Birth – (School) – No Work – Death


„Ilona.Rosetta.Sue“ nach Aki Kaurismäki, Luc und Jean-Pierre Dardenne sowie Amos Kollek, Regie Sebastian Nübling, Dramaturgie von Eero Epner und Julia Lochte,

Koproduktion mit dem Theater NO99 (Tallinn) und mit dem KVS (Bruxelles), gesehen in den Münchner Kammerspielen am 2. Februar 2014

  

Kann man Filme auf die Bühne bringen? Ja. Man kann alles auf die Bühne bringen.

Kann man drei Filme gleichzeitig auf die Bühne bringen? Vielleicht. Wir werden sehen.

 Am Anfang des Abends steht eine sehr souveräne und verständliche Einführung der Co-Dramaturgin Julia Lochte (eine Vermutung, ich kam rufgerecht etwas zu spät und konnte das nicht verifizieren). Jene verbale Handreichung ist sehr sinnvoll, wenn man den Stückansatz von Anfang an begreifen möchte, das ausgezeichnete Programmheft hilft da aber auch weiter.

 Drei Filme, drei Geschichten von unten, aus dem Lumpenproletariat (wie es klassisch heißt) oder besser Prekariat (wie wir Hobbysoziologen heute sagen) – alle ohne den Hauch einer Chance, gut zu enden – werden verwoben miteinander zu einem Bühnenstück. Und als ob das nicht reichen würde für eine theatrale Herausforderung, spielen Darsteller aus vier Nationen (wenn man die ostdeutsche einzeln zählt) in ihrer Muttersprache und auf Englisch, das sie alle mehr oder weniger beherrschen. In Berlin hätte man das vermutlich so schlicht in den Saal geballert, aber die liberalitas bavariae gönnt dem Zuschauer Übertitel, wenngleich diese gelegentlich mit dem Timing Probleme haben, die Einblendungen, mein ich.

 Apropos Saal: Jener ist von Hause aus recht finster, fast höhlenartig. Auch die Flure sind sehr verwinkelt, die Gastronomie wirkt (ausgerechnet in München) spärlich, doch das zahlreiche Personal ist dafür äußerst zuvorkommend.

 Aber zurück zum Stück: Drei Theater sind an der Produktion beteiligt, neben dem Hausherrn Münchner Kammerspiele noch das (freie?) Theater NO99 aus Tallinn, der theaterverrücktesten Stadt der Welt, wenn man den Berichten glauben darf (ein Vorstellungsbesuch pro Jahr und Einwohner im statistischen Mittel), und den afrikanischen Kontinent deckt das KVS aus der Hauptstadt des Königreichs Belgien ab, das auch schon mal größer war, in der sogenannten guten alten Zeit.

 In allen drei Filmen, die die Grundlage der Produktion bilden, geht es um scheiternde Existenzen aus den Niederungen der Gesellschaft, überall ist von Anfang an klar, dass sie keine Chance haben werden, aber wie sie versuchen, diese dennoch zu nutzen, ist wesentlicher Inhalt der Filme.

Ilona aus Kaurismäkis „Wolken ziehen vorüber“ hat anfangs immerhin noch ein kleines Idyll mit ihrem Mann Lauri, das aber schnell zerfällt nach dem Jobverlust von beiden und nicht mehr wiederentstehen will und kann. „Sue“ (Amos Kollek) handelt von einer, die an ihrer Einsamkeit zerbricht und am Ende nicht mal mehr in der Lage ist, sich retten zu lassen. Die Brüder Dardenne beschreiben mit „Rosetta“ schließlich einen darwinistischen Überlebenskampf ganz ganz unten, in dessen Verlauf die Titelheldin erst die alkoholabhängige Mutter, dann die Würde und am Ende sich selber verliert.

 Und das passt nach München, in die Schickeria-Metropole? Durchaus. Wer annähernd weiß, was oftmals hinter der Bogner- und Operpollinger-Tarnung steckt (z.B. Löcher von Wohnungen, für die man vierstellige Monatsmieten zahlt) und wer beobachtet, wie lang man sich auch im „Tambosi“ am Latte festhält, kann sich vorstellen, dass im Publikum nicht nur Beobachter sitzen. Die Angst vor dem sozialen Abstieg ist oben am größten.

 Aber wie wird das nun auf die Bühne gehoben? Klassisch modern. Die Geschichten werden eingeführt, an-erzählt, danach immer wieder wechselseitig überblendet durch ad hoc – Rollenwechsel der Schauspieler (die allesamt hervorragend sind) und später auch irgendwie fast parallel zu Ende gebracht. Dabei ist einem Füllhorn von Regieeinfällen beim Ausgekipptwerden zuzusehn, das natürlich auch von der Phantasie der Filmregisseure profitiert.

Meine Lieblingsszenen: Der letzte Walzer im „Dubrovnik“, das Armdrücken mit dem Amt, der „Hans im Glück“, als Lauri (Steven Scharf wunderbar lakonisch) den Erlös des frisch vertickten Buick beim Straßenroulette verjubelt, die Selbstdemütigung von Sue (grandios Wiebke Puls) beim Prostitutionsversuch, der nur zur Kleingeldprinzessin reicht, aber auch ihr kurzer Hoffnungsstrahl mit Ben, der bezaubernd gespielt wird von Rasmus Kaljujärv, die vier Wochen Glück für Ilona (die Kongolesin Starlette Mathata mitreißend) in der „Honolulu-Bar“, Marika Vaarik als Rosettas vor der Entziehungsanstalt flüchtende Mutter (und in allen anderen Rollen), undundund.

Doch die Krönung all der schön-schrecklichen zwei Stunden: Mirtel Pohla als Rosetta. Wie die präsent ist, wie die anspielt gegen das unabänderliche Schicksal, wie die am Ende an ihrem Verrat verzweifelt und die Propangasflasche bemüht … den Namen werde ich mir merken, merken müssen, was soll man da auch dagegen tun, er brennt sich ohnehin ein.

 Sebastian Nübling ist eine großartige Inszenierung gelungen. „Erst wenn Du nichts mehr hast, bist Du frei“, man kann den Satz durchaus auch als zynisch begreifen. Der Krönung mit dieser phantastischen Schlussszene, den im Kreis schwingenden, rauschenden Mikrofonen, hätte es dafür gar nicht mehr bedurft, aber umso besser, wenn solch eine herz- und verstandergreifende Szene das Stück beendet.

Ein wunderbarer Abend, auch wenn er nicht leicht zu ertragen war. Aber Theater ist ja nicht nur zum Spaße da.

 PS: Warum gehen Menschen vorzeitig aus einem Stück?

Meine These ist: Aus Überforderung, auch wenn sie sich das selbst gar nicht eingestehen werden wollen. In München schlug eine Saaltür schon nach fünf Minuten nach einer recht harmlosen Sexszene (gut, gleich um die Ecke ist das Hofbräuhaus, da war der Betreffende sicher besser aufgehoben, aber auch die Kirche Unserer lieben Frauen ist unweit vorhanden), doch dann klappte die Tür in unschöner Regelmäßigkeit.

Zweite These: Manche wollen das nackte Leben vor der Garageneinfahrt der Doppelhaushälfte nicht sehen, ertragen es einfach nicht. Das muss man ja irgendwie doch ein bisschen respektieren.

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