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Die beleidigte Eierschecke

Ein Kollege aus der Hauptstadt hatte mich auf einen Text im Blog von Maximilian Krah aufmerksam gemacht(https://maximiliankrah.wordpress.com/2016/03/12/wer-ist-hier-rechts/ ) und um meine Meinung „als Dresdner“ dazu gebeten. Da war ich dann doch gespannt, zumal ich vom Autor immer nur gehört, aber noch nie etwas gelesen hatte.

Aber schade, ich hatte mir dann doch deutlich mehr davon versprochen, da wird vieles wiederholt, was anderswo auch schon so oder ähnlich zu lesen war, davon aber auch nicht wahrer wird. Deswegen lohnt sich auch eine umfassende Textkritik nicht, zumal vieles Notwendige dazu schon in den kritischen Kommentaren darunter gesagt wird.

Der Mittelpunkt von Krahs Welt ist ganz eindeutig Dresden, das umgebende Europa ist noch als Absatzmarkt und Touristenquelle willkommen, aber alle anderen sollen sich gefälligst in ihren Ländern totbomben lassen bzw. ordnungsgemäß verhungern. Und wir dachten früher immer, die Wessies wären egoistisch … So etwas wie Empathie oder Humanismus kommt in den angeblichen Werten seines städtischen Bürgertums nicht vor. Zum Glück gibt es dann aber doch ein paar mehr Dresdner, die tatsächlich aus „Werten, Überzeugungen und Prinzipien … aus Bildung, Kultur und Tradition“ ihre Identität beziehen, als die dünne Schicht Hochgebildeter, die dem montäglichen Haufen frustrierter alter Männer und erlebnisorientierter Hooligans vom Lande ein intellektuelles Mäntelchen geben will.

Sein Verweis auf die Unterschiede Ost-West, die besonders in Dresden zu Tage träten, wirkt trotzig-weinerlich, da fühlt sich einer wohl nicht ernst genommen vom Rest der Welt (mit vollem Recht übrigens) und schlägt nun beleidigt um sich. Die Beschimpfung der westdeutschen Gesellschaft und deren „Funktionseliten“ ist schon peinlich genug, übertroffen wird sie aber noch durch die Lobpreisung der Tiefe und Breite des Diskurses in Dresden. Und was er über die „Zeit nach Schröder“ schreibt, ist so unendlich weit von der Realität entfernt, daß man ihm seinen „Dr.“ aberkennen müsste, wenn es nicht nur einer in Jura wäre. Immerhin, „die Kommunisten“ der DDR haben bei Herrn Krah ein positives Bild der deutschen Kulturgeschichte erzeugt, wie schön. Da wächst etwas postum zusammen, was in seinem ostdeutschen Mief tatsächlich zusammengehört.

Krah hat bei weitem nicht die rhetorischen Fähigkeiten von Kubitschek oder Elsässer, die ihre rechtsnationalen Thesen wenigstens noch halbwegs nachvollziehbar herleiten können. Mit seinem „Mirsinmir“-Dresden-Dünkel lässt sich das nicht annähernd wettmachen. Eine besondere Beachtung seiner Hervorbringungen lohnt sich für mich also fürderhin nicht. Er wird uns ohnehin wieder über den Weg laufen, auf irgendeiner AfD-Liste vermutlich, wo sich die schrägen Vögel und verkrachten politischen Existenzen derzeit auf der Jagd nach Mandaten und Posten sammeln. Aber bis dahin verschwende ich keine Zeit mehr auf ihn.

Ach so, die Eingangsfrage … „ich als Dresdner“ … : Mir ist dieses Pamphlet äußerst peinlich, auch wenn ich mit dem Verfasser nur den Wohnort gemein habe. Der Ruf von Dresden ist zwar ohnehin im Eimer, aber das jemand (der immerhin im Kreisvorstand der in Dresden stärksten Partei sitzt) dies wortreich bejubelt, hätte nicht auch noch sein müssen. Es geht eben immer noch ein bisschen schlimmer in unser äußerlich recht schönen Stadt.

Kapitulation, aus persönlichen Gründen

„Unterwerfung“ nach dem Roman von Michel Houellebecq, für die Bühne eingerichtet von Janine Ortiz, Regie Malte C. Lachmann, Premiere am Staatsschauspiel Dresden am 5. März 2016

Am Ende, auf der Treppe nach unten, fragte mich die Fernsehreporterin, ob ich mir das Szenario auch real vorstellen könne und ob das Stück in Dresden aufzuführen wohl etwas Besonderes sei. Nein, muss ich gestammelt haben, und nochmal nein, man solle die Situation in Dresden nicht auf die Montage reduzieren. Daß diese „Bewegung“ intellektuell auf einer gänzlich anderen Ebene spiele, konnte ich leider nicht mehr anbringen, das wäre zur Erläuterung aber doch notwendig gewesen. Die literarische und theatrale Auseinandersetzung mit einer möglichen Ausbreitung der islamischen Religion hat mit den Montagspöbeleien soviel zu tun wie … ach, was weiß ich. Jedenfalls nicht viel.

 

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So geht Sächsische Zeitung

Nichts ist so ärgerlich wie die Zeitung von gestern

Eigentlich geht der Spruch anders, aber angesichts des nachträglichen Durchblätterns der „Sächsischen Zeitung“ vom Freitag, dem 4. März 16 schien mir diese Form angebrachter.

Man ist ja einiges gewohnt vom Bezirksorgan, aber eine derartige Häufung von Fehlleistungen und Anbiederungen ist schon bemerkenswert: Kann man den Kurzbericht über den Antrag der Linksfraktion im Landtag zur Beendigung der eindeutige Assoziationen hervorrufenden Image-Kampagne „So geht sächsisch“ noch informativ nennen, auch weil CDU-Generalsekretär mit seiner ganzen argumentativen Kraft gegenhalten darf („die Idee war damals richtig und ist heute immer noch richtig“), nimmt man den Rest des Blattes mit einer Mischung aus Unbehagen, Belustigung und Mitleid zur Kenntnis.

Natürlich hängt auch die SZ ihr Mäntelchen in den Shitstorm gegen Minister Dulig, der schlicht neben der Würdigung der Leistungen der Polizei ein paar richtige Fragen gestellt hat. Da darf ihm jeder einschließlich des Kommentators, der ein „in-die-Hose-gehen“ bescheinigt, mal ans Bein pinkeln (um auf diesem sprachlichen Niveau zu bleiben). CDU-Fraktionschef Kupfer wünscht sich bei dieser Gelegenheit ein härteres Durchgreifen, ein anderer harter Mann aus der Fraktion stellt fest, daß Dulig als Minister gar nicht zuständig wäre (und demzufolge den Mund zu halten habe?). Auch die Gewerkschaften der Polizei kommen zu Wort, daß eine davon sich ihrer Empörung in der „Jungen Freiheit“ Luft machte, scheint der SZ nicht erwähnenswert. Passend dazu wird Dresdens neuer Polizeichef mit der Aussage umschwärmt, daß er sich „als Chef der schlagkräftigen Truppe (SEK) im Pflastersteinhagel der Neustadt“ bewährt habe und auf solche Erfahrungen nun wohl zurückgreifen müsse. Na dann, Visier runter und Knüppel frei, und Waidmanns Heil auf allen Wegen.

Im Artikel darüber wird dann die Inhaberin einer „Lockvogel-Agentur“ porträtiert, das Thema hatte die MoPo schon vor Wochen durchgekaut, aber Recycling ist ja etwas Gutes.

Ich gebe zu, ich bin ein wenig voreingenommen. Aber wenn mir auf der Titelseite ein in Dresden weltbekanntes Doppelkinn unter der vollen Pracht seines Haupthaares entgegenschmunzelt, auf Augenhöhe mit einem von mir geschätzten Autor, und sich aus dem Text ergibt, daß beide nun wechselweise eine Kolumne unter dem Titel „Besorgte Bürger“ schreiben werden, darf ich auf Verständnis hoffen für meine Übellaunigkeit. Zumal Patzelt sich in seinem Beitrag wiedermal als Allgemeinplatzwart der politischen Diskussion erweist und sich an den Begriffen „Gutmensch“ und „besorgter Bürger“ wunddefiniert, aber wenig Sachdienliches beizutragen hat. Mal sehen, was Michael Bittner (der seinen Mitkolumnisten laut SZ schätzen soll) am nächsten Freitag gegenhält, sonderlich hoch hängt die Latte ja nicht.

Die Laune wird auch nicht besser, wenn man die halbe Seite liest, die die SZ dem AfD-Stadtrats-Fraktionschef Vogel einräumt und es dabei fertigbringt, nicht eine einzige kritische (Nach-) Frage zu stellen. So darf Vogel ungerührt behaupten, daß in Dresden eine ungleiche Behandlung von Extremen herrsche (ja, der meint das tatsächlich andersrum) und daß er zwar keine Berührungsängste mit Pegida habe, Bachmann und Festerling aber nicht bewerten wolle, weil das ja keine Dresdner seien. Und einerseits erklärt sich der seltsame Vogel (nur) für Kommunales zuständig, fordert aber andererseits härtere Strafen für Drogendelikte. Daß er einen aus Niedersachsen stammenden Stadtpolitiker als „Beispiel von nicht gelungener Integration“ bezeichnen darf, entspricht vermutlich zumindest dem Humorniveau der SZ. Und in Monaco sei es sehr sauber, deswegen müsse auch die Neustadt videoüberwacht werden. Ah, ja.

Kulturell war die SZ – von Ausnahmen abgesehen – nie eine große Leuchte. Daß es ihr aber gelingt, im Vorbericht zur Premiere von „Unterwerfung“ den Autor Michel Houellebecq und die vertriebene Frau Steinbach in einem Atemzug zu nennen, macht schon fassungslos. Zumal die Beschreibungen wie geschmacklos oder hetzerisch für deren ekelhaften Twitter-Beitrag im Konjunktiv geschildert und auf eine Stufe mit den Vorwürfen gegen das im vorigen Jahr erschienene Buch gestellt werden. Auf so eine dämliche Idee muss man erstmal kommen. Zumindest das nötigt mir fast schon wieder Respekt ab.

Der Vorteil einer Zeitung gegenüber dem Radio ist es, daß man damit auch eine störende Fliege bei Bedarf erschlagen kann. Im Falle der Sächsischen Zeitung spricht vieles dafür, die Fliege in Kauf zu nehmen.

Darf man über Pegida lachen?

Ein Reiseföhrer der besonderen Art: „Pegidistan – Reisen im Land hinter der Mauer“

Hier die Details:

Rezension auf KULTURA-EXTRA

Kein Gott, nirgends.

„Ichglaubeaneineneinzigengott.“, Monolog von Stefano Massini, deutschsprachige Erstaufführung in der Regie von Nora Otte am Staatsschauspiel Dresden, 14. November 2015

Auch an anderen Tagen wäre man aus dieser Inszenierung nicht beschwingt hinausgegangen. Heute bedurfte es sogar einer Erklärung des Intendanten Wilfried Schulz vorab, warum man auf die Premiere ausgerechnet dieses Stückes am Tage nach einem Terroranschlag entsetzlichen Ausmaßes nicht verzichtet habe. Die Frage, die sich das Theater heute vormittag stellte, war genauso berechtigt wie die Entscheidung richtig: Man muss sich auseinandersetzen, auch wenn es schmerzhaft war und ist.

Stefano Massini, dessen theatrale Dokumentation der Familiengeschichte der Lehmann-Brüder nach deren Auswanderung ins gelobte Land Amerika (eine klassische Mischform von Wirtschaftsflucht und Emigration aus Furcht vor Verfolgung übrigens) erst unlängst an diesem Theater Erfolg hatte, befasst sich in seinem Monolog von drei Personen mit dem Dauerkonflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Das Thema wird aus zwei diametralen Blickwinkeln beleuchtet, jenem der jüdischen Geschichtsprofessorin Eden Golan, die zumindest anfangs an Verständigung und Versöhnung glaubt, und jenem der palästinensisch-muslimischen Studentin Shirin Akhras, die in ihrem kurzen Leben nichts anderes als Unterdrückung und Terror kennengelernt hat. Die dritte Person, die amerikanische Soldatin Mina Wilkinson, hat vor allem die Funktion, die Handlung zusammenzuhalten und die grausame Schlusspointe zu erzählen.

Alle drei wurden gespielt von Cathleen Baumann, der phasenweise die Anspannung an diesem auf so unerwartete Weise besonderen Tage anzumerken war und die dennoch auf anrührende und ergreifende Art in drei verschiedenen Körpersprachen, Stimmlagen und Mimiken brillierte. Unterstützt wurde ihre Performance von der Kostümbildnerin Lisa Edelmann, die nur wenige Requisiten brauchte, um die Personen unterscheidbar zu machen, und von der kargen Bühne aus verschraubten Verstrebungen, die eine Arena andeuteten, phasenweise von einer von oben auf das Geschehen blickenden Kamera unterstützt.
Die Regisseurin Nora Otte verzichtete – von der Detonation der ersten Bombe abgesehen – auf alle „special effects“ und vertraute der Geschichte, den klug gesetzten musikalischen Sentenzen von Ludwig Bauer und vor allem ihrer Darstellerin. Das Ergebnis gab ihr recht.

Erklärt wurde in diesem Stück wenig, der Fanatismus der Studentin wurde ebenso vorausgesetzt und fortgeschrieben wie die Abgebrühtheit der Soldatin. Nur die Professorin wurde als Person kenntlicher, wenn sie nach ihrer Traumatisierung durch einen er- und überlebten Selbstmordanschlag ihre Prinzipien mehr und mehr in Frage stellte.
Dramaturgisch geschickt kreuzten sich die Lebens- bzw. Todeslinien der Palästinenserin und der Jüdin zuerst nur scheinbar: Während die eine auf der zweiten Stufe ihrer Märtyrerkarriere ihre beiden besten Freundinnen – die ihr hier einen Schritt voraus waren – und ein vollbesetztes Lokal zum Chanukka-Fest in die Luft sprengte, tafelte die andere entgegen der anfänglichen Vermutung dann doch ein paar Straßen weiter, das erste Mal seit dem Anschlag vor mehreren Monaten.
Doch fast unvermeidlich fanden beide im Tode zusammen, die eine wie die andere von amerikanischen Scharfschützen wie Mina Wilkinson getötet, wegen des mitgeführten Rucksacks voller Sprengstoff bzw. weil das Schultertuch wegen des Regens unglücklich über den Kopf gebunden war. Zur falschen Zeit am falschen Ort, sagt man da wohl.
Von einem Gott, an den man glauben könnte, war nirgendwo etwas zu sehen.

Als sich das Publikum vom Schock einigermaßen erholt hatte, gab es kräftigen Beifall für Cathleen Baumann und das Inszenierungsteam.

Tja, und nun? Dass das Stück zur richtigen Zeit kommt (auch wenn die Gemengelage in Mitteleuropa eine andere ist), ist wohl unstrittig. Ob das Provinzhauptstädtchen Dresden der richtige Ort ist, um sich mit Terrorismus auseinanderzusetzen in diesen Tagen?
Ja und nein. Ja, weil dieses Thema unsere Gesellschaft seit Jahren begleitet (wobei der islamistische Terror nur eine von mehreren Ausprägungen ist, wenn auch derzeit dominierend), nein, weil der Terror hier ein ganz anderes Gesicht hat und vorzugsweise Flüchtlingsunterkünfte anzündet. Insofern könnte man sagen, dass wir hier andere, dringendere Probleme haben, aber das Theater ist nicht die Tagesschau, und so können und sollen auch Themen abgehandelt werden, die außerhalb unseres aktuellen Tellerrands liegen.

So oder so wird der pegidistische Hassprediger und Montags-Schwarzmaler mit seiner Ortsbauernführer-Schläue die tragischen Ereignisse vom Freitagabend nutzen, um seine Gefolgschaft weiter zu radikalisieren.
Damit ist sich auseinanderzusetzen, und Theater allein reicht dagegen sicher nicht aus, aber es ist ein Beitrag, die Vernunft zu stärken, auch und gerade in der schmerzhaften Auseinandersetzung mit Gründen und Ursachen. Und dazu kann man „ichglaubeaneineneinzigengott“ definitiv zählen.

Ungeschriebene Überschriften zum Abschied

Hartmut Krug befragte am 21. Juni 2015 die Dresdner Intendanz zu ihrer letzten Spielzeit

Am Ende bekannte der von Deutschlandfunk und –radio sowie Nachtkritik bekannte Theaterkritiker, dass ihm der neue Spielplan gefalle. Das war schon deutlich mehr als das übliche „nicht gemeckert ist auch gelobt“ und sicher nicht nur der Höflichkeit des Gastes geschuldet.

Wilfried Schulz und Robert Koall, die offenbar nur als Tandem vorstellbar sind und deren Jahrzehnt am Staatsschauspiel leider unvollendet bleiben wird, ließen sich von Harald Krug in einer Sonntags-Matinee vor immerhin 300 Zuhörerinnen – von denen den meisten das frühe Aufstehen altersbedingt sicher nicht schwergefallen war – zum Programm der kommenden Spielzeit (ihrer letzten hierzulande) befragen. Bei solchen Gelegenheiten verblasst des Kritikers Schärfe, und so waren von Herrn Krug mit Ausnahme der Genugtuung über den Verzicht auf ein Jelinek-Stück nur Freundlichkeiten zu hören. Im Übrigen beschränkte er sich darauf, die passenden Stichworte in den Raum zu stellen, auf dass sich einer der Herren dieser annähme, und – für einen Radiomann erstaunlich – mit dem Mikrofon zu kämpfen. Aber im Sender sind die wohl alle angeschraubt, und auch ein Kritiker hat nur zwei Hände.

So launig, wie es hier klingt, waren die anderthalb Stunden nicht, und das war gut so. In den letzten Monaten passierte nicht viel Spaßiges vor der Tür. Dass das Theater darauf reagiert, war nicht überraschend, gespannt konnte man auf die Mittel sein, mit denen das geschehen wird.
Traditionell gibt es kein Spielzeitmotto in Dresden, aber doch imaginäre Überschriften. In der für die künftige Spielzeit kommen die „Werte“ an maßgebender Stelle vor, auch „verhandelt“ und „befragt“ wird häufig werden. Nicht zuletzt wird auch der Abschied eine Rolle spielen, ohne das jetzt alles in einen Satz pressen zu wollen. Allgemein gäbe es ein großes Bedürfnis im Haus, über Aktuelles zu sprechen, die Beschäftigung mit der Gesellschaft steht wieder im Mittelpunkt, „wie wollen wir leben“ wird oft gefragt werden.

Die gewöhnlich richtungsweisende Saisoneröffnung wird „Maß für Maß“ von Shakespeare sein, ein wenig bekanntes Stück, in dem es um Werte und deren Verhandelbarkeit geht. Tilmann Köhler wird sich in seiner letzten Saison als Hausregisseur (das Adjektiv „letzte“ war das meistgebrauchte an diesem Vormittag) diesem Stoff annehmen.
Damit beginnt auch eine Serie der Gerichtskulissen, ein halbes Dutzend Stücke wird in der nächsten Saison diesen Hintergrund haben. Prominentester Vertreter ist dabei sicher „Terror“ von Ferdinand von Schirach, ein laut Koall „Lehrstück in Meinungsbildung“, das in der nächsten Saison bundesweit häufig inszeniert wird und in Dresden von Burghart Klaußner nicht nur auf die Bühne gebracht, sondern auch in maßgeblicher Rolle gespielt wird. (Von dem anekdotisch erzählten Ansatz, diese Inszenierung im sächsischen Landtag aufzuführen, ist man gottlob wieder abgekommen.)

An weiteren prominenten Namen mangelt es auch in der nächsten Saison nicht: Matthias Hartmann, der vom Burgtheaterhof Gejagte, macht den „Idioten“ von Dostojewski, begibt sich auf die Suche nach dem großen Erzähltheater und berichtet vom schwierigen Bewahren der eigenen Identität. Passt.
Volker Lösch erscheint wieder, belebt seinen Bürgerchor neu und zeigt mit diesem den Aussteiger „Graf Öderland“ von Max Frisch. Er darf sogar den Titel um „Wir sind das Volk“ ergänzen, was zu Dankesworten an den Suhrkamp-Verlag und die Erben führte, die sich offenbar anders als die Brecht-Hintersassen ihrer geistigen Erbschaftssteuer nicht verweigern.
Nicht zuletzt wird Roger Vontobel erneut in Dresden inszenieren, diesmal eine Uraufführung von Martin Heckmanns, „Die Zuschauer“. Um ebenjene soll es gehen, die sich dann von der Bühne aus selbst im Parkett betrachten sollen, in atmosphärischen Szenen mit Sprachfetzen aus dem Foyer, wie Schulz verriet. Das wird eng, nicht nur mit den Karten dafür.

Der Wagner-erprobte Sebastian Baumgarten stellt sich den „Nibelungen“ von Friedrich Hebbel und wirft mit diesem urdeutschen Stoff einen Blick auf die Gegenwart, fragt nach, wie Hass entsteht und eine Gesellschaft zerfällt. Auch wegen seiner mehrfach nachgewiesenen Medienkompetenz darf man sich auf diese Umsetzung freuen.
Ebenfalls – wenn auch andere – Vorfreude erzeugte die Ankündigung des Schwankes „Raub der Sabinerinnen“, nicht nur beim Kritiker Krug. Das Stück sei der Albtraum des Intendanten, weil man das mit Leichtigkeit vor die Wand fahren könne, bekannte Wilfried Schulz. Aber bei der Regisseurin Susanne Lietzow wird das sicher nicht passieren.

Wolfgang Engel hält auch in der kommenden Saison mit einer Inszenierung den Kontakt zum Haus, das er dann interimsweise gemeinsam mit dem KBB-Chef Jürgen Reitzler für eine Spielzeit übernehmen wird. Es gibt – nicht unerwartet – den „Nathan“ im (gar nicht so) Kleinen Haus, eine Abhandlung über Toleranz soll es werden.
Ebenfalls im KH wird gezeigt, was die montags gern prophezeite Islamisierung des Abendlandes bedeuten würde: Michel Houellebecq hat im letzten Jahr mit „Unterwerfung“ eine Satire geschrieben, die für die Bühne freigegeben ist und – trotz anfänglicher Bedenken des französischen Verlags – auch in Dresden gezeigt werden darf.
An diesem Beispiel machte Schulz die „gnadenlose Naivität“ der Dresdner Politik deutlich, der immer noch nicht bewusst wäre, welche Außenwirkung die hiesigen rechtspopulistischen Aufmärsche hätten. Dort glaube man, mit Aussitzen und Verdrängen und dem Verweis auf das Hochkulturetikett die Stadt schon schadfrei zu halten, auch im Diskussionsprozess zur Bewerbung um den Kulturhauptstadttitel. „Wir haben ein Problem“ müsse – wenn überhaupt – die Botschaft lauten (nicht „Mirsinmir“, meint Teichelmauke. Diese Idee kann man ohnehin inzwischen leider nur noch als putzig bezeichnen).
Auch das aktuelle Griechenland-Bashing weitester Teile von Politik und Medien bekam die verdiente Zuschreibung „widerlich“, es lasse sich eigentlich nur mit Kulturlosigkeit begründen. Diese klaren Ansagen von Schulz (und Koall) zur aktuellen Situation werden uns fehlen, die beiden lassen da sehr große Stiefel stehen.

Drei Bürgerbühnen-Projekte wurden noch besonders hervorgehoben: Zum einen (auch hier „zum letzten Mal“) mit „Herr der Fliegen“ ein großes Jugendprojekt, zum anderen mit „Morgenland“ ein Einblick in die andere Welt, die der Weltsprache Arabisch, mit Dresdnern, die diese als Mutter- oder Zweitsprache sprechen.
Einigen Raum nahm noch das geplante Dynamo-Stück ein, welches nun nicht „Leben, lieben, leiden“ heißen wird, weil der Slogan der inzwischen verbotenen Schlägertruppe „Faust des Ostens“ zugerechnet wird. Nicht nur Robert Koall fand aber, dass man sich solche Theatersätze nicht von irgendwelchen Deppen nehmen lassen sollte.
Und vieles konnte nur angerissen werden, wie das „Kohlhaas“-Projekt des Schauspielstudios mit Fabian Gerhardt als Regisseur oder die geplante Passantenbeschimpfung von Christian Lollike in der Dresdner Innenstadt, der zudem noch mit der Uraufführung „Die lebenden Toten“ einen Beitrag zur Flüchtlingsdebatte liefern wird.
Eine Neuigkeit gab es aber noch zu hören: Statt des „Felix Krull“ wird es im Dezember die „Drei Männer im Schnee“ von Erich Kästner geben, ein Abschiedsgeschenk der Intendanz an das Publikum. Ich soll es aber noch nicht verraten.

„Und das Schiff legt ab“ …, so heißt im italienischen Original die letzte Premiere im Schauspielhaus, nach dem Film von Federico Fellini, etwas unglücklich auf „Das Schiff der Träume“ eingedeutscht. Mit dieser Arche würde er dann am liebsten auch in Düsseldorf ankommen, bekannte Schulz.
Hoppla. Was assoziiert man bei Arche? „Nach mir die Sintflut“?
So war das bestimmt nicht gemeint. Herr Schulz hängt schon an dem, was er hier mit Robert Koall, aber auch mit vielen Anderen aufgebaut hat. Völlig zu recht.

Wir Unbürgerlichen

Manchmal lese ich die „Sächsische Zeitung“.
Ich tu das meist ungern, das Blatt ist mir wegen seiner Bräsigkeit ein Ärgernis, allerdings in vielem auch verlässlich. So kann man darauf wetten, dass die Karikatur auf der Seite 1 immer entweder dämlich ist oder das ungesunde Volksempfinden bedient. Oft trifft beides zu.
Auch die Kommentare scheinen häufig am Stammtisch abgelauscht zu sein, aktuell wird gern gegen Streikende gewettert. Spocht hat auch in dieser Zeitung einen deutlich höheren Stellenwert als Kultur, die sich an schlechten Tagen dann auch mal auf Artikel zum Fernsehprogramm beschränkt.

Aber die gedruckte Medienlandschaft ist in unserer in Sachsen weltgrößten Landeshauptstadt nicht eben überwältigend, der Dresdner Ableger einer Leipziger Volkszeitung führt zwar kulturell, ist aber lokal recht schwach auf der Brust. Die beiden hiesigen bunten Blätter unterscheiden sich nur im Format, aber nicht im Format (bitte kurz über diesen Satz nachdenken) und sollen hier nicht weiter betrachtet werden.
Dass es in vergleichbaren Städten (ich nehm immer gern Nürnberg dafür, das ist zwar nicht mal Sitz einer Regierungsdirektion, ansonsten aber ähnlich, was auch in einer gewissen Bratwurstmentalität zum Ausdruck kommt) nicht besser ist, kann nur ein schwacher Trost sein.

Nun wirken allerdings die Medien als „vierte Staatsgewalt“ an der politischen Willensbildung der Bevölkerung mit, und wenn in einer Stadt das Oberhaupt zu wählen ist, scheint besonders wichtig, dass die lokalen Zeitungen gut und kompetent über die Wahl und den Kampf zuvor berichten. Quantitativ ist der SZ da nichts vorzuwerfen, sie hat eine Serie „Dresden wählt“ eingerichtet und ihre Leser befragt. Die Ergebnisse wurden heute (23.05.15) vorgestellt.

Eigentlich gab es ja zwei Umfragen: Eine klassische, bei der die Antworten auf dem Postwege eingingen, und eine im Internet. Bei ersterer beteiligten sich 1.300 Menschen, die nach Angaben der SZ zur Hälfte die 50 überschritten haben (nach einer Aussage in einem zweiten Artikel sei die Hälfte der Einsender bereits über 60). Zwar wird im Text darauf hingewiesen, dass die Ergebnisse nicht repräsentativ wären, das hindert den Autor Andreas Weller aber nicht daran, die Ergebnisse auf die Nachkommastelle genau zu interpretieren, auch bei der „Sonntagsfrage“ (ob sich jene explizit auf den Stadtrat bezog, bleibt leider offen).
Interessante Aussagen gibt es dennoch zu lesen: Markus Ulbig, dessen Anhänger wohl etwas schreibfaul sind, kommt auf gerade mal 9% in diesem Wettstreit, was laut Weller daran liege, dass den sächsischen Innenminister aus Pirna nun mal keiner kenne in Dresden.
Über 95% der Einsender wollen zur Wahl gehen, Überraschung. Wenn jemand sich der Mühe unterzieht, den Fragebogen auszufüllen, sollte man ihn schon für einen potentiellen Wähler halten können.
Dass Frau Stange (42%) und Herr Hilbert (38%) das Rennen hier klar unter sich ausmachen, ist ebenfalls keine Überraschung, dass Frau Festerling und Herr Vogel unter drei Prozent liegen, spricht für die Seriosität der Leserschaft.

Für die Seriosität des Journalisten spricht allerdings nicht, dass er in seiner Spekulation zum zweiten Wahlgang dann tatsächlich von „bürgerlichen Kräften“ faselt. Dort zählt er offenbar auch Herrn Vogel von der AfD hinzu, böswillig könnte man ihm auch unterstellen, dies gelte auch für Frau Festerling und Frau Liqueur, aber es ist wohl nur unbeholfen formuliert.
Ah ja, das versammelte Bürgertum gegen die Gottseibeiuns, gegen das SED-Geschöpf (wie Weller in seiner missglückten Glosse zwei Seiten später anmerkt), gegen die Anti-Bürgerliche. Dann ist ja alles klar. Wer Dresden vor den roten Horden – die sich infamerweise mit den grünsiffigen Gutmenschen verbündet haben- retten will, wählt das bürgerliche Lager. Bürgerlich klingt gut, klingt nach Steuern zahlen, Müll trennen und arbeiten gehen. Alles andere ist dann doch suspekt, wie die langnasige Tante, die das Feigenblatt für die Sozialschmarotzer abgeben soll.

Nein, ich glaub nicht, dass da eine Absicht dahintersteht, man soll die SZ nicht überschätzen. Es sind wohl eher Gedankenlosigkeit, das unkritische Übernehmen von Begrifflichkeiten (immerhin taucht das Wort „Mitte“ nicht auf) und eine gewisse Unprofessionalität die Ursachen.

Übrigens, die Internet-Umfrage ist der Sächsischen völlig um die Ohren geflogen. Die Pegidisten haben hier kräftig mobilisiert, 5.400 Teilnehmer gab es (ob die Stimmabgabe mit der IP-Adresse registriert wurde, um Mehrfachbeteiligungen zu vermeiden, weiß ich leider nicht mehr), von denen ein Sechstel gar nicht wählen gehen wolle. Der Rest war fast zur Hälfte für Frau Festerling.
Den Rest der Ergebnisse spar ich mir, außer den 42,5% für die Sonntagsfrage (diesmal auf den Bundestag bezogen) für die AfD … Die sinnfreien Zahlen füllen dann aber immer noch einen guten Teil der Seite. Auch wenn es Unfug ist, irgendeiner wird es schon lesen. Konsequent wäre hier eine leere Spalte gewesen.

Tucholsky (bzw. sein Verleger) hat einen seiner Sammelbände mit „Wir Negativen“ überschrieben. In Dresden heißt es jetzt für uns „Wir Unbürgerlichen“.

Eine sehr spezielle Form von Wahlbetrug

Der unabhängige Kandidat Dirk Hilbert und die Dresdner FDP

Nein, dass die Herren der Dresdner FDP nicht clever wären und ihre Schritte nicht (vor allem werbe-) strategisch sorgfältig planen würden, habe ich nie behauptet. So glaube ich auch nicht an einen Zufall, der Herrn Holger Zastrow am 13. Mai auf facebook fröhlich vom „Liberalen Maifest“ in einem Dresdner Mittelklassehotel grüßen ließ, mit einem Gruppen-Selfie, wie man das heute halt so macht.
Das Fest sei ihm gegönnt, so viel zu lachen hat man als FDP-Mitglied heutzutage nicht mehr, und den Mienen einiger Abgebildeter nach gab es ja auch etwas Anständiges zu trinken, wenn nicht gar zu rauchen.

Interessant war allerdings, welcher Begleittext das Gruppenfoto zierte: „Viele Grüße vom Liberalen Maifest der FDP Dresden mit unserem OB-Kandidaten Dirk Hilbert. Gewohnt kämpferisch und nicht nur angesichts aktueller Umfragen bestens gestimmt, gehts in die heiße Phase im Dresdner OB-Wahlkampf. Läuft! #obwdd #FDP“.
Moment mal. Meint er jenen Dirk Hilbert, der laut amtlicher Veröffentlichung der Landeshauptstadt Dresden einen Tag zuvor bis zum Stichtag genug Unterstützerunterschriften gesammelt habe, um als Kandidat zur OB-Wahl zugelassen zu werden? Der als Erster Bürgermeister seine Parteimitgliedschaft ruhen lässt, um ein Kandidat für alle Dresdner zu sein? Dessen Wahlplakate in den Dresdner Stadtfarben gehalten sind, aber jeglichen Parteiverweis vermissen lassen?
Ich hab nochmal nachgesehen, vorsichtshalber, man will ja nichts Falsches behaupten. Aber es gibt tatsächlich nur einen Dirk Hilbert unter den sechs Bewerber_innen für das Amt. Dann wird er es wohl doch sein.

Nun wird die Dresdner FDP wissen, dass sie als Stadtratspartei ohne weiteres einen Kandidaten zur Wahl hätte aufstellen können, ohne mühevoll 240 Unterschriften einzutreiben. Daran kann es nicht liegen.
Doch erinnern wir uns: Herr Zastrow kommt aus der werbenden Zunft und hat schon oft das schlechte Bild „der Marke FDP“ beklagt (völlig zu Recht übrigens, auch wenn wir über die Gründe sicher sehr verschiedener Ansicht sind). Logisch, dass man dieses tote Pferd nicht reiten will im Wahlkampf. Zumal in einem, in dem die FDP – durch welch seltsame Fügungen auch immer – die Chance hat, einen OB-Posten in einer Halbmillionenstadt mit einem Parteimitglied zu besetzen.
Also ist Camouflage angesagt. Der Kandidat gibt sich überparteilich und unabhängig – die Parteilogistik wird er sicher dennoch in Anspruch nehmen. Und nachdem der Text auf dem Wahlzettel feststeht (Herr Hilbert tritt unter dem schönen Titel „Unabhängige Bürger für Dresden“ an), kann man am Tag danach die Katze auch aus dem Sack lassen.

Nun weiß ich über die Abhängigkeiten des Menschen Dirk Hilbert recht wenig, es ist ihm zu wünschen, dass sich jene in (legalen) Grenzen halten, und gutes Essen – wie sein Körperbau nahelegt – ist eine lässliche Sucht. Der Politiker Hilbert hat da aber dann doch einige Verpflichtungen, so ein Wahlkampf will bezahlt werden und das Salär eines Bürgermeisters ist nicht eben fürstlich. Da kommt eine Partei wie die immer noch recht vermögende FDP im Hintergrund sicher recht.
Nur wird damit die Beschreibung auf dem Wahlzettel zur Mogelpackung, wo Hilbert draufsteht, ist FDP drin. Seit dem Trojanischen Krieg weiß man um die Wirksamkeit solcher Tarnungen, und auch wenn es mir fernliegt, Herrn Hilbert mit einem hohlen Holzpferd zu vergleichen, entspricht dies sicher nicht dem Geist des Wahlgesetzes. Deswegen auch die harte Zueignung einer „sehr speziellen Form des Wahlbetrugs“, denn „Schummelei“ klingt mir dann doch zu harmlos. Vermutlich mag das alles halbwegs rechtens sein (und wenn nicht, wie im Fall Töberich, scheint es den FDP-Protagonisten auch egal), aber sauber ist es nicht.

Dresden ist ja immer für eine Provinzposse gut, und so könnte es durchaus dazu kommen, dass die FDP eine wichtige Wahl gewinnt, weil sich ihr Kandidat alle Mühe gibt, nicht mit ihr in Verbindung gebracht zu werden. Über seine fachliche Eignung mag man streiten, für mich hat er in immerhin schon vierzehn Jahren Wirtschaftsbürgermeister nicht viel gerissen, Dresden hängt inzwischen deutlich hinter Leipzig zurück. Richtig große Schnitzer sind ihm aber auch nicht unterlaufen (wenn man von den Querelen um die Besetzung des Amtsleiters für Wirtschaftsförderung mal absieht), er hat sich offenbar seine Strategie bei Mutti (Merkel) und Vati (Tillich) abgeschaut.

Und da Zwerg Ulberich erkennbar wenig Ambitionen hat, das zünftige Amt des kommandierenden Innen-Generals für Sachsen für den anstrengenden Job eines Dresdner Oberbürgermeisters aufzugeben und seine Rolle als Adabei gefunden zu haben scheint, der traurige Vogel von der AfD und die Tatjana aus dem Land der Finsterlinge sich um den Protestwähleranteil streiten werden und Lara Liqueurs Freibier sicher nicht für eine Mehrheit reicht, bleibt nur Eva-Maria Stange, dieses Szenario zu verhindern.
Jene tritt übrigens auch als Vertreterin einer Wählerinitiative an, macht aber keinen Hehl daraus, welche Parteien sie unterstützen. Und da jene auch die Mehrheit im Stadtrat bilden, wäre ihre Wahl nicht nur wünschenswert, sondern auch hilfreich für eine funktionierende Stadtregierung. Anderenfalls wird künftig jede Stadtratssitzung zur Kraftprobe zwischen dem OB und der Ratsmehrheit, Entscheidungen werden da sicher selten fallen.

PS vom 15.05. zu den Kommentaren:
Im Normalfall bin ich der Ansicht, dass sich jeder für sich selbst blamiert mit seinem Beitrag. Zwei hab ich dann aber doch gelöscht, von einem wirr scheinenden Herrn mit Hut und dem Titel 15. OB-Kandidat und einen, der Frau Stange was mit der SED-Keule überbraten wollte. Das war mir dann doch zu doof.
Zu allem Weiteren gibt es einen neuen Beitrag.

Eine Frau sieht rotgrünrot

Zur Einlassung der Architektin Regine Töberich in der MOPO24 am 13. März 2015

Frau Töberich hat am gestrigen Freitag (dass es ein 13. war, spielt hier wohl keine Rolle) die Welt darüber informiert, dass sie in Bälde den Elbradweg, der über ihr Grundstück am Pieschener Hafen verläuft, dort für die öffentliche Benutzung sperren wird.
Dass sie dies über eine Anzeige in der „MOPO24“, dem Online-Ableger der Dresdner Morgenpost tat, lässt vermuten, dass sie die Hoheit über das Geschriebene behalten wollte, vielleicht weil sie Journalisten keine objektive Berichterstattung zutraut. Dass diese Anzeige täuschend ähnlich einem redaktionellen Beitrag layoutet wurde, wirft allerdings zum einen die Frage auf, ob das extra kostete und zum anderen, was dieser neue Stern am Dresdner Medienhimmel für ein Selbstverständnis hat.

Man merkt aber recht schnell, dass der Beitrag nicht von Redakteuren stammt: So lang sind deren Texte dort nicht und Bilder sind auch keine dabei. Auf immerhin im pdf-Format drei A4-Seiten teilt Frau Töberich ihre Sichtweise zur Bebauung des umstrittenen Geländes mit, was sich in der Schilderung durchaus plausibel liest. Regine Töberich als Besitzerin der Fläche, auf der ihr „Marina Garden“ entstehen soll, fühlt sich getäuscht und hintergangen von der Stadtverwaltung und der neuen rotgrünroten Mehrheit des Stadtrates.

Zweifellos gab es bis vor wenigen Wochen einen gültigen Aufstellungsbeschluss des Stadtrates für einen Bebauungsplan aus dem Jahr 2010, der die Bebauung mit hochwertigem Wohnungen erlaubt hätte. Eine „Jahrhundert“-Flut und eine intensive Diskussion über das Gebiet des Pieschener Hafens später wurde dieser im Januar 2015 durch einen neuen ersetzt, der zugunsten des Hochwasserschutzes und verbleibender Freiräume die Bebauungsmöglichkeiten stark einschränkt.
Frau Töberich nennt das „kriminell“ und beklagt zudem ihre mangelnde Information durch die Stadtverwaltung. Sie setzt diese Tatsache mit einer Enteignung gleich und wirft rot-rot-grünen Politikern „Allmachtsfantasien“ und denen sowie Teilen der Stadtverwaltung „bewusste Täuschung und Betrug“ bzgl. der Hochwasserschutzes vor. (In ihrer Argumentation weist sie ihr Projekt übrigens als einzig wirkliches Bollwerk gegen die GLOBUS-Ansiedlung aus, was dialektisch geschickt ist, und schmiert der Linken und Herrn Hilbert, die man gewiss nicht unter einer Decke vermuten würde, de facto Korruption aufs Schnittchen.)

Man fragt sich natürlich, warum die Frau nicht zur Polizei geht damit, zumal einige Missetäter ihr ja auch namentlich bekannt sind. Sicherlich mag man Bürgermeister Hilbert ungern als einen der Aufrichtigsten unter der Sonne bezeichnen, und wer die stadtverwaltenden Prozesse ein wenig kennt, glaubt ihr die Nicht-Einbeziehung unbesehen.
Dennoch, Demokratie ist, wenn die Mehrheit entscheidet, und für die Folgen daraus gibt es letztlich Gerichte. Ein Gemeinwesen muss sich auch korrigieren dürfen.
Manch privater Grundstückseigentümer mag beklagen, dass die Planungshoheit für Bebauungen bei der kommunalen Verwaltung liegt und Entscheidungen durch gewählte Vertreter_innen des Volkes getroffen werden und nicht nach finanziellem Interesse durch die Immobilienbesitzer selber. Wer das möchte, muss sich anderswo wirtschaftlich betätigen, sollte sich aber etwaiger Transaktionskosten bewusst sein, die in hiesigen Gefilden nur im Ausnahmefall auftreten.

Wenn Frau Töberich einen wirklichen Anspruch auf Entschädigung für eine verlorene Planung und den entgangenen Gewinn hat, wird sie diese auch erhalten, wenn vielleicht auch einige Jahre und Instanzen später. Ohne detaillierte Kenntnis aller Fakten mag ich das nicht beurteilen.
Doch das wird sie wissen, und darum scheint es auch gar nicht zu gehen: Wie weiland Michael Kohlhaas will Regine Töberich „Gerechtigkeit“, oder das, was sie dafür hält. Und mit der Unterbrechung des Elbradwegs auf ihrem Grundstück plant sie eine Strafaktion mit pädagogischem Anspruch, lockt aber zugleich mit der Schenkung des fraglichen Abschnitts an die Stadt, sobald „die massiven Vorwürfe … geklärt sind“ und „Verwaltung und Politik endlich rechtskonform handeln“.

Eine Frau sieht also rotgrünrot. Zum Glück verfügt sie weder über den Körperbau von Charles Bronson noch über dessen filmisches Waffenarsenal, aber Geld immerhin scheint vorhanden zu sein, trotz des anzunehmenden Wertverlustes ihrer Liegenschaften.
Vielleicht sollte sie aber jenes Geld besser für andere Dinge ausgeben, denn bisher wird sie entweder gar nicht oder äußerst schlecht beraten. Ihr persönlicher Rachefeldzug gegen Dirk Hilbert (den die Elbradsperrung kaum persönlich betreffen wird) und Dr. Christian Korndörfer sowie die Politiker_innen der neuen Stadtratsmehrheit, von denen nur Thomas Löser die Ehre einer Erwähnung erfährt, ist zwar im Moment noch unterhaltsam, wird ihr aber nicht nutzen, sondern sie dauerhaft beschädigen. Mit Schaum vor dem Mund setzt man keine Projekte um, das gilt nicht nur für Marina Garden.

Bei Michael Kohlhaas ging die Sache für ihn tragisch aus, immerhin bekam er zuvor seine Gäule zurück. Aber wenn sich Geschichte wiederholt, dann als Farce, und um Leib und Leben geht es hier gottlob nicht.
Freuen wir uns also auf die nächsten Folgen, stellen Popcorn bereit und schalten wieder ein, wenn es heißt: „Frau Töberich schaltet eine Annonce“.

Ach, übrigens, wegen dem Elberadweg, gnä’ Frau: Im Grundgesetz steht „Eigentum verpflichtet“ … Aber wie schon Martin Buchholz fortsetzte, „natürlich zu gar nichts“. Mit solcher Verfassungsfolklore will ich Sie nicht behelligen.

Verschwör Dich gegen Dich

„Die Verschwörung des Fiesko zu Genua“ von Friedrich Schiller, Regie Jan Philipp Gloger, Premiere am Staatsschauspiel Dresden am 14. Februar 2015


Ein starker Abend. Gloger leichterte den schillerisch hochtrabenden Text sinnvoll und brachte eine Fassung auf die Bühne, die oftmals an Shakespeare erinnert und die der Berichterstatter gern auf der „Don Karlos“ – Ebene einordnet.

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