positiven Sinne.

Sechs Akteurinnen (einer davon im Prinzip männlich), mit blonden Mähnen und gedrehten Zöpfchen angetan, klischeegerecht, aber sonst ist da nicht viel klassisch. Sie springen ständig zwischen Mutter, Tochter und Vaterland.

 

Im Prinzip – wenn ich es recht verstanden habe – geht es um die zwei Grundthemen, die eingangs schon kurz beschrieben wurden. Man könnte auch sagen, es geht um Generationenkonflikte unter besonderen geschichtlichen Umständen, und um Selbstgerechtigkeit. Die einen sind ein für allemal geadelt durch das Überleben des Holocaust und vermissen den ihnen geschuldeten Respekt, den anderen geht das ständige Erzählen von früher langsam auf den Sack.

Oder, auf eine private Ebene gebracht: Die Mutter verlangt ewige Dankbarkeit für den Akt des Gebärens, für die Tochter ist es irgendwann auch mal gut damit.

Das klingt beides nicht nach Koalitionsvertrag am Ende.

 

Den vorwurfsvollen Sermon der Mutter, der immer wieder ausgewalzt wird in den Minibühnen, die dann ein (Plattenbau-) Wohnzimmer bilden, kennen sicher viele. Du kümmerst Dich nicht um mich, mein Leben ist Dir egal, und meine Krankheitsbilder erst recht. Demütig nehmen die Töchter die Vorwürfe entgegen, zu demütig, finde ich.

Doch man merkt, dass das eine besonders subtile Form der Machtausübung ist, ein Materpatriarchat. Die Kinder sind schuld, von Anfang an, und sollen ihre Schuld nun mit Zuwendung abtragen.

 

Nein, das ist nicht mütter-, schon gar nicht frauenfeindlich, die Autorin Bozena Keff ist über diesen Verdacht erhaben. Aber sie stellt interessante Fragen, ohne Antworten dazu zu liefern. Wie auch?

„Die Mutter aus dem Schrank“, um mal einen Dresden-Bezug herzustellen, erscheint immer wieder und nervt. Aber was bleibt ihr auch übrig?

 

Das Stück endet fast versöhnlich, mit einem schönen barocken Satzgesang, tolle Stimmen. „Der (nicht vorhandene) Vorhang zu, und alle Fragen offen“. Muss man halt selber nach-denken.

 

Ein Donnerhall an Applaus, gemischt mit Begeisterungsschreien im fast vollen Kleinen Haus. Völlig zu Recht.