Kategorie: Allgemein

Flagge zeigen, und Gelassenheit

Fassen wir mal zusammen:

Zum ersten Mal seit Jahren gab es an einem 13. Februar in Dresden keine Groß-Eskalation mit Medien-Hype: Keine geräumten Blockaden, keine Kolonnen dutzender Blaulicht-Wagen mit Höchstgeschwindigkeit, keine verletzten Demonstranten, keine kreisenden Hubschraubergeschwader, keine braune Horde, die sich irgendwo die Beine in den Bauch steht, um dann ein paar Schritte Gassi zu gehen (wenn überhaupt) und vermutlich auch keine Strafverfahren im Nachgang.

Dafür gab es einen „Rundgang Täterspuren“, der von Jahr zu Jahr besser besucht ist und nun endlich auch die offizielle Anerkennung bekommt, die ihm von Anfang an zugestanden hätte sowie eine erneut funktionierende Menschenkette, von der die Nazis im Nachgang sicher behaupten werden, sie wären in großer Zahl dabei gewesen.

 Und außerdem gab es diesmal an einem 12. Februar einen überschaubaren Zug von Neo- und Altnazis durch Dresden, der nicht verhindert werden konnte, u.a. weil die Gesetze eben auch für jene gelten, die sie sofort abschaffen würden, wenn sie an die Macht kämen.

So what? Dresden besitzt nicht jene heilige Erde, zu der sie gelegentlich hochstilisiert wird, sondern ganz normalen Mutterboden, wie Magdeburg, Coventry, Rotterdam oder Köln und Nürnberg auch. Wenn man keinen Opferkult will, sollte man auch keinen Anti-Opfer-Kult betreiben.

 Es gibt nun mal Nazis. Dies wird nicht einmal der schwarze Block (der einen Teil seiner Selbstlegitimation auch aus dieser Tatsache bezieht) bestreiten wollen. Es gibt auch Mückenplagen, und gelegentlich eine Überschwemmung. Ganz wird man die Dummheit auf der Welt ebenso wenig ausrotten können wie die Naturkatastrophen (zumal wenn man es diesen durch soziale Ungerechtigkeit ebenso leicht macht wie jenen durch ökologische Unvernunft).

Und solange es Organisationen gibt, die Nazi-Ideologie und faschistoides Gedankengut verbreiten und dennoch nicht verboten sind, werden diese auch Veranstaltungen durchführen, schon aus dem Willen heraus zu beweisen, dass sie dies noch können.

 Aber wollen wir wirklich unsere Kraft und Lebenszeit darauf verwenden, deren Aufmärsche und Kundgebungen stets und ständig zu verhindern, seien sie auch noch so armselig? Davon wird keine umgebrachte Jüdin wieder lebendig, und auch nur einen aus dem braunen Häufchen damit zu bekehren, halte ich für unrealistisch.

 Es gibt Anlässe, da möchte auch ich definitiv keinen Nazi durch Dresden latschen sehen. Der 13. Februar ist so einer, der 17. Juni übrigens auch, wie der 13. August und natürlich der 9. November (aus beiden Gründen). An diesen Tagen kann man seinen Arsch gern mal hochkriegen und das tun, was man glaubt vertreten zu können vor Gesetz und Gewissen, im Zweifel vor letzterem.

Aber soll ich nun künftig meine Zeit darauf verwenden, denen das Demonstrieren überall und immer unmöglich zu machen, die meist dank unseres Sozialsystems doch sowieso deutlich mehr davon haben als ich oder diese von ihrem Wachschutz-Drogendealer-Chef als Arbeitszeit angerechnet bekommen? (Ist es am Ende das, was sie erreichen wollen?)

 Das fällt aus. So wichtig ist das Pack nicht, weder für mich noch für den Weltenlauf. Sollen sie doch auch noch am 3. März trampeln, oder am 1. April, oder vielleicht am 24. Dezember. Die Sonne wird auch am Morgen danach wieder aufgehen.

Die sind nicht wichtig. Die sind irrelevant, diese dicklichen Typen in ihren Knobelbechern, underfucked und unterbelichtet. Ich lass mir von denen weder die Zeit stehlen noch den Tag vermiesen.

 Zumal es deutlich Gefährlichere gibt als jenes Fußvolk, das zum Demonstrieren herangekarrt wird und dies auch noch selbst bezahlen muss. Die Verachtung ihrer Führer ist jenem genauso gewiss wie die unsere. Das sind am Ende nur arme Deppen, geistig und materiell.

Doch die Salonnazis, die nicht nur in den extremen Vereinen Europas, sondern auch an den Rändern einiger etablierter Parteien auftauchen, die trifft man kaum auf der Straße, und wenn doch, würde man sie nicht erkennen. Aber diese sind ungleich gefährlicher, nur mit Blockaden allein sind sie nicht zu verhindern. Durch deren Karossen kommt man nur mit Spezialgeschossen … (um Gottes Willen, das ist nur ein Zitat, übertragen gemeint, was dachtet Ihr denn?)

 Also lassen wir uns den Tag nicht verderben, und den Abend schon gar nicht. Der braune Pöbel hat gekniffen am 13. und sich dafür eine Kompensation am 12. zu schaffen versucht.

Aber das interessiert am Ende doch keinen. Da hätten sie auch gemeinsam in die Elbe pissen können, irgendeine völkische Bedeutung wäre ihnen schon eingefallen.

 

Aus der anderen Welt

Aus der anderen Welt

Noch bis zum 28. März 2014 – Villa Eschebach (Dresden)

ALIEN VS. PREDATOR

eine Ausstellung von Viktoria Graf und Stephan Anselm Ruderisch

Was immer Ihr wollt

Was immer Ihr wollt

„Die zwölfte Nacht oder Was ihr wollt“ von William Shakespeare, neu übersetzt von Frank-Patrick Steckel, gesehen in der Regie von Andreas Kriegenburg am Staatsschauspiel Dresden am 8. Februar 2014 (Premiere)

Birth – (School) – No Work – Death

„Ilona.Rosetta.Sue“ nach Aki Kaurismäki, Luc und Jean-Pierre Dardenne sowie Amos Kollek, Regie Sebastian Nübling, Dramaturgie von Eero Epner und Julia Lochte,

Koproduktion mit dem Theater NO99 (Tallinn) und mit dem KVS (Bruxelles), gesehen in den Münchner Kammerspielen am 2. Februar 2014

  

Kann man Filme auf die Bühne bringen? Ja. Man kann alles auf die Bühne bringen.

Kann man drei Filme gleichzeitig auf die Bühne bringen? Vielleicht. Wir werden sehen.

 Am Anfang des Abends steht eine sehr souveräne und verständliche Einführung der Co-Dramaturgin Julia Lochte (eine Vermutung, ich kam rufgerecht etwas zu spät und konnte das nicht verifizieren). Jene verbale Handreichung ist sehr sinnvoll, wenn man den Stückansatz von Anfang an begreifen möchte, das ausgezeichnete Programmheft hilft da aber auch weiter.

 Drei Filme, drei Geschichten von unten, aus dem Lumpenproletariat (wie es klassisch heißt) oder besser Prekariat (wie wir Hobbysoziologen heute sagen) – alle ohne den Hauch einer Chance, gut zu enden – werden verwoben miteinander zu einem Bühnenstück. Und als ob das nicht reichen würde für eine theatrale Herausforderung, spielen Darsteller aus vier Nationen (wenn man die ostdeutsche einzeln zählt) in ihrer Muttersprache und auf Englisch, das sie alle mehr oder weniger beherrschen. In Berlin hätte man das vermutlich so schlicht in den Saal geballert, aber die liberalitas bavariae gönnt dem Zuschauer Übertitel, wenngleich diese gelegentlich mit dem Timing Probleme haben, die Einblendungen, mein ich.

 Apropos Saal: Jener ist von Hause aus recht finster, fast höhlenartig. Auch die Flure sind sehr verwinkelt, die Gastronomie wirkt (ausgerechnet in München) spärlich, doch das zahlreiche Personal ist dafür äußerst zuvorkommend.

 Aber zurück zum Stück: Drei Theater sind an der Produktion beteiligt, neben dem Hausherrn Münchner Kammerspiele noch das (freie?) Theater NO99 aus Tallinn, der theaterverrücktesten Stadt der Welt, wenn man den Berichten glauben darf (ein Vorstellungsbesuch pro Jahr und Einwohner im statistischen Mittel), und den afrikanischen Kontinent deckt das KVS aus der Hauptstadt des Königreichs Belgien ab, das auch schon mal größer war, in der sogenannten guten alten Zeit.

 In allen drei Filmen, die die Grundlage der Produktion bilden, geht es um scheiternde Existenzen aus den Niederungen der Gesellschaft, überall ist von Anfang an klar, dass sie keine Chance haben werden, aber wie sie versuchen, diese dennoch zu nutzen, ist wesentlicher Inhalt der Filme.

Ilona aus Kaurismäkis „Wolken ziehen vorüber“ hat anfangs immerhin noch ein kleines Idyll mit ihrem Mann Lauri, das aber schnell zerfällt nach dem Jobverlust von beiden und nicht mehr wiederentstehen will und kann. „Sue“ (Amos Kollek) handelt von einer, die an ihrer Einsamkeit zerbricht und am Ende nicht mal mehr in der Lage ist, sich retten zu lassen. Die Brüder Dardenne beschreiben mit „Rosetta“ schließlich einen darwinistischen Überlebenskampf ganz ganz unten, in dessen Verlauf die Titelheldin erst die alkoholabhängige Mutter, dann die Würde und am Ende sich selber verliert.

 Und das passt nach München, in die Schickeria-Metropole? Durchaus. Wer annähernd weiß, was oftmals hinter der Bogner- und Operpollinger-Tarnung steckt (z.B. Löcher von Wohnungen, für die man vierstellige Monatsmieten zahlt) und wer beobachtet, wie lang man sich auch im „Tambosi“ am Latte festhält, kann sich vorstellen, dass im Publikum nicht nur Beobachter sitzen. Die Angst vor dem sozialen Abstieg ist oben am größten.

 Aber wie wird das nun auf die Bühne gehoben? Klassisch modern. Die Geschichten werden eingeführt, an-erzählt, danach immer wieder wechselseitig überblendet durch ad hoc – Rollenwechsel der Schauspieler (die allesamt hervorragend sind) und später auch irgendwie fast parallel zu Ende gebracht. Dabei ist einem Füllhorn von Regieeinfällen beim Ausgekipptwerden zuzusehn, das natürlich auch von der Phantasie der Filmregisseure profitiert.

Meine Lieblingsszenen: Der letzte Walzer im „Dubrovnik“, das Armdrücken mit dem Amt, der „Hans im Glück“, als Lauri (Steven Scharf wunderbar lakonisch) den Erlös des frisch vertickten Buick beim Straßenroulette verjubelt, die Selbstdemütigung von Sue (grandios Wiebke Puls) beim Prostitutionsversuch, der nur zur Kleingeldprinzessin reicht, aber auch ihr kurzer Hoffnungsstrahl mit Ben, der bezaubernd gespielt wird von Rasmus Kaljujärv, die vier Wochen Glück für Ilona (die Kongolesin Starlette Mathata mitreißend) in der „Honolulu-Bar“, Marika Vaarik als Rosettas vor der Entziehungsanstalt flüchtende Mutter (und in allen anderen Rollen), undundund.

Doch die Krönung all der schön-schrecklichen zwei Stunden: Mirtel Pohla als Rosetta. Wie die präsent ist, wie die anspielt gegen das unabänderliche Schicksal, wie die am Ende an ihrem Verrat verzweifelt und die Propangasflasche bemüht … den Namen werde ich mir merken, merken müssen, was soll man da auch dagegen tun, er brennt sich ohnehin ein.

 Sebastian Nübling ist eine großartige Inszenierung gelungen. „Erst wenn Du nichts mehr hast, bist Du frei“, man kann den Satz durchaus auch als zynisch begreifen. Der Krönung mit dieser phantastischen Schlussszene, den im Kreis schwingenden, rauschenden Mikrofonen, hätte es dafür gar nicht mehr bedurft, aber umso besser, wenn solch eine herz- und verstandergreifende Szene das Stück beendet.

Ein wunderbarer Abend, auch wenn er nicht leicht zu ertragen war. Aber Theater ist ja nicht nur zum Spaße da.

 PS: Warum gehen Menschen vorzeitig aus einem Stück?

Meine These ist: Aus Überforderung, auch wenn sie sich das selbst gar nicht eingestehen werden wollen. In München schlug eine Saaltür schon nach fünf Minuten nach einer recht harmlosen Sexszene (gut, gleich um die Ecke ist das Hofbräuhaus, da war der Betreffende sicher besser aufgehoben, aber auch die Kirche Unserer lieben Frauen ist unweit vorhanden), doch dann klappte die Tür in unschöner Regelmäßigkeit.

Zweite These: Manche wollen das nackte Leben vor der Garageneinfahrt der Doppelhaushälfte nicht sehen, ertragen es einfach nicht. Das muss man ja irgendwie doch ein bisschen respektieren.

Euphorie im Sitzen

Das Figaro-Studiokonzert von Suzanne Vega am 24. Januar 2014 in Leipzig

 Das war schon respektabel, was die nordamerikanische Ausnahmesängerin und ihr nicht minder hochklassiger Elektrogitarrist Jerry Lennart da boten, in der Theaterfabrik Sachsen, welche in Leipzig situiert, jener inzwischen größten Stadt besagten Landes, weswegen das mit dem Namen schon in Ordnung geht, dem der Location meine ich.

 Der Jahres-Tourauftakt erfolgte mit einem Studiokonzert für das Radio, eine neue Platte ist seit einigen Wochen draußen, was in einem Vierteljahrhundert Suzanne Vega bisher erst siebenmal geschah, die Dame veröffentlicht wohldosiert. Wie der MDR zu dieser Ehre kam, ist mir nicht ganz klar, beweist aber, dass die interessierte Fachwelt sehr wohl unterscheiden kann zwischen dem inzwischen auch bundesweit gut positionierten hiesigen Kulturradio und dem maximal mittelmäßigen Rest der Anstalt.

 Zur (kostenlosen) Karte kam ich übrigens wie die ältliche Jungfer zum Kind, nach mehreren vergeblichen eigenen Versuchen wurde ich dann sozusagen adoptiert und mitgenommen. Am Ende kommt alles wie es kommen muss.

Das Anwärmen des natürlich vollbesetzten schönen Saals wäre so vermutlich gar nicht nötig gewesen, aber auch beim Öffentlich-Rechtlichen geht man inzwischen auf Nummer Sicher und überlässt auch den Jubel nicht dem Zufall.

 Und da war sie dann nun, Suzanne Vega, deren Psychotherapeutinnenstimme ich bislang nur aus dem Radio kannte. Eine zierliche Person, im Outfit ein wenig an den „Blauen Engel“ erinnernd, den Marlene on the Wall einst verkörperte, wenn auch mit ohne Strapse.

Mit jenem Hit fing es auch an, man muss die Menschen dort abholen wo sie sind.

 Von Anfang an herrschte eine Stimmung im Saal, die man mit kuschlig-weihevoll am ehesten beschreiben kann. Andächtige Stille, disziplinierter Beifall, Euphorie, aber im Sitzen.

(Ich hab leider generell ein Problem mit Sitzkonzerten, von der Staatskapelle vielleicht mal abgesehen, weil Musik dann doch irgendwie immer auch in den Körper geht und man diesem Gefühl dann gern Raum geben mag, und sei es durch gemessenes Schwanken wie die Eiche im Wind, aber es sollte heute nicht sein. So wiegte ich wenigstens den Kopf im Rhythmus der wirklich schönen Melodien.)

 Suzanne Vega spulte ein Programm ab, das nicht wirklich überraschend war, aber man hatte nie das Gefühl einer Routineübung. Da war viel Professionalität auf der Bühne. Wenn man zudem das Glück hat, von einem begnadeten Gitarristen wie Jerry Lennart kongenial unterstützt zu werden, kann man auch als Duo einen Saal vollauf zufriedenstellen, zumal man bei den glücklichen Kartengewinnern ohnehin offene Türen einrannte.

Da macht es auch nichts, dass die neuen Songs so klingen wie die alten. Das ist halt der Suzanne-Vega-Sound, seit Jahrzehnten perfektionierte Wellness für die kultivierten Ohren. Als die E-Gitarre mal kurz etwas lauter wurde, war der emotionale Höhepunkt des Abends erreicht.

 Vielleicht würde ich anders urteilen, wenn mein Thekenenglisch für das Verständnis der Texte ausreichen würde. Doch diese Dimension des Schaffens von Vega bleibt mir vorerst verschlossen. (Wenn ich es später noch richtig lerne, will ich mich gern korrigieren.)

 Nach einer im Wortsinne guten Stunde das vorläufige Konzertende, drei Zugaben folgen noch. Der Beifall wird zum Schluss hin heftiger, „Luka“ und „Tom’s Diner“ tun ihre Wirkung. Dann noch Signierstunde im Foyer, und die neue CD gibt es vorfristig. Was will man mehr?

 Äh, ein paar Überraschungen vielleicht. Ein musikalischer Kontrapunkt, eine Coverversion von Cash, von mir aus auch von Madonna, irgendetwas Unerwartetes. Gern auch ein Moment der Hässlichkeit im konstant Schönen.

 So bleibt mir als Fazit, dass ich mich – unbestritten auf sehr hohem Niveau – dann stellenweise – Pardon, Verehrteste, halten zu Gnaden – dann doch stellenweise etwas gelangweilt habe.

 PS: „In Liverpool“, mein Lieblingslied, hat sie übrigens nicht gespielt. Vermutlich ahnte sie meine Insubordination. Geschieht mir recht. Muss ich es halt nachher zuhause hören.

 

Die Sieben ist zu wenig, weil zu viel

Die Variante 7 zum Ausbau der Königsbrücker Straße: Eine Planung auf dem Weg, aber noch lange nicht angekommen

  

Da haben es die Bürger*innen der Neustadt also geschafft. Es war ein Durchbeschließen geplant, die Variante 7 sollte in der Januarsitzung des Stadtrats diskutiert und beschlossen werden. Dazu wird es nun nicht kommen. Allein das ist ein Erfolg.

 In der Einwohnerversammlung, die schließlich am letzten Freitag (17. Januar 14) auf massiven Druck der Anwohner und vieler Initiativen dann doch stattfand, hatten es die Vertreter von Stadtspitze und DVB (die Herren Hilbert, Marx, Koettnitz und Zieschank) schwer. Trotz dessen sie (H. Koettnitz) anschaulich und technisch hochgerüstet die aktuelle Planungsvariante 7 präsentierten, engagiert die Belange der DVB vertraten (H. Zieschank) und souverän und mit erkennbarer Distanz zum Ganzen die dreistündige Veranstaltung moderierten (H. Hilbert), wehte ihnen aus dem mehr als vollen Saal im Kulturrathaus (um die 350 Menschen waren gekommen und hielten bis zum Ende aus) ein scharfer Wind entgegen.

Und dieser bestand keineswegs nur aus gefühligem Unbehagen, sondern aus sehr konkreten Einwänden aller Couleur. Auch wenn man anerkennen kann und muss, dass die aktuelle Variante 7 sich deutlich positiv von der bislang favorisierten Nummer 5 abhebt, weil sie auf die schlimmsten Auswüchse im Sinne einer „leistungsfähigen Verkehrsanlage“ – wie der Bürgermeister für Stadtentwicklung (!) und Bau Herr Marx gern seine Ausbauziele beschreibt – verzichtet. Dennoch ist sie alles andere als stadtteilgerecht, was die Anwesenden auch deutlich zum Ausdruck brachten.

 Letztlich lassen sich (fast) alle Streitpunkte an einer einzigen Frage festmachen:

Ist und soll die Königsbrücker Straße im Abschnitt zwischen Albertplatz und Stauffenbergallee nun eine Hauptverkehrsstraße sein oder nicht?

 Dass Herr Marx die eindeutige Meinung des Saals als „bekanntes St.-Florians-Prinzip“ verunglimpfte, trägt zur Wahrheitsfindung nicht bei, dafür aber einige Fakten. In und aus Richtung Norden stehen dem überregionalen Verkehr zwei leistungsfähige Hauptachsen zur Verfügung: Die eine führt von landwärts kommend über die Hansastraße zur Marien- und zur Carolabrücke, die andere verläuft über den nördlichen Abschnitt der Königsbrücker Straße und die Stauffenbergallee zur Waldschlösschenbrücke. Dort gehören die Pendler und der altstadtgerichtete Einkaufs- und Lieferverkehr hin, aber nicht auf die nahezu intakte Gründerzeitallee „Köni“ zwischen Hechtviertel und Äußerer Neustadt.

 Und so war es fast schon absurdes Theater, als Herr Koettnitz auf Nachfrage zwar den aktuell durch die Bürgerinitiative gemessenen Belegungswert von noch 14.000 Fahrzeugen täglich bestätigte, aber auf die offiziellen Prognosen verwies, die (ohne „Waldschlösschenbrücke“ wohlgemerkt) eine Belastung von 23.000 Kfz/d orakeln würden. Man muss sich im Verwaltungsrecht schon gut auskennen, um diese Story nicht umgehend Kafka zuzuschreiben.

 Eine neue offizielle Messung gibt es leider nicht, schon gar keine Prognose. Und so wird für eine Belastung geplant, die diese Straße nie (wieder) erreichen wird, weil die Verwaltungsrichtlinien dies so vorsehen. Man könnte verzweifeln, wüsste man nicht, dass diese Planung noch ein Planfeststellungsverfahren zu bestehen hat, in welchem man als Anwohner und als „Träger öffentlicher Belange“ (wie es NaBu, Grüne Liga, BUND und einige andere sind) unter anderem genau diese Angemessenheit hinterfragen kann.

Insofern wirkte der Optimismus von Herrn Zieschank, nun bald mit dem Bau beginnen zu können, bei einem alten Fahrensmann wie ihm dann doch ein wenig aufgesetzt. Auch er weiß, dass sich alle Interessierten spätestens vor dem Verwaltungsgericht wiedersehen werden, wenn man versuchen sollte, diese Variante 7 durchzusetzen.

 Derzeit sitzen die Mitarbeiter des Straßen- und Tiefbauamtes daran, die zahllosen Einwendungen aus der Versammlung für den Stadtrat aufzubereiten. Das kann dauern, ein Verwaltungsmitarbeiter hat einen Acht-Stunden-Tag und auch noch andere Dinge zu tun. Dann müssen noch die Ausschüsse des Stadtrates sich mit dem Thema beschäftigen. Wann eine Beschlussfassung im Stadtrat erfolgt, ist aus heutiger Sicht völlig offen.

 Vielleicht – dies nur als Rat eines Außenstehenden – sollte man einfach mal einen Gang runterschalten in dieser Sache. Ende Mai sind Stadtratswahlen, kann doch sein, dass die Karten dann neu gemischt werden. Was nutzt es denn, jetzt noch mit Gewalt einen Beschluss durchzupeitschen, der dann ohnehin von den Gerichten zerpflückt wird? Das verschwendet nur unser aller Geld.

 

 Von diesem großen Thema „künftiger Hauptzweck der Straße“ abgesehen, gibt es so viele Detailpunkte, die kritisch sind, dass ich nur einige hier herausgreifen will:

  • Wie wird gewährleistet, dass die zahlreichen schützenswerten Bäume an der Straße nicht nur formal erhalten werden, sondern vor allem ihr Wurzelwerk so geschützt wird, dass sie auch eine Überlebenschance haben?
  • Wie schafft man Querungshilfen für diese Straße, die die beiden kinderreichsten Viertel Dresdens voneinander trennt? Wirklich nur mit Bettelampeln? Wäre nicht ein begehbarer Mittelstreifen angebracht?
  • Warum muss man den Abschnitt vom Albertplatz bis zur Schauburg verkehrsplanerisch genauso behandeln wie jenen anschließenden bis zur Stauffenbergallee? Hier liegen völlig andere Nutzungsverhältnisse vor, warum greift das Stadtplanungsamt hier nicht ein? Im ersten Abschnitt sind dann auch 30 km/h völlig angemessen, trotz des Wehklagens der DVB.
  • Braucht man tatsächlich die regulären breiten Radwege aus der RAS oder tut es vielleicht ein Angebotsstreifen abschnittsweise auch?
  • Muss man wirklich die klassische Verkehrsplanerregel „die Strab-Haltestelle gehört vor den Knoten“ in jedem Einzelfalle sklavisch befolgen? Vor der Schauburg wäre mit einem Tausch (der übrigens, oh Wunder, auf der Kreuzung Bautzner / Rothenburger so ähnlich auch funktioniert) viel gewonnen.
  • Dann könnte man dort auch wieder in den Bischofsweg linksabbiegen lassen und müsste nicht das Hechtviertel zum Verdruss der Anwohner*innen über die Tannenstraße andienen.
  • Usw., usf..

 Noch immer bin ich beeindruckt von der Vielzahl, der Sachlichkeit und der Plausibilität der Einwendungen an diesem Abend. Die Dresdner*innen haben bewiesen, dass sie mehr können als nur nörgeln. Nachbarn, ich bin stolz auf euch.

 Nun fassen wir mal zusammen:

  1. Der Königsbrücker Straße, unserer leicht lädierten Grande Dame der Neustadt, stehen zwei Fahrspuren für Strab und Auto (eine gemeinsame je Richtung) zumindest im Abschnitt zwischen Albertplatz und Bischofsweg deutlich besser. Dann bleiben auch die jungen Verehrer.
  2. Die Zeiten einer „angebotsorientierten Straßenverkehrsplanung“ sind für immer vorbei, vielleicht kommt die Botschaft ja auch mal im Verantwortungsbereich von Herrn Marx an.
  3. Die DVB hat meinen Segen auf allen ihren Wegen, nur in diesem ganz konkreten Falle …, da muss sie auch mal Kompromisse machen.

 Und die Zusammenfassung zusammengefasst:

Das war eine Mut-machende Veranstaltung in jeder Hinsicht. Diese Straße wird nicht so gebaut werden, wie sie jetzt geplant wird, unter anderem, weil hier – in der Neustadt – so viele Menschen leben, die sich für ihre Interessen einsetzen.

Schön hier, sag ich immer wieder.

 

Die Unsichtbaren

Mensch-erinnere-dich-nicht

„Weiße Flecken“, ein Theaterstück über Demenz von Tobias Rausch, Co-Regie Matthias Reichwald, Produktion der Bürgerbühne am Staatsschauspiel Dresden, gesehen am 4. Januar 2014

  

Ich gestehe, ich hatte Manschetten vorher. Das Thema Demenz im Besonderen und Pflege bzw. stetig alternde Gesellschaft im Allgemeinen ist so beschaffen, dass man sich auch leicht verheben kann daran. Und ich bin der Bürgerbühne mehr als freundschaftlich verbunden, ein solches Fazit hätte mir leid getan.

Doch mitnichten: Mal wieder sieht man ein erstklassiges Stück Gegenwartstheater und bekommt eindrucksvoll den Mehrwert dieser speziellen Institution „Bürgerbühne“ vorgeführt.

 Ein Revival des Bürgerchors am Anfang, zahlenmäßig geringer, aber so präzise wie jener von Volker Lösch in den „Webern“, jener nach der Premiere zwangskastrierten Fassung aus 2005 (?). Große Wiedersehensfreude mit dieser Art von Theater, das fehlte mir in den letzten Jahren ein wenig.

Die von mir gewohnte Form der Nacherzählung des Stückes hat hier wenig Sinn, es gibt zwar eine (fiktive) Rahmenhandlung um den demenzkranken Heimbewohner Klaus T., doch wichtiger sind die eingewobenen fünf Krankheitsbiographien, die fast alle Blickwinkel abdecken, sowie die künstlerische Aufarbeitung der zahlreichen Interviews, die das Rechercheteam um Katharina Wessel im Bereich „der Pflege“ führte.

 Man erfährt so einiges, was man mit dem Thema bislang gottlob nicht Befasster noch nicht wusste: Der erzwungene Abschied vom Autofahren läutet das Ende ein. Man kann auch die letzten sechs Jahre seines Lebens schweigen. Erst, wenn man (gar) nicht mehr merkt, dass man dement ist, wird das Leben wieder erträglich. Ob man Mann/Frau oder Kinder noch erkennt, ist Glückssache, kein Krankheitsverlauf gleicht dem anderen. Aggression ist im Alter wieder ein Thema. Und Vereinsamung einer der Auslöser für Demenz. Gingko hilft. Ein bisschen.

 Außerdem lernt man den Minutenwalzer der Pflegedienste kennen, muss überlegen, was ein Pflegeheim vom Knast unterscheidet (der Freiheitsbegriff wird hier über ein Absturzgitter am Bett, die Art der Türklinke und die konkrete Medikamentierung definiert), erfährt, dass man mit einer hohen Pflegestufe durchaus noch Rasen mähen kann, aber sich nicht dabei erwischen lassen sollte und im Heim für Individualität kein Platz ist, das Raster ist unerbittlich.

Man sieht eine Welt der permanenten Überforderung sowohl der Angehörigen als auch des Pflegepersonals und ist beunruhigt, wenn man die Zahlen hört: Das ist erst der Anfang. Heute gibt es in Deutschland 1,3 Mio. Demenzkranke, 2040 werden es 2 Mio. sein (bei sinkendem Pflegeversicherungsaufkommen). Schon 2025 werden über 100.000 Beschäftigte in Pflegeberufen fehlen … Noch viele andere Fakten stehen im erstklassigen Programmheft. Also noch ein kollabierendes System, neben Rente, Sozialstaat, Umwelt und Was-weiß-ich. Schön ist es, auf der Welt zu sein, nicht vergessen, liebe Nachfahren.

 Klaus T. in seiner Zweimannzelle kümmert das wenig. Im Heim („Ach was, Heim, quasi ein Hotel …“ wie es in anderen Fällen vorher heißt) ist es immer halb vier, man kann Fluchtpläne schmieden (im Wäschewagen rausschmuggeln lassen mit Hilfe der niedlichen Praktikantin) und die Menschenrechte sind mit „sauber, satt, still“ hinreichend beschrieben. Man kann in seinen Erinnerungen leben, auch wenn es vielleicht nicht die eigenen sind, aber das ist doch egal, solange sie schön sind. Und so erscheint auch die verlorene Tochter wieder und versöhnt sich mit ihm. Bald holt sie ihn hier raus, ganz sicher.

Wie kommt so einer ins Heim? Geschieden, allein lebend, dem Alltag nicht mehr gewachsen, die Nachbarn haben sich beschwert, als der Gestank unerträglich wurde. „Über soziale Kontakte ist nichts bekannt“ heißt es in der Akte, mit der das Sozialamt den Umzug verfügt. Und nun der liebe Opa Hampelmampel, der nur manchmal die Pflegerin als Hampelschlampe beschimpft. Doch dagegen gibt es die Medikamente.

 Es ist ein besonderer Kreislauf des Lebens, am Ende ist man so hilflos wie am Anfang, nur die Perspektive ist eine andere. „Wenn er/sie doch endlich sterben würde“, wagt ein pflegender Angehöriger kaum zu denken, im Heim sieht das anders aus: Ab einer gewissen Pflegestufe ist es ein Geschäft, das Etwas hier am Leben zu halten.

MUSS man pflegen als Kind seiner dementen Eltern? Gibt es einen moralischen Imperativ dafür, auch wenn man das nicht leisten KANN? Das Stück wagt sich auch an diese Frage, ohne sie endgültig beantworten zu können.

 Ein Ausflug in die Zukunft, „Pflege-Drohnen“ der neuesten Bauart in 2030. Die mit dem Empathie-Modul scheint noch nicht ausgereift, sie steht unter Kontakturverdacht und muss zurück ins Werk, zum Nachbessern. Und dem „Pflege-Kunden“ wird ein ewiges 2013 vorgegaukelt, fast wie in „Good bye Lenin“.

Stabilität ist wichtig, bei Bauwerken wie beim Menschen, doch nur bei ersteren hilft Gesundbeten. Manchmal.

Klaus T. hat noch auf irgendwas gewartet, etwas, das nur in seinem Kopf stattfindet. Am Ende stirbt er doch. „Sozialverträgliches Ableben“ nennt man das wohl.

 

 Das ist keine Laientruppe, die hier spielt, es sind Profis der anderen Art, „Experten des Alltags“, wie es treffend in der Selbstbeschreibung der Bürgerbühne heißt. Getragen von einem kongenialen Text, treffen sie den Nerv des Publikums. Hier wird keiner der Beteiligten des „Systems Pflege“ denunziert oder vorgeführt, es sind die nackten Fakten, die einen dicht ans Augenwasser bringen. Eines der schmerzlichsten Themen der Gesellschaft wird hier verhandelt, eines, was man nicht den Dokutainments des Fernsehens überlassen kann. Genau dazu ist Theater da.

Dieses Stück macht keine gute Laune. „Nichts für Sonnabend-Abend“, wie meine Mutter (die übrigens im letzten Jahr siebzig wurde) vielleicht sagen würde. Aber eines für alle anderen Abende.

 Was bleibt noch zu erwähnen? Klara und Maria Wördemann sind in einer klassischen Doppel-Rolle zu sehen, mit dem besten Zwillingsgag, den ich je auf der Bühne sah. Albrecht Goette in seiner maßgeschneiderten Rolle ist unglaublich berührend. Christine Lehmann, Dagmar Michel, Iris Haubold, Karl-Heinz Kind und Charlotte Runck erzählen ergreifende Geschichten, sind aber auch schauspielerisch beeindruckend. Und der Chor der Anderen ist exakt eingestellt und unglaublich präzise im Zusammenspiel. Bühne (Jelena Nagorni) und Kostüme (Cornelia Kahlert) sind unaufdringlich gut und geben den passenden Raum.

Danke dafür.

Es wird alles gesagt worden sein

 

Ein noch unvollendetes Futur – oder: Das Damokles-Motto jeder Beziehung

 Am Start erkennt man den Sieger? Mag sein. Aber erkennt man auch die Platzierten und die Verlierer?

 „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, weiß der Dichterfürst, und jede Menge Hoffnung.

Und glücklich ist, wer vergisst … was da alles an Problemen ist. Fragt sich nur wie lange. Aber es gibt ja MeisterInnen des Vergessens, des Ausblenden-Könnens zuhauf.

 Der Mensch wird komplizierter mit den Jahren. Diesen Lehrsatz kann man wohl kaum bestreiten. Aber wird er auch kompromissbereiter? Meinereiner müsste das verneinen.

„Jeder will ja irgendwo dazugehören“ sagt Bertold im „Armen Tor“. Ein schöner Satz, schlicht und wahrhaft.

Aber um welchen Preis? Selbstaufgabe, zumindest in Teilen, für das schöne Gefühl der Zwei- oder auch Mehrsamkeit? Singen im Chor statt des einsamen Solos vor leeren Reihen?

 „Man kann alt werden wie eine Kuh und lernt immer noch dazu.“ Wie alt werden Kühe? Ich glaub, ich hab die meisten Kühe meiner Generation schon überlebt, vielleicht auch verspeist.

 Und nu? Ein schlichtes Reset tut es nicht mehr. Neu formatieren, das schon eher. Dummerweise hab ich den Befehl dazu vergessen. Und die graphische Benutzeroberfläche zwingt mich immer in den abgesicherten Modus, wo alles hinterher noch da ist.

 „Ich will – wenn es geht – zweimal leben“, sang die Formation Keimzeit vor Jahren.

Ich auch, lieber Norbert. Und all die Erfahrungen, die kann er behalten, der große Gott, bei meinem Neustart.

An einem Sonntagabend.

Sie zieht das kurze Kleid an. Eine dicke Strumpfhose darunter, die wärmt und sieht sexy aus.
Sie geht in die Jazzbar im Viertel. Da ist ja immer jemand, und meist auch Musik auf der Bühne.
Sie behält recht. Etwas Gezupftes, Geblasenes, nett, nicht wirklich relevant. Genau das Richtige am Sonntagabend.
Sie wird angesprochen, klar. Kleid, Strumpfhose und blonde Mähne. Das funktioniert immer. Geplänkel.
Sie trinkt Wein. Dann Espresso. Dann wieder Wein. Macht man so.
Sie unterhält sich. Es wird spät. Mit einem kann man richtig reden. Sie tut es.
Sie erschrickt. Es ist halb zwei. Und morgen wieder das Büro.
Und dann doch noch eine Stunde Plaudern, im Mantel.
Sie geht.
Ein Sonntagabend, ganz normal.